| »Er hat ein
unübersehbares Kapitel der Hörspielgeschichte geschrieben: von seiner Lektoratsarbeit im
Südwestfunk über seine glanzvolle Zeit als Leiter des Hörspiels im Deutschlandfunk bis
hin zu jener Ära Hasselblatt im Bayerischen Rundfunk«, schrieb Christoph
Lindenmeyer, BR-Hauptabteilungsleiter Kultur, »vielen jungen Leuten hat er die Liebe zu
Hörspiel über Kompetenz, Förderung und Zuneigung vermittelt, die internationale
Science-Fiction-Szene verehrte ihn wie kaum einen anderen.« Dieter Hasselblatt,
langjähriger Hörspielchef, engagierter Streiter für die Sache Science Fiction, Autor
von 25 Hörspielen und 12 Romanen und Sachbüchern, braucht nicht eigens vorgestellt zu
werden. Aber wer hätte gewusst, dass er in seinen letzten Lebensjahren noch einen
weiteren Roman geschrieben hat?
Der bekannte Physiker und Autor Herbert W. Franke hat das Manuskript als einer der
ersten gelesen und schrieb begeistert »Eine junge Wissenschaftlerin wird zur Klärung
eines rätselhaften Todesfalls im Rahmen eines wissenschaftlichen Versuchs herangezogen
und gerät in den Bann einer fiktiven Welt, die höchste Anforderungen stellt, aber auch
unbeschreibliches Glück verheißt. Es geht um zutiefst menschliche Probleme, um die
Frage, wie sich ein intelligentes Wesen in der Konfrontation mit fremdartiger Intelligenz
verhält. Und schließlich führt dieses Geschehen in die Tiefe der Psyche dort, wo
die Herausforderung an unsere intellektuelle Kraft übermenschlich wird und die Lösung
der gestellten Aufgabe ein gesteigertes Glücksgefühl auslöst, dem der Mensch nicht
gewachsen ist. Genügend Stoff für ein zeitkritisches Sachbuch oder ein philosophisches
Werk über Realität und Schein und doch spannend wie ein Kriminalroman. Und die
angebotene Lösung ist so beeindruckend, dass man sich noch durch Wochen hindurch immer
wieder daran erinnert.«
Am 5. Februar 1997 erreichte Hasselblatt das Schreiben eines Verlags in Siegen, Aufklärung
eines Modelle-Falls sei zur Veröffentlichung angenommen und werde zur Frankfurter
Buchmesse im Herbst desselben Jahres erscheinen. Dieter Hasselblatt konnte sich über
diese Nachricht nicht lange freuen. Genau zwei Wochen später, am 19. Februar, ist er im
Alter von 71 Jahren gestorben. Seither lag der Roman auf Eis. Jetzt endlich ist er doch
noch erschienen.
25 Jahre früher hatte Hasselblatt während einer freiwilligen Klausur im Kloster Ettal
jene beiden Hörspiele geschrieben, auf denen Hörspielfreunde werden es natürlich
sofort bemerken der vorliegende Roman basiert. Mit der Schilderung von Virtual
Reality hatte er eine Entwicklung vorweggenommen, die damals völlig utopisch war.
Vergessen wir nicht, dass die ersten integrierten Schaltungen erst 1962 zur Verfügung
standen und der von der NASA 1969 bei der Mondlandung eingesetzte Computer heute mühelos
von jedem PC übertroffen wird. 1994, als er die Niederschrift des Romans beendet hatte,
war an ein Interface, an physiologischen Kontakt mit simulierten Welten, dem
»Cyberspace«, nicht zu denken, und auch heute sind wir noch weit davon entfernt. Und
doch sollte man sich vor Augen halten, dass die geschilderte Simulationsanlage für
Hasselblatt nie Selbstzweck war. Seine Aufmerksamkeit galt nicht der technischen
Machbarkeit, sondern den Möglichkeiten, die eine solche Anlage eröffnen könnte. Ihn
interessierte das spielerische Ausprobieren von Situationsmodellen, phantasievolles
Ersinnen und planvolles, stringentes Durchspielen. Phantasie und Kalkül.
In der Fachzeitung FUNK-KORRESPONDENZ lobte der Kritiker
Harry Neumann die »Fülle der kulturgeschichtlichen Anspielungen und geistreichen
Querverbindungen« und schrieb, was Hasselblatt vorführe, sei keine in die Zukunft
projizierte Spinnerei, »sondern eine Parabel von den Möglichkeiten menschlichen Glücks
hier und heute!« In der Umwandlung des Schlüsseltzitats von »Zwietracht und Einfalt«
zu »Zwiefalt und Eintracht« liege mehr als nur ein Wortspiel: »Darin steckt ein
Verständnisangebot für den Weg der Menschen zur wirklichen Freiheit; es ist eine Formel,
die eine neue Weise des Denkens erschließen könnte, wenn man sie zu handhaben weiß.
