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ALIEN CONTACT

Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time

Auszug

Science Fiction > Alien Contact | Stories

Dieser Story-Auszug wurde dem ALIEN CONTACT Buch Die letzte Fahrt der Enora Time entnommen

1.

»Bordbuch der Enora Time: Captain Clair K. Marlies. 11. August 2751, 07.24 Uhr Bordzeit.
   Unsere Mission ist gescheitert. Wir kennen weder unsere derzeitige Position noch den Grund, weshalb so vieles schief gelaufen ist. Der Krieg gegen die Dracon tobt weiterhin in der Galaxis. Ohne uns! In welchem Raumquadranten auch immer wir uns zur Zeit befinden, in der Nähe des feindlichen Stützpunktes sind wir jedenfalls nicht. Ich versuche, die Ereignisse der letzten beiden Tage zu rekonstruieren. Vielleicht sehe ich danach die Zusammenhänge klarer.«
   Captain Clair K. Marlies verstummte, automatisch stoppte die Aufzeichnung des Bordbuchs. Clair verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Ihre Beine waren überkreuzt, ihre Stiefel ruhten auf der Konsole der Küchennische, und auf ihrem Schoß lag eine Akte. Sie schloss die Augen und lauschte dem Klicken an ihrem Kehlkopf. Das Interface des Bordbuchs tickte, als hätte das altersschwache Gerät Schwierigkeiten, die Daten auf das Netz zu laden. Clair wusste, dass bei der Ausrüstung für diese Mission an allen Ecken und Enden gespart worden war, weil die Kosten selbst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen hatten. Doch jetzt war es zu spät für ihre Reue, schließlich hatte sie die Rahmenbedingungen dieser Mission von Anfang an gekannt.
   Ihre Hände vibrierten, die Augenlider zuckten überanstrengt, ein kalter Schauer raste ihr durch die Glieder. Sie spürte den Schmerz in der Schulter und die Verspannung der Wirbelsäule. So ist das also, wenn man alt wird, dachte sie. Außerdem rächte sich der Schlafentzug der letzten Tage. Sie seufzte und rieb sich die Augen - jetzt war ohnehin nicht an Schlaf zu denken, das Bordbuch würde sich nicht von selbst ergänzen.
   »09. August 2751, 10.40 Uhr Bordzeit«, diktierte sie. »In der vierten Woche unserer Fahrt koppelt JOSEPH die Ice-Tanks der Crew vom Versorgungssystem ab und lässt anstelle des Routineprogramms die Alarmreanimation anlaufen. Wir erwachen aus unserer Tiefschlafphase, binnen Sekunden werden unsere Körper auf 36,9 Grad Celsius erwärmt und mit Elektroschock reanimiert. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich den Grund für die Alarmreanimation noch nicht und sehe auch keinen Anlass dafür. An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass diese Art der Wiederbelebung ein hohes Risiko für das menschliche Herz- und Kreislaufsystem darstellt und entsprechend den Sicherheitsvorschriften der interstellaren Raumfahrt von 2649 nur bei einem Notfall der Kategorie Acht angewendet werden darf. Die Bilanz sieht dementsprechend aus: Clondayle liegt im Koma, Svensons linke Körperhälfte ist gelähmt, Reeves leidet unter psychogener Amnesie und zeigt die typischen Symptome eines postreanimalen Raumfiebers. Wir müssen die drei Crewmitglieder sofort auf die Krankenstation bringen. Doc Travis vermag nicht mehr zu tun, als sie ruhig zu stellen und ihre Lebensfunktionen durch die Ambucam überwachen zu lassen.
   Das Zwölfte Bataillon wird nicht reanimiert, die Soldaten liegen auf dem C-Deck in ihren Ice-Tanks. Ich sehe keinen Grund, die schlafenden Hunde des Krieges zu wecken. Der Gedanke beruhigt mich, dass sie bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff tiefgefroren sind. Der Rest der Crew findet sich nach der Gesundheitsuntersuchung auf der Brücke ein: Ecco, Henning, Doc Travis, Commander Bajt und Lieutenant Ferguson. Wir fahren die Systeme hoch und lassen für alle Stationen die Checks der Klarschiffmeldung durchlaufen. Lieutenant Liv Ferguson bemerkt als erste, dass die Sternenkonstellation nicht stimmen kann. Ein Blick in das Bordbuch bestätigt ihren Verdacht. JOSEPH hat uns um acht Wochen zu früh aus den Ice-Tanks geholt! Den Grund kennen wir nicht!
   09. August 2751, 14.30 Uhr Bordzeit. Die Enora Time ist zu fünfundsiebzig Prozent einsatzfähig. Die Waffensysteme bleiben inaktiv, sie zu bedienen ist nicht meine Aufgabe. JOSEPH deaktiviert den Autopiloten, und ich übernehme das Kommando. Bisher habe ich den Clausewitz-Antrieb nur im Simulator kennen gelernt und bin von der Wendigkeit des Kreuzers überrascht. Das Schiff spricht gut an, es reagiert auf die manuelle Steuerung ohne das typische Trudeln. Nach einigen kurzen Testmanövern bin ich davon überzeugt, dass nach dem endgültigen Ausreifen des Prototyps die Time-Generation alle anderen Kampfschiffe ablösen wird. Wir müssen abwarten, ob uns diese Neuerung den entscheidenden Vorteil im Krieg gegen die Dracon bringen kann.
   09. August 2751, 18.15 Uhr Bordzeit. Nachdem auch die Waffenchecks positiv beendet sind, übernimmt JOSEPH wieder die Steuerung. Lieutenant Ferguson bittet mich auf das Navigationsdeck, wo sie die automatischen Aufzeichnungen des Bordbuchs bestätigt. Demnach haben wir erst ein Drittel der geplanten Distanz zurückgelegt, was nicht unplausibel erscheint, da wir acht Wochen zu früh aus den Ice-Tanks reanimiert wurden. Allerdings zeigt sie mir unsere derzeitige Position auf den Karten: von unseren Zielkoordinaten sind wir 137 Lichtjahre entfernt, viel weiter als vor unserem Start. Wir bewegen uns in die falsche Richtung, hinein in einen vollkommen fremden Raumsektor - warum hat JOSEPH keine Kursabweichung gemeldet? Nach seinen Angaben liegt die Enora Time bis auf eine Abweichung von zwei Raummeilen auf Kurs. Aber auf welchem Kurs? Ich bitte Lieutenant Ferguson, das Gespräch als vertraulich einzustufen, denn solange wir unsere neue Destination nicht herausgefunden haben, möchte ich die Crew nicht darüber informieren. Eigentlich sollte unsere Mission in feindliches Kampfgebiet führen, an den Rand des Sternennebels der Sphinx. Ein Grund mehr, mich mit JOSEPH zu unterhalten.
