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Andreas Eschbach

Quantenmüll

Shayol | Stories und Romane
Ich habe mir den Luxus erlaubt, den Kamin anzufeuern. Ich werfe einen Scheit nach dem anderen in die Flammen, sehe zu, wie sie verbrennen, stelle mir bildlich vor, wie schwarzer Rauch aus meinem Schornstein quillt, um sich in der Atmosphäre zu verteilen, und trinke meinen besten Rotwein dazu.
   Die Flasche, mit der ich mich im Moment befasse, hat einmal viertausend Euro gekostet. Eines der edelsten Stücke meines Kellers, abgesehen von der davor, für die ich, glaube ich, zehn- oder elftausend Euro hingeblättert habe. Damals. Und sie ist es wert gewesen, muss ich sagen.
   Mal sehen, wie weit ich noch komme. Darüber hinaus habe ich nichts mehr vor. Ich habe Zeit, wie man so sagt.
   Zeit, ja. Sie vergeht, und das ist wohl das Einzige, was man mit Bestimmtheit über sie sagen kann. Sekunde um Sekunde verrinnt sie, und mit ihr unser Leben.
   Unaufhaltsam. Es macht Tick, es macht Tack, und wieder ist ein Augenblick dahin – unwiderruflich, unwiederbringlich.
   Ist das nicht das größte Rätsel überhaupt – die Zeit? Was für eine Anmaßung von uns, etwas über sie aussagen zu wollen. Zeit: das Baumaterial unseres Lebens. Unser Leben ist aus Zeit gemacht, ist Zeit. Und wenn es zu Ende geht … und es geht zu Ende, ohne jeden Zweifel … dann blicken wir auf die Zeit zurück, die wir durchmessen haben, die wir gestaltet haben – oder die uns gestaltet hat –, betrachten die Entscheidungen, die wir getroffen haben, und erkennen, welche Auswirkungen sie hatten. Wie sie uns von einem Punkt unseres Lebens zu einem anderen geführt haben und schließlich dorthin, wo wir jetzt stehen.
   Ich zum Beispiel war nicht immer so reich. Es war auch nicht damit zu rechnen gewesen. Wenn man Physik studiert, wie ich es getan habe, und mit Mühe seinen Doktor zustande bringt, dann ist Reichtum das letzte, was man erwarten sollte.
   Dennoch sitze ich hier, in diesem riesigen Haus, das auf einem Landgut steht, das mir gehört, so weit mein Auge reicht, und das heute Abend so still ist wie selten zuvor, weil ich dem Personal freigegeben und die Telefonanlage abgestellt habe. Dass ich den Abend damit verbringen kann, von den besten Weinen der Welt so viel zu trinken, wie ich will, geht letztlich auf eine Entscheidung zurück, die ich vor dreißig Jahren getroffen habe. Diese Entscheidung hat auch bewirkt, dass es Unsinn wäre, die Flaschen noch länger aufzubewahren.
   Vermutlich schreibe ich diesen Bericht nur, weil ich es nicht ertrage, überhaupt nichts zu tun.

