ALIEN CONTACT
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Joachim Körber

Das Ende der Zukunft?

Science Fiction
Alien Contact
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»Im Anfang war das Wort«, heißt es kategorisch in der Bibel, genauer im Evangelium des Johannes. Doktor Faust, vom Geist der stets verneint geblendet, ist sich da nicht ganz so sicher. »Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹ Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?«, lässt Johann Wolfgang von Goethe seinen ewig strebenden Grübler und Zweifler sagen, um nach Varianten wie »Im Anfang war der Sinn« oder »Im Anfang war die Kraft« schließlich fortzufahren: »Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei ich nicht bleibe. Mir hilft der Geist, auf einmal seh‘ ich Rat und schreibe getrost: ›Im Anfang war die Tat!‹«

Erweitern wir diese Spitzfindigkeiten der Formulierkunst um eine weitere Variante und sagen: Im Anfang war die Vision, der die Tat folgte. Visionäre und ihre Vorstellungen, wie die Gesellschaft, die Zukunft, der technologische Fortschritt aussehen sollten, haben die Menschheit seit Anbeginn auf dem Weg der Erkenntnis vorangebracht. (Natürlich sind durch singuläre Visionen auch die schlimmsten Katastrophen über die Menschheit gekommen, doch dies soll hier nicht das Thema sein.) Die Eroberung der Lüfte, der Flug zum Mond, die Erforschung des Weltalls – das alles sind Visionen, die fast bis zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte zurückreichen. Erste literarische Ausflüge zum Mond sind schon aus der griechischen Antike überliefert. Im neunzehnten Jahrhundert war es speziell der Technokrat Jules Verne, der sich dem Thema Flug ins All und zum Mond erstmals von einer nüchtern wissenschaftlichen Seite näherte und das Publikum für die Möglichkeit begeisterte, diesen Planeten tatsächlich zu verlassen.

Die Wechselwirkung zwischen Kunst und Technologie war im zwanzigsten Jahrhundert, als der aus Luxemburg stammende Schriftsteller und Herausgeber Hugo Gernsback die Science Fiction (anfangs noch unter dem Begriff »Scientifiction«) 1926 in seinen Magazinen als populärliterarische Gattung etablierte, speziell in den USA stets besonders fruchtbar – für beiden Seiten. Die SF griff aktuellste technologische Entwicklungen bereitwillig auf und dachte sie logisch und in mehr oder weniger wissenschaftlich exakter Manier weiter, während sich Forscher und Erfinder im Gegenzug von den Visionen der Autoren beeinflussen ließen. Schriftsteller wie Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke haben sich von Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahnen an für die Erforschung des Weltraums stark gemacht – ein Engagement, das man nicht unterschätzen sollte, haben sie doch mit ihren Werken das Publikum für die Weltraumforschung begeistert, das wiederum durch sein Wahlverhalten über die Politik Einfluss auf den Versuch der Eroberung des Weltalls nehmen konnte. In den USA, wo Subkulturen und Genre-Literatur schon immer sehr viel stärker in den kulturellen Mainstream integriert waren als hierzulande (wer könnte sich etwa bei einem deutschen Wissenschaftler vom Schlage eines Stephen Hawking vorstellen, dass er eine Rolle in einer populären Fernsehserie wie Star Trek übernimmt, oder dass die Raumfahrtbehörde einen Science-Fiction-Autor wie Kim Stanley Robinson bitten würde, die Fernsehübertragung von Bildern der ersten Mars-Sonde zu kommentieren?), hatte die Meinung eines naturwissenschaftlich vorgebildeten Science-Fiction-Autors wie Arthur C. Clarke durchaus Gewicht.

