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ALIEN CONTACT
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Terry Bisson

Ich habe das Licht gesehen

Science Fiction > Alien Contact | Stories

Für Hannah

Ich habe das Licht gesehen. So wie Sie auch. Jeder hat es gesehen.
   Erinnern Sie sich noch, wo Sie waren, als Sie es das erste Mal gesehen haben? Natürlich wissen Sie es noch. Ich habe in Arizona, in Tucson gelebt – mehr oder weniger im Ruhestand. Ich habe Stöckchen geworfen. Es heißt, einem alten Hund kann man keine neuen Kunststücke mehr beibringen, aber wer will das schon? Es gibt keine neuen Kunststücke, nur die alten, die bewährten. »Braver Junge, Sam«, sagte ich immer, und er entgegnete »Wau«, und dann ging es wieder von vorne los. Früher vertrieb ich mir die Zeit mit dem Gedanken, Sam hätte mir das Werfen beigebracht, aber das ist lange her. Es war Nacht, und Wüstennächte sind hell, sogar bei einem Viertelmond. Sam blieb auf dem halben Weg zu mir stehen, ließ den Stock fallen und fing an zu jaulen. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte über mich hinweg. Ich drehte mich um und sah zum Mond empor – und den Rest kennen Sie. Es war nicht zu übersehen, es blinkte in Dreiergruppen: Punkt Punkt Punkt, zweimal in der Minute. Auf dem Mond, wo seit dreißig Jahren niemand mehr gewesen war. Neunundzwanzig Jahre, acht Monate und vier Tage, um genau zu sein. Ich wusste das, weil ich als Letzte gegangen war und die Tür hinter mir zugemacht hatte.

Sam ist ein großer gelber Köter, mit Vornamen heißt er Spiel´s noch einmal, aber ich rufe ihn immer bei seinem Nachnamen. Er war ein Abschiedsgeschenk meines dritten Ex, der seinerseits ein Abschiedsgeschenk meines zweiten war. Mondingenieure sollten nicht heiraten, denn unsere ungewöhnlichen Fähigkeiten führen uns an viele, weit abgelegene Orte. Oder an einen, wie man es nimmt.
   »Komm, mein Junge«, sagte ich, und wir machten uns auf den Weg zurück in die spartanisch ausgestattete Eigentumswohnung, in der ich meine Zelte aufgeschlagen hatte. Den Stock ließen wir liegen – obwohl Stöcke in Arizona nicht leicht zu finden sind, genauso wenig wie auf dem Mond.

Am nächsten Morgen beschäftigten sich sämtliche Titelseiten mit dem Licht auf dem Mond – Punkt Punkt Punkt –, und zwei Tage darauf wurde geschätzt, dass – bis auf einen kleinen Bruchteil – alle sechs Komma vier Milliarden Erdbewohner es gesehen hatten. Die UNASA bestätigte, dass das Licht nicht von der Marco-Polo-Station kam, (das hätte ich ihnen gleich sagen können), sondern von einer Stelle, die fast hundert Kilometer entfernt lag, auf der weiten, dunklen Ebene vom Sinus Medii: von der Erde aus gesehen genau in der Mitte des Mondes.
   Mir war klar, dass es eine Untersuchung geben würde, also rief ich einige Leute an. Ich machte mir keine großen Hoffnungen, aber man weiß ja nie. Ich hatte noch einige Freunde in der Agency. Ich hoffte, dass dieses Licht uns auf den Mond zurückbringen würde – was sonst? In erster Linie bezog sich meine Hoffnung nicht einmal auf mich selbst, sie galt der Menschheit, uns allen, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Wir hatten gelernt, von unserem Planeten aufzusteigen – da konnten wir doch nicht einfach aufgeben!
   Okay, vielleicht trifft »aufsteigen« es nicht ganz. Es gleicht mehr einer Liegestütze, mit Seufzen und Stöhnen, aber Sie wissen, was ich meine.

Der Erstkontakt: seltsame Lichter auf dem Mond. Dürfen wir um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Die Boulevardblätter spekulierten, die Experten rätselten, und die UNASA bereitete die erste internationale Expedition seit der Aufgabe von Marco Polo im Jahr 20-- vor. Wie ich schon sagte, ich hatte einige Anrufe getätigt, aber eigentlich nichts erwartet. Eine einundsechzigjährige Frau entspricht nicht unbedingt dem Profil eines Weltraumfluges und einer Mondexpedition. Sie können sich also meine Überraschung vorstellen, als das Telefon klingelte. Es war Berenson, mein ussisch-englischer Chef aus alten Zeiten. Ich erkannte ihn sofort an seinem Akzent, obwohl es neunundzwanzig Jahre, acht Monate und sieben Tage her war.
   »Ben!?« (Das war sein Spitzname.)
   »Ich habe dich als Nummer Zwei für das Techniker-Team vorgeschlagen. In logistischer Hinsicht wird das ein Spaziergang, das Alter spielt keine Rolle – das heißt, wenn du noch in Form bist. Es werden insgesamt fünf sein, drei SETI und zwei Techniker.«
   »Wann?«, fragte ich und versuchte, meine Aufregung zu verbergen.
   »Fang an zu packen.«
   Ich legte auf und schrie oder heulte oder was auch immer. Sam kam gelaufen. »Ich fliege wieder zum Mond!«, sagte ich.
   »Wau!«, entgegnete er mit hängendem Unterkiefer. Wie immer freute er sich mehr für mich als für sich selbst.

