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ALIEN CONTACT

Myra Çakan

Downtown Blues

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Am 7. September 2027 spielten die ›Fortune Cookies‹ gegen die ›Flying Burritos‹ um den Aufstieg in die erste Liga. Die Wetten waren hoch, und die Stadt kochte - bei sechsundvierzig Grad im Schatten.
   Ich bin Donovan, City-Force-Agent, und dies ist mein freier Abend. Gibt nicht viele Gelegenheiten, sich zu amüsieren in dieser heißen, dreckigen Stadt die keinen Namen hat.
   JalAlai war angesagt. Gepanzerte Sicherheitstrucks blockierten alle Seitenstraßen auf dem Weg zum Stadion. Totale Kontrolle, kein Risiko, kein Entkommen für Downtownratten. Barrio-Schläger gegen KungFu-Kämpfer, Messer und Ketten gegen Nunchakus.

Enrike, den Champion der ›Burritos‹, erwischte es in der ersten Runde, und ich stürzte zur Totobox der ›Cookies‹, setzte einen Wochenkredit auf das nächste Doppel.
   »He, Enrike, hörst du? Spendier' dir einen. Zwanzig zu eins, raus ist der Champion, der große Macho-Champ.«
   Neben mir Howie Chan, siegessicher, pleite, wie immer. Acht Großbildschirme. Zoom auf das gebleckte Grinsen, dieses berühmte Grinsen von Feng, dem Angreifer der ›Cookies‹.
   Wutschreie von der Barrio-Seite, zwei Punkte für die verdammten Schlitzaugen. Messer prallen gegen die Absperrung, Panzerglas mit Hochspannungssicherung. Die Luft im Stadion dampft vor Hitze, Schweiß, die vibrierende Erregung ist greifbar. Noch zwei Punkte bis zum Sieg, zwei verdammte Punkte. Cestas zerschneiden das grelle Scheinwerferlicht. Feng packt es noch einmal, hechtet, springt, macht den Punkt. Macht den Millionendeal mit Coca Cola, ist der Champ. Chan schreit, springt wie ein Irrer, schreit und springt mit zehntausend ausgeflippten Fans, mit mir.
   »Mann, jetzt haben wir's ... abkassiert«, brüllt er heiser in mein Ohr. »Machen wir, daß wir hier rauskommen, bevor der Ärger losgeht.«

Rund zweitausend durchbrachen die Sperre zur Tiefgarage, dreihundertachtzehn bleiben auf der Strecke. Barrio-Schläger und KungFu-Kämpfer, blutend werden sie in die Sicherheitstrucks geladen. Hätte schlimmer sein können - kann noch kommen.
   Elf p. m. und immer noch 40°, alles ist möglich. Zehn Minuten später hatte es den ersten Outsider erwischt. Downtown, Ecke Siebte und Westside, Barrio-Revier. Ein dreiundsechziger Caddy, hologestylt, großer Renner diesen Sommer bei den Latinos, wahrscheinlich nicht registrierte Schwarzmarktware, Fahrer flüchtig. Bald nur noch eine Meldung von vielen.
   Zwei Downtowncops tun nur ihren üblichen Freitagnachtjob; der Ältere spricht in sein Walkterm: »... Farbe: schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün, keine Kennummer. Subjekt: männlich, weiß. Alter: nicht feststellbar ...«
   »He, Mac, keine ID-Card. Verdammte Sauerei. Wo bleiben der Reinigungswagen und die Ambulanz?«
   »... Identität: nicht feststellbar. An Pathologie: Netzhautabdrücke an Vermißtenzentrale. Todesursache: vermutlich Genickbruch. Daten speichern. Immer mit der Ruhe, Partner.«
   »Ein nicht registrierter Penner, was meinst du, Mac?«
   Schulterzucken.
   »Kam vielleicht aus dem Pfandhaus von drüben. Zeugen?«
   »Vergiß es, Amigo, oder siehst du welche?«
   »Dummer alter Mann.«
   »Machen wir, daß wir zur Zentrale kommen. Verdammt viel verrückte JalAlai-Freaks auf den Straßen.«
   »Scheißspiel, hab' dreißig Bucks auf die ›Burritos‹ gesetzt. Dreißig verdammte Bucks auf diesen Barrio-Champ.«

5 a. m. - Suchmeldung über Sonderkanal:
   an alle einheiten -
   potter jonathan calvin - männlich - weiß - netzhautabdruck über downtownzentralcomp abrufen - meldung über vermißtes subjekt an city-force -
   ende - an alle einheiten - potter ...

Das Signal kam über Walkterm rein und knallte mir um die Ohren. Graugelbes Morgenlicht durch halb geschlossene Jalousien, graugelbe Hitze im Zimmer.

