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Rainer Erler

Die unbefleckte Empfängnis der Angelina de Castillo y Cortez

Shayol | Stories und Romane
Sie schritt aufrecht und selbstbewusst durch den breiten Eingang vom Parkplatz her direkt auf mich zu. Ihre langen, tiefschwarzen und leicht gekräuselten Haare hatte sie zu einem dicken Zopf gebunden, der über ihre linke Schulter zwischen ihre Brüste fiel. Eine weiße Bluse mit langen Ärmeln, aufreizend gespannt über ihrem Busen, war sittsam zugeknöpft, in der Taille aber nur lässig geknotet. Das schmale Becken und die langen, schlanken Beine steckten in superknappen, tiefsitzenden Designer-Jeans. Die nackte Haut darüber war samtbraun.
   Erinnern Sie sich an die junge Elizabeth Taylor? Die alten Filme? Genau dieses Gesicht. Große, rehbraune Augen. Kräftige Augenbrauen. Nicht so modisch schmal gezupfte Striche. Dunkler Flaum über der Nasenwurzel. Elizabeth Taylor in jung. Sehr jung. Nur eben etwas weniger kaukasisch. Mehr Mexiko. Der schräge Augenschnitt der Indios, fern in ihrer Ahnenreihe, nur eine vage Andeutung.
   Die Frau war atemberaubend!
   So etwas läuft hier in Los Angeles frei herum.
   Langweile ich Sie, Doktor, mit dieser rein äußerlichen Beschreibung?

Aber nein ... Erzählen Sie weiter! Wir haben Zeit.

Sie ging also dicht an mir vorüber. Sehr dicht. Sehr nah. Und sie sah mich nicht an. Sie sah niemanden an. Sie schwebte gewissermaßen herein und an allen vorbei, zog einen leeren Einkaufswagen aus der Reihe und ging durch die Sperre, an diesem sich automatisch öffnenden Balken vorbei, hinein in unseren Supermarkt. Und ich hinterher.
   Nein, nicht was Sie jetzt denken, Doktor. Ihr zu folgen, das ist mein Job. Ich hatte so ein Gefühl. Ich habe manchmal so ein Gefühl! Und das hat mich noch nie betrogen.
   Sie ging nach rechts. Alle gehen erstmal nach rechts. Und alle gehen im umgekehrten Uhrzeigersinn durch den ganzen Laden und zweigen nur zu den einzelnen Reihen ab, wenn sie etwas Bestimmtes suchen.
   Rechts beginnt es mit den Grundnahrungsmitteln, erst Brot, dann in den Kühlregalen Milch, Yoghurt, Fruchtsäfte. Ich denke, das ist in allen Supermärkten der Welt das Gleiche.
   Sie hielt sich fest am Griff ihres Trolleys, ging langsam, nachdenklich, Schritt um Schritt, mit lasziv wiegenden Hüften an den endlosen Regalen entlang, und da erst bemerkte ich: Sie war barfuß. Schlanke Fesseln, schmale Füße. Barfuß ist ja nicht allzu ungewöhnlich hier in Southern California, allerdings üblich nur in gewissen Kreisen und in einem gewissen Alter. Sie hatte dieses Alter. Alles stimmte an ihr ... Das dachte ich wenigstens ... damals.
   Bin ich zu ausführlich, Doktor? Ich meine, im Hinblick auf mein eigentliches Problem?«

Sprechen Sie alles aus, was Ihnen spontan einfällt! Deshalb sind Sie ja hier.

