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The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Greg Egan

Qual

Distress • 1995 • Auszug

Science Fiction | Stories & Romane

Kapitel 1

»Gut. Er ist tot. Sie können jetzt mit ihm reden.«
Der Bioethiker war ein lakonischer junger Asexueller mit blonden Rastalocken und einem T-Shirt, auf dem zwischen den bezahlten Werbebannern der Slogan UT - NEIN DANKE! aufblitzte. Hie setzte heine Gegenunterschrift auf den Genehmigungsantrag im Notepad der Gerichtsmedizinerin und zog sich dann in eine Ecke des Raumes zurück. Der Traumatologe und der Sanitäter schoben ihre Wiederbelebungsapparate zur Seite, und die Pathologin trat eilig mit der Spritze in der Hand vor, um die erste Dosis Neurokonservator subkutan zu verabreichen. Das Präparat durfte nicht vor dem legalen Tod eingesetzt werden, da es im Verlauf mehrerer Stunden äußerst toxisch auf verschiedene Organe wirkte. Der Cocktail aus Glutamat-Antagonisten, Kalziumkanal-Blockern und Antioxidantien stoppte fast ohne Zeitverzögerung die gravierendsten biochemischen Veränderungen im Gehirn des Opfers.
Der Assistent der Pathologin folgte ihr mit dem Rolltisch, auf dem sich sämtliches Zubehör für eine postmortale Wiederbelebung befand: ein Tablett mit chirurgischen Einweginstrumenten, mehrere elektronische Apparate, eine Pumpe, die an drei Glasbehälter in der Größe von Trinkwasserkanistern angeschlossen war, und ein Gebilde aus supraleitenden grauen Drähten, das wie ein Haarnetz aussah.
   Lukowski von der Mordkommission stand neben mir. »Wenn jeder genauso wie Sie ausgestattet wäre, Worth«, sagte er, »müßten wir solche Prozeduren gar nicht durchführen. Wir könnten das Verbrechen einfach von Anfang bis Ende abspielen. Als würde man Daten aus einem Flugschreiber auslesen.«
   Ich antwortete, ohne den Operationstisch aus den Augen zu lassen. Unsere Stimmen konnte ich später problemlos herausschneiden, aber ich wollte ohne Unterbrechung aufzeichnen, wie die Pathologin die künstliche Blutversorgung anschloß. »Wenn jeder seine optischen Reize aufzeichnen ließe, würden Mörder in Zukunft ihren Opfern vermutlich die Speicherchips aus dem Körper schneiden.«
   »Schon möglich. Aber in diesem Fall hat niemand versucht, am Gehirn des armen Kerls herumzupfuschen.«
   »Warten wir ab, bis die Dokumentation gesendet wurde.«
Der Assistent sprühte ein Enthaarungsenzym auf den Schädel des Opfers und wischte dann die kurzen schwarzen Stoppeln einfach mit der Hand weg. Als er alles in eine Plastiktüte stopfte, erkannte ich, warum es eine zusammenhängende Masse blieb, statt sich wie beim Friseur über den Fußboden zu verteilen. Das Haar hatte sich samt der oberen Kopfhautschichten abgelöst. Nun klebte der Assistent das »Haarnetz« - ein Geflecht aus Elektroden und SQID-Detektoren - auf die nackte rosafarbene Kopfhaut. Nachdem die Pathologin die Blutversorgung angeschlossen und überprüft hatte, machte sie einen Luftröhrenschnitt und schob einen Schlauch hinein, der von einer kleinen Pumpe gespeist wurde, die die Aufgabe der Lungen übernahm. Es war keine künstliche Beatmung, sondern lediglich eine Sprechhilfe. Es war zwar möglich, die Nervenimpulse zum Kehlkopf abzutasten und die beabsichtigten Laute durch rein elektronische Mittel synthetisch zu erzeugen, doch offenbar war die Stimme verständlicher, wenn das Opfer die gewohnten Sinnesempfindungen einer vibrierenden Luftsäule als Feedback spürte. Der Assistent legte dem Opfer eine gefütterte Bandage über die Augen, denn in seltenen Fällen kehrte sporadisch das Gefühl für die Gesichtshaut wieder, und da die Netzhautzellen absichtlich nicht wiederbelebt wurden, stellte eine vorübergehende Augenverletzung die einfachste Lüge dar, um dem Opfer die pragmatisch bedingte Blindheit zu erklären.
   Ich überlegte mir einen möglichen Kommentar. Im Jahre 1888 versuchten Polizeiärzte, die Netzhäute eines Opfers von Jack the Ripper zu fotografieren, in der vagen Hoffnung, das Gesicht des Mörders könnte sich in die lichtempfindlichen Pigmente des menschlichen Auges eingebrannt haben ...
   
