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| ALIEN CONTACT 63 |
| Science Fiction > Alien Contact | Interview |
| »Ich habe die
Zukunft des Horror gesehen, und ihr Name lautet Clive Barker.« Mit diesem euphorischen
Satz bedachte Stephen King in den 80er Jahren den Autor der Bücher des Blutes,
und er sollte Recht behalten: Wie kaum einem anderer Schriftsteller ist es Barker
gelungen, die phantastische Literatur und den phantastischen Film zu beinflussen. Dirk Lang hat ihn für ALIEN CONTACT in seiner Villa in Beverly Hills, Hollywood besucht und einen Mann kennen gelernt, der freundlich und ausführlich auf seine Fragen antwortete. |
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| AC: In
deinem neuen Buch Coldheart Canyon hast du geschrieben, dass es in Los Angeles
weder Kunst noch den Versuch gibt, Kunst zu produzieren. Wie siehst du dich selbst? Bist
du ein Künstler, eine Hure, ein Lügner oder ein Sünder? Clive Barker:
[lacht] Da steht ja viel zur Auswahl. Meiner Meinung nach ist es sehr schwer,
beim kommerziellen Kino einen Anspruch auf Kunst erheben zu wollen. Weil ich sehr
unterschiedliche Kunst in den verschiedensten Medien produziere, gelange ich selten an den
Punkt, an dem ich mich gleichzeitig als Künstler und auch als Hure fühle. AC: Was genau verstehst du unter dieser »Wildnis«? Deine vielen seltsamen Ideen legen nahe, dass du vom Bereich des Metaphysischen sprichst? Barker: Ich glaube, dass diese Dinge Geschenke aus anderen Bereichen des Geistes, des Intellekts sind. Ich glaube, dass es in gewissem Sinne meine Aufgabe ist, den Weg für das freizugeben, was auch immer von dort auf die Buchseite fließt. AC: Was nimmst du zuerst wahr? Ist es ein Bild? Barker: Ja. Ziemlich oft ein Wort oder ein Reim. Die Anfangsworte von Das
Sakrament: »Jede Stunde birgt ihr Geheimnis«, der gesamte Absatz kam nahezu in
seiner Gesamtheit zu mir. Doch fast augenblicklich folgte das Bild von Will, wie er von
einem Eisbären angegriffen wird. AC: Entwickelst du ein Konzept für eine Geschichte oder schreibst du einfach weiter? Barker: Nein, ich warte. Wenn ich erst mal ein Bild aus meinem Kopf hervorgekramt habe, kommen Stück für Stück andere Dinge hinzu. Was die Treibjagd auf dieses Tier anbelangt als mir klar wurde, dass dies eine Geschichte über die Wildnis, eine Geschichte über etwas am Rande unserer Welt, über einen Eisbär werden würde, war mir sofort klar, dass es einen homosexuellen Protagonisten geben würde. [lacht aus vollem Hals] AC: Wie bitte? Barker: Na ja, wir haben das Bild eines aus der Welt verstoßenen Eisbären, der in der Wildnis lebt. Schwule Männer und Frauen machen es genauso. AC: Gibt es in Los Angeles Probleme, offen schwul zu leben? Barker: Wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, kommt es mir so vor, als würden uns die Leute anstarren. Stimmt doch, Baby? Also starren wir zurück. AC: Meinst du, dass die Leute Angst vor dem Schwulsein haben? Barker: Na, klar! AC: Glaubst du nicht, dass es da eher darum geht, dass ihr »gemischtrassig« seit? Barker: Auch das ist ein großes Problem für die Leute. AC: Sagen euch die Leute denn ehrlich ihre Meinung, wenn sie ein Problem damit haben, dass ihr euer Schwulsein offen lebt? Barker: Nein, sie gucken nur. Menschen können ihre Schwingungen an andere Menschen aussenden. Wir leben in Hollywood. Folglich ist die Welt nicht so, wie wir sie gerne haben würden. AC: Weil du gerade Hollywood erwähnt hast, lass uns doch noch mal auf Coldheart Canyon zurückkommen. In dem gekachelten Raum, den du »Devils Country« nennst, ficken alle wild durcheinander ... Barker: [flüstert] ... aber sie ficken im Verborgenen. AC: Das ist also deine Vorstellung von L.A.? Barker: Völlig richtig ... »Devil´s Country«. Alles passiert ganz verlogen im Verborgenen. Als wir versucht haben, das Geld für »Gods And Monsters« aufzutreiben, haben wir uns zuerst an die schwulen Produzenten gewandt, weil es ein schwuler Film war und wir drei Millionen Dollar brauchten. Wir dachten, dass wir uns einfach an ein Studio wenden könnten, das voller schwuler Männer ist. Aber sie sagten nur: »Dieser schwule Film interessiert uns nicht.