Regen weckte
mich auf. Ich dachte, Scheiße, hier bin ich, Lady Regen im Gesicht, denn genau
da traf er mich, genau ins Gesicht. Ich setzte mich auf und stellte fest, ich war noch
immer in der Newbury Street. Besuchen Sie das wunderschöne Zentrum von Boston! War die
Newbury im Zentrum? Spielt das eine Rolle, mitten in der Nacht? Nein, natürlich nicht.
Und keine Menschenseele weit und breit. Als hätten alle gesagt: Lasst uns Gina betrunken
machen, und wenn sie umkippt, ziehen wir alle nach Vermont. Gefällt mir Neu-England?
Großartig, wenn man dort wohnt, aber auf Besuch möchte man dort nicht hin.
Ich strich mir die nassen Haare aus den Augen und fragte mich, ob mich
jetzt irgendwer suchte. He, ist irgendwer hinter einer vierzig Jahre alten
Rock'n'Roll-Sünderin her?
Ich verdrückte mich in den Eingang eines dieser malerischen alten
Gebäude, wo die Tür zum Ladengeschäft im Kellergeschoss liegt. Eine kleine Markise
hielt den Regen ab, aber das Wasser pisste in einem wahnsinnigem Rhythmus runter. Ich
wrang das Wasser aus meinen Hosen und meinem Haar und saß einfach da, feucht wie ich war.
Kalt war mir auch, glaube ich, aber das habe ich nicht so sehr gespürt.
Ich saß eine ganze Weile so da, mit dem Kinn auf den Knien; weißt du,
fast habe ich mich wieder wie ein Kind gefühlt. Als mir der Kopf schwer wurde, blieben
meine Gedanken an etwas hängen. Ganz instinktiv, aber das gelingt mir immer erstaunlich
gut. Man-O-War, wenn du mich jetzt sehen könntest! Als die Blaukittel mich fanden, war
ich ziemlich drauf.
Und das war die Pointe. Ich hab nie versucht, aufzustehen und abzuhauen,
ansonsten wäre mir aufgefallen, dass ich wie eine Fliege im Leim festsaß. So ein Ding,
mit dem sie die Jungs während eines Bruchs festhalten, bis die Blaukittel kommen und sie
holen können. Ich saß in meiner eigenen Falle und kam mir noch toll dabei vor. Die
Geschichte meines Lebens.* * *
Sie waren nett zu mir. Nahmen mich mit, lasen mir meine Rechte vor, ließen mich
ausnüchtern. Brummten mir einen Hunderter auf und ließen mich rechtzeitig zum
Frühstück wieder laufen.
Eine abscheuliche Zeit, um zu sehen und gesehen zu werden, einfach
abscheulich. Während der ersten drei Stunden, nachdem du aufgestanden bist, merken die
Leute gleich, ob du ein gebrochenes Herz hast oder nicht. Da bleibt nur eins: entweder
wirklich zeitig aufzustehen, so dass deine Tarnung steht, bis alle anderen raus sind, oder
gar nicht erst ins Bett zu gehen. Gar nicht ins Bett gehen sollte eigentlich immer
funktionieren tut es aber nicht. Manchmal, wenn man gar nicht ins Bett geht,
können die Leute den ganzen Tag lang sehen, ob man ein gebrochenes Herz hat. Ich
schleppte meins mit mir rum und suchte nach einer Frühstücksbar, die nicht überlaufen
war, ohne jemanden anzuschauen, der mich anschaute. Aber ich hatte das Bedürfnis,
irgendwelche Fußgänger anzuhalten und zu sagen: Ja, ja, es ist wahr, aber es war der
Rock'n'Roll, der mein armes altes Herz gebrochen hat, kein Typ weint nicht um mich,
oder ich mach euch alle.
Ich irrte in der Gegend herum, rechts, links, rauf, runter, bis ich die
Tremont Street gefunden hatte. Es war der Schlagzeuger dieser Band aus dem Krater von
Detroit gewesen den Namen hab ich vergessen, aber die Krankheit schwelte weiter
, jedenfalls hatte er mir erzählt, auf der Tremont gäbe es die besten
Frühstücksbars der Welt, vor allem dann, wenn man sich bis zur Besinnungslosigkeit
betrunken hatte.
