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Greg Egan

Diaspora

Diaspora • 1997

Science Fiction > UFO Buchhandlung | Buch-Tips
Man stelle sich einen Roman vor, dessen Hauptfiguren Computerprogramme sind, die über weite Strecken theoretische Fragestellungen erörtern. Unmöglich? Unlesbar? Nicht, wenn die Ideen, die darin entwickelt werden, mit derart atemberaubender Präzision unsere Realität erweitern wie in Egans neuem Roman. Tausend Jahre in der Zukunft existiert ein Großteil der Menschheit in unterirdisch gelagerten Hardwarekomplexen, als extrem schnell ablaufende, bewußte Computersimulationen. Das Leben hat eine neue Qualität, nicht nur die erlebte Umwelt, auch der eigene Gemütszustand kann nach Gutdünken gestaltet werden. Die physikalische Außenwelt der »Körperlichen« ist nur noch von gelegentlichem Interesse - bis eines Tages eine unvorhergesehene kosmische Katastrophe das allgemein akzeptierte Modell des Universums in Frage stellt. Die Diaspora der Menschheit beginnt: In tausendfachen Kopien schwärmen die Helden des Romans in alle Himmelsrichtungen aus, um die Ursache der Bedrohung zu erforschen. Auf ihrer Suche nach Antworten treffen sie auf die Botschaft einer überlegenen Zivilisation. Und die Reise in eine zunehmend fremdartige Welt erfordert immer neue Anpassungen der ursprünglichen Programmierung, die noch auf den lang vergangenen, biologischen Lebensformen beruht.

Greg Egan ist kein begnadeter Erzähler und seine Charaktere sind blaß. Doch was er hier an Ideen auftischt, läßt solche Einwände zur Bedeutungslosigkeit verkümmern. Man braucht kein Physikdiplom, um ihm zu folgen (obwohl es sicher das Lesen sicherlich bereichern würde), doch zumindest die Bereitschaft zu einiger Gedankenarbeit und auch ein Portion Gelassenheit gegenüber den eigenen Grenzen der Vorstellungskraft. Dann aber wird der Leser einem rauschartigen Erlebnis belohnt, mit einer bizarren, unglaublichen und doch glaubwürdigen Reise durch den menschlichen Verstand - und immer wieder ein Stückchen darüber hinaus. Ein hohes Lob auch an den Übersetzer Bernhard Kempen, der den Text großer Kenntnis und Gewissenhaftigkeit übertragen hat. Greg Egan ist Ideenliteratur in Höchstform, die die ausgetretenen Pfade der Science Fiction weit hinter sich läßt. Allein schon der Stoff des ersten Kapitels wäre die Lektüre des ganzen Romans wert. Darin wird, angelehnt an die menschliche Embryonalentwicklung die Entstehung der Hauptfigur Yatima beschrieben. Ausgehend von einem »Mentalkeim«, einer Reihe erprobter Subprogramme und zufälliger Variationen wird ein »Waisenkind« erschaffen, das Wissen verarbeiten und mit anderen »Programmen« kommunizieren kann. Die Psychogenese mündet in der Erkenntnis: Wer denkt dies? Wer sieht diese Sterne und diese Bürger? Wer denkt über diese Gedanken und diese Wahrnehmungen nach? Ich.

• Birgit Will • UFO Berlin

Romanauszug: Greg Egan, Diaspora
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Greg Egan
Diaspora (London: Millenium/Orion, 1997)
Diaspora, deutsch von Bernhard Kempen (München: Heyne, 2000) [06/6338] Bestellen
Siehe auch:
Romanauszug: Greg Egan, Diaspora
»Subjektive Kosmologie« - Interview mit Greg Egan
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21.05.06 • 10.06.06