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»Die Science Fiction war die literarische Revolution nach der Moderne«

Ein Gespräch mit Orson Scott Card auf dem ElsterCon 2004

Science Fiction > Alien Contact | Interview
Der amerikanische Autor Orson Scott Card war vom 17. bis 19. September 2004 Ehrengast auf dem ElsterCon in Leipzig. In einer Gesprächsrunde nahm der Schriftsteller, der sich nicht nur mit den Romanen aus der Ender-Serie einen Namen machte, redegewandt zu literarischen, politischen und religiösen Fragen Stellung.
Bernhard Kempen: Wie ist es für Sie, Deutschland zu besuchen? Sie dürfen ehrlich antworten, wir Deutschen können Kritik vertragen.

Orson Scott Card: Jeder hat Probleme, wenn das Land kritisiert wird, in dem er lebt. Es kommt immer darauf an, was kritisiert wird. Ich war schon immer von Deutschland und von seiner Vergangenheit fasziniert. Deutschland nimmt eine zentrale Stellung in der Geschichte ein.
   Als ich mit dem Zug von Berlin nach Leipzig fuhr, war ich überrascht, wie ländlich die Umgebung war. Aber vielleicht ist das im Westen anders. Ich habe mich wie zu Hause in North Carolina gefühlt. Die Leute waren aber sehr freundlich und hilfsbereit zu mir, auch wenn ich kein Deutsch spreche. Und ich habe festgestellt, dass man alles kaufen kann, wenn man mit dem Finger darauf zeigt.

Kempen: Der vielleicht exotischste Aspekt Ihrer Persönlichkeit ist die Tatsache, dass Sie Mormone sind. Ist die Angehörigkeit zu dieser Glaubensgemeinschaft bei Ihnen Familientradition oder sind Sie erst später konvertiert? Wie ist Ihre Einstellung zur Religion?

Card: Meiner Meinung nach hat jeder eine Religion. Nur die Leute, die glauben, nicht religiös zu sein, sind die wahren Fanatiker, weil sie denken, dass ihre Überzeugung die Wahrheit ist. Während wir zugeben, dass unsere Überzeugungen religiös sind, und damit anerkennen, dass andere an etwas anderes glauben. Wenn man diese Leute nach ihrer Religion fragt, werden sie wütend.
   Ich empfinde es nicht als ungewöhnlich, dass ich einer organisierten Glaubensgemeinschaft angehöre. Eine organisierte Glaubensgemeinschaft verhält sich immer besser als eine nicht organisierte.
   Zum ersten Teil der Frage: Meine Vorfahren sind seit mehreren Generationen Mormonen, aber ich bin zu diesem Glauben konvertiert. Ich bin ein Gläubiger.

Kempen: Ist das nicht ein Widerspruch?

Card: Nein, ich habe den Glauben meiner Eltern im Laufe der Zeit aus eigener Entscheidung angenommen. Und ich überprüfe meinen Glauben von Zeit zu Zeit. Allerdings bringe ich meinen Glauben nicht bewusst in meinen Romanen und Erzählungen unter. Meine Figuren haben ihren eigenen Glauben, der für gewöhnlich anders ist als mein eigener. Bei einem Erzähler kommen die Glaubensvorstellungen natürlich immer zum Tragen. Auf zehn bewusste Entscheidungen, die man als Autor fällt, kommen Hunderte von unbewussten Entscheidungen. Diese unbewussten Entscheidungen zeigen dann wirklich, wie man die Welt sieht. Dabei handelt es sich um Glaubensvorstellungen, die so tief verwurzelt sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass sie falsch sein könnten. Um herauszufinden, woran ich selbst glaube, lese ich meine eigenen Romane und Erzählungen. Manchmal stoße ich in meinen älteren Werken auf Dinge, die nicht mehr wahr klingen, und stelle fest, dass sich meine Glaubensvorstellung im Laufe der Zeit verändert haben müssen.

Kempen: Aber Ihre Homecoming-Saga ist eine Neuerzählung des Buchs Mormon.