Nach dem Studium war ich einige Zeit arbeitslos, wie üblich, und fand schließlich eine schlecht bezahlte Stelle an einem Kernforschungszentrum, für die ich überqualifiziert war. Im Grunde arbeitete ich als Wartungstechniker für den Teilchenbeschleuniger. Dreizehn Kilometer muffiger Tunnel, hundertachtzigtausend Beschleunigerspulen, unendlich viele Kabel, und alles musste funktionieren. Mein Chef, der technische Leiter, war ein Idiot, der aus zwanzig Seiten Verlaufsprotokoll immer nur herauslesen konnte: »Irgendwo muss ein Fehler sein. Kümmern Sie sich drum, Steinbach.« Kein »Doktor Steinbach«, nicht einmal »Herr Steinbach«, und das Wort »bitte« kam in seinem Wortschatz überhaupt nicht vor.
   Kurz nach mir wurde noch jemand zu meiner Verstärkung eingestellt, ebenfalls ein Doktor der Physik und ebenfalls unterfordert mit dem, was wir zu tun hatten. Er hieß Konrad Hellermann, und im Gegensatz zu mir nahm er die Dinge mit stoischer Gelassenheit hin. Meine Laune verschlechterte sich dagegen mit jedem Monat, der verstrich.
   Der Vorfall, von dem zu berichten ist, ereignete sich an jenem Tag, an dem ich Konrad von meinem Bruder erzählte. Ich halte das für eine nicht ganz unwesentliche Einzelheit, denn andernfalls wäre mir die entscheidende Idee vielleicht nie gekommen. Denn damals gab ich mir größte Mühe, möglichst wenig an meinen Bruder zu denken.
   Dieter war zwei Jahre jünger als ich, und es war von Anfang an klar gewesen, dass ich studieren würde und er nicht. Während ich gute Noten nach Hause brachte und schließlich sogar ein Abitur, das sich sehen lassen konnte, schaffte er gerade mal die Hauptschule, und auch das nur mit Ach und Krach. Während ich zielstrebig durchs Studium pflügte, ließ er sich ziellos treiben, jobbte hier und da und schwängerte schließlich die schöne junge Tochter eines hässlichen alten Schrottplatzbesitzers. Sie heirateten, sein Schwiegervater übergab ihm das Geschäft, und von da an scheffelte er haufenweise Geld. Ich dagegen hatte am Ende eine Urkunde, die mir die Würde eines Doktors bescheinigte, war arbeitslos und fuhr nur die Strecken mit der Straßenbahn, die zu Fuß nicht zu bewältigen waren. Dieter fuhr natürlich einen dicken Mercedes, in dem es zwar aussah wie auf einer Müllhalde und stank wie in einem Klärwerk, aber es war ein Mercedes. Mein Bruder hatte weder Manieren noch Stil oder Geschmack, und jeder wusste, dass die eine Hälfte seiner Geschäfte krumme Dinger waren und die andere Hälfte illegal, aber trotzdem saß er im Gemeinderat. Da musste man sich doch fragen, was man im Leben falsch gemacht hatte, oder?
   »Ach ja«, seufzte Konrad, während wir mit unserem kleinen Elektrowagen den Beschleunigertunnel entlangsummten. »Als Wissenschaftler gilt man heutzutage einfach nichts mehr. Oder hat schon einmal jemand zu dir gesagt: ›Ach, Sie sind Quantenphysiker, wie beeindruckend?‹ Eine Frau womöglich? Bestimmt nicht. – Halt mal da vorne, neben dem Schaltkasten.«
   Seit ein paar Tagen suchten wir nach einem überaus rätselhaften Fehler. Alle Kontrollsysteme meldeten normalen Betriebszustand, doch wenn die Anlage feuerte, kam kein einziges Elektron in der Versuchskammer an. Da wir in einer Trilliardstelsekunde ungefähr so viel Energie verheizten wie eine Kleinstadt in einem ganzen Jahr, war das ein nicht unbeträchtliches Ärgernis. Und von uns wurde erwartet, dass wir es aus der Welt schafften.
   »Schau mal«, brummte Konrad und klopfte gegen eine der Spulen. »Mit der stimmt doch was nicht, würde ich sagen.«
   Ich war seiner Meinung, ohne dass ich hätte sagen können, warum. Eine Beschleunigerspule war eine knapp sieben Zentimeter dicke Metallscheibe von etwa anderthalb Meter Durchmesser, die komplizierte Spulenwicklungen enthielt, Anschlüsse, Dichtungen und so weiter. Hintereinander gestapelt wie Brotscheiben im Beutel, bildeten sie den Schusskanal des eigentlichen Beschleunigers. Das war ein neues Patent, das die Baukosten eines Teilchenbeschleunigers durch Serienfertigung enorm reduzierte. Der einzige Nachteil bestand darin, dass immer mal wieder Spulen ausfielen und ausgetauscht werden mussten, was jedesmal eine Schweinearbeit war.
   Die Spule, auf die Konrad gezeigt hatte, schimmerte seltsam. Natürlich erzeugten die müden Lampen an der Tunneldecke auf dem Metall alle möglichen Reflexe, aber im Lauf der Zeit lernte man, die Feinheiten zu unterscheiden. »Verzogen«, konstatierte ich grimmig. »Wahrscheinlich ist einer von der Putzkolonne mit dem Wagen dagegengerauscht und hat schön fein den Mund gehalten.« Ich griff nach dem Werkzeugkasten. »Also, raus damit.«
   Wir gaben Bescheid, dass wir einen Austausch vornehmen würden, und machten uns an die Arbeit. Oben ließen sie nach unserem Anruf wahrscheinlich die Stifte fallen und verabredeten sich in einem Biergarten, denn für sie war der Tag damit gelaufen. Allein bis der Schusskanal, in dem natürlich normalerweise Vakuum herrschte, mit Luft geflutet war, vergingen anderthalb Stunden. Das wäre zwar auch schneller gegangen, aber dann hätte sich die einströmende Luft zu stark abgekühlt und eventuell andere Bauteile beschädigt. Das Vakuum wieder herzustellen, dauerte schließlich gut und gerne die ganze Nacht.
   Wir nutzten die Zeit, um eine Austauschspule aus dem Lager zu holen und durchzuchecken. Doch als wir endlich soweit waren, die verdächtige Spule herauszunehmen, ging es nicht. Sie schien regelrecht festzukleben, gab nicht einen Millimeter nach.
   »Restmagnetismus«, diagnostizierte Konrad. Das war kein seltenes Problem. Spulen wurden im Betrieb manchmal magnetisch, und dann hingen sie so fest an ihren Nachbarn, dass man sie mechanisch nicht entfernen konnte, ohne die gesamte Konstruktion des Beschleunigers zu beschädigen. Vom nötigen Kraftaufwand ganz zu schweigen.
   Das war einer der seltenen Fälle, in denen man es mit Köpfchen weiter brachte als mit schierer Kraft. Denn man musste nur elektrischen Strom so in die Spulenwicklungen leiten, dass eine eventuelle Restmagnetisierung durch ein entgegengesetzt gerichtetes Magnetfeld unwirksam gemacht wurde. Unser Elektromobil verfügte eigens zu diesem Zweck über Anschlusskabel und eine fein regelbare Stromversorgung. Wir schlossen also die Spule an die Batterie an, trennten sie vom restlichen Stromkreis und regelten den Strom so weit hoch, dass wir sie mit dem Heber des Wagens problemlos heraushieven konnten.
   Zu unserer grenzenlosen Überraschung stellten wir fest, dass sich im Inneren der Spule etwas befand, das aussah wie die Haut einer großen Seifenblase. Es schimmerte so eigenartig, dass wir respektvoll Abstand hielten.
   »Was ist denn das?«, murmelte Konrad.
   »Vielleicht ein Hochspannungsphänomen?«, war meine Hypothese. Extrem hohe Spannungen, wie sie in einem Teilchenbeschleuniger zum Alltag gehören, können überaus merkwürdige Effekte hervorrufen. Damals ging das Gerücht um, in einer japanischen Anlage sei ein Kugelblitz entstanden und habe vier Wissenschaftler getötet.
   Konrad konsultierte die Messgeräte. »Kann ich mir nicht vorstellen. Ein Hochspannungsphänomen, das man mit Gleichstrom am Leben halten kann? Aus Batterien? Und der Stromverbrauch liegt nur bei drei Watt. Da verbraucht ja mein Radiowecker mehr.«
   Ich griff nach einem der Schraubenzieher mit isoliertem Griff. »Dann wollen wir mal«, sagte ich, oder so etwas ähnliches, und piekste damit auf das eigentümliche … Feld ein.
   In dem Moment, in dem ich das blasenartige Etwas mit der Spitze berührte, hörten wir ein Geräusch, als atme jemand ein. Eine unwiderstehliche Kraft riss mir den Schraubenzieher aus der Hand, und im nächsten Augenblick war er spurlos verschwunden.