   Eine Stunde später: Beim Abendessen in der Messe informiere ich Commander Bajt über unsere Situation. Gemeinsam besuchen wir JOSEPH in der Kommandokapsel. Die Maschine verweigert uns jedoch den Zugriff auf die Datenbanken. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass sie darauf programmiert sei, Daten der Sicherheitsstufe Blau nur an Personen mit autorisiertem Zugriff weiterzuleiten. In den Bordfiles der Maschine sind Commander Bajt und ich jedoch nicht für Code Blau eingestuft. Dabei muss es sich um einen Irrtum handeln, denn unsere Mission ist öffentlich bekannt und vom Ausschuss der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte autorisiert worden. Somit gibt es an Bord der Enora Time nur eine Person der Sicherheitsstufe Blau: Captain Vincent Harding, den Oberbefehlshaber des Zwölften Bataillons. Soviel ich weiß, wurde er für diese Mission auf Grund seiner zahlreichen Auszeichnungen im galaktischen Krieg vom Ausschuss ausgewählt. Doch er liegt noch tiefgefroren im Ice-Tank.
   09. August 2751, 20.15 Uhr Bordzeit. Auf meinen Befehl hin lässt Doc Travis die verminderte Alarmreanimation für Captain Harding anlaufen. Bereits eine Stunde später trifft dieser auf der Brücke ein. Wir sind verblüfft, wie rasch und problemlos er die Reanimation überstanden hat. Doch noch bevor wir mit ihm ein Gespräch führen können, erreicht uns über Bordfunk Lieutenant Fergusons Meldung auf der Brücke: mit unverminderter Fahrt tritt die Enora Time soeben in die Planetenkonstellation des Senec-Doppelsternsystems ein. Allerdings weicht der Kurs geringfügig von den errechneten Plandaten ab, als brächte ein Kraftfeld die mathematischen Gesetze durcheinander. Lieutenant Ferguson treibt uns zur Eile; wir haben nicht viel Zeit, das Problem zu lösen: Ein Programmfehler steht dabei nicht zur Diskussion, wie sie uns mitteilt. Sie kann die Zusammenhänge nur vermuten. Möglicherweise befindet sich die Enora Time im Anziehungskegel eines Kraftfeldes, welches so gigantisch ist, dass es Licht- und Radiostrahlen absorbiert. Deshalb kann es von unserem Radar nicht erfasst werden. In den Karten ist jedoch kein Schwarzes Loch verzeichnet. Sekunden später, nachdem wir den Bericht zu Ende gehört haben, ist es für eine Kurskorrektur bereits zu spät.
   09. August 2751, 21.35 Uhr Bordzeit. In einer engen Schleife versuchen wir die Enora Time aus dem Sog des Kegels herauszumanövrieren, doch selbst der Clausewitz-Antrieb kann das Schiff nicht auf Kurs halten. Die Schiffsaußenhülle kracht, die Verbände knirschen. Auf der Brücke hört es sich an, als würden Meteore die Legierung durchschlagen. Das Radar und zwei Generatorenblöcke des Haupttriebwerks fallen aus. Nur noch wenige Sekunden bis zum Eintritt in den Ereignishorizont. Ich gebe Alarm für alle Stationen an Bord. Automatisch laufen sämtliche medizinischen und technischen Vorbereitungen für den Eintritt an. Den Crewmitgliedern bleibt kaum genügend Zeit, ihre Plätze auf der Brücke einzunehmen.
   Zehn Minuten später: Die Systeme fallen aus, Kabelbrand züngelt durch das Cockpit. In den Eingeweiden der Enora Time tobt es, als wollte das Schiff jeden Augenblick auseinanderbrechen. Die Beschleunigung presst uns wie Marionetten in die Sitze. Ich bemerke noch, wie Doc Travis und Commander Bajt die Augen verdrehen und bewusstlos in den Gurten hin und her geschleudert werden. Mein Blick begegnet dem Captain Hardings – er starrt fasziniert durch die Blende des Cockpits, als wisse er, was um uns herum vorgeht. Dann werde auch ich ohnmächtig.«
   Clair verstummte und massierte ihre Schläfen; sie spürte noch immer die Schwellung auf der Stirn. Ähnlich dem Kraftfeld, war auch ihr Gedächtnis wie ein Schwarzes Loch, das keine weiteren Erinnerungen an die Oberfläche lassen wollte. Wie konnten sie dem Sog entkommen? Was geschah unmittelbar nach dem Austritt? Sie wurde nicht nur alt, sondern auch vergesslich. Sie kaute an den Fingernägeln. Welche Details hatte sie vergessen? Dann dachte sie wieder an das Kraftfeld. Wohin war es nach ihrem Austritt verschwunden?
   Ein Stich im Oberschenkel ließ sie hochfahren. Ihr linkes Bein war eingeschlafen. Sie quälte sich aus dem Sitz, humpelte zur Konsole und drückte einen Pappbecher aus der Röhre. Wasserdampf löste das schwarze Pulver auf, und Sekunden später verbreitete sich in der Kabine der Geruch frischen Kaffees. Sie zog den Becher mit den Fingerspitzen aus der Konsole, nippte daran, steckte sich eine Zigarette an und verzog das Gesicht. Der synthetische Geschmack klebte an ihrem Gaumen wie eine Plastikfolie. Clair versuchte, sich auf den gestrigen Tag zu konzentrieren.
   »10. August 2751, 10.15 Uhr Bordzeit«, diktierte sie. »Ecco und Henning überleben den Austritt nicht. Der Druck zerquetscht ihre inneren Organe wie einen nassen Schwamm. Ich habe so etwas noch nie gesehen! Der Anblick ist schrecklich! Wir bringen die beiden Leichname zu den Ice-Tanks. Dort frieren wir sie ein. Commander Bajt beginnt mit den Arbeiten am Versorgungssystem. Clondayle liegt nach wie vor im Koma, und Reeves leidet immer noch an postreanimalem Raumfieber. Svensons Zustand verschlechtert sich, die Lähmung geht auf seine rechte Körperhälfte über. Entgegen Doc Travis´ Meinung entscheide ich mich dafür, Svenson nicht im Ice-Tank zu deanimieren, sondern ihn bei Bewusstsein zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich dafür die Verantwortung übernehme. Ich hoffe, dass sich der Zustand von Reeves und Svenson verbessert, im Moment wird jedes Crewmitglied benötigt.«
   Clair blickte zu den Systemanzeigen in der Kabine, danach auf die Uhr.
   »11. August 2751, 08.05 Uhr Bordzeit. JOSEPH hat soeben seinen Systemcheck beendet: die lebenserhaltenden Systeme der Enora Time sind zu neunundzwanzig Prozent ausgefallen. Doc Travis, Commander Bajt und Lieutenant Ferguson sind seit vierundzwanzig Stunden mit den wichtigsten Reparaturarbeiten beschäftigt. Captain Harding sehe ich kaum. Gelegentlich begegnen wir uns auf der Brücke, wo er meist mit einem Kaffeebecher an der geöffneten Blende steht und stumm ins All starrt. JOSEPH steuert die Enora Time durch unbekanntes Gebiet. Unsere exakte Position konnten wir noch nicht bestimmen. Lieutenant Ferguson bat mich im Bordbuch zu vermerken, dass sie in der Messe das Verschwinden von Lebensmitteln bemerkt hat.
   Ende der Bordbucheintragung. Clair K. Marlies, Captain der Enora Time, Verband der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte.«

