Thomas Deist

Gummidrachen im Spielzeugland

Sinn und Unsinn der japanischen Monsterfilme

[Einleitung] [Die Urmonster] [Monster gegen Monster] [Mensch und Monster] [Weltraum und Umwelt] [Abgang der Monster] [Resümee]

Lexikon

5. Weltraum und Umwelt

Die japanischen Ungetüme benötigten also dringend eine neue Existenzberechtigung. Langweilig und einfallslos wäre es sicherlich gewesen, sie gegen immer neue Monster auftreten zu lassen. So griffen Tanaka und Honda auf die Bedrohung aus dem All zurück, die sich bereits in den Fünfzigern - jenseits des großen Teiches - als sehr erfolgreich erwiesen hatte. Die beiden ersten Ghidorah-Streifen machten von dieser Idee auch regen Gebrauch und verhalfen Godzilla zur bekannten Wesensänderung. Da Bombe, Verlust der nationalen Identität und ähnliche zeitgeschichtliche Schrecken überwunden waren, konnte als Zirkelschluß gewissermaßen die Bedrohung nicht mehr von dieser Welt kommen. Das All war daher die einzig denkbare Lösung.

Der Kaiju Eiga war mittlerweile extrem populär geworden. Dies lag auch - oder vor allem, je nachdem - daran, daß sich die Filme von düsteren Schauerstücken à la Godzilla (Gojira • J 1954) immer weiter weg entwickelt hatten hin zu effektgeladenen Sensationsfilmen. Foglich frequentierten nunmehr hauptsächlich Jugendliche und Kinder die Lichtspielhäuser und klatschten begeistert Beifall, wenn Tokio zum x-ten Male in Schutt und Asche gelegt wurde. Kinder und Jugendliche wollen Spaß haben und sich fröhlich austoben. Also verlieh man den riesigen Protagonisten nicht nur menschliche Züge, sondern ließ sie obendrein noch komisch wirken. Den Anfang machten schon Die Rückkehr des King Kong (Kingukongu tai Gojira • J 1962) mit dem unvergleichlichen Ringkampf, die große Trendwende vollzog sich aber erst in San Daikaiju Chikyu Saidai no Kessen (J 1964), beispielsweise in der Form der »Unterhaltung« zwischen den Erdungetümen. Tanaka, Honda und Co. haben sich also einerseits stets bemüht, dem Kaiju Eiga thematisch neue Reize abzugewinnen, mußten aber andererseits der Entwicklung (Sieg über die nationalen Traumata, Veränderung der Publikumsstruktur und Sehgewohnheiten) Tribut zollen. Mit dem zweiten Ghidorah-Streifen war der thematische Zenit bereits erreicht; in den kommenden Jahren sollten nur noch einige Änderungen eintreten.

Zwei Arten terrestrischer Bedrohung sollten im Kaiju Eiga noch eingebaut werden: der Kommunismus und die Umweltverschmutzung, aber immer unter Beibehaltung des unterhaltsam-komischen Effektes. Eine große Ausnahme hingegen stellt Frankenstein - Zweikampf der Giganten (Furankenshutain no Kaiju Sanda tai Gaira • J 1966) dar. Neben der Tatsache, daß kein bekannter Unhold auftrat, sticht ein ganz anderes Faktum ins Auge: die ungewöhnliche Brutalität des Streifens. Der grüne Unhold verspeist nämlich ungeniert Menschen (was seltsamerweise in der deutschen Fassung nahezu vollkommen erhalten geblieben ist). Dies ist die berühmte »Ausnahme von der Regel«, daß keine Einzelschicksale gezeigt wurden. Frankenstein - Zweikampf der Giganten bricht mit diesem Prinzip. Das böse Monster beschränkt sich nicht auf das Zertrampeln menschlicher Siedlungen, sondern labt sich an menschlichem Fleisch. Es mag zwar sein, daß man dies in den frühen Gojira-Filmen vermuten konnte, gesehen hat man das Leid aber nicht. Die Ungeheuer erscheinen zwar stets als böse und gemein, sind aber niemals grausam oder blutrünstig.

Der Kaiju Eiga ist, wie aufgezeigt, nur als sehr bedingt politisch motiviert anzusehen. Mit U 2000 - Tauchfahrt des Grauens (Kaitei Gunkan • J 1964) trug man jedoch der Tatsache einer neuen politischen Grundeinstellung von Japans Bevölkerung Rechnung (die Liberaldemokraten, Garanten für Industrialisierung und Wiederbewaffnung, hatten soeben die Wahlen gewonnen). Fortan durfte das Militär aus seiner Statistenrolle ausbrechen und den Monstern Mores lehren. Eine rein imperialistische Bedrohung erhielten daher auch die beiden Streifen Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer (Nankai no Daiketto • J 1966) und King Kong - Frankensteins Sohn (Kingukongu no Gyakushu • J 1967). Die Bösewichte, der »rote Bambus« bzw. »Dr. Who«, sind allzu offensichtlich Abziehbilder des russischen »Iwan«, der machtlüstern nur darauf wartet, die ganze Welt unterjochen zu können. Aber erneut dient dieser Umstand nur dazu, die altbewährten Monster auf den Plan zu rufen.

Mit der Anfang der Siebziger eingeführten Umweltproblematik hatten Tohos Tanaka und Honda sowie Daiei (nach der Bombe und dem Weltraumkrieg) auch das letzte mögliche SF-spezifische Bedrohungsmoment eingeführt. Der Grund für den Auftritt der Ungeheuer hatte sich also erneut geändert, der Rahmen hingegen war gleichgeblieben. Warum sollte man auch etwas Neues probieren, wenn sich das Altbewährte immer noch als äußerst erfolgreich erwies? Es blieb dabei, daß Godzilla und Co. den hocherfreuten jugendlichen Zuschauern lustige Balgereien zuhauf bieten mußten. [td]

6. Abgang der Monster

[Einleitung] [Die Urmonster] [Monster gegen Monster] [Mensch und Monster] [Weltraum und Umwelt] [Abgang der Monster] [Resümee]


Siehe auch
Film-Index • Godzilla
Der erste Godzilla-Zyklus
Der zweite Godzilla-Zyklus
Kaiju Eiga - Der japanische Monsterfilm
Japanische Titel und Namen
Gummidrachen im Spielzeugland - Sinn und Unsinn der japanischen Monsterfilme
Film-Index • Dinosaurier • Prähistorik
DinoMedia • Dinosaurier in Literatur, Film und anderen Medien
Prehistoric News • Magazin für prähistorische Motive in den Medien
Leser-Service
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Godzilla
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Dinosaurier

Anzeige

Anzeige


[IdxEssay]

© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht