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ALIEN CONTACT
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Myra Çakan

Nachtbrenner

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Mars ist ein kalter Ort, sagen sie. Auf der Nachtseite scheint der Winter nie zu enden, und wage es nicht, in die Sonne zu gehen, sie sengt dich einfach weg. Jetzt haben sie uns schon zum sechsten Mal den gleichen Film gezeigt, die gleichen Sätze in unsere Köpfe gehämmert. Trotzdem, die Vorstellung ist zu verrückt, wir führen Krieg gegen Weltraummonster – und für die Blauköpfe ist der Mars ein Heim, das sie verteidigen. Kann Hölle Heim sein? Manchmal bin ich bereit, es zu glauben, denn mein Heim ist die ATA, die Allgemeine Terranische Armee.
   Ich war unter den Ersten, die zwangseingezogen wurden. Für die draußen waren wir Freiwillige. Freiwillig gingen wir in die Särge und ließen uns das Gehirn verdrehen. Natürlich hatten sie andere Bezeichnungen dafür: Simulatorkrankheit, geringe Stressakzeptanz und so weiter. Na, du bist ja auch bei dem Haufen und kennst ihre Sprüche. Ich hatte keine nahen Verwandten mehr, weder hier unten noch in den Kolonien. Du vermutlich auch nicht? Ich denke, das ist auch ein Teil ihres Plans, keiner vermisst dich, keiner stellt Fragen. Ich hasse ihr Spiel, aber sie spielen es verdammt gut.
   Irina Yermakow: Captain, Leigh Santini: Navigator, Chen Yu: Wissenschaftsoffizier, Sabrina L. Meyer: Arzt, und Ana O’Dell: Techniker. Klar kenn ich ihre Namen, jedes Kind kennt sie. Verdammt, erst drei Jahre ist es her, dass die Freien Staaten die fünf Frauen auf die Mars 1-Mission schickten.
   Wie hab ich sie beneidet. Das Beste, was ich dann noch tun konnte, war, mich für die Kolonien zu bewerben – das war lange bevor die ATA da oben alle Stationen übernahm. Damals haben sie mich abgelehnt, doch als die Kacke am Dampfen war, griffen sie meine Akte als eine der Ersten raus. Vielleicht, weil ich im Null-Grav-Simulator nicht gleich das Kotzen gekriegt hatte. Wer kann schon sagen, wie ihre Hirne funktionieren.
   Zur Grundausbildung steckten sie mich und elf andere Frauen in Basislager 1 auf CapCan. Ich hörte, du kommst aus Kuru. Na ja, in der ersten Woche machten sieben schlapp, der Rest, darunter ich, versuchte ’ne Biege zu machen. Halloran, die blöde Streberschlampe, hat uns verpfiffen. Sie steckten uns erst ins Loch und dann ins Shuttle, rauf zur Station. Verdammt schwierig abzuhauen, wenn um dich nur das Vakuum ist, dachten sie und hatten Recht. Bis auf Halloran, die ganz zufällig einen blöden Unfall hatte, gab es keine weiteren Ausfälle. Irgendwie hatte ich das Pech, in der Nähe zu sein, als ihr Anzug leckging und sie im Raum auslief. Hab meinen ganzen Helm voll gekotzt, wär auch fast draufgegangen. Doch da war dieses Großmaul von der Wartung, Kierin sowieso, war mal Astronaut, der holte mich mit ’ner Schleppleine rein.

»Jetzt bist du wohl nicht mehr so taff –«, er warf einen Blick auf meine ID, »O’Shea, D.?«
   Ich versuchte mir das Gesicht abzuwischen und keuchte vor Wut und Atemnot. Großartig, von allen Leuten auf der Station musste ausgerechnet dieser Sprücheklopfer da draußen seine Schicht abreißen. Und ich, ich musste mich wie eine Idiotin aufführen. Ich kannte den Ruf des Typen, hatte schon von seinem unwiderstehlichen Grinsen gehört, seiner Macho-Masche, die bei einigen Frauen anscheinend immer noch zog, und seinem abwechslungsreichen Sexleben.
   Während ich mich aus dem Raumanzug zwängte, stand er nur da, mit diesem Grinsen im Gesicht, und sah mir zu. Glaubte er etwa, nur weil er mir zufällig das Leben gerettet hatte, müsste ich ihm ewig dankbar sein?