Ich folgte ihr also. Ging nur wenige Schritte hinter ihr her, schob ebenfalls einen Einkaufswagen, zur Tarnung halb gefüllt. Es war eine Lust, sie von hinten zu beobachten. Sie griff zu Brot, zu Milch, zu Yoghurt. Und bei Pasta passierte schließlich, was ich von Anfang an erwartet hatte: Etliche Packungen Spaghetti landeten nicht in ihrem Trolley, sondern in ihrer großen, ledernen Tasche, die sie an ihrer linken Schulter trug.
   Da greift man natürlich noch nicht ein. Man wartet ab.
   Sie sah sich nicht um, ging langsam weiter. Manche Dinge legte sie in den Trolley, manche verschwanden in ihrer Tasche.
   Besonders bei Dosen griff sie schamlos zu. Die Ledertasche wurde sichtlich ausgebeult und immer schwerer.
   Irgendwann blieb sie stehen, warf einen Blick nach allen Seiten, auch hinter sich, sah mich kurz an, aber ohne mich zur Kenntnis zu nehmen oder Verdacht zu schöpfen. Da wusste ich, es wird Zeit.
   Ich erwartete sie im Vorraum, außerhalb der Kassen. Sie bezahlte, was alles so in ihrem Trolley war, bar, ohne Kreditkarte. Das war bereits verdächtig. Offensichtlich kein ständiges Einkommen. Dann nahm sie die beiden Plastiktüten mit der bezahlten Ware vom Tresen, schob den leeren Trolley zur Seite, wollte zum Ausgang.
   Das war der übliche, der richtige Augenblick: Kurz bevor sie unseren Laden verließ, trat ich ihr in den Weg.
   »Ein wunderschöner Tag, Miss. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Trotzdem muss ich Sie bitten, mich in mein Büro zu begleiten.« Ich zeigte ihr meinen Ausweis.
   Sie sah mich aus ihren wunderschönen, dunklen Augen ganz ruhig und überaus unschuldig an. Und dann fragte sie mit jenem herrlichen Akzent, den die ganze Welt von den Latinos aus der Westside-Story kennt, und den die erste Generation nie verlieren wird: »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
   »Hausdetektiv. Und Sie wissen sehr genau, dass ich wissen will, was Sie da alles in Ihrer großen, schweren Ledertasche haben.«
   »Lassen Sie mich in Ruhe!« Sie wollte einfach weitergehen.
   »Halt, Miss!« Ich trat ihr in den Weg. »Wir können jetzt einen Skandal daraus machen. Ich drücke hier auf die rote Taste von meinem Security-Telefon und verständige die Polizei. Das dauert natürlich. Bis die endlich kommen und Sie festnehmen. Dann das Verhör. Personalien, Wohnsitz, undsoweiter. Zeitverschwendung für beide von uns. Und ziemlich viel Ärger für Sie. Oder wir gehen das Problem praktisch und diskret an. So, wie das hier im Hause üblich ist. Dort drüben. Kommen Sie mit.«
   Sie kam mit. Kein Widerstand. Kein unnützes Gerede. Keine Ausflüchte. Ich öffnete die Tür, sie ging hinein.
   »Nehmen Sie Platz, Miss.«
   Sie setzte sich auf den so genannten Besucherstuhl, stellte die beiden Plastiktüten auf den Fußboden, und dann die Ledertasche daneben.
   Ich blieb vorläufig stehen.
   »Darf ich Sie bitten, Miss, alles, was Sie in dieser großen und offensichtlich sehr schweren ledernen Tasche haben, hier auf den Tisch zu legen?«
   »Ich war vorher schon woanders einkaufen!«
   »Ja. Das Argument kenne ich. Aber unsere Waren sind mit unserem und sehr speziellen Preis-Code ausgezeichnet. Keine Chance, Miss. Tut mir Leid.«
   Also fing sie an auszupacken. Langsam. Sehr langsam. Dose um Dose. Packung um Packung. Und dabei weinte sie.
   Auch das kenne ich.
   »Es ist das allererste Mal ...! Wirklich!«
   Das kenne ich auch.
   »Es ist ein ... ein Versehen.«
   »Natürlich.«
   »Ein Notfall!«
   »Wie peinlich!«
   »Und ich verspreche Ihnen ...«
   Das kenne ich auch.
   Ich setzte mich an meine Rechenmaschine. Und ich addierte: 6 Dosen zu je fünfhundert Gramm Chili-con-Carne – ein Sonderangebot; 4 Dosen zu je 1 Kilo weiße Bohnen – wiederum Sonderangebot; 5 Packungen Spaghetti zu je 500 Gramm – Sonderangebot; 3 Ein-Liter-Packungen Milch; 7 Tafeln Schokolade, eine billige Sorte.
   »Sie haben keinen sehr teuren Geschmack, Miss. Fast alles sind billige Sonderangebote.«
   »Ich dachte mir, wenn ich erwischt werde, wird es nicht zu teuer. Außerdem bemühe ich mich billig zu leben.«
   »Das ist begrüßenswert. Allerdings ... mit gestohlenem Gut ... Ich weiß nicht, Miss. Ich komme hier auf 27 Dollar 22.«
   Sie nickte nur.
   »Ist das ein Strafverfahren wert, Miss? 27 Dollar und 22 Cent?«
   Sie schüttelte den Kopf. Und wieder Tränen ...
   »Ich schätze, Sie haben cirka 13 bis 14 Kilo in dieser Tasche herumgeschleppt. Ganz schön schwer. Und alles nur kräftige Sattmacher. Haben Sie eine so große Familie?«
   »Ich bin alleinstehend. Keine Familie!«
   Na bitte ... Ist doch Wahnsinn: So wunderbar und läuft frei herum!
   Dann kam ich zur Sache.
   »Wir regeln das in unserem Laden folgendermaßen, Miss: Sie zahlen den Kaufpreis und nochmals den gleichen Betrag als Strafe und unterschreiben mir hier, dass Sie mit dieser Regelung einverstanden sind. Und Sie verpflichten sich schriftlich und eidesstattlich, dieses Geschäft niemals wieder zu betreten.«
