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| ALIEN CONTACT 59 |
| Science Fiction > Alien Contact |
| Am 1. Februar 2004
hielt Dietmar Dath im Rahmen der Transmediale 04 und der Diskursreihe Dont
Panic einen Vortrag mit dem Titel »Zufällig wahr Beweisen und Erzählen«.
Darin war einiges zu erfahren über Nanotechnologie, die neue/alte Armut in den
Industriezentren und über den Zusammenhang von Hightech, Zukunftsspinnerei und
gesellschaftlichen Konflikten Themen, die nicht zuletzt auch für Science-Fiction-Leser relevant sind.
ALIEN CONTACT dokumentiert den Vortrag in einer vom Autor
leicht übearbeiteten Fassung. [NB: Der Text ist die mit lockerer Hand überarbeitete Fassung von eher groben Vortragsnotizen und sein »Fluss« sit venia verbo passt sich daher, im Guten wie im Bösen, dem der mündlichen Rede an. Akademische Ärmelschoner wurden nicht angelegt, die genauere Ausarbeitung der hier angerissenen Ideen wird in anderen Arbeiten des Verfassers geleistet (werden)]. |
![]() Dietmar Dath Foto: Verbrecher Verlag |
| 1. Ich arbeite derzeit vorwiegend an einem Ort, an dem man sich nach Kräften Verdienste erworben hat um das ganze klatschnasse und brandheiße Zukunftsbrimborium, das wir alle so lieben: Seitenweise Gensequenzen sind abgedruckt worden in dieser Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ganze Hirnatlanten voller Schädelbilder, und natürlich wurde auch die, nennen wir es mal großspurig und ein bisschen käsig: deutsche Nanodebatte dort eröffnet, soll heißen ein bisschen Wahnsinn von Ray Kurzweil und Bill Joy wurde publiziert, in dem es füglich um all die ernsten Sachen ging, die der Star Trek-Next Generation-Freund mit Recht einen alten Schrabbelhut finden darf, von wegen »die Macht der Naniten«. Nanotechnologie: eine ganz heikle Dose voll Würmer, wie die Engländer sagen. Barbara Kirchner und ich haben 1994 einen der wahrscheinlich ersten Nanotech-Artikel in der deutschen Publikumspresse veröffentlicht. Der hieß, frei nach dem Brockes-Radioessay von Arno Schmidt, »Nichts ist uns zu klein« bevor man uns jetzt Weihrauch dafür verbrennt und kleine Tiere mit Fell und großen feuchten Augen opfert, ziemt es sich allerdings, darauf hinzuweisen, dass die ganze Nano-Idee selber sehr, sehr, sehr viel älter ist, als die meisten glauben, die so cirka Anfang/Mitte der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts das erste Mal von ihr gehört haben. Und zwar nicht nur prinzipiell (da kann man sich aussuchen, wen man verantwortlich machen will Demokrit, Voltaire, Zuse), sondern auch im heute kanonischen, amerikanischen Sinn. Was ist Nanotechnologie? Die »theoretisch angewandte Wissenschaft« (K. Erik Drexler im Standardwerk Nanosystems) meint eine Technik, errichtet auf der Basis von Maschinen in der Größenordnung eines Milliardstel Meters, 10 9 Meter, deshalb die Vorsilbe, denn 10 9 m sind ein Nanometer. Es gab da einen Vortrag des Physiknobelpreisträgers und, neben Julian Schwinger, Miterfinders der Quantenelektrodynamik, also grob gesagt der Theorie der Interaktion zwischen Licht und Materie, Richard Feynman. Dieser Vortrag stammt aus dem Jahr 1960 und heißt.: »Theres Plenty of Room at the Bottom«: Da unten ist noch viel Platz. Darin ging es darum, dass man im genannten Winzbereich doch eine neue Technik basteln könnte, die dann vor allem in Gestalt der Mikrosystemtechnik Gestalt annahm, als der Wettlauf, immer kleinere Rechnerelemente zu bauen, mit immer höherer Packungsdichte, in Gang gekommen war von oben nach unten ging das also, vom Großen zum Kleineren zum Kleinen zum Kleinsten. Dann hatte ein Mensch namens K. Eric Drexler in den Siebzigern eine andere Idee: Was wäre, wenn man das Projekt einer molekularen Nanotechnologie, einer