Es muss ein eigentümlicher Anblick gewesen sein, wie wir da in dem dunklen Tunnel vor dem metallenen Spulenring standen: wie Tiger vor dem Feuerreif, nur ohne Feuer. Innerhalb einer Viertelstunde waren wir sämtliche Schraubenzieher losgeworden, Konrads letzte Packung Zigaretten und alle Dichtringe, die wir dabeigehabt hatten. »Wir müssen allmählich damit aufhören, sonst kommen wir dem Materiallager gegenüber in Erklärungsnot«, sagte Konrad schließlich.
   Ich grübelte noch immer über dem rätselhaften Effekt. Die Idee, es mit Dichtringen und Zigaretten zu versuchen, war von mir gekommen. »Man müsste etwas riechen, wenn die Gegenstände verdampfen würden, richtig? Tabakrauch oder verbrannten Gummi. Das würde man riechen.«
   Konrad schüttelte den Kopf. Er hatte das Messgerät die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. »Das kann gar nicht sein. Der Stromverbrauch liegt konstant bei 2,907 Watt. Konstant! Das ist nicht genug Energie, um auch nur einen Mückenflügel zu verdampfen. Von einem massiven 16-Millimeter-Chrom-Vanadium-Schraubenzieher ganz zu schweigen.« Er sah auf und schaute mich mit Augen an, die durch seine starke Brille ins Unnatürliche vergrößert wurden. »Jens«, sagte er mit jenem Tonfall, den man sich für weltbewegende Momente aufsparen sollte, »dafür gibt es nur eine Erklärung.«
   »Genau«, sagte ich.
   »Ein Quanteneffekt«, sagte Konrad.
   »In makroskopischen Größenordnungen.« Ich nickte. Offenbar war uns zur gleichen Zeit der gleiche Gedanke gekommen. »Das heißt, die Gegenstände verschwinden tatsächlich.«
   »Ja. Sie verschwinden in einem … ich weiß nicht, in irgendeinem anderen Elementarzustand vielleicht.«
   Ich betrachtete den stillen, düsteren Stahlwurm des Beschleunigers und das matt schimmernde Feld in dem Spulenring am Greifarm der Hebevorrichtung. »Kein Wunder, dass kein Elektron in der Versuchskammer angekommen ist. Sie sind alle hier drin verschwunden.«
   Konrad strich sich die Haare zurecht, als erwartete er, dass jeden Augenblick Pressefotografen ums Eck bogen. »Das wird uns den Nobelpreis einbringen«, erklärte er. »Ruhm und Ehre. Einen Platz in den Annalen der Wissenschaft.« Er sah mich an, unnatürlich bleich, selbst wenn man das schlechte Licht dort unten in Rechnung stellte. »Man wird Universitäten nach uns benennen, wenn wir es jetzt nicht versauen, Jens.«
   Ich erwiderte seinen Blick und überlegte, wie ich es ihm beibringen sollte. »Langsam«, sagte ich. »Vielleicht weiß ich noch etwas Besseres.«