2.

Clair schaltete das Interface des Bordbuchs an ihrem Kehlkopf aus. Offiziell gab es zu den Ereignissen nichts mehr zu sagen. Sie ertappte sich dabei, wie sie mit den Fingern auf der Akte trommelte. »Captain Harding« stand auf dem Deckel. Wollte man seine Karriere und seinen krankhaften Hunger nach Macht in Worte fassen, müsste das Dossier einige Tausend Seiten dick sein. Doch für diesen Mann war die Akte viel zu dünn und verriet gerade deshalb mehr, als sie eigentlich verbergen sollte.
   Clair sah auf und ließ ihren Blick über die Anzeige neben dem Bordfunk wandern. In etwa zwanzig Minuten würde sie Commander Bajt auf der Brücke ablösen müssen. Aus der Brusttasche der Uniform zog sie ein in Kunststoff gebundenes Tagebuch, das sie seit Jahren bei sich trug. Doch bis auf ein lustlos hingekritzeltes Ich... auf der ersten Seite war es leer geblieben. Sie schlug das Buch auf und begann mit dem Laserstift dort weiterzuschreiben, wo sie vor fünf Jahren aufgehört hatte.
   »... habe das Gefühl ...« Sie setzte den Stift ab und starrte auf die Worte. Ja, welches nur? Zögernd schrieb sie weiter, dann wurden ihre Worte flüssiger. »... dass wir von Anfang an belogen wurden. Es hieß, wir würden eine Mission übernehmen, deren Erfolgschancen verschwindend gering wären. Verschwindend gering ... und dennoch sind wir hier! Ich habe keine Ahnung, warum sich die Mitglieder meiner alten Crew auf diesen Flug einließen. Bajt und Travis hätten nicht mitmachen müssen, wir hätten andere gefunden, die so verrückt gewesen wären, sich uns anzuschließen. Selbst hinter Fergusons Fassade blicke ich nicht. Hat sie die Tragödie in ihrer Familie doch nicht überwunden? Zumindest hatten die drei auf unserem letzten Flug nicht den Eindruck gemacht, als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Weiß der Teufel, warum sie sich ausgerechnet für dieses Kommando gemeldet haben.«
   Clair hielt inne, dachte nach, klopfte mit dem Laserstift gegen ihre Zähne. Dann schrieb sie weiter: »Der Rest der Crew besteht aus Freiwilligen, denen ich erst beim Training auf Camp Daytena begegnet bin. Ecco und Henning schienen nette Burschen zu sein und hätten sich gut in die Crew eingelebt, doch die Zeit war zu knapp, und ich hatte keine Möglichkeit, die beiden näher kennen zu lernen. Ich weiß nicht einmal, ob Angehörige auf sie zu Hause warten. In den Akten steht nichts darüber. Von den anderen weiß ich nur, sie sind genauso verrückt wie wir. Wer sonst würde sich dorthin wagen, wo der kalte Sternenhimmel vielleicht das Letzte ist, was man in diesem Leben zu sehen bekommt? Wir dachten, wir würden als Helden zurückkehren, wenn wir das Zwölfte Bataillon vor dem ersten Stützpunkt der Dracon absetzten. Reingehen, die Flanken der Außenposten zerstören, die Reaktoren des Stützpunkts bombardieren, die Soldaten im Feindgebiet platzieren und nach fünfzig Minuten die Truppen wieder auflesen und abhauen, haben sie uns auf Camp Daytena eingedrillt. Reingehen – Zuschlagen – Abhauen! Wie ein Einsatz aus dem Militärhandbuch! Nicht zu lange im Feindgebiet manövrieren! Der Einsatz hätte höchstens drei Stunden dauern sollen. Am Rande des Sternennebels der Sphinx hätten wir ohnehin wie eine Kerze auf der Geburtstagstorte geleuchtet. Die Simulatoren der Militärs hatten berechnet, dass nicht viele der Soldaten von dem Einsatz zurückkehren würden.
   Statt dessen sind wir woanders hingeflogen, von einem Kraftfeld eingesogen und ausgespuckt worden und treiben jetzt irgendwo durch das All. Die Ice-Tanks haben den Austritt gut überstanden, und die 40.000 Soldaten der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte schlafen, einzig und allein Captain Harding leistet uns auf der Brücke Gesellschaft. Er spricht nicht viel, sondern beobachtet nur. Er und JOSEPH scheinen die Einzigen zu sein, welche die Hintergründe kennen. Warum wurde der Kurs der Enora Time geändert? JOSEPH lässt uns nicht an seine Datenbank, und Harding ist alles andere als kooperativ. Er wollte nicht einmal wissen, weshalb man ihn aus dem Ice-Tank geholt hat. Ich habe mein Gespräch mit ihm schon zu lange hinausgezögert. Bajt meint, Harding würde nur eine Gelegenheit abwarten, um das Kommando des Schiffs an sich zu reißen. Ich muss auf der Hut sein.«
   Clair klappte das Tagebuch zu und ließ es wieder in der Brusttasche verschwinden. Ihre Gedanken niederzuschreiben hatte nicht wirklich geholfen. Sie trank den Kaffee aus, warf den Becher samt der Zigarettenkippe in den Mülltank und stand auf.
   »Gott ...«, murrte sie, als sie vor dem Spiegel der Duschkoje stand und die Falten unter den Augen glatt strich. Ihre Wangenknochen standen hervor, und dunkle Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Früher war sie hübsch gewesen, zumindest hatte sie das oft zu hören bekommen. Doch heute ... Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. Sie wandte den Blick ab und streifte das Freundschaftsband vom Handgelenk, das sie vor langer Zeit einmal auf dem Kopfkissen gefunden hatte. Ein Geschenk, es erinnerte sie an zu Hause, an eine Wohnung mit vielen hellen Zimmern, an Nachbarn, die oft zu Besuch gewesen waren, aber auch an Abschied, Tränen und vor allem an ihre Tochter. Mit flinken Fingern band sie ihre Mähne zu einem Knäuel zusammen; die ersten grauen Strähnen im blonden Haar, die ihr in die Stirn fielen, ließ sie rasch hinter dem Ohr verschwinden. Dann stopfte sie die blaue Uniformbluse in den Hosenbund und zog den Gürtel enger. Vom Regal über dem Spiegel nahm sie ein volles 30-Projektile-Magazin, klickte es in die Kammer ihrer DeGamak, wartete, bis der Sensor rot blinkte, schob die Waffe in das Holster und verließ die Kabine.
   Auf dem Weg zur Brücke spielte sie in Gedanken mehrere Varianten durch, wie sie Harding dazu bringen konnte, mit offenen Karten zu spielen.
   »Captain, was ich Sie schon immer fragen wollte ...«, murmelte sie und versuchte dabei ein spitzbübisches Lächeln. Missmutig schüttelte sie den Kopf. Mit weiblichem Charme war bei Harding nicht viel zu erreichen, eher mit unverhohlener Autorität: »Captain Harding! Ich erwarte Sie in fünf Minuten zu einer Einsatzbesprechung in der Messe!«
   Doch würde sie die Nerven besitzen, so mit dem Militär zu sprechen? Zwar hatte Harding den gleichen Rang wie sie, doch solange sie nicht im Feindgebiet manövrierten und keinen Einsatz flogen, war sie der Captain an Bord. Ob Harding das respektierte? Sie konnte ihn kaum einschätzen, doch musste sie es jetzt endlich hinter sich bringen, mit welcher Variante auch immer. Das Katz-und-Maus-Spiel hatte schon zu lange gedauert.
   Ein Geräusch riss sie aus den Gedanken, von weitem hörte sie aufgebrachte Stimmen durch den Korridor hallen. Sie lief den Gang hinunter, die Tür glitt mit einem elektronischen Surren auf, und sie betrat die Brücke. Schlagartig verstummte der Lärm. Sämtliche Varianten hatten sich erübrigt. Captain Harding stand zwischen den Pilotensitzen und richtete den Lauf einer entsicherten Selmac7 auf Doc Travis und Commander Bajt.

3.