Zusammen mit der anderen, nichts außerhalb der Welt, sondern alles drin und
der kritischen These Die Gesellschaft bin jeweils ich hat Hasselblatt hier
eine Denk- und Lösungsfigur gegeben, an der sich Philosophen die Zähne ausbeißen
sollten.« |
 

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Leseprobe
»Also hat man mit einem tödlichen Ausgang von vornherein gerechnet?«
Seidenfeld verneinte energisch und schüttelte den Kopf. »Nicht in dem
Sinn gerechnet. Aber ein genau durchkalkuliertes Programm muss alle Möglichkeiten in
Betracht ziehen. Auch eine extreme Möglichkeit.«
Corinna Byltrand zweifelte und strich sich mit der Hand über die Stirn,
zog aus ihrer flachen Aktenmappe die Tafel der Modelle heraus, legte das DIN-A3-Blatt vor
sich auf den Schoß und schaute sich diese eigenartige Tafel noch einmal genau an. »Das
ist also das so genannte Trainingsprogramm?«
»Nein«, sagte Dr. Seidenfeld zu ihr auf den Schoß schauend, »das
sind die Modelle, die Situationsmodelle. Das Trainingsprogramm wechselt, die einzelnen
Trainingsprogramme sind nie gleich. Sie werden vom Programmiercomputer für jeden
Durchgang neu programmiert.«
»Aha?« Corinna Byltrand musste nachdenken.
Was von Dr. Seidenfeld sofort mit einer spöttischen Frage quittiert
wurde. »Reflexionen? Worüber?«
»Keine Reflexionen. Ich lese hier auf der Tafel der Modelle erstens
Delphin, zweitens Kleistbär, drittens Hiob, viertens Kirke, fünftens Steinerner Gast
oder Komtur, sechstens Heisenberg, siebtens Stahlfeder im Säurebad. Das hat mich mit am
meisten verdutzt.«
Seidenfeld wich aus. »Das sind die Modelle, wie gesagt, also der
Fahrplan für die Trainingsprogramme.«
»Trainingsprogramme? Handelt es sich nicht eher um Belastungstests?«
»Training ist immer Belastung.«
»Aber diese Trainingsprogramme für die Begegnung mit
außermenschlichen Intelligenzen scheinen in hohem Maße belastend zu sein
oder?«
[...]
»Bitte Schnellinformation über Ausrüstung.«
»Normaler Schutzanzug mit Kurzzeitproviant, keine Waffe; Taschenlampe,
Schreibmaterial, Kleinkassetten-Rekorder, Dunkelheitsfernglas.«
»Habe ich also Papier dabei, irgendwelche Folien, einen Spiegel?«
»Papier in kleinen Streifen, Folien keine, außer eingearbeitete Folie
in Schutzanzug. Spiegel keinen.«
»Habe ich die normale Quarzuhr mit Elektronik, Weckvorrichtung,
Hygrometer, Barometer und Thermometer dabei?«
»Zur Information nur: normale Quarzuhr mit Elektronik, Weckvorrichtung,
Hygrometer, Barometer und Thermometer am linken Arm, da T Rechtshänder.«
»Dann hab ichs.«
»Was hat T?«
»Ich nehme die Uhr ab, drehe sie um und benutze die Rückseite als
Spiegel.«
»Spiegel dient wozu?«
»Spiegel ist Antwort auf deren spiegelnde Halbschalen.«
»Richtig. Die Stelz-Staks-Aggregate kommen näher. Halbkreis um T.
Reaktion T?«
»Da übergeordnete Kommunikation, kann geschlossen werden, dass NMI
hier nicht in einem Organismus angesiedelt ist, sondern sich in einem
Zusammenhang von mehreren aufeinander angewiesenen Wuchsformen oder Lebewesen
präsentiert.«
»Richtig. Weitere Analyse?«
»Also muss ich dieser polymorphen Figuration von NMI wiederum
T-Charakteristik signalisieren.«
»Richtig wie signalisiert T dies?«
»Ich gebe meine Uhr her.«
»Wird Uhr nicht mehr weiter benötigt?«
»Uhr wird benötigt, um kritische Situation zu klären.«
»Was könnte eine Quarzuhr mit Weckvorrichtung, Elektronik,
Thermometer, Barometer, Hygrometer signalisieren?«
»Sie könnte einer NMI von polymorpher Figuration mit technologischen
Aggregaten, pflanzlich-tierischen Wuchs- und Wucherformen und Strahlungsintensitäten
einmal das Periodizitätsbewusstsein der Konstrukteure einer solchen Uhr signalisieren,
dann die Umweltbezogenheit und Umweltunabhängigkeit.«
»Inwiefern Umweltbezogenheit und Umweltunabhängikeit?«
»Umweltbezogenheit, weil Thermometer, Hygrometer, Barometer eingebaut
sind, Umweltunabhängigkeit, weil solche Geräte nur dann sinnvoll sind, wenn sagen
wir mal ein streunendes Grundverhalten angesetzt werden kann.«
»Terminus streunendes Grundverhalten wird in Datenspeicher
eingespeist.« |
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Dieter
Hasselblatt
Aufklärung eines Modelle-Falls oder Modelle Delphin, Hiob, SäurebadHerausgegeben
von Heidelinde Hasselblatt und Horst G. Tröster,
Covergestaltung szenario arts, Rudolf Hasselblatt
unter Verwendung von Originalen von Dieter Hasselblatt.
Mit einem Nachwort des Herausgebers und einer Bibliographie.
Books on Demand GmbH, Norderstedt, edition consolator 2004.
175 Seiten, 20,- Euro. ISBN 3-8334-1760-9  |