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| Ich habe mich
angemessen verspätet. Von der Begründerin einer neuen Teildisziplin erwartet niemand
pünktliches Erscheinen. Kurz vor Betreten des Festsaals ein Zupfen am Saum des
schulterfreien, kleinen Schwarzen, ein letztes Sortieren der echt brünetten Locken. Ich
bin so perfekt wie nur irgend möglich. Der Tanz kann beginnen. Links vom Eingang, sortiert in ordentlich überschaubaren und durchweg verkrampften Gesprächstrauben, die Damen und Herren aller Fächer, die Philologen, Geologen, Philosophen, Mediziner, Theologen, Pädagogen - appetitlich verpackt in Smokings und knapper Seide. Man nickt sich freundlich zu. Und siehe da: Nina steht im westlichen Zentrum aller Aufmerksamkeit. Östlich steht ja auch das Rednerpult. Das goldene Haar im Strähnchenlook, das beiderseits tief ausgeschnittene Paillettenkleid noch goldener im Grundton. »Wie eine Sonne sehen Sie heute abend aus«, sülzt Ansorge, mein Chef und einer der sechs aktuellen Verehrer, die sich für eine solche Zurschaustellung maskulinen Interesses nicht zu schade sind. Die anderen Herren registrieren mich, erwägen zum Teil eine Kursänderung, bis sie sich von meinem akademischen Gewicht einschüchtern lassen, als wären es sichtbare Pfunde. Nina, die man nach all dem Hin und Her nun doch mit »Frau Doktor« ansprechen muss. Oh, ihr Studenten männlichen Geschlechts - was kommt da auf Euch zu! Auch wir nicken uns freundlich zu, überspielen lächelnd die Konkurrenz auf den Feldern der Wissenschaft und der Lust. Ich weiß, wie sie tuscheln werden, wenn ich vorbei bin. »Schau an, die Frau Hondrachek. Sie ist ja schon irgendwie brillant, sieht auch gut aus, aber immer so abweisend, so ganz für sich, ich kann mir nicht helfen. Habe mir sagen lassen, sie steht sowieso eher auf ältere Semester...« Die offiziellen Reden zum Jubiläum der Universität sind längst gehalten. Staatssekretäre, Stadträte, Direktoren und Stiftungskuratoren haben längst begonnen, sich gegenseitig das Geld aus der Nase zu ziehen, sich zu charmieren, zu umgarnen, Posten zu verschachern, geheime Intrigen zu spinnen, in vollem Bewusstsein, dass sie an diesem Abend die Welt sind, die Mächte, die alles in Bewegung halten. Und mittendrin steht er, groß und schlaksig, mit hängenden Schultern und Kopf, den buttergelben Scheitel halb im Gesicht, das immer noch ganz gefüllte Champagnerglas auf Halbmast, aus wasserblauen Augen sehnsuchtsvoll nach Westen starrend. Er steht so ungedeckt, dass meine Annäherung nur absichtsvoll erscheinen kann. Was solls? Auf in den Kampf! »Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.« Als ob das ein unverzeihliches und offenbares Versäumnis wäre. Aber er lässt sich tatsächlich überrumpeln, erzwingt ein höfliches Lächeln. »Ricarda Hondrachek«, fahre ich fort. »Fachbereich 5.« »Oh«, macht er. Gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, dass meine hingehaltene Hand zum Schütteln da ist. Und er tut es etwas zu heftig, so als wäre ihm diese Sitte gänzlich unvertraut. »Degenhardt«, fällt es ihm schließlich ein, »Volker Degenhardt.« War doch gar nicht so schwer, hätte ich am liebsten geantwortet. Ruckartig, schüchtern und traurig wendet sich sein Blick wieder nach Westen. Die markante Adlernase so abrupt ins Profil gerückt zu sehen, erweckt den Anschein, als könne sie durch die Bewegung Wellen schlagen, als habe Volker Degenhardt vor, als nächstes im Sturzflug auf sein Opfer herabzustoßen. Ich lasse mich nicht ignorieren. Ich habe mein Programm. »Wie ich gehört habe, sind Sie Experte für lateinamerikanische Geschichte.