»Was zur Hölle ist hier eigentlich los?«, rief Clair außer sich. Als sich Captain Harding ihr langsam zuwandte, zielte der Lauf seiner Waffe schon längst auf ihren Kopf. Das Blinken des roten Laserpunkts blendete ihre Augen. Beinahe glaubte sie zu spüren, wie der Suchlaser ihre Stirn erwärmte und ihr ein Loch durch die Haut brannte.
   Harding hatte die Kampfuniform der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte angelegt. Sogar auf seine Orden und Rangabzeichen hatte er verzichtet. Hager und steif wie eine Holzpuppe stand er vor ihr. Auch er machte einen ausgemergelten Eindruck. Wahrscheinlich erging es ihm nicht anders als den anderen an Bord, die sie alle seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen waren. Sein kantiges, pockennarbiges Gesicht verfinsterte sich, als er Clair musterte.
   »Setzen Sie sich hin!« Sein Handgelenk bewegte sich ruckartig, und der Laserpunkt zuckte zu einem der freien Pilotensitze.
   »Ich werde mich nicht hinsetzen!«, zischte Clair, ohne zu überlegen. Wie würde Captain Harding darauf reagieren? Ihre Knie wurden weich. »Sie haben zwar das militärische Kommando über die Enora Time, aber im Moment ist der Kreuzer immer noch ein ziviles Schiff, das unter meinem Kommando steht, und Sie ...«
   »Das hat sich soeben geändert! Commander Bajt wird jetzt die Waffensysteme des Schiffs aktivieren und der Doc die Ice-Tanks vom Versorgungssystem abkoppeln.«
   Sie schluckte, zumindest wusste sie jetzt, dass bei Captain Harding weder weiblicher Charme noch autoritäre Befehle funktionierten.
   »Sie haben keineswegs die Befehlsgewalt über meine Crew«, sagte sie.
   »Ihre Crew?« Harding lächelte. Clair sah die Kälte in seinen Augen. Obwohl er in ihrem Alter war, hatte er bereits die von zahlreichen Falten durchzogenen Gesichtszüge eines alten, verbitterten Mannes. Clair zweifelte an der Richtigkeit der Daten in seiner Akte. Wahrscheinlich war Harding älter als in dem Dossier angegeben, und das Militär hatte einige Jahre aus seinem Leben verschwinden lassen.
   »Ich sage Ihnen etwas über Ihre Crew. Mit der Handvoll Männer, die nicht gerade tot in den Ice-Tanks liegen oder auf der Krankenstation herum lungern, kann man dieses Schiff nicht einmal manövrieren.«
   »Meine Crew ist mit einer Situation wie dieser überfordert, die Mannschaft ist gereizt und übermüdet, aber ...«
   »Korrekt! Ich habe ihnen zwei Tage lang zugesehen, wie Sie Ihre Besatzung mit einem unkoordinierten, unsinnigen Befehl nach dem anderen beschäftigten, während Sie an dem Clausewitz-Antrieb herumspielen.«
   Clair schnappte wortlos nach Luft, instinktiv warf sie ihrem Commander einen Blick zu. Bajt rückte mit zitternden Fingern seine rahmenlose Brille zurecht und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Hinter Hardings hochgewachsener Gestalt wirkte er wie eine lächerliche Figur, die ihre Hände ständig zu Fäusten ballte und wieder öffnete. Mit seinem Dreitagebart und den unfrisierten Haaren, die ihm wirr ins Gesicht hingen, sah er nicht nur chaotisch aus, sondern auch überarbeitet und im Moment geradezu hilflos. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er jeden Augenblick die Nerven verlieren würde. Sie hoffte, er würde zumindest in einer Situation wie dieser seine Klappe halten und keinen Fehler begehen.
   »Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, was dieses Schiff der neuen Time-Generation eigentlich kann?«, fuhr Harding sie an.
   »Wenn Sie die Waffensysteme meinen: Ja!«
   »Können Sie sie bedienen?«
   Clair zögerte. Der Mistkerl drängte sie in die Ecke. »Nein«, gab sie zu. »Als Captain eines zivilen Hin- und Rückflugs ist das keine meiner Aufgaben, aber die ...«
   »Richtig! Und deshalb verlange ich das Schiff klar zum Gefecht, bevor noch mehr Pannen passieren«, bellte Captain Harding, während er auf Clair zuging. »Wir sind nicht mehr länger auf einer zivilen Mission!« Verächtlich spie er die Worte aus.