   »Ich habe nichts mehr. Ich habe mein letztes Geld an der Kasse ausgegeben. Bis auf die drei Dollar achtzig, die brauche ich für den Bus.«
   »Darf ich Sie um Ihre Sozialversicherungskarte bitten?«
   »Ich habe keine.«
   »Ihr Name, Ihre Adresse. Führerschein tut es auch.«
   »Ich besitze auch keinen Führerschein. Ich fahre Bus.«
   »Irgendeinen Ausweis müssen Sie doch haben. Oder sind Sie illegal hier?«
   Sofort wieder Tränen. Dann suchte sie etwas am Grund ihrer Ledertasche, von der ich angenommen hatte, sie sei nun absolut leer, und wurde tatsächlich fündig. Ein dickes Kuvert kam da zum Vorschein. Etwas abgegriffen und fleckig. Und darin, zwischen allerlei amtlichen Papieren: ein mexikanischer Pass. Vermutlich sogar echt.
   Angelina de Castilla y Cortez, las ich da.
   Sie nickte.
   »Der Name klingt gut. Geboren in Mexiko-City am ... nanu, so jung: Sie sind noch nicht mal 18.«
   »Aber demnächst! In drei Wochen.«
   Der Pass war ziemlich neu und er war leer: kein Visum der USA, kein Stempel, weder Ausreise Mexiko, noch Einreise Kalifornien.
   »Wie sind Sie hereingekommen? Von Tijuana nach San Diego?«
   »Von Ciudad Juarez nach El Paso.«
   »Texas. Aha. Und durch den Schlamm des Rio Grande gewatet? Oder über den Grenzzaun geklettert?«
   »Ein Laster mit Obst. Es war ziemlich teuer. Vor ein paar Monaten.«
   »Ein Menschenschmuggler hat also an Ihnen verdient. Und jetzt? Karriere in Hollywood, so wie Sie aussehen?«
   »Millionen junger Mexikanerinnen sehen so aus wie ich.« Und das wieder mit Tränen.
   »Und die anderen Papiere?« Ich blätterte sie so durch: Geburtsurkunde, polizeiliches Führungszeugnis aus Mexiko-City, Taufschein: römisch-katholisch, Schulabschlusszeugnis: Lycee San Immaculata-di-Compostela, ein entwertetes Busticket von Mexiko-Stadt nach Cuidad Juarez, einige Peso-Scheine, Passfotos, Impfbescheinigung, Gesundheitsattest.
   »Was ist das hier: Certificado de habilidad ... matrimonio ...
   »Ehefähigkeitszeugnis!«
   »Ehefähigkeitszeugnis ...?«
   »Das bekommt man in Mexiko schon mit 16.«
   Sie war also »ehefähig« ...
   Ich hatte plötzlich unsägliches Mitleid mit ihr. Ich bin auch nur ein Mann. Und wir Latinos müssen schließlich zusammenhalten. Meine Eltern stammen aus Puerto Rico, waren auch illegal eingewandert. Aber das wäre kein Trost für sie gewesen. Ich könnte sie laufen lassen – und würde damit meinen Job riskieren. Wer weiß, ob ich in diesen schlechten Zeiten je wieder so einen bekommen hätte. Ich habe einen Universitätsabschluss mit Master-Degree in Philosophie. Damit fährt man in Los Angeles bestenfalls Taxi. Die Hälfte aller Taxifahrer in dieser Stadt haben Universitätsabschluss – und die andere Hälfte versteht kaum Englisch.
   Und das alles wegen 27 Dollar 22. Weiße Bohnen und Chili-con-Carne und Spaghetti ... Sonderangebote!
   »Miss, hier sind 50 Dollar. Die nehmen Sie jetzt. Und dann schnappen Sie sich einen Trolley und fahren wieder in den Laden hinein. Hinter der Eiscreme-Theke warte ich auf Sie mit der Tasche hier und den billigen Konserven. Die übernehmen Sie dort, fahren damit zur Kasse und bezahlen mit den 50 Dollar. Was Sie vorher eingekauft haben, holen Sie sich dann hier in meinem Büro ab, auch ihren Pass und die anderen Papiere. So werden wir das machen. Vamos!« Ich stand auf.
   Sie nahm die 50 Dollar, sehr zögerlich. »Ich weiß nicht, wann ich Ihnen das zurückzahlen kann.«
   »Das ist eine Spende. Unterstützung einer illegalen Immigrantin. Ein Geschenk. Für Bohnen und Chili-con-Carne. Sie müssen nichts zurückzahlen! Kommen Sie, los!«
   Es lief alles nach Plan. Hinter der Eiscreme-Theke landete das gestohlene Gut in ihrem Einkaufswagen, und an der Kasse zahlte sie die 27 Dollar und 22 Cent.
   In meinem Büro übernahm sie anschließend den legalen Kauf und ihre Papiere. Und dann versuchte sie mir das Wechselgeld zurückzugeben.
   »Nein, lassen Sie nur. Fünfzig Dollar sind fünfzig Dollar und ich kann es mir leisten. Ich habe keine Familie. Und ich verdiene gut, weil ich Leute fange, denen es meistens sehr schlecht geht. Das belastet mein Gewissen. Jetzt habe ich endlich einmal die Chance, es zu entlasten. Und das ist gut so.«
   »Sie sind nicht verheiratet?«
   »Nein. Es hat sich bis jetzt noch nicht ergeben.«
   »Wie alt sind Sie? Darf ich das fragen?«
   »Vierunddreißig. Und ich heiße Eduardo Gonzalez.«
   »Sie sind ein guter Mensch, Mister Eduardo Gonzalez.«
   »Vielleicht ja, vielleicht nein ...! Wer weiß ...«
   »Darf ich Sie zum Abendessen einladen, Mister Gonzalez?«
   Es gibt also doch noch Überraschungen in meinem Leben. Es ist wunderbar. Und es gibt Chancen, die zu verpassen vergibt man sich nie. Ich sagte zu.
   Ein Abendessen und vielleicht auch noch viel mehr, mit einer jungen Elizabeth Taylor. Einem Superweib. Einem Wahnsinnsweib. Das pleite ist, und das nun schüchtern und gehemmt auf die Rückseite des leeren Verpflichtungsformulars ihre Adresse schrieb. Und ihren Namen in großen Druckbuchstaben: ANGELINA DE CASTILLA Y CORTEZ.

