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| ALIEN CONTACT 43 |
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| Kolja
überprüfte die letzten Einstellungen. Er war wahnsinnig nervös. Nicht, daß das etwas
Besonderes gewesen wäre, aber diesmal war es schon sehr schlimm. Jede Minute strich er
sich mindestens einmal durch die ungeordnete dunkle Lockenmähne, jedesmal in einer
anderen Richtung. Die schwarzgeränderte John-Lennon-Brille hatte überdurchschnittlich
viele Putzangriffe zu überstehen. Ständig rieb er sich das fast nicht vorhandene Kinn. »Hoffentlich hab' ich nichts übersehen«, murmelte er zum wiederholten Mal. So von der Rolle hatte ich ihn nur einmal gesehen, bei unserer ersten Begegnung. Seine Bohnenstange von Körper hatte sich damals auf überlangen Stelzen über das Spielfeld der Jugendmannschaft von Berlin Thunder bewegt. Zur gleichen Zeit lief ein Spiel gegen den Nachwuchs von Rhinefire. Kolja wollte nur zum Physiktrakt der Uni und nahm die Welt um sich herum mal wieder nicht wahr. Die Berliner Footballer waren zwar Jugendspieler, aber durchaus nicht schwächlich. Sie fingen gerade an, Kolja zu erklären, daß er durch sein lässiges Gestapfe über das Spielfeld ihren letzten Angriff durcheinandergebracht hatte und sie deswegen eine Heimniederlage fürchten mußten, als ich dazukam. Ich ging an diesem Tag meiner hauptsächlichen Nebentätigkeit als Schiedsrichter nach und brachte die Jungs dazu, ihn wieder auf die Füße zu stellen. Später sah ich Kolja in der Mensa des Techniker-Flügels, und wir wurden Freunde. »Denk immer dran, Dennis«, schärfte er mir erneut ein, »du kannst nur 150 Watt einstellen, und das nur für eine Minute. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir darüber hinaus gehen.« Sein Blick streifte die Transformatoren, die ich der energie-technischen Abteilung abgeluchst hatte. Sie vertrugen wesentlich höhere Werte. Und wenn das nicht reichte, war da noch die Hochspannungs-Überlaufleitung zur Bewag. »Klar«, versicherte ich schnell, »ich halte mich sklavisch an alle Anweisungen. Du kennst mich doch.« »Eben deswegen ...« Er brachte den Satz nicht mehr zu Ende. Das war auch nicht nötig. »Eben deswegen mißtraut er dir ja«, ergänzte Desiree prompt. Sie stand am anderen Ende des Labors gegen den Türrahmen gelehnt. Jeans und T-Shirt betonten die harmonischen Kurven ihrer sportlichen Figur. Die strohblonden Haare fielen ihr ins sommersprossige Gesicht. An sich war sie dafür zuständig, mich als großen Wissenschaftler anzuhimmeln. Neuerdings schlug sie sich immer öfter auf Koljas Seite, wenn wir miteinander stritten. Ich tolerierte diese kleine Marotte für gewöhnlich. Wenn man von ihrer Beziehung zu mir absah, hatte sie schon einen seltsamen Geschmack. »Und denk dran, daß die Energieabnahme nicht höher sein darf als null Komma acht Prozent der lokalen Fluktuation. Sonst ...« »Ja, schon gut«, begütigte ich ihn. »Und vergiß bloß nicht, den Schlüssel rauszuziehen. Wenn der Prozeß erst mal in Gang ist, kann er nur so unterbrochen werden.« »Es wird schon alles gut laufen. War doch immer so«, erklärte ich mit meiner ganzen natürlichen Überlegenheit. Koljas Übervorsichtigkeit hatten wir schon nächtelang ausdiskutiert. Der Junge wäre zu gar nichts gekommen, wenn ich ihn nicht ab und an zu einem kleinen Risiko überredet hätte. Aber jetzt hatte ich für lange Reden keine Zeit mehr. »Ihr zwei macht euch jetzt am besten auf die Socken. Der Alte kommt bestimmt in ein paar Minuten.