- rückmeldung an zentrale - rückmeldung an zentrale - rück

Blick auf die Uhr, Blick auf Chan - schnarcht auf meiner Couch, kriegt den dicken Kopf erst, den ich schon habe. Werf' mir den ersten Muntermacher ein und häng' mich vor die Konsole. Lege mein Handgelenk auf den Videophonkontakt, Alarmton und Display auf dem Walkterm schalten sich aus.
   Immer in Bereitschaft, City-Force-Agent Donovan, vollgeknallt um fünf Uhr morgens. Scheißjob, Scheißprivilegien; Klimaanlage: defekt - Lebensmittelmarken für Kaffeersatz, Einzimmerapartment mit Wasserrationierung.
   »Dreißig Sekunden überfällig, Sie werden alt, Donovan«; der diensthabende Einsatzleiter grinst hämisch.
   Sieht verdammt frisch aus an diesem trüben Morgen, Lieutenant ›Superuser‹ Fraser. Mein Hemd klebt am Rücken, Hemd von gestern, Schweiß von gestern, Nachrichten auch von gestern. Ein alter Mann ist verschwunden. Wär' nicht weiter von Bedeutung, ein Routinefall für die Downtowncops, doch der Alte ist Professor Potter, Jonathan Calvin, Doktor in Mathematik und Physik. Hat damals am Raumfahrtprogramm der NASA mitgearbeitet - wichtig genug für eine CF-Nummer.
   »Ihr Baby, Donovan, Ihre Quote sinkt, kein Kredit mehr, verstanden?«
   Verstanden, Mr. Arschloch. Weiß, womit er mich losschickt. Will einer verschwinden, findet ihn keiner, der ihn nicht finden soll. Kleiner alter Mann, so wichtig wie eine Nadel im Heuhaufen. Bin richtig heiß auf diese beschissenen Downtownjobs.
   Zentrale schickt mir Potters Daten auf den Monitor. Einzelgänger, keine Verwandten. Aufsätze, Auszeichnungen ... ich schalte auf Schnellvorlauf, hab' alles im Walktermspeicher, Infos für unterwegs.
   Ein Warnsignal vom Zentralcomp stoppt den FF. Eine Konserve der Latenews vom 6. September 2027:
   ›... trip zum Saturn? Seit gestern geht unter NASA-Oldtimern und Spacehoppern wieder einmal das Gerücht vom lichtschnellen Antrieb um. Schwere Zeiten für die Jungs bei Spacecraft. Potter, so heißt der Wunderknabe, soll ihn haben, und das Programm für den Flug zu den Sternen bringt er gleich mit. Ist der alte J. C. ein Genie oder ein Aufschneider? Morgen werden wir es wissen, und morgen, nicht vergessen, Freunde, ist das große JalAlai-Endspiel um den Aufstieg in die erste Liga, und Kanal 11 ist wie immer live dabei. Schalten Sie auch morgen wieder ein - Kanal 11 mit den heißesten News in Town.
   ... unverändert. Zum Wochenende wird ein leichter Abbau der Smogdecke erwartet, Niederschläge bleiben weiterhin aus ...‹
   Wettervorhersage sagt, bleibt weiter heiß, über vierzig Grad schon in der elften Woche. Rationierungsstelle sagt, heute keine Dusche, Donovan. Bald stinkt die ganze verdammte, staubige Stadt wie ein Mülleimer.
   Fraser sagt: kein Kredit. Ich leer' meine Taschen aus, JalAlai-Wetten sind immer für Bargeld gut. Ohne Cash keine Informationen. Informationen über einen kleinen alten Mann, der kalte Füße gekriegt hat und untergetaucht ist.
   »Aufstehen, Howie, Arbeit!«
   Howie Chan ist mein Spürhund. Jeder gute City-Force-Agent hat seinen persönlichen Spürhund, Spezialist und Kontaktmann. Hab' Howie schon in der dritten Saison, sind fast Freunde. Freund genug zum Anhauen, meint Chan, immer pleite, zu viele JalAlai-Wetten, zuviel Stoff.
   Howie sitzt da, schwarze Haare hängen über schläfrigen Augen, greift in die Brusttasche seines zerknitterten Hawaiihemdes, zieht mit überraschtem Gesicht ein Bündel Geldscheine raus.
   »He, hab' ich doch nicht geträumt. Sieht aus, als hätten wir 'nen guten Schnitt gemacht letzte Nacht, Partner.«
   Grinst mich an, bringt mich immer dazu, seine Schulden zu streichen, dieses Grinsen. Steht auf, schlendert zum Fenster, blinzelt in die trübe Sonne, reibt sich den Nacken.
   »Schätze, wir haben unseren Gewinn noch reichlich begossen, oder?«
   »Beeil dich besser, Chan, Fraser hat mich auf der Abschußliste.«
   »Schlechte Laune, Schätzchen?« Wieder dieses Grinsen. Lehnt am Türrahmen, schlürft seinen Kaffee, ist amüsiert.
   »Schnauze, Chan«, zisch' ich wütend, »vergiß nicht, mein Job ist auch dein Job.«
   »Schon kapiert, Donovan«, stößt sich vom Türrahmen ab, »geh'n wir«.