   »Hör zu, Mann«, ich kam allmählich wieder zu Atem und Verstand, »ich will nicht undankbar scheinen. War schon gut, dass du da draußen in der Nähe warst –«
   Er stand nur da und hörte sich meine Rede an, immer noch mit diesem Gesichtsausdruck, der mich zunehmend irritierte. Deshalb schloss ich hastig: »Wenn du also in Fleisch bezahlt werden willst, bringen wir’s am besten in meiner nächsten Freischicht hinter uns, o.k.?«
   Jetzt sah er aus, als hätte er sich verhört, dann lachte er laut auf. »Starke Ansprache, O’Shea. Ich bin wirklich beeindruckt.« Er lachte immer noch. »Wundert mich jetzt nicht mehr, dass sie euch Frauen die Raumfahrt überlassen haben.«
   Ich merkte, wie mein Gesicht zu glühen begann, doch er konnte es nicht mehr sehen, die zweite Schleuse schloss sich gerade hinter ihm. Und ich stand nur da, mit meinem verletzten Stolz und meinen Vorurteilen.
   »Verschwinde hier, Rekrut O’Shea, du blockierst die Schleuse.« Die Stimme von Duvall, P., meiner ganz persönlichen Sklaventreiberin. Wie ich sie hasse.
   »Ja, Madam«, knirschte ich, bückte mich nach meinem Anzug und nahm Haltung an.
   »Du hast unerlaubt deinen Posten verlassen, Rekrut O’Shea. Melde dich sofort bei Harare und lass dich für eine Extraschicht im Data-Suit eintragen.«
   Plötzlich sah ich wieder Halloran vor mir, doch bei dem Versuch, mir Duvall in der gleichen Situation vorzustellen, wurde mir nur wieder schlecht. Ich fing an zu würgen. Duvall beobachtete mich grinsend, ich wette, das Miststück kann Gedanken lesen. Meine Arme wurden unter ihren Blicken schwer und der Anzug glitt langsam davon. Ungeschickt versuchte ich Helm und Raketenpack festzuhalten. Ich fühlte mich so dumm, dumm und gedemütigt.
   Harare ist in Ordnung. Sie macht einem die Sache nicht unnötig schwer. Sie half mir beim Anlegen meines Data-Suits und schickte mich mit einem aufmunternden Blick in den Simulator.
   Sobald du drin bist, vergisst du, dass alles nur eine weitere elende Trainingsrunde ist. Der Schweiß läuft dir in die Brille, und dein Herz schlägt wie verrückt. Plötzlich kriegst du keine Luft mehr, und die ganze Sache wird ein Ding auf Leben und Tod. Wenn du draußen bist, weißt du, das alles nur VR ist, dass sie mit Geräuschen deine Herzfrequenz erhöhen, dich unter Stress setzen, weißt, dass dich die anderen nie wirklich verletzen können. Und trotzdem, jeder kennt die Gerüchte, jeder hat schon Mitglieder seiner Einheit verschwinden sehen – einfach so, von einer Schicht zur nächsten, ohne dass sie dir die geringste Erklärung geben. Wir nennen die Dinger nicht ohne Grund Särge.
   Die fünf von der Mars 1-Mission mussten da auch durch, und sie waren so stolz, Auserwählte zu sein. Wir alle waren stolz auf sie. Und jetzt waren sie unsere Helden. Vielleicht nicht die schlechteste Art, unsterblich zu werden.
   Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als sie es in den Nachrichten brachten. Zuerst wollte es niemand glauben, ich meine, die setzten einem vierundzwanzig Stunden am Tag diese gequirlte Scheiße vor, diesen ganzen Heilige-Staaten-Bund-Mist, wer hört da überhaupt noch richtig zu? Es dauerte eine ganze Weile, bis wir überhaupt checkten, was da ablief. Kontakt unterbrochen, hieß es erst, dann sickerte etwas über Aggressoren durch, und für einige wilde Augenblicke dachte ich, der HSB hätte eine eigene Mission losgeschickt. Eine Astronauten-Guerilla, die unsere Besatzung kaltmachte, im Namen von wem auch immer – die Heilige-Krieg-Nummer eben. Ich meine, es lag irgendwie auf der Hand. Die hatten das Öl und wir die Autos.
   Ich hatte natürlich kein Auto, hatte ja nicht mal ’nen Job. Und dann, als sie den Dingern einen Namen gegeben hatten, als das Feindbild allmählich so richtig abgerundet und hässlich wurde, da kamen sie, um Typen wie mich anzuwerben.

Blauköpfe. Heute erinnert sich keiner mehr, wer eigentlich auf diesen Namen gekommen ist. Wenn ich’s mir recht überlege, weiß doch sowieso niemand von uns Outsidern, was damals auf dem Mars gelaufen ist. Was die Besatzung der Mars 1- Mission niedergemacht hat. Aber sei mal ehrlich, O’Shea, D., hast du jemals danach gefragt? Die da oben verkauften uns böse, hässliche Aliens, und wir haben’s alle geschluckt. Und dann, als die ATA alles übernahm, wagte auch niemand mehr zu fragen.