« Dieselben Typen, die herumficken, ihre Freunde haben, in die Saunen gehen und die man manchmal in den Kneipen trifft. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. AC: Wie war das denn mit den Schauspielern? Hattet ihr ursprünglich andere Schauspieler vorgesehen? Barker: Hatten wir. Es gab großartige Rollen, aber unglaublich viele Leute haben uns wegen des schwulen Themas abgesagt. Klar, Ian [McKellen] war großartig, und wir wollten ihn von Anfang an. Aber sogar er war nicht ganz so leicht zu überzeugen, weil er der Meinung war, der Film sei nicht schwulenfreundlich genug. AC: Vor kurzem hast du einen Vertrag mit Disney abgeschlossen. Gerade hat Publishers Weekly prophezeit, dass du in jedem Haushalt bekannt werden wirst, sobald die Abarat-Chroniken veröffentlicht worden sind. Haben deine Geschäftspartner bei Disney versucht, dich in eine bestimmte Richtung zu drängen? Barker: Bislang noch nicht. Das könnte sich ändern, wenn das Buch erscheint, wenn der Film anläuft, aber bislang haben sie noch nichts gesagt. Ich glaube, sie sind sehr respektvoll. Sie wissen wohl, was sie da bekommen haben. Weißt du, ich habe klar und deutlich meine Meinung gesagt.. Ich werde nicht nachgeben. Ich werde nicht sagen: »Ich bin nicht schwul.« AC: Mit deinen oftmals gewalttätigen Inhalten stehst du ja nun ganz und gar nicht in der Tradition Disneys. Wie passt das zusammen? Barker: Tja, das weiß ich nicht. Nun, es passt auch nicht, bis man die Gemälde sieht. Wenn man die Gemälde sieht, weiß man, dass sie mit Sicherheit ein Bestandteil der Disney-Welt sind. Tatsächlich gibt es inzwischen keinen einzigen Clive Barker mehr, so wie es keinen einzigen David Armstrong gibt. Wir sind alle aus sehr unterschiedlichen Einzelteilen zusammengesetzt. Meiner Meinung nach besteht eine der Aufgaben eines Künstlers darin, sich trotzig gegen die Einordnung in Schubladen zu wehren, nicht selbst zu sagen: »Okay, du bist dies, du bist dies, du bist dies.« Schau mal, du bist hier in diesem Land mit deinen Zeichnungen, deiner Schriftstellerei und mit der Photographie. Du bist ganz offensichtlich nicht nur eine Sache. David ist nicht eine Sache. Ich bin nicht eine Sache. Ich bin ein sehr düsterer, abgedrehter Autor von Horrorgeschichten, aber ich bin gleichzeitig auch der Kerl, der Geschichten über sterbende Hunde schreibt, die einem Propheten die Tränen in die Augen treiben. AC: Macht es dir etwas aus, dass du Menschen Alpträume bereitest? Barker: Die Leute können das Buch zur Seite legen. Ich zwinge sie nicht, die Bücher zu lesen. AC: Ich würde gern noch mal auf den Punkt zurückkommen, als du sagtest, dass du deine Inspiration von irgendwo dort draußen beziehst. Was für ein Ort ist das? Gibt es dort eine Hölle oder einen Gott? Barker: Es gibt sicherlich einen gestaltenden Geist, womit ich meine ... in dem Buch Auf den Spuren der Engel von Peter L. Berger versuchte Berger einen Beweis dafür zu finden, warum es uns möglich sein sollte, Gott in der Welt zu erkennen, ohne ihn unbedingt zu sehen. Eines der Argumente, die er anführt, war die Schönheit, die in der Welt allgegenwärtig ist. AC: Wenn man die Umgangsweise einiger Menschen miteinander betrachtet, hat man nicht den Eindruck, als gäbe es viel Schönheit. Barker: Ich denke, es ist leicht, zynisch zu sein. Angenommen, wir hätten hier vor 130 Jahren gesessen, na ja, wir wären nicht hier, also sagen wir in Berlin oder in London, dann hätten wir Zugang zu den allerschrecklichsten Grausamkeiten gehabt. Hundekämpfe waren weit verbreitet. An jedem Wochentag hätte man bei öffentlichen Enthauptungen zuschauen können. Wenn man den Hügel hinaufgewandert