Die Einsatzzentrale der Downtowncops. Sieht aus wie nach 'ner heißen Party, doch die Party war draußen in den Straßen. Zwanzigtausend aufgeputschte Barrio-Schläger haben die Stadt aufgemischt. War die Nacht der Buchmacher und Dealer.
   Diese miesen Downtownjobs, die Fraser mir aufpreßt, stinken. Alles nur Fußarbeit. Muß diese Cops dauernd scheuchen, sitzen auf ihren Infos, hassen uns Typen von der City Force, zu viele Privilegien, denken sie.
   »Verschwundenes Subjekt mit CF-Nummer?« Unlustig ruft der Wachhabende die Eingänge der letzten Schicht ab. »Fragen Sie morgen mal nach, besser übermorgen.«
   »Jetzt sehen Sie scharf hin, Officer.« Ich lehn' mich nach vorn über die Absperrung, halt' ihm meine CF-Plakette unter die Nase; er fängt langsam an zu schwitzen. »Sie haben genau zehn Sekunden, um Ihre Daten mit nicht identifizierten Outsidern aufmarschieren zu lassen, verstanden?«
   Chan sagt nichts, beobachtet nur, wie immer. Hat scharfe Augen und feine Ohren. Mein Partner, der unsichtbarste Spürhund in Downtown. Zahlen und Kürzel scrollen über den Monitor. Nicht registrierte Penner, Bordsteinschwalben und Junkies, Outsidertypen, die es immer als erste erwischte. Dann kam etwas:

unfall mit fahrerflucht - subjekt: männlich - weiß - alter - todesursache ...

Routinefall - Outsider wird von einem dieser Latinoschlitten von der Straße geputzt. Absicht? Wer fragt schon danach?
   Ich schwenk' die Konsole zu mir rum und drück' mein Walkterm auf den Kontakt zum Downtowncomp.
   »Netzhautabdruck - Übereinstimmungsvergleich mit Subjekt 23:10 - Siebte-Westside - sign Reilley/Hig. DWNTN-HQ.«
   Nichts.
   »Wird wohl noch in der Patho sein.« Der Cop verrenkt sich den Hals und glotzt auf den Screen.
   »Was macht ihr Typen hier eigentlich?« Chan schlendert zur Abtrennung - Karate Tiger auf Beutefang - grinst anzüglich. »In der Nase bohren?«
   »War 'ne Menge los, letzte Nacht.« Das klingt kriecherisch und großspurig zugleich.
   »Kann schwitzende Cops nicht leiden.«
   »Schwitzende Cops, bei eingeschalteter Klimaanlage«, ergänzt Chan. Spielen wieder unser altes Spiel. Brauchen das, diese Typen, wollen uns den Job schwermachen, bringt sie immer in Wut, sagen dann mehr als sie wollen.
   »Also, was ist jetzt, Fatso?« Schnippe mit meiner CF-Plakette vor seiner Nase. Gehetzt folgen seine Augen der Bewegung.
   »Dauert nicht mehr lange, und du hast ihn hypnotisiert, Donovan.«
   Er resigniert: »Hab' noch nicht die Daten von der neuen Schicht abgerufen, kann sein, daß euer Subjekt da drin ist.«
   Volltreffer.
   Dummer alter Mann, ist nicht mal drei Blocks weit gekommen, statt ins Fernsehen kommt er unter einen dreiundsechziger Caddy.
   »War's das?« Hoffnungsvoll.
   »Irrtum, Officer. Wo sind Reilley und Hig Punkt?«
   »Hu?«
   »Die Cops, die den Fall bearbeitet haben, Officer«, erklärt Chan. Geduldig, glatt wie Chinaseide.
   Neue Runde, diesmal ist er der nette Junge. Der Diensthabende weiß, gehen wir den offiziellen Weg, verbringen wir den Vormittag mit Antragstellen, auch eine Art Spiel. Mit geschickten Fingern faltet Chan fünf Bucks, Origami, läßt das Vögelchen vor Fatsos gierigen Augen flattern.
   »O'Reilley und Higueras. Versucht's bei Manuels in der Neunzehnten, hängen da alle nach Schichtende rum, die Außendienstler.«
   Will den beiden gerne eins auswischen. Schickt ihnen die City Force auf den Hals, sind fast so schlimm wie wir, diese Straßencops. Fettarsch haßt alles, was sich sicher auf gefährlichem Pflaster bewegt.
   Netter, glatter Fall. Wär' nicht nötig, noch die beiden Cops zu treffen. Meldung an Zentrale, an Fraser, mehr nicht, nur ein kleiner Anruf. Netter, glatter Fall - zu glatt vielleicht. Fraser hat mich auf der Abschußliste, muß mich absichern.
   Downtown, Hitze, Dreck, Messerstecher in dunklen Seitenstraßen und schwitzende, sture Cops in der Einsatzzentrale. Will da raus. Seh' mich und Chan in Uptown, auf Prämienjobs angesetzt; ist viel zu holen auf diesem Gebiet, Fraser hat die Hand drauf. Fehlt nur noch ein Pressefall, und wir steigen auf, sind einfach zu gut. Fraser weiß das, macht ihn wild. Donovan und ihr Spürhund, die sicheren Absteiger bei City Force.