   Mars, die SimScape rast vor mir vorbei – computergenerierte Cañons und Täler. Ich frag mich, wie’s wäre, den roten Sand unter schweren Raumstiefeln knirschen zu hören, gegen den Sturm zu laufen –
   »Verdammt, O’Shea, wach auf da drin!«
   Harares Brüllen riss mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen, und alle Anzeigen reagierten unkontrolliert.
   »Das gibt ein paar Minuspunkte extra«, kommentierte Harare trocken. »Wenn ich’s recht bedenke, bist du tot, tot, tot!« Sie lachte wiehernd.
   »Gib mir noch ’ne Chance«, bat ich. »Wenn Duvall meine Statistik sieht, bin ich dran.«
   »Verschwinde!« Ihr schwarzes Gesicht war völlig ausdruckslos. »Der Tag kommt noch, an dem ich für ’nen verpennten Rekruten ’ne Extraschicht schiebe.«
   »Auch nicht für ’ne Flasche echten J.B.?« Ich seh sie lauernd an. Bloß nicht anmerken lassen, wie sehr ich auf ihren guten Willen angewiesen bin.
   »Echter J.B.?« Harare ballt die Faust und beobachtet die Muskulatur ihres Unterarms. Dann, eher beiläufig: »Wie kommt so ’n Küken wie du an echten J.B.?«
   »Beziehungen«, lüge ich. Auf der Station gelten die Gesetze der Straße, und nur wer Einfluss oder Beziehungen hat, bleibt im Spiel. Ich kenn da ’ne neue Variante des Spiels, ich weiß, wo die Vorräte der oberen Dienstränge versteckt sind.
   Und jetzt bin ich wieder drin, schwitze und fluche, meine Füßen sind die Raupen, die über Sand und Geröll rollen, meine linke Hand die Steuerung und meine Rechte der Gefechtsturm. Ich bin eine verdammte Kampfmaschine. Klar, noch ist alles nur Simulation, aber es ist so verdammt echt. Die Fighter sagen, du merkst nicht mal den Unterschied. Ich glaub ihnen nicht, die sind überheblich und eitel, lügen die Küken voll. Manchmal denk ich, die sind auf irgend so einem beschissenen Trip und glauben echt, dass sie da draußen sind, ihr Geist im Weltraum, diese ganze Urmutterscheiße und so, verstehst du –
   Muss ziemlich hart für die Stationswartung sein, die dachten, da kommt ein Haufen Frauen zu ihnen hoch, und nicht solche Hardliner wie Duvall, Harare und all die anderen, die höchstens Armdrücken mit ihnen spielen. Da kommen ihnen die Küken gerade recht – Astronautengroupies. Komisch, selbst jetzt muss ich so an ihn denken, dass ich fast unbewusst um ihn herumzudenken versuche, verrückt. Konzentrier dich, O’Shea, D., sonst kriegt dich Harare am Arsch, und diesmal hast du keinen J.B. zu verkaufen. Kierin. Warum musste er nur so verdammt selbstsicher sein, während ich –

Bist du ihm eigentlich mal begegnet? Seine Augen haben die Farbe von altem Titan, Weltraummetall. Ich wette, wenn er wütend ist, werden sie ganz schwarz.
   Station 7 muss schon immer Militär-Zone gewesen sein. Nichts weist darauf hin, dass hier einmal Kolonisten gelebt haben – Wissenschaftsastronauten mit ihren Familien, Künstler und Abenteurer. Aber vielleicht haben sie auch alle Spuren beseitigt – so viel zur friedlichen Nutzung des Weltraums.
   Die inoffizielle Kantine ist in einem der gesperrten Ladebereiche im äußersten Ring auf der erdabgewandten Seite. In ihrer Freischicht hängen hier die unteren Ränge rum, ich auch.
   Ich bin sicher, die wissen von diesem Ort, und vielleicht gehört er sogar zu ihrem Plan: Gib den Gefangenen die Illusion von Freiheit, und die Konditionierung wirkt umso besser.
   Auch die Neuzugänge sind im äußersten Ring untergebracht. Die da oben wollen uns Rekruten auf die harte Tour lehren, was Schwerelosigkeit bedeutet. Mich hat das nie besonders gestört. Wenn dies das Beste war, was ich vom Weltraum kriegen konnte, ging das klar. Sicher, es dauerte ein paar Freischichten, ehe ich wie ’ne Fledermaus schlafen und das Gestöhne und Gejammer von den anderen ausblenden konnte. Doch da waren auch noch weitere Geräusche, das dumpfe Pochen der Umwälzpumpen, das Zischen der Ventile und das Vakuum, dessen Stille nachts in meinen Ohren dröhnte.