« »Hm«, kommt es zurück. Endlich zwingt er sich, mich als Gesprächspartnerin zu betrachten. »Ja, insbesondere Peru vor der Eroberung durch die Spanier, das Inka-Reich.« Der Akzent ist seltsam, die Vokale gedehnt und an den unpassendsten Stellen mit einem angedeuteten »H« versehen, als wolle er ErHoberung sagen. Volker Degenhardt ein durch und durch teutonischer Name... »Wie interessant«, versichere ich. Seine Schultern sinken noch ein bisschen weiter. Die Standard-Erwiderung lässt ihn nicht auf ein schnelles Ende des Gesprächs hoffen. »Wie sind Sie gerade auf dieses Gebiet gekommen?« Stutzen. Ein schnelles nervöses Nippen am Glas. »Es ist auf mich gekommen, würde ich sagen.« Erstmals blitzten in seinen Augen Witz und Wachheit auf, ein Hauch von Selbstbewusstsein. »Gleich als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, kam mir das Reich der Inkas wie mein Zuhause vor.« Ein unerklärliches, sarkastisches Grunzen. Dann der Rückfall in die Pose wohlerzogener Unterhaltung. »Diese Kultur ist diszipliniert gewesen, hat sehr auf Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit gehalten, war bestens organisiert und fortschrittlich, offen gegenüber anderen Kulturen. Ihre Architektur war genial, Mode und Schmuck einfach, nüchtern aber elegant. Es gab Prunk und offen gezeigten Reichtum, aber nur in der Hauptstadt, nur zu bestimmten, passenden Anlässen. Glauben Sie nicht den Unsinn mit den Menschenopfern.« Er schüttelte den Kopf und streifte seine Umgebung mit einem geringschätzigen Blick. »Die gab es nur in absoluten Notzeiten, wenn sie sich gar keinen anderen Rat mehr wussten.« »Sie müssen mehr als jeder andere hier in der Lage sein, sich vorzustellen, wie ihr Leben damals gewesen ist.« Ein langer verblüffter, intensiver Blick, so als hätte ich mich gerade als die Reinkarnation von Ramses III. zu erkennen gegeben. »Tatsächlich habe ich vor, einen Roman darüber zu schreiben.« Diese Ankündigung hilft ihm, den Faden wieder aufzunehmen. »Einen historischen Roman?« »Einen Alternativweltenroman, Sie wissen schon, die Sorte, in der es darum geht, was passiert wäre, wenn Napoleon mit 12 an Syphilis gestorben oder Alexander der Große 120 Jahre alt geworden wäre.« »Wie wundervoll, die mag ich!« Eine schnelle Lüge. Ich muss weiter plappern, um zu verdecken, dass ich keinen einzigen Autor oder Titel kenne. »Dann geht es bestimmt darum, dass es die Inka-Kultur noch heute gibt.« »Ja, genau, sie ist über«, ein kurzes Zögern, »den...den Atlantik hierher gekommen, statt das wir nach Westen gegangen sind.« Keine Selbstbegeisterung, kein visionäres In-die-Ferne-Starren. Er ist traurig, während er von seinem Projekt erzählt. »Spannend! Wer steht im Mittelpunkt?« »Ein junger Meister der Erde. Wir würden Physiker dazu sagen.« »Ein Kollege von mir!« Verlegenes Lächeln »Ja. Er lebt genau hier, in der Zentralen Provinz von Atahuala.« Mein verständnisloser Blick bleibt nicht ohne Wirkung. »So habe ich diesen Kontinent hier bezeichnet. Der zehnte Sapa Inka, also Herrscher, teilte das ursprüngliche Reich einstmals unter seinen Söhnen Huascar und Atahualpa auf, wobei Huascar den Thron in Cuzco und Atahualpa ein kleineres Stück im Norden erhielt. So blieb es, bis Atahualpa das Reich mit Gewalt wieder vereinte. Das war 1532, rund hundert Jahre bevor die Inkas zu ihren Eroberungszügen jenseits des Atlantiks aufbrachen, 60 Jahre, bevor sie den Chinesen das Schießpulver stahlen. Nachdem sich das von den Inkas eroberte Europa vom Mutterland losgesagt hat, erinnert man sich an diese Episode und nennt