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Horror furiosa

Ein Gespräch mit dem Verleger Walter Diociaiuti, Eloy Edictions

von Uwe Voehl

Science Fiction > Alien Contact | Interview
Uwe Voehl: Walter, wie kommt ein Italiener darauf, in Deutschland einen Kleinverlag zu gründen und deutsche Horrorautoren zu verlegen?

Walter Diociaiuti: Schon seit fast drei Jahren lebe ich in Deutschland. Als ich angekommen bin, konnte ich kein Wort Deutsch und ich habe sehr darunter gelitten, keinen deutschen Autor lesen zu können. Das war für mich einer der Gründe, der mich dazu veranlasst hat, eure Sprache schnell zu lernen. Nach ungefähr einem Jahr bin ich auf die Idee gekommen, eine Anthologie mit italienischen und deutschen Autoren herauszugeben. Ich skizzierte meinem Kollegen Peter Patti, einem italienischen Schriftsteller, der seit 25 Jahren in Brechts Heimat lebt, das Projekt und im August 2004 hat diese von mir und Peter herausgegebene Anthologie, deren Titel PsychoGhost (Ubooks Verlag, Augsburg 2004) lautet, das Licht der Welt in Deutschland erblickt und steht kurz davor, auch in Italien veröffentlicht zu werden. Dabei hatte ich die Möglichkeit, einige der besten Horrorautoren Deutschlands wie Boris Koch, Jörg Bartscher Kleudgen, Christian von Aster, Eddie Angerhuber und viele andere kennen zu lernen. Danach habe ich mehrere internationale Anthologien herausgegeben, an denen auch deutsche Autoren teilgenommen haben und dadurch habe ich mit noch mehr deutschen Autoren Kontakt aufgenommen. Die Idee einen Verlag zu gründen, entstand während eines Telefongespräches zwischen Peter und mir. Es war Oktober 2004. Der Verlag wurde von Peter, Thomas Gleich und mir Ende Oktober unter dem Namen Eloy Edictions gegründet und unsere ersten Produktion sind Michael Siefeners Roman Der Teufelspakt, der Storyband Der adressierte Junge von Boris Koch und der böse Krimi Im Schatten der Götter von Christian von Aster. Auf unserer Homepage  www.eloyed.com werden alle Neuerscheinungen vorgestellt und man kann die Bücher dort auch bestellen. Alles ist ziemlich schnell gelaufen ... In den nächsten Monaten werden wir eine von Paul Kane und mir herausgegebene Anthologie zum Thema »Zombies« mit ausschließlich englischen Autoren (Simon Clark, Chris Fowler, Tim Lebbon, Paul Finch, John B. Ford, Maynard & Sims, Paul Kane und viele anderen), einen Storyband von Paul Kane, einen Roman des Amerikaners MF Korn und einen von Danilo Arona, dem derzeit besten Autor Italiens, veröffentlichen.

Uwe Voehl: Das klingt nach einer Menge Arbeit – und nach vielen interessanten Büchern, auf die ich mich freue. Vor allen Dingen bin ich gespannt auf Danilo Arona, weil italienische Horrorautoren bei uns so gut wie unbekannt sind. Wie sieht die Horrorszene in Italien aus?

Walter Diociaiuti: Es gibt in Italien viele gute Horrorautoren, genauso wie in Deutschland. Und es gibt leider auch dieselben Probleme: Die großen Verlage weigern sich, Horrorautoren (außer Stephen King, Peter Straub, Dean Koontz und Anne Rice) zu verlegen. Alles dreht sich um kleine Verlage. Triste Realität ... Keiner von unseren Horrorautoren kann es sich leisten, nur vom Schreiben zu leben. Einige Autoren, die in der Vergangenheit Horrorromane schrieben, wie die jetzt auch ins Deutsche übersetzten Carlo Lucarelli, Valerio Evangelisti und Eraldo Baldini, haben das literarische Genre wechseln müssen, damit die größeren Verlage ihre Werke veröffentlichen.

Uwe Voehl: In deiner Anthologie PsychoGhost stellst du jeweils elf italienische und elf deutsche Autoren vor. Kannst du uns zu einigen der italienischen Autoren und ihrem Stellenwert in Italien etwas erzählen?

Walter Diociaiuti: Gerne. Der bekannteste Autor unter den Italienern, die an PsychoGhost teilnehmen, ist Gianfranco Nerozzi. Er ist der Autor zahlreicher sehr erfolgreicher Romane in Italien. Sein L’ Urlo della Mosca (Der Schrei der Fliege) ist ein echtes Meisterwerk. Die anderen Autoren, die mitwirken, sind aber auch ziemlich bekannt in der italienischen Horrorszene. Paolo Di Orazio, zum Beispiel, ist trotz seines jungen Alters der erste von uns, der schon Ende der 80er Jahre ausgezeichnete Horrorromane geschrieben hat.

