Rob ging
langsam den Gang entlang. Vor und hinter ihm verschluckte Dunkelheit jegliche Raumkontur.
Dennoch schien die alles verschlingende Schwärze lebendig und von noch dunkleren Schatten
bevölkert zu sein. Hin und wieder glaubte er, die blassen Windungen gewaltiger Eingeweide
zu erkennen, und rechnete jeden Augenblick damit, von etwas Monströsem angesprungen zu
werden. Der Gang schien endlos und nur die spärlich verteilten Fackeln an den rußigen
Wänden vermittelten ihm den Eindruck, voranzukommen. Es roch plötzlich nach verrottenden
Pflanzen und Verwesung, so dass er unwillkürlich seinen Schritt beschleunigte.
Hinter sich glaubte er etwas atmen zu hören. Ein röchelndes Geräusch,
so erschreckend nah, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er drehte sich vorsichtig
um und sah einen länglichen Körper von der Decke baumeln. Die bläulich schimmernde Haut
war von dickknotigen Adern überspannt, und in dem fast kreisrund klaffenden Maul
rotierten blitzende Metallzähne.
Der Körper, der aus einem zackigem Loch herunterhing, zuckte mit
schlagenden Bewegungen vor und zurück. Rob fühlte sich bedroht. Wirklich sehr
eindrucksvoll! Mark musste monatelang an dem Monster gearbeitet haben. Die Polygone waren
dicht gesetzt und die Texturen brillant. Er zog seinen Energiewerfer aus der Halterung und
feuerte. Ein blau gleißender Impuls jagte der Kreatur in den Kopf, zerfetzte ihn und
ließ einen Hagel blutigen Körpergewebes niedergehen. Rob schüttelte sich. Manchmal ging
Mark zu weit.
Rob wollte sich gerade umwenden, als noch ein Monster aus dem Loch
schnellte. Er kam kaum dazu, die Waffe erneut zu heben, als ihn das Wesen erreichte. Das
Maul mit den rotierenden Zähnen schnappte um die Hand, in der er den Energiewerfer hielt,
so dass er gerade noch Zeit hatte, einen Schuss auszulösen. Durch sein minimiertes
Schmerzempfinden merkte er kaum, wie ihm die Hand abgebissen wurde. Eine Fontäne grünen
Blutes schoss aus seinem ausgefransten Armstumpf, da explodierte vor ihm das zweite
Monster. »Sehr komisch, Mark!« rief er in die Dunkelheit. Mit der unversehrten Hand zog
er die Waffe aus der dampfenden Blutmasse. Weiter den Gang entlang. Er musste den Ausgang
finden oder sterben, nur so konnte man den Level verlassen.
Nach einigen Metern veränderte sich die Wandstruktur. Eine klebrige
Substanz überzog den massiven Stein. Darunter zeichneten sich organische Strukturen ab.
Der niedrige Gang weitete sich. Aus kleinen Öffnungen sickerte trübes Licht in dunstigen
Flecken zu Boden. Nebelschwaden trieben durch die Luft.
Er erreichte den Eingang einer riesigen Arena, in deren Mitte er den
dunklen Leib eines Raumschiffes erblickte. Es ragte Hunderte von Metern in einen
wolkenverhangenen Himmel. Wurde er erwartet? Rob lächelte. Selbst Mark gelang es nicht
immer, hundertprozentigen Realismus zu erzeugen. Die Wolkenformationen zogen etwas zu
gleichmäßig dahin, als dass sie einen geübten Betrachter täuschen konnten.
Nach einigen tiefen Atemzügen lief er langsam auf das Schiff zu. Es
herrschte absolute Stille. Nicht einmal Windgeräusche waren zu vernehmen. Als er die
Hälfte der Strecke hinter sich hatte, gab es ein Geräusch wie das Entriegeln eines
riesigen Tors. Ein silbern glühender Faden schoss über die Länge der schwarzen
Schiffshülle und verbreiterte sich. Es entstand eine gleißende Öffnung, die zuweilen
unruhig flackerte. Rob schaltete seinen Schutzschild mit dem Oval des milchigen
Energiefeldes ein.