Man muss das richtig verstehen. Es war ja keine wissenschaftliche Entdeckung, die wir da gemacht hatten – es war Zufall. Wir hatten keine Ahnung, auf was wir da gestoßen waren. Wir hätten uns lächerlich gemacht, wenn wir damit sofort an die Öffentlichkeit gegangen wären. Was hätten wir schreiben sollen? »Wir haben ein Feld gefunden, das Gegenstände verschwinden lässt – aber wir haben keine Ahnung, wohin sie verschwinden, wir haben keine Ahnung, wie es funktioniert, und wir haben keine Ahnung, wie das Feld entstanden ist?« Unmöglich. Also hielten wir den Mund und versteckten die Spule mit dem Feld, um erst einmal mehr darüber herauszufinden.
   Natürlich haben wir die Stromversorgung aufrechterhalten. Womöglich wäre das Feld kein zweites Mal aufgetaucht. Wir schafften den Spulenring mitsamt der Batterie unseres Elektromobils in einen leer stehenden Kellerraum, und ein paar Tage später schloss ich sicherheitshalber eine weitere Batterie an.
   Das ist jetzt über dreißig Jahre her. Das Feld ist noch da, weil wir den Strom nie abgeschaltet haben, die ganze Zeit über nicht.
   Denn es ist uns nie gelungen, ein zweites Feld zu erzeugen.

Im Laufe der Zeit wurde uns klar, dass wir mit den Messinstrumenten, die sich auftreiben ließen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte, und den paar Stunden am Abend, die wir erübrigen konnten, nicht weit kommen würden. Wir mussten die Sache größer aufziehen.
   Mit anderen Worten: Wir brauchten Geld.
   Der einzige, den ich kannte, der Geld ohne Ende hatte, war mein Bruder. Wir schmuggelten ihn eines späten Abends an allen Sicherheitsleuten vorbei ins Institut und hinab in unseren Keller. Dort zeigten wir ihm den Ring, der wenig eindrucksvoll auf fünf alten Holzböcken lag und vor sich hin glomm. Wir konnten Dieter nur mit Mühe davon abhalten, mit der bloßen Hand in das Feld zu fassen.
   »Jetzt übertreib mal nicht so maßlos«, tönte er, nachdem ich seinen Zeigefinger vor dem Schlimmsten bewahrt hatte.
   »Ich übertreibe nicht.« Ich drückte ihm ein Metallstück in die Hand, das ich aus der Werkstatt mitgenommen hatte.
   »Aha«, meinte Dieter mit Kennerblick. »Stahl. St-50, würde ich sagen. Fünfhundert Gramm, geschätzter Altmetallwert –«
   »Steck es in das Feld«, sagte ich.
   »Was für ein Feld?«
   »Na, das, was da in der Ringspule so lustig schimmert. Du wolltest es gerade anfassen.«
   Dieter sah mich skeptisch an. »Und was passiert dann? Kriege ich einen elektrischen Schlag?«
   »Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ehrlich nicht. Lass es einfach hineinfallen.«
   Er tat wie geheißen, was angesichts des Standes unserer geschwisterlichen Beziehung schon allerhand war. Und wie viele andere Gegenstände vor ihm verschwand auch der Stahlbolzen, anstatt auf dem Boden unterhalb des Feldes aufzuschlagen.
   Dieter zeigte Anzeichen gelinder Verblüffung. »Cool«, räumte er ein. »Echt cool. Und? Sag schon. Was ist der Trick dabei?«
   »Das ist kein Trick«, sagte ich.
   »Aber der Stahlbolzen? Wo ist der hin?«
   Ich zuckte mit den Schultern. »Ins Innere der Sonne? Ins Zentrum der Milchstraße? Wir wissen es nicht.«
   »Wir würden es allerdings gerne herausfinden«, fügte Konrad hinzu, dem mein Bruder deutlich mehr Respekt einflößte, als Dieter verdient hatte.
   »Ja«, sagte ich. »Und dazu brauchen wir deine Hilfe.«
   »Meine Hilfe?« Schlagartig hatte Dieter wieder seinen normalen geschäftsmäßigen Gesichtsausdruck täuschender Einfalt aufgesetzt. »Aber von solchen Sachen verstehe ich überhaupt nichts.«
   »Wir stellen uns das so vor«, erklärte ich ihm den Deal, den wir anzubieten hatten. »Du finanzierst ein kleines, feines, privates Forschungsinstitut, in dem wir dieses Feld erforschen. Dafür bekommst du eine Option auf eventuelle geschäftliche Nutzungsmöglichkeiten.«
   »Wofür hältst du mich? Für einen Geldscheißer?«, versetzte Dieter ärgerlich. Er betrachtete die Ringspule und das Feld mit äußerster Skepsis. »Wer sagt mir, dass das kein Trick ist? So ein David-Copperfield-Ding, mit dem ihr mich über’n Tisch ziehen wollt?«
   Allmählich ging er mir auf die Nerven. Ich streckte die Hand aus und sagte: »Gib mir mal dein Handy.«
   Dieter zögerte, langte dann aber doch in die Tasche. »Hier.«
   »Angeschaltet, bitte.«
   Er gab seinen PIN-Code ein und reichte es mir dann. »Und jetzt?«
   »Deine Handynummer weißt du auswendig, oder?«
   »Klar.«
   »Fein«, sagte ich und ließ das Gerät in das Feld fallen. Choh! machte es, und weg war es.
   »Hee?!«, schrie Dieter auf. »Bist du wahnsinnig? Weißt du, was das gekostet hat?«
   »Null komma nix, wie ich dich kenne«, erwiderte ich und reichte ihm mein eigenes Mobiltelefon. »Bitte schön. Ruf es doch mal an, dein Handy.«
   »Wie bitte?« Er nahm das Gerät, das ich ihm hinstreckte, begriff aber überhaupt nichts.
   »Tu es einfach«, sagte ich.
   Er tat es. Wählte die Nummer, und das nächste, was er hörte – was wir alle hörten – waren die üblichen drei Töne und die Ansage, die immer kommt, wenn ein Mobiltelefon gerade nicht am Netz ist.
   »Ich hätte gedacht«, fuhr ich fort, »dass eine Möglichkeit, Dinge spurlos verschwinden zu lassen, dich eigentlich brennend interessieren müsste. Oder?«