« »Komm schon, Kolja«, seufzte Desiree. »Lassen wir Dennis Zeit, damit er sich sammeln kann. Der große Kommunikator darf jetzt nicht gestört werden.« Mir gefiel ihr Ton nicht besonders. Aber Hauptsache, sie brachte Kolja endlich fort. In Frauenhänden war er völlig hilflos. Die Kleine eignete sich gut dazu, ihn zu beruhigen, und für ein paar andere Dinge. Die Arbeitsteilung zwischen mir und Kolja war glasklar. Er erzählte mir von seinen Ideen. Wenn ich ihm zuhörte und zwischendurch Fragen zum besseren Verständnis stellte, wurden seine Gedanken klarer, und er kam schneller zu Lösungen. Bei Referaten traten wir zuerst zusammen auf. Dann machte ich ihm klar, daß seine nervösen Tics einen katastrophalen Eindruck beim Publikum hinterließen. Niemand hört einem Referenten zu, der ständig von einem Fuß auf den anderen tritt, mit den Augen verzweifelt Löcher in die Decke bohrt oder sich fünfmal in einem Satz räuspert. Also hielt ich die Referate schließlich allein, nach dem von uns wie üblich gemeinsam erarbeiteten Konzept. So würde es auch heute sein. Kolja war der Mann im Hintergrund, ich kümmerte mich um die Präsentation. Natürlich war ich froh, daß ich Kolja hatte. Mein Vater sah es als selbstverständlich an, daß ich meinen ersten Nobelpreis für Physik im Alter von 25 erringen würde, so wie er selbst. Um mir ein erkleckliches Erbe zu erhalten, mußte ich mich nach geeigneten Verbündeten umsehen. An der Ehre hätte ich Kolja selbstverständlich beteiligt. Alle anderen Behauptungen sind schlicht falsch. Der Alte war natürlich pünktlich. Van der Voort war ein Schüler meines Vaters gewesen. Er hatte mir bereits mit tausend Blicken mitgeteilt, daß ich als Physiker alles andere als ein würdiger Sohn sei. Zu Mitarbeitern, von denen er sich nichts erwartete, kam der Dekan immer pünktlich. Um so besser konnte er ihnen dann die kleinste Imperfektion vorhalten. Hinter ihm betraten die Hoffnungsträger der theoretischen Physik einer nach dem anderen das Labor, Assistentinnen und -tenten, Habilitantinnen und -tanten, die für einfache Mitarbeiter nicht mehr übrig hatten als ein verächtliches Begrüßungs-Grunzen am Kaffee-Automaten. Zu fünft bauten sie sich neben dem gegenwärtigen Patriarchen der Fakultät auf und starrten mich an, alle im weißen Kittel. Aus ihrer Sicht konnte kein Zweifel daran bestehen, daß mich der Alte am Ende des Tages wie ein Insekt zerquetschen würde. »Nun, Herr Rabenschlag«, polterte van der Voort, den Namen genüßlich in die Länge ziehend, als würde er an der Herkunft meiner Gene zweifeln. »Was können Sie uns denn nun zeigen?« Den linken Arm legte er ins Kreuz, wie um sich für einen langen und langweiligen Vortrag zu rüsten. Mit der rechten Hand fuhr er sich durch den ergrauten Rauschebart, wie eine Katze, die ihre Krallen schärft. »Ich denke, meine Theorie von der Verteilung der Energie im Quantenfeld kann ich als bekannt voraussetzen.« Ich sprach bei Referaten immer nur von mir selbst und nicht von »uns«. Wenn Kolja nun mal nicht da war, konnte der Plural das Publikum nur verwirren. »Eine interessante Abhandlung«, nickte van der Voort, während er sich immer noch durch den Bart strich, »wenngleich der Begriff Theorie« wieder dieses spöttische Langziehen der Vokale »mir etwas überzogen erscheint. Man könnte hier meiner Auffassung nach eher von einer Ansammlung interessanter, aber nicht haltbarer Vermutungen sprechen. Wenn Sie meinen Assistenten vielleicht einen kurzen Überblick ...