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ALIEN CONTACT

Myra Çakan

Kommen Sie oft hierher?

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Was meinen Sie -- ob ich oft hierher komme? Eigentlich nicht. Nur heute ist so einer dieser Tage, Sie verstehen schon ... Sie wollen meine Geschichte hören? Haben Sie Zeit? Eine dumme Frage, wer hier gelandet ist, hat gewöhnlich alle Zeit der Welt. Also gut, ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Sie sind neu hier, oder? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Dachte ich mir doch. Dann habe ich die richtige Geschichte für Sie. Bestellen Sie mir noch einen von diesen Drinks mit den lustigen Schirmchen. Ich werde Ihnen von dem berühmten Beteigeuze-Coup erzählen. Bereit? Also, los geht’s:
   Es war wieder so einer dieser Tage -- sagte ich das schon? Na egal. Jedenfalls stapelte mein Partner in irgendeiner verkommenen Bar leere Whiskygläser, und ich stapelte unbezahlte Rechnungen auf meinem Schreibtisch. Benson hat schon immer gerne in den verrufensten Tränken der Galaxis die Zeit mit schlechten Drinks totgeschlagen. Recherchieren nennt er das, oder Kontakte knüpfen, die Miete zahlt beides nicht. Trotzdem mochte ich meinen Partner. Aber vielleicht mag ich ihn auch nur deshalb, weil er der einzige Terraner im Umkreis von rund hundert Parsec ist.
   Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Frechette, Louise Frechette, aus Neu-Rhein, Erde. Sie haben noch nie davon gehört? Wundert mich überhaupt nicht. Das Heimatsystem meiner Spezies ist ziemlich abgelegen. Wie bitte? Na, wir reisen eben gerne. Ach ja? Und was machen Sie dann hier? Verstehe.
   Nein, wo Benson herkommt, weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt einen Ort »Heimat« nennt oder noch einen anderen Namen außer Benson hat. Benson ist der klassische Typ des Raumtramps, und er tut fast alles, um diesem Image gerecht zu werden, alles bis auf ehrliche Arbeit. Das war jetzt wohl ein Oxymoron.
   He, he, nun mal sachte, Freundchen. Mit Ihnen rede ich nicht. Was? Ja, ja, schon gut. Ich sage immer, wenn man nichts verträgt, sollte man das Trinken lieber ganz bleiben lassen. Ja, genau.
   Wo war ich? Benson und ehrliche Arbeit. Nun, vielleicht bin ich jetzt etwas zu hart, schließlich habe ich ihn eingestellt -- sozusagen -- und nach dem Beteigeuze-Coup zu meinem Partner gemacht. Doch manchmal, an Tagen wie diesem, wenn ich seine Spesenabrechnung so klar vor mir sehe, als hätte ich die Drinks selber getrunken, frage ich mich, ob ich nicht voreilig gehandelt habe. Sicher, er gibt der Agentur diesen männlichen, tatendurstigen Touch, diesen aufregenden Geruch von Abenteuer, diesen Blick auf ferne Sterne. Sonst hat er nicht viel zu bieten, außer zwei schlagkräftigen Fäusten, die einem zarten Mädchen wie mir schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen haben.
   Nicht, daß ich mir nicht zu helfen weiß, wir Frechettes haben schon in den Sümpfen der Rhein-Auen Alligatoren wie manche Leute Kaninchen gejagt, doch Benson hat da eine ganz andere Meinung. Und immer wenn wir uns über dieses Thema streiten, führt er den Beteigeuze-Coup als Beweis an.
   Wie ich Benson kennenlernte? Das ist eine andere Geschichte. Sie wollen Sie hören? Nun denn.
   Ich war damals noch so eine Art galaktisches Greenhorn. Zu meinem bestandenen Examen in Xenobiologie hatten mir meine Eltern ein Galaxicket geschenkt, daß ist so etwas wie ein Interrailpass -- in transstellarem Maßstab natürlich. Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, was damals genau in diesem Touristenneppladen auf Agol IX passiert ist und was meine Reisegruppe veranlaßte, ohne mich zum Rigel-System weiterzureisen. Was mir allerdings noch lebhaft in Erinnerung ist -- daß man auf Agol IX meine Kreditkarte nicht akzeptierte und die hiesige Polizei mich auf einer üblen Gefängnisfarm festsetzte, wo ich vermutlich immer noch das löffeln würde, was die eingeborenen Aufsichtsorgane als Terranerkost klassifiziert hatten, wenn ich nicht Benson getroffen hätte.