   Ich habe Angst, Angst seit dem Moment, als sie mich mit dem Rest der Einheit in die Ladebucht des alten Spaceshuttles stopften, Angst, als die Booster jeden Quadratmillimeter meines Körpers durchschüttelten, und Angst, als ich zum ersten Mal die Schwerelosigkeit spürte. Sie haben mich in ein Leben voll Furcht geworfen, und dafür hasse ich sie, dafür und für die Unwissenheit, in der sie uns lassen. Gute Kämpfer sind dumme Kämpfer, oder heißt es gute Kämpfer sind tote Kämpfer? Bei dem Gedanken muss ich kichern, schätze, ich bin etwas betrunken. Lässig lasse ich meinen Blick durch die Kantine wandern, doch niemand beachtet mich. Jeder hier benimmt sich seltsam von Zeit zu Zeit, liegt wohl an der Umgebung. Ich muss wieder kichern und senke schnell den Kopf, sauge ein paar Schlucke. Etwas seltsam ist o.k., O’Shea, D., zu viel gibt Minuspunkte und Strafschichten. Es gibt immer Stinker wie Halloran, die einen Kollegen für ein paar Bonuspunkte verpfeifen.
   »Muss ja ’n verdammt guter Witz sein, wenn so ’ne taffe Tussi wie du drüber lachen kann, O’Shea.«
   Kierin. Er hakt sich mit dem Fuß über meiner Kopfstütze ein, beide Arme voller Coronas, volle Flaschen. Er sieht verschwitzt und atemlos aus und lacht mich an, als wären wir die besten Freunde.
   Aus der Ecke der Wartungsmannschaft kommen Rufe, Witze. Er flippt einige Flaschen zu ihnen rüber, quer durch den Raum, ich staune mit offenem Mund, einige klatschen Beifall und grölen. Warum sind sie so gut drauf, haben wir ihnen nicht ihren Traum gestohlen? Sahen nur zu, als sie Opfer der Politik wurden. Und was tun sie jetzt? Tragen ihre abgewetzten Coveralls mit NASA-Logo, trinken Bier und zeigen uns, dass der Weltraum einmal ihnen gehörte. Wie stolz müssen sie gewesen sein, sie, die zu den Auserwählten gehörten – die Astronauten.
   »Kicher nicht alleine in dein Bier, komm mit rüber, Küken.«
   Er zieht mich für einen kurzen Augenblick an sich und gibt mir dann einen Schubs. Ich schlucke meine Wut, will mich nicht noch mal vor ihm lächerlich machen. Er überholt mich mit einer Drehung seines ganzen Körpers und sieht dabei so gut aus, wie es ich selbst nach zehn Jahren in Schwerelosigkeit nie könnte.
   »Andrej Andrejovich, Kosmonaut Mir 3, Thomas Carlsson, Wissenschaftsoffizier SS Freedom …« mit einer umfassenden Geste stellt er die Männer vor. All diese Namen, all die Geschichten hinter den Namen.
   »Kierin ist bescheiden.« Dieter Jobst, Navigator der letzten großen Neptun-Rakete, lacht spöttisch. »Unser Mission-Mars-Commander.«
   Ich schlucke, plötzlich ist mein Hals eng und ich weiß nicht mal genau warum. Doch ich weiß es, ich sehe es in seinen Augen und fühle mich wie ein Voyeur. Starre auf die NASA-Logos, die Mission-Mars-Signets.
   »Da staunt das Küken.« Jetzt machen sie ihre Scherze mit mir, sind auf seiner Seite, seine Kumpels. »Wir hätten kurzen Prozess gemacht mit diesen Schlauköpfen.« – »Blau oder schlau, wer fragt schon …« – »Genau, uns hätten sie fragen sollen, nasdrowje, Astronaut.«
   Ich höre ihre Stimmen wie durch einen Nebel. Ich spüre, er beobachtet mich, ich versuche seine Anwesenheit zu ignorieren. Dann schiebt er mir eine Corona in die Hand. Sein Coverall ist am Hals offen und ich kann seine Schultermuskeln unter der schweißglänzenden Haut sehen, seinen Nacken, seinen Puls. Er bemerkt meine Blicke, ich werde verlegen, doch er lacht nicht, und ich weiß, er will mich genauso wie ich ihn.
