Hakim Bey
forderte einmal, man solle an seinem Arbeitsplatz einen Streik organisieren mit der
Begründung, man könne dort nicht sein Verlangen nach Trägheit und spiritueller
Schönheit befriedigen. Nichts hätte Mark in diesem Augenblick lieber getan ...
Wisch das Blut weg!
Der Schock saß tief. Ihm war schlecht, und er wünschte sich, das
ohnehin unzureichende Licht wäre noch schwächer. Die Spannungsschwankungen brachten die
Lampen zum Flackern, manchmal auch kurz zum Aufglühen, als würden sie jeden Moment
durchbrennen.
Ich bin Pilot, verdammt, kein Leichenbestatter; und auch kein
Hausmeister. Obwohl, auf dieser beschissenen Mission war er als Pilot und
als Stationstechniker eingetragen - also doch als eine Art Hausmeister? Aber was hatte
Blut mit Technik zu tun? Scheißdreck, dachte er. Früher waren
Shuttlepiloten noch Helden, heute sind sie nichts anderes als Busfahrer. Er drehte
die Musik auf. Space is the place. Angeekelt wischte er mit einem Lappen über
die Armaturen, verteilte das geronnene Blut aber nur noch mehr, statt es aufzuwischen. Space
is the place. Outer Space is a pleasant place. Theres no limit to the things that
you can do. Theres no limit to the things that you can be. Er konnte sich ein
zynisches Grinsen nicht verkneifen. Auch »space« war nicht mehr »the place«, seitdem
sie hier oben waren. Auch wenn Jhonn Balance kurz vor seinem tragischen Tod in seinem Song
Sex with Sun Ra (Part 1 Saturnalia) über Sun Ra sang: When we
relaunch the dream weapon, all will be forgotten and all will be well, als sei das
Weltall nach wie vor die geeignete Projektionsfläche unserer Träume. Und nun
das hier ... Wenigstens hatten Sara und Jakob geholfen, den verdammten Leichnam
wegzutragen. Aber auch nur, weil sie ihn für die Autopsie benötigten.
Mark hatte schon von Anfang angewusst, dass es eine Scheißmission
werden würde. Strikte Geheimhaltung ... So strikt, dass er selbst keine Ahnung hatte, um
was es ging. Gut, die Besatzung der UnSpAl-Mondstation hatte sich nicht
gemeldet und das seit Tagen. Aber das war auch alles gewesen, was er wusste.
Und selbst das durfte er seiner Frau nicht sagen, aber natürlich hatte er es getan.
Schließlich hatte er einen guten Grund benötigt, warum er da hochflog und
das ausgerechnet jetzt ...
Als sie dann im Landeanflug die Überreste von Munro und Ria gefunden
hatten, die ohne Schutzkleidung wenige Schritte vor der Station im Mondstaub lagen,
spätestens da war ihm klar geworden, dass er nicht hätte fliegen sollen. Der kleine
Markus hatte Recht gehabt, und Sina sowieso.
Inzwischen war es ihnen gelungen, herauszufinden, dass Johnson den
anderen beiden Stationsinsassen die Schleusen geöffnet hatte, sodass sie ohne Raumanzug
auf die Mondoberfläche konnten. Dann hatte er sich erschossen.
Mark fragte sich, woher Johnson wohl die Waffe gehabt haben mochte. Was
wollte man denn in einer Mondstation mit einer Pistole?
Bevor Johnson sich erschossen hatte, hatte er vermutlich versucht, so
viel von der Station zu zerstören, wie er nur konnte. Anscheinend hatte ihm die Zeit
gefehlt, denn er war nicht sehr gründlich vorgegangen; oder es war ihm doch nicht so
wichtig gewesen. Die Energieversorgung war völlig hinüber, so dass Mark Teile aus dem
Shuttle einbauen musste, um die Lebenserhaltungssysteme überhaupt einigermaßen zum
Funktionieren zu bringen. Natürlich waren sie mal wieder nicht genormt, alles passte
nicht richtig zusammen. Er musste tricksen. Was er hingezaubert hatte, würde fürs Erste
reichen, aber wie lange es hielt, das konnte er nicht genau sagen. Außerdem hatte er in
Munros Kabine einen kleinen Handheld gefunden, den sie als Tagebuch benutzt
hatte. Doch bevor er es einschalten konnte, hatte Jakob es ihm entrissen. Er bewahrte es
nun in dem Safe in seiner Kabine auf. Das war einer der Momente, die Mark sagten, dass
hier etwas ganz gewaltig faul war.
Jakob kam mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Zentrale. Anscheinend
wirkte das kreischende Saxophon des Sun-Ra-Stücks auf sein Trommelfell wie ein Eispickel.
Ein Grund mehr für Mark, es nicht leiser zu stellen. »Wir sollten nicht so viel
Ressourcen verschwenden«, brüllte er stattdessen. »Wir wollen schließlich noch
zurückfliegen.«
»Ich habe mit der UnSpAl gesprochen«, brüllte Jakob zurück. Er trug
noch immer den braunen UnSpAl-Overall, hatte jedoch den Reißverschluss bis zum Bauchnabel
heruntergezogen, und was Mark darunter sah, gefiel ihm überhaupt nicht und überraschte
ihn noch mehr: Es war ein katholisches Priestergewand.
»Wir bleiben erst einmal hier und untersuchen alles. Später schicken
sie uns ein Shuttle, das uns holen soll.«
Wie wärs, wenn mich mal jemand fragen würde! »Wann werden
wir abgeholt?«
Jakob zuckte nur mit den Schultern. »Bring die Station in Ordnung,
damit wir länger bleiben können.«
Länger? Verdammt! Sina wartet - und Markus ... Gott! Er
erinnerte sich an die seltsamen Dinge, die in letzter Zeit mit seinem Kleinen passiert
waren. Der Psychologe war ganz ergriffen: sieben Jahre und schon Ansätze zu einer
ausgewachsenen Schizophrenie. So eine frühe Schizophrenie hatte er noch nie
diagnostiziert. Dabei war bis vor einigen Monaten noch alles ganz normal gewesen. Gut,
Markus war ein stilles, schüchternes Kind, das schon immer Angst vor dem Alleinsein
gehabt hatte und vor der Dunkelheit. Aber was in den letzten Monaten passiert war - und
erst recht in der letzten Woche, das war ... Mark schüttelte den Kopf und versuchte, die
Gänsehaut zu vertreiben. Was sollte man auch denken, wenn sich das Kind plötzlich
benahm, als sei es einem der Exorzisten-Filme entsprungen? Dinge über Schwärze,
Dunkelheit und Einsamkeit schrie, schlafwandelte, sich vor dem Mond versteckte und der
Sonne auch nicht wirklich zu trauen schien ... Wenn es wenigstens nur das gewesen wäre
... Aber die ganze Welt schien in letzter Zeit verrückt zu spielen. Depressionen griffen
um sich wie eine Seuche, Selbstmorde, Amokläufer, Aufstände gegen Regierung, Unternehmen
und Kirchen ... Schlechte Zeiten, seine Familie allein zu lassen.
Mark drückte den Lappen im bereits roten Wasser aus. Alles war sauber.
Mehr konnte er jetzt nicht tun. Die Erinnerung an das Blut und die Toten konnte er nicht
wegwischen.
Das Schlimmste an Markus Schizophrenie war, dass sie langsam auf
Mark überging - zumindest hatte er den Eindruck. Er bekam schon ein ungutes Gefühl, wenn
er den Scheißmond nur sah. Und jetzt hockte er mitten darauf, - mitten im Parsons-Krater.
Er lachte: auf der dunklen Seite des Mondes.