« »Natürlich!« Die Blicke, die mich von oberhalb der fünf Weißkittelkragen trafen, waren immer verächtlicher geworden, obwohl niemand seine Haltung verändert oder mit nur einem Gesichtsmuskel gezuckt hatte. Oder bildete ich mir das ein? »Seit Werner Heisenberg die Unschärferelation aufgestellt hat, wissen wir, daß der Beobachter eines physikalischen Vorgangs niemals völlig unbeteiligt ist. Allein, daß er Lichtteilchen auf eine Versuchsanordnung wirft, um sie sehen zu können, beeinflußt die Ereignisse auf der Quantenebene. Diese Erkenntnis ist inzwischen radikal erweitert worden. Es gilt mittlerweile als gesichert, daß Objekte nur so lange bestehen, wie sie von einem Menschen oder möglicherweise einem Tier betrachtet werden. Der Mensch hat bisher zwar immer geglaubt, daß sein Golf GTI sich auch dann noch in einem soliden Zustand befindet, wenn er selbst den menschenleeren Parkplatz verlassen hat. Aber dem ist nicht so. Wenn sich in der Nähe kein Beobachter befindet, wechseln die Elementarteilchen des Objekts in einen niedrigeren Energiezustand. Nach unseren alltäglichen Begriffen lösen sie sich auf. Sie sind schlicht nicht mehr da. Trotzdem ist der Golf GTI nach einem Regen natürlich naß, wenn wir zurückkommen. Das kommt daher, daß alle Prozesse, die sich auch ohne unsere Beobachtung vollziehen - wie etwa Pflanzenwachstum, Wetterphänomene, Erosion und so weiter - dies quasi am verkleinerten Modell tun. Die Objekte werden während unserer Abwesenheit zu Abbildungen ihrer selbst innerhalb der Energiestruktur der vierdimensionalen Raumzeit. Da in jedem Materieteilchen enorm viel Energie enthalten ist, kommt das Universum so quasi mit viel weniger Energie aus und kann trotzdem dieselbe Masse an Materie vorhalten.« Van der Voort räusperte sich. Offenbar mißfiel ihm die laienhafte Darstellung. »Ich versuche nun nachzuweisen, daß Objekte die gespeicherte Energie abgeben, wenn sie in den verkleinerten Zustand zurückfallen. Diese Energie fließt normalerweise ungenutzt in die für uns nicht wahrnehmbare Raumzeitstruktur und verbleibt dort als Potential.« Auf van der Voorts Gesicht breitete sich ein amüsiertes Lächeln aus. Sein blendendweißer Anhang blieb weiter unbewegt. »Die hier aufgebaute Versuchsanordnung dient dazu, die Energie in dem Moment im globalen Quantenfeld aufzufangen und abzuleiten, in dem sie frei wird. Wenn ein einsamer Betrachter eine verlassene Straße entlanggeht, schnurren die Straßenlaternen hinter ihm zu winzigen Energiezuständen zusammen. Das Plätschern eines Baches wird er aufgrund der modellhaften Simulation sogar hören können. Aber die Solidität der Objekte ist nicht mehr gegeben. Genau dieser Vorgang, der sich am Tag millionenmal abspielt, wird in dieser Anlage registriert und ausgenutzt, ganz egal, wo auf der Welt er stattfindet. Die Impulse im globalen Quantenfeld werden in dieser Anordnung von Detektoren aufgefangen. Wenn der Rechner die Richtung des Impulses genau erfaßt hat, lassen sich die Sensoren an den Köpfen automatisch exakt ausrichten ...« Ich ging die ganze Anlage durch, von den Quantenfeldmeßgeräten bis zur letzten Schraube - wie ich es mit Kolja zuvor einstudiert hatte. In den Gesichtern von Dekan und Assistenten-Team zeigten sich erste Irritationen. »Ist an diesem Quatsch vielleicht doch was dran?