Uwe Voehl: Was unterscheidet die Horrorliteratur in Italien von der deutschen? Was ist »typisch italienisch«? Was »typisch deutsch«?

Walter Diociaiuti: Es ist klar, dass zwei verschiedene Kulturen zwei verschiedene Spielarten des Horrors zeigen. Auch das Milieu spielt dabei eine große Rolle. Mir ist ein Unterschied aufgefallen: Die Italiener, im Gegensatz zu den Deutschen, behandeln selten Themen, die mit dem Übernatürlichen zu tun haben. Sie haben sich ziemlich schnell von den Vätern des Horrors wie Poe, Lovecraft, und Stoker entfernt. Wahrscheinlich zu schnell ...

Uwe Voehl: Das Übernatürliche – oder zumindest der Eindruck oder die Möglichkeit einer übernatürlichen Erklärung – ist für mich die Grundvoraussetzung für eine Horrorgeschichte, wie ich sie verstehe. Lovecraft und Stoker waren Phantasten des Übernatürlichen, anders als Poe. In vielen seiner Geschichten ist sowohl das Grauen als auch die Grausamkeit das beherrschende Thema, weniger das Übernatürliche. In den siebziger Jahren hatten wir in Deutschland dafür den trivialpopulistischen Begriff »Terror« – also Schrecken. Was also sind die bevorzugten Sujets der italienischen Horrorliteratur?

Walter Diociaiuti: Bis Ende der Achtziger – Anfang der Neunziger Jahren war das Übernatürliche sicherlich das Hauptthema in der italienischen Horrorliteratur, später aber ließen sich die Autoren immer mehr von ihren amerikanischen Kollegen inspirieren. Splatter und Splatterpunk fingen an, die Szene mit ihren grausamen Bildern zu beherrschen. Daraus wurde eine wahrhafte Kunst und sogar in Italien profilierten sich einige Namen: Nerozzi und Di Orazio, dazu Alda Teodorani und einige mehr. Geister und Vampire schienen damals nur bedingt eine Rolle in der italienischen Horrorlandschaft zu spielen, dafür bevölkerten Serienmörder und ähnliche üble Erscheinungen nicht nur die Filme, sondern auch die Buchseiten. In diesem dritten Jahrtausend neigen die Autoren dazu, verschiedene Genres zu mixen: SF und Horror, oder Krimi/Noir und Horror. Genia, Nerozzis letztes Werk, ist ein gutes Beispiel dafür. Das ist es, was man Crossover nennt. Auch mein neuer Roman Delirium, der in Mai erscheinen wird, trägt alle Merkmale eines genreübergreifenden Werkes. Er erzählt von einem Musiker, der in den Abgrund des Wahnsinns abstürzt. Seine Liebesgeschichte wird zu einem wahrhaften Alptraum. Dass es sich um einen Horrorroman handelt, nimmt man nur in den letzten Seiten wahr, wenn Voodoo ins Spiel kommt.

Uwe Voehl: Genau, du schreibst auch selbst. In Italien hast du die drei Romane Befania, Deviazioni und Lysergika und eine Rock-Horror-Trilogie Diabolus in Musika, die aus drei Novellen besteht, veröffentlicht. Besteht die Chance, diese Bücher auch mal auf Deutsch zu lesen?

Walter Diociaiuti: Das will ich hoffen! Ich übersetzte gerade Diabolus in Musika ins Deutsche. Es läuft ziemlich schleppend, weil ich mich gleichzeitig mit vielen anderen Übersetzungen beschäftigen muss. Schau mer mal ...

Uwe Voehl: Geschichten von dir sind darüber hinaus auch in den USA und England erschienen. Wie kam es dazu?

Walter Diociaiuti: Es liegt daran, dass ich auch auf Englisch schreibe. Ich bin 14 Jahre lang Profimusiker gewesen und habe immer mit englischen und amerikanischen Kollegen im Ausland (davon eine lange Zeit in New Orleans) gearbeitet. Während jener 14 Jahre habe ich fast nur Englisch gesprochen und darüber hinaus Bücher auf Englisch gelesen. All das hat mich dazu geführt, verschiedene Geschichten und eine Novelle »The Armory« (die in den nächsten Monaten bei einem kleinen Verlag in den USA erscheinen wird) auf Englisch zu schreiben.

