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Aus dem »Wochenblatt für Architekten und Ingenieure«Die Empfangshalle des Anhalter Bahnhofes |
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| Anhalter Eisenbahn | ||||
| Am 15. Juni [1880] wurde der Anhalter Bahnhof dem Betriebe
übergeben, dessen grossartiges Empfangsgebäude schon seit langer Zeit die öffentliche
Aufmerksamkeit in ungewöhnlich hohem Grade auf sich gezogen hat. In der Reihe der
umfangreichen Anlagen, mit denen an Stelle alter barackenähnlicher Gebäudecomplexe die
grossen Verkehrslinien in dem letzten Jahrzehnt die Hauptstadt des Deutschen Reiches
geschmückt haben, ist der Anhalter Bahnhof der jüngste, gleichzeitig aber auch an
Monumentalität ganz unbestritten der Erste. Seine Vorgänger sind der Görlitzer Bahnhof
(Arch. Orth), der Ostbahnhof (Arch. Lohse und Cuno), der Potsdamer Bahnhof (Arch.
Sillich), der Stettiner Bahnhof; sie sind alle in ihrer Art eine höhere Stufe, eine
Vervollkommnung des bereits Vorhandenen, und so wie sie ihrer Zeit gerecht geworden sind,
so hat auch der Anhalter Bahnhof die Stelle in der Reihe der Rivalen würdig ausgefüllt.
Der Bau, welcher Seitens der Gesellschaft, der man eine grosse Generosität nachrühmen muss, im Jahre 1872 beschlossen, in den Jahren 1874 bis 1875 im Project vorbereitet und 1875-1880 mit geringen Abänderungen zur Ausführung gelangte, erforderte mit Einschluß der gesamten inneren Einrichtung einen Aufwand von vier und einer halben Million Mark. Die Lage des Gebäudes am Askanischen Platze oder vielmehr an der Königgrätzerstrasse, einer der vornehmsten Verkehrsadern der Residenz, liess es geboten erscheinen, repräsentativ den Schwerpunkt der künstlerischen Durchbildung des Bauwerkes nach dieser Seite hin zu legen. Der Baumeister hat die schwierige Aufgabe geschickt gelöst, und die nicht allzu ausgedehnte Façade an dem gefällig umgestalteten und mit hübschen Pflanzungen versehenen Platze gewährt nunmehr ein neues anziehendes Bild, welches der Stadt Berlin zu grosser Zierde gereichen wird. In klarer Folge überblickt man vom Askanischen Platze aus die bequeme Unterfahrt, das hohe, rechts und links von Wartesälen und Verwaltungsräumen flankirte Vestibül und darüber die über Alles zu gewaltiger Höhe emporstrebende colossale Halle, deren Abschlusswand, reich gegliedert und kräftig umrahmt, seitlich massive, originell abgedachte Widerlagerskörper zeigt, während eine bewegte Figurengruppe den stolzen Scheitel krönt. Die Halle, das darf hier betont werden, ist die höchste Halle der Welt und ihr gebührt daher ein besonderes Interesse.
Während die alte Empfangshalle des Anhalter Bahnhofes nur 15 m breit war, beträgt die lichte Entfernung der Wände der neuen Halle 60,72 m, ein Maass, das erheblich grösser ist, als die gesammte Breite der Linden (ca. 56 m). Zum Vergleich mit anderen Hallen sei die Breite einiger derselben hier angeführt. Schmaler sind: der Stuttgarter Bahnhof (28,91), der Potsdamer Bahnhof (35,60), der Stettiner Bahnhof (37,40), der Görlitzer Bahnhof (37,97), der Orléans-Bahnhof in Paris (52,55), Cannon Street-Station in London (57,35); breiter sind nur wenige, wie Birmingham (63,40) und St. Pancras in London mit 73,20 m. Die Länge der Halle beträgt 169,79 m, und steht sie hierin gegen die Potsdamer Bahn (173 m) zurück, deren Flächeninhalt jedoch um die Hälfte geringer ist. Das Dach überspannt frei und ohne jede Unterstützung einen Raum von 10 200 qm, so dass sich gleichzeitig 40 000 Menschen darunter aufhalten könnten. Die Halle misst bis zum First 34,25 m und ist damit, wie gesagt, die höchste Halle der Welt. Diese Angaben lassen ermessen, welche Aufgabe es war, solche Dimensionen constructiv zu bewältigen und die ungeheuren Flächen, die sich hier ergaben, der künstlerischen Gestaltung anzupassen. Die Lösung ist unstreitig eine gelungene zu nennen, und die Halle darf nicht nur ihrer Höhe, sondern auch ihrer Schönheit wegen einen hervorragenden Rang beanspruchen. Von allen Seiten hat das Licht ungehinderten Zutritt und durchflutet den majestätischen Raum, dessen endlos grosse Flächen der Architekt durch geschickte Gliederung in wirkungsvoller Weise getheilt und belebt hat. Die Einfahrt öffnet sich in drei riesigen portalartigen Bögen, deren kräftige Umrahmung und deren trotzig-mächtige Zwischenpfeiler der Stirnwand einen architektonischen Charakter zu geben vermocht haben. Ihr gegenüber, an der Stadtseite, ist die Fläche gallerieartig in grosse Oeffnungen gelöst, deren schlanke Stützen sehr glücklich den Eindruck der Leichtigkeit weiter führen, den das kühngeschwungene Hallendach in dem Beschauer hervorruft. Durch die bedeutende Höhe gewinnt die ohnehin leichte Construction noch an Kühnheit, und das Dach, statt durch seine Breite die Seitenwände zu belasten, erscheint eher wie eine leichte, schwebende Decke.
In der vollendeten Bewältigung der ungeheuren Flächen dieser Halle feiern Kunst und Wissenschaft eine grosse Errungenschaft, die nicht ohne wohlthätigen Einfluss bleiben kann auf nachfolgende Aufgaben, wie sie bei dem Frankfurter Centralbahnhofe z.B. der Technik in noch grösserem Maassstabe bevorstehen. In gleicher Weise, wie an der Halle, ist auch an den übrigen Theilen und im Innern der Räume unter oft schwierigen Verhältnissen Alles wohl abgewogen und angemessen zum Ausdruck gebracht, und es ist mit dem Anhalter Bahnhof in seiner klaren Disposition und seinem logischen Aufbau ein monumentales Werk vollendet worden, das als ein hervorragendes Erzeugnis der echten Berliner Schule ganz im Schinkel'schen Sinne gelten darf, einer Schule, die sich streng an der hellenischen Anschauung anschliesst, und die in der Ausbildung decorativer wie constructiver Theile aus dem Wesen der Sache heraus ganz im Geiste der Tektonik verfährt, im Gegensatze zu der sogenannten deutschen Renaissance, einer beliebt gewordenen Flagge, unter welcher heute sehr viel Mittelgut das Publicum durch pomphafte Maskeraden und hyperoriginelle Compositionen zu täuschen und zu bestechen sucht. Die Entwürfe des Empfangs-Gebäudes rühren von dem Regierungs-Baumeister Franz Schwechten her, die Berechnung der Dachconstruction vom Regierungsbaumeister Lantzendörffer und dessen Ingenieur Herrn Seidel. Bei der Ausführung waren thätig die Herren Abtheilungsbaumeister Sillich und die Regierungsbaumeister Küster und Angelroth. Um den bildnerischen Schmuck machten sich verdient Hundrieser, Thomas und Bruno. Die oberste technische Leitung und Entscheidung hatten der Geheime Ober-Baurath a.D. Siegert und Baurath Wiedenfeld.
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