1. Teil: Siegfried.
2. Teil: Kriemhilds Rache.
SiegfriedKriemhilds
Rache
Nachdem Hagen den Nibelungenschatz im Rhein versenkt und Kriemhild damit der Möglichkeit
beraubt hat, neue Anhänger für ihren Racheplan zu werben, nimmt Kriemhild einen
Heiratsantrag des Hunnenkönigs Etzel an. Als sie Etzel einen Sohn gebiert, lädt sie
Gunther und seine Mannen zu einem großen Freudenfest ein. Dabei provoziert sie einen
Streit zwischen Burgundern und Hunnen, der schnell zu einem mörderischen Gemetzel
eskaliert. Keiner der Burgunder überlebt. Als Etzel erkennt, wozu er sich durch die
Intrigen Kriemhilds hat hinreißen lassen, ersticht er seine Frau.
In mancherlei Hinsicht hatte die Filmsituation im Deutschland der Zwanziger durchaus etwas mit der heutigen gemein. Amerikanische Filme überfluteten die Kinos; wenn auch längst nicht so extrem wie im heutigen Ausmaß, so doch immerhin so intensiv, daß bei der (damals noch intakteren) deutschen Filmindustrie ernste Bedenken laut wurden. Seinen Machern diente Die Nibelungen daher zunächst einmal als Bollwerk gegen den amerikanischen Kulturimperialismus, als Beweis, daß Deutschland, was Monsterfilme angeht, Hollywood durchaus das Wasser reichen konnte. Entsprechend scheute man bei seiner Realisierung weder Kosten noch Mühen: »Karl Vollbrecht, ... der für Otto Hunte und Euch Kettelhut das großangelegte Dekor baute, errichtete enorme künstliche Stämme aus Gips und Mörtel auf dem Ateiergelände und schloß den Wald mit einer Art von Rundhorizont ab, dem Drahtgeflecht und Sackleinwand als Stütze dienten. Durch Öffnungen strahlte echte Sonne herunter, vermengte sich mit dem Schein der Projektoren, während aus Öffnungen unter den Rasenstücken eines wellig aufgebauten Bodens Dämpfe stiegen. So mischte sich echte Natur mit Ateliernatur, wie denn auch von Vollbrecht natürliche Blumen auf der Wiese im Gelände als kleine Setzlinge angepflanzt worden waren und man monatelang auf ihr Blühen wartete. Man hatte damals Zeit genug für einen Film, gingen doch schon drei bis vier Wochen über die ersten Regiesitzungen hin. Auch der Schnee im zweiten Teil der Nibelungen war echt; man geduldete sich lange, bis er endlich zwischen den künstlich angepflanzten Birkenbäumen fiel. Und ähnlich verhielt es sich mit den Eismassen im Rhein-Bassin, in das Hagen-Schlettow den Nibelungenschatz zu schleudern hatte. Nur die Blütenbäume sind 'Ersatz' gewesen.« (Lotte Eisner, Die Dämonische Leinwand)
Technisches
Paradestück des Films war indes der Drache: konstruiert von Karl Vollbrecht, über 20
Meter lang, von 17 Mann bedient, und auch im Zeitalter eines Drachentöter noch
durchaus eindrucksvoll. Allein aufgrund seiner Special Effects wäre den Nibelungen so
ein Platz im Pantheon des Fantasy-Genres sicher.
Lang freilich hatte mehr im Sinn. Statt sich den Vorbildern aus Amerika anzupassen, wie es Die unendliche Geschichte versuchte, beschritt er gänzlich neue Wege und schuf die erste, vielleicht sogar die einzige kongeniale Verfilmung eines großen Sagenstoffes. »[Der Nibelungenfilm] ist eine gewollte und wohlgelungene Rehabilitation der künstlerischen Gesetze der Verteilung des Raumes. Rein mit Hilfe künstlerischer Mittel wird der Eindruck großer Massen erzielt ... Aber zu der feinen Sprache künstlerischer Linienführung kommt noch die ebenso warm empfundene Anwendung von Hell und Dunkel, das feine Spiel von Licht und Schatten, das eigentlich zu einem psychologischen Ausdrucksmittel wird. Kriemhild wird in einer fieberhaften Nacht von bösen Träumen verfolgt. Im Film werden diese Halluzinationen (der sogenannte Falkentraum, Anm. d. Verf.) durch ein Gewoge heller und dunkler Schwaden dargestellt, die sich gegenseitig bekämpfen und eines dem anderen seinen Rhythmus aufzuzwingen versucht. Aber auch sonst ist der ganze Film ein Kampf zwischen hellen und finsteren Mächten.« (Emile Vuillernoz, Temps)