Uwe Voehl: Wir Deutschen verbinden mit dem Italienischen eher das Leichte, Fröhliche, Unbeschwerte. Die Lockerheit. Die Werbung, die sich insbesondere dieser Klischees bedient, ist voll davon. Wie passen da die dunklen Seiten italienischer Horrorliteratur ins Bild? Ist der Horror, die dunklen Seiten der Seele, eher eine Randerscheinung in Italien oder eine tief unter der Oberfläche verankerte Charaktereigenschaft italienischer Mentalität?

Walter Diociaiuti: In Wirklichkeit versteckt sich eine gequälte Seele hinter der klischeehaften »Lockerheit« der Italiener. Archaische Legenden und dunkle Mythen gehören zum kulturellen Erbe dieses Volkes. Jede Region, jede Stadt, ja sogar jedes Dorf ist auf den Trümmern einer unsäglichen Urangst gebaut. Wer die Bräuche der ersten italienischen Stämme kennt, weißt, dass Furcht und Panik das alltägliche Brot waren. Und in den Genen jedes heutigen Italieners lebt der Alptraum weiter. Unsere Großeltern erzählen uns immer noch haarsträubende Geschichten über Werwölfe, verhexte Häuser, Dämonen usw. In einer industriellen Stadt wie Turin (und nicht nur dort) wächst und gedeiht der satanische Kult. Wie du siehst, wachsen auf unserem Boden schwarze Früchte.

Uwe Voehl: Wie definierst du für dich persönlich den Begriff Horror?

Walter Diociaiuti: Das ist eine gute Frage. Spontan würde ich gern antworten, dass Horror alles ist, was aus unseren Kugelschreibern kommt, aber leider ist das nicht so. Wahrscheinlich nur ein Teil davon. Der wahre Horror ist das, was wir um 20 Uhr jeden Abend in den Nachrichten hören. Das macht mir Angst.

Uwe Voehl: Du hast soviel italienische – für mich – neue Namen ins Spiel gebracht, daher die Frage, welchen italienischen Autor, welches Buch würdest du insbesondere weiterempfehlen?

Walter Diociaiuti: Danilo Arona. Seine ganze Produktion ist klasse! Und sein Roman La Stazione del Dio Suono (Der Bahnhof des Klanggottes) ist der beste italienische Horrorroman aller Zeiten. Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die vieler italienischer Rezensenten.

Uwe Voehl: Und welche sonstigen Autoren – deutsch oder international?

Walter Diociaiuti: Ich fange mit den Autoren Deutschlands an: Ich muss zugeben, dass ich von der deutschen Horrorszene sehr beeindruckt bin. Es gibt einige Autoren, die mir gefallen und bei denen ich mich bedanken muss. Durch die Übersetzungen ihrer Geschichten oder Romane habe ich die Möglichkeit gehabt, meine Sprache zu verbessern. Jörg Bartscher Kleudgen, Boris Koch, Michael Siefener und Christian von Aster sind nicht nur meine deutschen Lieblingsautoren, sondern auch meine Lehrer in der deutschen Sprache und ihrer stilistischen Eigentümlichkeiten. Was englische und amerikanische Horrorschriftsteller anbelangt, wäre ich langweilig, wenn ich das gleiche Quartett wieder zitieren würde. Ich bin der Meinung, dass Autoren wie King, Straub und Koontz mit ihren letzten Veröffentlichungen unter ihrem Niveau geblieben sind. Es gibt viele andere Autoren in Großbritannien und in den USA, die großartig Werke hervorbringen: Michael Laimo, Joe Nassise, Craig Spector (von ihm habe ich seinen noch nicht erschienenen neuen Roman Underground: Prima!), Tom Piccirilli, Elizabeth Massie, Thomas Ligotti, Simon Clark, Chris Fowler, Tim Lebbon, Paul Finch, Paul Kane und viele andere.

Uwe Voehl: Welche Projekte möchtest du in der näheren Zukunft verwirklichen?

Walter Diociaiuti: Na ja, zum Beispiel meine Spaghetti-Aussprache verbessern... (lacht). Aber Spaß beiseite. Es laufen bereits unterschiedliche Projekte für 2006 bei Eloy Edictions, über die ich jetzt nicht sprechen will, denn es ist noch ein bisschen zu früh. Ich kann euch nur versprechen, dass wir alles Mögliche tun werden, damit die Leser die Gelegenheit haben, auch noch nicht ins Deutsche übersetzte ausländische Autoren lesen zu können.

Uwe Voehl: Ich bin gespannt darauf! Und welche Wünsche oder Ziele – privat wie schriftstellerische – hast du auf lange Sicht? So etwas wie einen Wunschtraum?

Walter Diociaiuti: Einen Wunschtraum? Natürlich habe ich den, und zwar von einem großen Verlag veröffentlicht zu werden, sowohl in Italien und Deutschland als auch in den USA ... Dream on ...

© 2005 Uwe Voehl


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