Thomas Deist

Gummidrachen im Spielzeugland

Sinn und Unsinn der japanischen Monsterfilme

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Lexikon

3. Monster gegen Monster

Eine noch stärkere Betonung des reinen Unterhaltungseffektes bescherte uns ein Jahr später bereits Godzilla kehrt zurück (Gojira no Gyakushu • J 1955). Die Handlung ist schon jetzt nicht mehr fixiert auf die nukleare Bedrohung, sondern auf den gigantischen Zweikampf der Ungetüme. Zwar gibt es noch die düster-bedrohliche Atmosphäre des Vorgängers, aber wie schon bei diesem vermitteln die Spielzeug-Tricks eine Stimmung unbeschwerter Freude an der reinen Zerstörung. Der Zuschauer fiebert dem Auftritt des Monsters entgegen und ist begeistert, wenn möglichst viele Modellbauten zu Bruch gehen. Menschliche Beziehungen werden aber trotz allem weder in Godzilla noch in Godzilla kehrt zurück - wie später eigentlich immer - in den Hintergrund gedrängt. Zwar ist die Story stringent auf das Ungeheuer zugeschnitten, aber es bleibt trotzdem noch genügend Zeit für Nebenhandlungen.

Schon in Rodan / Die fliegenden Monster von Osaka (Radon • J 1956) wurde dies beinahe komplett über Bord geworfen. Es zählte allein die klassische »Monster-on-the-Loose«-Thematik. Die urzeitliche Riesenbestie wird in die Gegenwart versetzt und darf dort wüten, was das Zeug hält. Aber der Kaiju Eiga verzichtete gerade in seiner Anfangszeit vollkommen darauf, das Monster als ein Wesen mit Gefühlen zu zeigen. So ist Godzilla ein hirnloses, bösartiges Geschöpf, dessen einzige Existenzberechtigung in der Zerstörung zu suchen ist (wie bei der Bombe!). Der Farbfilm trug sein Maß dazu bei, daß ab nun der Kaiju Eiga in jedem seiner Werke eine aufregende Nummernrevue präsentierte - nicht mehr und nicht weniger. Es wäre auch absurd gewesen, das Publikum ständig mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren.

Godzilla und seine Nachfolger waren zu Beginn keine Wesen, sondern höchst bösartige Automatismen, die gewissermaßen auf Zerstörung programmiert waren. Es gab keine emotionalen Charaktereigenschaften wie bei King Kong und die weiße Frau (King Kong • USA 1933) . Die Ungetüme funktionierten einfach, genauso wie der Rhedosaurus aus Panik in New York (The Beast from 20,000 Fathoms • USA 1953). Rodan zeigt erste (zarte) Versuche, zumindest partiell die Sympathie des Publikums zu wecken; schließlich ereilt der Tod die Pteranodonten, als sie sich friedlich im Gebirge zum Brüten niedergelassen haben. Im übrigen ist es grundlegend falsch, die Hilflosigkeit des Militärs alleine dem Kaiju Eiga anzudichten. In westlichen Produkten waren es auch meist die mutigen Helden, die allen Warnungen zum Trotz die Bestie im Alleingang erledigten.