O'Reilley und Higueras, auch ein Team. Graugesichtige Blicke an einem grauheißen Morgen. Schichtende.
   »Senorita ...?« Blitzendes Lächeln, eine Hand fährt durchs Haar, Macho-Reflex.
   »Spar dir die Caballeromasche, Amigo, sie ist 'n Cop.«
   Kommt gleich zur Sache, ist der hartgesottene Pflastertreter. Macht nur seinen ›Ein-Mann-tut-was-er-tun-muß-Job‹.
   »Donovan, City Force.« Ich rutsche auf die durchgesessene Bank. Eine Handbewegung, zwei Tassen Kaffee. »Erzählt mir was über die Sache Siebte und Westside, Unfall mit Fahrerflucht.«
   »Seit wann interessiert ihr euch für Routinefälle?«
   »Ist kein Routinefall, wenn Donovan dran ist«, sagt mein Partner und grinst.
   Angelegentlich beugt sich Higueras zu mir. »Schon bemerkt, dein Spürhund grinst wie dieser Cookie-Stürmer.«
   O'Reilley lacht: »Hat letzte Nacht dreißig Bucks auf die ›Burritos‹ gesetzt, hätt' sie doch besser mit seinem alten Partner versaufen sollen.« Lehnt sich bequem zurück, sind große Erzähler, diese Iren. »Erinnre mich noch gut an die Siebte-Westside-Sache, war unser erster Outsider nach Schichtbeginn.«
   »Wann wart ihr am Tatort?«
   Mächtig heller Bursche, Howie Chan, stellt meine Fragen. O'Reilley läßt die Ereignisse einer Nacht über das Display seines Walkterms laufen.
   »Wir trafen 23:10 ein, die Ambulanz und der Reinigungswagen knapp fünf Minuten später, ist nicht ungewöhnlich.«
   »Wie lange braucht ihr im Schnitt von der Einsatzzentrale zur Ecke Siebte und Westside?«
   »Schätze, zwölf bis dreizehn Minuten. Gestern war'n wir schneller, war'n noch alle im Stadionbereich, die Kids.« Jetzt geht ihm ein Licht auf. »He, Mac, die Meldung kam doch noch bei der dritten Schicht rein, und wir haben übernommen.«
   »Und das Match wurde erst im letzten Doppel entschieden«, ergänzt Higueras, »als dieser verdammte Feng den Punkt machte.«
   »Sieht aus, als hätte in dem Caddy kein durchgedrehter Barrio-Schläger gesessen, oder?«
   »Sieht so aus, Süße.«
   Der Cop ist sauer, mag es nicht, wenn City Force smarter ist. Wird wohl wieder Zeit für Chans kleine Origami-Spielchen.
   »Irgendwelche Zeugen?«
   Die Frage klingt beiläufig genug, Chan ist gut drauf heute morgen. Weiß nicht, ob ich sauer sein soll. Werf' ihm einen abwägenden Blick zu - besser keine Spielchen mit dem Boß spielen.
   »Der alte Mann kam aus dem Pfandhaus, schätze, der Besitzer könnte was gesehen haben.«
   O'Reilley überlegt jetzt, ob er seine Infos rausgeben soll, ist wieder sein Baby, Meilen entfernt von einem Routine-Outsider-Fall, jetzt geht es um Pluspunkte in der Akte.
   Ich beruhige ihn: »Wir sind nur am Subjekt interessiert, nicht am dreiundsechziger Caddy.«
   Chan unterdrückt ein Grinsen, soll heißen: ›Glauben diese Downtowncops etwa, sie finden nach über neun Stunden den Fahrer?‹
   »Noch Fragen?«
   Beide zeigen schlecht verhehlte Ungeduld, wollen zurück in die Zentrale, 'n bißchen Staub aufwirbeln. Doch da ist noch was, kaum greifbar, eine gewisse Unruhe bei Higueras.
   »Fragen nicht«, sag' ich gedehnt und seh' ihm direkt in die Augen. Er blinzelt nicht, er beißt an.
   »Wieviel?«
   »Kommt drauf an, was bietest du?«
   O'Reilley hält sich raus, noch. Er wird später den Preis hochtreiben. Auch eine Art Spiel. Higueras zieht es aus der Tasche, legt es auf den Tisch, der Handel beginnt.
   »Ist echtes Leder«, protzt er. Ich leg' einen Fünfer dazu, das gibt mir das Recht, die Ware zu prüfen. Goldgeprägte Initialen ›J. C. P.‹, engbeschriebene Seiten. Bei vierzig Bucks werden wir uns einig, holt seinen JalAlai-Wettverlust wieder rein, zehn für O'Reilley. Teures Leder oder billige Infos? Ich geb' dem Spürhund Zeichen, haben zu tun, müssen den Vorsprung ausweiten, Rückmeldung bei Fraser, sind an 'ner heißen Sache, dann zum Leihhaus.
   »Gute Arbeit, Donovan.«
   Fraser klingt nicht begeistert.
   »Hättet ihr den Kunden nicht woanders als ausgerechnet in der Pathologie finden können?«
   Ungewöhnlich lange Rede für einen Typ wie Fraser. Gibt sich betont desinteressiert, sieht zur Seite, fummelt an seiner Konsole. Wo er sich wohl so eilig reindrücken will?
   »Downtown bearbeitet den Fall. Melden Sie sich zum Abschlußbericht in der Zentrale.«
   »Abschlußbericht?« Setze mein ›Hab'-mich-wohl-verhört-Gesicht‹ auf. Chan gibt mir ein Zeichen: ›Will uns reinlegen, der Scheißer.‹ Ist auch meine Meinung.
   Über Walkterm wähle ich den Rechner der Staatsanwaltschaft, unterbreche gleichzeitig die Audioverbindung zu Fraser, und während ich ihn unverbindlich angrinse, melde ich einen Prämienfall an, dann schalte ich wieder um.
   »Was gibt's noch, Donovan?«
   »Vorübergehender Tonausfall, Lieutenant«, verstehe ich ihn absichtlich falsch.
   Er ist irritiert, seine Blicke huschen zwischen Monitor und Videophon hin und her, scheint mächtig im Druck zu sein. Chan, der das Display meines Walkterms im Auge hat, nickt kurz, Antrag gespeichert und genehmigt.
   »Melde einen Prämienfall, Lieutenant«, nuschle ich, eher beiläufig.
   Bye-bye, Superuser. Drei magische Worte. Fraser braucht nur Sekunden, um zu checken, was angesagt ist. Ungläubige Wut. Pech, die verdammte Donovan mit ihrem schlitzäugigen Spürhund war schneller. Hab' nur noch Frasers Wut gebraucht; alles, was er vertuschen will, ist einen zweiten Blick wert. Instinkt, nicht nur in den Straßen, macht einen guten CF-Agenten.
   Chan steht vor der Videophonbox und träumt. Seine Hand tastet nach seiner Hemdtasche, fühlt schon die Scheinchen, hört das Klappern der Geldzählmaschine, wenn er seinen großen Einsatz macht. Mit Donovan auf der Gewinnerstraße.