Unsere Reise wurde fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorbereitet. Wir sollten in weniger als einer Woche auf Novy Mir sein. Ich durfte niemandem sagen, wohin ich ging. Sam hatte ich es natürlich bereits erzählt.
   »Ich lasse dich bei Willoughby«, sagte ich. »Ich bin bald wieder hier. Drei, höchstens vier Wochen. Sei ein braver Junge, hörst du?«
   »Wohin gehen Sie denn eigentlich?« Mein Nachbar, Willoughby, ist ein pensionierter FBI-Agent. Er ist ein Mensch, der Geheimnisse gleichermaßen hasst und liebt – je nach dem, wer sie hütet und warum.
   »Eine alte Liebe«, sagte ich und zwinkerte ihm zu. Einer meiner besseren Momente.

Die Schwerelosigkeit fühlte sich absolut normal an; man vergisst nicht, wie man fliegt, genau wie man nicht vergisst, wie man geht. Ich fühlte mich sofort zehn Jahre jünger. Es war großartig, wieder in der Großen Leere zu sein, selbst wenn es bedeutete, ein oder zwei Nächte auf Novy Mir zu verbringen, der weitläufigen, stinkenden Raumstation im Clarke-Orbit.
   Ben sah ich als Ersten, als ich den Aufenthaltsraum betrat, der uns zugeteilt worden war. Bei ihm war Yoshi, seine alte Nummer Zwei.
   »Ich dachte, ich wäre die Nummer Zwei!«, beschwerte ich mich.
   »Das bist du auch«, antwortete Ben und lachte. »Yoshi ist die Nummer Eins.« Es stellte sich heraus, dass er SETI leitete. Seine Partner waren ein mürrischer Biologe aus China namens Chang und eine lächelnde Sprachwissenschaftlerin aus Indien namens Erin Vishnu, deren Mutter während Julia Roberts' Dankesrede für ihren Oskar schwanger geworden war. Das habe ich erst später erfahren; anfangs waren die »Sadies« (wie Yoshi und ich sie nannten) sehr zurückhaltend.

Die Reise von der Erdumlaufbahn zum Mond dauerte zwei Tage. Ben und ich quatschten über alte Zeiten (er hatte mir zweimal das Leben gerettet, das festigte unsere Freundschaft), während Yoshi das Schiff flog und Handbücher studierte, die sie bereits auswendig kannte. So wie ich auch. In der Mondstation hatte ich ihr und Ben fast sechs Jahre lang geholfen, die Lebenserhaltungssysteme eisfrei zu halten.
   Das SETI-Team, die »Sadies«, bildete die wissenschaftliche Nutzlast. Das Herz des Unternehmens. Ihre Aufgabe bestand darin, sich direkt, diskret und kreativ mit jeder Erstkontakt-Situation auseinander zu setzen. Sie waren keiner Regierung verantwortlich - nicht einmal der UNASA.
   »Niemand dachte wirklich, dass es jemals so weit kommen würde«, sagte Ben zu mir. »Also können wir vollständig autonom entscheiden, jedenfalls zwei Wochen lang.«

Wir befanden uns gerade im Anflug auf den Mond, als mich Willoughby anrief - mein Nachbar, erinnern Sie sich? Es ging um Sam. Er sei verzweifelt, untröstlich, würde nicht fressen; er jaule nur – Richtung Mond natürlich, als wüsste er, wohin es mich verschlagen hatte.
   »Wie zum Teufel hast du mich hier erreicht?«, fragte ich. Die Frage war überflüssig. Diese FBI-Typen vernachlässigen niemals ihre Kontakte. Ich konnte Sam im Hintergrund jaulen hören.
   Willoughby hielt ihm das Telefon hin, und ich sagte: »Halte durch, mein Junge, ich bin bald wieder zu Hause.«
   »Wau«, entgegnete er; es klang nicht sehr überzeugend.

Die Lichtquelle war etwa hundert Kilometer von Marco Polo entfernt, und wir flogen in unserem Scout-Orbiter über die alte Station hinweg. Ich bekam feuchte Augen, als ich unsere Kuppeln und Tunnel sah, die noch unversehrt waren. Auf dem Mond ändert sich das Wetter nur alle paar Milliarden Jahre; jeder Kratzer und jede Schramme im Mondstaub waren genauso erhalten, wie wir sie vor neunundzwanzig Jahren, acht Monaten und achtzehn Tage zurückgelassen hatten.
   Als wir Sinus Medii überflogen, sahen wir das Licht. Es wurde von einer pechschwarzen Pyramide mit zehn Meter Seitenlänge abgestrahlt, die zu klein war, um auf Amateurfotos sichtbar zu sein. Allerdings war sie groß genug, um von Novy Mir aus analysiert zu werden.
   »Davon hat es keine Bilder gegeben!«, sagte ich. »Nicht einmal im Internet.« Ben lächelte, und da begriff ich, dass sein SETI-Team Fähigkeiten besaß, die seine bescheidene Größe und relative Unbekanntheit Lügen straften.
   Die Pyramide war völlig schwarz – ganz im Unterschied zur Mondoberfläche, die sämtliche Grauschattierungen aufwies.
   Sie strahlte noch immer Licht ab, Punkt Punkt Punkt, alle siebenundzwanzig Sekunden eine neue Dreiergruppe.

