Stadtbahn-Enthusiasten
theilen die Bevölkerung dieser Erde in solche ein, welche mit der »Berliner Stadtbahn«
gefahren und in diejenigen, welche dieses Vergnügens noch nicht theilhaftig geworden
sind; und wiederum Andere haben die Meinung ausgesprochen, daß die Reichshauptstadt das
gewaltige Werk einige Jahrzehnte zu früh erhalten habe, daß der Berliner Verkehr bei all
seinem rapiden Wachsthum während der letztvergangen fünfzehn Jahre doch noch nicht
bedeutend genug sei, um eines so großartigen Verkehrsmittels zu bedürfen.
Die Wahrheit -- wie allüberall -- möchte auch hier in der Mitte
liegen. Der »Triumph der Technik, der Stolz der Reichshauptstadt,« wie der
Eisenbahnminister Maybach einmal die Stadtbahn nannte, hat in Deutschland wie im Auslande
die vollste Anerkennung gefunden. Die flotte Weltstadt an der Seine baut jetzt, weil sie
sich von der deutschen Centrale nicht überflügeln lassen will, eine Stadtbahn, welche
den Namen »chemin de fer métropolitain« führen und sich netzartig über ganz Paris
ausbreiten soll; und auch die schöne Kaiserstadt an der Donau hat den Bau einer »Wiener
Stadtbahn« concessionirt, und all das hat, kann man mit Heinrich Heine sagen,»das hat mit ihrer Eröffnung
die Berliner Stadtbahn gethan.«
Londons unterirdische, schmutzige, feuchte Stadtbahnen eiferten nicht
sonderlich zur Nachfolge an; jetzt aber, nach Eröffnung der luftigen, höchst sauberen
und geschmackvoll ausgeführten »Berlinerin« regt sich's allerorten, sei es mit
Elektricität, mit Dampf oder mit condensirter Luft betriebene und über die Dächer weg
geführte Bahnen zu bauen.
Das Projekt der Berliner Bahn rührt von dem tüchtigen Baumeister Orth
her, der vor zwölf Jahren in einer Broschüre »Berliner Centralbahn« den Bau anregte.
Oberbaurath Hartwich nahm das Orth´sche Projekt auf, modificirte dasselbe und führte es
in´s Leben. Es thut dem Verdienst der ersten Bauunternehmer keinen Abbruch, daß die
Gesellschaft, welche den Bau begann, nicht in der Lage war, denselben bis zum Ende
durchzuführen, und daß der besser ausgerüstete Staat den Weiterbau übernehmen mußte.
Orth, Hartwich und Dircksen verdanken wir das kolossale Werk, welches 65 Millionen Mark
kostete -- sechs Millionen Mark pro Kilometer, während die Londoner unterirdische Bahn 14
Millionen Mark für dieselbe Strecke verschlang --, und daß am 1. Juli 1882 für den
lokalen Verkehr wie externen Verkehr fertig gestellt wurde. Der Betrieb der Berliner
Stadtbahn -- das muß rückhaltlos anerkannt werden -- wird von dem Eisenbahndirektor Wex
und seinem gesammten Stabe musterhaft verwaltet. Wenngleich aber sieben- bis
achtmalhunderttausend Personen im Monat die Stadtbahn benutzten, war eine einigermaßen
ins Gewicht fallende Verzinsung des Anlagekapitals im ersten Jahre nicht zu erzielen. Doch
ist alle Hoffnung vorhanden, daß dies in der Folge geschehen wird. »Wer´s Recht hat und
Geduld« sagt Göthe -- »für den kommt auch die Zeit«, und immer wird der alte Satz
sich bewahrheiten, daß jede Erleichterung des Verkehrsbedürfnisses den Verkehr selbst in
ungeahnter Weise steigert.
Dringend nothwendig möchte es sein, daß ein weiterer Ausbau der
Stadtbahn so bald wie möglich erfolge, daß auch der Süden und Südwesten wie der Norden
Berlins Anschluß an die jetzige Strecke erhalte. Dieser Schritt wird ernsthaft in
Erwägung gezogen. Der Erbauer der Stadtbahn selbst, Herr Geheimrath Dircksen, hat in
einem Vortrage ausführlich dargelegt, wie er sich den weiteren Bau von »Berliner
Hochbahnen« denke; und eine für die Erwerbung des Schinkelpreises ausgeschriebene
Concurrenz behandelt ein Hochbahnprojekt »Spittelmarkt-Schöneberg« und »Hallesches
Thor-Oranienburger Thor.« --
Eine Fahrt mit der Berliner Stadt- und Ringbahn zählt nun zu dem
Interessantesten, was die deutsche Reichshauptstadt zu bieten hat. »In Berlin gewesen und
mit der Stadtbahn nicht gefahren sein« ist eine ebenso große Versündigung an den
heiligen Vorschriften Bädekers, als »in Rom gewesen und den Papst nicht gesehen haben.«
Vormals lernte der Berlin besuchende Fremde nur das kleine Stück kennen, welches sich in
einem engen Kreise um die »Kranzlerecke dreht, jetzt sieht er in wenigen Stunden auf
einer Stadt- und Ringbahnfahrt die ganze Weltstadt, den vornehmen Westen, wie das
internationale Centrum, die Industriestadt im Norden und Osten wie die ganze hübsche
Umgebung Berlins.
Was wir auf einer solchen Fahrt von der aufblühenden deutschen
Kaiserstadt schauen, ein wenig Geschichte über alle die im Gesichtskreise liegenden
Oertlichkeiten und eine Menge daran geknüpfter Geschichten enthalten die nachfolgenden
Blätter, die mein Freund Lüders mit Illustrationen versehen hat. Mögen die
Aufzeichnungen freundliche Aufnahme finden. |
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