« war die Frage, die ihnen im Mundwinkel hing oder in der Pupille glomm. Van der Voort kraulte sich den Bart mit abnehmender Geschwindigkeit. »Letztendlich würden wir allein mit dieser Anlage zu Ergebnissen im Terawatt-Bereich kommen, ohne Verschmutzung, Abfälle oder Abhängigkeit von bestimmten Rohstoffen, jederzeit und überall.« »Und ganz ohne obere Grenzwerte?« Der Unglauben in der Stimme des Dekans hatte die Verachtung verdrängt. »Bis jetzt sind keine theoretischen Grenzen für diese Methode bekannt«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Was wußten wir schließlich überhaupt? »Man könnte sich allenfalls vorstellen, daß die Rückkehr der Objekte in den großen, soliden Zustand gefährdet werden könnte, wenn man das gesamte globale Energiepotential über Gebühr ausschöpft. Aber das müßte erst noch experimentell nachgewiesen werden. Wir gehen davon aus, daß im globalen Quantenfeld quasi unerschöpfliche Reserven vorhanden sind.« Das letzte war eine kleine Ausschmückung meinerseits. Immerhin - mit der Bemerkung über das begrenzte Potential hatte ich eine von Koljas Theorien ins Spiel gebracht, an die ich selbst nicht glaubte. Aber auch das hat mir später niemand gutgeschrieben. »Kommen wir dann zur Demonstration«, schloß ich triumphal. Dann drehte ich den Schlüssel am Schaltpult um. Ein Druck auf die Enter-Taste am Steuerterminal, und die Relais klickten. Nichts ließ sich darüber hinaus beobachten. Ich wußte, daß ich die Männer und Frauen vor mir nicht hintergehen konnte, sie wußten es auch, und sie wußten, dass ich es wußte. Die Anlage war so, wie Kolja und ich sie gebaut hatten, und sie würde funktionieren oder nicht. Als die alte Glühlampe, die wir ganz traditionell als Verbraucher installiert hatten, zu glühen begann, polterte mir eine Schuttlawine von der Kreislaufpumpe, die sich in zwanzig Jahren Karriere-Streß angesammelt hatte - von dem Tag an, als mein Vater von mir verlangt hatte, das System der Elemente in einer Nacht auswendig zu lernen. Die sechs Kollegen - ja, genau das waren sie in diesem Moment geworden - gaben Geräusche der Verblüffung von sich. »Können Sie die Energieabnahme tatsächlich weiter steigern?« fragte eine Doktorandin, die ich aus der Ferne immer schon wegen ihrer kaffeebraunen Haut bewundert hatte. Ich sagte gar nichts, sondern klickte einfach nur das »Steigern«-Symbol auf dem Terminal-Bildschirm an. Die Lampe leuchtete immer heller, bis die Hitzeabstrahlung des antiquierten Wolframfadens das Glas zum Platzen brachte. Und daneben stieg die Digitalanzeige des Voltmeters auf immer höhere Werte. Die Doktorandin lachte überrascht. Zweifel und Verblüffung mischten sich unterdessen in die Miene des Dekans. Die Blicke seiner Jünger hatten ihm schon den allgemeinen Stimmungswechsel signalisiert, bevor er endlich die Hand aus dem Bart nahm, um sie mir zu reichen. Fragen, weitere Erläuterungen, Anerkennung, glanzvolle Prognosen, Scherze und Gelächter - das alles wurde für mich zu einem Rausch. Sie hatten es akzeptiert - sie hatten mich akzeptiert, zum ersten Mal! Der Weg war frei. Die Kollegen redeten aufgeregt und im schnellen Wechsel über die Implikationen für die globale Energieversorgung, die Wirtschaft, den Weltfrieden und natürlich die Physik, über Konsequenzen für ihr jeweiliges Forschungsgebiet, über eine völlig neue Vorstellung vom Gefüge der Materie überhaupt. Es