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| ALIEN CONTACT 64 |
| Science Fiction > Alien Contact | Interview |
| Der amerikanische Autor Orson Scott Card war vom 17. bis 19. September 2004 Ehrengast auf dem ElsterCon in Leipzig. In einer Gesprächsrunde nahm der Schriftsteller, der sich nicht nur mit den Romanen aus der Ender-Serie einen Namen machte, redegewandt zu literarischen, politischen und religiösen Fragen Stellung. | |
| Bernhard Kempen:
Wie ist es für Sie, Deutschland zu besuchen? Sie dürfen ehrlich antworten, wir Deutschen
können Kritik vertragen. Orson Scott Card:
Jeder hat Probleme, wenn das Land kritisiert wird, in dem er lebt. Es kommt immer darauf
an, was kritisiert wird. Ich war schon immer von Deutschland und von seiner Vergangenheit
fasziniert. Deutschland nimmt eine zentrale Stellung in der Geschichte ein. Kempen: Der vielleicht exotischste Aspekt Ihrer Persönlichkeit ist die Tatsache, dass Sie Mormone sind. Ist die Angehörigkeit zu dieser Glaubensgemeinschaft bei Ihnen Familientradition oder sind Sie erst später konvertiert? Wie ist Ihre Einstellung zur Religion? Card: Meiner Meinung nach hat jeder eine Religion. Nur die Leute, die
glauben, nicht religiös zu sein, sind die wahren Fanatiker, weil sie denken, dass ihre
Überzeugung die Wahrheit ist. Während wir zugeben, dass unsere Überzeugungen
religiös sind, und damit anerkennen, dass andere an etwas anderes glauben. Wenn man diese
Leute nach ihrer Religion fragt, werden sie wütend. Kempen: Ist das nicht ein Widerspruch? Card: Nein, ich habe den Glauben meiner Eltern im Laufe der Zeit aus eigener Entscheidung angenommen. Und ich überprüfe meinen Glauben von Zeit zu Zeit. Allerdings bringe ich meinen Glauben nicht bewusst in meinen Romanen und Erzählungen unter. Meine Figuren haben ihren eigenen Glauben, der für gewöhnlich anders ist als mein eigener. Bei einem Erzähler kommen die Glaubensvorstellungen natürlich immer zum Tragen. Auf zehn bewusste Entscheidungen, die man als Autor fällt, kommen Hunderte von unbewussten Entscheidungen. Diese unbewussten Entscheidungen zeigen dann wirklich, wie man die Welt sieht. Dabei handelt es sich um Glaubensvorstellungen, die so tief verwurzelt sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass sie falsch sein könnten. Um herauszufinden, woran ich selbst glaube, lese ich meine eigenen Romane und Erzählungen. Manchmal stoße ich in meinen älteren Werken auf Dinge, die nicht mehr wahr klingen, und stelle fest, dass sich meine Glaubensvorstellung im Laufe der Zeit verändert haben müssen. Kempen: Aber Ihre Homecoming-Saga ist eine Neuerzählung des Buchs Mormon. Card: So habe ich das auch meinem Verlag verkauft. Ich habe ihnen eine Science-Fiction-Version des Buches Mormon angeboten, und sie fanden, dass das eine großartige Idee sei. Der Verlag wollte das auch auf dem Buchcover erwähnen, aber ich habe sie gebeten, das sein zu lassen. Es gibt viele Menschen in den USA, die Mormonen hassen, und noch mehr Menschen hassen Religionen allgemein. Es ging nicht darum, den Lesern den mormonischen Glauben nahe zu bringen, sondern darum, eine kraftvolle Space Opera zu erzählen. Ich habe nur den Ozean gegen das Weltall ausgetauscht. Kempen: Sie sind in Deutschland als Science-Fiction-Autor bekannt, aber Sie haben auch Theaterstücke, Hörspiele, ein Musical und einen Gedichtband geschrieben. Sehen Sie sich selbst mehr als Science-Fiction-Autor, der auch Mainstream schreibt, oder als Mainstream-Autor, der Science Fiction schreibt? Card: Eigentlich bin ich ein Schauspieler, der nicht talentiert genug
ist, um Arbeit zu bekommen. Beim Schreiben sehe ich mich als Schauspieler, der anderen
Leuten eine Geschichte erzählt. In den Alvin-Maker-Romanen habe ich die Figuren
zum Beispiel in Dialekten sprechen lassen. Als ich die Bücher geschrieben habe, kam es