Card: So habe ich das auch meinem Verlag verkauft. Ich habe ihnen eine Science-Fiction-Version des Buches Mormon angeboten, und sie fanden, dass das eine großartige Idee sei. Der Verlag wollte das auch auf dem Buchcover erwähnen, aber ich habe sie gebeten, das sein zu lassen. Es gibt viele Menschen in den USA, die Mormonen hassen, und noch mehr Menschen hassen Religionen allgemein. Es ging nicht darum, den Lesern den mormonischen Glauben nahe zu bringen, sondern darum, eine kraftvolle Space Opera zu erzählen. Ich habe nur den Ozean gegen das Weltall ausgetauscht.

Kempen: Sie sind in Deutschland als Science-Fiction-Autor bekannt, aber Sie haben auch Theaterstücke, Hörspiele, ein Musical und einen Gedichtband geschrieben. Sehen Sie sich selbst mehr als Science-Fiction-Autor, der auch Mainstream schreibt, oder als Mainstream-Autor, der Science Fiction schreibt?

Card: Eigentlich bin ich ein Schauspieler, der nicht talentiert genug ist, um Arbeit zu bekommen. Beim Schreiben sehe ich mich als Schauspieler, der anderen Leuten eine Geschichte erzählt. In den Alvin-Maker-Romanen habe ich die Figuren zum Beispiel in Dialekten sprechen lassen. Als ich die Bücher geschrieben habe, kam es vor, dass ich im Dialekt einer Romanfigur gesprochen habe, wenn ich ans Telefon gegangen bin. Meine Geschichten finden in meiner Vorstellung als Dialog statt. Auch meine Lyrik ist die Stimme einer Figur, die diesen Text spricht.
   Die einfachste Antwort auf Ihre Frage ist: Ich schreibe für das Publikum. Science Fiction hat ein wunderbares Publikum und bietet eine Reihe von kraftvollen Werkzeugen für einen Erzähler. Wenn ich eine Geschichte habe, die sich am besten für ein SF-Publikum eignet, dann nutze ich die Werkzeuge der Science Fiction. Viele Leute sagen, dass ich Science Fiction für Leute schreibe, die glauben, keine Science Fiction zu mögen. Vielleicht ist meine Arbeit für viele Leser eine Brücke, um zur Science Fiction zu finden. Wenn ich für ein Mainstream-Publikum schreibe, fällt es mir manchmal schwer, nicht die Werkzeuge der Science Fiction benutzen zu können. Es ist manchmal so, als hätte man einen großen Betonblock, und man weiß, wo der Vorschlaghammer ist, aber man muss trotzdem mit einem Skalpell arbeiten.

Kempen: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Science Fiction und Mainstream-Literatur?

Card: Die Leser. Die Leserschaft der Science Fiction ist die beste der Welt. Das ist keine Schmeichelei; es gibt Studien, in denen festgestellt wurde, dass Science-Fiction-Leser ein überdurchschnittlich intelligentes Publikum sind. Das Beste an ihnen ist jedoch, dass sie offen für neue Erfahrungen sind. Ich habe einen Abschluss in englischer Literatur, musste aber immer wieder feststellen, dass die Literaturwissenschaftler und die Leserschaft der gehobenen Literatur über ein sehr eingeschränktes Vorstellungsvermögen verfügen. Sie sind sehr stolz darauf, experimentell zu sein, aber sie mögen nur Experimente, die bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren durchgeführt wurden. Sie sind Revolutionäre, wie auch Breschnew ein Revolutionär war. Alte Revolutionäre sind natürlich keine Revolutionäre mehr. Glücklicherweise ist dies das Beste, was der Science Fiction passieren konnte. Die Science Fiction war die literarische Revolution nach der Moderne. Der literarische Mainstream hat die Science Fiction so sehr verachtet, dass er überhaupt nicht mitbekommen hat, dass eine Revolution stattgefunden hat – und dass wir gewonnen haben. Ihre Literatur wird nur von wenigen gelesen und von noch weniger Leuten verstanden. Die Science-Fiction-Revolution hat die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit verändert. Science Fiction wurde immer nur freiwillig gelesen. Inzwischen stimmt das allerdings nicht mehr. In Tausenden von Lehreinrichtungen in den USA werden Schüler gezwungen, meine Bücher zu lesen. Das ist zwar gut für mein Bankkonto, aber ich bin mir nicht sicher, ob es für die Science Fiction gut ist. Ich vermute, dass die Science Fiction inzwischen alles Wichtige geleistet hat, zu dem sie in der Lage ist. Vielleicht sollten wir nach der nächsten Revolution Ausschau halten. Vielleicht sind das diese dicken Fantasy-Romane, vielleicht auch Computerspiele.