Technik, deren Bausteine buchstäblich dieselben sind wie die kleinsten der Chemie, eben Moleküle, nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben denkt also bottom-up, wie Drexler sagt, statt top-down. Wenn man sich überlegt, dass alle bisherigen Technologien sozusagen grobe Keile für noch gröbere Klötze waren, »bulk technology«, wie er das nennt, nämlich in dem Buch, das die ganze Sache dann richtig in die Gänge gebracht hat Engines of Creation, dann könnte man das ja mal umkehren wollen. In jenem Buch also geht es um die Vorstellung kleiner, zu nahezu beliebigen Zwecken einsetzbarer Fabrikationseinheiten auf molekularem Level, einer richtigen, wie Barbara das dann taufte, Nanofaktur , die es dann erlaubt, Sachen zusammenzusetzen diese nennt Drexler »molecular assemblers«, wie bei der »assembly line« des Fordismus, dem Fließband oder wieder auseinander zu bauen »disassemblers« . Damit würden sich zum Beispiel Ölpfützen beseitigen lassen, indem disassembler die giftigen Moleküle auseinander brechen, oder man könnte Fett aus Blutgefäßen kratzen, oder die assembler könnten sich zu supereffektiven, superschnellen Rechnern für die Hosentasche konfigurieren oder die Toten wieder zum Leben erwecken oder ... na, wie sagt Anya bei Buffy the Vampire Slayer: »And then theres the apocalypse and the raising of the dead and the blah blah blah blah blah ...« Schön. All das hat nun Drexler schon 1980 in einem Aufsatz für die Proceedings of the National Academy of Sciences der USA dargelegt, der »Molecular Engineering« hieß die Proceedings sind allerdings eine Insiderquelle, interessant also wurde es erst, als er die assembler-disassembler-Idee mit Engines of Creation der Titel müsste verdeutscht ungefähr lauten: Motoren der Schöpfung einem breiten, einem popular-science-Publikum vorgestellt hat, und dieses Buch, mit einem Vorwort des MIT-Computergurus Marvin Minsky, erschien 1986. Danach haben Drexler, der bald ein so genanntes Foresight Institute mitveranstaltete sowie eine ganze Reihe anderer Bücher geschrieben hat, darunter das erste echte physiko-chemische ernsthafte Lehrbuch zum Thema mit dem Titel Nanosystems (1992), zur Sache veröffentlichte, sowie vor allem auch sein Freund Ralph Merkle von Xerox ein Foto eines Nano-Kugellagers, unter anderem von diesem Merkle signiert, hängt im Büro meines Herausgebers energisch die Trommel für diese ja auch wirklich gute, energiesparende, fortschrittliche, lebenserleichternde, vielleicht auch ein bisschen gefährliche, aber doch jedenfalls erkundenswerte Idee gerührt. So. Hunderttausend Jahre später, nämlich 1994, erschien dann also Barbaras und mein kleiner Artikel in der schönen Zeitschrift Konkret, die sich ja immer für das Neueste und Kritische und Halbverschimmelte interessiert, und dieser Artikel nun handelte unter anderem davon, dass im Kapitalismus, wie in allen privatrechtlichen Gesellschaften sei das Privatrecht nun eins an Boden, Sklaven oder Fabriken , eben genau NICHT passiert, was primitive und naive Futurologen immer für das Automatischste von der Welt halten: Die Technik wird NICHT in dem Maße eingesetzt, das möglich ist, NICHT alles, was man machen kann, wird auch tatsächlich gemacht, weil dafür die gesellschaftlichen Beschlüsse, seltener: die Ressourcen fehlen. Übrigens können auch Ressourcen was gesellschaftliches sein, sie müssen nämlich erarbeitet werden. Eine gescheite bemannte Marsexpedition wäre 1986 nicht unmöglich gewesen, die Leute könnten längst Elektro-Autos fahren, in Japan hat man in alter Zeit, frühe Neuzeit um genau zu sein, siebzehntes Jahrhundert, auch mal das Pulver gehabt und wieder abgeschafft, soll heißen, keine Feuerwaffenkriege geführt, bis die Weißen das dann