In diesem Augenblick trat ein Schatten in das gleißende Lichtfeld des
Raumschiffs. Die Kreatur war riesig und bewegte sich schwerfällig wie ein Urzeitwesen.
Der Boden bebte, als die Kreatur ihm entgegen stapfte. Die Umrisse, die er ausmachen
konnte, enthüllten gewaltige Hornplatten mit spitze Dornen, die den Körper des
Ungeheuers bedeckten, dazu unzählige stachel- und klauenbewehrte Auswüchse. Er musste
sich zwingen, nicht Hals über Kopf davonzurennen. Schließlich war alles nur eine
Simulation.
Die Erschütterungen wurden immer heftiger, die Kreatur kam schnell
näher. An ihrem flachen, länglichen Kopf leuchteten drei rote Augen. Hier lag
höchtswahrscheinlich der Punkt, an dem Mark das Monster verwundbar gelassen hatte. Er
würde schon beim ersten Mal genau zielen müssen, oder es würde ein anstrengender Kampf
werden. Rob schaltete sein Schutzfeld ab, hob langsam den unverletzten Arm mit der matt
leuchtenden Waffe, visierte eines der Augen an und zog den Auslöser durch. Augenblicklich
schloss sich das verspiegelte Lid des Auges, der Energieimpuls wurde reflektiert, jagte zu
Rob zurück und schlug ihm ein zentimetergroßes, merkwürdig sauberes Loch in die Brust.
Seine Gesundheitsanzeige sackte auf 24 Prozent. Rob taumelte zurück. Sein virtueller
Körper geriet aus dem Gleichgewicht. Er fiel auf den Rücken. Das Monster jagte auf ihn
zu.
Rob verschlug es die Sprache. Mark hatte sich diesmal selbst
übertroffen. Er hatte das Letzte aus dem Level-Editor herausgeholt und noch ein
ganzes Stück mehr. Das Monster kam über ihm zum Stehen. Es öffnete ein Maul und
brüllte mit Marks Stimme ein erschütterndes GAME OVER. Eine Klauenhand hob sich zum
letzten Schlag, und Rob rief QUIT.
Die Klauenhand traf ihn. Der augenblicklich einsetzende Schmerz ließ
ihn aufbrüllen, bevor die Fratze des Monsters verblasste.Rob streifte sich die
Sensorelektronik vom Kopf und ließ sich in seinem Drehstuhl zurückfallen, während die
imaginäre Wunde noch auf seinem Gesicht brannte. Es war eine Art Aberglaube, dass Rob das
Spiel jedesmal vor seinem virtuellen Exitus durch das Sicherheits-Codewort beendete. Warum
es dieses Mal nicht funktioniert hatte, war ihm ein Rätsel. Er brauchte etwas Zeit, um
das Schwindelgefühl zu verlieren, nachdem er die Verbindung mit dem Rechner gekappt
hatte. Rob berührte fast liebevoll die antiquierte Tastatur, die seinen Rechner noch
zierte. Die alten Dinger waren unverwüstlich, wenn man nicht gerade seine Mahlzeiten
hineinkrümeln ließ.
»Kontakt Mark«, rief er und sein Rechner stellte nach dem
unvermeidlichen Werbeclip des Netz-Providers mit den 3-D-gerenderten Animationen die
Verbindung her.
Er musste warten, bis Mark den Anruf bestätigte, und hatte dann dessen
gestochen scharfes Bild auf dem Schirm.
»Hi!« rief Rob und hob Marks Datendisk in die Höhe. »Ich kann nicht
glauben, was du da zusammengezaubert hast. Genial! Ihr Informatiker habt wirklich ein Rad
ab.«
Mark grinste mit schiefem Gesicht. »Ich hoffe, du hast nicht die Hosen
voll! Bist du durchgekommen?«
»Bei dem Viehzeug, das du auf mich losgelassen hast? Bis zum Raumschiff
hab ichs geschafft, dann war Schluss ... Keine schlechten Biester, die du dir da
ausgedacht hast.«
Gelassen zuckte Markt mit den Schultern. »Ich hab ein paar Bildbände
von Giger durchstöbert. Da bekommt man Inspiration pur. Der Mann hat wirklich Phantasie.