Seitdem er sich endlich seinen Traum erfüllt hatte und Astronaut
geworden war, bestand sein Lebensinhalt eigentlich nur noch aus zwei Dingen: Möglichst
bald mit möglichst viel illegalem Alkohol von der unerträglichen Erde zu
verschwinden und wenn er weg war, möglichst schnell zu Sina und Markus wieder
zurückzukehren. Egal, wo er war, er wollte weg. Weg von der Erde, weg aus dem All, weg
vom Mond. Anscheinend immer auf der Flucht, sagte er sich. Verdammt. Selbst
wenn ich bei Sina bin, will ich meistens nach kurzer Zeit woanders sein, weil sie aus
jeder idiotischen Kleinigkeit ein Problem machen muss. Aber Markus
Schizophrenie war sicher keine Kleinigkeit und er schämte sich, dass er sie
allein gelassen hatte. Aber die verdammte Arbeit! Was sollte er tun? Die Behandlung musste
schließlich bezahlt werden und das Essen - und der Strom und die
Wohnung und der ganze andere Mist!
Was sollte er ihnen schicken als Nachricht? Ihr Lieben, ich muss leider noch ein wenig
länger hier oben bleiben? Hier ist etwas vorgefallen, über das ich nichts sagen darf und
eigentlich auch nichts weiß? Wie geht es euch? Da ich nichts erzählen darf, hoffe ich,
dass ihr mir umso mehr erzählt. Euer Mann im Mond ...
Sowas in der Art. Oder Papa im Mond?
Er fragte sich, warum die UnSpAl ausgerechnet hier, auf der dunklen
Seite des Mondes, die Station errichtet hatte. Wollten sie, dass man sie von der Erde
aus nicht sah? Werde ich nun wieder paranoid-schizophren? Warum weiß ich eigentlich
nicht, was für Experimente hier gemacht wurden? Weil es mich nichts angeht, weil es nicht
mein Job ist, weil sie nicht wollen, dass ich es weiß ... Es würde sicher ein
Licht auf den Selbstmord der drei werfen. Weltraumkoller sagten sie so leichthin. Keine
Ahnung, was das für eine Diagnose sein soll. Andererseits geht es mich nichts an. Ich bin
ja nur der Pilot und Techniker. Wenn sie hier oben irgend etwas Geheimes machen, hat mich
das nichts anzugehen.
Er sollte nun lieber auf andere Gedanken kommen, weg vom Blut und den
Leichen. Jakob schickte ihn ins Bett, als er mit dem Putzen fertig war. Er und Sara
mussten ausgeschlafen sein, die kommende Zeit würde anstrengend werden. Jakob selbst
wollte sich das Außenlabor anschauen. Das hieß, er würde für mindestens zwei Stunden
weg sein. Zeit genug, um Munros Aufzeichnungen aus dem Safe zu holen, dachte sich
Mark. Er war der Hausmeister, er wusste die Kombination des altmodischen Zahlenschlosses.
Aber bis Jakob aufbrach, musste er noch warten. Und dann, bis Sara eingeschlafen war. Das
verringerte das Zeitfenster enorm.
Er warf die Einweghandschuhe in den Müllschlucker und ging in sein
Quartier, das zuvor Munro gehört hatte. Ihre Sachen lagen noch im Raum verteilt. Mark
durfte nichts wegschmeißen, sie mussten eventuell nach weiteren Hinweisen suchen.
Aufzeichnungen und dergleichen. Mark war müde. Er setzte sich auf die Liege, schubste
beklommen einen beigen Seidenpyjama beiseite und stellte die Musikanlage an. Was hatte
Munro zuletzt gehört? fragte er sich. Er rief die Programmierung ab, konnte aber
nichts erkennen, anscheinend keine Musikliebhaberin. Das machte es für ihn
leichter, keine Gefühle für sie zu entwickeln. Mark stellte erneut Sun Ra ein, The
Heliocentric Worlds, und legte sich hin. Die Bettwäsche roch leicht nach Schweiß,
aber das störte ihn nicht. Er würde Sina nicht alles erzählen dürfen, eigentlich gar
nichts. Was sollte er sagen? Keine Gefahr, sie mussten herausfinden, was geschehen ist,
dann würde er sich in einigen Tagen auf den Rückweg machen? Nein, das war schon zu viel.
Offiziell wusste sie ja nicht einmal, dass überhaupt etwas Außergewöhnliches
vorgefallen war. Am besten nicht erwähnen, dass sie abgeholt werden mussten. Erst recht
nichts von den drei Leichen.
Jetzt hieß es erst einmal Warten, bis die Luft rein war.
Im Küchenbereich gab es immer zu wenig Licht, aber Mark wollte ja ohnehin nicht
bemerkt werden. Er schaute auf den kleinen Bildschirm an der Wand. Innerhalb der nächsten
eineinhalb Stunden würde Jakob nicht zurückkehren. In vier Stunden müsste Mark
aufstehen und wieder zum Dienst erscheinen. Dienst, als ob es etwas für ihn zu
tun gäbe. Das Ankämpfen gegen die Entropie, das war sein Dienst - so formuliert klang es
gar nicht so übel, irgendwie groß. Die Station am Laufen halten, während alles nach und
nach auseinander brach. Aber in der Realität bedeutete das: mal hier eine kleine
Wartungsarbeit und mal da eine Kleinigkeit auswechseln. Große Dinge konnte er ohnehin
nicht tun, es sei denn, man erlaubte ihm, zu einer der anderen Stationen zu gehen. Aber
darüber wären weder die UnSpAl erfreut, noch die anderen Unternehmen, denen er einen
Besuch abstatten würde. Er fluchte leise vor sich hin.
»Führst du Selbstgespräche?«
Mark drehte sich um. Sara stand am Tisch der Kücheneinheit. Er hatte
eigentlich gedacht, sie sei schon längst schlafen gegangen. Die Medusa, so
nannte Mark sie für sich, und jetzt wusste er wieder, warum. Sie sah, wie er es für sich
selber beschrieb, sowas von neben der Spur aus, dass Mark sie gleich sympathisch
gefunden hatte. Ihre wirren rotgefärbten Haare, die irgendwie zu symmetrischen
Raucherzähne, die stets grelle Kleidung und ihre ungezwungenen Bewegungen wirkten auf ihn
gleichzeitig abstoßend und interessant. Diese Frau konnte sich unmöglich den gängigen
Werten einer Gesellschaft unterwerfen, die auf Geld, Ruhm und Schönheit aufbaute; schon
gar nicht, wenn Schönheit als Tugend und Talent an sich gewertet wurde. Sara war auf
bezaubernde Art potthässlich, auch wenn Schönheit im Auge des Betrachters lag. Sie trug
magentafarbene Sportkleidung, was zu ihren Haaren passte.
»Immer«, antwortete Mark schließlich. Er holte die H-Milch aus der
Kühleinrichtung und goss sich etwas davon in den Espresso.
»Kannst Du auch nicht schlafen?«, fragte sie.
Er hätte etwas über seine Albträume erzählen können, aber das
wollte er nicht; Albträume von Markus und einem Mond, der sich in seinen Augen spiegelte
und sich langsam schwarz verfärbte. Also brummte er nur ein zustimmendes »Hmm«.
»Tja«, sagte sie. »So ist das hier, im Jack-Parsons-Krater.
Schlaflosigkeit und seltsame Dinge geschehen ...«
»Ich dachte, er hieß John Parsons.« Vielleicht würde Mark jetzt
irgend etwas aus ihr herausbekommen.
»Eigentlich Marvel Parsons.« Jakob trat heran, ein schwarzes Kreuz
baumelte auf seiner Brust.