Nachdem sich die Pendler ein wenig verzogen hatten, fand ich einen Platz
in einer griechischen Bruchbude. Wir machen pünktlich um 10 Uhr 30 Feierabend, mach, dass
du rauskommst, wenn du fertig bist, Selbstbedienung, friss oder stirb. Mir gefallen Lokale
mit einem gewissen Anspruch. Ich klappte mir einen Sitz runter und bestellte einen Kaffee
und ein Feta-Omelett. Dazu gab es hausgemachte Fritten vom Berg hausgemachter Fritten in
der Ecke des Grills (keine Mikrowellen-Scheiße, hurra). Noch bevor sie den Kaffee
brachten, scannten sie meine Netzhaut, und während ich die Milch einrührte,
überprüften sie, ob ich genug Geld hatte. War das beschissen? Das war beschissen. Machte
es mir was aus? Nicht die Bohne. Kein Abfall, keine Maschinen, wenn ein Mensch die Arbeit
erledigen konnte, und richtiges Essen, nicht dieses nahrhafte Polyester, das blankweg
durch einen durchrutscht, so dass du ewig aussiehst wie ein Hungeropfer, Schätzchen.
Sie kamen rein, als ich mit dem Omelett zur Hälfte fertig war. Hatten
sich die ganze Nacht rumgetrieben, so wie sie aussahen und sich anhörten, aber ich suchte
in ihren Gesichtern nicht nach gebrochenen Herzen. Sie machten mich nervös, aber ich
dachte mir, nun, die sind müde, wer bemerkt schon eine alte Dame? Keiner.
Wieder falsch. Sie bemerkten mich, gleich, nachdem ihre
Netzhäute gescannt worden waren. Ein siebzehnjähriger Knabe mit tätowierten Wangen und
einer gespaltenen Zunge lehnte sich vor und zischte wie eine Schlange.
»Sssssssünder.«
Die anderen vier spitzen die Ohren. »Wo?« »Wer?« »Hier drin?«
»Rock'n'Roll-Ssssssünder.«
Das Mädchen erkannte mich. Sie hatte ein Allerweltsgesicht, und wenn
sie ein Herz hatte, dann hatte es nicht mal einen Knacks. Bei einer Sünderin war sie
vermutlich Madame Magnifica. »Gina,« sagte sie voller Überzeugung.
Meine linkes Auge zuckte. Oh, bitte! Ich hab Feta-Käse auf dem Knie.
Was solls?, dachte ich - ich nicke, sie nicken, ich esse, ich verschwinde. Und dann
flüsterte jemand das Wort Belohnung.
Ich ließ die Gabel fallen und rannte los.
Das sollte reichen, dachte ich. Würden die alle hinter mir herrennen,
bevor sie ihr griechisches Frühstück bekommen? Nein, natürlich nicht. Sie jagten mir
das Mädel auf den Hals.
Sie war viel jünger als ich, und sie erwischte mich mitten auf einer
Kreuzung, gerade, als die Ampel umschaltete. Ein Auto holperte über uns drüber, der
Unterboden zerzauste gerade so die Spitzen ihrer harten Kupferhaare.
»Komm zurück und iss dein Omelett auf. Wir können dir auch ein neues
kaufen.«
»Nein.«
Sie zerrte mich hoch und zog mich von der Straße. »Komm schon.« Die
Leute glotzten, aber auf der Tremont ist an jeder Ecke ein Theater. Das gibts da
wirklich noch, Live-Theater, alles umsonst. Sie nahm mich in den Polizeigriff und
schleppte mich zurück zur Frühstücksbar, wo sie den Rest von meinen Omelett zu einem
Schleuderpreis an einen Penner verkauft hatten. Das Mädchen und ihre Gruppe machten Platz
für mich und brachten mir einen neuen Kaffee.
»Wie kannst du mit einer gespalten Zunge essen und trinken?«, fragte
ich die tätowierten Wangen. Er zeigte es mir. Auf der Unterseite befand sich eine kleine
Vorrichtung, eine Art Reißverschluss. Das Fliegengewicht links von dem dicken Kerl, auf
der anderen Seite des Mädchens, beugte sich zu mir vor und legte die Stirn in Falten.
»Gib uns einen guten Grund, weshalb wir dich nicht an Man-O-War
verpfeifen und die Belohnung kassieren sollten.«
Ich schüttelte den Kopf. »Mir langts. Diesem Sünder ist
vergeben worden.«
»Du bist gesetzlich an einen Vertrag gebunden,« sagte das Mädchen.
»Aber wir könnten da was drehen. Zahl Man-O-War aus, verklag ihn im Gegenzug auf
Nicht-Erfüllung. Wir sind die Bastarde. Oley.« Sie zeigte auf sich. »Pidge.«
Das war der schweigsame Typ neben ihr. »Percey.« Der Dicke. »Krait.« Mr. Zunge.
»Gus.« Das Fliegengewicht. »Wir passen auf dich auf.«
Ich schüttelte nochmal den Kopf. »Wenn ihr mich verpfeifen wollt,
verpfeift mich, kassiert und legt zusammen. Das sollte genug geben, um den besten Sünder
zu kaufen, den es je gab.«
»Wir können eine Menge für dich tun.«
»Ich brings nicht mehr. Es ist weg. Alle meine
Rock'n'Roll-Sünden sind vergeben.«
»Du lügst,« sagte der Dicke. Automatisch ließ ich einen Film
ablaufen und musste ihn mit Gewalt anhalten. »Man-O-War hätte dich rausgeschmissen, wenn
es weg wäre. Du müsstest nicht abhauen.«
»Ich wollte es ihm nicht sagen. Lasst mich in Ruhe. Ich will einfach
hier weg und nicht weiter sündigen, kapiert? Spielt alleine, ich helfe euch nicht
weiter.« Mit beiden Händen klammerte ich mich am Tresen fest. Was sollten sie denn
machen? Mir eins überbraten und mich wegtragen?
Genau das taten sie.
* * *
Am Anfang, dachte ich, und der Widerhall war gewaltig. Am Anfang ... Anfang ...
Anfang ...
Am Anfang war der Sünder kein Mensch. Ich weiß das, weil ich alt genug
bin, um mich an alles zu erinnern.
Sie waren alle da, kaum mehr als Phantome. Die »Bastarde«. Wo haben
sie bloß diese Namen her? Ich bin alt genug, um mich an alles zu erinnern. Oingo-Boingo
und Bow-Wow-Wow. Vierzig, hab ich das gesagt? Ohhhh, nur ein klein wenig drüber, ein
klein wenig in Richtung viel. Alte Rocker sterben nicht, sie rocken einfach weiter. The
Who habe ich nie gesehen; Moon war schon tot, bevor ich geboren wurde. Aber ich weiß
noch, ich war kaum alt genug, um stehen zu können, da wiegte mich meine Mutter in den
Armen, während Tausende kreischten und klatschten und auf ihren Sitzen tanzten. Start
me up ... if you start me up, I'll never stop ... Die 763 Strings haben
daraus eine Version für Aufzüge und Zahnarzt-Praxen gemacht, daran erinnere ich mich
auch noch. Und das war noch nicht das Schlimmste.
Sie hängten sich an meine Erinnerungen, zogen immer mehr aus mir
heraus, kehrten mein Innerstes nach Außen. Are you experienced? Das war auf
einer Platte meines Vaters, weil auch er schon gestorben war, bevor meine Eltern sich
überhaupt kennen gelernt hatten, und niemand sonst traute sich je, diese Frage zu
stellen. Are you experienced? - Hast du was erlebt? ... Nun, ich schon.
(Nun ich schon.)
Fünf gegen eine, und ich konnte sie mir nicht vom Leib halten. Aber
kann man es Vergewaltigung nennen, wenn man weiß, man wird es mögen? Wenn ich schon
nicht abhauen konnte, dann würde ich ihnen eben die Nummer ihres Lebens bescheren. Jerkin'
Crocus didn't kill me but she sure came near ...
Der Dicke blendete sich zuerst rein, fett und wild und für seine
Verhältnisse viel zu ruppig. Ich griff ihn mir, hielt ihn fest, zeigte es ihm. Ich jagte
ihm den Rythmus der Regennacht geradewegs ins Herz, live und ohne Filter. Dann kam das
Mädchen und legte den Basslauf darunter. Sie zitterte, aber zumeist an den richtigen
Stellen.
Dann dieser Krait, der um den Sound herumschlitterte, rein und raus.
Vergiss die tätowierten Backen, er war nicht einfach nur aufgetakelt. Er wusste Bescheid;
kaum zu glauben, aber er wusste Bescheid.
Das Fliegengewicht und der Schweigsame, Melodie und erste Begleitung.
