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| ALIEN CONTACT 53 |
| Science Fiction > Alien Contact |
| Der nachfolgende Artikel erschien 1990 in der zweiten Ausgabe von ALIEN CONTACT. In der Rubrik »Rückblende« werden wir in loser Folge vor längerer Zeit erschienene Artikel wiederveröffentlichen, die unserer Meinung nach noch heute interessant sind oder einen neuen Blickwinkel erfordern. Karlheinz Steinmüller kommentiert im Anschluss seinen damaligen Text. | |
| Der Ruf »Auf
die Straße! Auf die Straße!« klingt noch in meinen Ohren. An jenem siebten Oktober, dem
40. Jahrestag, saß ich geruhsam im Sessel und verfolgte in den ARD-Nachrichten, wie
Geschichte geschieht - und da geschah Geschichte vor meiner Haustür! Menschen, eine
dunkle Menge, zogen im Dämmerschein funzliger Laternen die Stargarder
Straße/Berlin-Prenzlauer Berg entlang; wir eilten die Treppe hinab, hinaus in die Nacht
... Haben wir, die Zunft der »Utopen« in unserem Land, versagt, da wir den gewaltfreien Umbruch nicht vorhersagten? Haben wir versagt, da wir unsere Leser nicht oder nicht deutlich genug auf die Vision einer menschenfreundlichen Gesellschaft einschworen? Oder haben wir nach Maßgabe unserer Möglichkeiten mitgewirkt? Literatur kann über die Gesellschaft hinausweisen, in der sie entsteht. Sie vermag ihre Mängel zu benennen, ihre Verbrechen anzuprangern, ihre Krankheiten zu diagnostizieren. Sie vermag Gegenbilder zu entwerfen, Hoffnungen einzufordern, Wünsche auszumalen. Hat dies die SF der DDR - viel gedruckt und viel gelesen - getan? Hier ist ein differenziertes Urteil nötig, denn es gibt, uneingestandenermaßen, schon lange keinen Konsens unter den Autoren mehr - weder in den literarischen Qualitätsansprüchen noch im Gesellschaftsbild. Versuchen wir, das Spektrum zu durchmustern. Es reicht von autoritär bis systemkritisch. 1. Extrem: Alexander Krögers Die Engel in den grünen Kugeln (1986). Außerirdische wollen die Erde erobern. Diese ist abgerüstet, wehrlos. Tapfer kämpfen Truppen im Stile des zweiten Weltkriegs gegen die Aggressoren. Militärische Organisation ist gefragt - und mehr noch Führernaturen, die sich über zu lasche, halbherzige Befehle ihrer Vorgesetzten hinwegsetzen und im entscheidenden Moment auf eigene Faust eine Atombombe zünden. - SF aus der Zeit des »kleinen kalten Krieges« während der Nach-/Hochrüstungskontroverse. Ein Grundzug dieses wie auch ähnlicher Bücher von Ansorge u. a. besteht darin, dass mit militärischen Befehlsstrukturen geliebäugelt wird, demokratische Prozeduren allenfalls als hinderlich erscheinen, latente Militanz und Hass auf das Andersartige (Feindbilder) verbreitet werden. Merkwürdigerweise ist in dieser Beziehung der Unterschied zu mancher westlichen SF gar nicht so groß. Eine Gefahr, gleich für welches System, geht von dieser Spielart SF nicht aus, allenfalls eine Gefahr für die Demokratie. 2. Extrem. Eigentlich sollte hier ein Buch von G. & J. Braun, Das kugeltranszendentale Vorhaben, das Beispiel bilden. Doch da dieser Roman vor der »Wende« nicht erscheinen durfte, greife ich auf Michael Szameits Drachenkreuzer Ikaros (1987) zurück. Neben einem Überfluss an Abenteuerlichem steht hier Kritisches - ja, Tageslosungen, die jeden Sinn verloren haben, werden an die Kuppeln projiziert, die die Städte vor der vergifteten Atmosphäre schützen. Eine Art Stasi, der »Medizinische Observationsdienst«, jagt Menschen, die durch die allen verordnete genetische Optimierung anders geworden sind, zu schnell leben ... Szameits Buch ist kein geschlossener antiutopischer Entwurf, doch steckt es voller bald ironischer, bald bissiger Anspielungen, fängt ein