Verdammt! Mark kämpfte damit, nicht in Schweiß auszubrechen. Der
auch noch! Mark hatte Jakob die Station verlassen sehen. Er versuchte, nicht
überrascht zu wirken.
Sara hingegen klappte wortwörtlich das Kinn herunter.
»Irgendwie habt ihr beide Recht, aber Marvel war sein Taufname.«
»Was machst du denn hier?«, fragte sie.
»Ich bin auf halbem Weg umgekehrt, weil ich etwas vergessen hatte.«
Oder weil du uns nicht traust, dachte Mark.
Der Priester setzte sich an den Tisch. Mark hatte noch immer nicht in
Erfahrung gebracht, weshalb sie einen Priester geschickt hatten. Jakob hatte auf seine
Frage geantwortet, er sei Wissenschaftler und Priester. Sie hätten ihn aber
geschickt, weil er Physiker sei. Abgesehen davon, scherzte er, ergab es sich ganz gut, da
konnte er die drei früheren Besatzungsmitglieder wenigstens ordentlich bestatten. Er
lächelte müde, als er das sagte. Und Mark sah in seinen blauen Augen eine Kälte, die
ihm nicht gefiel, die ihm sogar ein wenig unheimlich war.
»Wie steht es eigentlich mit dir und dem Glauben?«, fragte Jakob. Diskordier,
lag Mark auf der Zunge. Stattdessen gab er eine einfachere Antwort, er wollte Diskussionen
vermeiden.
»Agnostiker.«
Jakob lächelte, und Mark entging nicht der Blick, den er mit Sara
tauschte.
»Was genau macht ihr beide hier oben«, fragte Mark schließlich frei
heraus. Schweigen. »Ich meine, ihr macht doch nichts ... wie soll ich es nennen ...
Verbotenes? Unmoralisches?«
»Sex?«, fragte Sara lachend.
»Menschenversuche, Genmanipulation, was weiß ich?«
Jakob seufzte schwer. »Wir dürfen dir nicht sagen, was wir hier
machen. Konzentriere dich auf deinen Aufgabenbereich und alles wird gut.«
Mark ließ sich anmerken, dass er mit der Antwort nicht zufrieden war.
Er wurde zwar gut bezahlt, aber er wollte wenigstens wissen, ob Gefahr bestand. Vielleicht
mixten die hier oben neue ABC-Waffen zusammen oder Schlimmeres.
Jakob blieb hart, er sagte nichts. Wie um das Schweigen zu brechen und
um Marks Gedanken über eine mögliche Mitschuld und Unwissenheit zu beantworten, sagte
er: »Kain schaute zu Boden, bevor er Abel erschlug. Er wusste, dass er Unrecht tat.
Siehst du uns zu Boden schauen?«
Wunderbar geschwollen, dachte Mark, jetzt kommt der
Priester durch. »Es kommt weniger darauf an, ob Kain wusste, was er tat«, sagte er,
»sondern, ob er frei entscheiden konnte, es nicht zu tun.« Und wie soll ich etwas
nicht tun, wenn ich nicht einmal weiß, um was es hier geht?, fragte er sich. Ich
weiß also nicht, was ich tue ...
»Kain hatte einen freien Willen, wie wir alle.«
»Nicht unbedingt«, sagte Mark. »In deiner Sprache würde ich sagen,
dass er Gottes Willen folgte, so wie Judas, bei dem auch schon vorher feststand, dass er
Jesus verraten würde. In meiner Terminologie spreche ich lieber von psychologischen,
genetischen und sozialen Veranlagungen, Prägungen, Konditionierungen, die ihn dazu
getrieben haben. Aber Gottes Wille ist eine nette Metapher dafür. In diesem Sinn ist es
vielleicht auch das Problem Hiobs, über das wir hier sprechen: Soll er sich über das
Leid beschweren oder nicht? So wie sich zur Zeit auf der Erde die Menschen gegen die
ganzen Machtstrukturen auflehnen, gegen die Unternehmen und die Kirche. Sie haben sich
entschlossen, gegen das Leid anzugehen. Kain weiß, dass er Unrecht tut, er schämt sich
und leidet deswegen; er schaut zu Boden. Die Beschwerde, also das Uneinssein mit dem
Willen Gottes oder jeder anderen Macht, ist meiner Meinung nach das eigentliche Problem.
Kurz gesagt: die Erkenntnis, Unrechtes tun zu müssen - die verbotene Frucht. Was hat dein
Gott sich nur dabei gedacht, uns erkennen zu lassen, uns leiden zu lassen?«
»Du bist ein Philosoph«, sagte Sara.
»Und ein Ketzer«, lachte Jakob. Aber sein Lachen klang düster. »Und
jetzt geht ihr schlafen!«, fügte er hinzu. »Wenn ihr nicht schlafen könnt, nehmt ein
Schlafmittel. Und Mark - Espresso ist da nicht sehr hilfreich.«
Er stand auf. »Dann gehe ich jetzt in das Außenlabor. Ich werde wohl
erst in etwa fünf Stunden wieder hier sein. Also benehmt euch.« Er lachte wieder sein
seltsames Lachen und verließ den Raum.
Der Plan stand fest. Plan war vielleicht ein etwas großes Wort. Mark
wusste nicht so recht, was er von all dem halten sollte, aber es war sicher etwas
Schlimmes. Warum hätten sich Munro, Johnson und Ria denn auch sonst umbringen sollen? Nun
musste er warten, bis Sara endlich eingeschlafen war und sich dann in Jakobs Kabine
schleichen, den Tresor öffnen, die Daten von dem Handheld ziehen, sie auswerten
und bei ersten Hinweisen auf etwas Unrechtes, was auch immer es sein mochte, mit einer
anderen Mondstation in Kontakt treten. Er konspirierte gegen seine Firma, das war ihm
klar, und es war ihm unangenehm, aber er hatte das Gefühl, keine andere Wahl zu
haben und er empfand es auch als aufregend ...
Wirklich spannend wurde es, als er sich auf den Weg machte. Sara schlief - hoffte er -,
Jakob würde noch lange nicht zurückkehren - hoffte er -, also schlich er den langen Gang
entlang, der normalerweise steril und weiß strahlte, jetzt aber durch das gelbliche
Flackerlicht unheimlich und auf eine seltsame Art verkeimt wirkte. Die Wandlichter
klackten unrhythmisch, und Mark fühlte sich müde und ein wenig fiebrig. Er musste an
Saras Quartier vorbei, Jakobs Raum lag direkt nebenan.
Wenn sie ihn erwischten, war er seinen Job los, dessen war er sich
sicher. Was dann geschähe, darüber wollte er gar nicht nachdenken. Für Piloten gab es
zu wenig Möglichkeiten; wirklich glücklich war er in diesem Beruf zwar
nicht, aber etwas anderes konnte er nicht.
Er hielt den Atem an und versuchte so leise wie möglich aufzutreten.
Jetzt war er auf Höhe von Saras Raum. Er lauschte einige Sekunden, konnte aber nichts
hören. Er schlich weiter.
Jakobs Tür ließ sich ohne Probleme öffnen. Die Kabine hatte zuvor
Johnson gehört. Jakob hatte dem Anschein nach den Raum systematisch durchsucht und dabei
einfach alles Unbrauchbare auf den Boden geschmissen. Mark bahnte sich einen Weg durch
Kleidung, Papier und Speichermedien. Der Tresor stand neben dem Kleiderschrank. Mark
schaute in seinem Handheld die Kombination nach und tippte sie ein. Der Tresor
öffnete sich nicht. Er versuchte es noch einmal. Nichts.