Vor ein paar Jahren hatte ich mir mal ein Bild von ihm ins Zimmer gehängt. Nach zwei
Wochen konnte ich es nicht mehr sehen. Du bekommst Albträume von dem Zeug.«
Rob begann zu lachen. »Du und Albträume! Deine Splattereffekte waren
so widerlich, dass es mir fast den Magen umdrehte. Du solltest vielleicht nicht so ins
Detail gehen. Außerdem gab es Probleme mit dem Sicherheits-Codewort. Ich hab ne
volle Ladung abbekommen, und das bei eigeschaltetem Schmerzempfinden.«
Mark blickte entsetzt. »Das ist unmöglich, ich meine ... Rühr das
Programm bitte nicht an, solange ich keinen Blick darauf geworfen habe. Okay?«
»Ist mir auch lieber so«, erwiderte ich.
»Ich werde aber in nächster Zeit kaum dazu kommen. Bin gerade einem
verteufelt intelligenten Virus auf der Spur. Alte Programmiererehre diese Dinger zu
knacken! Als ich gestern meinen Rechner runterfuhr und kurz vom Netz löste, entdeckte ich
ihn durch Zufall. Ich hab nämlich ein kleines Sicherheitsprogramm entwickelt, das den
Zeitraum überprüft, den der Rechner benötigt, um alle Anwendungen zu beenden. Bei mir
dauerte der Vorgang etwa zwölf Sekunden länger als vom Programm berechnet. Der
Toleranzbereich liegt bei plusminus zwei Sekunden. Bleiben also noch immer 10 Sekunden, in
denen Dinge passieren, die eigentlich nicht passieren sollten. Bisher konnte ich noch
keine weiteren Veränderungen feststellen, aber ich nehme an, dass sich der Virus früher
oder später bemerkbar machen wird. Meine aktuellen Virenscanner haben jedenfalls versagt.
Vielleicht sehe ich auch nur Gespenster, und mein Rechner hat viel handfestere Probleme.«
»Klingt jedenfalls seltsam«, sagte ich. »Für mich ist es zumindest
beruhigend, dass auch ein Profi wie du an Grenzen stößt. Treffen wir uns heute Abend im Soul
Reaver?«
»Punkt neun!« bestätigte Mark. »Lass dir nicht wieder so viel Zeit
wie beim letzten Mal.«
Das Soul Reaver war ein kleines Internet-Café, gleich bei Rob um die Ecke. Man
konnte eine Kleinigkeit essen und trinken und danach an einem der freien Rechner ins Netz
tauchen. Das Essen, überwiegend aus der Kühltruhe, war nicht besonders, aber Rob kam
wegen der Leute hierher. Mark saß an einem Tisch in der Ecke und rauchte eine der neuen
Designer-Zigaretten. Er konnte es an dem blauen Ring um den Filter erkennen. Die Dinger
waren vollgepackt mit leichten Drogen und ließen jeden nach spätestens drei Minuten wie
blöde grinsen.
»Schon was gegessen?« fragte Rob.
»Nein, lass uns bestellen.« Mark schaute ihn an, als hätte er etwas
Ungeheuerliches mitzuteilen.
»Mit dir stimmt doch was nicht«, sagte Rob. »Willst du es wieder mit
Jana versuchen? Du weißt, wie ich darüber denke. Die Frau ...«
»Hier, lies!« Mark schob ihm mehrere Blätter in Programmiersprache
vor die Nase. »Erinnerst du dich an unser Gespräch von heute Nachmittag? Das Ding ist
kein Virus, wie ich dachte.«
»Sondern?«
»Ein fremdes Programm. Äußerst raffiniert.«
Rob betrachtete die Blätter, zuckte mit den Schultern und schob sie zu
Mark zurück. »Du weißt, davon verstehe ich keinen Deut. Versuch es mir zu erklären!«
Mark senkte die Simme: »Ich habe den ganzen Nachmittag daran gesessen.
