Die WolkeIrgendwann passiert es doch. Durch einen Störfall in einem AKW in der Nähe von Frankfurt tritt eine radioaktive Wolke aus. Auch in dem kleinen Städtchen Schlitz wird die Bevölkerung gewarnt. Menschen durchbrechen in Panik Straßensperren und stürmen den nahe gelegenen Bahnhof von Bad Hersfeld. Mittendrin die 16-jährige Hannah. Die Schülerin verliert ihre Mutter und muss im Chaos auf ihren siebenjährigen Bruder achten. Die Warnsirenen waren in dem Augenblick losgegangen, als sie gerade ihre allererste Liebesbeziehung mit dem 18-jährigen Elmar begonnen hatte. Die beiden jungen Leute werden getrennt. Elmar kann der Wolke entkommen, Hannah dagegen wird verstrahlt. In einer Klinik in Hamburg erfährt sie, wie es um sie steht. Elmar gelangt zu ihr gegen jede Vernunft. Er will bei ihr in der Klinik bleiben, obwohl auch er dort kontaminiert werden kann. Schließlich erfährt er, dass er ebenfalls auf der Flucht verstrahlt worden ist. Beiden bleibt nur noch wenig Zeit ...

Die Polizei kann die panischen Menschen kaum unter Kontrolle halten.
Foto: Concorde
20 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl gedreht und von Greenpeace gesponsert, legt dieser Film den Finger auf eine immer noch offen Wunde. Unangenehmes verdrängt sich leicht. Außerdem kann man sich immer daran festhalten, dass wir in den deutschen AKWs heute einen höheren Sicherheitsstandard haben, als es ihn damals in der Sowjetunion gab. Der Unfall in Harrisburg wird allerdings auch in einem Dialog erwähnt und stellt natürlich das Gegenargument zu dieser These dar.
Der Film hält sich nicht mit längst bekannten technischen Einzelheiten auf. Es gibt keine Bilder vom Kernkraftwerk, sondern nur ein paar Stimmen aus der Steuerungszentrale, die vor einem schwarzen Hintergrund den Anfang der Katastrophe markieren. Das ist gut so. Die Menschen, die zu Opfern werden, stehen im Mittelpunkt.
Paula Kalenberg und Franz Dinda erzeugen durch ihr natürliches Spiel viel Sympathie für die jungverliebten Hauptfiguren. Kitsch wird dabei glücklicherweise über den ganzen Film hinweg vermieden. Dieser Film kann von sich behaupten, dass er mit den Folgen einer möglichen Nuklearkatastrophe in Deutschland realistisch, ohne reißerische Übertreibungen und deshalb umso beklemmender umgeht. Dazu gehört auch, dass die letztendliche Bewältigung der Katastrophe, deren Darstellung ja der angestrebten Aussage zuwiderlaufen könnte, nicht ausgespart wird. Die Welt ist nach Tschernobyl nicht untergegangen und tut es auch in diesem Film nicht. Wer aber will das Geschehene gegenüber den Hinterbliebenen der mehreren tausend Toten oder gegenüber den langfristig Strahlenkranken verantworten? Beklemmend auch, wie die mögliche Ausgrenzung von Strahlenopfern aus Angst vor Kontamination oder vor dem Zorn der weniger Glücklichen angeschnitten wird. Die inzwischen haarlose Hannah wird von ihrer bisher besten Freundin, die rechtzeitig fliehen konnte, geschnitten. Dies würde Opfern einer realen Katastrophe sicher genauso gehen, obwohl sie mehr Zu- als Abwendung verdient hätten.
Dieser Film steht in einer Reihe mit deutschen Filmen und insbesondere Fernsehspielen, die in der Vergangenheit mahnend den Zeigefinger erhoben haben. Ein Beispiel ist Die Hamburger Krankheit. Die teutonisch-schwere Schwarzmalerei hat diese Werke immer unsympathisch gemacht und damit die Ausbreitung ihrer Botschaft erschwert. Gudrun Pausewang hatte mit ihrer Romanvorlage das junge Publikum im Blick, das die Anti-Atomkraftdebatte der 70er Jahre nicht miterlebt hat. Das Buch hat inzwischen den Deutschen Jugendbuchpreis erhalten und wird in Unterrichtsprojekten verwendet. So glaubwürdig und überzeugend, wie die Autorin ihre Botschaft aufbereitet hat, kann sie auch viele Erwachsene erreichen. An den furchtbaren Folgen der Atomkatastrophe wird kein Zweifel gelassen. Hannah und Elmar haben Menschen verloren und müssen mit einer kurzen Lebenszeit auskommen. Dass sie diese Zeit zusammen erfüllter verbringen können als viele andere, die innerlich schon halb tot sind, lässt Raum für Hoffnung, ohne die Schärfe der Kritik zu vermindern. Möglicherweise ist dieser Film, der in einer abgeklärteren Zeit nach den großen Konflikten in der Anti-Atomkraftdebatte entstanden ist, der fruchtbarste öffentliche Beitrag in der Diskussion über die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke. Sehenswert ist er allemal.
Arno Behrend ALIEN CONTACT
| Originaltitel: | Die Wolke |
| Land und Jahr: | D 2006 |
| Regie: | Gregor Schnitzler |
| Buch: | Marco Kreuzpaintner |
| Vorlage: | Gudrun Pausewang: Die Wolke |
| Kamera: | Michael Mieke |
| Schnitt: | Alex Dittner |
| Herstellungsleitung: | Manfred Thurau |
| Produktionsleitung: | Horst Hoffmann |
| Ausstattung: | Patrick Müller |
| Kostüme: | Ivana Milos |
| Maske: | Heiner Niehues Ruth Philipp |
| Produktion: | Markus Zimmer |
| deutscher Kinostart: | 13.3.2006 (Concorde) |
| Länge: | 105 min. |
| | FSK ab 12 Jahre |
| Hannah: | Paula Kalenberg |
| Elmar: | Franz Dinda |
| Uli: | Hans-Laurin Beyerling |
| Paula: | Carina Wiese |
| Dr. Salamander: | Karl Kranzkowski |
| Albert Koch: | Richy Müller |
| Hannes: | Thomas Wlaschiha |
| Tante Helga: | Gabriela Maria Schmeide |
| Meike: | Jenny Ulrich |
| Ayse: | Claire Oelkers |