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ALIEN CONTACT

Antiheld im Cyberspace

Myra Çakan im Gespräch mit William Gibson

Science Fiction > Alien Contact | Interview
Er gab der Sache einen Namen und machte sie in seinen Geschichten sichtbar: den »Cyberspace«. Doch zwischen der Legende William Gibson und dem Science-Fiction-Autor Gibson liegen Welten. Der Cyberspace »ist der Ort, wo die Bank mein Geld aufhebt«. Eine recht profane Definition für dieses mystisch-technische Hacker-Nirvana, besonders aus dem Mund des Cyber-Gurus, aber ein gutes Beispiel für Gibsons Bemühungen, sich selbst zu entmystifizieren. Vor mehr als fünfzehn Jahren schrieb Gibson seinen ersten Roman - in jenem berühmten, atemlosen Stil, der aus purer Panik, den Leser zu langweilen, entstanden war und der so typisch für das Cyberpunk-Genre werden sollte - Neuromancer (Neuromancer • 1987). Schon totgesagt, erlebt der Cyberpunk wieder einmal seine Auferstehung und mit ihm sein literarischer Vordenker.

Myra Çakan: Zuerst zu deinem aktuellen Roman Idoru (Idoru • 1996), der soeben im Taschenbuch in Deutschland erschienen ist. Ich habe mich gefragt, was ist eigentlich mit Berry Rydell, dem Protagonisten von »Virtuelles Licht«, schiefgelaufen? Zum Schluß schien er doch die Kurve gekriegt zu haben, und in Idoru nennst du ihn einen typischen Verlierer.

William Gibson: Vermutlich werde ich in meinem neuen Buch erzählen, was Rydell für Probleme hat. Ich stelle mir vor, daß er dort wieder eine zentralere Rolle spielen wird.

MC: Und was geschah mit seiner Freundin Chevette?

WG: Ich habe den schrecklichen Verdacht, daß die beiden unglücklich verheiratet sind und in Beverly Hills leben.

MC: Das bedeutet, daß du wieder eine Trilogie schreiben wirst? Ich dachte, das haßt du.

WG: Mein nächstes Buch wird tatsächlich den Abschluß einer Trilogie bilden - der Titel lautet All Tomorrow’s Parties. Meine Abneigung ist nicht gegen Trilogien - als eine miteinander verbundene Geschichte - gerichtet, sondern gegen die Art, wie dadurch das SF-Genre vermarket wird.

MC: Etwas hat mich beim Lesen von Idoru irritiert. Deine Protagonistin - ein Mädchen namens Chia Pet - hält sich gerne in interessanten virtuellen Räumen auf und trifft dort noch interessantere Menschen. Warum geht sie überhaupt noch auf Reisen?

WG: Die Antwort ist vermutlich in Chias unbewußter Erkenntnis zu finden, daß jeder, den sie im Netz trifft, sein Image manipuliert. Jede Netz-Erfahrung ist gleichzeitig eine gefilterte Erfahrung. Jedermann »präsentiert« sich. Du hast immer noch die besseren Karten, wenn es darum geht, die Wahrheit zu ergründen, wenn du von Angesicht zu Angesicht kommunizierst.

MC: Chia ist Fan der Rock Band Lo/Rez - wie hören die sich an?

WG: Etwa wie U2. Aber nur wenn U2 aus der Hongkonger »Canto-Pop«-Szene hervorgegangen wären statt aus der Dubliner Pub-Rock-Szene.

MC: Stimmt es wirklich, daß du deinen ersten Roman Neuromancer (Neuromancer • 1987) auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben hast?

WG: Die Leute finden das ziemlich ungewöhnlich. Doch es ist ihnen nicht bewußt, daß es, als ich anfing, Science Fiction zu schreiben, noch gar keinen Macintosh gab. Und ich kannte auch niemanden, der einen PC hatte. PCs mußten damals noch von Grund auf programmiert werden, es gab noch kein DOS. Durch die SF-Convention-Szene traf ich dann Typen, die man als Computer-Buffs und Hacker bezeichnen könnte. Daß es Computer-Viren gibt, erfuhr ich durch zwei Frauen, die im Pentagon arbeiteten - ich glaube, das war 1980.

MC: Neuromancer wurde mittlerweile zum Kult, besonders in der Hackerszene, die dich für ihre Sache vereinnahmen möchte. Wie stehst du dazu?