war klar, daß wir das Gespräch in einem der Lokale am Uni-Gelände fortsetzen würden. Und als ich das Labor mit den anderen zusammen verließ, machte ich einfach das Licht aus. Ich war schon ein bißchen irritiert, als Kolja mir am nächsten Morgen erst nach mehrfachem Klingeln die Tür zu seinem Wohnheim-Zimmer aufmachte. Er rückte sich die leicht verbogene John-Lennon-Brille gerade, die er offensichtlich erst in dieser Sekunde aufgesetzt hatte. Sein Haar war noch wirrer als sonst. Er suchte nach dem obersten Kragenknopf, der sich nicht mehr an Ort und Stelle befand. Auf seinem Bett saß Desiree. Sie befestigte mit lässigen Bewegungen ihre Ohrclips. Ich beschloß, das alles zu ignorieren. Ich war immer zu gut zu Kolja. Also begann ich mit meinem Bericht. Ich kann mit Fug und Recht sagen, daß Kolja und ich in diesen Minuten glücklich waren. Wir hatten erreicht, was wir über mehrere Jahre verfolgt hatten. Ich beschrieb van der Voorts Verblüffung über die glühende Lampe, und Kolja klopfte sich auf die Schenkel vor Vergnügen. Ich mußte ihm jeden kostbaren, lange erkämpften Satz der Anerkennung fünfmal wiederholen und tat es sogar gerne. Selbst Desiree ließ sich von unserer Begeisterung anstecken. »Ja, ja, ja - verdammt noch mal!« war Koljas abschließender Kommentar zu unserem großen Sieg. Und dann wollte er den Schlüssel von mir zurückhaben. »Die ganze Nacht? Du hast ihn die ganze Nacht stecken lassen?« Ich nickte. Er lief nicht - er rannte, sofort, ohne vorher nach Fassung zu ringen oder sich auch nur einen Gedanken machen zu müssen. Er rannte sofort los - so wie Väter es tun, wenn ihre Kinder vor ein Auto laufen. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte. Wir keuchten beide ganz schön, als wir beim Laborgebäude ankamen. Es sah anders aus als sonst. Der Anlage war überhaupt nichts passiert. Bis in den dritten Stock hinein, wo sie stand, war alles normal. Dafür waren die Etagendecke, ein Teil der Seitenwände und alle fünf Stockwerke darüber nicht mehr da. Es gab keinerlei Trümmer oder sonstige Spuren. Es war, als wäre ein wild gewordener Riese mit einer meterlangen Stichsäge durch die Wände gefahren, um das obere Stück des Hauses schließlich zum Spielen mitzunehmen. Ich weiß noch genau, was mein erster Gedanke war, als ich die Bescherung sah: »Wie gut, daß es über Nacht nicht geregnet hat.« Koljas Gedanken bewegten sich in ganz anderen Bahnen. Er schrie, schlug und flehte sich durch die perplexe, hilflos gestikulierende Menschenmenge, die sich vor dem Gebäude angesammelt hatte. Er zerriß die Absperrbänder der Polizei. Die selbst noch ganz und gar verblüfften Beamten liefen viel zu langsam hinter ihm her. Kolja stürzte zum Steuerterminal. »Du hast auf Anstieg gestellt«, beschuldigte er mich. Das hatte ich tatsächlich getan, um die Doktorandin zu beeindrucken, als sie nach einer möglichen Steigerung des Effekts gefragt hatte. Ich sah auf die angezeigte Summe für die Strommenge und überschlug kurz die Dimensionen. Wie es aussah, hatten wir so ziemlich die ganze Welt etwa zehn Stunden lang mit Strom versorgt und das Leitungsnetz dabei global an den Rand der Überlastung gebracht. Ich war stolz, aber nur so lange, bis Kolja dramatisch ausrief: »Das ist das Ende!« »Mein Gott, reg dich doch nicht wieder so auf«, wehrte ich mich. »Mit dem Geld, das wir verdienen werden, können wir der Uni 'ne ganze neue Halle bauen - und erst recht so ein Gemäuer wie das hier.