Verdammt, dachte er. Er suchte in den Stationsdaten auf seinem Handheld
nach möglichen Alternativkombinationen. Das Problem war, wenn er dreimal eine falsche
Kombination eintippte, dann sperrte sich das Eingabefeld für zehn Minuten. Marks Herz
hämmerte unregelmäßig gegen seine Brust. Er schaute sich um, ob ihm irgendetwas helfen
könne. Sah aber nichts. Vier alternative Kombinationen hatte sein Handheld anzubieten.
Mark nahm die erste. Nichts. Das Feld sperrte sich.
Er fluchte leise. Dann hörte er im Nebenraum ein Geräusch. Es klang
wie ein gedämpftes Räuspern. Wie ein männliches Räuspern!
Jakob? Mark schoss das Blut aus dem Gesicht, er taumelte zum
Schreibtisch. Nur die Ruhe bewahren!, sagte er sich.
Er lauschte atemlos. Sara sagte etwas, das er nicht verstand. Sein Blick
glitt über die Papiere und elektronischen Geräte, die auf dem kleinen Tisch verstreut
lagen. Darunter Jakobs Taschencomputer. Mark schaltete ihn ein. Vielleicht würde er darin
die Kombination finden, dachte er. Er scannte den Inhalt nach Begriffen wie Tresor und
Safe, fand aber nichts. Dann gab er Munro ein.
Das Gespräch im Nebenzimmer wurde lauter. Sara schien über irgend
etwas erregt zu sein. Sie klang wütend.
Der Computer meldete mit einem leisen Piepen einen Treffer. Jakob hatte
Munros Daten auf seinen Computer geladen. Mark verband schnell das Gerät mit seinem Handheld
und begann die Daten zu ziehen. Jakob bewegte sich Richtung Flur, während er einen
Monolog hielt. Mark begann zu schwitzen. Es wurde ihm zu gefährlich. Irgendwie hatte er
den Eindruck, der Priester sei verrückt und somit zu ärgeren Taten fähig, als Marks
Vergehen einfach der UnSpAl zu melden. Mark wollte es nicht darauf ankommen lassen. Er
unterbrach den Download und richtete alles wieder so her, wie er es gefunden hatte. Der
Tresor war noch immer gesperrt, als er die Kabine verließ.
Als er auf den Flur trat, sprach Jakob ihn an: »Ah, hier bist du!«
»Ja, ich habe dich gesucht«, sagte Mark.
»Ja?«
»Ja. Ich finde es unfair, dass ich nicht mit meiner Familie sprechen
kann. Es wäre an der Zeit, dass ich ihnen eine Nachricht schicke. Sie werden sich sicher
Sorgen ...«
»Darüber können wir später reden.«
Mark tat beleidigt und verschwand eiligen Schrittes.
Er glaubte, dass das nun einigermaßen unauffällig verlaufen war, aber
sicher war er sich nicht.
Mark war es nur gelungen, einige wenige Eintragungen herunterzuziehen. Darin war von
Experimenten die Rede, die nicht näher beschrieben wurden, die aber angeblich die »wahre
Natur« des Seins bloßlegten, jenseits einer Beeinflussung von CULTUR (Munro schrieb es
immer mit C und in Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legte, dass sie etwas anderes
als Kultur meinte); außerdem erwähnte sie häufig sich selbst regulierende Konzepte
(eine weitere nicht aufgeschlüsselte und oft wiederkehrende Formulierung).
In ihren Tagebuchaufzeichnungen fanden sich skizzenhafte Passagen, die
teilweise fast Aphorismencharakter hatten. Munros letzte Aufzeichnungen lauteten:
Meine Seele - wie eine schwarze Sonne ...
Ehemals konditioniert zum Aufblühen im Licht, haben wir nun alle
Fesseln gesprengt und ein Erblühen im Dunkeln erreicht.
Was bedeutet das?
Gleichgewicht, Vereinigung der Gegensätze ...
Die Leere; - wir waren allein in unserer kleinen Oase aus
menschenfreundlicher Atmosphäre, atembarer Luft, angenehmer Wärme; das alles muss man
verstehen. Wärme und Licht, wie eine kleine Kerzenflamme in schwärzester Nacht.
Außerhalb der Oase, des Scheins, der Flammenkorona, war nichts als unendliche Kälte und
Schwärze. Ria ... Wir mussten einander festhalten, sonst wären wir verrückt geworden.
Vielleicht sind wir es dennoch ... Ich weiß es nicht. Wir brauchten den Kontakt - Haut,
Haare, Wärme, den Atem, die Gerüche, das Menschliche, eine Erinnerung daran, dass die
Welt nicht nur so war, wie sie sich außerhalb unserer kleinen Fruchtblase zeigte.
In solchen Momenten wird einem das Leben bewusster, vor allem, was es
heißt, Mensch zu sein und wie ungewöhnlich ist Menschsein in einem Universum
voll Stein und Eis! Da draußen gibt es nichts, nicht einmal Geräusche. Kälte und
Stille, das ist alles. Keine Moral, keine Träume, keine festgelegten Richtungen.
Menschsein erscheint mir in diesem Kontext nichts weiter als ein ehrenvoller Versuch zu
sein, dieses Nichts zu füllen. Mit Ideen und mit Träumen; neue Illusionen zu finden, um
die Leere zu überbrücken.
Wir waren drei Individuen im freien Fall, die sich im Angesicht der
unendlichen Dunkelheit aneinander klammerten, sich Kraft gaben. Und daran glaubten, frei
entscheiden zu können. DAS war unser Glaube ... Wie erbärmlich.
Wie kleine Schulkinder waren wir im Namen des Wissens zu einem Kreuzzug
aufgebrochen und meinten, die Dunkelheit durch unsere Technik aus ihrem eigenen Land
vertreiben zu können. Aber hier ist nicht das Morgenland, kein imaginärer Orient, in dem
sich Träume und Realität die Hand geben. Hier gibt es keinen freundlich blauen Himmel
mit Sichelmond über einer Oase; es gibt höchstens beliebig viele Monde und beliebig
viele Sterne und Planeten, aber keine Oase, zumindest keine, die erreichbar wäre. Dies
ist die wahre Wüste, dies ist die lange Nacht, wie Ria es nannte. Wir sind mitten im
Herzen der Finsternis, sagte sie, hier gibt es keinen Orient, nur Orientierungslosigkeit.
Vielleicht waren wir nur überfordert. Ich kann nicht behaupten, dass
wir mit der Situation hier draußen auch nur annähernd fertig wurden.
Alles, was auf der Erde selbstverständlich ist und durch CULTUR und
sich selbst regulierende Konzepte eben als selbstverständlich erscheint, gibt es hier
nicht, gibt es nur auf der Erde. Die Erde ist im Universum nicht normal, sie ist eine
Ausnahme. Und unser ganzes Denken beruht nur auf dem, was wir von der Erde wissen - und
dieses Denken hat hier keinen Bestand, es ist nichtig, beziehungslos, sinnlos.
Genauso sinnlos wie der Glaube an Zufall oder Schicksal. Ein Fehler ist
aufgetreten. Es ging alles zu schnell, als dass ich hätte nachvollziehen können, was
genau passierte. CULTUR setzte einen Moment aus, und die Kontingenz schlug über uns
zusammen wie ein großes schwarzes Meer. Mein Hilfeschrei ist im Vakuum
verebbt und ich weiß nicht einmal mehr, warum ich schrie. Von der Dunkelheit
ist nichts zu befürchten. Angst ist das einzige, vor dem man auf der Hut sein muss.
Und nun sitze ich hier. Und warte.
Angst? Habe ich keine Angst vor der Dunkelheit? Aber nein. Eher ist es
die Sonne. Sie beleuchtet die Leere, sie blendet mich, sie verbrennt meine Gedanken, meine
letzten Hoffnungen. Es ist einerlei, was ich sage. Gern würde ich etwas Wichtiges sagen,
aber es gibt nichts zu sagen.