Erst als ich anfing, Dateigrößenvergleiche anzustellen, bemerkte ich, dass bestimme
Dateien größer waren als üblich. Betroffen waren besonders erweiterte systeminterne
Konfigurationsdateien, die ohnehin ständigen Größenschwankungen unterliegen und in die
der Anwender normalerweise nicht eingreift. Diesen Dateien waren Daten angehängt, die
dort nicht hingehörten. Insgesamt, so meine Schätzungen, sind rund 40 MB meines
Speichers durch solche Dateianhängsel belegt eine Menge, die man bei den heutigen
Gigabytesystemen ohnehin nicht mehr registriert. Als nächstes habe ich festgestellt, dass
diese Daten Programmfragmenten ähneln und miteinander verzahnt sind. Sie kommunizieren
sogar miteinander. Bemerkenswert sind jedoch zwei ganz andere Dinge. Diese
Programmstrukturen funktionieren wie ein sich selbst fortpflanzender Organismus, oder
genauer gesagt, wie genetisches Material. Man kann einen Teil der befallenen Dateien
löschen, erreicht damit aber nur, dass nach kurzer Zeit andere Dateien beschrieben
werden. Ähnlich wie in einem genetischem System: Zellen sterben ab, Zellen werden
erneuert. Interessanterweise sind die neu erzeugten Programmstrukturen nur zum Teil
identisch.«
»Wofür soll das gut sein?« fragte Rob, als Mark eine kurze Pause
einlegte.
»Kann ich noch nicht sagen. Ich werde es spätestens dann merken, wenn
das Ding anfängt, im Rechner was kaputt zu machen.«
»Willst du das Programm nicht entfernen?«
Mark zündete sich eine neue blauberingte Zigarette an, blies eine
süßliche Qualmwolke in die Luft und lächelte. »Das sind genau solche
Herausforderungen, an denen ich nicht vorbei komme. Aber vielleicht entpuppt sich dieser
Virus als eine harmlose Sache.«
»Dafür scheint das Ding zu intelligent gebaut. Meinst du nicht?«
erwiderte Rob.
Rob gruppierte sämtliche Objekte, gab den Polygonbegrenzungen eine einheitliche
Linienstärke und speicherte ab. Er hatte leichte Kopfschmerzen von der ständigen Arbeit
am Bildschirm. Zwar hätte er auch mit den Virtual-Glasses arbeiten können, doch
die damit verbundenen Steuerungsvorgänge behagten ihm nicht. Ein Blick auf die Uhr
schon wieder weit nach 18 Uhr. Eigentlich ging seine Arbeitszeit bis 16 Uhr. Dennoch kam
er selten früher hier weg. Dabei durfte er sich als einer der wenigen fest angestellten
Grafiker in der Agentur noch glücklich schätzen. Die meisten mussten sich als sogenannte
Freie auf dem immer dünner werdenden Arbeitsmarkt durchschlagen.
Rob wollte seinen Rechner gerade in den Stand-By-Modus schalten, als ein
Anruf einging. Marks stoppelbärtiges Gesicht erschien auf der Bildplatte. Sein Augen
blickten verstört. »Hallo Rob«, sagte er. »Ich muss mit dir reden. Kommst du zu mir?«
»Ich habe eigentlich schon etwas vor.« Rob lehnte sich leicht zurück.
