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ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 55 Inhalt Archiv

Pat Cadigan

Rock On

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Regen weckte mich auf. Ich dachte, Scheiße, hier bin ich, Lady Regen im Gesicht, denn genau da traf er mich, genau ins Gesicht. Ich setzte mich auf und stellte fest, ich war noch immer in der Newbury Street. Besuchen Sie das wunderschöne Zentrum von Boston! War die Newbury im Zentrum? Spielt das eine Rolle, mitten in der Nacht? Nein, natürlich nicht. Und keine Menschenseele weit und breit. Als hätten alle gesagt: Lasst uns Gina betrunken machen, und wenn sie umkippt, ziehen wir alle nach Vermont. Gefällt mir Neu-England? Großartig, wenn man dort wohnt, aber auf Besuch möchte man dort nicht hin.
   Ich strich mir die nassen Haare aus den Augen und fragte mich, ob mich jetzt irgendwer suchte. He, ist irgendwer hinter einer vierzig Jahre alten Rock'n'Roll-Sünderin her?
   Ich verdrückte mich in den Eingang eines dieser malerischen alten Gebäude, wo die Tür zum Ladengeschäft im Kellergeschoss liegt. Eine kleine Markise hielt den Regen ab, aber das Wasser pisste in einem wahnsinnigem Rhythmus runter. Ich wrang das Wasser aus meinen Hosen und meinem Haar und saß einfach da, feucht wie ich war. Kalt war mir auch, glaube ich, aber das habe ich nicht so sehr gespürt.
   Ich saß eine ganze Weile so da, mit dem Kinn auf den Knien; weißt du, fast habe ich mich wieder wie ein Kind gefühlt. Als mir der Kopf schwer wurde, blieben meine Gedanken an etwas hängen. Ganz instinktiv, aber das gelingt mir immer erstaunlich gut. Man-O-War, wenn du mich jetzt sehen könntest! Als die Blaukittel mich fanden, war ich ziemlich drauf.
   Und das war die Pointe. Ich hab nie versucht, aufzustehen und abzuhauen, ansonsten wäre mir aufgefallen, dass ich wie eine Fliege im Leim festsaß. So ein Ding, mit dem sie die Jungs während eines Bruchs festhalten, bis die Blaukittel kommen und sie holen können. Ich saß in meiner eigenen Falle und kam mir noch toll dabei vor. Die Geschichte meines Lebens.