Nein, viel zu vorhersehbar. Und irreführend obendrein, denn die Wiederbelebung war kein Prozeß, bei dem Informationen aus einer leblosen Leiche gewonnen wurden. Aber welche möglichen Vorbilder gab es sonst noch? Orpheus? Lazarus? »Die Affenpfote«? »Das verräterische Herz«? Re-Animator? Weder im Mythos noch in der Literatur gab es ein Beispiel, das der Wahrheit nahegekommen war. Es war besser, keine eloquenten Vergleiche zu bemühen. Die Leiche sollte für sich selbst sprechen.
   Der Körper des Opfers wurde von einem Krampf geschüttelt. Ein provisorischer Schrittmacher zwang das in Mitleidenschaft gezogene Herz, wieder zu schlagen. Das Gerät arbeitete mit Spannungswerten, die jede Herzmuskelfaser innerhalb von fünfzehn oder zwanzig Minuten mit elektrochemischen Abfallprodukten vergiftete. Mit Sauerstoff angereichertes Ersatzblut wurde in die linke Herzvorkammer gepumpt, um die Versorgung durch die Lungen zu umgehen. Das Blut wurde nur einmal durch den Körper geschickt, um anschließend durch die Lungenarterien wieder abgelassen zu werden. Ein offenes System machte weniger Probleme als ein geschlossener Blutkreislauf - zumindest kurzfristig. Die notdürftig geflickten Messerwunden in Unterleib und Brustkorb waren ein unappetitlicher Anblick, wenn die hellrote Flüssigkeit herausfloß und über die Rinnen im Operationstisch abgeleitet wurde. Aber durch diesen Vorgang drohte keine Gefahr, denn hundertmal soviel Blut wurde in jeder Sekunde absichtlich aus dem Körper abgelassen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die chirurgischen Larven zu entfernen, die ungestört weiterarbeiteten, als wäre nichts geschehen. Mit ihren Kiefern verschlossen sie die kleineren Blutgefäße und kauterisierten sie auf chemische Weise, während sie gleichzeitig das Wundgewebe säuberten und desinfizierten und blind nach nekrotischem Gewebe und Blutgerinnseln schnupperten, um sie zu verzehren.
   Die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Nährsubstanzen war äußerst wichtig, aber sie konnte nicht den Zerfall rückgängig machen, der bereits eingetreten war. Die eigentliche Wiederbelebung wurde durch Milliarden von Liposomen bewirkt - mikroskopisch kleine Kapseln aus Lipidmembranen -, die zusammen mit dem Ersatzblut in den Körper geschwemmt wurden. In der Membran war ein Schlüsselprotein eingebettet, das an der Trennschicht zwischen Blutkreislauf und Gehirn aufgeschlossen wurde. Damit konnten die Liposomen aus den zerebralen Kapillaren in den interneuralen Raum vordringen. Andere Proteine bewirkten, daß die Membrane mit der Zellwand der ersten passenden Nervenzelle verschmolz, auf die das Liposom stieß. Dann wurde eine komplexe biochemische Maschinerie freigesetzt, mit der das Neuron reaktiviert, von den Abfallprodukten der ischämischen Schädigung gereinigt und vor dem Schock der Reoxygenation geschützt wurde.
   Andere Liposomen waren auf andere Zelltypen zugeschnitten: die Muskelfasern des Sprechapparats - Kehlkopf, Kiefer, Lippen, Zunge - sowie die Rezeptoren des Innenohrs. Die verschiedenen Enzyme und anderen Substanzen dienten letztlich demselben Zweck. Sie brachten die absterbende Zelle in ihre Gewalt und zwangen sie dazu, ihre Reserven für einen letzten, kurzen Aktivitätsschub zu verfeuern.
   Die Wiederbelebung war keineswegs eine glorreiche Rückkehr ins Leben. Sie war nur erlaubt, wenn das langfristige Überleben des Patienten nicht mehr berücksichtigt werden mußte, weil jede Methode, mit der man dieses Ziel hätte erreichen können, bereits versagt hatte.
   Die Pathologin warf einen Blick zum Monitor auf dem Rolltisch. Ich folgte ihrem Blick und sah unregelmäßige Gehirnwellenmuster und schwankende Balkenanzeigen, die die Meßwerte der ausgeschwemmten Toxine und Abfallprodukte darstellten. Lukowski trat erwartungsvoll vor. Ich folgte ihm.