»Es müsste schon etwas sehr Wichtiges sein ...«
»Es ist verdammt wichtig«, erwiderte Mark schnell, und sagte dann
beinah flehend: »Bitte!«
»Okay, ich kann aber nicht lange bleiben. Auf diese Verabredung habe
ich lange hingearbeitet.«
»Ich warte auf dich.« Mark lächelte gequält. »Danke!«
Mark wohnte in einem der Altbauviertel. Es stank nach Hundekot, an den Straßenrändern
lagen Müllsäcke. Die Stadtreinigung hatte sich hier schon seit Monaten nicht mehr sehen
lassen. Drei etwa zehnjährige Kinder standen am Ende der Straße und hielten einen
großen Hund an der Leine. Der Köter kläffte ihn an. Die Kinder lachten und riefen
Schimpfwörter. Rob ignorierte sie.
Mark hatte seine Wohnung im dritten Geschoss eines noch halbwegs intakt
aussehenden Gebäudes. Die massive Wohnungstür war mit hellgrüner, schon abblätternder
Farbe gestrichen. Dort, wo der Klingelknopf sein sollte, ragten zwei kurze Kabelenden aus
der Wand. Mark hatte sich nie Mühe gegeben, aus dieser Wohngegend herauszukommen. Rob
hätte es hier nicht ausgehalten. Er klopfte.
Mark öffnete die Tür und ließ ihn ein. Obwohl Rob das letzte Mal vor
rund zwei Jahren hier gewesen war, hatte sich an der Einrichtung nicht viel geändert.
Zentrum der Wohnung war das Wohnzimmer, in dem mehrere Rechner mit offenem Gehäuse ihren
Platz hatten. Ein Tisch, drei alte Stühle und zwei Schränke waren lieblos im Zimmer
aufgestellt.
Mark verschwand in der Küche und kam mit zwei riesigen Tassen Kaffee
zurück. Seine Hände zitterten.
»Ich bin heute gekündigt worden«, sagte er plötzlich. »Fristlos!
Laut Personalsoftware gelte ich als Risikofaktor für die Betriebssicherheit. Keine
Ahnung, wieso. Entscheidungen der Personalsoftware stellt man nicht in Frage. Das
Mistprogramm wurde angeschafft, um die Korruption beim Personalmanagement einzuschränken.
Jede größere Firma läßt ihre Personalentscheidungen über diese Software laufen. Sie
berücksichtigt psychologische und physiologische Gutachten und das aktuelle
Verhaltensmuster der betreffenden Person.«
»Du hast vier Jahre in dem Scheißladen gearbeitet!« rief Rob. »Hast
du keine Möglichkeit, die Entscheidung anzufechten?«
»Ich könnte einen Widerspruchsantrag einreichen. Doch bei solch einer
Anschuldigung ... Ich sehe kaum Chancen.«
»Warum? Man kann doch nicht einfach etwas behaupten, ohne dir eine
Möglichkeit zur Richtigstellung zu geben.«
»Das Programm sorgt für ein Höchstmaß an Sicherheit.. Ein Verdacht
reicht aus, um deinen Job zu gefährden. Industriespionage zählt zu den häufigsten
wirtschaftlichen Vergehen mit verheerenden Auswirkungen. Darauf reagiert eine Firma
besonders empfindlich.
Ich habe zumindest einen Verdacht: Die Software wurde manipuliert! Ich
habe dir doch von diesem merkwürdigen Virus erzählt. Hinter dem Ding steckt mehr, als
ich dachte.« Mark nahm einen Schluck Kaffee. »Seitdem in Online-Systemen dank der
Einbindung von Werbeträgern keine Gebühren mehr anfallen, stehen die meisten Rechner in
einem ständigen Kontakt mit dem Weltnetz. Der Virus nutzt diesen Zustand und kommuniziert
über diese Verbindungen mit anderen befallenen Systemen. Das eigentliche Programm hinter
dem Virus ist also viel größer, als ich dachte. Es ist vielleicht so gewaltig, dass es
Intelligenz besitzen könnte!«
Rob starrte Mark fassungslos an: »Du spinnst!«
Mark schüttelte den Kopf »Ich habe solche Programmstrukturen noch nie
gesehen. Selbstregenerierend und in ein höheres System eingebettet. Einfach genial ...«
»Aber welchen Zweck soll die Sache haben? Ein Spaß durchgeknallter
Informatikstudenten?«
Mark schüttelte langsam den Kopf: »Es könnte vieles sein. Ein
direkter Eingriff in unsere Privatsphäre, ein aus den Bahnen geratenes wissenschaftliches
Experiment oder ein Mega-Virus mit eigener Intelligenz.« Mark lächelte traurig. »Such
selbst heraus, was am wahrscheinlichsten ist.