Natürlich interessierte es ihn brennend. Das Agreement sah so aus: Tagsüber gehörte das Feld uns, nachts gehörte es ihm. Unser erstes Labor richteten wir im Keller eines Gebäudes ein, das direkt neben dem Firmengelände meines Bruders lag. Zu diesem Gebäude gab es einen unterirdischen Verbindungsgang, der laut offiziellen Unterlagen nicht existierte, und ab Einbruch der Dunkelheit karrten seine Leute auf diesem Wege all das heran, was Geld brachte, wenn man es verschwinden ließ: Dichlormethan, Quecksilberverbindungen, Altröntgenfilme, Chromschwefelsäurereste und Ammoniumdichromat. Ich lernte, dass ein Standard-Behälter Amershan Typ P blau ist und sechzig Liter wässrige langlebige Radionukleide aufnehmen kann.
   Und ich lernte, was man für seine fachgerechte Entsorgung in Rechnung stellen konnte.
   Einen wirklich erstaunlichen Betrag.

Ein Jahr lang bissen wir uns die Zähne an dem Phänomen aus, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen. Wir erdachten alle möglichen Versuchsanordnungen, stellten Hunderte von Theorien auf, ließen Scharen von Computern rechnen und rechnen und verbuchten trotzdem nur Fehlschläge. Mehrmals waren Konrad und ich soweit, die Geheimhaltung aufgeben und andere Wissenschaftler um Rat fragen zu wollen, doch Dieter bewahrte uns mit seinem Veto vor diesem Schritt. Entweder lösten wir das Rätsel selbst, oder es würde ungelöst bleiben.
   Die einzige nennenswerte Beobachtung machte Konrad, und damals hielten wir sie zweifellos beide für eine Bagatelle. Er stellte fest, dass der Stromverbrauch des Feldes zunahm.
   »Der Stromverbrauch?«, wiederholte ich irritiert.
   »Am Anfang«, erklärte Konrad, »lag der Stromverbrauch bei 2,907 Watt. Steht an mindestens zwanzig Stellen in unseren alten Notizen vermerkt. Heute dagegen beträgt er 3,112 Watt.«
   Das Gespräch fand in unserem Besprechungszimmer statt. Anstatt Bücher über Quantenphysik zu studieren, hatte ich den ganzen Vormittag hindurch die Andrucke des neuen Leistungskatalogs von Dieters stetig expandierender Firma Korrektur gelesen. Ich schob das ganze Zeug von mir weg und fragte: »Drei Watt? Ist ja wahrhaftig nicht die Welt.«
   Konrad nickte. »Aber es ist trotzdem eigenartig, oder? Als würde alles, was in dem Feld verschwindet, dazu beitragen, eine Art Druck aufzubauen. Und je höher der wird, desto mehr Strom verbraucht das Feld.«
   Ich zuckte mit den Achseln. »Gut, aber ich sehe das Problem nicht. Das Feld könnte tausend Kilowatt verbrauchen und würde uns immer noch reich machen.«
   Das war eindeutig die falsche Antwort. Konrad sah mich an, seine Augen hinter der Brille wurden größer, und der Ausdruck von Enttäuschung darin war unübersehbar.
   »Im Grunde interessieren dich die wissenschaftlichen Zusammenhänge gar nicht mehr, stimmt’s?«, fragte er leise.
   Was hätte ich darauf sagen sollen? Er hatte Recht. Im Grunde interessierten mich die wissenschaftlichen Zusammenhänge tatsächlich nicht mehr. Seit ich angefangen hatte, in der Firma meines Bruders mitzuarbeiten, fand ich die wirtschaftlichen Perspektiven der ganzen Sache weitaus interessanter.
   Vor allem, als Konrad kurz darauf entdeckte, dass man das Feld teilen konnte. Dazu musste nur eine simple Magnetspule, auf eine ganz bestimmte Art und Weise gewickelt und mit Strom versorgt, in seine Nähe gebracht werden, und das Feld sprang über wie von einer Kerze auf ein Streichholz. Es war zum Schreien einfach.
   Ich hatte sofort die Vision einer Welt vor Augen mit Millionen von Ablegern unseres Feldes, in denen aller Müll und aller Abfall verschwand.
   Nur: Mein Bruder war dagegen. Und dummerweise hatte er laut Vertrag das letzte Wort hinsichtlich der Verwertungsmöglichkeiten des Feldes.
   Und Verträge lesen, das konnte er.