« »Du verstehst das nicht«, schrie er zutreffend zurück. »Wenn du nur ein bißchen zuviel Strom abzapfst, erlöschen die Formen endgültig, wenn sie in ihrem verkleinerten, substanzlosen Zustand sind. Wenn im ganzen globalen Quantenfeld nicht mehr genug Energiereserven da sind, weil wir alles in Strom umgewandelt haben, kannst du so lange auf eine Stelle starren, wie du willst. Das Objekt kann nicht wieder seine normale, feste Form annehmen, weil die normalerweise in den Teilchen enthaltene Energie eben nicht mehr da ist. Und das Feld fluktuiert!« Wie Kolja mich ansah, hätte mir das etwas sagen sollen, tat es aber nicht. »Sowas wie das hier kann heute nacht überall passiert sein, ganz gleich wo. Überall dort, wo Betrachter hingekommen und wieder weggegangen sind, wo sie eine Dematerialisierung ausgelöst haben, ein Absinken der Strukturen in den verkleinerten Zustand, fehlt dann die Energie, um die Formen wieder erstehen zu lassen. Diese Strommenge ist einfach zu groß. Verdammt, sie ist zu groß, verdammt noch mal!« Ich bekam langsam eine Ahnung von dem, was auf uns zurollte. Was soll ich sagen? Die vielen metertiefen Löcher auf abgelegenen Straßen und Startbahnen, in die an diesem Morgen Autos und Flugzeuge hineingestürzt sind, tun mir leid. Die Mona Lisa, die Urschrift der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, das Gold in Fort Knox, die geheimen Datenspeicher der CIA, die Druckplatten für den Euro, die Kronjuwelen in London und die antiquarische Sammlung in der Stadtbibliothek Dortmund - ich würde sie alle liebend gerne wiederbeschaffen. Und was kann ich dafür, daß die Wall Street nachts menschenleer ist? Nur wegen dieses einen verschwundenen Gebäudes muß es doch nicht gleich zu einer Weltwirtschaftskrise kommen! Das ist doch völlig übertrieben! Wirklich, ich habe das alles nicht gewollt. Und überhaupt - was wäre gewesen, wenn wir den Schlüssel nicht abgezogen hätten? Die Anzahl der Tage, die es gedauert hätte, bis uns die Erde unter den Füßen verpufft wäre, ist endlich. Das haben wir verhindert, und dafür hat mir keiner gedankt. Aber wissen Sie, auch wenn man davon absieht, ist die Welt nicht gerade gerecht mit mir umgegangen. Kolja hat jetzt den Nobelpreis, weil er eine Methode ausgearbeitet hat, mit der sich die verlorenen Objekte durch lokale Induktion von Energie in langsamen Prozessen wiederherstellen lassen. Irgendwann wird er darauf kommen, daß die Formen dabei auch verändert werden können, daß man ganz neue Objekte aus Energie erschaffen kann. Am Ende seiner Forschungen wird die vollkommene Herrschaft des Menschen über Energie und Materie stehen und nicht nur eine neue Art von Generator. Und wem hat er all das zu verdanken? Hätte ich ihn nicht zu einem kleinen Risiko überredet, wäre Kolja heute noch nicht soweit. Und was mich am meisten wurmt, ist die Undankbarkeit von Desiree. Durch mich hat sie Zugang zu den besseren Kreisen der Wissenschaft erhalten, hat ihren heutigen Ehemann überhaupt erst kennengelernt. Und während sie Koljas Hemden bügelt und seine Dankesreden schreibt, sitze ich hier in der Karibik auf diesem gottverlassenen Eiland und hoffe, daß die von Interpol mich nicht finden. Na ja, was soll ich sagen - sie hatte eben schon immer einen merkwürdigen Geschmack. © Arno Behrend 2001 Erstveröffentlichung |
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