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| Eine überzeugende Variante der Theorie des unterbrochenen Gleichgewichts | Folge 8 ALIEN CONTACT 47 |
| Science Fiction > Alien Contact > Gefählich Ehrlich | Buch-Tips |
| Auf dem Klappentext des Umschlags des Leseexemplars der
britischen Ausgabe von Greg Bears neuem - und mit über 500 Seiten ausgesprochen
umfangreichem - Roman hat sich jemand einen Schnitzer geleistet. Dort taucht in der kurzen
Autoren-Biographie der Satz auf: »Im Alter von 16 Jahren hat er seine erste Science-Fiction-Geschichte
veröffentlicht.« Diese Feststellung mag richtig ein (Greg Bear hat sehr jung
angefangen); der Schnitzer besteht - aus der Sicht der Imageberater der britischen Filiale
des Verlags Harper Collins - darin, Science Fiction überhaupt zu erwähnen. Nirgendwo
sonst in der Beschreibung von Das Darwin-Virus findet man jenen gefürchteten
Begriff. An anderer Stelle im Klappentext erfahren wir, dass die angemessene
Gattungsbezeichnung für dieses Buch »Missing-Link-Thriller« lautet. Dieser Gattungsunterscheidung scheinen zum vollständigen Genom ein paar Bindeglieder zu fehlen - aber hoffen wir, dass sie leistet, worin vermutlich ihre Aufgabe besteht: das Werk in den Regalen der Buchhandlung ganz nach vorne zu drängen. Das hätte es verdient. Nichtsdestotrotz ist der Der Darwin-Virus eine echte SF-Geschichte mit einigen anderen Zutaten: Bestseller, Katastrophen-Roman, Missing-Link-Thriller, Geschichte-über-den-weise-das-Ende-der-Welt-abwägenden Präsidenten. Zeitweise sieht es so aus, als würde das alles nicht zusammenpassen. Einige Dutzend Seiten beschäftigen sich ausgiebig mit dem geradezu pornographischen Aufspüren der Pheromone in den Korridoren der Macht; aber die kognitive Stoßkraft von Bears auf Hochtouren laufendem Verstand macht ziemlich bald kurzen Prozess mit den unappetitlicheren Motiven, die innerhalb dieses Genres obligatorisch sind. Von dieser Schutzschicht befreit, entpuppt sich Der Darwin-Virus als die vielleicht treffendste und überzeugendste SF-Variante der Theorie des unterbrochenen Gleichgewichts. (Ganz kurz: Dabei handelt es sich um jenen kleinen Zusatz zur Evolutionstheorie, den Stephen Jay Gould vorgeschlagen hat und der behauptet, dass die Evolution tendenziell in Schüben stattfindet, die durch verschiedene äußere Einwirkungen ausgelöst werden, katastrophale Ereignisse eingeschlossen.) Diesbezüglich gibt es zwei Argumentationsstränge, die beide ganz grob mit den beiden Handlungssträngen auf den ersten hundert Seiten übereinstimmen: die parallel verlaufenden Geschichten von Mich Rafelson, einem unabhängigen Wissenschaftler, der auf eine Neandertaler-Tragödie stößt, und von Kay Lang, der etablierten Wissenschaftlerin, die das Auftauchen des SHEVA vorausgesagt hat - eines Retrovirus, der schon zum menschlichen Genom gehörte, bevor wir Menschen waren, und der plötzlich (und wie es scheint, mit verheerenden Folgen) kurz nach dem Jahr 2000 reaktiviert wird. Michael hat in den europäischen Alpen eine prähistorische Familie entdeckt: eine Neandertaler-Frau, die ermordet wurde; einen Neandertaler-Mann, der starb, während er ihr zu Hilfe kommen wollte; und einen Homo-sapiens-Säugling. Es stellt sich heraus, dass der Säugling wirklich das Kind des Neandertaler-Paars ist. Weder ist es einfach, das zu beweisen, noch