wäre, hätte man Köpfe auf Pfählen gesehen und die in Käfigen verwesenden Körper der Kriminellen. Ich weiß nicht, ob das auch die Zustände in Deutschland waren. Wir sind eine viel zivilisiertere Gesellschaft geworden, als wir das früher waren. Ich bin nicht bereit, der üblicherweise vertretenen Behauptung beizupflichten, dass wir uns zu missratenen Gewalttätern entwickelt hätten. Ich denke, wir entwickeln uns beständig weiter. Noch bis 1958 war Homosexualität in meinem Land, in England verboten. Verboten! Also unabhängig davon, was sonst noch zu sagen wäre, hat es Veränderungen gegeben. Wenn man beobachtet, was in Afghanistan vor sich geht, wenn man die Beschaffenheit der Welt an anderen Orten betrachtet Frauen, die ihre Gesichter nicht zeigen dürfen, Homosexuelle, die öffentlich aufgehängt werden, erkennt man, wie zivilisiert wir im Vergleich zu dem sind, was wir einmal waren. Ich glaube, dass wir kontinuierlich zivilisierter geworden sind. AC: Nach den Anschlägen vom 11. September stellt sich die Frage, ob die Menschen noch von Büchern und Filmen mit gewalttätigem Inhalt unterhalten werden wollen. Barker: Nun, ich denke, dass ein Unterschied zwischen Realität und Unterhaltung besteht. Was wir als Unterhaltung ansehen, werden wir auch weiterhin als Unterhaltung ansehen. Als David und ich in der Halloween-Nacht ausgegangen sind, sind die Menschen so sehr auf Halloween abgefahren, mit all den Totenmasken, als ob sie sich mit den Bildern des Todes möglicherweise sogar stärker als sonst auseinander setzen müssten. AC: Glaubst du als Erfinder vieler Welten an ein Leben nach dem Tod? Wenn das so sein sollte, was erwartest du, dort vorzufinden? Barker: Ich bin mir sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich denke, dass die Art und Weise, wie wir unser Leben in dieser Welt leben, die Reise in dieses jenseitige Leben beschleunigen wird. Ich denke, dass diese Welt die Vorbereitung auf etwas Größeres und Besseres ist - die Welt, die wir gelegentlich in unseren Träumen kennen lernen, jene Träume, aus denen wir erwachen, und feststellen, dass wir an einem außergewöhnlichen Ort waren ... Ich glaube, wir besitzen die Fähigkeit, an diese außergewöhnliche Sache zu glauben. Ich glaube, dass unsere Imaginationskraft als Vorbereitung auf diese Welt existiert. AC: Gehst du davon aus, dass du die Welten durchwandern wirst, die du erschaffen hast? Barker: Ja, ich kann mir absolut vorstellen, dass die Welten deiner Vorstellungskraft und meiner und Davids auf irgendeine Art unser Leben nach dem Tod vorwegnehmen, und dass jenes Leben nach dem Tod, unser persönlicher Himmel, könnte man sagen, bis zu einem gewissen Punkt von den Träumen geformt wird, die wir in unserem Leben haben. AC: Hast du Angst davor, den Figuren zu begegnen, die du erfunden hast? Barker: Nein, sie gehören zu mir. Sie sind meine Babys, sogar die bösen. Nein, davor habe ich keine Angst. AC: Wenn du etwas erschaffst, durchwanderst du dann tatsächlich diese Welten? Barker: Ich gehe völlig in dem auf, was ich schreibe. Während ich schreibe, weine ich, habe Spaß an den schlimmen Stellen, bin ekstatisch bei den glücklichen Stellen und verschwitzt bei den geilen Stellen. Wenn ich schreibe, fühlt sich das realer als das Leben an. Manchmal, wenn das Werk so gewaltig ist wie Imajica, kann es mich fast überwältigen, es macht mir beinahe Angst. AC: Wenn du von deiner Arbeit so in Anspuch genommen bist, fällt es dir dann schwer, dich davon zu lösen und mit der realen Welt und den Menschen, die du liebst, wieder in Kontakt zu treten? Barker: Nun, darauf kann nur David eine ehrliche Antwort geben. Nein,
ich denke, wenn mein Tagewerk beendet ist, kann ich mich ziemlich gut wieder auf anderes
konzentrieren. Den ganzen Tag über zu malen, war in gewisser Weise sehr erschöpfend,
aber hier sitze ich, jetzt, in diesem Augenblick, und rede klar und verständlich mit dir.
