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| Man stelle sich einen Roman
vor, dessen Hauptfiguren Computerprogramme sind, die über weite Strecken theoretische
Fragestellungen erörtern. Unmöglich? Unlesbar? Nicht, wenn die Ideen, die darin
entwickelt werden, mit derart atemberaubender Präzision unsere Realität erweitern wie in
Egans neuem Roman. Tausend Jahre in der Zukunft existiert ein Großteil der Menschheit in
unterirdisch gelagerten Hardwarekomplexen, als extrem schnell ablaufende, bewußte
Computersimulationen. Das Leben hat eine neue Qualität, nicht nur die erlebte Umwelt,
auch der eigene Gemütszustand kann nach Gutdünken gestaltet werden. Die physikalische
Außenwelt der »Körperlichen« ist nur noch von gelegentlichem Interesse - bis eines
Tages eine unvorhergesehene kosmische Katastrophe das allgemein akzeptierte Modell des
Universums in Frage stellt. Die Diaspora der Menschheit beginnt: In tausendfachen Kopien
schwärmen die Helden des Romans in alle Himmelsrichtungen aus, um die Ursache der
Bedrohung zu erforschen. Auf ihrer Suche nach Antworten treffen sie auf die Botschaft
einer überlegenen Zivilisation. Und die Reise in eine zunehmend fremdartige Welt
erfordert immer neue Anpassungen der ursprünglichen Programmierung, die noch auf den lang
vergangenen, biologischen Lebensformen beruht. Greg Egan ist kein begnadeter Erzähler und seine Charaktere sind blaß. Doch was er hier an Ideen auftischt, läßt solche Einwände zur Bedeutungslosigkeit verkümmern. Man braucht kein Physikdiplom, um ihm zu folgen (obwohl es sicher das Lesen sicherlich bereichern würde), doch zumindest die Bereitschaft zu einiger Gedankenarbeit und auch ein Portion Gelassenheit gegenüber den eigenen Grenzen der Vorstellungskraft. Dann aber wird der Leser einem rauschartigen Erlebnis belohnt, mit einer bizarren, unglaublichen und doch glaubwürdigen Reise durch den menschlichen Verstand - und immer wieder ein Stückchen darüber hinaus. Ein hohes Lob auch an den Übersetzer Bernhard Kempen, der den Text großer Kenntnis und Gewissenhaftigkeit übertragen hat. Greg Egan ist Ideenliteratur in Höchstform, die die ausgetretenen Pfade der Science Fiction weit hinter sich läßt. Allein schon der Stoff des ersten Kapitels wäre die Lektüre des ganzen Romans wert. Darin wird, angelehnt an die menschliche Embryonalentwicklung die Entstehung der Hauptfigur Yatima beschrieben. Ausgehend von einem »Mentalkeim«, einer Reihe erprobter Subprogramme und zufälliger Variationen wird ein »Waisenkind« erschaffen, das Wissen verarbeiten und mit anderen »Programmen« kommunizieren kann. Die Psychogenese mündet in der Erkenntnis: Wer denkt dies? Wer sieht diese Sterne und diese Bürger? Wer denkt über diese Gedanken und diese Wahrnehmungen nach? Ich. Birgit Will UFO Berlin
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