»Nein, nein und nochmals nein«, fauchte er, als ich das Thema zum bestimmt fünfzigsten Mal aufs Tapet brachte. »Wie oft müssen wir noch darüber diskutieren? Mein Geschäft ist es, Müll verschwinden zu lassen. Nicht, Geräte zu bauen, mit denen die Leute ihren Müll selber verschwinden lassen können. Und jetzt Schluss; ich muss gleich fort.«
   Während er in Ordnern und Ablagen wühlte, Papiere hervorzog und in seinen abgeschabten Aktenkoffer warf, sagte ich, auf die segensreiche Wirkung der Kombination von Beharrlichkeit und Ruhe hoffend: »Es wäre das größere Geschäft, Dieter. Damit werden wir zu einem Weltkonzern.«
   »So? Werden wir das?« Dieter lachte trocken. »Ich will dir mal was sagen: Einen Scheißdreck werden wir. Erledigt sind wir, sobald wir das Feld aus der Hand geben. Weißt du, was die Firmen, die schon Weltkonzerne sind, tun werden? Ihre eigenen Ableger davon herstellen, genauso einfach, wie ihr das macht. Dann machen sie das Geschäft selber, und wir sind außen vor.«
   Ich nahm den Ordner zur Hand, den ich mitgebracht hatte, und legte ihn auf den Tisch. »Ich habe drei Rechtsgutachten erstellen lassen, unabhängig voneinander. Sie besagen übereinstimmend, dass das Patentrecht uns erlaubt, eventuelle Käufer von Geräten durch Lizenzverträge dahingehend zu binden, keine eigenen Ableger des Feldes herzustellen.«
   Dieter hielt inne, musterte mich, den Ordner, dann wieder mich. »Das Patentrecht? Dass ich nicht lache. Jens, du hast das Feld nicht erfunden – du hast es nur gefunden! Du hast nicht den Hauch einer Ahnung, wie es funktioniert, das sagst du doch selber. Wie willst du auf der Grundlage eine Patentschrift formulieren?«
   »Na und?«, versetzte ich. »All die Leute, die irgendwelche Gene patentieren, haben sie auch nicht erfunden, sondern nur gefunden. Und wie sie funktionieren, wissen sie auch nicht. Trotzdem verletzt du, wenn du diese Gene vervielfältigst, ihre Rechte und findest dich vor Gericht wieder, und zwar mit einer Klage, bei der dir die Tränen kommen.«
   Dieter schüttelte den Kopf und knallte den Aktenschrank zu. »Ich sage trotzdem nein, und damit basta.« Er schloss seinen Aktenkoffer.
   Ich seufzte. »Also gut. Aber eine letzte Chance musst du mir noch geben. Lass uns kurz in mein Büro rübergehen. Ich habe etwas, das unsere Differenzen aus der Welt schaffen wird.«
   »Wüsste nicht, was das sein könnte«, murrte Dieter, vergebens in allen Schubladen nach seinen Autoschlüsseln suchend. »Außerdem habe ich keine Zeit, ich sollte längst weg sein –«
   »Es dauert nur einen Moment.«
   »Wo sind diese verdammten Schlüssel, verflucht noch eins?«
   »Bitte«, sagte ich. »Danach brauchen wir das Thema nie wieder zu diskutieren, großes Ehrenwort.«
   Dieter seufzte abgrundtief. »Also gut, einen Blick. Wenn danach Ruhe ist …«
   »Versprochen.« Ich öffnete die Tür, die von seinem Büro in mein kleineres führte, das direkt daneben lag. »Bitte, nach dir.«
   Er stürmte vorwärts, wie es immer seine Art gewesen war, und als er begriff, was los war, war es zu spät. »Hee, das ist doch –!«, brachte er noch heraus. Ich gab ihm zur Sicherheit einen kräftigen Tritt in den Rücken, und er verschwand in dem Feld, das ich im Türrahmen installiert hatte.