Entscheidend für die Wirkung des Films war jedoch die Art und Weise, der Rhythmus, in dem dieser Kampf geschildert wurde. In den Nibelungen dominiert die Statik: Gemessen schreitet ein Geschehen, aus dem fast alle äußere Lebendigkeit verbannt ist, die Einbahnstraße namens Schicksal, dem Motor aller großen Sagen, hinab. Dynamik findet sich da nur im zweiten Teil, genauer im Reiche Etzels. »Lang wußte sehr wohl, warum er, statt auf Wagners malerischen Opernstil oder eine Art psychologischer Pantomime, auf den Bann ... dekorativer Kompositionen setzte: sie symbolisieren das Schicksal. Der Zwang, der vom Schicksal ausgeht, findet seine ästhetische Entsprechung darin, daß alle Strukturelemente streng in den Rahmen luzider Formen eingefügt sind ... Als sei es mit dem Ornamentalcharakter, auf den diese Kompositionen angelegt sind, noch nicht genug, tauchen auf Mauern, Vorhängen, Decken und Gewändern noch primitive Ornamente auf ... Häufig formieren sich auch die Schauspieler zu Ornamenten. Eine Szene in Gunthers Halle zeigt, wie der König und sein Gefolge, Statuen gleich, in symmetrisch angeordneten Nischen sitzen. Die Kamera läßt sich keine Gelegenheit entgehen, derlei Figuren zu erfassen.« (Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler)
Aus dieser Versklavung des Menschen im Ornament, Thea von Harbous weihevollem Vorspanntitel 'Dem deutschen Volke zu eigen' und dem propagierten Kult des Nordischen heraus Die Nibelungen als vorweggenommenes Nazi-Pamphlet zu interpretieren, als das es später von Goebbels auch willkommen geheißen wurde, ist sicher legitim, gleichzeitig aber doch zu simpel. So ließ Lang an einigen Stellen durchaus Kritisches durchscheinen, etwa in jener Einstellung, in der ein Ornament aus angeketteten Zwergen Alberichs Schatztruhe stützt. Legt man die ideologischen Scheuklappen ab, entlarven sieh die hehren Recken überdies als rechte Narren, Schachfiguren einiger »realpolitisch begabter Figuren, wie Hagen und Kriemhild, denen es um nichts als Macht, Prestige und Geld geht, als Pawlowsche Hunde abgerichtet, denen man nur den Knochen hinzuhalten braucht, auf dem 'Ehre' steht, auf daß sie sich in den angewiesenen Feind festbeißen und lieber totprügeln lassen, als loszulassen.« (Klassiker des deutschen Stummfilms)
Dennoch bleibt Die Nibelungen ein zwiespältiges, in seiner Ambivalenz für den reflektierenden Zuschauer allerdings faszinierendes Werk. »Lang ist kein Manichäer (was ihn von Brecht unterscheidet). Er übersieht keine Form des Bösen zugunsten einer fortschrittlichen Konzeption des Menschen und der Welt: er nimmt es wahr zugleich als Motor dieser Geschichte, in der sich, nach den Worten Engels, 'der Wille jedes Einzelnen stößt am Willen anderer', und als Humus des Heiligen, kurz als doppelgesichtiger Januskopf inmitten einer geschichtlichen Entwicklung, die immer das Risiko birgt, daß der Patriotismus und die Religiosität von heute als Verbrechen erscheinen und unsere Hoffnung auf Revolution als das Gute.« (Gerard Legrand, Positiv)
Bei einer Leserumfrage der NEUEN ILLUSTRIERTEN FILM-BÜHNE erreichte Die Nibelungen 1925 mit 1716 Stimmen den ersten Platz. Mit 663 bzw. 289 Stimmen weit abgeschlagen auf den Plätzen 2 und 3 landeten Rosenmontag und der Greta-Garbo-Film Gösta Berling.
Ronald
M. Hahn/Volker Jansen/Norbert Stresau © 1986
Lexikon des Fantasy-Films
| Titel: | Die Nibelungen 1. Teil: Siegfried. 2. Teil: Kriemhilds Rache. |
| Land und Jahr: | Deutschland 1924 |
| Regie: | Fritz Lang |
| Buch: | Thea von Harbour |
| Kamera: | Carl Hoffmann Günther Rittau Walter Ruttmann (»Falkentraum«) |
| Musik: | Gottfried Huppertz |
| Effekte: | Walter Ruttmann |
| Produktion: | Decla-Bioscop |
| Uraufführung: | Teil 1: 14.2.1924 (Decla) Teil 2: 26.4.1924 (Decla) |
| Länge: | Teil 1: 117 Minuten Teil 2: 130 Minuten 97 Minuten (einteilige Fassung) |
| | FSK ab 6 Jahre (einteilige Fassung) |
| Siegfried: | Paul Richter |
| Kriemhild: | Margarethe Schön |
| Brunhild: | Hanna Ralph |
| Hagen von Tronje: | Hans Adalbert Schlettow |
| Etzel: | Rudolf Klein-Rogge |
| Gunther: | Theodor Loos |
| Ute: | Gertrud Arnold |
| Gernot: | Hans Carl Müller |
| Giselher: | Erwin Biswanger |
| Volker von Alzey: | Bernhard Goetzke |
| Dankwart: | Hardy von Francois |
| Mime/Alberich/Bloadel: | Georg John |
| Runenmagd: | Frida Richard |
| Rüdiger von Bechlarn: | Rudolf Rittner |
| Dietrich von Bern: | Fritz Alberti |
| Hildebrand: | Georg August Koch |