* * *

Die Fahrt durch den spätherbstlichen, kalifornischen Regen hinaus nach Pasadena Falls war endlos. Windböen wirbelten Blätter durch die Nacht und klatschten sie gegen die Windschutzscheibe. Es war früh dunkel geworden. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Wagen blendeten mich. Das Licht reflektierte auf dem nassen Asphalt, und meine Scheibenwischer kreischten leise vor sich hin und drohten demnächst ihren Geist aufzugeben. Wenn es in Los Angeles mal regnet, dann richtig!
   1280 Huxley Drive. Ich hatte in der Strassenkarte Greater Los Angeles gesucht und diesen Huxley Drive tatsächlich auch gefunden. Jetzt fuhr ich Meile um Meile durch diese monotone Stadtwüste.
   Hausnummern in L.A. sind glückliche Zufälle. Aber dann sah ich von weitem schon in der von Angelina angekündigten Leuchtschrift die gesuchte Zahl: 1280, groß und gewaltig und rosarot flackernd, und darunter, überraschenderweise, und vorher nicht weiter erwähnt: Neo-Redemptionist-Church-of-America. Einige Buchstaben fehlten zwar in dieser Neonschrift, aber die Information war unmissverständlich: Eine neue Kongregation vom allerheiligsten Erlöser. Oder nur ein Name? Eine der zehntausend Sekten dieses Landes, das sich God’s Own Country nennt und sich auch als solches begreift und benimmt?
   Der Parkplatz vor dieser Kirche war gewaltig und absolut leer. Die erwarteten zur sonntäglichen Versammlung offenbar eine Heerschar von Gläubigen.
   Ich parkte dicht neben diesem billigst zusammengezimmerten, fast schon im Stadium des Verfalls befindlichen Kirchengebäude, lief die paar Schritte durch den strömenden Regen. Da stand sie vor mir in dem sich gerade öffnenden Portal: Angelina de Castilla y Cortez. Und sie lächelte.
   »Schön, dass Sie gekommen sind, Mister Eduardo Gonzalez!«
   »Schön Sie zu sehen, Angelina.« Und nach einer kleinen Pause, die ich benutzte, mich in der Gegend kurz umzusehen. »Eine Kirche, aha. Das haben Sie nicht erwähnt. Und wo wohnen Sie?«
   »Hinter unserem Gebetsraum habe ich ein Zimmer. Ich zeige es Ihnen später. Es ist sehr klein. Und ich teile es mit drei anderen Mädchen. Alle aus Mexiko.«
   »So! Aha.«
   Manchmal sind die Erwartungen, die man an ein erotisches Abenteuer stellt, einfach zu hoch. Ich hätte das wissen, hätte das einkalkulieren sollen.
   »Gleich gibt es das Essen!« sagte sie und ging voraus.
   Angelina kochte für mich und für fünf weitere Bewohner des Hauses, darunter die drei mexikanischen Mädchen. Eines war hässlicher als das andere. Eine alte, schweigsame Dame kam noch dazu und ein pickeliger Jüngling aus Oklahoma City, wie er betonte. Der deckte den Tisch. Das soziale Leben dieser Gruppe spielte sich offensichtlich in dieser kleinen Küche ab.
   Angelina öffnete routiniert einige der Dosen, Chili-con-Carne und weiße Bohnen, und warf ein Bündel Spaghetti in das kochende Wasser. Der Herd mit den zwei Kochstellen wurde von einer Gasflasche gespeist.
   Als alle sich um den Tisch versammelt hatten, fassten sie sich an den Händen – auch ich wurde trotz meiner Verwirrung in den Kreis mit eingebunden – und wünschten sich Buen apetito y la bendición de Dios ... Dann aßen wir schweigend.
   Angelina lächelte mich an. Ich lächelte zurück.
   Dass ich dieses Abendmahl subventioniert hatte, blieb unser Geheimnis.
   Anschließend zeigte sie mir das Zimmer mit den vier schmalen Armeebetten und den Gebetsraum. Die Neo-Redemptionisten, erklärte sie mir, leben in ständiger Erwartung ihres Erlösers.
   »Das tun die Juden schon seit 5000 Jahren!«
   »Vielleicht erwarten sie den Falschen!«
   »Und wir Christen behaupten, er war schon hier, und sein Erlösungswerk sei erfolgreich gewesen.«
   »Seine Mission ist irgendwie schief gegangen!«
   »Ich weiß, er wurde gekreuzigt!«
   »Das ist nicht das Problem! Er hätte Frieden bringen sollen auf diese Welt. Wo, bitte, ist Frieden?«
   Diese Frage zu beantworten ist müßig. Ich wollte das Thema auch nicht weiter mit diesem schönen Mädchen diskutieren. Rede beim Essen nie über Politik, Sex oder Religion. Aber dann sagte sie etwas, das mir zu denken gab: »Das nächste Mal werden sie es besser machen. Sie haben aus den Fehlern der anderen gelernt!«
   »Wer macht etwas besser? Wer hat aus Fehlern gelernt?«
   »Die, deren Hilfe wir brauchen. Und die wir erwarten. Sie kommen von sehr, sehr weit her. Lichtjahre weit.«
   »Ach so, jaja ...« 46,2 Prozent der US-Amerikaner glauben an UFOs, die das Heil bringen werden. Und 27,6 Prozent glauben an die Bibel als das wahre Wort Gottes und die einzige, legitime Erklärung der Welt und verdammen jegliche Wissenschaft – insbesonders die Evolutionstheorie – als Sünde. Es ist ein Land des frommen Glaubens. Andererseits: 95 Prozent der Weltproduktion an harten Pornos kommen aus diesem Land, aus diesem Staat. Und 90 Prozent aller Waffen. Und hier redet jemand von Erlösung und Frieden. Der kommen wird. Lichtjahre weit.
   Ich hätte meine Skepsis in dieser Angelegenheit an diesem Ort, in diesem Kreis sofort zu Sprache bringen müssen. Das hätte mir viele Enttäuschungen erspart. Aber ich ließ es bleiben. Die Englischkenntnisse der drei mexikanischen Mädchen waren ohnehin mangelhaft. Und die alte Dame vermutlich taub.
   Was nun? Ein Pub wäre schön. Gab es sogar, nur fünf Meilen entfernt. Schummriges Licht, gedämpfte Musik aus einer elektronischen Orgel aus den Dreißiger Jahren, auf der ein alter Mann Oldies aus den Fünfziger Jahren spielte.
   Wir waren fast die einzigen Gäste.
   »Planters Punch!« bestellte Angelina. »Aber ohne Rum!«
   »Angelina ... Der Witz an Plunters Punch sind doch die fünf verschiedenen Sorten Rum.«
   »Alkohol verändert das Bewusstsein. Außerdem Alkohol auszuschenken, in der Öffentlichkeit, an Jugendliche unter 21 ist gesetzlich verboten. Und ich bin noch nicht mal 18. Erst in drei Wochen!«
   Ich orderte Planters Punch original. Die Bewusstseinsveränderung nahm ich dankbar in Kauf. Und ich machte mir Gedanken über ein Gesetz, das Jugendlichen unter 21 Alkohol verbietet, aber erlaubt, in Uniform und im Auftrag und Interesse dieses Landes irgendwo in der Welt im Kampf zu sterben.
   Tanzmusik. Ein einsames Paar drehte sich unter Flackerlicht. Aber Angelina tanzte nicht. Sie erzählte mir stattdessen interessante Dinge aus ihrem Lyceum zur heiligen Unbeflecktheit, das sie mit fünf ihrer Schwestern sieben lange Jahre besucht hatte.
   »Für unkeusche Gedanken wurde man zur Kathedrale geschickt und musste die 500 Meter zum Portal auf abgetretenen Steinplatten des Zócalo, der Plaza de Constitución auf Knien rutschen. Nur für Gedanken! Wirkliche Taten gab es ja nicht.«
   »Sie haben fünf Schwestern?«
   »Und sechs Brüder!«
   Die Mexikaner sind ein fruchtbares Volk, und die Überzähligen schickt man illegal in das gelobte Land der Vereinigten Staaten.
   Der Raum füllte sich plötzlich mit zahllosen Männern mittleren Alters, die sich kannten, die laut miteinander scherzten und großzügig auf Vorrat Alkohol bestellten. Der alte Orgelspieler räumte seinen Platz, eine Leinwand wurde aufgestellt. Ab zehn werden hier hardcore-pornos vorgeführt. Während der Vorführung ist der Ausschank von Alkohol dann verboten.
   Ich liebe dieses freie Land, aber seine Gesetze sind mitunter erklärungsbedürftig.
   »Wir könnten noch zu mir ...« Ein hirnrissiger Vorschlag, als wir das Lokal fluchtartig verließen. Zu mir: Das waren 32 Meilen. Und 32 Meilen wieder zurück zu ihr. Und dann wieder 32 Meilen zu mir nach Hause. Alles im strömenden Regen. Angelina schüttelte nur leicht den Kopf. Und ich war erleichtert.
   Auf dem leeren, nächtlichen Parkplatz vor dieser eigenartigen, heruntergekommenen Neo-Redemptionisten-Kirche kam es dann doch noch zu gehemmten Zärtlichkeiten, zu flüchtig erwiderten Küssen, zu zarten Berührungen. Der nicht endende Regen pladderte auf das Dach des Wagens und die Scheiben waren wunderbar diskret beschlagen.
   Eine junge Elizabeth Taylor mit einigen, fernen Indio-Ahnen im Schnitt ihrer Augen. Ein Mädchen, so überirdisch schön! So wunderbar! So verführerisch! So nah! Samtbraune Haut. Der Duft ihrer Haare wie Zimt und Nelken. Eine melodische Stimme, das charmante und vertraute »r« der Latina. Alles in mir drängte auf eine Umarmung!
   Stattdessen fragte ich sie: »Warum, Angelina, hast du heute ausgerechnet bei unserem Supermarkt eingekauft. Und geklaut. Warum so weit entfernt. 32 Meilen. Da kostet der Bus allein doch schon ein Vermögen.«
   »Drei Dollar achtzig. Ja. Sieben-sechzig, hin und zurück. Aber hier in der Nähe ... bei allen Supermärkten der Umgebung ... habe ich doch bereits vor langer Zeit unterschreiben müssen, dass ich niemals wiederkomme! Und so ein Gelöbnis zu brechen wäre doch eine Sünde!«
   Nachdem ich stumm geblieben war, stumm vor Erstaunen, irgendwie sprachlos, gab sie mir noch eine Erklärung, eine Entschuldigung, die ich akzeptieren konnte: »Ich wohne hier umsonst. Dafür muss ich das Essen besorgen.«