diesen revolutionären, geradezu schaurigen Beweis der Theorie des unterbrochenen Gleichgewichts einer wissenschaftlichen Welt aufzuzwingen, die sich nicht von alten Paradigmen lösen kann. Daraus entsteht viel Dramatik und Melodrama. Bear hält sich an Ersteres, sofern ihm der »Missing-Link«-Retrovirus, mit dem er seine Geschichte überzogen hat, um fremde Abteilungen in den Buchhandlungen zu erobern, das gestattet. Unterdessen sieht sich Kay gezwungen, an ihre gescheiterte Karriere als forensische Pathologin zurückzudenken. Diese Erinnerungen suchen sie heim, weil sie immer mehr mit dem SHEVA zu tun hat - ein Retrovirus, das »horizontal zwischen Menschen übertragen werden kann. Sie nennen es Scatterd Human Endogeneous Retrovirus Activation oder kurz SHERVA. Das R haben sie aus dramaturgischen Gründen weggelassen ...« (S. 81) Entweder deformiert dieses Retrovirus die Föten schwangerer Frauen oder schwängert Frauen mit Ungeheuern - oder beides. Das Grauen wird noch dadurch verstärkt, dass all diese Schwangerschaften mit Fehlgeburten enden. Vorläufig. Für jeden SF-Leser, vielleicht auch für jeden Leser in jüngster Zeit, ist die Verbindung zwischen den beiden Handlungssträngen einigermaßen offensichtlich: Die Schuld am toten Homo-sapiens-Säugling in den Armen der Neandertalerin liegt eindeutig bei SHEVA. SF-Leser erkennen darin den gleichen Erzählkniff, den sich Arthur C. Clarke für den seligen Stanley Kubrick in 2001 - Odyssee im Weltram ausgedacht hat, als der Monolith im Prolog des Films den Affen mit einem Ruck versehrte Intelligenz verleiht. SHEVA ist also wieder im Einsatz und versucht, einen neuen Muster-Homo-sapiens zu schaffen, der in der Lage ist, mit dem neuen Jahrtausend fertig zu werden. Mit viel Geschick gelingt es Bear, dies darzulegen und den Augenblick viele Seiten lang hinauszuzögern, bis andere als Mich und Kay - die zu diesem Zeitpunkt ein Verhältnis miteinander haben - die Zusammenhänge verstehen. Die beiden haben so ziemlich den besten Sex miteinander, der mir in einem Jahrzehnt (oder mehr) voller SF-Romane mit Sex in großen Mengen begegnet ist. Bear hat eine ungewöhnlich feine Nase für die Gerüche in jedem Stadium des Geschlechtsverkehrs, und seine fortlaufende, durch Beispiele belegte Analyse der Bedeutung von Sex für seine Protagonisten und der übergeordneten Geschichte ist ausgesprochen scharfsinnig. Im weiteren Verlauf von Das Darwin-Virus arbeiten wir uns - erfolgreich - durch die unterschiedlichsten Standardsituationen: wütende Menschenmengen, die in Panik geraten, weil sie davon überzeugt sind, dass SHEVA ein Werkzeug des Antichrist ist; ineffektive Maßnahmen der Regierung; weiser Beistand von Seiten der indianischen Urbevölkerung in einem Augenblick großer Gefahr für Kay und ihr Kind, das (als Leser des Romans wissen wir das) gesund und munter auf die Welt kommen wird; Streitereien und Panaronia und kleine und große Triumphe. Das Darwin-Virus ist ein aufregendes, durchdachtes, überzeugendes Buch. Es liest sich zügig. Das einzige Problem mag für einige Leser im offenen Ende bestehen, das allzu gnadenlos den Weg für eine Fortsetzung pflastert. Mein Problem besteht darin, dass ich diese Fortsetzung jetzt lesen möchte. Erstveröffentlichung im Internetmagazin SCIENCE FICTION
WEEKLY #109
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