Danach musste ich nur die Batterie herausnehmen, die das Feld versorgt hatte. Es erlosch, und die paar Spulendrähte ließen sich spurlos entfernen. Ein zweites Feld, in der Tiefgarage über seinem persönlichen Parkplatz installiert, entsorgte sein Auto. Seine Angestellten waren es gewohnt, keine Fragen zu stellen und sich keine Gedanken zu machen. Die Polizei ging später davon aus, dass Dieter in illegale Geschäfte verwickelt gewesen war – Hinweise darauf fanden sich zur Genüge – und untergetaucht war.
   Es lief alles bestens. Nachdem sie die Scheidung durchbekommen hatte, heiratete ich Dieters Frau – und damit die Firma –, und dann stiegen wir in die Produktion von Müllentsorgungsanlagen aller Art ein. Unsere Abgasfilter für Heizkraftwerke und Verbrennungsanlagen waren sensationell – reine Luft, die den Schornstein verließ. Aus unseren Klärendstufen kam Wasser, das man trinken konnte. Allerdings viel weniger, als hineinfloss – das ließ die Techniker stutzig werden. Nun ja. Es war mir von Anfang an klar, dass die Sache mit dem Feld nicht für immer geheim bleiben würde.
   Natürlich kam dann irgendwann ein hässlicher Verdacht auf, was das Verschwinden meines Bruders betraf. Aber da hatte ich schon genug Geld, um mir die schärfsten Rechtsanwälte der Welt leisten zu können, und so wurde nicht viel daraus.
   Und wer hätte beweisen wollen, dass Dieter wirklich tot war?
   Wie auch immer. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Das abgasfreie Auto ist heute eine Selbstverständlichkeit. Erinnern Sie sich überhaupt noch daran, dass es einmal so etwas wie eine Müllabfuhr gegeben hat? Müllverbrennungsanlagen? Wenn ja, dann sind Sie mindestens 25 Jahre alt. Und haben wahrscheinlich Kinder, für die der Entsorger unter dem Spülbecken eine Selbstverständlichkeit ist. Und was Müllhalden und Schuttplätze anbelangt, die hat man alle wieder ausgebaggert und ein für alle Mal verschwinden lassen. Radioaktiver Müll, einst ein unlösbares Problem – weg. Die abgebrannten Brennstäbe aus Kernkraftwerken, über die wir uns früher so viele Sorgen gemacht haben – aus der Welt geschafft. Die Erde ist so sauber wie noch nie.

Ich fürchte, mehr als die dritte Flasche werde ich nicht bewältigen. Immerhin, ein Montrachet aus der Domaine de la Romanée-Conti. Samtig, duftig, feinwürzig – ein hervorragender Jahrgang. Aber der Gedanke an all die Schätze, die ich über die Jahre hinweg in meinem Keller versammelt habe und die nun ihre Bestimmung nicht mehr finden sollen, schmerzt.
   Dreißig Jahre lang ist alles gut gegangen. Ich habe den Konzern geleitet, Konrad hat weitergeforscht, mit mehr Leuten, mehr Geld – viel mehr Geld –, aber so ergebnislos wie eh und je. Immerhin: Dass auch all die namhaften Kapazitäten, die Nobelpreisträger und so weiter vor unserem Feld kapitulieren mussten, war irgendwie beruhigend. Wir hatten uns zumindest nicht allzu dumm angestellt. Und wir verdienten schweinemäßig viel Geld. Wirklich. Die ganze Welt kaufte wie verrückt unsere Geräte, und unsere Profite waren geradezu obszön.
   Bis neulich die Beschwerden anfingen, vor einem halben Jahr etwa. Den Anfang machten die batteriebetriebenen Entsorger für die Hosentasche – diese kleinen Metalletuis für Zigarettenasche und was eben unterwegs so anfällt. Sie gäben zu früh den Geist auf. Und zwar alle. Uns war das rätselhaft.
   Vor einem Monat stellte sich heraus, dass die Felder in den Kfz-Abgasentsorgern erloschen waren und die Abgase ungefiltert entweichen ließen.
   Reihenweise.
   Das war äußerst rätselhaft.
   Und dann kam Konrad mit der sensationellen Neuigkeit, sie hätten herausgefunden, wie das Feld funktioniert.