* * *

Es folgten auf diesen ersten Abend drei Wochen in guter, keuscher, scheuer Freundschaft. Vorehelicher Sex war kein Thema. Weder in Wort noch in Tat. Bedauerlich. Aber ein streng katholisch erzogenes mexikanisches Mädchen hatte so seine Prinzipien, die ich respektierte. Ich hatte auch keine Wahl.
   Also gingen wir ins Kino, zum Essen ins Deli bei mir um die Ecke, fast jeden Abend. Ich holte sie ab, brachte sie heim. Pasadena Falls. Vier mal 32 Meilen, zwei mal hin, zwei mal zurück.
   Gleich am nächsten Sonntagnachmittag besuchte ich eine dieser Redemptionisten-Versammlungen. Der Parkplatz war voll bis auf den letzten Platz, auch der Gebetsraum. Ein Mann, Reverend Moo, ein Koreaner, sprach von der Ankunft eines Erlösers, der Langerwartete, der Frieden bringt und Freundschaft aller Menschen zueinander. Die Sprüche kannte ich schon von ihr.
   Aber zum ersten Mal wurde sehr deutlich und unmissverständlich von einem Außerirdischen gesprochen, der alles zum Guten wenden wird.
   »Ach, E.T., das Wesen vom anderen Stern. Die UFO-Besatzung, die das Heil bringen wird.«
   »UFOs sind Unsinn!« sagte Angelina. »Unsere Freunde kommen als Kryptoplasmen. Sie übermitteln sich wie Gedanken.«
   »Mit Lichtgeschwindigkeit?«
   »Das wäre viel zu langsam. Nein: gleichzeitig, hier und jetzt und auch dort.«
   »Körperlich? Sichtbar?«
   »Nein! Wenn sie sichtbar wären, wären sie nicht körperlich. Als Kryptoplasmen sind sie nicht sichtbar. Das ist eigentlich logisch.«
   Die Realität dringt nicht ein in Glaubensbereiche. Auch nicht in die Bereiche meines Unglaubens. Also lassen wir das.
   Ich lud sie ein in das Haus meiner Mutter. Die alte Dame war überglücklich. Endlich brachte ihr Sohn eine schöne, sympathische, junge Frau mit in ihr Haus, von der man etwas erhoffen konnte. Vielleicht wird daraus, endlich, die langerwartete, dauerhafte Beziehung.
   »Das hier, Mum, ist Angelina. Ich habe dir von ihr erzählt. Sie wird morgen achtzehn!«
   »Wunderbar, Angelina! Da müssen wir etwas vorfeiern.«
   Und dann verriet ich ein Geheimnis: »Morgen fliegen wir zwei, Angelina und ich, nach Las Vegas. Und wir heiraten dort. Sie hat ja bereits alle nötigen Papiere aus Mexiko mitgebracht.
   Es wurde ein wunderschöner Abend mit Mama und am nächsten Tag eine sehr feierliche und sehr emotionale Trauungszeremonie in der buntgeschmückten Kapelle des Hotels. Klassische Musik. Eine nicht allzu lange Rede eines »Wedding Celebrant«. Die beiden Trauzeugen, ein junges, elegantes Paar, stellte das Hotel. Aus Angelina de Castilla y Cortez wurde an ihrem achtzehnten Geburtstag eine Mrs. Angelina Gonzalez. Bürgerin der Vereinigten Staaten von Nordamerika.
   Dann kam die Hochzeitsnacht. Und eine Überraschung: Statt der langersehnten, erhofften und nunmehr legalen Liebesumarmung, lüftete Angelina ihr makaberes Geheimnis.

* * *

»Eduardo ... ich bin nicht mehr frei! Ich habe dich belogen.«
   »Auf Bigamie steht Gefängnis bis zu zwei Jahren, Angelina. Und mit solchen Dingen macht man keine Scherze!«
   »Kein Scherz, Eduardo! Ich bin vergeben! Seit langem schon. Du darfst mich nicht umarmen.«
   »Wer ist es?« Ich war noch immer nicht bereit, die vorgebrachten Behauptungen ernst zu nehmen.
   »Vergeben – nicht verheiratet!« stellte sie klar.
   »Verlobt? Ein Jugendfreund in Mexiko? Lade ihn ein, soll herkommen und seine Forderungen vorbringen.«
   »Nein, nicht Mexiko. Von weit, weit her. Schon vor Jahren wurde ich IHM versprochen. Ich muss daher rein bleiben, unbefleckt. ES wird kommen. Irgendwann. Vielleicht schon heute Nacht. Und ES wird ein Kind mit mir zeugen. Sobald ich volljährig bin.«
   Plötzlich hatte ich eine fürchterliche Ahnung. Es war pervers, was mir da so einfiel.
   »Versprochen? IHM? – Das Kryptoplasma?!«
   Angelina nickte und lächelte. Sie war überglücklich, dass ich sie verstanden hatte. Sie nahm mein hilfloses Grinsen als Einverständnis. Dabei war ich von oben bis unten nur ein einziger Krampf.
   Sie ging zu Bett. Wir hatten eine große Suite für erstaunlich wenig Geld bekommen. Zwei Kingsize-Betten. Schwarzer Satin. Nebenraum mit zwei Fernsehgeräten, Blumen, Champagner, üppige Obstschale – und das obligatorische Spa. Das Hotel war großzügig, solange man ordentlich Geld dort unten im Casino verspielte.
   Ich ging also hinunter ins Casino und verspielte zweihundert Dollar. Mein Limit für eingeplanten Verlust hatte eigentlich bei 50 Dollar gelegen. Aber der Frust musste ja irgendwie kompensiert werden.
   Gutkatholische, mexikanische Mädchen tun es nur nach vollzogener Trauung. Das hatten wir nun erledigt. Aber was war das?
   Sich mit einem Kerl anzulegen, ältere Rechte und so, kein Problem. Soll er nur kommen. Aber ein Phantom? Ein Kryptoplasma? Wo ich zum Teufel keine Ahnung hatte, was das eigentlich war? Vermutlich ein Hirngespinst. Hysterie. Religiöse Verklemmung der Gehirnganglien. Eine junge Elizabeth Taylor – so schön – und letzten Endes so unbrauchbar.
   Da wurde mir plötzlich klar und voll bewusst, dass ich dieses Mädchen – trotz allem – abgöttisch liebte. Und dass abgöttische Liebe auch Toleranz mit einschließt. Und Geduld.
   Ich ging also wieder nach oben. Der Raum lag in schummrigem Dämmerlicht. Angelina schlief im rechten Kingsize-Bett unter schwarzem Satin. Auf dem linken lag mein Pyjama. Ich leerte die Flasche kalifornischen Champagner, ganz still und für mich allein, löschte das Licht, legte mich hin und versuchte einzuschlafen.
   Vielleicht war mir das bereits gelungen. Da waren wir plötzlich umgeben von einer irisierenden Helle. Die kam von irgendwo her. Und die Luft war erfüllt von einem Summen, leise, seltsam und melodiös.
   Angelina, im Kingsize-Bett nebenan, stöhnte auf, ganz plötzlich, unvermittelt, lustvoll und ekstatisch. Sie rief etwas, ein Wort, einen Namen, unverständlich und sehr laut, mit seltsam guturaler Stimme.
   Irgendetwas riss das Laken zur Seite. Und Angelina lag da, völlig nackt, ein heller Leib auf schwarzem Satin.
   Es war das erste Mal, dass ich sie so sah. Der Anblick turnte mich an. Auch dieses Aufbäumen, wie im Trance, die Schenkel weit gespreizt. Dreimal hintereinander schrie sie jetzt auf, klar und verständlich und sich jedesmal steigernd: »Ja ... jaa ... jaaa ...!«. Sie hob die Arme. Ihr Körper spannte sich, wurde steif, bog sich nach hinten, schnellte wieder vor. Sie umklammerte etwas Unsichtbares, Körperliches, gab sich ihm hin.
   Dann wieder Schreie. Nochmals. Und wieder. Und wieder. Kein Zweifel, ein Mega-Orgasmus durchschüttelte sie, durchzuckte jede Faser ihres Körpers.
   Dann fiel sie in sich zusammen. Ermattet. Immer noch im tiefen Schlaf, wie es schien. Und sie war so schön, so schön wie nie zuvor.
   Das irisierende Licht verlöschte ganz langsam, das melodische Summen verstummte. Angelinas Atem beruhigte sich und ich stand auf, machte diskret Licht und deckte sie wieder zu. Sorgsam und vorsichtig. Um sie nicht zu wecken.
   Aber sie wurde trotzdem wach. Oder war es schon die ganze Zeit.
   »Danke, Eduardo!« flüsterte sie. Und dann: »ES war da. ES hat mich genommen. Ich bin auserwählt worden. Ich werde sein Kind austragen. Das Kind eines Gottes.«
   Das Kind eines Kryptoplasmas, dachte ich mir. Was immer das sein mag. Und was immer da herauskommen sollte bei dieser Begattung.
   Da kann man nicht mithalten. Auch wenn das Ganze nur Phantasie ist, Einbildung. Eine extraterristische Kopulation. Ein außerirdischer Super-Fick. Phantom-Orgasmus in der Dritten Dimension. Ich bedauerte, dass die Champagnerflasche leer war. Ein Schluck wäre schön gewesen. Oder auch mehr. Viel mehr! Nicht um diesen erregenden Ehebruch zu feiern, dem ich beiwohnen durfte. Nein. Um mich hemmungslos zu besaufen.