es Atahuala, oder Das Kleine Reich. Das Mutterland wird Huascala oder Das Große Reich genannt. Es fällt wirtschaftlich bald hinter Atahuala zurück, schon allein, weil es sich mit der Eroberung Nordamerikas übernommen hat. Die Inkas von Atahuala steigen über die Jahrhunderte zu den Herren der Welt auf. Sie nehmen ihren Sitz erst in London, dann Paris, und bleiben schließlich hier, in Frankfurt, weil in der Paulskirche die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurden. Die sollten ja theoretisch Herrscher ganz Europas sein. Die Inkas haben überall geschickt die Gebräuche anderer Kulturen ausgenutzt, schon in Peru. Sie nennen Frankfurt in ihrer Sprache bald Stadt der nördlichen Sonne. Sie legen rundherum Terrassenfelder an, wie schon um andere Städte, ziehen ein rasterförmiges Straßennetz über das ganze Land, stellen Sonnentelegrafen auf, reformieren die Landverteilung, das Heer, Rechtsprechung und Verwaltung. Sie fügen die Erfindung des Mörtels ihrer Baukunst hinzu und errichten prachtvolle Sonnentempel. Die Ernteerträge steigen. Das ganze Reich funktioniert viel besser als vorher. Bald sprechen alle Kinder die Sprache der Inkas. Nur in Gegenden, die schon vor der Eroberung nicht sehr zivilisiert waren, regt sich weiter Widerstand - in Irland, Spanien, Bayern, dem östlichen Russland.« »Phantastisch, wie Sie sich das alles ausgedacht haben! Und was macht nun ihr junger Physiker, der ... äh ... Meister der Erde in dieser Welt?« »Er ist verliebt.« Ein entschuldigendes, jungenhaftes Lächeln. »Jeder ist das ja wohl mal. Es ist wohl nicht besonders originell, auch in seiner Welt nicht, wenn man bedenkt, in wen er sich verliebt hat.« »In wen?«, frage ich artig. »In eine Sonnenjungfrau.« Er hält inne, als sollte mir das etwas sagen. Tut es aber nicht. »Sie haben in Klöstern gelebt, könnte man sagen. Sie fertigten weiter die feinsten Stoffe für die Gewänder des Sapa Inka und des Hochadels an, die Vicuna-Wolle. In Zeiten der Massenproduktion war das nur noch eine rituelle Handlung. Es wäre nicht notwendig gewesen, dass der Herrscher sie für sich alleine reklamiert.« Eine Bitterkeit hat sich in seine Stimme geschlichen, die mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun haben kann. »Sie sieht bestimmt sehr gut aus, sehr, wie soll ich sagen exotisch.« »Gut ja, aber exotisch eher nicht. Sie ist blond und damit bei den Inkas sehr angesehen, weil sie diese Haarfarbe als Geschenk des Sonnengottes Inti betrachten.« »Blond?« »Ja, sie sind beide blond etwas konventionell, fürchte ich. Sie ist eine reinblütige Einheimische, die wegen ihrer Schönheit zu Privilegien gelangt. Er ist ein Mischling, entstanden aus der Verbindung von Einheimischen mit Nachfahren der Eroberer.« »Dann muss er ja so aussehen wie Sie. Sie haben ja auch eine ziemlich indianisch anmutende Adlernase.« Ein kurzes Lachen, das in Traurigkeit verebbt. »Ja, so könnte man sagen. Auf jeden Fall kann er sie nicht erreichen. Selbst wenn sie keine Sonnenjungfrau wäre, würde sich immer noch jemand aus dem Adel sein Vorrecht sichern. Dagegen hat er keine Chance. Er ist in einem Ayllu geboren worden.« »Einem was?« Leichtes Seufzen. »Es handelt sich um eine autark lebende Sippe, die gemeinschaftlich ein Stück Land bebaut. Ein Drittel der Erträge ist für sie selbst, ein Drittel für den Sapa Inka und ein Drittel für den Kult, also die Kirche. Von seiner bäuerlichen Herkunft her ist er streng von adeligen Töchtern getrennt, und wenn er noch ein so guter Physiker ist. Also schließt er sich einer Reformbewegung an.« »Einer Verschwörung?