   Benson war schon damals der typische Vertreter des sagenhaften Spacehoppers, ein unrasierter Bursche mit zerschlissenem Coverall, der in üblen Hafenkneipen die Zeche prellte, falls ihn die einheimischen Ganoven nicht schon vorher ausgeraubt hatten. Trotz seines wenig einnehmenden Äußeren war Benson für mich das Licht am Ende des Tunnels, besser gesagt, er war der einzige Terraner auf diesem verdammten Planeten, außer mir.
   Wie er es eigentlich geschafft hatte, mich der Obrigkeit von Agol IX zu entreißen, ist eines seiner bestgehüteten Geheimnisse, ich schätze, es rangiert gleich hinter dem Mysterium um seinen zweiten Namen.
   Ups, mein Glas ist leer. Danke, Sie sind ein wahrer Freund.
   Wo war ich? Ach ja. Nachdem mich Benson unter die Dusche des dortigen GMCA, des galaktischen Hospiz junger Männer, gestellt hatte, machte er mir einleuchtend klar, daß ich meine Reisegruppe nie mehr einholen würde. Da er schon damals dieses Flair interstellarer Aufgeklärtheit besaß, glaubte ich ihm jedes Wort. Er kannte auch einen Schwarzmarktdealer, der mir meine echten Levis gegen dreißigtausend agolische Sandküken eintauschte.
   Eigentlich bin ich sehr tierlieb, daheim in Neu-Rhein hatte ich als Kind eine zahme Klapperschlange, doch die Sandküken hatten das Temperament hungriger Barrakudas. Deshalb war ich froh, als Benson in einer miesen Hafenkneipe seine Überredungskünste spielen ließ und die ganze Ladung Küken einem Feinkosthändler aus Beteigeuze-City auf die Stielaugen drückte. Es spricht für ihn, daß er sogar noch ein Ticket auf dem gleichen Raumer für uns beide rausschlug. Damals fragte ich nicht, was zur Hölle ich eigentlich auf Beteigeuze zu suchen hatte, ich war nur froh, der roten Ballonsonne Agol auf immer den Rücken zu kehren.
   Daß ich damit nur einen Ballon gegen einen anderen austauschte, daran dachte ich, ehrlich gesagt, nicht. Was nur beweist, ein Galaxicket macht noch keinen Gelehrten aus einem galaktischen Greenhorn.
   Weshalb Benson ausgerechnet Beteigeuze zu seinem Reiseziel erkor, hat er mir bis heute nicht verraten. Ich vermute jedoch, es war das einzige System, wo ihn die Schuldeneintreiber nicht schon am Raumhafen erwarteten. Trotzdem waren zwei Terraner dort so erwünscht wie ein Platzregen auf einer Grillparty. Naja, gegrillt haben sie uns immerhin nicht, aber vermutlich sahen wir einfach nicht appetitanregend genug für ihre einheimische Schlachtplatte aus.
   Ach, Sie sind Vegetarier? Wie beruhigend. Hm, ja, finde ich auch.
   Wie dem auch sei. Vermutlich war es diese Andersartigkeit, die den kleinen Biotophen in unsere Arme trieb. Später gestand mir Benson, daß er das Gerücht in Umlauf gesetzt hatte, wir seien die besten Detektive, welche die Galaxis je hervorgebracht hat. Ich glaube, er hatte zu diesem Zeitpunkt gerade unser letztes Geld in einer dieser Spelunken in Beteigeuze-Port versoffen. Oder in seiner Spielerbrust schlug ein romantisches Herz. Wie ich es sehe, war es wohl eher eine whiskygefüllte Registrierkasse. Aber vielleicht bin ich wirklich zu hart mit ihm.
   Was sagten Sie eben -- wo Benson steckt? Sehen Sie diesen Typen dort hinten -- ja, den, der aussieht, als ob er dringend eine Rasur braucht. Das ist Benson. Sieht fast so aus, als wollte er den Einheimischen das Dartspielen beibringen. Das ist so typisch. Dart -- kennen Sie das nicht auf Ihrem Planeten? Ach, Glücksspiele sind dort verboten. Das ist schade. Aus religiösen Gründen? Na, ich sage immer, jeder soll nach seiner Fasson selig werden.