Wie sollen wir zurückkehren in die illusorische Welt der CULTUR? Erneut
lernen, an Maßstäbe und Werte zu glauben, die sich irgendwelche Menschen ausgedacht
haben und die im Grunde beliebig sind. Wir haben erfahren, dass es UNSER Leben ist, das
wir hier im Namen irgendeiner stumpfsinnigen Macht verschwenden und dass
NIEMAND uns zu sagen hat, was wir zu tun und zu lassen haben! Unser Leben, unsere
Entscheidungen!
Aber uns ist genauso klar geworden, dass diese Macht, die uns wieder
zurück in das Korsett drängen möchte, unbesiegbar ist; dennoch möchten wir nicht
zurück, wir können nicht. Uns bleibt also nur eine Wahl ...
»Hast du darin gelesen?«, fragte Jakob und entriss Mark den Handheld.
»Nein, du warst zu schnell.«
Wo kam er schon wieder her?
Jakob schaute ihm eine Ewigkeit lang in die Augen. Mark hatte das
Gefühl, als blicke er bis auf den Grund seiner Seele. Sein Herz krampfte sich zusammen,
sein Gesichtsausdruck war gewollt lässig, wirkte aber sicher verkrampft. Dann ging Jakob
wortlos. Ohne Fehl und Tadel, dachte Mark und wunderte sich, woher diese Worte
stammten.
In der Kücheneinheit lehnte Sara mit einer Tasse in der Rechten an
einer Wand und schaute nach draußen in den schwarzen Himmel.
»Alles hängt zusammen«, sagte sie. »Alles ist ein System, dessen
Teile sich gegenseitig beeinflussen.«
Dieses Hippiegelaber konnte Mark in diesem Moment gar nicht gebrauchen;
ihm fiel darauf nur ein Zitat aus einem Woody-Allen-Film ein: »Das Universum
expandiert.«
Die Vorstellung, dass alles auseinander driftete, gab ihm den Rest.
Selbst der Mond entfernte sich jährlich um drei Zentimeter von der Erde. Und Mark
entfernte sich immer mehr von Sina und Markus, er spürte das. Wenn er noch weniger bei
ihnen war, dann ... Kein Wunder, dass er soff. Ein Hoch auf den Whisky, den er
geschmuggelt hatte. Meine Seele wie eine schwarze Sonne ...
»Deine Systeme sind nur ein Haltsuchen in einer belanglosen
Welt. Das Hirn ist eine Illusionsmaschine, dazu da, um irgendwelche Zusammenhänge
herzustellen, damit man überleben kann.« Er klang fast so geschwollen wie Jakob, fand
er. Das amüsierte ihn ein wenig, war zumindest Grund genug, sich selber zuzuprosten.
»Du hast in Munros Tagebuch gelesen«, sagte Sara. Ihr Blick war
forschend, fast drohend.
»Wenn es einen Gott geben würde, dann hätte er sich längst aus dem
Staub gemacht, vor Scham über diese Welt.«
»Du weißt es also? Oder du ahnst es - ich glaube nicht, dass du aus
den Aufzeichnungen schlau geworden bist.« Mark sagte nichts. »Was ist los?«, fragte
sie. »Bist du so sauer, weil Jakob dir die Aufzeichnungen weggenommen hat?«
»Unter anderem«, gab er zu; und er fühlte sich dabei wie ein kleines,
beleidigtes Kind, das bei einem Streich ertappt worden war.
»Übelnehmen ist was für Gott und kleine Kinder«, sagte Sara.
»Jakobs Gott scheint mir nichts weiter als eine Metapher für deinen
Systemgelaber zu sein. Zwei Begriffe für eine identische Konstruktion.«
»Wie meinst du das?«
Das wusste er plötzlich selber nicht mehr genau. »Dieser ganze Mist
von Systemtheorie ... Diese Illusionen von Sinn und Ordnung, von Wärme und Zusammenhalt.
Der Mensch ist eine Art Anti-Entropie-Maschine, ein ... negentropisches ... System, haha,
er denkt sich immer wieder neue Lügen aus, hängt sich an unerfüllbare Träume, um die
Wahrheit nicht zu sehen: Der Normalzustand der Welt ist entropisch. Nach dem zweiten Satz
der Thermodynamik ist Chaos das Normale und Ordnung ein wenig wahrscheinlicher und
unbeständiger Zustand.«
Jakob war inzwischen eingetreten.
»Völlig verwirrt, der Mann«, sagte er. Und Mark war sich selber nicht
sicher, was er von seinen Worten ernst meinte und was nicht.
»Er scheint sich schon zu verwandeln. Lass ihn aussprechen«, sagte
Sara. »Sprich weiter, Mark.«
Er hob nur die Schultern.
»Ich denke, du bist auf dem falschen Dampfer«, sagte sie schließlich.
»Selbst die alten Mystiktraditionen, zumindest die monistischen, gehen davon aus, dass es
nur ein Ganzes, ein System gibt und jede Spaltung eine Illusion ist, die durch das Ich
hervorgerufen wird.«
»Mir ist ziemlich egal, was irgendwelche Inder vor dreitausend Jahren
gesagt haben, abgesehen davon, dass zwischen einem System und Nondualismus meiner Ansicht
nach ein Unterschied besteht. Ich bin jetzt und hier, ich bin der Spalter. Ich leide und
... egal, ob die Welt eine Illusion ist oder nicht. Sagte nicht dein Buddha, Leben ist
Leiden? - Ich kenne mich da nicht aus.« Der Whisky vernebelte langsam seinen Geist.
»Und deshalb musst du zu Jesus finden«, sagte Jakob, was Mark zum
Lachen brachte.
»Nein«, sagte Sara. »Die Fesseln dieser Welt lösen und eins werden
mit dem Ganzen.«
»Nur Gott kann die Erlösung bringen«, sagte Jakob. »Und zwar erst im
Jenseits.«
»Ahhhh«, sagte Sara. »Jetzt kommen die Machtbestrebungen der
katholischen Kirche wieder durch. Komm zu uns, mach mit, sei brav, wenn du nicht mehr
nützlich für uns bist: stirb, dann kommst du in den Himmel.«
»Wo man hinschaut, Gnostiker und Häretiker!« Jakob verschwand mit
einem angewiderten Gesichtsausdruck.
Saras Lippen umspielte ein diabolisches Lächeln.
»Wir sind hier im Jack-Parsons-Krater«, rief sie ihm hinterher,
besondere Betonung auf Jack.
Mark fragte sie, was das zu bedeuten hatte. Aber sie antwortete nicht.
Einen Moment bemerkte er nur einen düsteren Schatten über ihrem Gesicht.
»Sag mir, was hier vor sich geht«, versuchte Mark es ein weiteres Mal.
Sara schaute ihn lange an, sagte aber nichts. Dann entschloss sie sich,
doch etwas zu erklären.
»Jack Parsons war einer der wichtigsten Raketenforscher der USA.«
»Das weiß ich, deshalb wurde ja dieser Krater nach ihm benannt.«
»Na ja, er war als Wissenschaftler unter dem Namen John Parsons
bekannt. Aber außerdem war er auch so eine Art anarchischer Philosoph, und dann nannte er
sich John Whiteside Parsons. Marvel war sein Taufname, und Jack nannte er sich als
Okkultist und Anhänger Aleister Crowleys.«
»Was hat es mit der schwarzen Sonne auf sich?«, fragte Mark
schließlich.
Ihr Gesicht wurde unnatürlich starr.