Kempen: Wie ist Ihr Verhältnis zum Science-Fiction-Fandom?

Card: Dass es ein SF-Fandom gibt, habe ich erst nach der Veröffentlichung meiner ersten Erzählungen herausgefunden. Ich wusste, dass es eine Science-Fiction-Convention gibt, bei der die Hugo Awards verliehen werden, aber ich dachte, dass man dazu eingeladen werden muss. Nachdem ich wusste, dass das Fandom existiert, habe ich eine Zeit lang Conventions besucht. Für rund fünf Jahre war ich im Süden der USA auf Conventions unterwegs und habe Vorträge über die Wiedererweckung des sekulären Humanismus gehalten. Das ist so etwas wie ein religiöses Treffen für Atheisten. Im amerikanischen Süden sind die Fans durchaus mit den Baptist Revival Meetings vertraut. Also habe ich mich vor das Publikum gestellt und gepredigt, und das Amen und das Hallelujah kam sofort zurück. Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass das Publikum immer aus dem gleichen Leuten bestand, die nur von einem Motel zum nächsten zogen. Ich hatte also immer wieder die gleichen Gespräche mit den gleichen Autoren vor dem gleichen Publikum. Ich gelangte zur Einsicht, dass ich meine Zeit sinnvoller damit verbringen könnte, zu schreiben oder Fernsehen zu schauen.
   Wenn ich einen Roman schreibe, muss ich mehrere Monate ohne Unterbrechungen arbeiten können. Die Teilnahme an einer Convention erwischt mich dann oft mitten in einem Projekt. So wie diese hier in Leipzig. Ich schreibe im Moment gerade unter großem Termindruck an einem Roman, und weil ich hierher gekommen bin, wird es wohl noch ein paar Wochen länger dauern, bis das Buch fertig ist. Also besuche ich nur noch Conventions, auf denen ich noch nie war. So kann ich etwas über Leser erfahren, denen ich vorher noch nie begegnet bin. Und ich kann die Geduld der Menschen, deren Sprache ich nicht spreche, auf die Probe stellen. Außer Englisch spreche ich noch Portugiesisch, aber zum Beispiel in Brasilien gibt es nicht so viele Science-Fiction-Leser.

Kempen: Sie haben 1977 Ihre erste Geschichte veröffentlicht. Das ist ziemlich lange her. Wie hat sich die SF-Landschaft inzwischen verändert?