Klar ist, dass sich technologischer Fortschritt kaum ohne Rückschläge gestalten lässt. Der Absturz der Columbia ist ein solcher Rückschlag und umso tragischer, als Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Es ist nicht die erste Tragödie der bemannten Raumfahrt, schon der Absturz der Challenger 1986 löste weltweit Betroffenheit aus. Allerdings wurde jene Katastrophe, wie sich das leider wohl kaum vermeiden lässt, von allen Seiten instrumentalisiert. Damals nutzten Politiker jeder Couleur das Unglück für patriotische Stimmungsmache, eine Tatsache, die der SF-Autor Lucius Shephard unmittelbar nach dem Challenger-Absturz in einem Prosa-Gedicht mit dem Titel »Challenger as Viewed from the Westernbrook Bar« mit Hinweis auf »des Präsidenten jambische Beredsamkeit« als »das Geseiere von Opferbereitschaft« lächerlich machte. Seit damals haben sich die Zeiten auch in den USA gründlich gewandelt. Das soll nicht heißen, dass das Unglück der Columbia nicht weniger instrumentalisiert werden würde als das der Challenger vor siebzehn Jahren, nur unter anderen Vorzeichen. So entblödet sich die Publizistin Camille Paglia beispielsweise nicht, anhand der Tatsache, dass sich ein Israeli an Bord befand, dass die Raumfähre über George Bushs Heimatstaat Texas explodierte und dass der Großteil der Trümmer offenbar über einem Ort namens »Palestine« [!] vom Himmel fiel, den USA dunkel augurend eine schwarze Zukunft aus dem Kaffeesatz zu weissagen. Gravierender als solche offenkundigen Albernheiten ist, dass konservative Politiker, während sich die Verantwortlichen der NASA noch händeringend um Schadensbegrenzung bemühen, die Gunst der Stunde nutzen, um gebetsmühlenhaft unter Hinweis auf die enormen Kosten ein Ende der Weltraumforschung zu fordern. Wenn seitens der Politik darauf hingewiesen wird, dass eine Sonde, die auf dem Mars landet und dann nicht funktioniert, den Steuerzahler Milliarden kostet, so ist das nichts weiter als scheinheilige Heuchelei, auf die man lediglich im ureigenen Sprachgebrauch der Amerikaner antworten kann: So fucking what? In einer Volkswirtschaft wie der amerikanischen werden größere Summen für sinnlosere Dinge verwendet.

Und wenn Wiglaf Droste (in der TAGESZEITUNG vom 13. Februar) zwar den Verlust von Menschenleben bedauert, dann aber hämisch anmerkt: »Mit den Amerikanern ist es wie mit Bayern München im Fußball: Man möchte sie einfach verlieren sehen [...] sie sind zu reich und zu angeberhaft ...«, und ihnen die Katastrophe damit ganz offenkundig gönnt, dann ist das mehr als kurzsichtig gedacht. Ob man den Verlust von Menschenleben derart frivol kommentieren und ob man es den USA ihrer fraglos arroganten Weltpolitik wegen gönnen möchte, dass sie solche Rückschläge erdulden müssen, sei dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass Droste die wahre Tragweite solcher Unglücksfälle verkennt, denn mit ihnen stirbt immer auch ein kleines Stück Zukunft. In einer Zeit wirtschaftlicher Depression neigt die öffentliche Meinung ohnedies dazu, auf kostenintensive und vermeintlich unnötige Eskapaden zu verzichten. So sind laut einer aktuellen Umfrage des SPIEGEL derzeit nur noch achtunddreißig Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass die Gelder für die Weltraumforschung eine »sinnvolle Ausgabe« darstellen, während neunundfünfzig Prozent glauben, man solle die Mittel »für andere Dinge ausgeben«. Das ist ausgesprochen kurzsichtig gedacht. Wenn die Politik populistisch in dieselbe Kerbe haut, anstatt gegenzusteuern, dann offenbart sich das eigentlich Fatale an Unglücksfällen wie dem Columbia-Absturz.

Wir, als Volk, als Bürger, haben ein Recht auf Utopien und Visionen, und es ist Aufgabe von Politik, Wissenschaft und Kunst, sie uns zu geben. Welche Folgen Politik ohne Visionen haben kann, das führt uns der aktuelle Zustand unseres Staates und seiner Regierung jeden Tag vor Augen. Die fatalen Folgen des Verlustes der Utopien im täglichen Leben hat der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick in seiner Kurzgeschichte »The Mold of Yancy«, einer beißenden Satire auf die Ära Eisenhower, auf ebenso originelle wie intelligente Weise vorgeführt: In den USA wird ein Mann entdeckt, der in jeder Hinsicht exakt dem statistischen Durchschnitt der Bevölkerung entspricht. Dies führt zu wahrhaft hysterischen Versuchen der gesamten Bevölkerung, sich diesem plötzlich als Ideal geltenden Mittelmaß anzunähern. Dahin sind das Streben nach Höherem, nach herausragenden Leistungen – nach Utopien und Visionen eben. Ein ganzes Volk strebt in die Mittelmäßigkeit, den Durchschnitt: ein Virus, das sich von den USA aus auf die ganze Welt ausbreitet ... und wenige Jahrzehnte später ist die Menschheit ausgestorben.


Foto: NASA
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Literatur zum Thema
• Matthias Gründer: SOS im All. Pannen, Probleme und Katastrophen der bemannten Raumfahrt (Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2001) Bestellen
Günter Siefarth: Geschichte der Raumfahrt (München/Franfurt/Berlin: C.H. Beck, 2001) Bestellen
• Jesco von Puttkamer: Von Apollo zur ISS. Eine Geschichte der Raumfahrt (München: Herbig, 2001) Bestellen
Siehe auch
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