durchgesetzt haben, und übrigens: Der Atomkrieg, toi toi toi, lässt bislang auch auf sich warten. Man sieht: Nicht alles, was geht, passiert zu allen historischen Zeiten und an allen geeigneten Orten auch wirklich. Im Kapitalismus ist das so: Solange sich kein Profit machen lässt, am besten ein ganz schwindelerregend hoher, solange neue Fertigungstechniken, weil man sie erst anschaffen muss, teurer kommen als der Spaß wert ist vergesst es. Das hat zur Folge, dass der Kapitalismus viel schneller Bedürfnisse produziert als er sie befriedigen kann die spekulative Kunst, vulgo Science Fiction, im Kapitalismus ist immer viel schneller als die echte Lebenserleichterung. Wenn mans konkret haben will, muss man sich mal anschauen, was es vor dreißig Jahren nicht gegeben hat und heute gibt das sind lauter Sachen aus dem Bereich Bedürfnisproduktion, Sehnsuchtsindustrie, Symbol, Kommunikation, Nichthandfestes, vom Internet bis zur DVD also, die Unterhaltungselektronik entwickelt sich rasend schnell, aber den Schnupfen kann man immer noch nicht kurieren. Das liegt nicht an den blöden Wissenschaftlern, das liegt an der Gewinnspanne: Ein Traum ist federleicht, es kostet fast nix, den herzustellen, und alles, worauf man dann noch aufpassen muss, alles, wofür der militärisch-industrielle Entertainment-Komplex dann noch Geld ausgeben muss, ist sein so zusagen abstrakter Werkschutz: die Copyrightpolizei. |
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| 2. Wir, das heißt Barbara und ich, haben also vor 10 Jahren, ohne jede seherische Begabung, prophezeien können, dass die Träume der Nanotechnologie deren mikrosystemtechnischer und chemophysikalischer Umsetzung weit vorausgallopieren werden, und was soll ich sagen: Zwei Beobachtungen, die ich im Folgenden zu referieren wünsche, geben uns aber auch gleich wieder so was von Recht, dass es fast zum Heulen ist. Erstens, die ganz banale, jedermann zugängliche: Wir haben also immer noch keine Ölpestzerleger und Gefäßauskratzer und Luftreiniger und selbstabwaschende Autos, aber dafür kommt in den USA gerade eine sehr interessante, wahrscheinlich, jedenfalls nach erster Inaugenscheinnahme von herumschwirrenden Teasern zu urteilen, ziemlich gute Fernsehserie in die einschlägigen Programme, welche da heißt Jake 2.0 und in der es nun also das erste Mal, soweit ich weiß, in einer Fernsehserie tatsächlich exklusiv und komplett, also nicht nur als ein Seitenaspekt, ein Gag für eine einzelne Folge oder ein bequemes Plot-Instrument, um Nanotech geht. Die Serie ist entwickelt worden u.a. von David Greenwalt, lange Zeit Autor bei Buffy und Miterfinder von Angel, ein von Kritikern allerwege und zurecht gelobter Mensch. Die Hauptrolle, eben den verbesserten Jake, spielt der bislang unbekannte, aber recht niedliche Christopher Gorham, und es ist, abgesehen vom Nanopunkt, die alte Spider-Man-Geschichte, die wir da erleben: Der Junge ist ein Computerwizard und soll eines Tages in einem topgeheimen Regierungsforschungslabor, wahrscheinlich militär-affiliiert, einen Server in Ordnung bringen. Bloß passiert ein Unfall, und topavancierte Nanobots gelangen in seinen Körper, seinen Blutkreislauf, seine Nerven, sein, sagen wir doch: System. Ab da hat ers so was von drauf, aber hallo: stählerne Muskeln, heilt alles schnell wie nix wenn verwundet, kann mit jeder Art elektronischem Equipment kommunizieren wie weiland Doktor Doolittle mit den Tieren ... also, schon geil. Das Fernsehen ist wieder mal schneller als die Welt, aber dafür hat mans ja. Nun zum anderen, zum zweiten späten Beleg unserer damaligen These. Er ist etwas weniger allgemeinzugänglich Fernsehen hat jeder, die Quelle, die jetzt kommt, nicht aber dafür von hohem symptomologischem