Wir landeten neben der Pyramide in einer Staubwolke, die sich langsam setzte. Sollten wir gehofft haben, von den Außerirdischen begrüßt zu werden, nachdem sich der Staub gelegt hatte, (und das hatten wir – im Gegensatz zu Erwartungen unterliegen Hoffnungen keinerlei Beschränkungen), wurden wir gebührend enttäuscht.
   Die Pyramide lag still und ruhig da, so schwarz wie ein Riss im Gefüge des Universums. Noch immer sandte sie zweimal in der Minute ihr Punkt Punkt Punkt aus (Novy Mir hatte das bestätigt), aber das Licht war aus unserer Position in unmittelbarer Nähe aus irgendeinem Grund unsichtbar.
   Ich hatte immer noch feuchte Augen und fühlte mich wie eine Tänzerin – leichtfüßig, ohne das Knacken, das Alter und Kilometer mit sich bringen. Mir wurde bewusst, dass es nicht der Mond war, den ich all die Jahre vermisst hatte, sondern die auf ein Sechstel verminderte Schwerkraft - und meine Jugend natürlich.
   SETI war auf einen zweiwöchigen Aufenthalt vorbereitet, deshalb versenkte ich sofort eine Sonde und traf auf eine Gold- (oder Eis-) Ader. Die Sadies machten sich an die Arbeit und fotografierten die Pyramide von allen Seiten, während Yoshi und ich die Kuppel auseinander falteten und die Lebenserhaltungssysteme auf die Erzeugung von Sauerstoff und Wasserstoff (als Brennmaterial) einstellten, die wir aus dem Kometengeröll herausholten, der sich unter der Mondoberfläche eingelagert hatte.
   Am zweiten Tag (als hartnäckige Verfechter der Tradition hielten wir uns an die Zeit in Houston) hatten wir das Schiff in einen Schlafsaal umgewandelt und die angeschlossene Tragluftkuppel in Tagesraum und Beobachtungsposten, komplett ausgerüstet mit Schnell-Pflanzen und einer Badewanne mit heißem Wasser, die auch die Kuppel und das Schiff heizte. Am dritten Tag wurde mir bewusst, dass ich mich hätte langweilen müssen. Hätte nicht längst etwas passieren müssen?
   »Was sollten wir deiner Meinung nach tun?«, fragte Ben. »Anklopfen?«
   »Warum nicht?«, sagte ich und erwiderte sein Lächeln. Ich hatte es nicht eilig; ich war einfach froh, einen Grund zu haben, hier zu sein – wieder zu Hause, auf dem Mond. Es kam mir ... richtig vor. Sogar Yoshi, eine Nörglerin von geradezu olympischer Ausdauer, jammerte nicht, obwohl ihr schmales Gesicht nicht gerade von einem Strahlen erleuchtet wurde. »Was ist mit der Bodenkontrolle?«, fragte sie. »Sitzen sie dir nicht im Nacken?«
   »Es gibt keine Bodenkontrolle«, sagte Ben. »Oder ist dir das noch nicht aufgefallen?« Das SETI-Mandat war ein Blankoscheck, dessen Aufgabe darin bestand, den Erstkontakt im Ernstfall von den Zwängen von Diplomatie und Politik zu befreien. Das Tempo konnten sie selbst bestimmen.
   Am vierten Tag hatten Yoshi und ich nichts zu tun. Wir mussten nur die Sadies in ihren klobigen weißen Anzügen beim Vermessen, Fotografieren und Analysieren der Pyramide beobachten. Ich behielt meine Zweifel für mich, ich wollte mich nicht einmischen, aber Yoshi sah sich nie derartigen Beschränkungen unterworfen. »Seid ihr Jungs nicht enttäuscht?«, fragte sie am Ende des Tages.
   »Noch nicht. Es fühlt sich richtig an, langsam vorzugehen«, antwortete Ben. Er saß mit uns im heißen Wasser in der Wanne, durchgefroren von der Kälte, die draußen herrschte und sogar durch den Anzug zu spüren war. »Spürt ihr es nicht?«
   Was sollten wir spüren? Beide sahen wir ihn verwirrt an.
   »Die Vertrautheit. Ich spüre sie; wir alle spüren sie. Das Gefühl, dass wir am richtigen Ort sind und das Richtige tun.«
   »Ich dachte, das ginge nur mir so«, sagte ich. »Wir sind wieder zu Hause.«
   »Wir spüren das alle«, sagte Chang, der in langen Unterhosen auf dem Boden saß und am Laptop tippte. »Wir sind hier, um alles aufzuzeichnen und auszuwerten. Gefühle eingeschlossen. Richtig, Vish?«
   »Richtig.«
   »Ihr habt noch eine Woche«, sagte Yoshi.
   »Klopft an und euch wird aufgetan«, sagte ich.
   »Hmmmm«, brummte Ben.

Und er klopfte wirklich an. Am nächsten Tag, nachdem sie mit den Routineuntersuchungen fertig waren, hob er seine mit einem schweren Handschuh verhüllte Hand und klopfte dreimal gegen die Pyramide.
   Yoshi und ich beobachteten ihn von der Kuppel aus.
   »Ich habe angeklopft«, sagte Ben zu mir, während er in der Luftschleuse den Anzug auszog (wir gingen durch das Schiff rein und raus). Statt einer Antworrt zog ich alle drei Sadies in die Kuppel und zeigte über die kleine Staubebene auf die Pyramide.
   »Verdammt«, sagte Chang. Fast lächelte er. Vishnu war sichtlich erstaunt. Ben freute sich.
Es war klar und deutlich zu sehen: ein Handabdruck, leuchtend gelb vor dem schwarzen Hintergrund, dunkler als die tiefste Nacht, auf halber Höhe der Pyramide.