[an David gewandt] Baby, wenn ich meine Romane schreibe, bin ich nach
vollbrachter Arbeit doch für dich da, oder? AC: Noch eine Frage zu Coldheart Canyon: Hast du noch Freunde in dieser Stadt? Barker: [Ziemlich obszönes Lachen] Nach dem Feedback zu urteilen, das ich bislang erhalten habe, glaube ich, dass viele Leute große Befriedigung aus der Tatsache gezogen haben, dass mal jemand tatsächlich ein paar Dinge beim Namen genannt hat. Sogar unter den Kritikern gab es einige, die behaupteten, sie wüssten, wer sich hinter jeder einzelnen Figur im Buch verbirgt. Also dachte ich: »Ich frage mich wirklich, ob ihr wisst, wer diese Leute sind.« Denn ich weiß ja, wer sie sind. Als ich meinem Verleger den ersten Entwurf gab, war noch viel offensichtlicher, wer sie sind, weil die physische Ähnlichkeit sehr viel deutlicher war. Es gab eine physische Ähnlichkeit mit einem sehr bekannten Menschen. Also sagten meine Verleger: »Das müssen Sie alles ändern, sonst haben Sie eine Klage am Hals.« AC: Hast du, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Reaktion von Faye Dunaway erhalten? Barker: Nein, Faye Dunaway ist als sehr schwieriger Mensch bekannt. Und es ist nun mal so, dass sie im Buch sehr nett rüberkommt. Die Leute könnten eher mit anderen Figuren Schwierigkeiten haben - mit den Menschen, die in Wirklichkeit hinter Todd Pickett und Maxine und dem Produzenten stecken. AC: Wenn du schon vom Produzenten redest. Hast du jemals beim Schreiben an David Geffen gedacht? Barker: [Lacht] Das kann ich dir nicht sagen. Damit würde ich mir einen Prozess einhandeln. AC: Das ist genau die Antwort, die ich hören wollte. Falls dieses Buch jemals verfilmt werden sollte, besteht dann die Chance, dass Sigourney Weaver, Brat Pitt und Tom Cruise sich selbst darstellen? Barker: Hast du »The Player« von Robert Altman gesehen? Ich würde diesen Film gern im Stil von »The Player« machen. Das wäre großartig. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das auf diese Art geschieht, ist sehr gering. Es ist wirklich interessant, dass die Studios eine ausgesprochen ablehnende Haltung einnehmen. Die größte Schwierigkeit besteht im sexuellen Inhalt. Sie finden ihn einfach überwältigend und zu stark. AC: Würdest du Kompromisse machen? Barker: Natürlich. Also wirklich, überleg mal! In keinem Film wird es eine Szene geben, in dem eine Schauspielerin ihre zum Auspeitschen bereite Muschi präsentiert. AC: Aber den sexuellen Inhalt wirst du nicht völlig ignorieren können. Er ist nun mal ein wichtiger Bestandteil des Buches. Barker: Nun, es gibt Mittel und Wege. Hollywood hat seine eigene Art gefunden, unterkühlte Sexualität zu zeigen, damit wir zumindest wissen, was vor sich geht. Vielleicht hast du den neuen David-Lynch-Film gesehen. Er zeigt auf gelungene Art und Weise die Atmosphäre und die Idee von Sex, ohne unbedingt ins Detail zu gehen. Was mich unter anderem wirklich überrascht hat war, wie wütend die Leute über den sexuellen Kram gewesen sind und warum viele Kritiker das Buch als widerlich, eklig und dreckig bezeichnet haben. Ich vermute, dass meine Ideen etwas merkwürdig sind, weil es für mich nicht besonders widerlich war. [lacht] AC: Eine letzte Frage. In Coldheart Canyon hast du geschrieben: »Man selbst zu sein ist schwer.« Wie lange hast du dazu gebraucht, dich selbst zu finden? Barker: Das ist ein fortlaufender Prozess. Ich glaube, David hat mir
beigebracht, mehr ich selbst zu sein. Die Engländer verstehen sich gut darauf, Dinge zu
verbergen. Wir verstecken häufig unsere Gefühle. Aber so sind wir nun mal erzogen
worden. Wenn wir wütend sind, zeigen wir es nicht; wenn wir traurig sind, zeigen wir es
nicht. David zeigt Gefühle. AC: Bedeutet das, dass du dich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückziehen wirst? Barker: Ja, ich möchte gerne dort sein, wo Thomas Harris jetzt ist. AC: Fühlt sich dieses Haus für dich wie ein Gefängnis an? Barker: Nein, für mich ist es kein Gefängnis. Dies alles ist wunderbar. Letzte Woche musste ich nach draußen, um einige Verträge abzuschließen, und war froh, als ich wieder zurück war. Weißt du, hier ist alles David, die Tiere ... AC: Würdest du David als deinen Seelengefährten bezeichnen? Barker: Oh, ganz bestimmt. Stimmt doch, Baby, oder? Wie gehts dir? Interview & Übersetzung: Dirk Lang |
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