WG: Dies ist ein - nicht unbedingt erfreuliches - Nebenprodukt meiner Arbeit. Ich bemühe mich sehr, meine Person zu entmystifizieren und in Interviews klarzustellen, daß ich eigentlich kaum etwas von Computern verstehe, nicht mal eine E-Mail-Adresse habe und kein Teil dieser Szene bin. Ich weiß nicht, ob es hilft. Die Leute wollen einfach glauben, daß ihr Lieblingsautor eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Doch wenn man selbst dieser Schriftsteller ist, merkt man, wie albern dies eigentlich ist. Ich glaube nicht, daß ich als Autor ein aufregendes Leben führen muß, um interessante Bücher zu schreiben.

MC: Du erwähnst E-Mail - gibt es einen Grund, weshalb du nicht im Netz bist?

WG: Es ist schiere Agoraphobie und die Angst vor Menschenmengen. Was ich wirklich am allerwenigsten brauche, ist, daß mich Hunderttausende meiner Leser direkt über meinen Computer erreichen können. Nein, so nicht, tut mir leid, dann bin ich eben altmodisch. Einer meiner perversen Performance-Art-Pläne ist der, einen E-Mail-Anschluß mit der Ankündigung zu eröffnen, daß ich die interessantesten Nachrichten in einer Anthologie veröffentlichen werde.

MC: Aber nicht nur die Fans, auch die Medien haben ein ganz bestimmtes Image von dir. Weil du den Terminus »Cyberspace« erfunden hast, sehen viele in dir so eine Art Techno-Propheten ...

WG: Ich glaube, das Problematischste an meinem Job ist diese Vorstellung von Science-Fiction-Autoren als Visionäre und Seher. Und die Frage nach irgendwelchen Vorhersagen taucht in jedem Interview auf. Aber ich bin weder Isaac Asimov noch Arthur C. Clarke - und deren Trefferquote war nicht mal besonders gut.

MC: Man bedenkt dich auch mit allerlei schmeichelhaften wie absurden Attributen - »Erfinder der Virtual Reality« zum Beispiel ...

WG: Virtual Reality habe ich ganz gewiß nicht erfunden, aber die Typen, die daran arbeiteten, zeigten Neuromancer herum und sagten: »Ich kann nicht genau erklären, was diese Maschine macht, aber lies das.« Inzwischen hat Virtual Reality ein Image, das sehr stark an futuristische Zeichnungen aus den fünfziger Jahren erinnert - diese Autos mit Flügeln, von denen wir jetzt alle eines in der Garage haben sollten. Das hübsche Mädchen mit der Datenbrille, das in den Artikeln über VR abgebildet ist, hat den gleichen altmodischen Charme. Gleichzeitig stellt dieses Bild sehr exakt die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Medien dar. In gewisser Weise haben wir alle ständig diese Datenbrillen auf und versuchen durch diese tumben Handschuhe, aus denen all die Drähte heraushängen, nach etwas zu greifen.

MC: Wie stehst du zu neuen Technologien? Mußt du zum Beispiel ständig den neuesten Macintosh haben?

WG: Überhaupt nicht. Ich hasse es, wenn ich neue Hardware kaufen muß, weil die neuen Modelle immer irgendwie halbgar sind, und kaum ist man aus dem Laden raus, ist das Ding schon wieder veraltet. Ich hätte am liebsten eine Maschine, die vor fünf Jahren top-in war. Ich brauche meinen Computer doch sowieso nur zur Textverarbeitung. Allerdings ich bin immer ein bißchen neidisch auf jene Leute, die in der Ecke ihres Monitors einen kleinen Fernseher haben. Nicht, daß ich selber so etwas haben wollte - doch es ist schon verführerisch. Als der Sony-Walkman neu herauskam, mußte ich so ein Ding unbedingt haben und legte mein ganzes Geld auf den Tisch, um den ersten in der Stadt zu kaufen. Ich halte den Walkman immer noch für die hippeste und lyrischste Nutzung von Technologie.

MC: Viele SF-Autoren, mit denen ich gesprochen habe, hören beim Schreiben Musik ...

WG: Manchmal lasse ich im Hintergrund das Radio laufen. Ich ziehe jedoch größeren Nutzen aus der Musik, wenn ich zum Ende eines Buches komme und einen bestimmten Ton beibehalten möchte. Dann suche ich ein Stück aus, das dieses Gefühl projiziert, und lege es in den CD-Player und schalte auf Repeat.

MC: Musik ist aber nur bedingt ein Mittel, um dich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen?