Vielleicht ist einigen Leuten unangenehm, dass ich auf ihre Schliche
gekommen bin. Das würde zumindest einiges erklären ...«
Rob befand sich in einem völlig abgedunkelten Raum. Langsam streckte er seine Hände
aus in der Hoffnung, irgendwann auf ein Hindernis zu stoßen, um sich zu orientieren. Doch
da war nur Leere. Vorsichtig begann er, Schritt um Schritt nach vorn zu gehen. Die Hände
nach vorn haltend spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach. Eine merkwürdige Stille, die
wie Samt in seinen Ohren lag, verstärkte sein Gefühl der Unsicherheit. Plötzlich hatte
er den Eindruck, durch feine Spinnennetze zu gehen. Ein unkontrollierbares Schütteln
zuckte durch seinen Körper, und er wischte sich hektisch über sein Gesicht, um die
klebrigen Fäden abzustreifen. Das Gefühl erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit den
Eltern jeden Herbst Pilze suchen war. Die Spinnweben zwischen den Bäumen hatten den Spaß
verdorben, so dass er später nur noch widerwillig mitkam. Ein seltsamer, aber vertrauter
Geruch geriet ihm in die Nase. Er machte noch einige Schritte nach vorn und spürte einen
leichten Luftstrom auf seinem Gesicht. Jetzt konnte er auch den Geruch bestimmen. Es war
der intensive Gestank nach frischem Blut. Sein Herz begann zu rasen. Plötzlich brach den
Boden unter seinen Füßen weg. Kopfüber, mit den Händen ins Nichts greifend, fiel er in
die Dunkelheit.
Rob spürte einen schmerzhaften Aufschlag und erwachte neben seinem
Bett. Ein lautes Summen zeigte einen dringenden Anruf an, der in der Warteschleife lag. Er
stand auf, rieb sich die schmerzende Schulter und bestätigte den Anruf. Das Gesicht einer
hageren, etwa vierzigjährigen Frau mit halblangen, schwarzen Haaren und einem
dünnlippigen Mund erschien auf dem Schirm. Er schaute auf den Link der Statuszeile. Polizeidistrikt
8 war dort zu lesen. Da Rob von seiner Seite den Bildkanal deaktiviert hatte, streckte
er ihr die Zunge heraus.
»Was gibts?« fragte er.
»Sind Sie Rob Halberg, derzeit bei ComSatz beschäftigt?«
»Worum geht es?«
»Kennen Sie Mark Kalik?« Ihr Gesicht zeigte keine Regung.
»Wir sind befreundet. Ist was passiert?«
»Mark Kalik wurde heute Morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Ein
Nachbar hörte laute Schreie und informierte die Polizei.« Sie schaute plötzlich in die
Kamera, als würde sie ihn tatsächlich sehen. »Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt
mit Herrn Kalik?«
Rob schlug es heiß ins Gesicht, sein Magen krampfte sich zusammen.
»Gestern Nachmittag«, sagte er einen Augenblick später. »Er wollte mir ...« Rob
stockte. »Wie ist es passiert?«
»Hirntod«, antwortete die Frau. »Wir fanden ihn an einen Rechner
gekoppelt. Reizüberflutung.« Sie lächelte kurz. »Wir benötigen Ihre Aussage.
Fünfzehn Uhr, Polizeidistrikt acht. Möglicher Verdienstausfall wird Ihnen erstattet.«
Die Verbindung endete abrupt und machte einem Werbespot über
Speichermedien Platz.
Rob lehnte sich zurück und schloß die Augen. Seine Gedanken
überschlugen sich. Er konnte es nicht glauben. Mark tot einfach so, von heute auf
morgen? Ihn überkam Übelkeit. Er lief ins Bad, konnte sich jedoch nicht übergeben.