Am nächsten »Morgen« war der Abdruck immer noch da, und die Sadies waren schon beizeiten in ihre Anzüge geschlüpft. Yoshi und ich sahen zu, wie sie ungeschickt herumsprangen und Staub aufwirbelten. Sie legten ihre klobigen Handschuhe auf den Abdruck und warteten darauf, das etwas geschehe; hofften, dass etwas geschehe.
   Doch nichts geschah.
   Später, in der heißen Badewanne, waren alle sehr schweigsam. Außerhalb der Kuppel konnten wir den Abdruck sehen, ein leuchtend gelber Fleck im grausamen Grau des Mondes. Niedergeschlagenheit und Hoffnung hielten sich die Waage. Die Vertrautheit war einem verzweifelten Eifer gewichen.
   »Es will etwas«, sagte Ben.
   »Vielleicht will es berührt werden«, sagte ich.
   »Berührt?«, spottete Chang.
   Ich ignorierte ihn und redete weiter mit Ben. »Du weißt schon, ohne Handschuh.«
   »Da draußen herrscht fast völliges Vakuum«, erinnerte mich Vishnu. »Wir können doch nicht einfach unsere Handschuhe ausziehen.«
   »Aber natürlich können wir das!«, erwiderte Ben und schlug wie ein kleiner Junge aufs Wasser. Ich grinste und gab ihm Fünf. Schließlich hatten wir noch die Häute.

»Häute« sind Anzüge, die bei einem plötzlichen Druckabfall aufgesprüht werden. In Verbindung mit einem »Papierhelm« gibt dir eine Haut zwei bis zwanzig Minuten Zeit, um in eine Luftschleuse oder ein Notfallfahrzeug zu gelangen - oder zu beten.
   Unter den Anwesenden war ich in der Tat die Einzige, die bereits eine Haut benutzt hatte, nachdem ein plötzlicher Steinschlag die Agrarkuppel des Polo zum Einsturz gebracht hatte. Dank der Haut hatte ich die zwölf Minuten überlebt, die Ben brauchte, um mit einem Rover zu mir zu gelangen. Die Kälte jener zwölf langen Minuten kann ich noch immer in meinen Knochen spüren.
   Am nächsten »Tag« (dem sechsten) versuchten sie es. Yoshi und ich sahen von der Kuppel aus zu, wie sich Ben in seiner Haut und die Sadies in ihren weißen Anzügen der Pyramide näherten. Ben ging voraus. Natürlich beeilte er sich. In einer Hülle aus Haut geht man auf dem Mond nicht einfach nur spazieren. Ich konnte spüren, wie kalt ihm war.
   Sie blieben stehen und stellten sich in einer Reihe auf, direkt vor dem Abdruck. Mit der linken Hand griff Ben nach Changs Handschuh und Chang nach Vishnus. Dann legte Ben die rechte Hand weit oben auf die Seite der Pyramide, direkt auf den Abdruck.
   Und da geschah es.
   Etwas - eine Linse, eine Tür? - öffnete sich in der Seite der Pyramide, und sie traten ein – eins, zwei, drei: Ben, Chang, Vishnu. Hinter ihnen schloss sich die Wand und sie waren verschwunden.
   »Heilige Scheiße«, sagte Yoshi.
   »Klopft an und euch wird aufgetan«, sagte ich. Wieder einer meiner besseren Momente.