Card: Die Verlage haben viel mehr meiner Bücher veröffentlicht. Als ich angefangen habe, gab es die großen alten Autoren noch, und sie haben auch noch veröffentlicht. Während Robert Heinlein seine besten Werke bereits hinter sich hatte, wurde Isaac Asimov immer besser. Ich habe kürzlich Ich, der Roboter noch einmal gelesen und festgestellt, dass einige der Geschichten ziemlich schlecht waren. Wobei sie nur dann schlecht sind, wenn man bedenkt, dass sich die Science Fiction inzwischen weiterentwickelt hat. Diese Weiterentwicklung war allerdings nur möglich, weil es Autoren wie Isaac Asimov gab. Es muss auch für die alten Autoren großartig gewesen sein, zu sehen, wie sie die Science Fiction verändert haben und wie junge Autoren von ihnen gelernt haben. Aber wenn ich mich heute in der Science Fiction umsehe, kann ich keinen jungen Autor finden, der auch nur im Geringsten von mir beeinflusst worden wäre. Das liegt vielleicht daran, dass sich das Genre zu dem Zeitpunkt, als ich angefangen habe, bereits ein gewisses Niveau erreicht hatte.
   Cyberpunk war die einzige Bewegung in der Science Fiction, die von manchen Leuten für neu gehalten wurde. Allerdings sind die Ideen von Bruce Sterling in der Cyberpunkbewegung selbst gar nicht umgesetzt worden. Ich empfand Cyberpunk vergleichsweise steril. Die ganze Bewegung bestand nur aus Autoren, die William Gibson nachgeahmt haben. Bruce Sterling hatte gefordert, dass neue Welten geschaffen werden, aber das ist nicht geschehen. Stattdessen haben sich die Autoren gegenseitig nachgeahmt. Den Autoren, die tatsächlich neue Welten erfunden haben, wurde keine Beachtung geschenkt, weil sie keine Cyberpunks waren. Ich halte Cyberpunk für eine Sackgasse innerhalb der Science Fiction, die die Weiterentwicklung gebremst hat. Das hätte nicht passieren können, wenn sich die Science Fiction noch in ihrer Jugendphase befunden hätte. Science Fiction ist heute eine erwachsene Literatur, deren Handwerkszeug umfassend genutzt wird. Es gibt immer weniger Gründe, Science Fiction als eine separate Literaturgattung zu betrachten. Das Handwerkszeug der Science Fiction sollte auch allen anderen Autoren zur Verfügung stehen. Und tatsächlich werden die Motive und das Handwerkszeug der SF regelmäßig von literarischen Autoren genutzt. Die gleichen Autoren blicken trotzdem auf die Science Fiction herab und betrachten sie als etwas Unwürdiges. Aber das macht nichts, weil sie eigentlich Star Trek meinen, und da haben sie Recht. Die Tatsache, dass sie das Handwerkszeug der SF benutzen, zeigt aber, dass die Revolution der Science Fiction Erfolg hatte. In zwanzig Jahren wird das auch allgemein anerkannt sein, und zwar dann, wenn all die Schüler, die in der siebten Klasse Ender's Game (dt. Das große Spiel) lesen mussten, selbst Literaturprofessoren sind. In diesem Sinne sind meine Bücher Propaganda für die literarische Revolution. Na gut, das war ein Witz ...

Kempen: Dass Orson Scott Card sehr etabliert ist, merkt man auch daran, dass Warner Brothers die Filmrechte an Ender's Game gekauft hat und Wolfgang Petersen Regie führen soll. Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten? Und warum wurde das Buch nicht schon viel früher verfilmt?