›Abel Melinskys Pfandhaus‹. Staubig rot leuchtet die alte Neonreklame, hektisch flackern die beiden A in ›Pfandhaus‹. Hitze vom Vortag staut sich in den engen Straßen, prallt auf die trübe Sonnabendmittagsonne, schlägt mir ins Gesicht, als ich die Straßenseite wechsle. Müll vom Vortag und dem Tag davor in den Rinnsteinen.
   Fußarbeit, nicht gesund in dieser Gegend. Barrio-Revier, nicht der beste Ort für meinen Partner. Wir müssen von der Straße runter, sind hier Zielscheiben für die Barrio-Banden. Ein verbogenes Gitter vor der Eingangstür, ein schiefes Pappschild mit ungelenker Handschrift: ›Wegen Todesfall geschlossen‹.
   »Läßt sich gut an, unser erster Prämienfall.«
   Ich trete ein paar Schritte zurück, sehe an der Bruchbude hoch: staubige oder zerbrochene Fenster bis in den gelbgrauen Himmel. Sieht verdammt unbewohnt aus.
   Chan ruft ein paar Daten von seinem Walkterm ab, hat sie von Higueras überspielt, war im Preis für das Notizbuch mit drin.
   »Melinsky ist unter dieser Adresse registriert, was nun?«
   »Denk doch selber, bist doch heute so gut drauf, Partner.«
   Ich sehe die Straße runter; die Gegend scheint ausgestorben, noch sitzen die Downtownratten in ihren Löchern, doch ich weiß, sie haben uns schon lange bemerkt. Chan spürt es auch, sein Blick wird wachsam.
   »Komm, laß uns Potters Apartment checken, ist nur ein paar Blocks von hier.«
   »Ja, besser, wir verschwinden.«
   Nicht viel Verkehr, um diese Tageszeit fährt hier niemand spazieren, auch keine Latinos in hochgestylten Caddys. In diesem Viertel leben nur Wohlfahrtsempfänger und Outsider wie dieser Melinsky mit seinem Pfandhaus. Relikte wie dreiundsechziger Cadillacs mit Heckflossen, doch die sind so falsch wie die Perlenkette hinter der schmierigen Scheibe des Ladens.
   Ein Schatten, eine Hand, die mich zurückreißt. Ein schwarzer dreiundsechziger Caddy, hologestylt, wahrscheinlich Schwarzmarktware, hinter dem Lenkrad nur eine verwischte Silhouette.
   Zuviel Zufall, als daß es nicht Absicht gewesen war. Chan, mein Partner, in was sind wir da reingeraten?
   »Ausgeflippte Barrio-Kids«, sage ich leichthin, gebe vor, nichts zu wissen. »Geh'n wir, Howie.«
   Enge Gassen, Hinterhöfe mit geheimen Durchgängen, Chan kennt jeden Schleichweg, eine Frage des Überlebens im Barrio-Revier. Siesta-Zeit, heißer Mambo aus Ghettoblastern, scheppernde Mülltonnen, Flüche, laszives Lachen. Nur ein paar Blocks im Halbschatten einer anderen Welt. Dann eine Kellertür, Stufen voller Müll, wir sind da. Eines dieser verkommenen Backsteinhäuser, Sanierungsgebiet. Alles nur Mache. Infrarotschranken und Biochecker an der dicken Stahlplattentür vor Potters Loft.
   Nicht sicher genug. Jemand war schon vor uns dagewesen, jemand, der es sehr eilig hatte und der sehr dringend nach etwas suchte. Chan schlendert durch das Chaos, der Spürhund aus Chinatown. Von den Wänden gerissene Bilder, zersplittertes Glas, zerfetzte Tapeten.
   Mitten in den Überresten eines Arbeitstisches ein PC, eins von diesen Dingern mit Keyboard zur Dateneingabe. Chan stellt ihn auf, er kennt sich aus mit diesen altmodischen Computern, ist so 'ne Art Hobby von ihm. Hat viele Interessen, mein Partner, außer JalAlai-Wetten und Stoff. Eine Diskette fällt in seine geöffnete Hand, er schnippt sie mir rüber.
   »Steck's ein und nimm's mit«, befiehlt er, sieht sich noch einmal um. »Schätze, hier finden wir nichts mehr; wenn die Typen nicht gefunden haben, was sie suchten, finden wir's auch nicht.«
   Ist hier in seinem Revier zwischen all dem Plunder. Was soll's. Hab' noch nie bereut, auf meinen Partner gehört zu haben. Heb' im Gehen eins von den kaputten Bildern auf, irgendeine Urkunde von der NASA. Professor Jonathan Calvin Potter - Genie oder größenwahnsinniger Spinner? Schalten Sie die Spätnachrichten auf Kanal 11 ein.
   Fahren in Chans Bude. Chinatown, Touristenfallen und verwinkelte Einbahnstraßen, Sackgassen, Geheimgänge. Registriert ist mein Partner bei ›Chan Antiques‹; Inhaber ist einer seiner vielen Verwandten. Ich dürfte wohl der einzige Außenseiter sein, der Howies richtige Adresse kennt.
   Das Cab hält vor dem Laden, rotes Schnitzwerk und grinsende Specksteinbuddhas. Onkel Chan bleibt unsichtbar, jeder geht hier seinen ganz speziellen Geschäften nach, wie schon immer in Chinatown. Knarrende Treppen, rostige Feuerleitern, wir sind auf dem Weg über glühend heiße Dächer und durch staubige Kellergänge.
   Chans Bude, ein Museum, ein modernes Rechenzentrum zwischen gradlehnigen Stühlen, kostbaren Wandteppichen, legaler und illegaler Soft- und Hardware. Auf einem Lacktischchen ein Brettspiel mit kunstvoll geschnitzten Figuren, auch ein Hobby meines Spürhunds.
   Frag' wie jedesmal, warum er immer pleite ist, braucht doch nur was von dem Zeugs hier zu verkaufen. Tradition verkauft man nicht, seine immer gleiche Antwort.
   »Außerdem, bei dir hab' ich doch immer Kredit«, meint er selbstsicher und grinst. »Gib mir mal die Diskette.«
   Ich hol' mir 'n kaltes Bier, während Chan vor seinem PC sitzt. Plötzlich hör' ich ihn kichern. Bin schon hinter ihm und seh' über seine Schulter auf den Monitor.