* * *

Zurück aus Las Vegas zog Angelina zu mir in das kleine Apartement. Wir führten eine gute Ehe. »Josephs-Ehe« nennt man das wohl. Ihr Zustand verlangte Respekt. Und den erhielt sie von mir.
   Dass sie schwanger war, das war keine Frage. Kein Zweifel war da erlaubt. Sie genoss ihre Mutterschaft und die Zuwendung der Gläubigen der Neo-Redemptionisten-Kirche, die umgehend informiert worden waren.
   Reverend Moo nahm mich zur Seite, legte seine Hand auf meine Schulter und gratulierte mir: »Sie müssen sehr glücklich sein, Eduardo. Ihre Gattin trägt einen Gott unter ihrem Herzen!«
   Ich war also glücklich, weil man das von mir erwartete, und ich verwöhnte die junge Mutter, soweit das in meinen Kräften stand.
   Meine Skepsis war allerdings dahin, auch meine Hoffnung, dass sich das alles als Spuk, als Lug und Trug und Illusion erweisen könnte, als Angelina anfing immer dicker, immer runder zu werden. Sie trug ihr kleines Bäuchlein mit Stolz und mit Würde. Wenn wir ausgingen, dann ernteten wir, also auch ich, anerkennende Blicke. Menschen machten ihr Platz, ließen ihr an den Supermarktkassen den Vortritt. Und sie quittierte diese Selbstverständlichkeit mit einem überirdischen Lächeln.
   Die Wochen vergingen, die Monate. Ich suchte in den gelben Seiten nach einem Gynäkologen hier in der Nähe und schickte Angelina dort zu einer Routineuntersuchung. Ein Vorschlag, nichts weiter. Um sicher zu gehen. Um nichts zu versäumen. Und Angelina willigte ein.
   Glückstrahlend kam sie zurück und zeigte mir das Ergebnis einer Ultraschalluntersuchung. Ein transparentes Foto von beachtlicher Größe. Verwirrende Lichter und Schatten. »Hier ist das Herz!«, sagte sie und deutete auf eine winzige Verknotung der Linien. »Bei der Untersuchung konnte man es schlagen sehen.« Eine Linie schwang sich winzig gekrümmt um einen Schattenkreis. »Das ist das Rückgrat!«
   Als sie nach dem Essen schlief, nahm ich diesen fotografischen Beweis ihrer Mutterschaft und suchte nun selbst diesen Gynäkologen auf.
   Das Wartezimmer war voll von schwangeren Frauen in den verschiedenen Stufen der embryonalen Entwicklung. Ich war der einzige Mann und musste lange warten. Der Arzt war etwas erstaunt.
   Ich stellte mich vor: »Eduardo Gonzalez. Meine Frau, Angelina Gonzalez, war heute Morgen bei Ihnen zur Untersuchung. Ich würde mich für Ihren Kommentar zu dieser Ultraschallaufnahme interessieren.«
   Der Arzt nahm das transparente Bild zur Hand, hielt es kurz vor das Fenster ...
   »Sie sind also der Gatte dieser Frau ...?«, fragte er mit hintergründigem Lächeln.
   »Ja, der Gatte, aber nicht unbedingt der Vater dieses Kindes.«
   Der Arzt nickte zustimmend. »Das hätte mich auch gewundert.«
   »Wieso?«
   »Da ist kein Kind. Und Ihre Frau ist noch Jungfrau. Sie sind sicher alt und erfahren genug, um zu wissen, wie die Zeugung eines Kindes vor sich geht. Von einer Jungfernzeugung innerhalb der letzten zweitausend Jahre ist mir nichts bekannt.«
   »Aber der Zustand meiner Frau ... Die Wölbung des Leibes ...?«
   »Scheinschwangerschaft. Das kommt vor. Der Kinderwunsch wird übermächtig und täuscht falsche Symptome vor. Ein Fall für die Psychiatrie, nicht für uns Gynäkologen.«
   »Aber der Leib fasst sich sehr kompakt an. Was steckt dahinter?«
   »Luft!«
   »Luft?« Ich wagte einen Einwand: »Könnte es auch Kryptoplasma sein? Meine Frau wurde von einem Außerirdischen geschwängert ... ein Embryo aus Kryptoplasma ...«
   Ich hätte das nicht sagen, nicht weiter nachfragen sollen. Der freundliche Arzt hatte es plötzlich sehr eilig und empfahl eine Doppeltherapie als die einfachste Lösung.
   Angelina habe ich nichts von meinem Arztbesuch erzählt.
   Sie empfing mich mit großer Herzlichkeit. »Wo warst Du, Eduardo! Du warst lange weg und hast mir so gefehlt!« Sie umarmte mich liebevoll, wir tranken Tee aus gewissen Kräutern, aßen gemeinsam speziellen Gesundheitskuchen für werdende Mütter, hörten klassische Musik und durchlebten glücklich und freundschaftlich die folgenden Wochen.
   Angelina hakte sie gewissenhaft auf einem Kalender ab.
   Wie lange ein Kryptoplasma auszutragen ist, von einer irdischen Mutter, das habe ich sie nie gefragt. Gewisse Themen waren zwischen uns tabu. Zum Beispiel: Alien – der Film. Eine Horrorvision. Aber etwas anderes fragte ich doch: »Hast du den Film Rosemary’s Baby gesehen, Angelina?«
   »Von Roman Polanski, natürlich. Jeder in Mexiko City kennt ihn und jeder in unserem Lycee hat ihn sich angesehen. Wir haben uns ein Video besorgt.«
   »Das Baby im Film war das Produkt des Teufels!«
   »Wir wissen alle, dass das Böse in unserer Welt mehr Macht hat als das Gute. Wir sind nun aufgerufen, das zu ändern! Und es wird uns gelingen!« Sie faltete die Hände über ihrem schwangeren Bauch.
   So einfach ist Glauben und doch so kompliziert.