   Sie wich keinen Schritt zur Seite und hielt dem Blick des Militärs stand. Sie fragte sich, ob Harding bemerkte, dass ihre Knie jeden Augenblick wie Pudding nachgeben konnten. Neben sich hörte sie ein Knirschen. Doc Travis hatte sich von seinem Sitz erhoben, zaghaft ging er auf die Terminals zu. Die Stirn des alten Mannes glänzte im Licht der Deckenlampe. Der Arzt war genauso wenig wie Bajt eine Kämpfernatur. Clair schätzte, dass er alles tun würde, um ungeschoren aus der Sache herauszukommen. Und das bedeutete, dass er springen würde, sobald Harding seine Waffe auf ihn richtete und den Befehl dazu gab.
   »Sie fahren sämtliche Waffensysteme hoch und reanimieren die Lieutenants und Ersten Offiziere des Bataillons!«, brüllte Harding. »Sofort!« Er riss die Waffe herum und zielte auf Bajts Stirn. Clair fuhr zusammen und schloss die Augen. Als sie blinzelte, bemerkte sie, wie sich Bajts Rückgrat versteifte und das Glas seiner Brille beschlug.
   »Na los, Commander! Sind Sie taub?«, brüllte Harding. Seine Halsschlagader schwoll zu einem dicken Wulst an.
   Clair machte einen Schritt auf den Militär zu. Dann blickte sie zum Doc. »Travis!«, befahl sie und hoffte, dass niemand das Zittern in ihrer Stimme bemerkte. »Sie bleiben auf Ihrem Platz!«
   Der Doc hielt inne, Harding legte den Kopf schief und starrte Clair an. Seine Mundwinkel verzogen sich amüsiert.
   »Solange wir nicht im Feindgebiet operieren, habe ich den Oberbefehl über dieses Schiff, und ich verlange von Ihnen, dass Sie sich meinen Anweisungen unterordnen«, sagte sie, bevor Harding etwas erwidern konnte.
   Der Militär warf den Kopf nach hinten, als wollte er laut auflachen, doch entrang sich seiner Kehle nur ein trockenes Krächzen. Im gleichen Moment griff Clair mit einer blitzschnellen Bewegung nach ihrem Hüftgurt und entsicherte die Handfeuerwaffe, noch während sie das schwere Modell hochriss. Sie hatte ihre Bewegung noch nicht zu Ende geführt, als bereits ein Projektil in die Kammer der DeGamak gesprungen war. Ein roter Laserpunkt blinkte auf Hardings Stirn. Während sich Clairs Arm versteifte, entspannten sich Hardings Gesichtszüge. Er grinste breit.
   »Muss das sein? Das ist doch lächerlich!« Fordernd streckte er die Hand nach ihrer Waffe aus. »Was wollen Sie mit der DeGamak?«, fügte er hinzu. »Mir meine Uniform versauen?«
   »Genau!« Sie senkte die Waffe für einen kurzen Moment. »Ich schieße Ihnen die Kniescheibe raus.« Ihr Finger legte sich auf den gerippten Sensor am Abzug. Bleiern zog das Gewicht der Waffe an ihrem Arm. Ihre Hand begann zu schwitzen.
   »Die tapfere Kommandantin will also tatsächlich im Spiel der großen Liga mitspielen? Aber das ist kein Spiel für alte Ladies
   »Sie haben recht«, fauchte Clair. Geflissentlich überhörte sie seine Anspielung. »Das ist kein Spiel! Und solange ich nicht erfahren habe, wo wir uns im Moment befinden, werden die Waffensysteme nicht aktiviert. Ich werde mit keiner tickenden Zeitbombe durch ein mir unbekanntes Gebiet fliegen, und schon gar nicht mit einem Schiff, über das ich noch keine komplette Schadensmeldung erhalten habe.«
   Sie fixierte Hardings Waffenhand. Beim kleinsten Anzeichen einer Bewegung würde sie die Augen schließen und den Sensor nicht mehr loslassen, bis entweder Harding oder sie selbst tot am Boden lag.
   »Solange ich nicht den Grund für unseren Eintritt in das Kraftfeld kenne«, fuhr sie unbeirrt fort, »wird hier an Bord überhaupt nichts geschehen, außer, dass wir unser Schiff wieder zusammenflicken, Sie Ihren Mund halten und meine Crew nicht bei der Arbeit stören.«
   Captain Hardings Augenbraue zuckte amüsiert. Er öffnete den Mund.
   »Ich bin noch nicht fertig!« Sie bemerkte aus dem Augenwinkel, wie sich Commander Bajt langsam aus seinem Pilotensitz erhob, als wollte er sich von hinten an den Militär heranschleichen. Travis riss die Hände hoch. Sein Gesicht wurde weiß, als erlitte er einen epileptischen Anfall, seine Stirn glänzte mehr denn je. Sie hoffte, der Schiffsarzt würde es nicht vermasseln. Reden, reden, reden - und den Captain ablenken, dachte Clair.
   »Und solange ich nicht den wahren Grund für unsere Mission kenne, wird nicht einmal ein Rekrut des Bataillons reanimiert, ist das klar? Denn was ich im Moment nicht brauche, ist eine Horde wildgewordener Soldaten. Das Schiff bleibt solange unter meinem Kommando, bis Sie und JOSEPH sich zur Kooperation bereit erklären.«
   »Bla, bla, bla«, spottete Harding. Bajt schlich Schritt für Schritt näher, bis er sich eine Armlänge hinter dem Captain befand.