Heftig atmend hockte er vor dem Toilettenbecken. Er musste etwas unternehmen.
Einige Sekunden lauschte er an Marks Tür. Von drinnen war kein Geräusch zu vernehmen.
Er zog den Schlüssel, den er von Mark für Notfälle bekommen hatte, aus der Manteltasche
und schloss leise die Tür auf. Die Wohnung machte, von einem süßlichen Geruch
abgesehen, einen unveränderten Eindruck. Rob lief ins Wohnzimmer. Ein Rechner war
umgekippt und der spinnenartige Sensorhelm lag auf dem Boden. Daneben waren die Umrisse
von Marks Körper angezeichnet. Ein Bildschirm lief noch und zeigte fliegende Toaster.
Im Laufwerk des umgekippten Rechners entdeckte er den gleichen
Datenträger, den Mark ihm ausgeliehen hatte und auf dem sich die 3-D-Simulation befand.
Rob suchte den Raum nach schriftlichen Aufzeichnungen ab, konnte jedoch nichts finden.
Vermutlich hatte die Polizei alles Wesentliche mitgenommen.
Er stellte den umgekippten Rechner wieder auf und schaltete ihn ein. Der
Speicher wurde hochgezählt und das Betriebssystem geladen. Rob setzte sich, befestigte
den Sensorhelm am Kopf und startete die Simulation. Es konnte kein Zufall sein, dass sich
gerade dieser Datenträger im Laufwerk befand. Als das Programm in sein Nervensystem
griff, hatte er einen Augenblick das Gefühl, schwerelos zu sein. Sein Blickfeld wurde
weich überblendet, er vernahm leichtes Rauschen.
Wie aus diffusem Nebel erstand eine Landschaft um ihn. Er fand sich in
einem Wald mit gewaltigen, moosbewachsenen Bäumen wieder. In der Ferne war das Gekreisch
von Vögeln zu vernehmen. Hin und wieder brach die Sonne durchs Blätterdach und warf
fächerartige Lichtsäulen auf den Boden. Rob fühlte den feuchten Boden unter seinen
Füßen und das Gekrabbel von Insekten. Er war nackt. Mit zögernden Schritten begann er
sich durch Büsche mit großen fleischigen Blättern zu kämpfen. Die mächtigen Bäume
standen weit auseinander und waren am Fuß von Schlingpflanzen umwuchert. Rob spürte, wie
ihm etwas auf den Rücken spritzte. Er faßte nach hinten und berührte eine klebrige
Substanz. Als er die Hand nach vorn nahm, klebte an seinen Fingern schmieriger violetter
Schleim.
Er lief eine lichtdurchflutete Schneise entlang. Diese Simulation sollte
sich Mark ausgedacht haben? Sie war unglaublich detailliert, fast schon real. War das der
seltsame Virus, mit dem sich Mark in den letzten Tagen beschäftigt hatte? Eine
künstliche Intelligenz? Hatte etwa der Virus Mark umgebracht, oder waren es die Leute,
die hinter dem Programm standen? Absurd!
Rob hielt inne. Vor sich erblickte er eine Lichtung. Gleißendes
Sonnenlicht fiel auf eine pyramidenähnliche Konstruktion. Hellbraune verwitterte Steine
waren zu einem etwa vier Meter hohen Bauwerk aufgeschichtet. Ein enger Eingang führte in
unergründliche Dunkelheit. Direkt vor dem von schmalen Steinplatten umrahmten Eingang
entdeckte er eine bewegliche Bodenplatte und am Rande der Pyramide einen schweren Stein.
Mühsam schleppte er ihn vor den Eingang und ließ ihn, während er gleichzeitig
zurücksprang, auf die Platte fallen. Es gab ein Geräusch wie von austretendem Gas.
Einige Sekunden verharrte Rob regungslos, dann bemerkte er, dass jetzt das Innere der
Pyramide erleuchtet war.