   Es war anders mit Kierin. Ich kann es nicht erklären, aber wir spürten es beide. Die wenigen Stunden, die wir hatten, waren viel zu viel, um nur Stunden zu sein. Wir liebten uns zwischen defekten Raumanzügen und leeren Sauerstofftanks. Wir liebten uns so, als wäre jedes Mal das letzte Mal, und irgendwie wussten wir beide, dieses letzte Mal, es würde kommen, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten. Und dann war er verschwunden. Ich meine nicht abgelöst, versetzt, ich meine verschwunden, so als wäre er nie auf Station 7 gewesen. Sie löschten alle seine Daten, räumten seinen Spind aus, und sein Name wurde nie mehr erwähnt.
   Doch, da waren Warnungen, Zeichen, ich hatte sie ignoriert. Wollte nicht glauben, dass er mir etwas verschweigen konnte, wollte nicht fragen. Vielleicht hatte ich auch bereits zu viel gefragt. Ja, verdammt, ich hatte Angst – Angst, die Sicherheit, die unsere Liebe bot, zu verlieren. Dabei waren wir beide längst verloren, nur er, Kierin, er wusste es, sprach davon, ohne dass ich es erkannte. Sprach über seine Pläne, seine Neugier, und dass er endlich wissen wollte, warum die anderen Stationen aufgegeben worden waren.
   Es war seine Freischicht, ich hatte auf ihn gewartet, nach ihm gesucht. Nie hätte ich vermutet, dass er nicht mehr auf der Station war, dass er endlich Antworten wollte, Antworten auf all die Fragen, die ich nie laut zu stellen gewagt hatte. Hätte ich ihn zurückhalten können? Wohl kaum, ich hätte es auch gar nicht gewollt. Es war dieses Unbekümmerte, alle Risiken Nehmende, das ich an ihm liebte, um das ich ihn beneidete. Er war der Astronaut und ich nur die Zwangsverpflichtete mit Kinderträumen, die versuchte in diesem schwerelosen Alptraum am Leben zu bleiben.
   Dann, als wir uns trafen, Stunden später, war es da, dieses Gefühl der Endgültigkeit. Seine Blicke, seine Berührungen, die unterschwellige Trauer und die Leidenschaft. Ich konnte es mir nicht erklären, ich dachte, ihn in die Arme nehmen und mit stummen Lippen trösten würde helfen. Doch das Geheimnis war zu groß, die Wahrheit zu ungeheuerlich, um zwischen Liebenden ausgesprochen zu werden. Und jetzt bin ich da, jetzt erzähle ich seine Geschichte. Sicher, es ist auch meine Geschichte, aber Kierin ist der Held in ihr, und er verdient die gleiche Unsterblichkeit wie die Frauen der Mars 1-Mission.
   Noch während meiner letzten Freischicht begannen sie mit der Offensive, steckten jeden in die Särge, keine Pause, nicht mal zum Atemholen, nicht mal zum Denken. Achtundvierzig Stunden, ich war die Maschine, ich war gar nichts mehr, da war nur noch der Panzer, der durch die fremdartige Landschaft raste, Fernlenkraketen in einen rostroten Himmel feuerte, hundertzwanzig Millionen Kilometer von Station 7, von der Erde, der Realität.
   Über die Schläuche versorgten sie mich mit Drogen und Nährflüssigkeit. Ich spürte keine Müdigkeit, keine Schmerzen, in meinem Kopf kreiste nur ein Satz: Töte sie, ehe sie dich erwischen, verdammte Blauköpfe. Aber irgendwo war mein Bewusstsein, und tief verborgen, wie eine warme, sichere Zuflucht, war sein Name und die Erinnerung an seine Zärtlichkeit, die mich davor bewahrte, in diesem Maschinensarg, dieser künstlichen Wirklichkeit, den Verstand zu verlieren.
   »He, Ablösung, O’Shea.«
   Harare packte mich an den Oberarmen und zog mich aus dem Sarg. Sie zog mir die Schläuche aus der Nase und den Venen. Die Zeit war nur noch ein Nebel, doch als sie mir die Drogen entzogen, wurde der Nebel rot und Krämpfe warfen mich durch den Raum. Harare übergab mich der Wartung, alle Frauen, die nicht in meiner Schicht gewesen waren, wurden für die Offensive gebraucht. Mich brachten sie auf die Krankenstation, es hieß, ich hätte am längsten von meiner Einheit durchgehalten. Über Verluste sprachen sie nicht. Ich wollte sie etwas fragen, doch meine Zunge hatte das Sprechen verlernt, und ich hatte die Worte vergessen.