   »Ich trage die Verantwortung für diese Crew, die immer noch meinem Befehl untersteht ... und wenn Sie jetzt nicht auf der Stelle die Waffe weglegen, muss ich Sie unter Arrest nehmen.«
   »Unter Arrest?« Harding lachte. »Stecken Sie dieses alberne Ding weg. Sie schießen noch ein Loch in die Konsolen.«
   Clairs Hand begann zu zittern. Bajt stand unmittelbar hinter Harding. Sie musste sich zwingen, nicht hinzusehen.
   »Ich darf Sie daran erinnern, niemand von Ihnen unterliegt der Sicherheitsstufe, der dieses Projekt zugeteilt wurde. Sie sind Freiwillige und das berühmte Bauernopfer in einem Krieg, den Sie niemals verstehen und begreifen werden«, flüsterte Harding mit trockener Kehle. »Ich werde Sie alle töten müssen, bevor wir mit der Enora Time unsere tatsächliche Mission beginnen.«
   Tatsächliche Mission? Was meinte er damit? Clairs Augen zuckten zur Seite und trafen für den Bruchteil einer Sekunde Bajts Blick. Er stand hinter Harding und hatte die Hand zum Schlag erhoben. Harding bemerkte ihren Gesichtsausdruck. Noch im selben Moment feuerte er. Clair taumelte zurück. Als sie den Schlag auf ihrem Oberschenkel spürte, sah sie Harding bereits mit einer Drehung in die Knie gehen und erneut schießen, diesmal auf Bajt. Die Projektile jagten aus dem Lauf seiner Waffe. Ihr Commander hatte kaum die Zeit wegzutauchen. Mehrere Projektile versengten die Computerkonsolen hinter ihm, und eines davon zerfetzte ihm die Schulter und färbte den Stoff der Uniform rot.
   Da feuerte auch Clair. Im Schock konnte sie den Sensor nicht mehr loslassen. Ihre Waffe spuckte ohne Unterbrechung die Projektile aus dem Lauf. Der Griff prellte ihr gegen die Hand, der Kolben erhitzte sich. Sie hörte Bajt schreien, aus dem Augenwinkel sah sie Doc Travis über den Boden kriechen, die Arme über dem Kopf. Blindlings feuerte sie in Hardings Richtung. Dann traf sie ihn, er sank vor ihr auf die Knie.
   Sie zwang sich, den Griff der Waffenhand zu lockern. Der Lärm fand ein Ende. Clair atmete heftig aus. Hardings Oberkörper pendelte vor und zurück. Mit weit aufgerissen Augen blickte er über seine Brust, bis er auf das Einschussloch starrte, das den Stoff der Uniform versengt hatte. Hinter ihm verwandelten sich die Computerkonsolen in einen stinkenden, verschmorten Klumpen aus Plastik, Metall und Silizium. Es knisterte und knackte in den Armaturen und roch nach Schwelbrand.
   »Sie haben mich angelogen!«, presste Harding hervor. Seine Lippen färbte sich rot, ein dünner Faden hing ihm aus dem Mundwinkel.
   »Was?« Clair blickte ihn verstört an.
   »Sie sagten, Sie würden mir die Kniescheibe rausschießen.« Er grinste. Sein Lachen ging in Husten über, er spuckte Blut.
   »Guter Schuss«, keuchte er. Clair blieb stumm. »Mitten in die Lunge, ich werde langsam sterben.«
   »Sie werden nicht sterben. Doc! Sie schaffen Captain Harding in die Krankenabteilung!« Dann wandte sie sich an ihren Commander. »Carl, hilf ihm!« Sie sah zu dem Militär. »Wir schließen Sie an die Ambucam, fahren Ihre Körperfunktionen runter und frieren Sie ein.«
   »Ihr wisst nicht, worauf ihr euch mit diesem Flug eingelassen habt«, keuchte Harding.
   Clair, Commander Bajt und Doc Travis starrten ihn verwirrt an.
   »Verdammt«, fluchte er. Plötzlich begann sein Oberkörper unkontrolliert zu zucken. Er musste sich mit einer Hand auf dem Boden aufstützen und wirkte wie ein verletztes Tier, das vor ihr kroch, nur dass er dabei nicht winselte.
   »Ich bin der einzige an Bord ...« Keuchend rang er nach Atem. »... der Zugang zu Code Blau hat ... ohne mich seid ihr beschissen dran.«
   »Warum wurden nur Sie autorisiert?«, drängte Clair.
   Harding lachte, der rote Faden lief ihm über das Kinn und verschmierte sich am Boden. Er begann wieder zu husten.
   »Schnell, die Ambucam!«, rief Clair.
   »Ihr könnt es nicht aufhalten.«
   »Was aufhalten?«
   »Fahrt doch alle zur Hölle ...« Er riss die Waffe hoch und zielte auf Clair.
   »Du zuerst!«, entfuhr es ihr. Automatisch zuckte ihr Finger gegen den Sensor der DeGamak.
   Die Waffe vibrierte, dann erstarb das Spucken im Lauf. Captain Harding schlug am Boden auf, mit einem Einschussloch in der Stirn.