»Was meinst du«, fragte sie. »Das alchemistische Symbol, das
Nazi-Symbol, das indianische Symbol ...?«
»Du weißt genau, wovon ich rede.«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Die Schwarze Sonne in Munros Text.«
»Jakob«, rief sie. »Er weiß von der Schwarzen Sonne!«
Der Priester kam zurück. Das Kreuz baumelte schwer um seinen Hals.
»Was weiß er?«
»Er hat nach der Schwarzen Sonne gefragt.«
»Hey, ich bin hier. Redet nicht so, als wäre ich nicht da.« Mark
versuchte, locker zu klingen, aber seine Stimme zitterte.
»Ich gehe zum Außenlabor und bereite alles vor. Bring du ihn in zehn
Minuten rüber. Es wird Zeit, dass wir es hinter uns bringen.«
Sara zog eine Pistole und zielte auf Marks Brust. Langsam hatte er die
Schnauze voll den beiden. Warum ließen sie ihn nicht einfach in Ruhe?
»Zieh
einen Raumanzug an und mach keine raschen Bewegungen, ich habe kein Problem damit, auf
dich zu schießen.«
»Das könnte hier einige Probleme auslösen«, sagte Mark.
»Das ist mir egal. Das Projekt ist wichtiger als du oder ich oder sonst
irgendwer.«
»Wichtiger als Menschenleben?«
»Es geht hier um mehr als um ein oder zwei Leben. Wir geben den
Menschen einen neuen Sinn, etwas, an das sie glauben können und vor allem ein Gefühl von
Glück und Zufriedenheit. Wir geben ihnen Träume ...«
»Hybris«, sagte Mark trocken.
»Spiel nicht den Saubermann, Mark«, sagte Sara. »Du verachtest die
Menschheit doch genauso wie wir und willst auch, dass sich alles ändert.«
»Da irrst du dich. Ich hasse nicht die Menschen, ich hasse das
Wertesystem, das ihnen antrainiert wird. Mit den Menschen habe ich Mitleid, nicht in einem
arroganten Sinn, sondern wirklich im Sinne von Mitleiden. Denn ich bin genauso
gefangen in diesem kranken, lebensverschwendenden System wie jeder andere. Anstatt hier
mit dir zu diskutieren, sollte ich bei meiner Frau und meinem Kind sein und mit ihnen
versuchen, ein so schönes Leben wie möglich zu haben.«
»Wenn alle so wären, würde die Welt zusammenbrechen.«
»Die Machtstrukturen und die ganze beschissene Zeitverschwendung durch
Arbeit ...«
»Mann, bist du naiv«, sagte Sara und wirkte dabei fast überrascht.
»Besser auf meine Art naiv, als sich der Mittelmäßigkeit
unterzuordnen, die ihr anscheinend anstrebt.«
»Die wir durchsetzen ...«
»Ich werde euch daran hindern.«
»Dazu bist du etwas zu spät dran. Und du vergisst, wer hier die Waffe
in der Hand hat.«
»Du willst nicht wirklich einen Menschen töten.«
»Nur, wenn es sein muss.«
Mark trat vor. Der Schuss war so laut, dass der Schmerz in den Ohren und
der Schreck, der ihm durch die Brust fuhr, im ersten Moment den Schmerz verdeckten, der
nun vom rechten Bein in seinen gesamten Körper fuhr. Die Kugel hatte eine tiefe
Fleischwunde gerissen und war in die Wand hinter Mark eingedrungen. Ein Alarm schrillte
los. Mark stöhnte und fiel nach vorne.
»Dreißig Sekunden bis zur Sicherheitsversiegelung«, sagte eine
automatische Stimme.
Sara sah Mark an, als würde sie einen Moment bereuen, was sie getan
hatte, wandte sich dann aber ab und lief schnell in den Nachbarraum.
Mark kämpfte gegen eine Ohnmacht an. Vor seinen Augen drängte sich
immer wieder eine alles absorbierende Schwärze zusammen, die er mit großer Anstrengung
wieder zurücktrieb. Er versuchte aufzustehen, fiel aber wieder vornüber.
Kriechen, dachte er. Ich muss kriechen. Die Kugel
hatte anscheinend die Außenhaut beschädigt. Aus einem kleinen Riss zischte die Luft nach
draußen.
Er bewegte sich in dem Raumanzug ungeheuer schwerfällig und langsam
voran und zog eine Blutspur hinter sich her.
»Hilf mir!« sagte er, und schaute zu Sara, die mit versteinertem
Gesicht hinter der Schleuse zum nächsten Raum stand.
»Nein«, sagte sie.
Noch fünf Meter, vielleicht sieben.
»Noch fünfzehn Sekunden bis zur Sicherheitsversiegelung«, sagte die
Stimme.
Saras Gesicht schwankte zwischen Kälte, Angst und Mitleid - zumindest
glaubte Mark, diese Gefühle darin lesen zu können. Er zog das unverletzte Bein so weit
nach oben an den Körper heran, wie es der Raumanzug zuließ, und schob sich mit aller
Kraft, die er aufbringen konnte, nach vorne. Er landete ziemlich unsanft auf dem Gesicht
einen Meter vor der Schleuse.
»Noch zehn Sekunden bis zur Sicherheitsversiegelung«, sagte die
Stimme, dann begann sie rückwärts zu zählen.
»Hilf mir!«, versuchte er es ein weiteres Mal. Aber Sara reagierte
nicht.
Mark griff nach vorn, erwischte den Schleusenrahmen mit beiden Armen und
zog sich heran.
»Noch fünf Sekunden bis zur Sicherheitsversiegelung«, sagte die
Stimme.
Dann hievte er seinen Körper über die Schwelle. Die Schleuse schloss
sich zischend.
»Du hast es ja geschafft«, sagte Sara. Ihre Stimme zitterte.
»Scheiß Fotze!«, flüsterte Mark. Mit letzter Kraft schlug er den
kleinen Medikoffer über sich von der Wand und kramte ein Anästhetikum hervor. Er rammte
sich die Spritze in das verletzte Bein und zog dann vorsichtig den defekten Raumanzug aus.
Sara ging einfach davon, sie war blass und wirkte verstört. Mark wusste nicht, was er
gegen sie ausrichten konnte. Sie hatte noch immer die Waffe. Als Nächstes würde sie
sicher zum Außenlabor gehen. Allerdings hatte Jakob gesagt, dass sie Mark mitbringen
sollte. Vielleicht würde sie Jakob auch holen.
Mark blutete stark. Er legte sich, so gut er konnte, einen Druckverband
an. Er sollte versuchen, Sara zu erreichen, bevor sie mit Jakob Kontakt aufnehmen konnte.
Also hinterher. Humpelnd, mit verzerrtem Gesicht, eine Schmerztablette nach der anderen
wie Pfefferminzdrops kauend, bewegte er sich die Gänge entlang. Das Licht flimmerte
weiterhin gelblich. Er fühlte sich zittrig und niedergeschlagen. Der Druckverband färbte
sich langsam rot. Sara hatte auf ihn geschossen. Sie schien ihn nicht töten zu wollen,
aber es war alles ernster, als er geglaubt hatte. Hätte er Zeit gehabt, sich Sorgen um
sein Leben zu machen, wäre dies der geeignete Moment gewesen. Er hielt inne. Was machte
er hier eigentlich? Er war weder Polizist noch irgendein Filmheld. Dies hier war real. Man
hatte auf ihn geschossen. Und er rannte hier herum, wie er es aus irgendwelchen
bescheuerten Filmen kannte, den vermeintlichen Bösewichtern hinterher. Dabei gab es eine
viel sinnvollere Variante: Flucht. Und dann den Behörden Bescheid geben.