   Der Assistent drückte auf eine Taste. Das Opfer zuckte zusammen und hustete Blut - zum Teil sein eigenes, das dunkel und klumpig war. Die Wellenmuster gingen steil nach oben, bis sie sich glätteten und regelmäßiger verliefen.
   Lukowski nahm die Hand des Opfers und drückte sie leicht - eine Geste, dir mir irgendwie zynisch vorkam, obwohl tatsächlich ein ehrliches Mitgefühl dahinterstehen mochte. Ich blickte mich kurz zum Bioethiker um. Auf heinem T-Shirt stand nun GLAUBWÜRDIGKEIT IST EINE WARE. Ich konnte nicht entscheiden, ob es sich um eine bezahlte Werbebotschaft oder eine persönliche Meinung handelte.
   »Daniel«, sagte Lukowski. »Danny? Können Sie mich hören?« Es gab keine sichtbare körperliche Reaktion, aber die Gehirnwellen schlugen aus. Daniel Cavolini war ein neunzehn Jahre alter Musikstudent. Man hatte ihn gegen elf Uhr bewußtlos und blutüberströmt in irgendeinem Winkel des Town-Hall-Bahnhofs gefunden, - mitsamt Uhr, Notepad und Schuhen. Es war also unwahrscheinlich, daß er einem wahllosen Raubüberfall zum Opfer gefallen war. Ich begleitete die Mordkommission schon seit zwei Wochen und hatte nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Die Genehmigung für eine Wiederbelebung wurde nur dann erteilt, wenn in Anbetracht der Umstände damit zu rechnen war, daß das Opfer den Täter benennen konnte. Die Aussichten, einen Fremden aufgrund einer verbalen Beschreibung zu fassen - ganz zu schweigen von einem Phantombild vom Gesicht des Täter -, standen schlecht. Lukowski hatte erst kurz nach Mitternacht einen Staatsanwalt geweckt, in dem Augenblick, als eine eindeutige Prognose vorlag.
   Cavolinis Haut nahm eine eigentümliche rötliche Färbung an, während immer mehr Zellen wiederbelebt wurden und Sauerstoff aufnahmen. Diese Färbung ging auf die anders gebauten Transportmoleküle im Ersatzblut zurück, die wesentlich effektiver als Hämoglobin arbeiteten, aber genauso wie alle anderen eingesetzten Mittel letztlich toxisch waren.
   Der Assistent der Pathologin drückte einige weitere Tasten. Cavolini zuckte und hustete erneut. Das Ganze war ein schwieriger Drahtseilakt. Die kleinen Gehirnschocks waren notwendig, um die wichtigsten Funktionsrhythmen zu stabilisieren, aber zu starke äußere Einflüsse konnten die letzten Reste des Kurzzeitgedächtnisses auslöschen. Auch nach dem legalen Tod waren tief im Gehirn immer noch Nervenzellen aktiv und konnten mehrere Minuten lang die symbolischen Spannungsmuster aufrechterhalten, die die jüngsten Erinnerungen repräsentierten. Die Wiederbelebung konnte die neurale Infrastruktur wiederherstellen, die notwendig war, um diese Spuren zu interpretieren, aber wenn sie bereits vollständig erloschen waren - möglicherweise durch die Maßnahmen, mit denen man an sie herankommen wollte -, war die Befragung sinnlos.
   »Sie sind jetzt in Sicherheit, Danny«, sagte Lukowski beruhigend. »Sie sind im Krankenhaus. Aber Sie müssen mir sagen, wer Ihnen das angetan hat. Sagen Sie mir, wer Sie mit dem Messer angegriffen hat.«
   Ein heiseres Flüstern drang aus Cavolinis Mund, eine schwache, gehauchte Silbe, dann nichts mehr. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken - aber gleichzeitig geriet ich in eine idiotische Jubelstimmung, als würde ein Teil von mir sich einfach der Tatsache verweigern, daß dieses Lebenszeichen auf gar keinen Fall als Zeichen der Hoffnung anzusehen war.
   Cavolini versuchte es erneut, und beim zweiten Mal war er schon etwas ausdauernder. Sein künstliches Keuchen, das keiner Willenskontrolle unterlag, ließ es klingen, als würde er nach Luft schnappen. Es war sinnlos, so etwas zu tun, aber in Wahrheit litt er gar nicht unter Sauerstoffmangel. Seine stimmlichen Äußerungen waren so brüchig und quälend, daß ich kein einziges Wort verstand. Doch seine Kehle wurde von einer Staffel piezoelektrischer Sensoren abgetastet, die ihre Daten an einen Computer weitergaben. Ich drehte mich um und blickte auf den Bildschirm.