vor, dass ich im Dialekt einer Romanfigur gesprochen habe, wenn ich ans Telefon gegangen
bin. Meine Geschichten finden in meiner Vorstellung als Dialog statt. Auch meine Lyrik ist
die Stimme einer Figur, die diesen Text spricht. Kempen: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Science Fiction und Mainstream-Literatur? Card: Die Leser. Die Leserschaft der Science Fiction ist die beste der Welt. Das ist keine Schmeichelei; es gibt Studien, in denen festgestellt wurde, dass Science-Fiction-Leser ein überdurchschnittlich intelligentes Publikum sind. Das Beste an ihnen ist jedoch, dass sie offen für neue Erfahrungen sind. Ich habe einen Abschluss in englischer Literatur, musste aber immer wieder feststellen, dass die Literaturwissenschaftler und die Leserschaft der gehobenen Literatur über ein sehr eingeschränktes Vorstellungsvermögen verfügen. Sie sind sehr stolz darauf, experimentell zu sein, aber sie mögen nur Experimente, die bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren durchgeführt wurden. Sie sind Revolutionäre, wie auch Breschnew ein Revolutionär war. Alte Revolutionäre sind natürlich keine Revolutionäre mehr. Glücklicherweise ist dies das Beste, was der Science Fiction passieren konnte. Die Science Fiction war die literarische Revolution nach der Moderne. Der literarische Mainstream hat die Science Fiction so sehr verachtet, dass er überhaupt nicht mitbekommen hat, dass eine Revolution stattgefunden hat und dass wir gewonnen haben. Ihre Literatur wird nur von wenigen gelesen und von noch weniger Leuten verstanden. Die Science-Fiction-Revolution hat die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit verändert. Science Fiction wurde immer nur freiwillig gelesen. Inzwischen stimmt das allerdings nicht mehr. In Tausenden von Lehreinrichtungen in den USA werden Schüler gezwungen, meine Bücher zu lesen. Das ist zwar gut für mein Bankkonto, aber ich bin mir nicht sicher, ob es für die Science Fiction gut ist. Ich vermute, dass die Science Fiction inzwischen alles Wichtige geleistet hat, zu dem sie in der Lage ist. Vielleicht sollten wir nach der nächsten Revolution Ausschau halten. Vielleicht sind das diese dicken Fantasy-Romane, vielleicht auch Computerspiele. Kempen: Wie ist Ihr Verhältnis zum Science-Fiction-Fandom? Card: Dass es ein SF-Fandom gibt, habe ich erst nach der
Veröffentlichung meiner ersten Erzählungen herausgefunden. Ich wusste, dass es eine
Science-Fiction-Convention gibt, bei der die Hugo Awards verliehen werden, aber ich
dachte, dass man dazu eingeladen werden muss. Nachdem ich wusste, dass das Fandom
existiert, habe ich eine Zeit lang Conventions besucht. Für rund fünf Jahre war ich im
Süden der USA auf Conventions unterwegs und habe Vorträge über die Wiedererweckung des
sekulären Humanismus gehalten. Das ist so etwas wie ein religiöses Treffen für
Atheisten. Im amerikanischen Süden sind die Fans durchaus mit den Baptist Revival
Meetings vertraut. Also habe ich mich vor das Publikum gestellt und gepredigt, und das
Amen und das Hallelujah kam sofort zurück. Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass
das Publikum immer aus dem gleichen Leuten bestand, die nur von einem Motel zum nächsten
zogen. Ich hatte also immer wieder die gleichen Gespräche mit den gleichen Autoren vor
dem gleichen Publikum. Ich gelangte zur Einsicht, dass ich meine Zeit sinnvoller damit
verbringen könnte, zu schreiben oder Fernsehen zu schauen. Kempen: Sie haben 1977 Ihre erste Geschichte veröffentlicht. Das ist ziemlich lange her. Wie hat sich die SF-Landschaft inzwischen verändert? Card: Die Verlage haben viel mehr meiner Bücher veröffentlicht. Als
ich angefangen habe, gab es die großen alten Autoren noch, und sie haben auch noch
veröffentlicht. Während Robert Heinlein seine besten Werke bereits hinter sich hatte,