Gebückt betrat er den Eingang. Verwesungsgeruch schlug ihm entgegen.
Rob ging Schritt für Schritt in das Gebäude hinein. Der Gang wurde nach hinten breiter
und höher. An den Wänden brannten von Gas versorgte Fackeln. An seinem Ende weitete sich
der Korridor zu einem größeren Raum. Behutsam betrat er das kuppelförmige Zimmer. Vom
Zentrum der Decke hing eine milchige Kugel, aus der warmes Licht strömte. Die nach innen
gewölbten Wände waren mit farbigen großflächigen Zeichnungen, zumeist in Rot und
Schwarz gehalten, verziert. Rob fuhr zusammen. Die Bilder zeigten sterbende Menschen.
Obwohl nur angedeutet, sah man den Gesichtern Schmerz und Entsetzen an. Von allen Seiten
stürzten sich haarige Riesenspinnen auf die Menschenopfer. In Rob keimte ein
entsetzlicher Verdacht. So schnell wie möglich musste er von hier verschwinden. Da gab
der Boden unter seinen Füßen nach. Beinah gemächlich schwangen sechs spitz zulaufende
Segmente nach unten und gaben den Blick auf eine dunkle Grube frei. Es raschelte leise.
Er brüllte auf, als er den Halt verlor, der Länge nach auf den harten
Stein fiel und langsam von der Steinplatte rutschte. Rob stürzte zwei Meter tief und fiel
auf Hunderte haariger Körper, eine Matte aus handgroßen Spinnen. Er versuchte
aufzustehen, doch die Tiere krabbelten über seinen Körper, zwängten sich mit ihren
hornigen Beinen zwischen seine Lippen und drangen ihm tiefer in Mund und Hals.
Rob spürte, wie er seine Kraft verlor. Seine Arme, mit denen er sich
hochzustemmen suchte, zitterten. Mit letzter Energie brüllte er QUIT.
Rob sackte in sich zusammen, als sich sein Gehirn vom System löste. Er riss sich den
Sensorhelm vom Kopf und warf ihn beiseite. Noch immer zitterte er am ganzen Körper,
kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Plötzlich überlief es ihn heiß. Sein
Blick fiel auf sein heimisches Arbeitszimmer. Auf dem Monitor stand GAME OVER.
Rob öffnete seine Adressbank und klickte auf Marks Videoverbindung.
»Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht verfügbar. Versuchen Sie es später
noch einmal.« meldete nach wenigen Augenblicken eine synthetische Frauenstimme. »Danke,
dass Sie Videotec-Vision als Übertragungssoftware benutzt haben.«
Rob stand auf, zog sich seinen Mantel über und ging auf die Straße.
Kalter Wind peitschte gelbbraune Herbstblätter über den Fußweg. Die Straße war
seltsamerweise fast menschenleer, nur ein Motorradfahrer fuhr langsam am Straßenrand
entlang. Rob trafen einige Regentropfen. Er blickte nach oben und sah aufgewühlte dunkle
Wolken über den Himmel ziehen. Er blieb schlagartig stehen. Diese Wolkenbewegungen kannte
er. Zu exakt, um real zu sein. Um ihn begann sich alles zu drehen, seine Beine rutschten
unter ihm weg. QUIT rief er erneut.
Als die Überblendung sein Blickfeld freigab, sah er Hunderte von
Spinnen sich in sein Fleisch graben. Zuckende Wölbungen bewegten sich langsam unter
seiner Haut vorwärts und fraßen. Dumpf spürte er einen sich ausbreitenden Schmerz im
ganzen Körper.
Er schloss die Augen und ließ sich zurückfallen. Eine schwere
Müdigkeit erfasste ihn und drängte alle anderen Empfindungen zurück. Er wollte sich nur
ausruhen, alles von sich abstreifen.
Rob versank in einer warmen weichen Dunkelheit.
Gerd
Frey © 2002 Erstveröffentlichung in: Gerd Frey, Dunkle Sonne, Shayol |
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