4.

»Oh, Gott. Warum haben Sie das getan?« Travis strich sich mit der Hand über die Glatze. »Sie haben den Captain erschossen! Der Typ ist tot! Was soll ich jetzt tun?«
   »Was wohl? Nichts! Der ist hinüber, der braucht keinen Arzt mehr. Besser der als ich«, murmelte Bajt, der ausgestreckt am Boden lag, tief durchatmete und eine Hand auf die Schulter presste. Er wandte sich an Clair. »Du hättest mich beinahe zum Teufel gejagt, ist dir das eigentlich klar?«
   »Mhm!«, murrte sie. Ein widerlicher Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus.
   »Du hast den Kerl getötet, weil er dich alte Lady nannte, stimmt’s?«
   »Wie bitte?« Sie strich sich mit zittriger Hand die Strähnen hinters Ohr. Der ätzende Geruch verschmorten Metalls und Plastik ließ ihre Augen tränen und reizte ihre Atemwege. Sie musste husten und rieb mit der Handfläche über die Augen. Die DeGamak steckte sie in den Hüftgurt und kickte Hardings Waffe weg, die mit einem Klappern über den gerippten Boden schlitterte und unter den Bordkonsolen zu liegen kam.
   »Das K in deinem Namen steht für Killer, habe ich recht?«
   »Hör auf damit!«, rief Clair.
   Bajt schwieg und starrte sie eine Weile an. »Klar! Ich will doch nicht so enden wie der«, sagte er und zeigte auf den Captain, der reglos mit dem Gesicht nach unten am Boden lag.
   »K steht für Karmelitha, okay? Und jetzt hör auf, mich zu verarschen!«, flüsterte sie.
   »Oh, shit!«, rief Bajt. »Das glaube ich nicht.« Er nahm seine rahmenlose Brille ab und rieb die Linsen an der Uniform, wodurch er das Glas allerdings noch mehr verschmierte. »Lege dich nie mit Karmelitha an, die pustet dir sonst ein Loch in den Schädel!«
   »Setz die Brille wieder auf, du siehst aus wie ein Maulwurf!«, fuhr sie ihn an.
   »Können wir die Gehässigkeiten dann beenden?«, rief der Doc. »Lasst uns lieber überlegen, was wir jetzt machen sollen.«
   »Wie es aussieht, wissen wir ziemlich wenig«, sagte Clair.
   »Ja, dank Ihnen! Sie gehören vor ein Kriegsgericht! Sie haben den Captain kaltblütig abgeknallt!«
   »Von wegen kaltblütig! Er hat das Feuer eröffnet«, entgegnete Clair. »Er wollte uns alle töten, haben Sie das schon vergessen?«
   Doc Travis schwieg.
   »Ich bin der Captain an Bord und trage die Verantwortung für dieses Schiff. Nach §437 des Gesetzes der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte über interstellare Raumfahrt in Kriegszeiten war das ein Akt von Meuterei.«
   Doc Travis holte tief Luft. »Aber ...«
   »Und jetzt halten Sie die Klappe, sonst stehen Sie unter Arrest.«
   Sein Mund klappte zu.
   Clair vergrub das Gesicht in den Händen, dann fuhr sie sich mit den Fingern durch die Haare. Die Situation war ohnehin außer Kontrolle geraten, ein Militärverfahren wegen Mordes fehlte ihr gerade noch.
   »Das Zwölfte Bataillon bleibt auf jeden Fall in den Ice-Tanks, und die Waffensysteme bleiben inaktiv.« Clair stemmte die Fäuste in die Hüften. »JOSEPH ist der Einzige, der uns jetzt noch weiterhelfen kann. Carl, lass dir etwas einfallen, wie wir an seine Daten herankommen.«
   »Das ist unmöglich«, widersprach Bajt.
   »Deshalb sollst du dir ja etwas einfallen lassen!«
   »Klar ... Karmelitha.« Bajt erhob sich mühsam.
   »Und Sie, Doc, sehen nach Svenson und Clondayle. Ich möchte, dass die beiden ...«
   »Du weißt es noch nicht?«, unterbrach Bajt.
   »Was weiß ich noch nicht?«, wiederholte sie und äffte dabei seine Stimme nach.
   Bajt presste die Lippen aufeinander und starrte zu Boden.
   »Svenson ist tot«, murmelte Travis und steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Die Lähmung hat die Atemwege verengt und das Herz angegriffen.« Ein Streichholz flammte auf, und seine Stirn glänzte im flackernden Schein. Eine dunkelblaue Wolke waberte zur Decke. Clair blickte auf. Das war kein synthetischer Stoff aus dem Labor, wie in ihren eigenen Zigaretten, sondern echter Tabak vom Feld.
   »Woher haben Sie die?«, schnappte sie. »Sind Sie es, der sich an den Vorräten in der Messe zu schaffen macht?«
   Der Arzt starrte sie an, als hätte er als Schauspieler auf der Bühne seinen Einsatz verpasst.
   »Was zum Teufel soll das jetzt?«, sagte Bajt. »Scheiß auf die Zigaretten. Svenson ist tot!«
   Erst jetzt wurde ihr bewusst, was Travis zuvor gesagt hatte. Sie schloss die Augen. »Und warum habt ihr mir das nicht eher gesagt?«
   »Wann denn?«, brauste Travis auf und fuchtelte mit der Zigarette in der Luft herum. »Sie haben fast die Hälfte Ihrer Crew verloren. Sie hatten dringend eine Ruhepause nötig, und als ich mit Ihnen sprechen wollte, hat unser Soldat hier begonnen durchzudrehen.«