Card: Wir leben in einer Welt, in der Film die wichtigste Kunstform ist. Das liegt nicht daran, dass es die beste Form ist, eine Geschichte zu erzählen, sondern weil man dadurch am leichtesten Zugang erhält. Sobald man ein Buch schreibt, das den Leuten gefällt, dann sagen sie: He, das muss man verfilmen! Aber niemand sagt: Großartiger Film, da muss man unbedingt ein episches Gedicht draus machen! Ich gebe zu, dass mir dieser Gedanke gekommen ist, als ich Troja gesehen habe. Filme sind kurz. Das Frustrierende daran ist, dass man Ender's Game einfach nicht angemessen verfilmen kann. Es liegt nicht nur daran, dass man drei Viertel des Buches weglassen muss. In erster Linie liegt es daran, dass die Geschichte fast ausschließlich in Enders Kopf spielt. Das ist die große Stärke von Romanen, aber andere Erzählformen können das nicht leisten. Im Film sieht man immer nur die Oberfläche, was die Figuren tun oder sagen. Es sei denn, man nutzt im Film das furchtbare Mittel des voice over, also eine Stimme aus dem Hintergrund, die erzählt, was die Figuren denken. Mein großer Alptraum wäre, dass Ender durch den Korridor der Schule läuft und der Zuschauer eine Stimme hört, die sagt: »Was Peter wohl jetzt gerade tut?« Das ist der Hauptgrund, warum Ender's Game bisher noch nicht verfilmt wurde. Wenn man nicht weiß, was Ender denkt, ist er eigentlich nur ein böser, gewalttätiger kleiner Junge.
   Mein Roman Ender's Shadow zeigte mir die Möglichkeit, wie es doch funktionieren könnte, weil die Geschichte hier aus einem anderen Blickwinkel erzählt wird. Die neue Idee war, die beiden Bücher zu kombinieren und die Beziehung zwischen Ender und Bean zu erzählen. So wird es zu einem Film über zwei dicke Kumpel, etwa so wie Nur 48 Stunden. Dadurch wird Ender wieder sympathisch.
   Es gibt jetzt auch endlich Drehbücher, in denen Gefühl zum Tragen kommt. Die Harry-Potter-Bücher waren so erfolgreich und wurden von so vielen Leuten gelesen, dass man daraus zwei völlig seelenlose Filme gemacht hat, die trotzdem erfolgreich waren. Erst im dritten Harry-Potter-Film hat man verstanden, wie finster die Geschichte im Kern eigentlich ist. Ender's Game ist leider nicht ganz so populär, also werden wir nicht die Gelegenheit erhalten, drei Filme zu drehen, bis es klappt. Es muss beim ersten Mal gelingen. Mit Wolfgang Petersen stehen die Chancen ziemlich gut, dass es funktioniert. Nicht nur, weil er ein guter Regisseur ist, sondern weil er den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Drehbuch kennt. Und er wird den Film erst dann drehen, wenn es ein gutes Drehbuch gibt. Die Hollywood-Produzenten hätten aus Ender's Game gerne eine Liebesgeschichte mit Sechszehnjährigen machen.

Kempen: Im November 2004 erscheint endlich wieder ein Buch von Ihnen auf Deutsch, nämlich Ender's Shadow (dt. Enders Schatten), Ihre erste deutsche Veröffentlichung seit 1998. Können Sie den deutschen Lesern einen kleinen Überblick über die weiteren Bände aus diesem literarischen Universum geben?