Yoshi und ich beobachteten sprachlos die Pyramide. Gab es da drinnen Luft? Wie sonst konnte Ben überleben? Nach zwanzig Minuten begann sich Yoshi auf einen Rettungseinsatz vorzubereiten. Wieder zwei Minuten später war ich die Einzige, die beobachtete, wie die Linse sich öffnete (einundzwanzig Komma vier Minuten nach Eintritt, der Videokamera zufolge, die von den Sadies an der Kuppel angebracht worden war) und die drei herausgestolpert kamen, Ben zuerst. Yoshi öffnete ihnen die Luftschleuse und sie wankten herein. Ben fiel mir in die Arme. Während Yoshi den anderen Sadies aus ihren Anzügen half, riss ich ihm den Papierhelm herunter und zog ihn in die heiße Wanne, damit sich seine Hülle auflöste. Er zitterte und grinste.
Yoshi kam zu uns rüber und ließ die Füße ins Wasser baumeln. »Warum grinst er so?«
   »Frag’ ihn«, sagte ich. Ich rieb ihm einen Fuß, während er den anderen massierte.
   Ben öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch, ohne einen Laut von sich zu geben.
   »Da drin war es riesig«, sagte er schließlich, immer noch mit dem dämlichen Grinsen. »Innen ist es größer als von außen betrachtet.«
   »Was ist passiert?«, fragte ich.
   »Wir sind hineingegangen, und hinter uns hat sich die Tür geschlossen. Es war dunkel, aber wir konnten sehen, fragt mich nicht, warum. Wir haben unsere Helme abgenommen ...«
   »Eure Helme abgenommen!?« Yoshi glaubte kein Wort.
   »Fragt mich nicht, warum. Wir haben es einfach getan, alle drei. Dann sind wir weitergegangen, alle zusammen, glaube ich, und haben das Licht gesehen.«
   »Warte mal«, sagte ich.
   »Wie ein großer, glühender Punkt.«
   »Nur unglaublich hell«, sagte Chang, der sich uns angeschlossen hatte. »So etwas Helles habe ich noch nie gesehen.«
   »Bevor ich wusste, wie mir geschah, kniete ich auf dem Boden«, sagte Ben. »Auf dem Kopf spürte ich eine Hand.«
   »Eine Hand?« Yoshi reichte es langsam.
   »Es fühlte sich an wie eine gelbe Hand«, sagte Vishnu und zog ihre langen Unterhosen aus. Es war das erste Mal, dass ich sie unbekleidet sah.
   »Es war ganz eindeutig eine Hand«, sagte Ben. »Ich wusste genau, es war eine Hand, obwohl ich nichts sehen konnte. Ich glaube, ich habe nicht einmal hingeschaut.«
   »Alles war von Licht erfüllt«, sagte Chang. »Und dieses Gefühl. Da war eine Hand auf meinem Kopf.«
   »Es fühlte sich so gut an«, sagte Vishnu und glitt ins Wasser. Sie hatte den Körper eines Mädchens.
   »Klingt wie ein Acid-Trip«, sagte ich. »Oder ein dreiarmiger Alien.«
   »Wie lautete die Botschaft?« fragte Yoshi. »Was wurde gesagt?«
   »Das Gefühl war die Botschaft«, sagte Ben. »Das war alles. Es wurde nichts gesagt. Wir waren einfach nur da, alle drei, auf den Knien, und schauten in das Licht.«
   »Mit einem Gefühl von ... von ...« Chang gab auf.
   »Mir gefällt das nicht«, sagte Vishnu und blickte an sich herunter, als bemerkte sie erst jetzt, dass sie nackt war. »Sollten wir nicht zuerst unter uns darüber reden?«
   »Das ist schon in Ordnung«, sagte Ben. »Wir können so weitermachen, wir wir es für richtig halten, und im Augenblick fühlt sich alles gut an, oder? Das sind unsere nächsten Gefährten, nach einer Million Jahren der Evolution.«
   Was? Auf mich wirkte er ziemlich breit.
   »Also, was auch immer das war, es hat diesen ganzen Weg auf sich genommen, nur um euch den Kopf zu tätscheln?«, murrte Yoshi.
   Ben und Chang grinsten. Vishnu wirkte beunruhigt. Ich fragte mich, ob sie lieber ihre langen Unterhosen anbehalten hätte.
   »Vielleicht ist es Gott«, sagte ich.
   »Es sind mehrere«, sagte Ben und schüttelte den Kopf.
   »Mehr als eins«, sagte Vishnu. »Viele.«
   »Und sie kennen uns«, sagte Chang.
   »Ja! Das ist die Botschaft«, fuhr Ben fort. »Sie kennen uns, und wir kennen sie. Das war das Gefühl – sogar mehr als ein Gefühl. Das ist es, was sie uns sagen wollten.«
   »Sie?« Yoshi rollte mit den Augen. »Sie haben euch wegen eines Gefühls hier rauf gerufen? Es gibt keine Botschaft?«
   »Gefühle sind wirklich«, sagte Ben. »Vielleicht ist das alles. Wer weiß. SETI liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein Erstkontakt wahrscheinlich etwas Unerwartetes sein wird.«
   »Das ist unerwartet«, sagte Vishnu. »Aber nicht unbekannt. Sondern geradezu vertraut. Wir sind schon einmal hier gewesen.«
   »Hier?«, fragte ich.
   »In ihrer Gegenwart«, sagte Chang. »Es fühlte sich gut an, bei ihnen zu sein. Mehr als gut. Großartig.«
   »Großartig«, sagte Yoshi und schaute angewidert drein.
   »Und jetzt?«, fragte ich. »Was kommt jetzt?«
   »Ich weiß es nicht«, sagte Ben und blickte zur schwarzen Pyramide mit dem gelben Abdruck auf halber Höhe. »Dort wartet noch etwas, etwas anderes. Wir werden wohl noch einmal hingehen müssen.«

Und das taten sie. Am nächsten »Morgen« gingen sie alle wieder hinaus, Chang und Vishnu in ihren Anzügen und Ben in seiner Haut voraus. Dieses Mal tauchten sie bereits nach zwanzig Minuten wieder auf, dasselbe verrückte Grinsen im Gesicht.
   »Ich will nicht behaupten, dass wir dort nicht bei Bewusstsein sind«, sagte Chang, als er den Helm abnahm. »Es ist vielmehr so, als wären wir zum ersten Mal richtig bei Bewusstsein.«
   »Genau«, sagte Vishnu.
   Fast hätte ich einen weiteren Acid-Trip-Witz gerissen, aber ich wollte sie nicht entmutigen. Schließlich war dies der lang ersehnte Erstkontakt, auf den die Menschheit eine Million Jahre oder noch länger gewartet hatte.
   Oder etwa nicht?
   »Wer sind sie? Was sind sie? Was wollen sie von uns?«, fragte Yoshi.
   »Sie wollen bei uns sein«, sagte Vishnu. Verträumt streifte sie ihre langen Unterhosen ab. »Genau wie wir bei ihnen sein wollen.«
   »Das sind alles nur Gefühle«, sagte Ben und glitt neben mir in die Wanne. In seinem Schaumanzug sah er wie das Michelin-Männchen aus der Reifenwerbung aus. Dann löste sich der Anzug allmählich in harmlose Polymerketten auf. »Aber Gefühle enthalten Informationen.«
   »Sie schlagen sich in Informationen nieder, könnte man sagen«, erklärte Chang.
   »Gefühle sind Botschaften«, sagte Vishnu, die wieder nackt war. »Wir stehen in Kontakt mit einem Wesen, mit dem wir schon einmal in Kontakt gestanden haben. Und wir wollten immer schon wieder mit ihm in Kontakt treten.«
   »Genau so fühlt es sich an!«, sagte Chang begeistert. »Begierde und die Erfüllung der Begierde.«
   »Klingt ziemlich sexy«, sagte ich.
   »Es ist ein wunderbares Gefühl«, erwiderte Ben, der mich viel ernster nahm als ich mich selbst. »Aber es verändert sich auch. Da ist noch etwas anderes.«
   »Etwas Düsteres«, sagte Vishnu.
   »Düster wie? Düster was?« Yoshi räumte die Helme und Anzüge weg und wirkte verärgert.
   »Es ist noch zu früh, das zu sagen«, stellte Ben fest. »Zuerst müssen wir alle schlafen. Das ist ein Befehl.«