* * *

Die Anzahl der angekreuzten Wochen auf dem Kalender näherten sich einer kritischen Zahl. Ich zog aus unserem kleinen Schlafzimmer aus, schlief nun auf der Couch vor dem Fernsehgerät, das die ganze Zeit über stumm geblieben war, viele Wochen lang, weil das ungeborene Baby nicht mit Horror und Schrecken und Gewalt konfrontiert werden durfte.
   Angelina in ihrem Zustand der Hoffnung hatte unser Queensize-Bett nun für sich allein.
   Eines Nachts war es soweit. Schmerzensschreie kündeten von einer eingeleiteten Geburt. Ein melodisches Sirren klang von nebenan, und irisierendes Licht drang unter der Türspalte hindurch. Die Kryptoplasmen kümmerten sich also bereits um sie. Da fühlte ich mich überflüssig und störend, und ich blieb liegen, wo ich lag. Allerdings mit schlechtem Gewissen. Ich dachte mir, wenn Angelina meine zusätzliche Hilfe brauchen sollte bei dieser Entbindung, würde sie mich rufen.
   Sie rief mich nicht.
   Als nach eine knappen Stunde das Stöhnen und Schreien verstummte, drang Baby-Geschrei zu mir herüber und gab mir zu denken.
   Auch das verstummte nach einer Weile, ebenso das melodische Sirren. Schließlich erlosch das irisierende Licht.
   Da sah ich nach ihr.
   Sie lag glücklich und ermattet im Bett, bereits im Halbschlaf, und sie flüsterte mir zu in langsamen, gedehnten Sätzen: »Es war eigentlich ... eine leichte Geburt ... Sie haben das Kind mitgenommen ... Sie werden es aufziehen bei sich ... in ihrem Sinn ... Wenn es wiederkommt, Du weißt ja ... wird es unserer Welt und der Menschheit hier Frieden bringen ... und eine Erlösung von allem Übel.«
   »Es war demnach ein Knabe?«
   »Eduardo, was fragst du ...? Du weißt doch, sie unterscheiden nicht nach Geschlecht. Kryptoplasmen sind, was sie sind. Das eine – das andere. Mann – Frau. Sowohl als auch ...«
   Ich wusste es bisher nicht. Ich wusste so vieles nicht. Ich war naiv, ahnungslos, gutmütig und dumm. Und verliebt in ein wunderschönes Monster, das mich in sein Theater eingebunden hatte und dem ich zu einem US-amerikanischen Pass verholfen hatte, zur Legalität, zu einem geregelten Auskommen. Unklar war mir in diesem Augenblick nur, wie die Geschichte nun weitergehen sollte, mit ihr und mit mir.
   Sie versank wieder lächelnd in einem erholsamen Schlaf.
   Da zog ich langsam, vorsichtig, die dünne Daunendecke von ihrem Körper. Da lag sie wieder vor mir, schön und nackt und begehrenswert – und so schlank wie eh und je.
   Scheinschwangerschaft? Scheingeburt? Jungfrauengeburt? War ein Kryptoplasma tatsächlich diesem Leib entwichen? Unblutig aber schmerzhaft? Kein Fruchtwasser? Keine Nabelschnur? Keine Plazenta?
   Eine Woche später wurde in der Kirche der Neo-Redemptionisten die Geburt ihres künftigen Gottes groß gefeiert. Angelina wurde herumgereicht und geküsst. Hände wurden geschüttelt. Und auch ich bekam etwas ab vom Glorienschein dieser Tragikomödie.
   Reverend Moo nahm mich wieder zur Seite und teilte mir mit, dass man stolz auf mich sei.
   Ich hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, dass dieser koreanische Mister Moo eigentlich Immobilienhändler ist und Anlageberater und Börsenmakler im Internet, und dass er seine Gewinne steuermäßig legal verschleiert, weil er eine eigene Kirche besitzt, die Verluste macht. Religiöse Gemeinschaften, wie beknackt ihre Glaubensartikel auch sein mögen, sind hier in den USA hoch respektiert und steuerfrei.
   Das sagte ich ihm. Und dass es mir jetzt reichte. Und dass ich mich nicht noch weiterhin lächerlich machen werde, wie damals bei dem skeptischen Gynäkologen. Scheinschwangerschaft ... Jungfrauengeburt. Kryptosomen, Kryptoplasmen ... und was sonst noch alles an Aliens und extraterrestrischem Schwachsinn.
   »Sagen Sie das doch Ihrer Frau, Mister Gonzalez. Besprechen Sie das alles mit unserer Angelina!«
   Mit unserer Angelina?! Die Eigentumsverhältnisse waren damit geklärt!
   Ich sagte nichts zu ihr – da war nichts zu besprechen, nichts in Frage zu stellen.
   Aber auf der Heimfahrt war sie seltsam schweigsam. Meine Skepsis und mein Aufbegehren hatten ihren Weg zu ihrem Ohr gefunden.
   Zu Hause packte sie ihre Sachen. Viel war es nicht.
   »Ich werde in Zukunft wieder dort wohnen, woher du mich geholt hast. 1280 Huxley Drive in Pasadena Falls.«
   »In deiner Kirche?«
   »In meiner Kirche, ja. Bei meinen Brüdern und Schwestern. Ich werde wieder mein altes Zimmer beziehen, aber allein. Ich werde es nicht mehr teilen müssen mit anderen!«
   »Und du wirst nicht mehr stehlen, Angelina, in Supermärkten, oder wo auch immer ... Das versprichst du mir, ja?! Du bist meine Frau vor dem Gesetz, und ich werde für dich sorgen. Auch wenn dieser Moo euch kurz hält und ausbeutet und betrügt.«
   Sie küsste mich zum Abschied. Ich rief ihr ein Taxi.
   »Schade, dass du mir nicht glaubst. Dass du uns nicht glauben willst. Du wirst einsam sein, Eduardo, und du wirst mich vermissen. Ich habe dich vernachlässigt. Ich weiß. Das tut mir Leid, aber es war unvermeidbar. Ich habe es dir nicht leicht gemacht, Eduardo. Verzeih mir! Ich liebe dich noch immer!«
   Wieder küsste sie mich. »Du warst gut zu mir, Eduardo. Von Anfang an. Du bist ein guter Mensch. Ich danke dir für alles!«
   Sie ging. Ihr gesamter Besitz passte in die große, braune Ledertasche.
   Auf der Treppe drehte sie sich nochmals zu mir um. »Ich werde ES informieren und bitten, dass ES sich um dich kümmert. Und zärtlich ist mit dir.«
   Sie konnte nur dieses Kryptoplasma meinen.