In Mothra bedroht die Welt (Mosura • J 1961) wurde die Idee des letztlich sympathischen Ungeheuers konsequent zu Ende geführt. Der tapsige Riesenfalter hat keinesfalls den bösen Charakter von Godzilla oder Varan; die von ihm herbeigeführten Zerstörungen beruhen eher auf einer Art Unbeholfenheit. Und Mothra zeigt noch mehr: Erstmals wird auf einen mythologischen Ursprung des Monsters Bezug genommen. Waren Godzilla und Co. letztendlich die Verkörperung des atomaren Traumas, so kommt Mothra von einer unbekannten Insel, wo das Tier als Gott verehrt wird (dargestellt am Beispiel der Alterian Sisters). Mythologische Ansätze fehlen im Kaiju Eiga beinahe ganz. Sicher - der Drachen als religiöses Symbol ist Dreh- und Angelpunkt der Filme, wird aber zuvorderst und beinahe ausschließlich als Verkörperung zeitspezifischer, aktueller Entwicklungen und Ängste präsentiert. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen: Beispielsweise der Forscher Serizawa in Godzilla (Gojira • J 1954), der sein Land in einem Anflug von rein japanischem Kamikaze-Heros vor dem Untergang bewahrt, oder die enge Verbundenheit der Freunde in Godzilla kehrt zurück (Gojira no Gyakushu • J 1955) als Beleg für den Zusammenhalt der japanischen Großfamilie. Japanische Traditionen werden aber erst in den neuen Godzilla-Streifen aufgearbeitet, insbesondere in Godzilla - Duell der Megasaurier (Gojira tai Kingugidora • J 1991), wo man den Samurai-Ritus explizit darstellt. Schließlich wollten Tomoyuki Tanaka und Inoshiro Honda mit ihren Werken nicht nur das heimische Publikum unterhalten, sondern den Weltmarkt erobern. Da ist es legitim, sich auf Unterhaltung pur zu spezialisieren. Im übrigen heiligt der Zweck die Mittel, was man am enormen Erfolg der Filme im Ausland ablesen kann.


Godzilla und die Urweltraupen (Mosura tai Gojira • J 1964)

Mothra bedroht die Welt ist aber auch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt der interessanteste Kaiju-Eiga-Film. Monsterstreifen, in denen die Bestie aus ihrer gewohnten Umgebung in den Großstadtdschungel verbracht wird, fallen bekanntlich unter die Kategorie »Monster on the Loose«. Das Ungeheuer ist König in seiner eigenen Welt, meist einer »Lost World«, und wird von raffgierigen Unternehmern oder aufgrund anderer Umstände seiner »Heimat« entrissen. Vollkommen orientierungslos wütet es dann in dem ihm unbekannten Ort Stadt, wo es statt Huldigungen Gewehrsalven bekommt (klassische Beispiele sind Die verlorene Welt (The Lost World • USA 1925), King Kong und die weiße Frau (King Kong • USA 1933) und Gorgo / Gorgo - Die tödliche Bedrohung (Gorgo • GB 1960)). Die japanischen Ungeheuer hingegen haben eine solche »Heimat« nicht, und wenn ja, so verlassen sie diese freiwillig (z. B. das Weltraummonster Ghidorah). Über die Vergangenheit der Bestien wird nichts bekannt (außer daß sie teilweise seit Millionen Jahren »schlafen«): Sie sind einfach nur da, um zu zerstören und am Ende ins Jenseits befördert zu werden. Denn sie sind, wie bereits dargestellt, Automatismen, deren Lebenszweck in der Destruktion liegt. Mothra (und später auch Nikkatsus Gappa) hingegen paßt nahtlos in die Kategorie des »Monster on the Loose«. Die Motte kommt denn auch aus einer »Lost World«, von einer märchenhaften Insel. Weitere Ausnahmen finden wir in Die Rückkehr des King Kong (Kingukongu tai Gojira • J 1962) und King Kong - Frankensteins Sohn (Kingukongu no Gyakushu • J 1967), die ihre »Lost-World«-Reize interessanterweise aus der Tatsache herleiten, daß es sich hier um amerikanische Monstren (King Kong) handelt. [td]

4. Monster und Menschen

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Siehe auch
Film-Index • Godzilla
Der erste Godzilla-Zyklus
Der zweite Godzilla-Zyklus
Kaiju Eiga - Der japanische Monsterfilm
Japanische Titel und Namen
Gummidrachen im Spielzeugland - Sinn und Unsinn der japanischen Monsterfilme
Film-Index • Dinosaurier • Prähistorik
DinoMedia • Dinosaurier in Literatur, Film und anderen Medien
Prehistoric News • Magazin für prähistorische Motive in den Medien
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