Card: Ender's Shadow ist ein Parallelroman zu Ender's Game, auch wenn das eigentlich nicht so geplant war. Ursprünglich wollte ich in zwei oder drei Kapiteln die Ereignisse in der Akademie erzählen und dann die Handlung ganz anders fortsetzen. Doch dann habe ich mich in einige der Nebenfiguren der Geschichte verliebt, und das Buch wurde immer dicker.
   Wenn ich in diesem Herbst den Roman Shadow of the Giant beendet habe, sind alle Geschichten zu Ende erzählt, die aus dem ersten Buch entstanden sind. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich glaube, dass ich meine Lesern in den letzten fünfzehn Jahren betrogen habe. Ender's Game war nie als Buch für junge Leser geplant. Aber Teenager und noch Jüngere haben es gerne gelesen. Als sie dann Speaker for the Dead (dt. Sprecher für die Toten) angefangen haben, mussten sie feststellen, dass es eine ganz andere Art von Science Fiction ist, und waren sehr erbost. Sie fragten, was mit den ganzen Kindern im Weltraum passiert ist. Ich habe also die Shadow-Bücher geschrieben, um zu erzählen, was aus den Kindern geworden ist, nachdem der Krieg vorbei war. Das gab mir die Möglichkeit, etwas zu tun, was in der Science Fiction nur ungenügend getan wird, nämlich mit der Geschichte unterschiedlicher Länder in einer realistischen Weise umzugehen.
   Ein schlechtes Klischee in der Science Fiction ist, dass es bei jeder großen wissenschaftlichen Entdeckung sofort zu einer Revolte auf den Straßen kommt. Ich hätte gern einen Dollar für jede Geschichte, die dieses Klischee benutzt hat. Mit dem Geld hätte ich leicht die Reise hierher bezahlen können. Die meisten SF-Autoren sind mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund zur Science Fiction gekommen. Nur wenige haben Geschichte studiert. Mich interessieren die Naturwissenschaften nicht besonders, und ich glaube, das merkt man meinen Geschichten auch an. Vielmehr möchte ich wissen, was Menschen und menschliche Gemeinschaften bewegt. Und ich möchte in meinen Romanen ausloten, wie der Einzelne und die Gesellschaft interagieren. Wenn ich in den Shadow-Büchern eine Zukunftsgeschichte entwerfe, geht es mir nicht darum, tatsächlich die Zukunft vorauszusagen. Stattdessen möchte ich zeigen, wie es zum Krieg zwischen verschiedenen Nationen kommt, nämlich meist aus ziemlich dummen, zeitlich und räumlich begrenzten Gründen. Und manchmal können Einzelne daran auch nichts ändern.
   Den Unterschied kann man in der Entstehung des Römischen Imperiums und des viel kurzlebigeren Imperiums von Alexander sehen. Ohne Alexander hätte es sein Reich überhaupt nicht gegeben. Während das Römische Imperium wie eine unaufhaltsame Welle gewesen erscheint, trotz der Dummheit und Banalität Dutzender großer römischer Anführer. Es ist ihnen trotzdem irgendwie gelungen, die ganze damals bekannte Welt zu erobern.
   Ich denke, dass die nordamerikanische Geschichte das nachbildet: Einer Nation, die von den wählbarsten Leuten angeführt wird, ist es gelungen, die Welt zu dominieren. Das ist fast unerklärlich, und doch ist es passiert. Ich denke, damit ist es bald vorbei, aber das gehört nicht hierher. Meine Leser haben mich gefragt, warum die USA in den Shadow-Büchern keine große Rolle spielt. Meine Antwort lautet, dass ich genauso wie andere Leute eine demografische Tabelle lesen kann. Man kann daran ablesen, wann eine Nation beschlossen hat auszusterben. Man kann die Zukunft einer Nation auch an ihren Geschichten beurteilen. Die intensivsten Reaktionen folgen auf Geschichten, die erzählen, wie böse die Amerikaner eigentlich sind. Ich glaube, dass die USA auf einen neuen Isolationismus zusteuert, ganz gleich, wer in diesem Herbst die Wahl gewinnt. Wir müssen abwarten, wer dieses Machtvakuum ausfüllen wird. Wenn die Amerikaner zu Hause bleiben, in was für einer Welt werden wir dann leben? Das ist etwas, das ich in meiner Buchserie ausführe.

Kempen: Woran arbeiten Sie derzeit?

Card: Als Nächstes werde ich Shadow of the Giant beenden. Das letzte Buch, das ich bereits fertig gestellt habe, ist der dritte Band der Women of Genesis. Die Bücher dieser Serie werden als religiöse Romane vermarktet, obwohl es eigentlich historische Romane sind. Ich konzentriere mich darin auf die Frauen der Geschichte, Sarah, Rebekah, Rachel und Leah. Die Leser müssen nicht für sich entscheiden, ob es die Propheten des Alten Testaments tatsächlich gab, sondern können sich deren familiären Verhältnissen widmen.
   Der Roman, für den ich jetzt die Arbeit unterbrechen musste, heißt Magic Street, einezeitgenössischer phantastischer Roman, der in Los Angeles spielt und in dem ein Viertel, in dem hauptsächlich Farbige aus der Mittelklasse wohnen, von einem bösartigen Zauber heimgesucht wird.

Kempen: Vielen Dank für das Gespräch.

• Gesprächsleitung: Bernhard Kempen
Live-Übersetzung: Hannes Riffel
Transkription: Hardy Kettlitz & Bernhard Kempen


Foto: Siegfried Breuer


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21.05.06 • 10.06.06