Er machte kehrt. Zurück zu einer der zwei Außenschleusen. Was konnte
er schon ausrichten? Und seine Aufgabe war es auch nicht. Er zwängte sich umständlich in
einen neuen Raumanzug und öffnete die Schleuse. Draußen müsste einer der kleinen Buggys
stehen. Das war auch der Fall, allerdings erwartete ihn Jakob neben dem Gefährt.
»Hallo, Mark«, sagte er.
Mark humpelte näher. Seine Chancen, zu Fuß zu fliehen, waren
aussichtslos. Bis zur nächsten Station würde er einen halben Tag brauchen. Das machte
sein Bein nicht mit. Sein Atem klang überlaut im Helm und roch nach alter Medizin.
»Lass mich gehen.«
»Das kann ich nicht.«
»Ich möchte nur zu einer der anderen Stationen und dann zurück zu
meiner Familie.«
»Ich mache dir einen Vorschlag«, sagte Jakob. »Du kommst mit ins
Außenlabor, dort haben wir die Möglichkeit, Deine Erinnerungen zu löschen. Dann lassen
wir dich gehen.«
»Lobotomie? Wie soll ich euch vertrauen, nachdem Sara auf mich
geschossen hat?«
»Das war ein bedauerlicher Vorfall. Warum sollten wir dich nicht gehen
lassen, wenn du dich an nichts mehr erinnern kannst? Dann haben wir doch nichts mehr zu
befürchten.«
Mark blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen.
»Außerdem«, sagte Jakob, »wirst du sehen, dass unser Vorhaben gar
nicht so schlimm ist. Vielleicht willst du dich uns anschließen, wenn du erst einmal
verstehst ...«
Mark hatte da seine Zweifel. Aber es brachte nun nichts, sie zu
äußern.
Im Außenlabor schnallten sie ihn auf eine schwarze Liege, über der eine Apparatur
schwebte, die ihn an alte Frankensteinfilme erinnerte.
»Ich sag dir was«, sagte Jakob. »Wir werden deine Erinnerungen gar
nicht löschen. Wir machen etwas Besseres. Dann können wir gleich überprüfen, ob alles
wieder richtig funktioniert.«
Er lächelte Sara zu, die vor einem kleinen Bildschirm saß und
irgendwelche Daten in die Tastatur hämmerte.
»Wir werden einfach unser Projekt auf dich anwenden, dann wirst du all
die unliebsamen Erinnerungen verdrängen oder gar nicht mehr für wichtig halten. Sie sind
es auch nicht. Das Projekt ist wichtiger.«
Vielleicht hätte Mark doch den Versuch unternehmen sollen, zu Fuß zu
flüchten. Jetzt war es zu spät.
»Nein«, versuchte Mark es mit Widerspruch. Er war zu schwach,
überzeugend zu klingen.
»Wir geben dir Träume, alter Junge«, sagte Jakob. »Die Hoffnung,
dass dein miserables Leben doch noch eine gute Wendung nimmt. Der Glaube kann Berge
versetzen!«
Sara kam heran und schnallte Marks Arme, Beine und den Kopf fest.
»Keine Angst«, sagte sie. »Es tut nicht weh.«
»Was ist die Schwarze Sonne?«, versuchte es Mark noch einmal.
Sara seufzte. »Es ist eine Metapher für einen psychischen Zustand.
Munro hat den Begriff gewählt, etwas unglücklich, wie ich finde. Es geht darum, eine Art
Leere zu erschaffen. Zu erkennen, dass es zu jeder Aussage eine Gegenaussage gibt, damit
sie sich wechselseitig aufheben. So wie Materie, die auf Antimaterie trifft. Durch das
Verstrahlen der Materie entsteht Energie und aus dieser neuen Energie kann man
etwas Neues formen. Ich glaube, Munro bezog sich bei dem Begriff auf das alchemistische
Symbol der Prima Materia, also den Urstoff. Wir lösen das natürliche
Wertesystem auf und ersetzen es durch ein neues, ein künstlich erschaffenes - das, was
Munro CULTUR nannte.«
»Es ist alles eine Frage der ... Schwingungen«, sagte Jakob. »Wir
haben einen Weg gefunden, die biochemischen Zustände im Menschen zu verändern und zwar
durch ... Strahlung. Ich nenne es mal Strahlung, ich weiß keinen besseren Begriff.
Anfangs hatten wir es im Trinkwasser, aber das war nicht so wirkungsvoll. Jetzt haben wir
eine bessere Technik. Wir tun nichts Böses, Mark. Wir machen die Menschen
glücklich oder zumindest langfristig zufrieden. Wir produzieren in ihnen
natürliche Antidepressiva, damit sie den Alltag überstehen. Natürlich nicht zu viel,
das würde die Grundfesten unserer Zivilisation zerstören. Sie sollen ein wenig
unzufrieden sein, damit sie konsumieren. Aber wir mildern ihr Leid, damit sie fähig sind,
Hoffnung zu haben, und damit sie ihre Lebensumstände ertragen.«
Sara fuhr fort: »Zur Jahrtausendwende war die Zahl der Selbstmorde
höher als die der Verkehrstoten und das lag nicht an einem verbesserten
Verkehrssystem. Das gab der UnSpAl zu denken. Im Menschen zeichnete sich eine Veränderung
ab, man könnte sagen, so etwas wie eine Bewusstseinserweiterung oder einen Schritt weiter
auf der Leiter der geistigen Entwicklung. Der Sinn für das Leben fand sich nicht mehr bei
alten Männern mit Bart oder in der Arbeit; stattdessen suchte man einen Sinn in der
Freizeit, in den romantisierten Vorstellungen von Leben, wie sie in den Medien vorgespielt
wurde. Die große Liebe, das Leben als Abenteuer und so weiter. Die Diskrepanz zwischen
dem Sein und dem Zu-Sein-Haben, also die Anforderungen an ein Leben, die einem als Werte
durch Filme, Fernsehen und Bücher vermittelt wurden, wuchs ins Unermessliche. Und es
wurden nach und nach immer mehr Rufe laut, dass es so nicht weitergehen könne.«
»Schau«, sagte Jakob. »Eigentlich ist alles ganz einfach. Diese neuen
Denkansätze waren gefährlich für das alte System; sie hatten sich wie eine Krankheit
eingenistet und breiteten sich langsam aus. Wir können diese Krankheit therapieren. Krank
ist, was von der Norm abweicht. Wir führen die Menschen wieder in die Normalität
zurück. Sieh dir nur an, was derzeit auf der Erde passiert. Die Unruhen, die Selbstmorde,
die Depressionen ... Munro, Ria und Johnson haben die Übertragung gestört, wir mussten
es reparieren, damit nicht noch mehr Unheil passiert.«
Mark spürte, wie sein Geist durch die Tabletten träge wurde. »Sollte
das System nicht eher uns dienen als wir dem System?«, fragte er mühsam.
»Ja«, sagte Sara. »Aber unser System ist gut so wie es ist, weil die
meisten Menschen damit zufrieden sind und zumindest eine Chance auf Glück haben.«
»Dank der Betäubung ...«, sagte Mark.
Keiner der beiden antwortete.
»Was hat es mit der Schwarzen Sonne, mit Munros Aufzeichnungen wirklich
auf sich? Ich glaube nicht, dass es Munro darum ging, ein neues Wertesystem aufzubauen«,
sagte er.