Warum kann ich nichts sehen?
»Ihre Augen sind bandagiert«, erklärte Lukowski. »Einige Blutgefäße haben Schaden erlitten, aber man hat sie repariert. Ich versichere Ihnen, daß keine dauerhaften Schäden zurückbleiben. Sie sollten ... einfach ruhig liegenbleiben und sich entspannen. Und mir sagen, was geschehen ist.«

Wie spät ist es? Bitte. Ich sollte zu Hause anrufen. Ich muß ihnen sagen, daß ...
   »Wir haben Ihre Eltern bereits verständigt. Sie sind unterwegs. Sie werden bald hier sein.«
   Das entsprach sogar der Wahrheit - aber selbst wenn sie innerhalb der nächsten neunzig Sekunden eintrafen, würde man ihnen niemals den Zutritt zu diesem Raum gestatten.
   »Sie haben auf den Zug gewartet, mit dem Sie nach Hause fahren wollten, nicht wahr? Bahnsteig vier. Erinnern Sie sich? Sie wollten den Zehn-Uhr-dreißig-Zug nach Strathfield nehmen. Aber Sie haben ihn nicht bestiegen. Was ist geschehen?« Ich sah, wie Lukowskis Blick zu einer Anzeige unter dem Protokollfenster wanderte, wo ein halbes Dutzend biologischer Parameter aufgezeichnet und vom Computer durch gepunktete Linien verlängert wurden. Alle extrapolierten Kurven stiegen zunächst an und erreichten etwa eine Minute in der Zukunft ihren Höchststand, um dann rapide abzufallen.