mutter gans macht sich heut fein - heute gibt es gänseklein - mit dem lieben hänschenklein -

»Verdammt, was soll das bedeuten, Chan, ein Geheimcode?«
   »Keine Ahnung«, er sieht ratlos aus, »aber ich krieg's noch raus.«
   Chan denkt, kombiniert, hat keinen Blick für meine Frustration. Schwitzt nicht einmal, fühlt sich wohl bei dreiundvierzig Grad. Prämienfall für Mutter Gans, verdammt, verdammt.
   »Geh und nimm 'ne Dusche, Donovan.« Sagt's, ohne aufzusehen.
   »Mal wieder illegal das Netz angezapft?«
   Chan schweigt, hintergründig, asiatisch. Haben ihre Quellen und Schleichwege, diese Chinesen. Doch wer stellt schon Fragen bei Hitzewelle seit elf Wochen mit rationiertem Brauch- und Trinkwasser?
   Nasse Haare, genieße jeden Tropfen, der mir über den Rücken läuft, hol' mir die nächste Dose Bier. Chan und Mutter Gans.
   »Wie läuft's jetzt?«
   »Schlecht.« Lehnt sich zurück und beobachtet den Monitor. »Hab' Mutter Gans zum Spacecraft-Großrechner rübergeschoben, mal abwarten, was rauskommt.«
   Das kleine Buch mit Ledereinband - vielleicht. Ich blättre planlos die engbeschriebenen Seiten um. Verabredungen zum Essen, Treffen mit verschiedenen Personen und und und.
   »Was ist Schach?«
   Chan sieht auf, ziemlich entnervt, deutet auf sein Brettspiel: »Strategie.« Plötzlich stutzt er: »Wie kommst du gerade jetzt auf Schach?«
   »Steht hier im Notizbuch. ›Bei Abel vorbeischauen, mit ihm über neues Schachprogramm sprechen‹.«
   »Schach, hm? Vergessen wir Mutter Gans. Was steht noch drin?«
   »Hier, das klingt interessant: ›DWNTN-HQ, Charlie von schwarzem Cadillac erzählen‹. Wer, verdammt, ist Charlie? Sieht aus, als hätte der alte Mann in ziemlichen Schwierigkeiten gesteckt.«
   »Noch was?«
   »Ich fürchte, ja. Nur zwei Worte: ›Spacecraft absagen‹.«
   Der Fall schafft mich. Strategiespiele, die niemand mehr spielt außer einer Handvoll Oldtimer und Freaks, Spacecraft und schwarze, hologestylte Killercars, wie paßt das alles zusammen? Puzzle unsere Infos zusammen, kann nicht sagen, daß mir das Ergebnis besonders gefällt.
   Da haben wir: Spacecraft, haben seit Jahren das Monopol in der Raumfahrt. Riesen-Werbeetat, Kolonisten, wie Gefrierfleisch zum Centaurus in Spacecraftschiffen. Haben Milliarden in die Entwicklung des neuen Russel/Hawkins-Antriebs investiert - Lichtjahre von Lichtgeschwindigkeit entfernt. Doch ohne die passende Software läuft auch beim RH-Drive überhaupt nichts, und daran würgt Spacecrafts Forschungsabteilung schon seit Jahren. Da schneit Professor J. C. Potter bei den Typen rein, sagt, er hat ihn, und liefert die Software gleich mit, nennt sie ›Selfmodsystorays‹. Eine geniale Verbindung von Soft- und Hardware auf Biochips, für Millionen parallel laufender CPUs. Scheint genug Staub aufgewirbelt zu haben, um ihm ein Rollkommando auf den Hals zu schicken. Sonst ein unscheinbarer Typ, dieser Potter, NASA-Oldtimer, doch in den letzten Tagen mächtig aktiv. Trifft sich mit den Machern bei Spacecraft, Raumfahrtspezialisten, Medienleuten, seinen Killern.
   »Wenn Spacecraft die Caddy-Typen bezahlt, sind wir ganz schön am Arsch, Partner.« Fang' schon wieder an zu schwitzen.
   »Wie der alte Potter seine Unterlagen wohl kodiert hat?«
   Chan träumt schon wieder: »Hey, wie hoch ist die Prämie für einen lichtschnellen Raumschiffantrieb - höher als Spacecrafts Schweigegeld?«
   »Hoch genug, um dir bei Onkel Chan 'ne flotte Urne aus der Han-Dynastie zu kaufen, Partner.«
   »Sie hätten nicht versucht, uns flachzumachen, wenn sie das Zeugs schon hätten«, träumt er weiter, Mutter Gans scheint aus dem Wettbewerb zu sein.
   »Würd' gern Frasers dummes Gesicht sehen«; jetzt bin ich am Träumen.
   »Was ist mit diesem Abel?«
   »Abel Melinsky, du erinnerst dich, das Leihhaus an der Westside, spielten Schach zusammen.«
   »Alte Freunde, was?« Bin schon fast an der Tür. »Fühlte sich verfolgt, der alte Knabe. Geh'n wir, Chan.«