* * *

Sie waren nett zu mir. Nahmen mich mit, lasen mir meine Rechte vor, ließen mich ausnüchtern. Brummten mir einen Hunderter auf und ließen mich rechtzeitig zum Frühstück wieder laufen.
   Eine abscheuliche Zeit, um zu sehen und gesehen zu werden, einfach abscheulich. Während der ersten drei Stunden, nachdem du aufgestanden bist, merken die Leute gleich, ob du ein gebrochenes Herz hast oder nicht. Da bleibt nur eins: entweder wirklich zeitig aufzustehen, so dass deine Tarnung steht, bis alle anderen raus sind, oder gar nicht erst ins Bett zu gehen. Gar nicht ins Bett gehen sollte eigentlich immer funktionieren – tut es aber nicht. Manchmal, wenn man gar nicht ins Bett geht, können die Leute den ganzen Tag lang sehen, ob man ein gebrochenes Herz hat. Ich schleppte meins mit mir rum und suchte nach einer Frühstücksbar, die nicht überlaufen war, ohne jemanden anzuschauen, der mich anschaute. Aber ich hatte das Bedürfnis, irgendwelche Fußgänger anzuhalten und zu sagen: Ja, ja, es ist wahr, aber es war der Rock'n'Roll, der mein armes altes Herz gebrochen hat, kein Typ – weint nicht um mich, oder ich mach euch alle.
   Ich irrte in der Gegend herum, rechts, links, rauf, runter, bis ich die Tremont Street gefunden hatte. Es war der Schlagzeuger dieser Band aus dem Krater von Detroit gewesen – den Namen hab ich vergessen, aber die Krankheit schwelte weiter –, jedenfalls hatte er mir erzählt, auf der Tremont gäbe es die besten Frühstücksbars der Welt, vor allem dann, wenn man sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte.
   Nachdem sich die Pendler ein wenig verzogen hatten, fand ich einen Platz in einer griechischen Bruchbude. Wir machen pünktlich um 10 Uhr 30 Feierabend, mach, dass du rauskommst, wenn du fertig bist, Selbstbedienung, friss oder stirb. Mir gefallen Lokale mit einem gewissen Anspruch. Ich klappte mir einen Sitz runter und bestellte einen Kaffee und ein Feta-Omelett. Dazu gab es hausgemachte Fritten vom Berg hausgemachter Fritten in der Ecke des Grills (keine Mikrowellen-Scheiße, hurra). Noch bevor sie den Kaffee brachten, scannten sie meine Netzhaut, und während ich die Milch einrührte, überprüften sie, ob ich genug Geld hatte. War das beschissen? Das war beschissen. Machte es mir was aus? Nicht die Bohne. Kein Abfall, keine Maschinen, wenn ein Mensch die Arbeit erledigen konnte, und richtiges Essen, nicht dieses nahrhafte Polyester, das blankweg durch einen durchrutscht, so dass du ewig aussiehst wie ein Hungeropfer, Schätzchen.
   Sie kamen rein, als ich mit dem Omelett zur Hälfte fertig war. Hatten sich die ganze Nacht rumgetrieben, so wie sie aussahen und sich anhörten, aber ich suchte in ihren Gesichtern nicht nach gebrochenen Herzen. Sie machten mich nervös, aber ich dachte mir, nun, die sind müde, wer bemerkt schon eine alte Dame? Keiner.
   Wieder falsch. Sie bemerkten mich, gleich, nachdem ihre Netzhäute gescannt worden waren. Ein siebzehnjähriger Knabe mit tätowierten Wangen und einer gespaltenen Zunge lehnte sich vor und zischte wie eine Schlange.
   »Sssssssünder.«
   Die anderen vier spitzen die Ohren. »Wo?« »Wer?« »Hier drin?«
   »Rock'n'Roll-Ssssssünder.«