»Ich dachte immer, das ganze Zeug verschwindet in einem Quantenraum«, erklärte er mir mit einer ausholenden Bewegung, die alles einzuschließen schien – mein Büro und die atemberaubende Aussicht über die Stadt inbegriffen. »Du weißt schon, eines dieser hypothetischen Kontinua mit imaginärer Dimensionszahl. Aber wir wissen jetzt, dass das nicht stimmt.«
   »Sondern?« fragte ich, weil mir seine Kunstpause zu lange dauerte und ich das deutliche Gefühl hatte, dass mir nicht gefallen würde, was er zu sagen hatte.
   »Alles, was man in das Feld wirft«, sagte Konrad, »verschwindet in der Zeit
   »In der Zeit?«, wiederholte ich. »Bist du sicher?« Was man eben so fragt in solchen Momenten.
   »Du darfst gern die Protokolle unserer Experimente studieren, falls dich so etwas noch interessieren kann.« Konrad lehnte sich im Sessel zurück und faltete die Hände vor seinem Kinn. »Wir haben hochwertige Atomuhren hineingeschickt, funkkontrolliert und mit Ultrahochgeschwindigkeitsaufzeichnung. Hat Millionen gekostet. Aber wir sind uns jetzt sicher, dass das Feld alles, was hineingerät, in die Zukunft schleudert.«
   »In die Zukunft?« Ich versuchte zu verstehen, was das für uns bedeuten konnte. »Das klingt nicht gut.«
   Konrad schüttelte den Kopf. »Ist es auch nicht.«
   »Kann man etwas darüber sagen, in welche Zukunft?«, hakte ich nach. »Ich meine, Zukunft – das heißt ja womöglich, irgendwann kommt alles wieder, oder?«
   Er fuhr sich durch das schütter gewordene Haar. »Genau wissen wir es nicht, aber ich glaube, der Stromverbrauch des Feldes ist der Schlüssel. Er wächst, seit wir das Feld gefunden haben. Ich protokolliere das seit Jahrzehnten, und inzwischen steht fest, dass das Anwachsen des Stromverbrauchs einer hyperbolischen Kurve folgt.« Er nahm die Brille ab und begann, seine Nasenwurzel zu massieren. »Du erinnerst dich, was eine hyperbolische Kurve ist? Eine Hyperbel?«
   Ich schnaubte. »Eine Kurve der Form eins durch x, natürlich. Hältst du mich für verblödet?«
   »Und was ist das Merkmal einer Hyperbel?«
   »Du wirst es mir gleich sagen.«
   »Eins durch x. Oder irgendein Wert geteilt durch x. Was passiert, wenn x Null wird?«
   Ich begriff. »Die Kurve geht gegen unendlich!«
   Konrad setzte seine Brille wieder auf. »Man nennt das eine Singularität«, erklärte er.

Und diese Singularität wird heute Nacht stattfinden, nach mitteleuropäischer Zeit um genau ein Uhr, zwölf Minuten, achtunddreißig Komma irgendwas Sekunden. Keine Ahnung, was an diesem Zeitpunkt so ungewöhnlich ist. Vermutlich nichts. Es ist eben einfach der Punkt auf dem Zeitstrahl, der von Anfang an mit unserem Feld verbunden war.
   Inzwischen sind die meisten Felder erloschen, denn heute Abend betrug der Strombedarf fast ein halbes Megawatt pro Quadratzentimeter. Bis Mitternacht wird kein einziges Feld mehr verfügbar sein. Man kann ausrechnen, wann der Bedarf pro Quadratzentimeter größer werden wird als die gesamte im Universum verfügbare Energie – ein paar Millionstel Sekunden vor dem Moment der Singularität wird es soweit sein.
   Und dann? Nun ja, wer kann das wissen? Die beste Schätzung dürfte die von Konrad sein: Im Augenblick der Singularität wird alles wiederkommen. Alles, was wir je hineingesteckt haben in das Feld und seine Abkömmlinge. Alle Kaffeefilter, Bananenschalen, Gemüsereste, alle vollgeschissenen Windeln der letzten dreißig Jahre. Aller Kehricht und alle Staubsaugerbeutel, alle zerbrochenen Spiegel, Durchschreibesätze und Medikamentenreste. Die Zigarettenkippen von drei Jahrzehnten. Die Inhalte aller Katzenklos. Berge von Eierschalen, ranzigem Fritierfett, vollgerotzten Taschentüchern, Binden, Tampons und Kondomen. Alles wird wieder auftauchen, aus dem Nichts, überall auf der Welt. Gebirge von Bauschutt, Fliesenscherben und ölverseuchtem Aushub werden uns unter sich begraben, zusammen mit Baggerreifen, Asbeststaub, Schrottautos, Holzschutzmitteln, radioaktiven Abfällen und Ozeanen von Urin, Klärschlamm und Säureresten.
   Und dann die Abgase – die Abgase von dreißig Jahren, in denen man auf saubere Verbrennung und Abgasreinigung kaum noch Wert gelegt hat, weil man es nicht musste. Spätestens die Abgase werden uns ersticken.
   Die Flasche ist so gut wie leer. Der Abend neigt sich dem Ende zu. Was uns bleibt, ist die Hoffnung, dass Dr. Konrad Hellermann sich geirrt hat mit seiner Formel.
   Wir werden sehen.

© 2004 by Andreas Eschbach
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)

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Originalausgabe
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004
(Berlin: Shayol-Verlag, 2004) 3-926126-42-6 Bestellen
252 Seiten
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21.05.06 • 10.06.06