Schlecht. Fliegengewicht war eine Katastrophe, er wusste nicht, wohin oder was er tun
sollte, als er schließlich dort war, aber er stürmte los wie die S. S. Suicide.
Himmel! Wenn sie mich schon vergewaltigen mussten, hätten sie dann
nicht jemand Anständigen besorgen können? Die anderen vier machten weiter, sie wollten
dranbleiben, und ich musste für uns alle das Beste draus machen. Nachgemacht, unoriginell
Federgewicht rockte einfach nicht. Es war ein Verbrechen, aber mir blieb nur, sie
zu nehmen und durchzuschütteln. Rock-Götter in den Händen einer wütenden Sünderin.
Sie waren niemals besser. Kleingeld, das eine Ahnung davon bekommt, was
es heißt, ein großer Batzen zu sein. Wenn das Fliegengewicht nicht gewesen wäre,
hätten sie es vielleicht ganz geschafft. Heutzutage gibt es mehr Bands als je zuvor, und
alle sind der Überzeugung, wenn sie nur den richtigen Sünder hätten, würden sie den
Mond schon vom Himmel rocken.
Wir ließen ihn vielleicht ein wenig vibrieren, bevor wir fertig waren.
Armes altes Fliegengewicht.
Ich gab ihnen mehr, als sie verdient hatten, und das wussten sie auch.
Als ich Schluss machen wollte, zollten sie mir endlich Respekt und verschwanden. Ihre
Techniker gingen behutsam mit mir um, nahmen die Stecker von meinem Kopf, von meinem
armen, alten, pochenden, sündigen Kopf mit dem gebrochenen Herzen, und sie deckten die
Anschlüsse ab. Ich musste schlafen, und sie ließen mich. Ich hörte, wie der Typ sagte:
»Das ist eine Aufnahme - großartig! Die bringen wir sofort auf den Markt. Wo zum Teufel
habt ihr diese Sünderin aufgetrieben?«
»Synthesizer,« murmelte ich schon im Schlaf. »Das richtige Wort, mein
Junge, heißt Synthesizer.«
* * *
Verrückte alte Träume. Ich war wieder mit Man-O-War im großen CA, hab ihn wieder
verlassen, und es war fast so, wie es sich wirklich abgespielt hatte, aber du weißt, wie
Träume sind. Sein Wohnzimmer war halb unter freiem Himmel, halb überdacht, alle Wände
waren weggebrochen. Du weißt, wie Träume sind; ich fand das nicht seltsam.
Man-O-War hatte kaum etwas an, als hätte er es mittendrin vergessen.
Oh, das geschah niemals! Dass Man-O-War eine Brosche vergisst? Oder eine Perle? Er liebte
es, alles auszureizen, genauso wie dieser Krait.
»Nie wieder«, sagte ich, und er sagte: »Aber du kannst sonst nichts,
spinnst du?« Im ganzen großen CA würde das niemand machen, die sind alle bescheuert,
Schwächlinge.
»Dein Vertrag läuft noch zwei Jahre, und ich krieg die Option, ich
krieg immer die Option. Und du liebst es, Gina, das weißt du, ohne taugst du zu nichts.«
Und dann war Zeit für einen Flashback, und ich war auf Sendung, und
alle meine Stecker waren angeschlossen, und ich rockte Man-O-War durch die Kabel,
versorgte ihn mit Substanz und Rückgrat, die ihn zu Man-O-War machten, und die Maschine
zeichnete alles auf, Ton und Bild, damit all die Glotzen-Kids rund um den Globus es auf
dem Bildschirm abspielen konnten, wann immer sie wollten. Vergiss die Touren, vergiss die
Auftritte, zu viel Aufwand und kommt an die Aufnahmen nicht ran, bei weitem nicht so
aufregend, auch nicht mit dem größten Effekten, mit Laser, Raumschiffen, Explosionen,
taugt alles nichts. Und die Aufnahmen waren nicht so gut wie das Zeug im Kopf,
Rock'n'Roll-Visionen direkt aus dem Gehirn. Kein stundenlanges Aufbauen und noch länger,
um dann im Studio herumzudoktern. Aber du musst alle in der Band so weit kriegen, die
gleichen Träume zu träumen. Du brauchst eine Synthese, und dafür hast du einen
Synthesizer - nicht diese alten Dinger, diese Musikinstrumente, sondern etwas
jemanden , durch den du deine Gruppe hindurchjagen kannst, um ihre kleinen, von der
Glotze überfütterten Seelen aufzumöbeln, um sie zu rocken und zu rollen, wie sie es
selbst niemals gekonnt hätten. Und so konnte jeder ein Rock'n'Roll-Held werden. Jeder!