Jakob sah unglücklich aus. »Ketzereien, mehr nicht.«
»Munro und die anderen versuchten herauszufinden, wie es ohne die
Beeinflussung der CULTUR aussieht«, sagte Sara. »Wie die natürliche Weiterentwicklung
des menschlichen Geistes verlaufen würde. Sie haben dadurch so etwas wie die bereits
erwähnte absolute gedankliche Leere erreicht, in der sich alle Ansichten durch ihr
Gegenteil aufhoben. Sie sind wahnsinnig geworden, mehr nicht. Sie haben erkannt, dass
alles ein Produkt des menschlichen Geistes ist und versucht, mit diesem Konzept zu leben,
anstatt die Leere mit neuen Weltbildern und Ideen zu füllen. Aber ihre Konditionierung
hat natürlich immer wieder nach einem Sinn gesucht und letztendlich zu ihrem Selbstmord
geführt.«
Irgend etwas klang daran nicht richtig, fand Mark. Was es war, konnte er
aber nicht erfassen. Müdigkeit und Schmerz füllten sein Inneres. Mark hatte den Eindruck
gehabt, als seien Munro und die anderen beiden mit dem Zustand der Leere zufrieden
gewesen, nicht wahnsinnig, sondern einfach zufrieden. Aber eben unkontrollierbar. Weder
die UnSpAl noch sonst irgendein Unternehmen, eine Macht, Regierung oder Vereinigung hatte
die Möglichkeit, sie zu beeinflussen. Und ging es nicht darum?
Einen Moment lang dachte er, dass er Sina und Markus nie wiedersehen
würde ... Jakob würde ihn nicht gehen lassen. Egal, was er versprach.
Die Decke des Außenlabors war durchsichtig. Mark starrte in die Dunkelheit des Alls.
Vielleicht lag es an den Drogen oder an Munros Worten, die ihm wieder in den Sinn kamen,
denn einen Moment schien es, als lösten sich alle Begrenzungen auf, und die Schwärze des
Weltraums vereinigte sich mit dem, was Mark am ehesten als seine Seele bezeichnen
würde. Leere, Licht-, Zeit- und Raumlosigkeit; keine Ängste, kein Ich, keine Trennung,
nur absolutes Sein.
»Etwas stimmt nicht«, sagte Sara.
Jakob schaute auf.
»Es ist eine Art Rückkopplung.« Sie hämmerte auf der Tastatur herum,
so schnell, dass es fast wie wahlloses Herumtippen wirkte. »Wir müssen abbrechen«,
sagte sie.
Jakob schüttelte den Kopf. »Wir warten noch einen Augenblick. Wir
kriegen seinen Geist schon klein.«
Kurz daraufschüttelte Sara den Kopf. »Lass uns abbrechen,
bevor ...«
Eine Alarmsirene übertönte ihre Worte.
»Scheiße!« Jakob sprang zur Konsole, drückte einige Knöpfe, legte
mehrmals einen Hebel um, aber nichts änderte sich.
Einen Meter über Marks Kopf schwebte ein kleiner schwarzer Punkt. Mark
blickte genau auf dieses kleine, kreiselnde Etwas, das rasch größer wurde und violettes
Licht ausstrahlte.
»Die Schwarze Sonne«, sagte Jakob ungläubig und griff nach dem
Holzkreuz auf seiner Brust. Seine Lippen bewegten sich, als würde er beten.
Sara wurde bleich. »Wir müssen sie eindämmen«, schrie sie,
»bevor ...«
Aber Jakob rührte sich nicht.
Marks Bewusstsein kehrte langsam zurück. Er nahm eine angenehme Kühle
wahr, die ihn umschloss. Sie schien von dem tennisballgroßen schwarzen Ding über seinem
Kopf auszugehen. Das Licht im Labor brannte in Marks Augen, und er wünschte sich, das
schwarze Ding würde mehr davon absorbieren.
Jakob riss sein Kreuz hoch und hielt es der Schwarzen Sonne entgegen. Er
brüllte irgend etwas auf Latein, von dem Mark nur »Satanas« verstand. Mark musste über
Jakobs Benehmen lachen. Er fühlte sich ein wenig high wegen der
Schmerztabletten.
Sara schien Jakob auch nicht mehr ernst zu nehmen. Sie stieß ihn
beiseite und hantierte an der Apparatur über Marks Liege herum. Die Schwarze Sonne hatte
nun die Größe einer Wassermelone. Das purpurne Licht, das sie ausstrahlte, schien Risse
im Raum zu hinterlassen, schien die molekulare Struktur der Dinge anzufressen ... aber
vielleicht waren auch das nur die Drogen. Bestimmt waren es die Drogen, sagte
sich Mark. Das alles konnte nicht real sein, auch wenn sich wie von selber die Lederriemen
von Kopf und Armen und Beinen lösten und er plötzlich senkrecht neben der Liege stand,
die Schwarze Sonne noch immer einen Meter von seinem Kopf entfernt.
»Hör auf!«, brüllte Sara, und Mark merkte erst einige Sekunden
später, dass sie ihn meinte. Er war sich nicht bewusst, dass er irgendetwas tat,
mit dem er hätte aufhören können.
Jakobs Holzkreuz verbog sich und löste sich wie in Zeitlupe in Nichts
auf.
Mark runzelte die Stirn. Was ging hier vor? Vorsichtig streckte er die
Hand nach dem schwarzen Ding aus, das nun einen Durchmesser von fast einem Meter hatte. Je
näher die Hand ihm kam, desto kälter wurde es. Er traute sich nicht, die Hand
hineinzustecken.
Jakob brach zusammen. Sara eilte ihm zu Hilfe und lag im nächsten
Moment neben ihm. Mark spürte eine seltsame Anziehung, eine Verbindung zwischen dem Ding
und seinem Kopf. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, durchbrach die Verbindung,
und mit einem Plopp löste sich das Ding von ihm und schwebte zur Decke.
Mark kniete neben Sara nieder. Für Jakob konnte er nichts mehr tun. Der
Priester war tot. Aber Sara atmete noch. Sie öffnete unter Schmerzen die Augen. Mark hob
vorsichtig ihren Kopf und legte ihn in seine linke Armbeuge. Eine Träne rann ihre rechte
Wange hinunter. Mark wischte sie weg.
»Mir ist kalt. Ich bin ... so müde«, sagte sie und sah dabei um
zwanzig Jahre gealtert aus. »Ich kann nicht mehr ...«
»Pssst«, sagte Mark und wusste nicht, was er tun sollte. »Ich bringe
dich zu einer der anderen Stationen, da werden sie dich verarzten.«
»Nein.« Ihre Stimme war kaum noch zu hören. Ihre Hand umfasste seine
Rechte, die an ihrer Wange lag. »Vernichte die Schwarze Sonne. Sie wird sonst ... Moloch
... schwarzes Loch ... wie Antimaterie, frisst alles ...« Sie hatte kaum noch Kraft,
zu sprechen. »Bitte vergib mir«, flüsterte sie, und ihr Blick war so flehend, dass er
für einen Moment mit Tränen kämpfen musste.
»Natürlich«, sagte er. Dann erstarb ihr Blick, ihre Hand glitt
schlaff von der seinen.
Es war Zeit, die Mondstation zu verlassen. Die selbstgebastelten Sprengladungen würden
genügen, das Außenlabor und die wichtigsten Teile der Station zu vernichten. Er hoffte,
sie genügten auch, um das schwarze Ding zu zerstören, das sich langsam, aber unbeirrbar
durch die Realität fraß oder durch das, was er bisher für die Realität
gehalten hatte.
Er setzte sich in den Buggy und beschleunigte, während hinter ihm die
Station implodierte. Falls die Schwarze Sonne nicht zerstört wurde, dann würde sie
weiterwachsen, dachte er. Immer weiterwachsen ...
Er stellte Sun Ra an und sang mit, während er aus dem Parsons-Krater
herausraste: »Space is the place ...«
Ah, sagte er sich nach einer Weile und drehte die Musik ab. Zurück
zur Erde.
© 2005 Ralph Doege
Graphiken: Franz Miklis
© 2005 |
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