»Aufwachen!«
   Es war Yoshi.
   »Berenson. Er ist weg. Er ist dort.«
   »Was?« Ich setzte mich auf und wäre dabei fast aus meiner Hängematte gefallen. Ich hatte geträumt, ich wäre zu Hause auf der Erde bei Sam und hätte versucht, ihm etwas über Stöcke zu erklären.
   »Ich glaube, ich habe ihn vor etwa fünf Minuten gesehen, wie er in einer Haut hineingegangen ist.«
   »Bist du dir sicher?«
   »Erst dachte ich, ich hätte es geträumt, also habe ich nachgeschaut. Die anderen Sadies liegen in ihren Hängematten, aber Berenson ist weg.«
   »Was meinst du – was sollen wir tun?«
   Zwanzig Minuten später hatte ich Stiefel und lange Unterhosen an und sprühte mir eine Haut auf. Ich schüttelte den Papierhelm, bis er sich öffnete, und überprüfte ihn, um sicherzugehen, dass er über zwei volle Luftkanister verfügte (das entsprach zwanzig Minuten). Ich hatte gedacht, ich erinnerte mich an die Kälte und wäre jetzt darauf vorbereitet, aber ich hatte mich geirrt. Es war niederschmetternd und demütigend.
   Ich hastete zur Pyramide. Der Staub knirschte unter meinen Füßen – das unheimliche Quietschen von Molekülen, die noch nie - nicht von Wind, nicht von Wasser, nicht durch die Witterung - aneinander gerieben worden waren. Das Geräusch drang mir bis in die Knochen. Ich hatte vergessen, wie es war.
   Ich sah Yoshi und die Sadies. Sie waren aufgewacht und schauten aus der Kuppel herüber. Ich winkte und lief weiter. Ich konnte spüren, wie das Vakuum in meine Fingerspitzen schnitt, wie ein Stahlmesser.
   Ich legte eine Hand auf die Seite der Pyramide, direkt in den Abdruck, und etwas geschah. Ich hätte nicht sagen können, was. Sie öffnete sich; ich ging hinein; es war dunkel, ich war allein.