gutes Stück der stickig-dumpfen Atmosphäre unter unserem ancien regime ein - und ist insofern typisch für die bessere DDR-Literatur dieser Epoche, eine Literatur, die es vermochte, den Stachel etwas tiefer ins Hirn zu treiben, eine Literatur, in der das Individuum mit verhärteten gesellschaftlichen Strukturen konfrontriert wurde und sich erst einmal die eigene subjektive Freiheit erkämpfen musste. Obwohl Szameits Heldin zum Schluss aufbegehrt, ist Drachenkreuzer Ikaros kein direkter Aufruf zur Revolution, wohl aber einer zum Nachdenken. So, wie es ist, kann es nicht bleiben. Diagnose, Kritik, wenn auch bisweilen inkonsequent, Denkanstoß - das ist schon sehr viel! In mehr oder weniger verhüllter Form war manches möglich. Doch wo Grundaxiome berührt wurden, da schnitt die Schere die merkwürdigsten Muster. Grundaxiome? Um die handelte es sich ja oft gar nicht! Einer unserer Lektoren hatte sich in der für viele Intellektuelle typischen Selbstironie ein Erinnerungszettelchen unter die gläserne Schreibunterlage geschoben. Tabuisierte Wörter waren da vermerkt: »Bürokratie«, weil es die ja unter Erich Honecker nicht gab, »Generationskonflikt«, denn im Verlag der FDJ hatte die junge Garde des Proletariats keine Schwierigkeiten mit der alten. Über Generationskonflikte schreiben konnte man schon, nur bitte - nicht das Wort! »Sowjetmenschen immer positiv darstellen. Russen, als Vorfahren der Sowjetmenschen, auch immer positiv darstellen.« Und nach dem Jahr 2000 war in der Zukunft, zumindest in der kommunistischen Zukunft dieses einen Verlages, das Geld abgeschafft. Über dergleichen Beckmesserei haben wir, selbst wenn sie uns in die Quere kam, oft gelacht. Wie sagte doch Christa Wolf auf dem Außerordentlichen Schriftstellerkongress Anfang März: »Die Zensur ist auch nicht mehr das gewesen, was sie einmal war.« Die folgenreicheren Wirkungen hat die Schere im eigenen Kopf, die eingefahrene Denkweise, das oktroyierte Weltbild, das sich verinnerlicht hat, die Angst davor, anzuecken. Aber kennt man das nicht auch anderswo? Malt man nicht auch anderswo den jeweiligen politischen Gegner gern schwarz in schwarz und die Eigenen, Guten engelsweiß? Literarische Qualität leidet unter Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Aber auch den Durchschnittsleser stieß eine zu grobschlächtige und parteiische Figurenzeichnung oft ab. Dass die meisten Raumschiffkommandanten russische Namen trugen und die Bösewichter in der Regel englische, wirkte schon geraume Zeit antiquiert. Und wenn sich - wie in Tuschels Leitstrahl für Aldebaran (1983) - eine Besatzung im Kampf gegen die Natur eines fremden Planeten zusammenraufen musste und der Kommandant sie auf der vorletzten Seite lobte: »Kommunisten bewältigen alles«, dann hatte das, wie ein Fan sagte, »verheerende« Auswirkungen bei den Lesern. Geradezu abstrus wurde es, wenn sich bei einer zehnköpfigen Besatzung eine Parteigruppe aus vier, fünf Genossen konstituierte, die erst einmal unter sich über den weiteren Kurs beriet. Abstrus, doch gar nicht so unrealistisch. Glücklicherweise blieben dergleichen selbstparodistische Romane in der Minderzahl. Blicke ich zurück, dann sehe ich bei aller Themenvielfalt durchaus Defizite, Defizite, die unter dem alten realsozialistischen Regime notwendig entstehen mussten. 