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MetroCinevision |
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[Foto: Berhard Kempen] |
Die IdeeIm modernen Großstadtleben gibt es kaum etwas Langweiligeres als eine Fahrt mit der U-Bahn. In S-Bahn, Bus oder Straßenbahn kann man wenigstens aus dem Fenster schauen und die Aussicht genießen. Ein düsterer U-Bahn-Tunnel dagegen animiert eher zu depressiven Gedanken. Also vertreibt sich der regelmäßige U-Bahn-Passagier die Zeit mit der Lektüre der Tageszeitung oder anderen Druckerzeugnissen. Diese tristen Tatsachen wollte der Filmemacher Jörg Moser-Metius nicht länger hinnehmen und entwickelte in mehrjähriger Arbeit das Konzept der MetroCinevision. Hinter dieser Bezeichnung steckt ein Prinzip, das sich die Bewegung der U-Bahn für den Film zunutze macht und das Verhältnis zwischen Zuschauer und Projektor umkehrt: Nicht die Bilder bewegen sich, sondern der Betrachter. Am 23. Oktober 1998 wurde in Berlin die erste MetroCinevision-Vorführstrecke zwischen den U-Bahnhöfen Zoologischer Garten und Hansaplatz auf der Linie 9 eröffnet. Auf dem Rahmenprogramm standen unter anderem eine Film-Ausstellung und eine Galaveranstaltung mit Ehrengästen - darunter Mitglieder der Familie von Charles Chaplin, dem das Projekt gewidmet ist. Die TechnikMetroCinevision besteht aus insgesamt 900 Filmprojektoren, die auf einer Länge von 545 Metern an der Wand des U-Bahn-Tunnels installiert wurden. Anders als im Kino zeigt jeder dieser Projektoren nur ein einziges Bild, und zwar genau in dem Augenblick, wenn ein Fenster des Zuges die Projektionsfläche passiert. Der Effekt für den Betrachter ist genauso wie im Kino, denn was er sieht, ist ein Film, der vor dem Fenster der U-Bahn abläuft, da sich die Einzelbilder - wieder genauso wie im Kino - im Kopf des Zuschauers zu einer kontinuierlichen Bewegung zusammensetzen. Zu sehen sind 18 verschiedene Kurzfilme in einer Länge von jeweils 30 Sekunden. Da sie mit einer Geschwindigkeit von 30 Bildern pro Sekunde vorgeführt werden, ergibt sich die Gesamtzahl von 900 Projektoren.
Damit dieses Prinzip funktioniert, wurde ein hoher technischer Aufwand betrieben. Jeder einzelne Projektor enthält einen Filmstreifen mit 18 Bildern - genau ein Bild jedes vorführbaren Films. Im ersten Projektor liegen demnach jeweils die ersten Bilder aller 18 Filme, im zweiten die zweiten Bilder und so weiter. Die gesamte Anlage wird von einem Computer gesteuert, der dafür sorgt, daß nach jeder Durchfahrt ein neuer Film gestartet wird - wozu lediglich die Filmstreifen aller Projektoren um ein Bild weitergestellt werden müssen. Außerdem wird die Vorführgeschwindigkeit automatisch an das Tempo des Zuges angepaßt. Zunächst sollen die Filme ohne Ton vorgeführt werden, obwohl bereits ein passendes Beschallungssystem entwickelt wurde. Die Entwicklungsarbeit wurde in erster Linie von der Potsdamer Firma Optronik GmbH unter der Leitung von Dr. Jürgen Ristow geleistet. All diese Technik klingt äußerst kompliziert, doch im Kino und Fernsehen wird prinzipiell mit genau denselben Mitteln gearbeitet. Die einzige Unterschied ist der, daß die Bilder nicht nacheinander auf derselben Projektionsfläche entstehen, sondern daß der Zuschauer an einer Reihe von Projektionsflächen mit unterschiedlichen Bildern vorbeigeführt wird. Die ZukunftDas Repertoire der MetroCinevision besteht aus unterhaltsamen, informativen und kommerziellen Beiträgen - von Kurzfilmen mit Charlie Chaplin über Animationsfilme bis zu Werbespots von Swatch und Telekom. Damit ist gewährleistet, daß dieser aufwendige Service der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dem Fahrgast keine zusätzlichen Kosten verursacht. An der Finanzierung des Projekts beteiligte sich außerdem die Europäische Kommission der EU und die Expo 2000, die das Projekt gleichzeitig als innovatives Aushängeschild vermarktet. MetroCinevision ist ein netter Gag, der das U-Bahn-Fahren sicherlich um eine Attraktion bereichern wird - auch wenn es letztlich ein kurzer Spaß bleibt. Obwohl bereits konkrete Planungen laufen, weitere Anlagen im Untergrund von Paris und London zu installieren, scheint der Anspruch einer »zukunftsweisenden Technologie« etwas hochgegriffen, da dieses neuartige Verfahren kaum geeignet ist, die Medienlandschaft zu revolutionieren. Das Kino in der U-Bahn ist eine technische Spielerei, bestenfalls ein mediales Kunstwerk, da die praktische Anwendung sehr eingeschränkt ist und keine neuen Märkte eröffnen wird. Außerdem drängt sich unausweichlich die Frage auf, warum man statt dessen nicht einfach ganz normale Bildschirme in den U-Bahn-Wagen aufgehängt hat, auf denen sich ohne größeren technischen Aufwand sogar während der gesamten Fahrt Filme zeigen ließen. Vermutlich weil ein derartiges »Projekt« kein solches Aufsehen, sondern eher die Verärgerung mürrischer Zeitgenossen erregen würde, die sich in ihrer U-Bahn-Lektüre gestört fühlen. [bk]
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