Berlinale 2000 am Potsdamer Platz

Ein Bericht von den 50. Internationalen Filmfestspielen Berlin

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Das neue Ambiente

Nachdem die Berlinale in den vergangenen Jahren unter einer gewissen Heimatlosigkeit litt und die Besucher zwischen Ku’damm-Kinos, Zoo-Palast, Kongreßhalle und Interconti-Hotel durch die halbe Stadt von einer Veranstaltung zur nächsten hetzen mußte, präsentierten sich die 50. Internationalen Filmfestspiele Berlin des Jahres 2000 erstmals in größerer räumlicher Geschlossenheit. Die Jubiläumsfestspiele vom 9. bis 20. Februar 2000 waren gleichzeitig so etwas wie die feierliche Eröffnung des Potsdamer Platzes im neuen Zentrum der wiedervereinigten Hauptstadt. Dadurch erhielt die Berlinale einen ganz neuen Großstadtflair, den sie in der Vergangenheit häufig vermissen ließ. Auch wenn das Gelände rund um die blitzblanken Arkaden größtenteils immer noch eine gigantische Baustelle ist und die Eingänge zu S- und U-Bahn zwischen Bauzäunen und Schlammpfützen teilweise recht kompliziert zu erreichen sind.

Manche beanstandeten die eher schlichte Architektur des Potsdamer Platzes, doch gerade das ist es, was dieser Stadt in der Stadt die angenehme Atmosphäre verleiht. Man hat sich nicht zu ultramodernen architektonischen Höhenflügen hinreißen lassen, sondern übersichtliche Gebäude und weder zu enge noch zu breite Straßen angelegt, die zum Flanieren einladen. Nun müßten die Filmfestspiele nur noch in eine wärmere Jahreszeit verlegt werden, damit sie richtig Spaß machen. Allerdings besteht dann die Gefahr, daß man lieber durch die Arkaden bummelt, statt sich in dunkle Kinosäle zurückzuziehen.

Nahezu tadellos präsentierte sich das neue Wettbewerbskino, das Musical-Theater am Marlene-Dietrich-Platz, das für die Dauer des Festivals zum »Berlinale-Palast« umfunktioniert wurde. Zum Hauptgesprächsthema entwickelte sich der Platz vor dem Gebäude, auf dessen flachen und unscheinbaren Stufen nicht nur gewöhnliche Besucher, sondern auch Stars ins Straucheln gerieten. Architekt Renzo Piano hat jedoch versprochen, die tückischen Stolperstufen bis zum nächsten Jahr beseitigen zu lassen. Von dort waren es jeweils nur wenige Schritte bis zum Imax-Kino und den Arkaden, hinter denen die Wiederholungskinos des CinemaxX und CineStar lagen, letzteres im Sony-Center mit dem gigantischen Zeltdach und dem noch nicht ganz fertigen Filmmuseum, das mit einer winzigen Ausstellung einen Vorgeschmack auf Künftiges lieferte.


Der Berlinale-Palast im Stella Musical Theater am Potsdamer Platz
Foto: Berlinale

Die neuen Filme

Obwohl es etwa 400 Filme zu sehen gab und mit 12.000 akkreditierten Besuchern ein neuer Rekord aufgestellt wurde, war die Berlinale des Jahres 2000 ein Festival der bescheidenen Höhepunkte. Wim Wenders setzte mit dem Eröffnungsfilm The Million Dollar Hotel (USA/D 2000), einer deutsch-amerikanischen Produktion, einen programmatischen Akzent, während die Teenies den Marlene-Dietrich-Platz belagerten, weil Leonardo DiCaprio in die Stadt gekommen war, um sein (eher enttäuschendes) Werk The Beach vorzustellen. Das vielfältige weibliche Staraufgebot bestand aus Jeanne Moreau (der eine Hommage gewidmet war), Gong Li (die Jury-Präsidentin) und Milla Jovovich (The Million Dollar Hotel). Dagegen konnten sich männliche Stars wie George Clooney (Three Kings), Kenneth Branagh (Verlorene Liebesmüh) und Milos Forman (Der Mondmann, außerdem Mitglied der Jury) nur schwer durchsetzen. Weitere mit Spannung erwartete Filme waren Signs and Wonders mit Charlotte Rampling, Der talentierte Mr. Ripley von Anthony Minghella und die Verfilmung des Kultromans American Psycho, für den die Karten leider sehr schnell weg waren. Als Entdeckung des Jahres galt Gouttes d’eau sur pierres brûlantes von François Ozon. Den Goldenen Bären sahnte jedoch das Melodram Magnolia mit Tom Cruise ab.


Magnolia (Magnolia • USA 1999)

Die Retrospektive mit dem Thema »Künstliche Menschen - Manische Maschinen. Kontrollierte Körper« war an sich lobenswert, wenngleich sie insgesamt etwas konzeptionslos wirkte. Man hätte sie auch unter dem Titel »ein Haufen guter und schlechter SF-Filme« laufen lassen können. Aber neben modernen Klassikern wie Blade Runner, Terminator und Robocop gab es auch ein paar Leckerbissen wie die rekonstruierte Fassung des Stummfilms Der Golem, wie er in die Welt kam (D 1920) oder Tim Burtons Frankenweenie (USA 1984) zu entdecken. Die Hommagen galten Jeanne Moreau, die nach Berlin kam, und Robert De Niro, der nicht nach Berlin kam. Dafür war De Niro noch einmal in Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter • USA 1978) zu sehen, dem Skandalfilm der Berlinale 1979. Für hartgesottene Cineasten hatten die Sektionen Panorama und Forum wieder einmal jede Menge Abwechslung zu bieten - Beiträge wie Bhopal Express aus Indien oder The Third Miracle von Agnieska Holland und Dokumentationen wie Grass über die Geschichte des Marihuana, fremd gehen von Eva Heldmann oder Wüste von Ebbo Demant. Deutsche Filme waren in diesem Jahr eher schwach vertreten.

Selbstbewußt präsentierte sich in diesem Jahr auch die homosexuelle Filmszene. Eine Sonderausstellung war dem langjährigen Panorama-Chef Manfred Salzgeber gewidmet, der 1994 an Aids verstarb. Der schwullesbische Teddy Award wurde am 19.2.2000 in Anwesenheit von Marianne Sägebrecht und Judy Winter an Gouttes d’eau sur pierres brûlantes und Paragraph 175 verliehen.

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Resümee

Insgesamt hatte die Berlinale 2000 ein abwechslungsreiches Programm zu bieten, in dem es für jeden Besucher etwas zu entdecken gab. Die Organisation lief verhältnismäßig reibungslos, wenn man berücksichtigt, daß die Veranstaltung innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde. Unter diesen Voraussetzungen waren die zahlreichen Pannen erträglich - nicht jedoch die von Peer Raben neu komponierte, nervtötende Fanfare. Somit bleibt nur zu hoffen, daß es den Organisatoren im Jahr 2001 gelingt, sich auf die gestiegenene Anzahl der Besucher und insbesondere der Pressevertreter einzustellen.

Bernhard Kempen

Siehe auch:
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