1956 konnte Werner Bender in seinem Kinderbuch Messeabenteuer 1999 noch einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Leipzig und München schildern - eine Vision, die heute wieder sehr real, vielleicht gar zum Termin verwirklichbar erscheint. Nach dem Bau der Mauer jedoch fiel Deutsches aus der Deutschen Demokratischen SF heraus. Allenfalls ein wenig sächsisches oder mecklenburgisches Lokalkolorit bei Hüfner oder thüringisches bei Luthardt, ein paar Städtenamen bei anderen Autoren, zwei, drei löbliche, zumeist hilflose Versuche Raschs oder Tuschels mit der »Nahphantastik« - viel mehr findet man nicht. Fast könnte man sagen: Unser Land war als Schauplatz für Zukunft nicht geeignet. Die ummauerte Enge trieb die Autoren in den Weltenraum oder in eine nebulöse Zukunft. Das musste den Büchern nicht unbedingt zum Schaden gereichen; gekonnte Verfremdung hilft Banalitäten zu vermeiden, schafft verallgemeinerungsfähige Modelle. Ein anderes Defizit schmerzt mich mehr. War in den fünfziger Jahren die DDR-SF noch allgemein der heroischen Illusion einer sozialistischen Zukunft verpflichtet, so vermischten sich deren Konturen immer mehr. Fatalerweise bewahrheitete sich eine Vorhersage des alten Engels: Nach der »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« war für die sozialistische Utopie kein Raum mehr, es sei denn, sie hielt sich streng an die Vorgaben der angeblichen Wissenschaft, sprich: an das von der SED propagierte Zukunftsbild. Was davon abwich, was über den Siebenjahresplan oder den abstrakten Katheder-Kommunismus allzu sehr hinausging, das war suspekt. Also reduzierte sich die Zukunftsvision von Anfang an auf Technisches, das den Autoren für gewöhnlich auch am meisten lag: mit 1000 PS und 500 Stundenkilometern zu den lichten Höhen des Kommunismus. Wo soziale Phantasie gefragt gewesen wäre, beschränkte man sich auf wenige Stichworte, frei nach dem ML-Lehrbuch: Jedem nach seinen Bedürfnissen, Weltsowjet. Es genügte ja, der Leser bekam eine grob gezeichnete Kulisse, vor der die mehr oder weniger abenteuerliche Handlung abrollte. Wo blieben die alternativen Ansätze? Sie gab und gibt es schon. Immer dort, wo einzelne, seien es Besatzungsmitglieder oder die Bewohner futurischer Städte, gegen verkrustete administrative Strukturen aufbegehrten, sich die eigene Einsicht nicht nehmen ließen, wo eine naturwüchsige Gemeinschaft - wie die freakische Crew von Szameits Drachenkreuzer - sich zur Wehr setzte. Die Sehnsucht nach einem lobenswerten Leben, frei von Bevormundung, drückte sich allenthalben aus, in Conviva Ludibundus (1978) von G. & J. Braun wie in Wolfgang Kellners Der Ausbruch oder Der Fall Gengelstedt (1987) oder in Alfred Lemans Schwarze Blumen auf Barnard Drei (1986). Allerdings verdichtete sie sich nie zu ausgearbeiteten Gegenmodellen; es sei denn, ansatzweise, in unserem Roman Andymon (1982), bei dem uns eine Art Basisdemokratie vorschwebte. Mit der Öffnung zum Westen wird sich für die SF zwischen Elbe und Oder viel ändern. Mitunter wurde ihr Provinzialismus vorgeworfen. Das trifft für einen Teil des Genres gewiss zu, denn manches wurde zum wiederholten Male erfunden und manche Themenlinie - etwa die der »alternative history« - konnte sich aus ideologischen Gründen (des herrschenden deterministischen Geschichtsbildes wegen) nie entwickeln. Doch war die DDR-SF immerhin autochthon, unter hiesigen Verhältnissen gewachsen, eigenständig, und sie hat sogar manches Problem früher und konsequenter aufgegriffen als die hiesige Mainstream-Literatur: Mensch und Maschine, Technologiefolgen, Umweltprobleme. Nun werden die Reste der Mauer abgebaggert und nach Kansas oder Fernost verhökert. Werden uns nun quasi als Gegenleistung Asimovbände und Heinleinwälzer überschwemmen? Wird in der Flut versinken, was bislang bei uns an SF entstand? Der Hunger der SF-Leser nach Taschenbüchern der einschlägigen Münchner oder Bergisch Gladbacher Verlage ist verständlicherweise enorm. Und wer wird etwa noch