Schließlich brauchten sie gar keine Instrumente mehr zu spielen, wenn
ihnen eigentlich gar nichts daran lag, und warum sollten sie sich die Mühe machen? Lass
den Synthesizer ihre Vorstellungen übernehmen und sie verstärken, bis man sie auf dem
Olymp hört.
Synthesizer. Synner. Sünder.
Das kann nicht jeder, sündigen für den Rock'n'Roll. Ich schon.
Aber es ist nicht dasselbe wie jede Nacht zur Musik irgendeiner Bar-Band
zu tanzen, die noch keiner kennt ... Man-O-War und sein ausgebombtes Wohnzimmer fielen mir
wieder ein, und er sagte: »Du hast die Wände geradewegs aus meinem Haus gerockt. Ich
lass dich nie mehr gehen.«
Und ich sagte: »Ich bin schon weg.«
Dann war ich draußen, beeilte mich anfangs, weil ich dachte, er ist mir
auf den Fersen. Aber ich musste ihn abgehängt haben, und dann packte mich jemand am
Knöchel.
* * *
Fliegengewicht hatte ein Tablett, er war Mr. Krankenschwester-Gnadenengel. Er versetzte
dem Bett einen Stoß mit dem Knie, und es richtete mich langsam auf. Sie steigt aus dem
Grab empor, eine gute Sünderin bringt nichts um.
»Hier.« Er stellte das Tablett auf meinem Schoß ab und nahm sich
einen Stuhl. Irgendeine dicke Suppe in einer Schüssel hatte er mir da gegeben, mit
vegetarischen Waffeln, die man hineinbröseln konnte. »Ich dachte, du möchtest etwas
Weiches und Leichtes.« Er legte seinen rechten Fuß auf sein linkes Knie und musterte ihn
genau. »So bin ich noch nie gerockt worden.«
»Du kannst es nicht, egal, wer dich auf dieser Welt je rocken sollte.
Steig aus, hör auf, geh ins Management. Das große Geld ist im Management.«
Er kaute an seinem Daumennagel. »Kriegst du das immer mit?«
»Wenn die Stones morgen zurückkämen, könntest du ihnen
nicht mal die Schuhe binden.«
»Und wenn du meinen Platz einnehmen würdest?«
»Ich bin eine Sünderin, kein Clown. Man kann nicht sündigen und
tanzen. Alles schon dagewesen.«
»Du könntest es. Wenn überhaupt jemand.«
»Nein.«
Seine strähnigen blonden Zotteln fielen ihm ins Gesicht, und er warf
sie zurück. »Iss deine Suppe. Sie wollen gleich weitermachen.«
»Nein.« Ich berührte meine Unterlippe, die auf Würstchengröße
angeschwollen war. »Ich werde nicht für Man-O-War sündigen, und ich sündige nicht für
Euch. Wenn ihr mir wieder eins überbraten wollt, bitte, nur zu. Schlagt einen Stecker
lose, dann bekomm ich keinen Ton mehr raus.«
Also ging er und kam mit dem ganzem Trupp zurück - Techniker und
Bühnenarbeiter, und sie schütteten mir die Suppe in den Rachen und gaben mir eine Pille
und schleppten mich raus ins Studio, auf dass ich die Bastarde zum diesjährigen
Feuersturm machte.
Ich wusste, dass Man-O-War mich aufspüren würde, sobald das erste Tape
rauskam. Sie hatten schon alles in die Wege geleitet, um mich von ihm loszubekommen. Und
sie sorgten für mich, während sie mich hierbehielten in diesem Zimmer, in dem ihr
alter Sünder Buße getan hatte, wie mir das Mädchen erzählte. Ihr Sünder kam auch, um
mich zu besuchen. Ich dachte, da trieft Gift von seinen Lefzen, und er stößt
Todesdrohungen aus. Aber er war nur ein Typ ungefähr in meinem Alter und mit langen
Haaren, um seine Anschlüsse zu verstecken (Ich hab mich nie darum geschert, es war mir
egal, ob man sie sah). Er kam nur, um mir seine Aufwartung zu machen, und wie hätte ich
nur gelernt, so zu rocken?
Alter Narr.