Wert: Neulich habe ich bei mir im Büro, also an dem Ort, der wie schon gesagt diesen ganzen Zukunftskram wie wenige andere Mainstream-Orte zulässt und fördert, etwas ganz Massives und Staunenswertes erlebt mir ist der erste Mensch mit ausgewachsener Nanopsychose begegnet, ein Mensch, bei dem die Hoffnung auf kleinste Maschinen, die alles können, die Wirklichkeitserfassung an den äußersten Rand des Bewusstseins gedrückt hat, einen Typen, der vor lauter Wissen und Ahnen, wie es morgen wird, auf zauberhafte Weise vollkommen verrückt geworden ist. Sympathisch, könnte man meinen, und natürlich auf jeden Fall wertvoller als irgend so ein Tatsachenmitläufer, aber, will mal so sagen: die Science-Fiction-Adressatengruppe zerfällt wie jedes Publikum für Kunst, solange wir in einer privatrechtlichen Gesellschaft leben, in eine linke und eine rechte Hälfte. Linke Spinner interessieren sich, wenn sies denn tun, für die positiven und negativen Entwürfe der SF, weil sie ohnehin eine spekulative Neurose haben Linkssein heißt ja: nicht glauben, dass das, was ist, schon alles sein kann. Weil sie also bestimmte Szenarien tatsächlich umsetzen oder verhindern wollen, setzen sie die von SF und verwandten Genres angebotenen Szenarien, und sei es nur in Form von Enthusiasmus und dem Willen, sich die Zukunft nicht aus der Hand nehmen zu lassen, zum eigenen echten Leben in Beziehung. Rechte Spinner, mit dem Bestehenden einverstanden und allenfalls noch an seiner Verschärfung in Richtung institutionalisierte soziale Heteronomie interessiert, verzichten dagegen gern auf diese Beziehung, soweit sie nicht reaktionäre libertarische, rassistische oder eugenische Topien (wieso eigentlich immer »U-«? Ayn Rand benennt doch ihren Schauplatz, Amerika, genauso klar wie Heinlein oder Kim Stanley Robinson die ihren) als Bastelanleitungen der besagten Verschärfung empfehlen, und lassen lieber entweder der harmlose Fall das echte Leben gleich ganz bleiben, um lieber Kampfpilot im eigenen Jungszimmer zu werden, oder entwickeln der eklige Fall einen ganz abscheulichen eskapistischen Zynismus, der sich am besten mit der Formulierung »ich bin erleuchtet, was kümmern mich die Verletzten und sonstigen nicht Versicherten« umschreiben lässt. In diese zweite Gruppe, nur unglaublich gesteigert, also so, dass einem wirklich das Maul offen steht vor Staunen über eine so majestätische Macke, fällt nun allerdings mein putziger Irrer. Es ging nämlich um Folgendes: Wie viele technikbegeisterte Reaktionäre ich glaube, das ist ein sehr süddeutsches Phänomen, diese Bio-Valleys und so weiter, wie es in Amerika ein kalifornisches ist: Landstriche mit mildem Klima und vielen Selbständigen, mittelständischen Betrieben, bringen dergleichen eben hervor; in Norddeutschland gibt es eher den Großbauernhof, die Riesenfabrik, den Knecht, den Industriearbeiter, Ruhrpott, Berliner AEG und so weiter ... na gut, also: Wie viele technophile Neoliberale war mein Kollege ganz der Meinung, Roland Koch habe Recht, wenn er sagt, wir müssen aus Standortgründen noch viel weiter gehen, als der irrste Berater dieser wilden Schröderreformer will, wir müssen noch die letzten Lohnnebenkostenbrandherde löschen, sonst fressen uns die Lohnabhängigen und ihre Gewerkschaften mit ihren goldenen Löffeln die sinkende Profitrate komplett weg, dann ist Asche, dann geht das Kapital hin und baut seine Fabriken im ehemaligen Ostblock oder wo immer sonst die Leute froh sind, wenn sie für Manchesterlöhne irgendeine Scheiße zusammenstöpseln dürfen. Und da sage ich, wie er mir das so vorbetet, irgendwann, mehr aus der Absicht heraus, diesen Menschen ein bisschen zu ärgern, nicht weil ich wirklich so ein blauäugiges Lebewesen wäre, das etwa noch an die Gewerkschaften glauben würde: Na, ob sich die Lohnabhängigen das gefallen lassen, das weiß ich ja nun nicht. Und da sagt der zu mir: ach, Lohnabhängige, Industriearbeiter, das gibt es doch gar nicht mehr. Das machen doch demnächst alles diese kleinen Maschinen. Hoppla! Wusste ich nicht, aber man lernt ja nie aus. |