WG: Die seltsamste Methode, die ich seit Jahren benutze - ich habe keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, und staune immer über mich selbst - ich lese Reviews in Rockmagazinen, oft über Platten, die ich nie hören werde. Ich behandle sie wie Buchbesprechungen und überlege, wie das Buch wohl aussehen könnte. Ich bin dadurch schon auf tolle Ideen gekommen.

MC: Mir kommen die besten Einfälle immer unter der Dusche. Hast du bestimmte Orte, an denen Dir Ideen kommen?

WG: Nichts so Spezielles wie unter der Dusche. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht - gerade in den Jahren, als ich anfing, regelmäßig Fiction zu schreiben - daß ich irgendwann an einen toten Punkt komme. Ich bin dann in ein belebtes Café gegangen, einfach um unter Menschen zu sein. Ich hatte dann das Gefühl, etwas von diesem Leben nach Hause mitzunehmen. Schreiben ist eine einsame und merkwürdige Sache, soviel passiert unbewußt. Was ich auch gerne mache, wenn ich sehr intensiv an einem neuen Buch schreibe - ich kaufe Unmengen von Magazinen, Sachen, die ich sonst nie lesen würde. Ich blättere sie einfach durch und suche nach zufälligem Input. Viele meiner Lieblingsideen sind so zustande gekommen. So ist zum Beispiel der Voodoo-Kult in Biochips (Count Zero • 1986) hineingeraten. Ich las einen Artikel in einer alten Ausgabe von National Geographic über Voodoo in Haiti. Die Story hat sich dadurch total geändert.

MC: Hast du auch ein Lieblingsbuch?

WG: Von meinen drei ersten Romanen kommt Biochips dem am nächsten, was ich wirklich beabsichtigt habe - was auch immer das war. Nicht, daß ich meine Bücher jemals wieder lesen würde. Das Ende von Mona Lisa Overdrive (Mona Lisa Overdrive • 1988) hat in meinen Augen nie richtig funktioniert. Es war so, als würde ich einen Stuhlsitz polstern und - bei den letzten Kapiteln - merken, daß der Stoff zu knapp ist und überall Fäden heraushängen.

MC: Würdest du es umschreiben wollen?

WG: Oh nein, man kann nicht zum gleichen Ort zurückgehen, zu diesem seltsamen Geisteszustand. Und wenn ein Buch erst einmal im Druck ist, bin ich davon erlöst.

MC: Vor zwölf Jahren ist Neuromancer in Deutschland erschienen, und vieles von der Computer-Technologie ist heute veraltet. Gibt es etwas - außer der Technologie - was du anders schreiben würdest?

WG: Für mich ist der angesagteste Ort in Asien nach meinen derzeitigen Kenntnissen Saigon. Und würde ich heute Neuromancer schreiben, würde es nicht in Chiba City spielen, sondern in Saigon - ein riesiger, verrückter, reicher Ort mit dieser dunklen, pragmatischen Seitenstraßen-Welt.

MC: Wie würdest du deine Arbeit definieren?

WG: Ich schreibe nicht über die Zukunft. Science Fiction ist immer über die Zeit, in der sie geschrieben wird. Ich mache keine Vorhersagen, ich glaube, ich versuche nicht mehr, als es für die Leute leichter begreifbar zu machen, wie seltsam diese Zeit in Wirklichkeit ist. Wir haben alle unsere Überlebensstrategien, und dazu gehört, das Seltsame um uns herum auszublenden. Mir gefällt der Gedanke, daß ich einen Raum erschaffe, in dem die Leute dieses Seltsame zu schätzen wissen.

MC: Abschließend die Frage nach dem Cyberpunk. Schon oft totgesagt, scheint er wieder eine Renaissance zu erleben ...

WG: Wenn ich heute an Cyberpunk denke, dann nicht als ein Subgenre der Science Fiction. Ich glaube, er wurde zu einer Art Geschmacksrichtung der Pop-Kultur. Man könnte also sagen, hey, dieses Rock-Video ist echt Cyberpunk, oder, die Jeans, die du anhast, sind richtig Cyberpunk.

MC: Cyberpunk-Jeans - wie würden die wohl aussehen?

WG: Hm, sie könnten aus schwarzem Vinyl sein, mit Chrome-Spikes an der Innenseite der Oberschenkel. Du weißt es, wenn du sie siehst.

© Myra ÇakanALIEN CONTACT 34 • 1999

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