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Von Berlin nach Frankfurt am MainLinks und rechts der Eisenbahn - Heft 1 (1910) |
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| Wir stehen auf dem Anhalter Bahnhofe in Berlin, noch wenige
Minuten und unser Zug Halle - Bebra - Frankfurt a.M. soll die Halle verlassen, die
augenblicklich noch größte auf dem Festland, wenn wir richtig unterrichtet sind. Die
Schaffner drängen zum Einsteigen, die Abteiltüren schlagen zu, der Herr in der roten
Mütze winkt nach vorn, ein leiser Pfiff und langsam setzt sich unser Zug in Bewegung.
Nach dem Dämmerlicht, das uns bis jetzt umgeben, blendet uns fast die Helle draußen,
aber bald an sie gewöhnt, fliegt unser Abschiedsblick über das eigenartige Bild zu
beiden Seiten: Geleise nach Geleise drängen wie ein anschwellender Strom die Häuser der
Stadt auf beiden Seiten zurück. Nur die kleinen Wärterhäuschen und allerlei Schuppen
finden inselgleich ihren Platz, im Spätsommer wohl von sich rötendem Wildwein überrankt
und von Sonnenblumen und Astern umblüht. Der kleine Mann in Berlin, er stammt ja meist
vom Lande, ist ein Blumenfreund wie wenige. Wir fahren ziemlich hoch, in der Höhe des
ersten Stockwerkes, und der Wagen- und Fußgängerverkehr muß unter uns seinen Weg
suchen; noch tiefer als er, ziehen auf dem Kanal, den wir jetzt überschreiten, die
schweren Lastkähne langsam entlang, die dem Berliner sein Bau- und sein Brennmaterial
bringen. Als viertes Stockwerk aber steigt jetzt über uns die zierliche Hochbahn hinweg;
ihre gelben und roten Wagen scheinen umfallen zu wollen, so liegen sie, jetzt wo sie in
scharfer Krümmung dem »Durchschnittenen Haus«, der elektrischen Zentrale, die, von Turm
und Esse überragt, sich hier breitbeinig über die Geleise ihre Bahn stellt, zusausen. Es
ist ein sinnverwirrendes und doch von strenger Ordnung geregeltes Durcheinander; wir sagen
ihm schnell »Lebewohl«, denn unser Zug fängt jetzt an merklich schneller zu fahren und
wir freuen uns auf die großen ruhigen Linien, an denen nun bald, draußen im Märkischen
Land, unser Blick vorübergleiten soll.
Noch ziehen freilich die Häuser auf beiden Seiten neben uns her; es ist ein tiefer vom Stadtverkehr nur mühsam überwundener toter Keil, mit dem sich der Anhalter und Potsdamer Bahnkörper zwischen Potsdamer Viertel-Schöneberg (W) und Tempelhofer Vorstadt (SW) drängen. Zwei lange Unterführungen und zwei gewaltige alte Holzbrücken weiter draußen verknüpfen die Stadtteile so gut es geht. Aber wir befinden uns schon längst nicht mehr in der alten Straßenhöhe; die Häuser sind an beiden Seiten in die Höhe gewachsen, wir fahren in einem grünbewachsenen Einschnitt und wenn wir doch einen Überblick behalten, so liegt das an der erstaunlichen Breite des mit Rangierzügen trotzdem fast überfüllten Bahnkörpers. Links grüßt jetzt von der Spitze eines von dem herrlichen Viktoriapark umwachsenen Hügels das Kreuzbergdenkmal herab, durch seine sanft ansteigende Anhöhe von uns getrennt, das Erinnerungsmal an die Niederkämpfung der Fremdherrschaft 1813-15, die Freiheitskriege. Noch näher in der Tiefenlage des Bahnkörpers erblicken wir ein Gewimmel kleiner Lauben von bunten Fahnen überweht und wie vergraben im blumenbunten Sommergrün. Es ist eine sogenannte Laubenkolonie, wie sie rings um die Stadt, aber stets ihr möglichst nah, in allen Jahren auf sonst wüsten Flecken aufblühen. Gerade noch nicht benutzbares Gelände, das dem Fiskus oder der Stadt gehört, aber auch Bauparzellen u.s.w. werden im Frühjahr an kleine Leute in kleinsten Flächen vermietet, und diese machen in emsiger und gesunder Arbeit sich für den Sommer ein kleines Paradies daraus.
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