« »Einer offenen Verschwörung. Die Bewegung besteht aus jungen Wissenschaftlern, Kaufleuten und Handwerkern, neue bürgerliche Stände, die über keinen politischen Einfluss verfügen aber zu wirtschaftlicher Bedeutung gelangt sind. Sie rebellieren gegen die starren gesellschaftlichen Strukturen.« »Eine alternative französische Revolution.« Seine Augen blitzen. »Wenn Sie so wollen. Mein jugendlicher Held versorgt die Aufständischen mit wichtigen neuen Erfindungen, die er eigentlich im Auftrag des Sapa Inka entwickelt hat: automatische Schusswaffen, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, motorisierte Flugzeuge. Bis dahin wurden nur lenkbare Ballons verwendet.« »Der Aufstand gelingt, und die beiden können heiraten.« Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. »Er gelingt zwar, aber die Folgen sind viel blutiger, als er sich das vorgestellt hat. Und sie...« Ein brüsker Zug aus dem Glas, ein Blick westwärts, voller Zynismus und Verachtung. »Sie hat sich einen Gesandten des Großen Reiches ausgesucht, einen öligen Diplomaten aus dem guten alten Cuzco, einen echten Inka, groß, muskulös, dunkel, geheimnisvoll und dennoch völlig oberflächlich. Er hätte nicht gedacht, dass sie sich bis zuletzt derart systemkonform verhalten würde. Aber damit hat es ja auch nicht unbedingt etwas zu tun.« Ein weiteres Nippen am Glas. Langes düsteres Schweigen. »Und das ist das Ende?« »Oh, nein«, sagt er hastig. Meine Enttäuschung erinnert ihn scheinbar an Dinge, die für ihn schon längst selbstverständlich sind. »Er besinnt sich auf das Projekt, dem er sich in seiner wissenschaftlichen Karriere hauptsächlich verschrieben hat, ohne Genehmigung durch den Sapa Inka.« »Und das wäre.« »Genau wie die Inkas selbst war er von der Sonne fasziniert.« Stimme und Gesichtsausdruck nehmen jetzt eine professionelle Ernsthaftigkeit an. »Er untersuchte den Einfluss des solaren Energiefeldes auf Raum und Zeit. Er benutzt physikalische Untersuchungsmethoden genauso wie Sonnenmeditationen. Es gelingt ihm, die Sonne, die ja ein lebendiges Wesen ist, auf quasi telepathischem Wege zu erkunden. Er kennt sie bald besser als die offiziellen Priester des Kultes.« »Wozu das alles?« »Das will ich Ihnen sagen.« Der Blick fällt ins Glas, das er in kleinen, elliptischen Bewegungen hin und her schwenkt. »Er kann in der Meditation einen Punkt erreichen, an dem er Zugang zu allen vergangenen Ereignissen hat. Und er kann sie manipulieren. Schon für die Revolution erweist sich das als nützlich, wenn er so ausspioniert, welche Befehle der Sapa Inka seinem Heer gegeben hat. Aber schon bald ist er viel weiter.« »Wie weit?« Wieder dieses Herumdrucksen, der Blick auf die hin und her schwappende Oberfläche im Champagnerglas. »Er gibt einem gewissen Christopher Columbus die Idee ein, einen neuen Seeweg nach Indien zu suchen.« Aufblicken vom Glas, mit einem bedeutungsvollen Starren. »Verstehen Sie, er wäre sonst nie auf die Idee gekommen, zu fahren, und die Spanier wären den Inkas mit der Überquerung des Atlantiks nie zuvor gekommen. So aber kommt am Ende kein gutaussehender Inka nach Atahuala, um ihm seine Angebetete wegzuschnappen. Der sitzt jetzt wahrscheinlich irgendwo in den Anden und backt Maisbrote. Dafür verschuldet mein Held aber auch den Untergang des ganzen Großen Reiches. Er lässt es geschehen, dass so ein hergelaufener Idiot namens Pizarro eine ganze Zivilisation mit lächerlichen 150 Mann überrennen kann.« Ein tiefer Zug aus dem Glas, ein zorniger, kopfschüttelnder Blick in die Menge, als könnte er den fiktiven Übeltäter dort finden und zur Rede stellen, als wäre das alles gar nicht fiktiv. »Er vernichtet für sie eine ganze Welt.