einen schalen Aufguss von Space Opera kaufen wollen, wenn er das knallharte Original haben kann? Die DDR-Verlage beginnen sich zaghaft auf die veränderte Situation einzustellen, werfen Rettungsseile in Richtung Westen aus, überprüfen ihr Programm - und wenn sie zu lange zögern, erwartet sie der Bankrott. Betrachtet man die Misere der westdeutschen SF, dann sieht die Zukunft der DDR-SF alles andere als rosig aus. Es ist schon eine vertrackte Situation: Zur gleichen Zeit, zu der der frische Ostwind durch die Verlagsstuben und die Arbeitszimmer der Autoren bläst, erhebt sich auch der Weststurm der Konkurrenz. Manches Pflänzchen, das unter windlosen Gewächshausbedingungen gedieh, wird im harschen Wetter vergehen. Es kann nicht anders sein. Schließlich war Konkurrenz das, was uns fehlte, im Großen wie im Kleinen. Die Verlage druckten fast alles, was sie an SF-Manuskripten auf den Tisch bekamen, solange es nur überhaupt lesbar war - und selbst diesen Minimalanspruch ließen sie bisweilen fallen. Pflichtbewusste Lektoren mühten sich redlich, das krumme Deutsch der Vielschreiber zurechtzubiegen, oder sie resignierten: gekauft wurde ohnehin alles. Meiner Vorstellung vom Literatenparadies entsprach diese Situation nie. Aber wird künftige Konkurrenz gerade das selektiv bevorzugen, was meinen subjektiven Maßstäben, handwerklichen wie inhaltlichen, entspricht? Ich bezweifle es. Einige der Autoren vom 1. Extrem werden es vielleicht mit der Effizienz eines Perry-Rhodan-Teams aufnehmen, ihre Chancen vermag ich schlecht zu beurteilen. Und die Autoren vom 2. Extrem? Ich weigere mich, hier nur schwarz zu sehen. Denn gerade in einer Situation des Aufbruchs - eines Aufbruchs, der nicht in ein paar Monaten verpufft und dessen Wirkungen ganz Europa erfassen - in einer solchen Situation sind sowohl scharfsichtige Kritiker als auch weitsichtige Visionäre gefragt. Wir erleben Zeiten, in denen massenhaft Zukunft - nein, Zukünfte entstehen. Wie wird das Deutschland aussehen, das in diesen Tagen implosionshaft zusammenwächst? Ein stahlblitzendes HighTech-Deutschland, das Atomstrom bis an den Ural exportiert, oder ein buntscheckig föderales Deutschland, das fast randlos in den Flickenteppich Europas eingewebt ist, ein fremdenfeindliches oder ein fremdenfreundliches Deutschland, ein Deutschland der Bürgerbewegungen oder Unternehmerverbände, ein Vorreiterland in Gentechnologie oder in biologischem Landbau, Rep-Republik oder Chaoten-Chaos, verkabelt oder vernetzt, versorgt oder entsorgt, Reichsadler oder Taube ... Es gibt so herrlich viele (und meist falsche) Alternativen, schreiben wir sie auf. Die SF der Ex-DDR-Autoren wird eine deutliche politische Dimension erhalten; grundverschiedene politische Einstellungen der Autoren werden deutlich werden. Die SF der Ex-DDR-Autoren wird schärfer, konkreter und realitätsbezogener als bisher Missstände der Gegenwart angehen können, beginnend bei Umweltproblemen. Und sie wird, das erhoffe ich mir, bei allem Problembewusstsein leichter, lockerer, unterhaltsamer werden - werden müssen. Schon um vor der globalen Konkurrenz bestehen zu können. erschienen in ALIEN CONTACT 2, September 1990 |