Ich war drin. Ich wusste nicht, weiß es immer noch nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Bevor ich wusste, was ich tat, nahm ich meinen Helm ab.
   Die Luft roch nach Zitronen. Es war kalt, aber nicht mondkalt. Die Pyramide war innen größer, genau wie Ben gesagt hatte, und verjüngte sich in der Mitte und nach oben hin zu einem lichtlosen Kegel.
   Und es ward Licht. Ebenfalls in der Mitte. Es hatte eine Festigkeit, die Licht nicht immer, nicht oft, meist überhaupt nicht hat. Es rief mich; ich ging näher heran. Alles kam mir ganz natürlich vor, als hätte ich alles, was ich tat, schon immer tun wollen. Es fühlte sich gut an; sehr gut. Es fühlte sich großartig an. Das Licht wurde heller, und ich fiel auf die Knie – allerdings schien ich mich eher zu erheben. Ich konnte nicht stehen, aber ich wollte auch nicht stehen. Ich spürte eine Hand auf meinem Kopf: Ich wusste, es war eine Hand, und ich wusste, wessen Hand es war! Ich hatte eine Million Fragen, aber ich konnte nicht klar denken, nicht einmal, als ich es versuchte. Ich war so froh, hier zu sein, endlich wieder dort, wo ich hingehörte. Hier war ich glücklich.
   Ich spürte eine Hand in meiner. Ben. Er zog mich zurück, fort von dem Licht, in die Kälte und die Dunkelheit. Wir setzten unsere Helme auf, Ben und ich. Wir schritten zusammen über die quietschende Oberfläche des Mondes, auf die beleuchtete Kuppel zu, die wie ein Zoo aussah, den ratlosen, freundlichen Gesichtern entgegen, die sich gegen das Glas drückten.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Yoshi.
   Ich sah meine Brüste vor mir schweben und merkte, dass ich in der heißen Wanne saß. Ich lachte. Ben lachte mit mir. Ich wusste, dass sein Grinsen meinen Gesichtsausdruck widerspiegelte. Wir waren im Wasser, und jemand reichte mir eine Tasse Kaffee.
   Joe, so nannten sie ihn. Eine Tasse Joe. »Mir geht es gut«, sagte ich. »Ich bin reingegangen, um dich zu holen, Ben.«
   »Ich weiß, aber das war nicht nötig. Du hättest die anderen wecken sollen.«
   Ich verstand. Ich hatte gegen die Regeln verstoßen. »Wir kennen sie, und sie kennen uns«, sagte ich. Als würde ich mich an etwas erinnern. Es war leicht und doch unmöglich, wenn man dazu nicht in der Lage war. »Sie sind froh, uns zu sehen.«
   »Nicht ganz«, sagte Ben. »Ich spüre auch Melancholie.«
   »Eine große Traurigkeit«, sagte Vishnu. Sie trug ihr Nachthemd, und ihre winzigen Füße baumelten neben meiner Schulter im Wasser.
   Sie hatte Recht. Ich hatte einen Vorwurf und Enttäuschung empfunden. »Ich kann es auch spüren«, sagte Chang.
   »Was spüren?«, fragte Yoshi und tippte mit einem langen Finger gegen meinen Kopf – wie ein Lehrer, der einen schlechten Schüler ermahnt. »Erzählt mir, was geschehen ist. Sofort.«
   »Ich kann mich nur an diese Gefühle erinnern«, sagte ich. »Danach werden sie zu, nun ja, nicht ganz zu Gedanken, eher zu Erinnerungen. Ist es das, was du wissen willst?«
   »Ich will verdammt noch mal wissen, was passiert ist. Und ich will, dass du es mir sagst.«
   »Sei nicht so schroff zu ihr«, sagte Ben. »Wir versuchen alle, es zu begreifen.«
   »Was begreifen?!«
   »Was sie wollen«, sagte Chang. »Sie lieben uns, sie wollten uns finden. Sie haben uns gefunden.«
   »Und wir lieben sie!«, sagte ich. »Deshalb können wir sie auch nicht sehen.«
   »Richtig!«, sagte Ben und sah mich an, als wäre ich ein Genie. »Wir lieben sie so sehr, dass wir nur das Licht unserer Liebe sehen können.«
   »Ich hoffe, dass du das wörtlich in deinen verdammten Bericht aufnimmst«, sagte Yoshi angewidert.
   »Sie haben uns wiedergefunden«, sagte Chang. »Deshalb sind wir auch so glücklich.«
   »Aber etwas stimmt nicht«, sagte Ben. »Wir müssen zurückgehen. Noch einmal.«
   »Kann ich mitgehen?« Ich konnte immer noch die Hand auf meinem Kopf spüren. Ich wollte sie wieder dort spüren, mehr als irgend etwas anderes.
   »Dieses Mal gehen wir alle«, sagte Ben.

Aber wir gingen nicht alle. Yoshi wollte nicht gehen; sie meinte, dass jemand zurückbleiben sollte, um die Systeme zu überwachen.
   »Einer muss schließlich am Steuer sitzen«, sagte Ben und lachte, während wir uns gegenseitig einsprühten. Wir waren die Einzigen in Häuten. Chang und Vishnu trugen Anzüge. Ich fühlte, dass ich jetzt zu den Sadies gehörte, und sie behandelten mich auch so. Sogar Chang. Wir überquerten den quietschenden Staub und hielten uns an der Pyramide an den Händen. Ich wandte mich um und sah Yoshi in der Kuppel. Sie wirkte etwas verlassen.
   Ben schlug auf den Abdruck, und wir waren drin. Ich löste meinen Helm ab und suchte das Licht. Ich fiel auf die Knie. »Oh Mann«, sagte ich, als ich die Hand auf meinem Kopf spürte.
   Etwas stimmte nicht. Alles war in Ordnung, und trotzdem stimmte etwas nicht. Nach einigen verwirrenden Momenten wurden wir Hände haltend aus der Tür in die Kälte hinausgestoßen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, meinen Helm aufgesetzt zu haben, aber als wir auf die Lichter in der Kuppel zueilten, atmete ich.
   Wir zitterten. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich saß in der heißen Wanne und beobachtete, wie sich mein Anzug auflöste – wie Trockeneis, ohne Spuren zu hinterlassen.
   »He, nicht weinen«, sagte Ben. »Ich weiß, wir sind alle etwas mitgenommen.«
   »Du kannst ruhig weinen«, sagte Vishnu.
   Ich weinte.
   »Was ist passiert?«, fragte Yoshi. »Verdammt noch mal, sagt schon!«
   »Sie gehen fort«, sagte Ben.
   »Sie wollen uns nicht«, sagte ich. »Sie wollen uns nicht mehr.«
   »Was zum Teufel redest du da?«
   »Wir sollten eine Weile still sein«, sagte Ben. »Kommt, kommt ins Wasser, Chang, Vishnu, Claire.«
   Claire. Diesen Namen haben mir meine Eltern gegeben. Ich hatte schon lange nicht mehr an sie gedacht. Ich fing wieder zu weinen an, dieses Mal heftig.