« »Ja!« Es kommt nur noch gehaucht. »Tja, wir müssten ihrem Helden wohl dankbar sein, wenn es so gewesen wäre.« Das überrascht mein Gegenüber. Degenhardt nimmt schnell einen letzten Zug aus dem Glas. »Sie können ja in einer Ihrer Kirchen eine Kerze für ihn stiften«, meint er schließlich. »Einer Synagoge, wenn schon«, erwidere ich. »Wissen Sie«, ich sollte vielleicht auch einen Roman schreiben, genau wie Sie.« Er ist nicht interessiert, reißt sich aber zusammen. »Worüber?« »Ich denke, es sollte ein Krimi sein. Vielleicht kann ich mir Ihre Hauptperson ja ausleihen. Er würde sich furchtbar gut als Täter machen.« »Wieso das?« Noch kein Unbehagen. »Er bleibt doch übrig, nachdem sich die Weltgeschichte verändert hat?« »Ja, er ist sogar der Einzige, der weiß, dass sie sich geändert hat.« »Jetzt stellen Sie sich vor, wie er versuchen muss, in unserer Welt zurecht zu kommen. Er braucht ja schon allein Jahre, um Deutsch zu lernen, ganz zu Schweigen von unseren technischen Zuständen.« Jetzt ist das Unbehagen da. »Ja, sicher, dass muss er erst alles lernen und begreifen. Er muss quasi ein neuer Mensch werden.« »Faszinierend, nicht wahr? Er hat nicht viele Möglichkeiten. Er könnte wieder als Physiker arbeiten. Aber nein, er bräuchte ewig, um unseren Wissenstand zu erreichen. Soll er als Sonnen-Wahrsager arbeiten? Solche Leute sind heute nicht mehr sehr angesehen. Aber Historiker könnte er sein. Schließlich versteht niemand so viel wie er von der Kultur der Inkas.« Das Unbehagen wird immer größer. Er ist fast so weit. »Stellen Sie sich vor, wie wir das selbe Problem in Angriff nehmen würden, ich meine unsere heutige Zivilisation. Wir würden wohl nicht auf die Sonne meditieren, sondern uns völlig auf eine technische Analyse des solaren Energiefeldes verlassen, und seines Einflusses auf die Raumzeit. Und wenn Sie jetzt noch berücksichtigen, dass dies genau mein Forschungsgebiet ist, dass wir im chronoskopischen Labor in den letzten Monaten einen gewaltigen Durchbruch erzielt haben und ich auf einmal feststellen muss, dass sich jemand nachts an meinen Geräten zu schaffen macht, dann fügt sich das alles sehr gut zu einer Geschichte zusammen einer Geschichte, in der Ihr Held wieder die Zeit verändern will.« Er schweigt nur, starrt mich unverwandt an. Ich bin die Nemesis, der Racheengel, auf dessen Erscheinen er die ganze Zeit gewartet hat. Schließlich das innere Überspringen einer Hürde, dass sich nur im Zucken seiner Augenlider spiegelt, ein gequältes Lächeln, als hätte ich ihn von seinen ganz persönlichen Dämonen befreit. »Sie waren da, wissen Sie.« Ich brauche einen Moment, bis der Groschen fällt. Was er andeutet, ist einfach zu unglaublich. Nicht mal jetzt kann er sicher sein, dass ich ihn nicht für vollends wahnsinnig halte. »Sie waren auch damals brillant eine der wenigen Frauen, die es an der Akademie des Sapa Inka geschafft hatten, klug, temperamentvoll, eigensinnig, vielfach bewundert. Ich hätte wissen müssen, dass Sie mich auch in dieser Welt finden werden.« Ich brauche einen Moment, um das hinzunehmen. »Sie haben nicht bekommen, was Sie wollen, oder?« Mit der großen Geste völliger Vergeblichkeit streckt er einen Arm in Richtung Westen aus und lässt ihn fallen. »Sie sehen ja, was dort passiert.« An dem Ort, den er mit »dort« bezeichnet, steht meine goldsträhnige Bekannte und spricht angeregt mit dem inzwischen eingetroffenen, gutaussehenden bolivianischen Konsul. Selbst jetzt brauchen die Schuppen noch ein bisschen, um sich von meinen Augen zu lösen. »Nina?