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Karlheinz SteinmüllerKommentar zu »Ostwind - Westwind. Die SF der DDR vor und nach der Revolution«Mein erster, halbherziger Nachruf auf die DDR-SF »Ostwind - Westwind« entstand zwischen dem 11. und dem 16. Dezember 1989. Das war eine bewegende Zeit, voll gepackt mit Ereignissen, so dass es mich im Rückblick fast wundert, dass ich die Muße fand, meine Ideen über den Zustand des Genres und seine Zukunft auszuformulieren. So viel geschah in jenen Tagen! Die Grenze war gerade einen Monat offen, die Opposition formierte sich, doch die SED hatte das Handtuch noch nicht geworfen. Ich eilte von Ereignis zu Ereignis. Die Wende zerriss gerade den Schriftstellerverband: Vorstandssitzung - Hermann Kant stellte die Vertrauensfrage und kam mit 60:2 durch (wer war der andere?) - im Club der Kulturschaffenden traf sich eine Gruppe von Reformern, sie sprachen Kant ihr Misstrauen aus - im Berliner Bezirksvorstand machten sich die Genossen um GüGö (Günther Görlich) Gedanken darüber, wer im Falle einer Wiedervereinigung ihre Rente zahlen würde. Und überall tauchte jemand mit einem Manifest pro Totalabrüstung oder unter dem Motto »Der Osten bleibt unser!« auf, das ich unterschreiben sollte, oder wir gerieten in eine Demo schwarz-roter Anarchisten ... Abends zog es uns regelmäßig in die Gethsemane-Kirche bei uns um die Ecke, brandheiße Informationen gab es da und ein wenig Predigt dazu. Und am nächsten Morgen streunten wir wieder durch die Straßen und suchten nach dem Büro des »Demokratischen Aufbruchs«. Dort bereitete sich Eppelmann gerade auf einen Fernsehauftritt vor, bei dem er den Rücktritt der Regierung fordern wollte, und wir brachten die neue Brother-Typenradmaschine des DA endlich zum Laufen. Und zwischendurch besuchten wir einen der letzten Jour fixe des Arbeitskreises Utopische Literatur, wo wir uns mit dem kranken Rainer Fuhrmann unterhielten, oder wir schauten in einem Antiquariat vorbei: Da war nichts Interessantes mehr zu holen. Die Leute verscheuerten ihre Bücher alle schon im Westen. Es war klar: Mit der DDR-SF würde es so wenig weitergehen wie mit der DDR. Was aber würde Bestand haben? Welche Bücher würden in Erinnerung bleiben? Und welche Autoren würden weiterhin aktiv sein? Vielleicht die Action-Fließbandschreiber? Oder die kritischen? Zugleich lag es nahe, die DDR-SF daraufhin zu befragen, ob sie sich der Zensur ergeben oder ob sie zur Erweiterung der geistigen Spielräume beigetragen und wenigstens in einem bescheidenen Maße den Boden für die Wende mit vorbereitet hatte. (Hatte sie, aber wirklich in einem sehr bescheidenen Maße.) Insofern stand die Selbstreflexion im Vordergrund. Was ich damals über Strömungen in der DDR-SF geschrieben habe, wie ich Autoren und Werke, Stärken und Defizite bewertet habe, entspricht meiner heutigen Einschätzung. Bei den Zukunftsperspektiven freilich würde ich heute vorsichtiger formulieren. Aber vielleicht schlägt da nur die professionelle Deformation des Zukunftsforschers durch, der weiß, dass er nichts weiß, insbesondere nichts über die Zukunft. Natürlich interessierte mich, was GüGö »Verteidigung der sozialen Besitzstände« (der Schriftsteller) nannte. Für uns beide ging es allerdings nicht um echte oder eingebildete Privilegien, sondern schlicht um die Frage, ob wir im bald vereinigten Deutschland von SF würden leben können. Wichtiger aber schien mir die Frage, welche Rolle die SF künftig spielen würde. Ich weigerte mich, wie ich damals tapfer schrieb, »nur schwarz zu sehen«. Aber was ich zugunsten einer kritischen und visionär-utopischen SF anführen konnte, war Wunschdenken und ging weit am Markt und seinen Gesetzen und dem Stellenwert, den die unterschiedlichen Medien in einer postmodernen Gesellschaft einnehmen, vorbei. Kein Wunder, dass ich mich ins Pathos flüchtete: »Es gibt so herrlich viele (und meist falsche) Alternativen, schreiben wir sie an!« Das klingt zu Recht nach dem Pfeifen im Walde: Du hast keine Chance, also nutze sie! 15.2.2003, auf der Basis von Tagebucheintragungen |
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