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ALIEN CONTACT
Die Legende von Ash Folge 11 • ALIEN CONTACT 57

Mary Gentle

Die Legende von Ash

Ash • 2000

Science Fiction > Alien Contact > Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
Über dieses Buch kursieren seit Jahren Gerüchte. Diese Gerüchte sind - soweit sie mir zu Ohren gekommen sind - wahr. Mary Gentles neuster Roman ist in jeder Hinsicht gewaltig: weit über tausend eng bedruckte Seiten, um die 650.000 Wörter. Und wie erwartet rechfertigt die Geschichte fast jedes einzelne Wort, das Mary Gentle im Laufe der Jahre geschrieben hat.

Die Veröffentlichungsgeschichte von Ash ist etwas kompliziert und bedarf einer Erläuterung. Gentles britischer Verlag, Victor Gollancz, hat vor Jahren bereits die erste Hälfte des Textes in Händen gehalten und Fahnen davon aufbinden lassen, ohne sie jedoch auszugeben. Offenbar fasste man intern den Beschluss, alles auf eine Karte zu setzen und die Ablieferung des vollständigen Romans abzuwarten, der jetzt in einem Band erschienen ist. Es war ein weiser Entschluss.

Bastei Lübbe, der Verlag, in dem die deutschsprachige Ausgabe von Ash erscheint, behandelt den Text dagegen wie eine Serie und folgt damit dem Beispiel der US-amerikanischen Ausgabe in vier Bänden. Unter dem übergeordneten Titel Die Legende von Ash sind bislang die Bände Der blaue Löwe und Der Aufstieg Karthagos erschienen, die beiden abschließenden Bände folgen im Frühjahr und Sommer 2004. Diese Entscheidung schont zwar die Ellbogen der Leser, denn die Gollancz-Augabe ist so schwer, dass man sie kaum halten kann, aber trotzdem sollte sich niemand täuschen lassen: Ash ist kein Zyklus von vier zusammenhängenden Romanen, sondern eine einzige Geschichte.

Unter allen umfangreichen Romanen, die in den Augen dieses Rezensenten ihre Länge rechtfertigen - eine Liste, die John Crowleys immer nocht nicht abgeschlossene Ägypten-Serie einschließt, ebenso wie Stephen Donaldsons Chroniken von Thomas Covenant, Michael Moorcocks Pyat (ebenfalls noch nicht abgeschlossen), Dan Simmons Hyperion/Endymion, Neal Stephensons Cryptonomicon, Tolkiens Der Herr der Ringe, Gene Wolfes Buch der Neuen Sonne, Austin Tappan Wrights Islandia - unter all diesen Werken ist Die Legende von Ash bei weitem das kompakteste und eindringlichste, wenn auch eindeutig nicht das kürzeste.

Die Lektüre von Ash gleicht einer Segeltour auf einer Flutwelle.

Es scheint mir sinnvoll, die in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung vorläufig außer Acht zu lassen. In der ersten Hälfte des Buches - den ersten beiden Bänden der geteilten Ausgaben - scheint sie nicht weiter von Bedeutung zu sein und den eigentlichen Fluss der Erzählung eher aufzuhalten. Stattdessen wenden wir uns dem Prolog zu, der im Jahre 1465 in einem Söldnerlager irgendwo in Frankreich spielt. Ein Waisenmädchen namens Ash (sie hat aschfarbenes Haar) wird von zwei Söldnern vergewaltigt, tötet diese und folgt ihrem Hauptmann später zu einem Schrein im Wald, in dem der Grüne Christus angebetet wird. Dabei hört sie in ihrem Kopf die Stimme des Löwen. Sie überlebt. Wir sind vorbereitet.