   Sie gaben mir wieder Drogen, diesmal gegen die Schmerzen, und als sie vergingen, begann meine Haut am ganzen Körper zu jucken. Sie banden mich fest, aber sie sprachen nicht zu mir, ich war noch immer nicht in ihrer Realität – würde ich es je wieder sein? Und irgendwann kam der Schlaf.
   Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass Kierin nicht mehr auf Station 7 war, dass er nicht einfach nur versetzt worden war. Ich wollte fragen, wollte Antworten – sie steckten mich wieder in den Sarg und machten mich zur Kampfmaschine. Und irgendwann war ich so durchgedreht, dass sie meinen zusammengekrümmten Körper nicht mal mehr auf die Krankenstation brachten.
   Ich kam in einer der gesperrten Sektionen zu mir. Ich öffnete die Augen und erwachte in einem schwarzen Alptraum. Es waren die Gerüche, die mich in die Realität brachten, verschmorte Isolierungen, der metallische Geschmack verbrauchter Luft und Schweiß. Hände, die meinen Kopf hoben, mich fütterten, mein Gesicht mit einem kalten Lappen abrieben. Stimmen, die nicht mit mir sprachen. Andrej, Dieter, Thomas – Kierins Freunde, aber warum war er nicht bei mir?
   »Wo ist er?« Ganz langsam, nach jeder Silbe suchend, stellte ich endlich die Frage, fragte hinein in die Dunkelheit, in das Schweigen. Luft entwich, eine Schleuse hatte sich geschlossen. Ich war allein.
   Wortfetzen schwappten an den Rand meines Bewusstseins, das sich weigerte, aus dem Gehörten Sätze zu bilden. Geflüsterte Andeutungen – besser nicht laut aussprechen – ich weiß – wurde nicht versetzt – alle seine Sachen sind verschwunden – seit Wochen hat kein Shuttle mehr angedockt. Nein, sie meinen nicht Kierin, sie reden über jemand anderen, jemand, dessen Name nur ähnlich klingt. Du musst nur fest daran glauben, dann ist alles nur ein Teil deines Traumes. Nein, ich war nie gut im Lügen, war nie gut im Fragen.
   Die Ungewissheit brachte mich fast endgültig um den Verstand. Ungewissheit und Einsamkeit. Doch schließlich wurde die Dunkelheit zu Nebel, und aus dem Nebel wurde Schatten. Ich konnte ihre Gesichter sehen, und sie sprachen immer noch nicht zu mir. Sie sahen einfach durch mich durch. Ohne Kierin wurde ich wieder zum Außenseiter, zum Astronautengroupie. Ich hatte ihnen ihren Helden genommen, ich war schuld, und niemand wusste, wie schuldig ich mich fühlte.
   Nur einer, der Deutsche, sprach aus, was sie alle dachten: »Du warst nicht gut für ihn, aber er wollte ja nicht auf seine Freunde hören.«
   »Sag es ihr schon, Towarischtsch.« Andrej Andrejovich, er muss es gewesen sein, der mich fütterte und wusch, seine Augen sehen nicht so kalt aus wie die der anderen Astronauten, nur traurig.
   »Ihr Frauen, ihr wollt den Weltraum haben«, keine Antwort, eine Anklage, »aber für die Dreckarbeit, da braucht ihr uns.«
   »Das Versorgungsshuttle ist schon seit Wochen überfällig. Sie haben Kierin mit dem Raketenpack und zwei Schleppschlitten zu den anderen Stationen geschickt, Vorräte suchen. Er machte sechs Touren, dann begannen sie mit der Offensive –« Er stockt, unfähig es auszusprechen. Ruhig, unbewegt, so als hätte er die Worte zu oft gesagt, beendet der Deutsche den Satz: »Und er kam nicht mehr zurück.«
   »Lügen, alles nur Lügen.« Ich schreie und merke es nicht einmal. Ich schlage auf ihn ein und er wehrt sich nicht. Sind wir denn alle schuldig?
   Niemand sucht mich, niemand vermisst mich. Die Lebenserhaltungssysteme der Station laufen auf Notbetrieb, sie brauchen alle Energie für die Särge. Das ist Wahnsinn, und sie hören einfach nicht auf. Mars den Marsianern – ich fange hemmungslos an zu lachen.
   Und ich? Ich bin mitten drin in diesem psychedelischen Maschinentraum – auf der Suche nach einem Versteck laufe ich meinen Erinnerungen hinterher. Zwischen defekten Raumanzügen und leeren Sauerstofftanks liegt sein Coverall – Mission Mars.