   Wie auch immer, jetzt stand der kleine Kerl vor uns, wackelte treuherzig mit seinen Stielaugen und sagte: »Finden Sie meine Braut.« Dabei hielt er uns ein Polaroid vor die Knie, auf dem eine üppige Sukkulente zu sehen war.
   Benson schnalzte anerkennend und kommentierte das Foto mit einem »Nett.«
   Der Biotoph seufzte, und es klang wie Wind, der durch müdes Herbstlaub fuhr, dann sagte er wehmütig: »Sie hat die hübschesten Schwemmkammern von ganz Schleuki-Schluck.«
   Was auch immer das heißen mochte. Doch letztendlich war es völlig unwichtig, dies war eines dieser typischen »Unter-Männern«-Gespräche, die vernünftige Frauen nie begreifen werden. Und, glauben Sie mir, wir wollen es auch gar nicht. Was ich jedoch sehr wohl begriff, war die Botschaft des Bündels Kredits, das der Kleine betont weltmännisch schwenkte.
   Benson hatte die Kredits auch gesehen und sagte: »Okay, wir übernehmen den Fall.«
   Ich versuchte hastig Zeichen zu geben, aber mein selbsternannter Geschäftspartner ignorierte mich beharrlich.
   Daß ich die Braut des Kleinen nach fünf Wochen in einem interstellaren Fleurop-Laden fand, war natürlich Zufall, aber es brachte uns ins Geschäft. Und das bringt uns zu dem berühmten Beteigeuze-Coup. Doch ehe ich dazu komme, muß ich Ihnen noch die Vorgeschichte erzählen, um das Ganze abzurunden, sozusagen.
   Beteigeuze-Port ist das, was man einen Schmelztiegel nennt. Wo kommen Sie eigentlich her -- lassen Sie mich raten, für so etwas habe ich ein Gespür. Herman 8? Nein? Hm, Abraxas, Sie sehen aus ... auch nicht. Einen hab ich noch. Na, ist auch egal. Bestellen Sie mir einfach noch einen von diesen Schirmchen-Drinks. Also, hier hängen sämtliche Looser ab, die es in diesen verlassenen Teil der Galaxis verschlagen hat. Wir befinden uns also unter Gleichgesinnten, haha. Nein, ich bin nicht verbittert. Wie kommen sie darauf?
   Tatsache ist: nachdem unser erster Fall erfolgreich abgeschlossen war, konnte ich eigentlich nur zusehen, wie sich die Kredits des Biotophen zu schlechten Margaritas verflüssigten und sich ihren Weg durch Bensons Kehle suchten. Naja, ich will nicht unfair sein -- ein Gutteil unseres Honorars ließ ich in der ChiChitique des Raumhafens. Sie waren zwar nicht mehr auf dem letzten Stand, was die Frühjahrskollektion anbelangte, und außerdem mußte ich die Scheinbeinchen bei einem hiesigen Schneider umarbeiten lassen, aus den abgeschnittenen Teilen ließ ich mir Extra-Taschen machen. War eine recht aufwendige Arbeit -- machen Sie mal einem Beteigeuzanier klar, was Taschen sind. Doch ich habe ChiChis Kreationen schon immer geliebt. Nicht umsonst werben die ChiChitiquen mit dem Slogan: »Mit ChiChi in jedem Sternensystem gut angezogen«. Ich erinnere mich noch an mein erstes ChiChi-Modell. Ich bekam es von meiner Tante Flo zu meinem siebzehnten Geburtstag. Vorne durchgeknöpft, aus ganz leichtem Garlonit. Die Farbe, ich würde sagen, ein zartes Pfirsichrosa mit einem Hauch Malve und Spargel. Die Säume mit Dreifach-Volants aus gerupftem Indigo. Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen plötzlich so gebläht aus. Ich hätte gerne noch ein paar von ChiChis Stiefeletten gekauft, doch sie führten keine. Stellen Sie sich das einmal vor. Ich meine, ChiChis Stiefeletten sind doch -- naja, ist jetzt auch egal. Beteigeuze ist und bleibt eben provinziell. Aber wissen Sie, was mir der Verkäufer in der ChiChitique sagte? Sie würden keine Fußbekleidungen führen, weil ihre Spezies dafür keine Verwendung hat. Bah, was haben Schwimmhäute mit der Mode zu tun, frage ich Sie?
   Was, Sie wollen schon gehen? Warten Sie, ich habe Ihnen doch noch gar nichts über den berühmten Beteigeuze-Coup erzählt!

© Myra Çakan 1998 • erschienen in ALIEN CONTACT 39


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