* * *

Noch in der gleichen Nacht wachte ich auf. Voller Unruhe. Von einem melodischen Sirren geweckt. Von einem irisierenden Licht geblendet.
   Sie hatte ihr Versprechen also gehalten.
   Mit leichtem Unbehagen bemerkte ich, dass die Daunendecke zur Seite glitt. Ich schlief darunter nackt und fühlte mich plötzlich ungeschützt und auf eine erschreckende Art wehrlos gegenüber dem, was da auf mich zuzukommen schien.
   Langsam glitten unzählige, warme, zärtliche Tentakel von meinen Füßen her nach oben. Etwas Oszillierendes schob sich zwischen meine Schenkel, drängte sie sanft auseinander. Federwolken umspielten mein Geschlecht, wanderten weiter, mit tausend feinen, berauschenden Nadelstichen saugten sich tausend Tentakel fest an tausend sensiblen Stellen meines Körpers, meiner Brust, meinem Gesicht ...
   Ein heißer Hauch drängte sich durch meine Lippen, füllte meinen Mund mit wohliger, aromatischer Süße, sog sich fest an meiner Zunge, nahm mir den Atem ...
   Prickelnde Vibrationen hüllten mich ein. Ein Finger, ein hartes Glied, eine stählerne Lanze, ein tanzender Penis aus Fleisch taste sich an meinen Anus heran, drang ein, schwoll an, schob sich hoch in meinen Leib, schlangengleich, am Rückgrat entlang bis in mein Gehirn, verströmte ätherische Öle, betäubend und schmerzhaft und lustvoll zugleich. Ein erregender Schmerz hielt mich gefangen, ein Wiegen und Zittern, ein Pulsieren und Schwingen. Eine heißlüsterne Vagina stülpte sich honigfeucht-klebrig über mein erigiertes Glied, sog es in sich hinein, zog es lang, immer länger in sich hoch, in erschreckend weite und nicht endende Dimensionen ...
   Im Rhythmus meines Herzschlags glitt dieses Kryptoplasma an meinem Körper auf und nieder. Ein erregendes Fieber durchzuckte jeden einzelnen meiner überreizten Muskeln. Ich bäumte mich auf. Jeder Wille, jeder Widerstand war ausgelöscht. Da bahnte sich von einem glühenden, brodelnden Zentrum her ein Mega-Orgasmus an, der jede Zelle, jede Faser meines Körpers in Schwingungen brachte. Und ich entleerte mich mit einem ekstatischen Schrei der ultimativen Lust, mit endlosen, zahllosen krampfhaften Stößen in dieses Kryptoplasma hinein, das mich auszusaugen begann, mitleidlos, gierig. Jeder verfügbare Tropfen meiner Körperflüssigkeit verschwand in diesem konturlosen Monster, das nicht abließ, mich mit seinen tausend zärtlichen Tentakeln unablässig zu liebkosen ...
   Es war wie ein herrlicher, ein lang erwarteter Tod. Ein Hinsterben. Ein Sich-Auflösen. Sich opfern. Ein Verschlungen-Werden für Zeit und Ewigkeit ...
   Nach dem Beweis seiner Existenz, nach dieser sexuellen Folter, Strafe für Unglauben und Ignoranz, zog sich das Kryptoplasma schleimig und klebrig zurück, langsam, so wie es gekommen war. Ließ mich liegen als willenlose, ausgesogene, befriedete Hülle. Das Sirren verstummte. Das irisierende Licht verlöschte. Das also war das Ende.
   Tagelang war ich ermattet. Unfähig, irgendetwas Vernünftiges zu tun oder auch nur zu denken. Die Vibrationen ließen nicht nach. Die schmerzhafte Lust dieser Begegnung hinterließ in mir eine unstillbare Sucht, hatte sich in mich eingebrannt und verlangte nach mehr.
   Seither bange ich jede Nacht, dass ES wiederkommen könnte, angstvoll abwartend, und voller Panik. Und hoffe doch lüstern, dass ES mich nochmals, noch ein einziges, letztes Mal, lustvoll-schmerzhaft aussaugen und endgültig verschlingen möge.
   [Langes, bedrückendes Schweigen.]

Ja, unsere Zeit ist leider um. Bei der nächsten Sitzung werden wir das eben Erfahrene noch einmal vertiefen. Donnerstag um vier.
   Und begleichen Sie, bitte, draußen an der Rezeption die Gebühr für die heutige Stunde! Leben Sie wohl, Mister Gonzalez.

Ich danke Ihnen, Herr Doktor.

© 2004 by Rainer Erler
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)

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Originalausgabe
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004
(Berlin: Shayol-Verlag, 2004) 3-926126-42-6 Bestellen
252 Seiten
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21.05.06 • 10.06.06