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| 3. Im Ernst: Natürlich hat dieses Phänomen, dem ich da begegnet bin, nicht nur ideologische, sondern ganz praktisch soziale Gründe. Da, wo sich dieser Typ bewegt, da kommen diese Leute, die es für ihn nicht gibt, ja wirklich nicht vor. Mir ist etwas Ahnliches schon mal passiert, als ich einen anderen Kollegen mal hart angegangen bin, weil der irgendwo geschrieben hatte, es sei doch ein Mumpitz, heute von Armut zu sprechen, es gäbe doch in Deutschland nichts dergleichen, das sei eine, ah, so schönes Deutsch schreibt man bei der FAZ: eine Mär. Nun ja, der Mann kauft eben nicht im Penny-Markt ein und hat noch nicht, wie meine welterfahrene Wenigkeit, nachts im Krankenhaus Schicht geschoben, um dort dann erleben zu dürfen, was so alles für Menschen eingeliefert werden, und U-Bahn fährt er nach zwanzig Uhr offenbar auch nicht. Nun ist er aber immerhin studierter Volkswirtschaftler und deshalb nicht verrückt genug, an kleine graue Nanomaschinen zu glauben er denkt, das von ihm, äh, sagen wir es höflich: scheinbar oder vermeintlich beobachtete Verschwinden der Armen habe statt, wie in seinem Gesichtskreis in Wirklichkeit der Fall, mit den Mietpolizisten in den neuen Innenstädten wohl mit der neuen Dienstleistungsgesellschaft zu tun, sprich, er bildet sich ein, diese ganzen Omas, die sich jetzt keine Hallenbadjahreskarte mehr kaufen können wegen der schweinischen Praxisgebühr beim Arzt, die können ja alle ins Call-Center arbeiten gehen, Telefonsex oder was weiß ich, und die Obdachlosen in der U-Bahn, die werden alle Webdesigner, na und so weiter, and the blah blah blah blah blah. Aber dieses interessantere Exemplar, dieser Typ mit den kleinen Maschinen: Da darf man schon mal staunen. Was glaubt er, wer ihm die matt glänzenden grauen Klamotten macht? Die Schuhe? Das Auto, in dessen Sessel er furzt, auf dem Weg zur Opernpremiere? Soweit haben wirs gebracht, denn das glaubt die Info-Elite: Die Technik nährt sich selbst, die feinen Tuche werden von nanitischen Designer-Raupen gesponnen, der Herr da isst bald auch keine nouvelle cuisine mehr, kein Mandelhuhn mit Honig, der isst bald Astronautenpaste aus der Tube, der befindet sich längst im Orbit. Warum sage ich: weit gebracht? Weil ich mich dem erstaunlichen Befund, dass da der Kopf die Hand nicht mehr vor Augen sieht, noch von einer andern Seite her kurz mal nähern will: der historischen. Wenn man sich ein Buch wie Harte Zeiten von Charles Dickens anguckt, oder die Texte von Elisabeth Gaskell, also Sachen aus der Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts, so cirka bis kurz nach der so genannten industriellen Revolution, dann wird man feststellen: da lebt die ganze künstlerische, romanhafte, erzählende Auseinandersetzung mit dem, was damals die Lage der arbeitenden Klasse war, bis hin zu ihrem elenden Rand, der damaligen »neuen Armut«, vulgo: des so genannten Pauperismus, von so irren Gegenüberstellungs-Szenen wie da der Arbeiter beim Eisenbaron oder Webstuhlherrn vorspricht und mit ihm dramaturgisch konfrontiert wird, wie da Welten aufeinander prallen, und zwar nah, direkt, persönlich, da wird dann die Begegnung abgemolken, da fließt Pathos eimerweise, aufrechte Seele gegen pompösen, dröhnenden neureichen Arsch und so weiter; das zieht sich als episch-dramatische Konvention dann durch den ganzen Realismus, Naturalismus, Hauptmanns