   Das Mädchen erkannte mich. Sie hatte ein Allerweltsgesicht, und wenn sie ein Herz hatte, dann hatte es nicht mal einen Knacks. Bei einer Sünderin war sie vermutlich Madame Magnifica. »Gina,« sagte sie voller Überzeugung.
   Meine linkes Auge zuckte. Oh, bitte! Ich hab Feta-Käse auf dem Knie. Was soll’s?, dachte ich - ich nicke, sie nicken, ich esse, ich verschwinde. Und dann flüsterte jemand das Wort Belohnung.
   Ich ließ die Gabel fallen und rannte los.
   Das sollte reichen, dachte ich. Würden die alle hinter mir herrennen, bevor sie ihr griechisches Frühstück bekommen? Nein, natürlich nicht. Sie jagten mir das Mädel auf den Hals.
   Sie war viel jünger als ich, und sie erwischte mich mitten auf einer Kreuzung, gerade, als die Ampel umschaltete. Ein Auto holperte über uns drüber, der Unterboden zerzauste gerade so die Spitzen ihrer harten Kupferhaare.
   »Komm zurück und iss dein Omelett auf. Wir können dir auch ein neues kaufen.«
   »Nein.«
   Sie zerrte mich hoch und zog mich von der Straße. »Komm schon.« Die Leute glotzten, aber auf der Tremont ist an jeder Ecke ein Theater. Das gibt’s da wirklich noch, Live-Theater, alles umsonst. Sie nahm mich in den Polizeigriff und schleppte mich zurück zur Frühstücksbar, wo sie den Rest von meinen Omelett zu einem Schleuderpreis an einen Penner verkauft hatten. Das Mädchen und ihre Gruppe machten Platz für mich und brachten mir einen neuen Kaffee.
   »Wie kannst du mit einer gespalten Zunge essen und trinken?«, fragte ich die tätowierten Wangen. Er zeigte es mir. Auf der Unterseite befand sich eine kleine Vorrichtung, eine Art Reißverschluss. Das Fliegengewicht links von dem dicken Kerl, auf der anderen Seite des Mädchens, beugte sich zu mir vor und legte die Stirn in Falten.
   »Gib uns einen guten Grund, weshalb wir dich nicht an Man-O-War verpfeifen und die Belohnung kassieren sollten.«
   Ich schüttelte den Kopf. »Mir langt’s. Diesem Sünder ist vergeben worden.«
   »Du bist gesetzlich an einen Vertrag gebunden,« sagte das Mädchen. »Aber wir könnten da was drehen. Zahl Man-O-War aus, verklag ihn im Gegenzug auf Nicht-Erfüllung. Wir sind die Bastarde. Oley.« Sie zeigte auf sich. »Pidge.« Das war der schweigsame Typ neben ihr. »Percey.« Der Dicke. »Krait.« Mr. Zunge. »Gus.« Das Fliegengewicht. »Wir passen auf dich auf.«
   Ich schüttelte nochmal den Kopf. »Wenn ihr mich verpfeifen wollt, verpfeift mich, kassiert und legt zusammen. Das sollte genug geben, um den besten Sünder zu kaufen, den es je gab.«
   »Wir können eine Menge für dich tun.«
   »Ich bring’s nicht mehr. Es ist weg. Alle meine Rock'n'Roll-Sünden sind vergeben.«
   »Du lügst,« sagte der Dicke. Automatisch ließ ich einen Film ablaufen und musste ihn mit Gewalt anhalten. »Man-O-War hätte dich rausgeschmissen, wenn es weg wäre. Du müsstest nicht abhauen.«
   »Ich wollte es ihm nicht sagen. Lasst mich in Ruhe. Ich will einfach hier weg und nicht weiter sündigen, kapiert? Spielt alleine, ich helfe euch nicht weiter.« Mit beiden Händen klammerte ich mich am Tresen fest. Was sollten sie denn machen? Mir eins überbraten und mich wegtragen?
   Genau das taten sie.