   Er ist nie zu dieser letzten Tour aufgebrochen. Ich habe es gewusst, es hat keinen Unfall gegeben, nie hätte ihn der Weltraum umgebracht. Ich vergrabe mein Gesicht in dem weichen Futter, atme seinen Geruch, höre seine Stimme, die immer so tief und zärtlich klingt, wenn wir uns lieben. Dumme, taffe O’Shea, D., jetzt muss sie weinen. Soll das alles gewesen sein? Keine letzte Umarmung, kein Lebewohl, keine Nachricht? Keine Nachricht! Mit zitternden Fingern durchsuche ich alle Taschen. Eine flache Plastikkarte – ein Schlüssel: Station 3/Brücke.
   Ich weiß nicht, wie viele Stunden oder Tage vergingen, bis ich meine Ausrüstung zusammengestellt hatte. Bis vor kurzem noch hatte ich geglaubt, dass man sich besser um seinen eigenen Kram kümmert. Doch irgendwie war Kierin ein Teil von mir geworden, mit seinem Wissensdurst und seinem Selbstvertrauen, und ich wollte die gleichen Antworten, die er auf der verlassenen Raumstation gesucht hatte, auch wenn ich nicht mal die Fragen kannte.
   Ich wollte die Station während der Hauptruheperiode verlassen. Irgendwo im erdabgewandten Sektor gab es eine stillgelegte Ladebucht, deren äußere Schleusen noch in Funktion waren. Kierin sprach einmal im Scherz davon, als ich ihn fragte, ob schon jemals einer der Zwangseingezogenen von der Station geflohen sei. Von dort musste er zu seinen verbotenen Ausflügen aufgebrochen sein. Warum hatte er nie davon gesprochen, warum hatte er mich nie mitgenommen? Selbst jetzt beneide ich ihn noch um die Selbstverständlichkeit, mit der er im Weltraum zu Hause war.
   Das Schott schloss sich automatisch hinter mir, jetzt war ich allein mit der Dunkelheit, den Sternen und meinen Ängsten. Wie hatte ich jemals glauben können, im Weltraum zu überleben? Hier gab es nicht einmal Schatten, die ich für meine Furcht verantwortlich machen konnte. Sicher, sie haben diese Tests gemacht – es stimmt vermutlich, dass Frauen besser für Langzeitflüge geeignet sind, besser mit Stress umgehen und ausdauernder sind. Trotzdem, warum haben die Astronauten nie von der Angst gesprochen?
   Ich höre nur ein Geräusch: das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Niemand ist da, niemand holt mich mit einer Schleppleine rein, wenn ich versage. Panik schwappt am Rand meines Bewusstseins wie eine saugende, tödliche Flut. Ich beiße mir auf die Lippen, bekämpfe die große Welle mit meinem Blut und Schmerz.
   Ich stoße mich von dem äußeren Ring ab und trudle ungeschickt, ohne Körperkontrolle, davon. Die Station bleibt zurück, und nach einer Weile zünde ich das Raketenpack. Und bin nur noch ein Stern unter vielen, bis das große Rad von Station 3 vor mir am Horizont erscheint. Die aufgehende Sonne schneidet scharfe Schatten in die Ladedocks und Luftschleusen. Die Außenhaut scheint unbeschädigt. Die rot-weiß-blaue Flagge und das NASA-Logo verschwinden fast neben dem Mars 1-Signet, jemand hat Mars – unsere Reise hat begonnen und Der Traum ist immer noch lebendig daneben geschrieben. Ich blinzle Tränen aus den Augen, plötzlich fühle ich, auch ich gehöre irgendwie dazu.
   Die Hauptschleuse lässt sich manuell öffnen, für einen kurzen Augenblick befällt mich wieder Panik, ich höre das Schließen des Schotts, bin in Finsternis gefangen, dann schaltet sich die Notbeleuchtung ein, der Druck erhöht sich und ich betrete Station 3.
   Ich schnalle das Raketenpack ab und klappe den Helm zurück, die Luft in den Gängen schmeckt wie überall, wo Menschen im Weltraum sind – abgestanden, nach Metall und Schweiß. Hatte ich erwartet, Spuren von Kierin zu finden? Ich weiß es nicht. Ich stoße mich von den Wänden ab und suche nach den Abdrücken seiner Hände. Im gleichen Tempo, wie ich durch die engen Gänge tiefer in die Station eindringe, schalten sich die Lebenserhaltungssysteme und die Beleuchtung ein. Fast glaube ich Stimmen zu hören, die Crew beim Schichtwechsel. Hier gibt es zu viele Geister. War das der Grund für Kierins Ausflug – der Wunsch nach einer Begegnung mit seiner Vergangenheit? Nein, er war nicht diese Art von Romantiker. Er wollte Antworten. Warum wurde so viel Material vergeudet, warum wurden all die anderen Stationen aufgegeben?