Weber oder Hannele, selbst noch frühe expressionistische Sachen, Wedekind, auch Brecht noch. Die Klassen stehen einander da wirklich noch persönlich gegenüber und da muss man sagen, die Arbeitsteilung ist mittlerweile eben doch sehr weit fortgeschritten, das kann man heute nicht mehr machen, das wirkt gezwungen. Wenn man heute solche Sphären einander konfrontieren will vor paar Jahren gab es mal eine Neuverfilmung von Great Expectations mit Gwyneth Paltrow und Robert De Niro, da hatten sie genau dieses Problem , dann geht das nur noch im Zusammenhang mit Verbrechen, Leidenschaft, mit irrationalen, mit strukturell ZUFÄLLIGEN sozialen Sachen. Nur der Zufall kann die Kluft der Arbeitsteilung, die ja stets noch ausgedehnt wird dadurch, dass ja immer mehr Arbeit wirklich vernichtet wird von der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Produktion, immer mehr so genannte Arbeitsplätze wegfallen, sozusagen arbeitslose Zonen entstehen, Puffer zwischen den Klassen, das ist das ganze Geheimnis der so genannten Dienstleistungsgesellschaft. Wir halten fest: Nur noch durch Zufall, also 1.) bei der Kriminalität, 2. ) beim schattenwirtschaftlich semikriminell deregulierten Kaufen und Verkaufen und 3.) auf dem entsprechend ebenfalls schattenhaften, halbseriösen Markt der Leidenschaften kann überhaupt noch was passieren. Was aber ist das eigentlich für ein Ding, »der Zufall«, um hier mal kurz exakt zu werden? Eine zufällige Zeichenkette, denn um symbolische Dinge, um vermittelten Tausch, geht es ja nun mal bei Kommunikation, auf Märkten, bei Begegnungen zwischen Menschen und Klassen eine zufällige Sequenz ist in der algorithmischen Informationstheorie von Gregory Chaitin streng positivistisch definiert als eine Zeichenkette, die nicht auf eine Generierungsvorschrift reduziert werden kann, aus der sie hervorgeht und die einfacher ist als die Kette selber. Soll heißen: Die Reihe aller geraden Zahlen ist nicht zufällig, denn ich kann etwas einfacheres finden als die Aufzählung 2, 4, 6, 8 die Vorschrift, das Programm: addiere immer 2. Dann muss ich das nicht aufzählen. Aber bei einer beliebigen, bei einer wirklich zufälligen Reihe geht das nicht: die einfachste Regel, das einfachste Programm, mit dem ich diese Reihe produzieren kann, ist sie selber, ich muss die ganze Aufzählung bringen, sie ist nicht reduzibel, nicht komprimierbar. Also noch mal: Zufällig ist etwas, für das es keine Herstellungsvorschrift gibt, die kürzer ist als das Ding selber, keine Anleitung, die eine geringere Programmkomplexität hat. Gut. Und was heißt es also, dass nur noch Zufälle die Leute aus den verschiedenen Sphären des Arbeitens und Nichtarbeitens zusammenführen? Es heißt, dass wir in einer anarchischen, einer ungeplanten, einer ziemlich brutalen und irren Welt leben, wie der Herr Marx das ja auch immer erzählt hat. Nun: Wie finden wir das, finden wir das nicht toll, ist Anarchie nicht was Fantastisches, Freiheit und so fort? Ich möchte mich dazu nicht äußern, Normatives lassen wir an dieser Stelle weg, es geht lediglich, na, sagen wir, um ein paar Impressionen, um ein Bild von Geschichte, von fortschreitender Verzufälligung so genannter sozialer Kohäsion, vom Zerfall der Vergesellschaftung, man könnte auch Zerstörung des Gebrauchswerts dazu sagen, Vernichtung von Sinn, na ja, ob das nun gut oder schlecht ist ... zwei weitere, abschließende, sich ans Gesagte direkt anschließende Impressionen möchte ich hieraus nur rasch entwickeln, damit es etwas anschaulicher wird, denn Zweck der Sache ist ja, dass man das mit nach Hause nehmen und weiterdenken und weiterdiskutieren kann. |