Bis Mittag waren wir aufgewärmt und satt - und niedergeschlagen. »Es ist vorbei«, sagte Ben schließlich.
   »Sie gehen fort«, sagte Chang. Ich wusste es auch. Wir alle hatten dieselben Gedanken. Die Gefühle wurden zu Gedanken, ganz allmählich, wie graphische Darstellungen über eine langsame Netzverbindung. Früher oder später hatten wir alle dieselben Bilder in unseren Köpfen.
   »Sie sind von uns enttäuscht«, sagte ich.
   »Ich möchte, dass sie bleiben«, sagte Vishnu.
   »Natürlich wollen wir bei ihnen sein«, fügte Ben hinzu. »Aber wir können sie nicht dazu zwingen, bei uns sein zu wollen.«
   »Worüber zum Teufel redet ihr?«, wollte Yoshi wissen.
   »Sie gehen fort«, sagte ich. Ich zeigte nach draußen. Der gelbe Abdruck war verschwunden, und die Pyramide sah schwarz und abweisend aus. Verriegelt.
   »Erklär es mir, verdammt!«
   »Nun, wir kennen sie schon lange «, sagte Ben. Während ich zuhörte, wirbelten meine Emotionen wie Staub im Sonnenlicht herum. Dann legten sie sich auf den Tisch meines Verstandes, während Ben weitersprach. Seine Stimme zeichnete wie eine Fingerspitze seine Worte nach: »Das ist nicht unsere erste Kontaktaufnahme, sondern unsere zweite.«
   Und das, was er sagte, wussten wir alle.
   »Sie waren unsere Götter«, sagte Chang.
   »Nicht ganz«, sagte Vishnu. »Wir waren ihre Begleitspezies, ihre Helfer. Wir haben nur gelebt, um ihnen zu gefallen. Wir haben zu ihnen aufgeblickt.«
   »Ihre Lieblinge«, sagte ich. »Ihre Haustiere.«
   »Sie haben uns geliebt«, sagte Chang. »Und sie lieben uns immer noch.«
   »Aber sie wollten mehr«, sagte Ben. »Sie ließen uns frei, damit wir uns ohne sie weiterentwickeln konnten. Sie setzten uns auf der Erde aus, wo wir ihrer Verehrung, die unsere Knie schwach werden und unseren Verstand ausssetzen lässt, entkommen konnten. Sie wollten wahre Freunde. Sie dachten, wenn sie uns allein zurückließen, würden wir uns selbständig zu einer vernunftbegabten Spezies entwickeln.«
   »Und das haben wir getan«, sagte ich, überrascht, wie viel ich wusste, über die Tiefe der Gedanken und Bilder, die mir eingegeben worden waren. »Das Licht war ein Test, ob wir uns weit genug entwickelt hatten, um die Erde zu verlassen und zu ihnen zu kommen.«
   »Sie wollten es vermieden, unter uns zu erscheinen«, sagte Chang. »Könnt ihr euch das Chaos vorstellen?«
   »Es hätte großartig sein können«, sagte Vishnu.
   »Es war ein Test«, sagte Ben. »Und wir haben ihn bestanden. Sie waren sehr stolz.«
   »Doch die Enttäuschung folgt auf den Fuß«, sagte ich. »Weil sich eigentlich nichts geändert hatte.«
   »Es hätte großartig sein können«, wiederholte Vishnu.
   »Wir können sie immer noch nicht sehen, unser Verstand setzt in ihrer Gegenwart immer noch aus. Wir fallen auf die Knie und beten sie an, und das ist alles, was wir tun können, selbst jetzt.«
   »Wir können sie nicht weniger lieben«, sagte Chang bitter. »Wie können sie von uns erwarten, sie weniger zu lieben?«
   »Für dich ist eine Nachricht eingetroffen«, sagte Yoshi.
   »Für mich?« Mein Verstand wurde in die Realität zurückgerissen. Ich stand auf, tropfnass. Auf dem Mond strömt das Wasser langsam an einem herunter. Ich blickte hinaus und sah, die Pyramide war verschwunden, weg.

»Wie hast du mich hier erreicht?«
   »Hatten wir das nicht schon einmal?« Es war Willoughby, mein Nachbar, der FBI-Agent im Ruhestand. »Das Licht ist ausgegangen, was habt ihr getan?«
   »Gib mir Sam«, sagte ich.
   »Er will nicht fressen. Wann kommst du zurück?«
   »In einer Woche, wahrscheinlich«, sagte ich. »Wir müssen einen Bericht schreiben.« Hinter mir hörte ich ein Geräusch; es war Chang, er weinte.
   »Stimmt etwas nicht?«
   »Nein, uns geht es gut«, sagte ich. Es war vorbei, und ich war froh darüber. »Gib mir Sam.«
   »Einen Moment.«
   Yoshi stieg zu ihnen in den Pool und stand in ihrem orangenen Overall da, nass bis zu den Knien. Sie umarmten sich und weinten. Ich hörte ein raues Jaulen.
   »Sam, bist du das?«
   »Wau!«
   »Sam, hör mir genau zu. Kannst du mich verstehen?«
   Ich konnte mir vorstellen, wie Sam sich umsah, schnüffelte und versuchte, das Gesicht, die Hand und den Geruch ausfindig zu machen, die zur Stimme gehörten.
   »Ich komme bald zurück«, sagte ich. »Hast du mich vermisst?«
   »Wau.«
   »Ich komme nach Hause und lasse dich nie wieder allein, das verspreche ich dir.«

© 2002 by Terry Bisson • Deutsche Erstveröffentlichung
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung 2002 auf
www.scifi.com
Übersetzung von Elena Temper in Zusammenarbeit mit Hannes Riffel
© 2003 Elena Temper & Hannes Riffel


Grafik: Thomas Hofmann


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21.05.06 • 10.06.06