* * *

Am Anfang, dachte ich, und der Widerhall war gewaltig. Am Anfang ... Anfang ... Anfang ...
   Am Anfang war der Sünder kein Mensch. Ich weiß das, weil ich alt genug bin, um mich an alles zu erinnern.

   Sie waren alle da, kaum mehr als Phantome. Die »Bastarde«. Wo haben sie bloß diese Namen her? Ich bin alt genug, um mich an alles zu erinnern. Oingo-Boingo und Bow-Wow-Wow. Vierzig, hab ich das gesagt? Ohhhh, nur ein klein wenig drüber, ein klein wenig in Richtung viel. Alte Rocker sterben nicht, sie rocken einfach weiter. The Who habe ich nie gesehen; Moon war schon tot, bevor ich geboren wurde. Aber ich weiß noch, ich war kaum alt genug, um stehen zu können, da wiegte mich meine Mutter in den Armen, während Tausende kreischten und klatschten und auf ihren Sitzen tanzten. Start me up ... if you start me up, I'll never stop ... Die 763 Strings haben daraus eine Version für Aufzüge und Zahnarzt-Praxen gemacht, daran erinnere ich mich auch noch. Und das war noch nicht das Schlimmste.
   Sie hängten sich an meine Erinnerungen, zogen immer mehr aus mir heraus, kehrten mein Innerstes nach Außen. Are you experienced? Das war auf einer Platte meines Vaters, weil auch er schon gestorben war, bevor meine Eltern sich überhaupt kennen gelernt hatten, und niemand sonst traute sich je, diese Frage zu stellen. Are you experienced? - Hast du was erlebt? ... Nun, ich schon.
   (Nun ich schon.)
   Fünf gegen eine, und ich konnte sie mir nicht vom Leib halten. Aber kann man es Vergewaltigung nennen, wenn man weiß, man wird es mögen? Wenn ich schon nicht abhauen konnte, dann würde ich ihnen eben die Nummer ihres Lebens bescheren. Jerkin' Crocus didn't kill me but she sure came near ...
   Der Dicke blendete sich zuerst rein, fett und wild und für seine Verhältnisse viel zu ruppig. Ich griff ihn mir, hielt ihn fest, zeigte es ihm. Ich jagte ihm den Rythmus der Regennacht geradewegs ins Herz, live und ohne Filter. Dann kam das Mädchen und legte den Basslauf darunter. Sie zitterte, aber zumeist an den richtigen Stellen.
   Dann dieser Krait, der um den Sound herumschlitterte, rein und raus. Vergiss die tätowierten Backen, er war nicht einfach nur aufgetakelt. Er wusste Bescheid; kaum zu glauben, aber er wusste Bescheid.
   Das Fliegengewicht und der Schweigsame, Melodie und erste Begleitung. Schlecht. Fliegengewicht war eine Katastrophe, er wusste nicht, wohin oder was er tun sollte, als er schließlich dort war, aber er stürmte los wie die S. S. Suicide.
   Himmel! Wenn sie mich schon vergewaltigen mussten, hätten sie dann nicht jemand Anständigen besorgen können? Die anderen vier machten weiter, sie wollten dranbleiben, und ich musste für uns alle das Beste draus machen. Nachgemacht, unoriginell – Federgewicht rockte einfach nicht. Es war ein Verbrechen, aber mir blieb nur, sie zu nehmen und durchzuschütteln. Rock-Götter in den Händen einer wütenden Sünderin.
   Sie waren niemals besser. Kleingeld, das eine Ahnung davon bekommt, was es heißt, ein großer Batzen zu sein. Wenn das Fliegengewicht nicht gewesen wäre, hätten sie es vielleicht ganz geschafft. Heutzutage gibt es mehr Bands als je zuvor, und alle sind der Überzeugung, wenn sie nur den richtigen Sünder hätten, würden sie den Mond schon vom Himmel rocken.
   Wir ließen ihn vielleicht ein wenig vibrieren, bevor wir fertig waren. Armes altes Fliegengewicht.
   Ich gab ihnen mehr, als sie verdient hatten, und das wussten sie auch. Als ich Schluss machen wollte, zollten sie mir endlich Respekt und verschwanden. Ihre Techniker gingen behutsam mit mir um, nahmen die Stecker von meinem Kopf, von meinem armen, alten, pochenden, sündigen Kopf mit dem gebrochenen Herzen, und sie deckten die Anschlüsse ab. Ich musste schlafen, und sie ließen mich. Ich hörte, wie der Typ sagte: »Das ist eine Aufnahme - großartig! Die bringen wir sofort auf den Markt. Wo zum Teufel habt ihr diese Sünderin aufgetrieben?«
   »Synthesizer,« murmelte ich schon im Schlaf. »Das richtige Wort, mein Junge, heißt Synthesizer.«