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| 4. Die zwei Impressionen stammen aus zwei der oben genannten Zufallsbereiche, nämlich dem Marktgeschehen und dem Reich der Leidenschaften. Zunächst zum Markt, zum Gebrauchswert, zur Verblödung im Bereich Einzelverkauf. Hier möchte ich kurz ein Phänomen vorstellen, das gerne in rechtsdemagogischer, neoliberaler Weise ausgeschlachtet wird, das man aber auch anders deuten könnte ich skizziere das wie gesagt nur, die Materie ist sehr weitläufig. Es geht um die so genannte Inkompetenz. Man kennt die Beschwerde: allgemeiner Verfall der Fertigkeiten, »Servicewüste Deutschland«, legasthenische Buchhändlerinnen, Zahnärzte, die aus dem Mund riechen, Feuilletonredakteure, die Macbeth für einen Kicker von Arsenal halten und Heerscharen von Pisa-Kindern, deren Idealvorstellung betreffs Geschicklichkeit darin besteht, gleichzeitig ein Computerspiel bewältigen und in der Nase bohren zu können. Begegnet man diesem Befund in Wochenmagazinen, Fernsehsendungen oder Politikerreden, hat er dort meist die Funktion, den Ruf nach Schraubstock und Ochsenziemer oder deren arbeitsrechtlichen Äquivalenten zu begründen: Den Leuten geht's zu gut, der Kündigungsschutz muss weg. In Großbritannien ist jetzt ein Roman erschienen, der den schönen und griffigen Titel Incompetence trägt, Verlagswerbung: »Bad is the new good«. Der Autor, ein Science-Fiction-Schriftsteller namens Rob Grant, malt sich darin eine neue gesamteuropäische Verfassung aus, die eine fatale Klausel enthält: »Niemand darf bei Berufswahl oder Einstellung wegen des Alters, der Rasse, des Geschlechts, des Glaubens oder der Inkompetenz benachteiligt werden.« Das Ergebnis für den Helden, einen Detektiv auf der Jagd nach einem leider höchst kompetenten Mörder, lässt sich leicht ausmalen von drei Polizisten, die völlig nutzlose Protokolle abliefern, heißt es: »Wenn diese Typen die Evangelien geschrieben hätten, würde die gesamte Christenheit heute einen gewissen Arthur Wilbert Christoburger, seines Zeichens einarmiger Albino aus Lettland, anbeten.« Woran der flächendeckende Kompetenzschwund liegt, darüber schweigt Grant sich aus. Dazu aber darf einem ein älterer britischer Gesellschaftsromancier einfallen, den ich schon erwähnt habe: Charles Dickens. Der nämlich hat in zahlreichen Erziehungsfabeln, von Oliver Twist bis Nicholas Nickleby, immer wieder geschildert, dass Gleichgültigkeit und Stumpfsinn Produkte von Gewalt und Drohung sind; unübertrefflich wohl mit jener Szene des David Copperfield, da der Held mühsam Schulaufgaben paukt und dann vor den Augen des Lesers schlagartig verdummt, als ihn der Stiefvater unter Drohungen prüft. Tatsächlich sind sich die sonst unverträglichsten Lerntheorien von Freud bis Pawlow, von Skinner bis Festinger in einem mit Dickens einig: Angst macht blöde. Und so fragt sich denn, was weder begeisterte Eliteschulplaner noch Nostalgiker altlinker antiautoritärer Pädagogik debattieren wollen: ob nicht Erziehung und Ausbildung am Ende eher weniger mit der auffälligen Kompetenzdämmerung zu tun haben, die zunehmende gesamtgesellschaftliche Angst aber recht viel. Wer fürchten muss, dass ihn sein Können weder rettet noch voranbringt, wenn es für den Betrieb eng wird, und wer außerdem weiß, dass er im Erwerbslosigkeitsfall gezwungen werden kann, jede eben noch zumutbare Arbeit anzunehmen, arbeitet eben so, als wäre die tatsächliche Arbeit, die er gerade ausübt, schon jene. Grant hat sich im Genre vergriffen. Das Thema gehört nicht zur Science Fiction, sondern zum Horror. Und damit komme ich jetzt rasch noch zur letzten Impression, damit man sieht, es ist außerhalb des Gebiets von Markt und Labour Relations auch nicht unbedingt Sonntag, also: die letzte Anregung zu eigener sozialpsychologischer Spekulation, vielleicht ja auch zu