Sie kümmerten sich wirklich um mich. Alkohol auf Abruf, eine Pille
gegen den Kater, eine Pille mit Vitaminen, eine Pille, um die bösen Träume zu
vertreiben. Pille, Pille, Pillepalle. Ich sah aus wie Keith nach einer Bluttransfusion,
und sie wussten nicht mal, wen ich damit meinte. Sie trennten sich von Fliegengewicht,
besorgten sich jemanden, der ein wenig gradliniger war, jemand, der mitgehen und was draus
machen konnte, ein schnippisches sechzehnjähriges Mädchen mit einem Gesicht wie eine
Gottesanbeterin. Aber sie rockte und sie rockten und wir rockten alle, bis Man-O-War kam,
um mich nach Hause mitzunehmen.
Er kam in mein Zimmer stolziert, mit gespreizten Haaren wie ein Pfau
(wegen der Anschlüsse), und sagte: »Wolltest du mir was anhängen, Gina, Liebling?«
Nun, sie stritten sich über mein Bett hinweg. Als die Bastarde sagten,
ich würde jetzt ihnen gehören, lächelte Man-O-War und sagte, »Jaja, und ich habe euch
gekauft ... Ihr gehört jetzt alle mir, ihr und eure Sünderin. Meine
Sünderin.« Das stimmte. Man-O-War hatte seinen Konzern die Bastarde aufkaufen lassen,
kaum war das erste Tape auf dem Markt. Das Geschäft war unter Dach und Fach, als wir das
dritte Tape fertig hatten, und sie wussten nichts davon. Konzerne kaufen und verkaufen die
ganze Zeit. Alle steckten in Schwierigkeiten, bis auf Man-O-War. Und ich, sagte er. Er
schickte sie alle hinaus und setzte sich auf mein Bett, um seinen Anspruch auf mich zu
erneuern.
»Gina.« Hast du jemals Honig über ein Sägezahnblatt fließen sehen?
Es je gehört? Er konnte nicht singen, ohne jemanden ernsthaft zu verletzten, und
er konnte nicht tanzen, aber innendrin, da rockte er. Wenn ich ihn rockte.
»Ich will kein Sünder sein - weder für dich, noch für jemand
anderen.«
»Alles wird ganz anders aussehen, wenn ich dich nach CA zurückgebracht
habe.«
»Ich will in irgendeine schmierige Bar und mein Hirn zudröhnen, bis es
aus den Steckern quillt.«
»Das gibt es nicht mehr, Liebling. Deshalb bist du hier gelandet, nicht
wahr? Aber die Bars sind alle verschwunden und die Bands auch. Der letzte Auftritt liegt
Jahre zurück; jetzt ist alles hier oben drin. Hier oben.« Er klopfte an seine Stirn.
»Du bist eine alte Dame, egal wie sehr ich versuche, deinen Körper jung zu halten. Und
geb ich dir nicht alles? Und hast du nicht gesagt, ich hab es?«
»Das ist nicht dasselbe. Es wurde nicht gemacht, um in die Glotze zu
kommen, damit die Leute zuschauen können.«
»Aber der Rock'n'Roll ist doch nicht etwa tot, Liebste.«
»Du bringst ihn um.«
»Nicht ich. Du versuchst, ihn lebendig zu begraben. Aber ich werde ihn
noch für eine lange, lange Zeit am Leben erhalten.«
»Ich werde wieder abhauen. Entweder machst du deinen Rock'n'Roll
alleine, oder du gibst es auf, aber aus mir wirst du ihn nicht mehr herausbekommen. Das
ist nicht mein Stil, das ist nicht meine Zeit. Wie der Typ gesagt hat: I don't live
today.« Ich lebe nicht hier und heute.
Man-O-War grinste. »Und wie hat der andere Typ gesagt:
Rock'n'Roll never forgets.« Der RocknRoll vergisst nie.
Er rief seine Gorillas und nahm mich mit nach Hause.
© 1984 & 2003 by Pat Cadigan
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin (Thanks, Pat!)
Erstveröffentlichung in Light Years and Dark, hrsg. von Michael Bishop
Nachgedruckt in: Mirrorshades, hrsg. von Bruce Sterling; und Patterns
Dt. Erstausgabe in Spiegelschatten, hrsg. von Bruce Sterling
© der Übersetzung 2003 by Alexander Ruoff (Thanks, Ali!) |
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