* * *

Verrückte alte Träume. Ich war wieder mit Man-O-War im großen CA, hab ihn wieder verlassen, und es war fast so, wie es sich wirklich abgespielt hatte, aber du weißt, wie Träume sind. Sein Wohnzimmer war halb unter freiem Himmel, halb überdacht, alle Wände waren weggebrochen. Du weißt, wie Träume sind; ich fand das nicht seltsam.
   Man-O-War hatte kaum etwas an, als hätte er es mittendrin vergessen. Oh, das geschah niemals! Dass Man-O-War eine Brosche vergisst? Oder eine Perle? Er liebte es, alles auszureizen, genauso wie dieser Krait.
   »Nie wieder«, sagte ich, und er sagte: »Aber du kannst sonst nichts, spinnst du?« Im ganzen großen CA würde das niemand machen, die sind alle bescheuert, Schwächlinge.
   »Dein Vertrag läuft noch zwei Jahre, und ich krieg die Option, ich krieg immer die Option. Und du liebst es, Gina, das weißt du, ohne taugst du zu nichts.«
   Und dann war Zeit für einen Flashback, und ich war auf Sendung, und alle meine Stecker waren angeschlossen, und ich rockte Man-O-War durch die Kabel, versorgte ihn mit Substanz und Rückgrat, die ihn zu Man-O-War machten, und die Maschine zeichnete alles auf, Ton und Bild, damit all die Glotzen-Kids rund um den Globus es auf dem Bildschirm abspielen konnten, wann immer sie wollten. Vergiss die Touren, vergiss die Auftritte, zu viel Aufwand und kommt an die Aufnahmen nicht ran, bei weitem nicht so aufregend, auch nicht mit dem größten Effekten, mit Laser, Raumschiffen, Explosionen, taugt alles nichts. Und die Aufnahmen waren nicht so gut wie das Zeug im Kopf, Rock'n'Roll-Visionen direkt aus dem Gehirn. Kein stundenlanges Aufbauen und noch länger, um dann im Studio herumzudoktern. Aber du musst alle in der Band so weit kriegen, die gleichen Träume zu träumen. Du brauchst eine Synthese, und dafür hast du einen Synthesizer - nicht diese alten Dinger, diese Musikinstrumente, sondern etwas – jemanden –, durch den du deine Gruppe hindurchjagen kannst, um ihre kleinen, von der Glotze überfütterten Seelen aufzumöbeln, um sie zu rocken und zu rollen, wie sie es selbst niemals gekonnt hätten. Und so konnte jeder ein Rock'n'Roll-Held werden. Jeder!
   Schließlich brauchten sie gar keine Instrumente mehr zu spielen, wenn ihnen eigentlich gar nichts daran lag, und warum sollten sie sich die Mühe machen? Lass den Synthesizer ihre Vorstellungen übernehmen und sie verstärken, bis man sie auf dem Olymp hört.
   Synthesizer. Synner. Sünder.
   Das kann nicht jeder, sündigen für den Rock'n'Roll. Ich schon.
   Aber es ist nicht dasselbe wie jede Nacht zur Musik irgendeiner Bar-Band zu tanzen, die noch keiner kennt ... Man-O-War und sein ausgebombtes Wohnzimmer fielen mir wieder ein, und er sagte: »Du hast die Wände geradewegs aus meinem Haus gerockt. Ich lass dich nie mehr gehen.«
   Und ich sagte: »Ich bin schon weg.«
   Dann war ich draußen, beeilte mich anfangs, weil ich dachte, er ist mir auf den Fersen. Aber ich musste ihn abgehängt haben, und dann packte mich jemand am Knöchel.