praktischen Experimenten. Man könnte ja schließlich einwenden, gegen das bisher gesagte, dass es durchaus einen sehr großen positiven Vorrat an Zufällen gibt auf dem Feld, das man vielleicht Romantik nennen möchte. Schöne Leute können ja aus allen Klassen kommen, und wenn der Herr Neureich sein Herz an die tschechische, von Menschenhändlern ins Land geschleuste Prostituierte verliert, dann ist das ein Wunder, welches ... na ja. Aber die Verwissenschaftlichung macht auch vor der Domäne Eros und Sexus nicht halt also, es schreitet nicht nur die Überflüssigmachung von Arbeit und die Verfeinerung der Arbeitsteilung dank wissenschaftlicher Produktionsmethoden voran, sondern auch die Liebe wird erforscht, und zwar sowohl von den Naturwissenschaften und dem ihnen aufhockenden pharmazeutisch-industriellen Komplex wir kriegen ja alle diese schönen Spam-Angebote, Penisvergrößerung, Viagra, und dann gibt es ja schon seit Jahrzehnten, nicht erst neuerdings, und ganz unabhängig von dem, was uns die Genetik und Proteomik noch alles bescheren wird, so fragwürdige Sachen wie die HRT, Hormone Replacement Therapy, wo den armen Frauen gesagt wird: Ihr seid jetzt Vierzig, ihr seid jetzt in der Midlife-Crisis, Wechseljahre, ihr braucht Hormonpräparate, sonst werdet ihr völlig unbrauchbar für die Welt nach der sexuellen Revolution, depressive, neurotische Wracks und so fort ... nein, nicht nur diese ganzen Brave New World-Geschichten, sondern auch die Humanities, die Geistes- und Sozialwissenschaften haben ihren Anteil an dieser Verwissenschaftlichung von Tändelei und Bettgeflüster und ih bäh: Da muss man sich jetzt also erkundigen, wie viele Geschlechter es inzwischen gibt, nämlich nicht nur Sexus, sondern eben auch »Gender« bin ich jetzt ein männlicher Heterosexueller, eine weibliche Heterosexuelle, bin ich lesbisch, ein schwuler Mann, weiblich bisexuell, männlich bisexuell, transsexuell, spansexuell, metrodeprischizopolymorph pervers, was ist hier los, woran liegt das, kann ich das dekonstruieren, muss ich das als Technik des Selbst beim technischen Hilfswerk anmelden, and the blah blah blah blah blah? Tja. Man kann das alles annehmen oder nicht, denn die Abschaffung des Zufalls, seine Ersetzung durch Regeln und Techniken hat wie der Zufall selber zwei Seiten: Planung kann Freiheit herstellen, etwa in dem Sinne: Wenn ich immer vorher weiß und plane, was es zum Nachtisch gibt, habe ich wieder ein paar Gehirnzellen für was anderes frei das war ja der Sinn der allerdings nicht recht erfolgreichen Planwirtschaft. Fürs Nötigste, Wohnung, Essen, Krankenversorgung ist plangemäß gesorgt, jetzt soll sich der sozialistische Mensch allseitig entfalten, also hopp aber es kann natürlich auch nerven, es kann als Entmündigung erlebt werden. Und dagegen wiederum kann man dann nur noch auf dem Zufall, auf der Irreduzibiliät, auf der extremen dezisionistischen Subjektivität rumreiten: In einer der gelungensten Folgen der SF-Serie Farscape verschlägt es die Crew des Raumschiffs Moya auf einen Planeten, wo die genetische Paarungskompatibilität der humanoiden Bewohner durch gemeinsames Schlucken einer Art Partnerbestimmungsflüssigkeit samt anschließendem Kuss ermittelt wird: Wenn es funkt, schmeckt mans. Ein besonders fescher Schnösel macht sich an die Heldin Aeyrn Sun heran, hält ihr eins der Röhrchen mit diesem Zeug hin und setzt sein schönstes »Na, wie wärs mit uns beiden?«-Gesicht auf. Sie schmeißt das Röhrchen in den nahen Fluss und setzt sich als Subjekt ihres Liebeslebens, indem sie ihn zugleich über das entgangene Vergnügen tröstet: Sei nicht traurig, »its not you, its me. I dont like you.« So solls sein. © 2004 Dietmar Dath |
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