Er hatte ein Messer. Cavolinis rechter Arm begann zu zucken, und zum ersten Mal kam Leben in seine erschlafften Gesichtsmuskeln, die sich zu einer schmerzvollen Grimasse verzogen. Es tut immer noch weh. Bitte helfen Sie mir. Der Bioethiker betrachtete die angezeigten Werte auf dem Bildschirm, ohne zu intervenieren. Jedes wirksame Anästhetikum würde die neuralen Aktivitäten viel zu sehr dämpfen, um die Befragung fortsetzen zu können. Es ging um alles oder nichts, um Abbrechen oder Weitermachen.
   »Die Schwester besorgt ein Schmerzmittel«, sagte Lukowski sanft. »Haben Sie Geduld, es wird nicht lange dauern. Aber sagen Sie mir bitte, wer das Messer hatte!« Jetzt glänzten die Gesichter beider Männer vor Schweiß. Lukowskis Arm war bis zum Ellbogen rot. Ich dachte: Wenn du auf dem Bürgersteig vor einem Sterbenden in einer Blutlache stehst, würdest du ihm dieselben Fragen stellen, nicht wahr? Und ihm dieselben Lügen auftischen, um ihn zu beruhigen?
   »Wer war es, Danny?«

Mein Bruder.
   »Ihr Bruder hatte das Messer?«

Nein. Ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist. Fragen Sie mich später noch einmal. Jetzt bin ich noch zu sehr durcheinander.
   »Warum haben Sie gesagt, daß es Ihr Bruder war? War er es, oder war er es nicht?«