«, schreie ich laut. »Sie haben für Nina Godkowski eine ganze Welt vernichtet? Für Nina?« Die Honoratioren drehen sich irritiert nach mir um. Halten mich wohl für betrunken oder durchgedreht. Ich aber kann mich noch nicht fassen. »Ist Ihnen klar, dass ich in der Schule drei Jahre gebraucht habe, bis ich ihr das Fingernägel-Kauen abgewöhnt hatte? In der ganzen Oberstufe konnte ich mich immer um die männlichen Häufchen Elend kümmern, die sie zurückgelassen hat. Im Studentenwohnheim hat sie nie das Klo geputzt oder die Wäsche gemacht. Und ihre Promotionsarbeit ist genauso falsch wie ihr Busen!« »Ich bitte Sie!« Ja, er ist es wirklich, der beherrschte und auf Etikette bedachte Spross einer anderen Zivilisation. »Nina«, wüte ich leise weiter, »Nina Godkowski aus Baunatal, die schöne Helena des Inka-Welt-Reiches. Die Zerstörerin einer ganzen Kultur. Ich fass es einfach nicht! Diese dämliche Pute kann doch nicht mal ihre Schnürsenkel zubinden, ohne sich von einem Mann dabei helfen zu lassen.« Degenhardt wagt es, zu grinsen. »Wahrscheinlich macht das ihren Erfolg aus.« Ich bekomme mich wieder in die Gewalt und spreche leise weiter, dafür eindringlich und drohend. »Sie sollten sich daran gewöhnen, dass Sie sie in keinem Universum erobern können. Ich habe nämlich nicht vor, zuzulassen, dass Sie noch mehr Schaden anrichten. Die Bewohner dieser Zeitvariante können nichts für Ihr Herzeleid. Ich habe genau registriert, wie sie die Einstellungen am Chronoskop verändert haben. Sie hatten vor, wieder das Gehirn irgendeines armen Menschen in der Vergangenheit durcheinander zu bringen. Wen hatten Sie denn diesmal im Visier? Otto Lilienthal, damit der bolivianische Lackaffe da drüben nicht auf dem Luftweg zu ihrer Flamme kommen kann? Oder vielleicht gleich den Erfinder der Schrift?« »Ich kann das nicht mehr tun«, jammert er. »So sehr ich es auch will. Ich sehe diese Menschen und denke an meine Heimat und kann einfach nicht verantworten, dass schon wieder alles verschwindet.« Er war dem Weinen nahe. »Und damit haben Sie verdammt noch mal Recht!« Vorsichtig sehe ich mich um. Man ignoriert uns höflich, tuschelt nur hinter vorgehaltener Hand. »Ich werde Sie im Auge behalten, Volker Degenhardt. Darauf können Sie sich verlassen! Der Zugriff zum Chronoskop ist jetzt codiert. Und wenn Sie es trotzdem irgendwie schaffen sollten, daran rumzuspielen, werde ich Sie durch sämtliche Alternativwelten verfolgen und Sie in den gemeinsamen Orkus aller Zeitalter befördern. Ist das klar?« Er strafft sich. »Sie brauchen sich wegen mir keine Sorgen zu machen. Ja ich hatte mir überlegt, den Schaden wieder rückgängig zu machen, oder mir etwas ganz anderes auszudenken. Aber ich glaube, es ist so, wie Sie sagen. Es würde sich nie wirklich etwas ändern.« Der sehnsuchtsvolle Blick wandert von Westen zu mir zurück. »Na, gut«, sage ich. »Ich denke, wir werden auch in Zukunft noch miteinander zu tun haben, um ... Erfahrungen auszutauschen.« »Ich stehe im Fernsprechbuch«, erwidert er knapp. »Sie entschuldigen mich dann jetzt.« Ich wende mich zum Gehen, drehe mich aber noch mal um. »Vielleicht sollten Sie es nächstes Mal mit schwarz oder brünett probieren. Ist bestimmt gesünder für uns alle.« Ein letztes sarkastisches Nicken seinerseits, dann blende ich ihn endgültig aus meinem Blickfeld aus. Es hat keinen
Zweck, auf der Feier zu bleiben. Ich habe mich zu sehr daneben benommen, um jetzt noch ein
Gespräch anfangen zu können. © 2002 by Arno Behrend |
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