Die Hälfte Ihrer Crew verloren, hallte es in ihrem Schädel nach. Ihr Magen schien sich jeden Moment umstülpen zu wollen.
   »Wo ist Svenson jetzt?«
   »Noch immer auf der Krankenstation.«
   »In Ordnung«, seufzte Clair. »Wussten Sie, warum er sich ausgerechnet für diese Mission gemeldet hat?«
   »Er hat seine Frau bei einem Unfall verloren«, sagte der Doc, »und soviel ich weiß, ist seine Tochter seitdem in einer Klinik für verhaltensgestörte Kinder.«
   »Na großartig«, bemerkte sie. »Frieren Sie Svenson ein, und dann helfen Sie Ferguson, damit das Schiff in spätestens zwanzig Stunden volle Fahrt machen kann. Bis dahin ...«
   »Ja, ja«, murmelte Travis müde. Die Zigarette hing ihm wie ein verbogenes Papierröllchen im Mundwinkel. »Zuvor sehe ich mir aber einmal Ihr Bein an. Sie bluten.«
   Sie blickte an sich hinunter. Mit einem Mal ließ der Adrenalinschock nach, und sie spürte im Oberschenkel das Blut pochen, das in pulsierenden Wellen ihr Hosenbein durchnässte.
   »Und ich sterbe«, rief Bajt und riss beide Arme theatralisch hoch. Doch niemand lachte.
   »Sie haben nur einen Kratzer, Commander. Lassen Sie sich die Schulter von der Ambucam vereisen«, murmelte der Doc, während er zum Notarzt-Schrankraum ging. »Aber das hier sieht viel schlimmer aus.« Er deutete auf Clairs Wunde. »Wir müssen die Blutung stoppen, Sie haben einen glatten Durchschuss.«
   »Wie wollen Sie das von dort aus sehen?«, fragte Clair.
   »Das Projektil hat hinter Ihnen ein Loch in den Boden gerissen. Genügt Ihnen das als Antwort?«
   Clair blickte sich um. Hinter ihr qualmte ein versengtes Loch in den Paneelen. Plötzlich wurde ihr übel. Da hörte sie, wie der Doc den Schrankraum öffnete und ihm ein erstauntes »Hoppla!« entfuhr. Claire sah sich um. Der Arzt erstarrte zur Salzsäule, die Zigarette fiel ihm aus dem Mund. Über seine Schulter sah Clair ebenfalls in den Schrank und blickte in ein Paar blauer Augen, die von struppigen Locken umrahmt waren.
   »Ein Engel«, platzte es aus Bajt heraus. Das Mädchen saß zusammengekauert zwischen den Erste-Hilfe-Boxen und kaute an einer Packung Trockenfleisch.
   »Das gibt es doch nicht! Wie bist du an Bord gekommen, Kleine?«, brüllte Clair. Travis und Bajt zuckten zusammen. Mit einem Mal gingen die Emotionen mit ihr durch. »Was hast du dir dabei gedacht? Das hier ist kein Spielplatz für kleine Gören!« Sie humpelte auf das Mädchen zu und drängte Travis zur Seite.
   »Captain, Captain.« Der Doc hob beschwichtigend die Hände. »Sie ist doch noch ein Kind, sie hat Angst ... und Hunger, sehen Sie das denn nicht?«
   Er gab dem Mädchen die Hand und half ihm aus dem Schrank. Sie reichte dem Arzt bis zu den Hüften und mochte nicht älter als fünf, vielleicht sechs Jahre sein. Rasch ließ sie das Stück Trockenfleisch in der Tasche ihres Overalls verschwinden und versteckte die Hände mit den langen, schmutzigen Fingernägeln hinter dem Rücken. Der Doc trat die Zigarettenkippe aus, ging in die Hocke und strich dem Mädchen durch das verfilzte Haar. Ihr Gesicht war ebenso verschmiert wie ihr Anzug.
   »Wie bist du denn hierher gekommen, Kleine?«, fragte er mit der sanften Stimme eines Großvaters.
   »Mein Papa wollte nicht, dass ich ins Heim komme«, flüsterte sie und wich Clairs Blicken aus. »Er hat mich an Bord geschmuggelt, zwei Tage vor dem Start, und mich in seiner Kabine versteckt.«
   »Dein Papa?«, entfuhr es dem Arzt. »Wie heißt du?«
   »Eleyna.«
   »Eleyna ... und wie weiter?« Der Doc runzelte die Stirn.
   »Eleyna Svenson ... ich möchte zu meinem Papa.«
   »Oh, Gott.« Clair presste die Augen zusammen. Alles schien sich vor ihr zu drehen ...

© Andreas Gruber 2000
Auszug • Erstveröffentlichung in Die letzte Fahrt der Enora Time. Ein ALIEN CONTACT Buch


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Siehe auch
Andreas Gruber, Ex Libris- Achtzehntausend Gigabyte [Story]
Rezension: Andreas Gruber, Die letzte Fahrt der Enora Time
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21.05.06 • 10.06.06