wurde Isaac Asimov immer besser. Ich habe kürzlich Ich, der Roboter noch einmal
gelesen und festgestellt, dass einige der Geschichten ziemlich schlecht waren. Wobei sie
nur dann schlecht sind, wenn man bedenkt, dass sich die Science Fiction inzwischen
weiterentwickelt hat. Diese Weiterentwicklung war allerdings nur möglich, weil es Autoren
wie Isaac Asimov gab. Es muss auch für die alten Autoren großartig gewesen sein, zu
sehen, wie sie die Science Fiction verändert haben und wie junge Autoren von ihnen
gelernt haben. Aber wenn ich mich heute in der Science Fiction umsehe, kann ich keinen
jungen Autor finden, der auch nur im Geringsten von mir beeinflusst worden wäre. Das
liegt vielleicht daran, dass sich das Genre zu dem Zeitpunkt, als ich angefangen habe,
bereits ein gewisses Niveau erreicht hatte. Kempen: Dass Orson Scott Card sehr etabliert ist, merkt man auch daran, dass Warner Brothers die Filmrechte an Ender's Game gekauft hat und Wolfgang Petersen Regie führen soll. Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten? Und warum wurde das Buch nicht schon viel früher verfilmt? Card: Wir leben in einer Welt, in der Film die wichtigste Kunstform
ist. Das liegt nicht daran, dass es die beste Form ist, eine Geschichte zu erzählen,
sondern weil man dadurch am leichtesten Zugang erhält. Sobald man ein Buch schreibt, das
den Leuten gefällt, dann sagen sie: He, das muss man verfilmen! Aber niemand sagt:
Großartiger Film, da muss man unbedingt ein episches Gedicht draus machen! Ich gebe zu,
dass mir dieser Gedanke gekommen ist, als ich Troja gesehen habe. Filme sind
kurz. Das Frustrierende daran ist, dass man Ender's Game einfach nicht angemessen
verfilmen kann. Es liegt nicht nur daran, dass man drei Viertel des Buches weglassen muss.
In erster Linie liegt es daran, dass die Geschichte fast ausschließlich in Enders Kopf
spielt. Das ist die große Stärke von Romanen, aber andere Erzählformen können das
nicht leisten. Im Film sieht man immer nur die Oberfläche, was die Figuren tun oder
sagen. Es sei denn, man nutzt im Film das furchtbare Mittel des voice over, also
eine Stimme aus dem Hintergrund, die erzählt, was die Figuren denken. Mein großer
Alptraum wäre, dass Ender durch den Korridor der Schule läuft und der Zuschauer eine
Stimme hört, die sagt: »Was Peter wohl jetzt gerade tut?« Das ist der Hauptgrund, warum
Ender's Game bisher noch nicht verfilmt wurde. Wenn man nicht weiß, was Ender
denkt, ist er eigentlich nur ein böser, gewalttätiger kleiner Junge. Kempen: Im November 2004 erscheint endlich wieder ein Buch von Ihnen auf Deutsch, nämlich Ender's Shadow (dt. Enders Schatten), Ihre erste deutsche Veröffentlichung seit 1998. Können Sie den deutschen Lesern einen kleinen Überblick über die weiteren Bände aus diesem literarischen Universum geben? Card: Ender's Shadow ist ein Parallelroman zu Ender's
Game, auch wenn das eigentlich nicht so geplant war. Ursprünglich wollte ich in zwei
oder drei Kapiteln die Ereignisse in der Akademie erzählen und dann die Handlung ganz
anders fortsetzen. Doch dann habe ich mich in einige der Nebenfiguren der Geschichte
verliebt, und das Buch wurde immer dicker. Kempen: Woran arbeiten Sie derzeit? Card: Als Nächstes werde ich Shadow of the Giant beenden.
Das letzte Buch, das ich bereits fertig gestellt habe, ist der dritte Band der Women
of Genesis. Die Bücher dieser Serie werden als religiöse Romane vermarktet, obwohl
es eigentlich historische Romane sind. Ich konzentriere mich darin auf die Frauen der
Geschichte, Sarah, Rebekah, Rachel und Leah. Die Leser müssen nicht für sich
entscheiden, ob es die Propheten des Alten Testaments tatsächlich gab, sondern können
sich deren familiären Verhältnissen widmen. Kempen: Vielen Dank für das Gespräch. Gesprächsleitung: Bernhard Kempen |
![]() Foto: Siegfried Breuer |
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