   Da sind die Stimmen wieder – nein, es ist eine Stimme. Können Erinnerungen sprechen? Kierin! Er ist immer noch hier. Ich stürze auf den Klang zu, schlage gegen Wände und Stützpfeiler, ohne den Schmerz wahrzunehmen.
   Die Brücke. Ein Funkgerät in der Steuersektion, die Statik überlädt die Stimme, sie gehört einer Frau. Sie klingt uralt und jung zugleich. Willenskraft und Resignation schwingt in ihren immer gleichen Sätzen: Mission Control – hier Basislager Mars 1 – Erde, warum meldet ihr euch nicht?
   War das das unaussprechliche Geheimnis – ist das die Antwort? Für Kierin muss es schlimm gewesen sein. Er, der an ihr System geglaubt, sein ganzes Leben darauf ausgerichtet hatte, entdeckte die Große Lüge.
   Nein, so einfach war es nicht. Sie waren bereit zu betrügen, zu manipulieren und zu morden, damit der Mythos gewahrt bliebe, da musste noch mehr dahinter stecken, viel mehr. Wenn es nie einen Überfall auf die Mars-Crew gegeben hatte, wieso führte die Erde dann Krieg gegen Außerirdische – und wer waren dann die Blauköpfe? Ich bin sicher, Kierin muss auch auf diese Fragen die Antwort gewusst haben.
   Stunden später fand ich die erdzugewandte Aussichtsplattform, und hier war ein Zeichen von ihm – Commander Kierin Young – Mission Mars – USA 2010. Mechanisch hob ich den bunten Stofffetzen auf und hielt ihn fest umklammert, wie einen Talisman.
   So hatte ich mir den Mars vorgestellt – die Offensive, unsere Rache, unseren Sieg. Doch über mir glitt die Erde in den Morgen. Nebel lag über den Ländern des Heiligen-Staaten-Bundes, schwarzer Nebel. Ich kannte diese Bilder aus alten Geschichtsaufzeichnungen – es war der Rauch brennender Ölfelder. Glühwürmchen stiegen von der Nachseite auf, bohrten sich in die Schwärze. Sternschnuppen stießen durch die Atmosphäre, Glühwürmchen, gezündet in einer anderen Welt. Oh ja, wir waren gut, wir waren lebende Kampfmaschinen und vielleicht würden wir die Blauköpfe besiegen. Aber als die Nachtschatten über den Planeten wanderten, schoss ein Schwarm zorniger Feuerfliegen aus dem zerstörten Land, flog weit und zielsicher, brannte seine tödliche Spur in die Dunkelheit, in den Weltraum.
   Seit Tagen höre ich ihren Stimmen zu – Irina Yermakow: Captain, Leigh Santini: Navigator, Chen Yu: Wissenschaftsoffizier, Sabrina L. Meyer: Arzt, und Ana O’Dell: Techniker.
   Inzwischen kenne ich euch, seid ihr meine Freunde geworden. Ich habe jetzt alle Zeit der Welt, um euch zuzuhören, denn niemand sonst kann es, und ich wünsche so sehr, ich könnte mit euch reden. Ihr seid so besonders. All die Jahre der Isolation und ihr habt immer noch Hoffnung. Bitte, seid meine Idole, mein Leitstern.
   Die Druckwelle der Explosionen, die die bemannten Stationen zerstörte, warf Station 3 aus dem Orbit. Ich bin in Sicherheit, doch wo kann es Sicherheit geben, wenn rundherum nur das Nichts ist?
   Gestern, ich glaube, es war gestern – seltsam, ich denke immer noch in Begriffen wie gestern und morgen, Tag und Nacht, dabei haben diese Worte längst ihre Bedeutung verloren –, habe ich dein Foto gefunden. Du musst Leigh Santini sein. In deinem Gesicht, deinen Augen ist etwas, was mich an mich selbst erinnert. Dir werde ich meine Geschichte erzählen, du wirst wissen, wovon ich rede, du hast die gleiche Sehnsucht, den gleichen Widerspruchsgeist in dir.
   Es ist eigenartig und befremdend: Nachdem ich endlich die Antworten kenne, sind all die Bitterkeit und die Zerrissenheit verschwunden, ich bin ein Teil des großen Traumes, wie ich es immer wollte. Ich habe es ausgerechnet, die Station driftet in Richtung des Asteroidengürtels, und wenn ich Glück habe, erreiche ich in ein paar Jahren Mars. Hört ihr mich?

Myra Çakan © 1992/2002 • Erstveröffentlichung


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Siehe auch
... mehr als nur der Stöpsel im Nacken - Interview mit Myra Çakan
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