* * *

Fliegengewicht hatte ein Tablett, er war Mr. Krankenschwester-Gnadenengel. Er versetzte dem Bett einen Stoß mit dem Knie, und es richtete mich langsam auf. Sie steigt aus dem Grab empor, eine gute Sünderin bringt nichts um.
   »Hier.« Er stellte das Tablett auf meinem Schoß ab und nahm sich einen Stuhl. Irgendeine dicke Suppe in einer Schüssel hatte er mir da gegeben, mit vegetarischen Waffeln, die man hineinbröseln konnte. »Ich dachte, du möchtest etwas Weiches und Leichtes.« Er legte seinen rechten Fuß auf sein linkes Knie und musterte ihn genau. »So bin ich noch nie gerockt worden.«
   »Du kannst es nicht, egal, wer dich auf dieser Welt je rocken sollte. Steig aus, hör auf, geh ins Management. Das große Geld ist im Management.«
   Er kaute an seinem Daumennagel. »Kriegst du das immer mit?«
   »Wenn die Stones morgen zurückkämen, könntest du ihnen nicht mal die Schuhe binden.«
   »Und wenn du meinen Platz einnehmen würdest?«
   »Ich bin eine Sünderin, kein Clown. Man kann nicht sündigen und tanzen. Alles schon dagewesen.«
   »Du könntest es. Wenn überhaupt jemand.«
   »Nein.«
   Seine strähnigen blonden Zotteln fielen ihm ins Gesicht, und er warf sie zurück. »Iss deine Suppe. Sie wollen gleich weitermachen.«
   »Nein.« Ich berührte meine Unterlippe, die auf Würstchengröße angeschwollen war. »Ich werde nicht für Man-O-War sündigen, und ich sündige nicht für Euch. Wenn ihr mir wieder eins überbraten wollt, bitte, nur zu. Schlagt einen Stecker lose, dann bekomm ich keinen Ton mehr raus.«
   Also ging er und kam mit dem ganzem Trupp zurück - Techniker und Bühnenarbeiter, und sie schütteten mir die Suppe in den Rachen und gaben mir eine Pille und schleppten mich raus ins Studio, auf dass ich die Bastarde zum diesjährigen Feuersturm machte.
   Ich wusste, dass Man-O-War mich aufspüren würde, sobald das erste Tape rauskam. Sie hatten schon alles in die Wege geleitet, um mich von ihm loszubekommen. Und sie sorgten für mich, während sie mich hierbehielten – in diesem Zimmer, in dem ihr alter Sünder Buße getan hatte, wie mir das Mädchen erzählte. Ihr Sünder kam auch, um mich zu besuchen. Ich dachte, da trieft Gift von seinen Lefzen, und er stößt Todesdrohungen aus. Aber er war nur ein Typ ungefähr in meinem Alter und mit langen Haaren, um seine Anschlüsse zu verstecken (Ich hab mich nie darum geschert, es war mir egal, ob man sie sah). Er kam nur, um mir seine Aufwartung zu machen, und wie hätte ich nur gelernt, so zu rocken?
   Alter Narr.
   Sie kümmerten sich wirklich um mich. Alkohol auf Abruf, eine Pille gegen den Kater, eine Pille mit Vitaminen, eine Pille, um die bösen Träume zu vertreiben. Pille, Pille, Pillepalle. Ich sah aus wie Keith nach einer Bluttransfusion, und sie wussten nicht mal, wen ich damit meinte. Sie trennten sich von Fliegengewicht, besorgten sich jemanden, der ein wenig gradliniger war, jemand, der mitgehen und was draus machen konnte, ein schnippisches sechzehnjähriges Mädchen mit einem Gesicht wie eine Gottesanbeterin. Aber sie rockte und sie rockten und wir rockten alle, bis Man-O-War kam, um mich nach Hause mitzunehmen.
   Er kam in mein Zimmer stolziert, mit gespreizten Haaren wie ein Pfau (wegen der Anschlüsse), und sagte: »Wolltest du mir was anhängen, Gina, Liebling?«
   Nun, sie stritten sich über mein Bett hinweg. Als die Bastarde sagten, ich würde jetzt ihnen gehören, lächelte Man-O-War und sagte, »Jaja, und ich habe euch gekauft ... Ihr gehört jetzt alle mir, ihr und eure Sünderin. Meine Sünderin.« Das stimmte. Man-O-War hatte seinen Konzern die Bastarde aufkaufen lassen, kaum war das erste Tape auf dem Markt. Das Geschäft war unter Dach und Fach, als wir das dritte Tape fertig hatten, und sie wussten nichts davon. Konzerne kaufen und verkaufen die ganze Zeit. Alle steckten in Schwierigkeiten, bis auf Man-O-War. Und ich, sagte er. Er schickte sie alle hinaus und setzte sich auf mein Bett, um seinen Anspruch auf mich zu erneuern.
   »Gina.« Hast du jemals Honig über ein Sägezahnblatt fließen sehen? Es je gehört? Er konnte nicht singen, ohne jemanden ernsthaft zu verletzten, und er konnte nicht tanzen, aber innendrin, da rockte er. Wenn ich ihn rockte.
   »Ich will kein Sünder sein - weder für dich, noch für jemand anderen.«
   »Alles wird ganz anders aussehen, wenn ich dich nach CA zurückgebracht habe.«
   »Ich will in irgendeine schmierige Bar und mein Hirn zudröhnen, bis es aus den Steckern quillt.«
   »Das gibt es nicht mehr, Liebling. Deshalb bist du hier gelandet, nicht wahr? Aber die Bars sind alle verschwunden und die Bands auch. Der letzte Auftritt liegt Jahre zurück; jetzt ist alles hier oben drin. Hier oben.« Er klopfte an seine Stirn. »Du bist eine alte Dame, egal wie sehr ich versuche, deinen Körper jung zu halten. Und geb ich dir nicht alles? Und hast du nicht gesagt, ich hab es?«
   »Das ist nicht dasselbe. Es wurde nicht gemacht, um in die Glotze zu kommen, damit die Leute zuschauen können.«
   »Aber der Rock'n'Roll ist doch nicht etwa tot, Liebste.«
   »Du bringst ihn um.«
   »Nicht ich. Du versuchst, ihn lebendig zu begraben. Aber ich werde ihn noch für eine lange, lange Zeit am Leben erhalten.«
   »Ich werde wieder abhauen. Entweder machst du deinen Rock'n'Roll alleine, oder du gibst es auf, aber aus mir wirst du ihn nicht mehr herausbekommen. Das ist nicht mein Stil, das ist nicht meine Zeit. Wie der Typ gesagt hat: ›I don't live today.‹« Ich lebe nicht hier und heute.
   Man-O-War grinste. »Und wie hat der andere Typ gesagt: ›Rock'n'Roll never forgets‹.« Der Rock’n’Roll vergisst nie.
   Er rief seine Gorillas und nahm mich mit nach Hause.

© 1984 & 2003 by Pat Cadigan
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin (Thanks, Pat!)
Erstveröffentlichung in Light Years and Dark, hrsg. von Michael Bishop
Nachgedruckt in: Mirrorshades, hrsg. von Bruce Sterling; und Patterns
Dt. Erstausgabe in Spiegelschatten, hrsg. von Bruce Sterling
© der Übersetzung 2003 by Alexander Ruoff (Thanks, Ali!)


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Cyberpunk ist zu einem Teil von allem anderen geworden - Ein Interview mit Pat Cadigan
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21.05.06 • 10.06.06