Natürlich war es es nicht. Erzählen Sie niemandem, ich hätte so etwas gesagt. Damit bringen Sie mich nur durcheinander. Könnte ich jetzt das Schmerzmittel haben? Bitte.
   Sein Gesicht bewegte sich und erstarrte, es bewegte sich und erstarrte, wie eine Abfolge von Masken, was seinem Leid etwas Stilisiertes, Abstraktes gab. Er begann, seinen Kopf vor und zurück zu bewegen, zunächst nur schwach, dann mit geradezu manischer Geschwindigkeit und Heftigkeit. Ich vermutete, daß er eine Art Anfall hatte, daß die Wiederbelebungsmittel irgendwelche beschädigten Nervenbahnen überreizten.
   Dann hob er die rechte Hand und riß die Bandagen über den Augen fort.
   Er hörte sofort mit den Kopfbewegungen auf. Vielleicht war seine Haut überempfindlich geworden, so daß er die Augenbinde nicht mehr ertragen konnte. Er blinzelte einige Male und starrte dann zur Deckenbeleuchtung hinauf. Ich konnte sehen, wie seine Pupillen sich zusammenzogen, wie seine Augen sich gezielt bewegten. Er hob ein wenig den Kopf und musterte Lukowski, dann blickte er auf seinen eigenen Körper und dessen ungewöhnliche Verzierungen: das farbige Kabel des Schrittmachers, die dicken Blutversorgungsschläuche aus Plastik, die Messerwunden voller blaßweißer Maden. Niemand rührte sich, niemand sagte ein Wort, während er die Nadeln und Elektroden betrachtete, die in seiner Brust steckten, die seltsame rosafarbene Flüssigkeit, die aus seinen Wunden sickerte, seine zerstörten Lungen, die künstliche Luftzufuhr. Der Bildschirm befand sich hinter ihm, aber alles andere konnte er mit einem einzigen Blick erfassen. Es war nur eine Sache von Sekunden, bis er verstanden hatte. Ich konnte geradezu beobachten, wie die Erkenntnis über ihn kam.
   Er öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich in rascher Folge. Nach dem Schmerz kam ein plötzliches Erstaunen und dann die beinahe amüsierte Erkenntnis der Fremdartigkeit der Situation. Vielleicht war darin auch eine Spur von Bewunderung für die perverse Virtuosität, mit der man seinetwegen diese Anstrengungen unternommen hatte. Einen Moment lang wirkte er tatsächlich wie jemand, der sich über einen genialen, boshaften, blutigen Scherz, der auf seine Kosten ging, amüsierte.
   Dann sagte er deutlich, nur unterbrochen von gezwungenen, roboterhaften Keuchern: »Ich ... glau ... be ... nicht ... daß ... das ... eine ... gute ... Idee ... war ... ich ... wer ... de ... nichts ... mehr ... sa ... gen.«
   Er schloß die Augen und ließ sich auf den Operationstisch zurückfallen. Seine Werte gingen rapide nach unten.
   Lukowski drehte sich zur Pathologin um. Er war kreidebleich, aber er hielt immer noch die Hand des Jungen fest. »Wie konnte seine Netzhaut reaktiviert werden? Was haben Sie gemacht? Sie dumme ...« Er hob seine freie Hand, als wollte er sie schlagen, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. Auf dem T-Shirt des Bioethikers stand nun: EWIGE LIEBE IST EIN KUSCHELTIER, DAS AUS DER DNS DEINES LIEBESPARTNERS GEKLONT IST. Die Pathologin ließ sich den Vorwurf nicht gefallen und schrie zurück: »Aber Sie mußten Ihn drängen! Sie mußten immer wieder von seinem Bruder anfangen, während sein Streßhormonindex längst in den roten Bereich geklettert war!« Ich fragte mich, wer entschieden hatte, wie hoch der normale Adrenalinpegel für jemanden liegen sollte, der keine weiteren Probleme hatte, außer daß er an einer Stichverletzung gestorben war. Irgend jemand hinter meinem Rücken stieß eine Kette zusammenhangloser Obszönitäten hervor. Ich drehte mich um und sah, daß es der Sanitäter war, der seit dem Eintreffen der Ambulanz nicht von Cavolinis Seite gewichen war. Mir war gar nicht bewußt gewesen, daß er sich immer noch in diesem Raum befand. Er starrte auf den Fußboden, hatte die Hände zu Fäusten geballt und zitterte vor Wut.
   Lukowski packte mich am Ellbogen und beschmutzte mich mit synthetischem Blut. Er sprach in einer Art Bühnenflüstern, als hoffte er, daß seine Worte auf diese Weise nicht aufgezeichnet würden. »Sie können den nächsten filmen, okay? So etwas ist noch nie zuvor geschehen - niemals! - und wenn Sie der Öffentlichkeit den einzigen Ausrutscher unter einer Million zeigen, als wäre es die ...«
   Der Bioethiker versuchte zu beschwichtigen. »Ich denke, die Richtlinien des Taylor-Komitees hinsichtlich möglicher Einschränkungen reichen aus, um ...«
   Der Assistent der Pathologin drehte sich zornig zu hie um. »Wer hat Sie nach Ihrer Meinung gefragt? Die Verfahrensweise geht Sie überhaupt nichts an, Sie armseliges ...«
   Ein ohrenbetäubendes Alarmsignal ging los, das von irgendwo aus den elektronischen Innereien der Wiederbelebungsapparate kam. Der Assistent beugte sich über die Geräte und hämmerte auf die Tastatur ein, wie ein frustriertes Kind, das seine Wut an einem kaputten Spielzeug ausläßt, bis der Lärm aufhörte.
   In der anschließenden Stille schloß ich kurz die Augen, rief Witness auf und schaltete die Aufzeichnung ab. Ich hatte genug gesehen.
   Dann kam Daniel Cavolini wieder zu Bewußtsein und begann zu schreien.
   Ich sah zu, wie sie ihn mit Morphin vollpumpten und darauf warteten, daß die Wiederbelebungsmittel ihn endgültig töteten.

© 1999 der deutschen Übersetzung:
Bernhard Kempen / Wilhelm Heyne Verlag


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Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis 2000
Bester ausländischer Roman 1999
Beste Übersetzung 1999 (Bernhard Kempen)
Kurd Laßwitz Preis
Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird Straf- und Zivilrechtlich verfolgt.
Greg Egan
Distress (1995) Bestellen
Qual, deutsch von Bernhard Kempen (München: Heyne, 1999) [H06/6319]
Siehe auch
Rezension: Greg Egan: Qual (Distress • 1995)
Interview mit Greg Egan
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28.08.10 • 02.09.10