Kein schwarzer Wagen zu sehen. Bißchen in der Nachbarschaft rumhorchen. Vielleicht ist er auch schon wieder in seiner Bruchbude, dauern nicht lange bei dieser Hitze, diese Beerdigungen.
   Die Leuchtreklame ist ausgeschaltet, das Gitter dreiviertel hochgezogen. Kein alter Mann. Ein gelangweilter Punk, überlegt, ob er den Joint verstecken soll, scheiß auf die Cops, zu heiß für soviel Action.
   »Na, Zuckerpuppe, was soll's sein?« Bemüht sich vergeblich, die Zähne auseinanderzukriegen.
   »Donovan, City Force, wo ist Abel Melinsky?«
   »Ein City-Agent?« Glotzt, merkt nicht, wie ihm das Kinn aus dem Gesicht fällt.
   »Reiß dich zusammen«, zischt Chan, balanciert beiläufig eins von diesen Barrio-Messern.
   »Werden wohl nicht mehr mit ihm sprechen können.« Fummelt mit rastlosen Fingern auf dem zerschrammten Tresen, schiebt ein flaches Päckchen hin und her. »Letzte Nacht haben ihn so ein paar verrückte Barrio-Killer erwischt, direkt vor der Tür.«
   »Dreiundsechziger Caddy, hologestylt, Fahrerflucht?«
   Er zuckt zusammen. Verfolgungswahn.
   »Schwarzer Caddy?« Seine Zunge huscht über trockene Lippen, »Woher wissen Sie?«
   »Bin manchmal ganz gut im Raten.«
   Chan lehnt in der offenen Tür, behält die Kreuzung im Auge, wachsam, unsichtbar im Schatten, im Feindesland, im Barrio-Territorium. Ich schlendre durch den Laden, gelangweilt. Sachen in staubigen Regalen, gebracht, um zu bleiben, Erinnerungsstücke, Plunder - Schachprogramme?
   »Gestern war ein alter Mann hier und hat Melinsky etwas vorbeigebracht.« Nur eine Vermutung, klingt wie eine Behauptung.
   »Er war hier und ging wieder.« Ein Schaudern. »Hat ihn auch erwischt, dieser schwarze Caddy.«
   »Er hat nichts dagelassen?«
   Kopfschütteln, hat zuviel Angst, der kleine Punk, um sich Stories auszudenken, zu ausgeflippt zum Lügen.
   »Und was ist das?«
   Nervöse Finger bewegen es ununterbrochen über die Theke, dies kleine, flache Päckchen. Erstaunen, sieht es zum ersten Mal.
   »Kam heute morgen durch Kurierdienst, war für meinen Onkel; schätze, er braucht's wohl nicht mehr.« Resigniert.
   »Ich hab's, Chan. Behalt die Tür im Auge, Kleiner, keine dreiundsechziger Caddys, verstanden? Wo ist der PC?«
   Seine Hand deutet auf einen kitschigen Perlenvorhang vor einem Mauerdurchbruch; willenlose Finger überlassen mir das Päckchen.
   »An die Arbeit, Partner.«
   Schach, wer spielt schon Schach, wenn er auf JalAlai und Football wetten kann? Chan, mein schlauer Spürhund, er kennt die Regeln. Schiebt die Cartridge mit dem Programm ein, erzählt was von Eröffnungszügen. Ein Raster mit vierundsechzig Feldern erscheint auf dem Monitor, an der Ober- und Unterseite Symbole in zwei Reihen, die Spielfiguren.
   Ich laß Chan arbeiten, check' ab, ob der Punk noch auf die Straße aufpaßt und nicht schon das Weite gesucht hat. Doch der hat zuviel Schiß, um sich rauszuwagen und abzuhauen. Sieht schwarze Autos mit leuchtenden Scheinwerfern und aufgerissenen Kühlern und scharfkantigen Spoilern. Lauern hinter jeder Ecke, Killercars.
   »Verdammt, er spielt Bauer auf F6. Immer Bauer auf F6, was ich auch ziehe.« Zerrubbelte Haare, fassungsloser Blick, Chan ist ratlos.
   »Probleme?«
   »Er zwingt mich, Bauer E3 oder E4 zu ziehen. Tu ich's nicht, stürzt das ganze dämliche Programm ab.«
   »Dann tu's doch«, schlag ich lässig vor.
   »Aber dann zieht er den Bauern auf D7 statt E7.«
   »Na und? Ist doch nur ein Spiel.«
   »Potter war führender Großmeister, der schreibt doch kein Eröffnungsspiel, bei dem das Programm nach vier Zügen schachmatt ist.« Chan ist entrüstet.
   Ich seh' das lässiger, hab' ja auch keine Ahnung von diesem Spiel. »Zieh's doch einfach durch; vielleicht hat sich der alte Knabe was dabei gedacht.«
   Chan zieht seine Dame auf H5 und ist drin. Mittendrin in Professor J. C. Potters Gebrauchsanweisung für den lichtschnellen Raumschiffantrieb. Geometrische Figuren, Linien und Verknüpfungen - fast so kompliziert wie Frasers monatlicher Einsatzplan für die City Force - sieht jedenfalls verdammt besser aus als Mutter Gans.
   Da war nur noch der Punk, grün im Gesicht, sabbernd, stotternd: »Der schwarze Caddy, er fährt vor.«
   »Halt sie auf, Donovan. Bin hier noch 'ne Weile beschäftigt.«
   Mächtig cool, mein Partner. Ich hechte durch den Verkaufsraum, meine Laserkanone im Anschlag, Dienstwaffe der City Force, bestreiche den Gehweg mit einer kleinen Salve. Fünf, sechs Typen im Barrio-Outfit gehen hinter dem Wagen in Deckung. Haben uns genau zur rechten Zeit aufgespürt, die Dreckskerle, verdammt gutes Timing.
   »Chan, verdammt, laß dir schnell was einfallen, lange halt' ich sie nicht mehr auf.«
   Kommt Verstärkung, Motorengeheul, lassen eine ganze verdammte Armee Barrio-Killer aufmarschieren. Clever gemacht von Spacecraft. Brauchen Potters Programm nicht, brauchen nur den ganzen miesen Laden in die Luft zu jagen und sind ihre Sorgen los.
   Glatte Sache. Bandenkrieg, Straßenkämpfe im Latino-Viertel. Pech, hat 'n paar Outsider erwischt. City-Force-Agenten? Wieder Pech, passen nicht mal auf ihre eigenen Leute auf, diese Downtowncops. Schalt auf den anderen Kanal, Harry, heute läuft Super-Bowl, hab dreißig Bucks auf die Cougars gesetzt.
   Motorengeheul, Sirenengeheul, plötzlich ist auf der Westside Ecke Siebte die Hölle los. Barrio-Schläger, KungFu-Kämpfer, Gefechtseinheiten der DWNTN-Zentrale, gepanzerte Sicherheitstrucks.
   »Los, komm schon, Donovan, wir machen uns hinten raus.«
   Auf dem Monitor des PC nur ein Satz:

›kommt zur westside - wenn ihr noch eins auf die schnauze haben wollt - verdammte barrio-kriecher -‹

Chan bemerkt meinen Blick: »Wollte uns einen netten Abgang verschaffen; hätt' nicht gedacht, daß ich so schnell den DWNTN-Comp andialen könnte, hab' deshalb meine Kumpel gerufen.«
   Zwängen uns durch ein enges Hinterhoffenster, wirklich, toller Abgang.
   »Wo ist unsere Rikscha, Partner?«
   »Nehmen besser die Harley, gehört einem der ›Fortune Cookies‹, echte Kumpels, lassen ihre Fans nicht hängen.«
   Stülpen uns die schwarzgoldenen Drachenhelme der KungFu-Fighter über und schießen wie eine Rakete über die Kreuzung.
   »Holen wir uns die Prämie, Partner.«
   Der Fahrtwind reißt mir die Worte aus dem Mund, doch Chan nickt. Drei Blocks weiter bremst er ab, dreht sich um, dieses Grinsen im Gesicht.
   »Sieht aus, als hätten wir's wieder mal hingekriegt, Partner. Unser heißester Fall, unser schnellster Fall, schaffen sogar noch das Spiel der Cougars.«
   »Schon wieder gewettet, Howie?«
   »Wette nur auf sichere Sachen, Schätzchen, wie auf dich.«
   Bin zu gut drauf, um sauer zu sein, außerdem ist da immer noch dieses Grinsen. Schätze, ich behalt' ihn noch eine Saison, sind 'n verdammt gutes Team.

© Myra Çakan 1988 • erschienen in ALIEN CONTACT 41
Grafiken von Thomas Hofmann

  • Myra Çakans vierter Roman Downtown Blues Bestellen basiert auf dieser 1988 geschriebenen und in der C'T 5/90 zum ersten mal veröffentlichten Story.


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28.08.10 • 02.09.10