Eine zähe Heldin, die mit der Waffe umgehen kann

Die Handlung springt ein Jahrzehnt weiter, ins Jahr 1476, und jetzt wird die Sache ernst. Im Alter von zwanzig Jahren ist Ash - wie Jeanne d’Arc ein halbes Jahrhundert zuvor - selbst Anführerin einer Söldnerarmee geworden. Die Rolle der Befehlshaberin scheint ihr auf den Leib geschrieben, was sie im Laufe der Handlung immer wieder unter Beweis stellt; und während die Monate verstreichen, wird sie immer besser. Sie ist zäh, humorvoll, flucht gerne und ist blitzschnell mit der Waffe. (Gentle weiß ganz genau, wie Waffen gehandhabt wurden, wie gut oder schlecht Rüstungen passten und was wo die Haut wund scheuerte; weit anschaulicher als jedes andere Buch, das ich gelesen habe, vermittelt Ash einen ungeschminkten Eindruck davon, wie gleichermaßen entsetzlich und berauschend es sein muss, Waffen zu tragen, ob als Ritter oder Knappe; das Durcheinander, die sich überschlagenden Eindrücke, das unglaubliche Tempo eines echten Kampfes sind meiner Meinung nach noch nie so schonungslos eingefangen worden, jedenfalls nicht in einem Roman, der als Fantasy vermarktet wird.) Aus all diesen Gründen, und weil die Stimme des Löwen ihr weiterhin taktische Ratschläge erteilt, erscheinen Ashs Führungsqualitäten nie auch nur andeutungsweise unglaubwürdig.

Ash und ihre Truppe stehen in Diensten des deutschen Kaisers Friedrich. Bei einem Waffengang erweist sie sich als zu effektiv - fast hätte sie (peinlicherweise) den Herzog von Burgund gefangen genommen, der im Streit mit Friedrich liegt. Zur Strafe »belohnt« der Kaiser sie, indem er sie mit einem seiner grundbesitzenden Ritter verheiratet. Nach damaliger Rechtsprechung nimmt er ihr damit ihre Armee, ihren Status als Befehlshaberin, ihren Lebensinhalt. Unglücklicherweise fühlt Ash sich zu ihrem Gatten körperlich hingezogen, während er sie aus vielerlei Gründen verachtet.

Unter seinem Kommando begleitet ihre Truppe den in Unehre gefallenen Botschafter der Westgoten von Friedrichs Hof zurück ans Mittelmeer, damit dieser nach Karthago, wo das Ewige Zwielicht herrscht, zurückkehren und dem Kalifen eine Warnung übermitteln kann: Er möge von seinen Plänen absehen, Europa zu erobern.

Wie bitte?

Der Boden unter unsern Füßen gibt nach

An dieser Stelle - oder vielleicht ein paar handlungsreiche Seiten früher - wird uns bewusst, dass Ash, trotz der anders lautenden Behauptungen des Verlages, kein Fantasyroman ist, sondern sich Stück für Stück entfaltende Alternativ-Geschichtsschreibung. Der Boden unter unseren Füßen gibt nach. Eine Vielfalt von Bedeutungen und seismischen Beben innerhalb des Textes suchen den Leser heim. Uns wird klar (und bald wird es uns auch ausdrücklich mitgeteilt), dass die Stimme in Ashs Kopf tatsächlich das ist, was sie zu sein scheint: die Stimme eines Strategiecomputers. Uns wird klar, das die Golems, denen wir im Laufe der Handlung begegnet sind, in Wirklichkeit Roboter sind, und das Ewige Zwielicht ist echt und hat eine erklärbare Ursache. Wie John Crowley in Ägypten sagt: »Es gibt mehr als nur eine Geschichte dieser Welt.« Und Ash liest sich mehr und mehr, als würde unsere Welt auf der Kippe stehen, als würde mit der Geschichtsschreibung etwas Entscheidendes geschehen - während wir lesen. Der Vergleich mit »Tlon, Uqbar, Tertius Orbis« von Jorge Luis Borges liegt nahe; oder vielleicht mit der Erzählung »The Late Repentance of Horemheb" von H. S Wiesner und Ioan Culianu (dem Akademiker aus Chicago, der sich auf hermetische Philosophie spezialisiert hatte und 1991 ermordet wurde), in der echte archäologische Fundstücke auftauchen, die Fälschungen bestätigen und unsere Wirklichkeit aus den Angeln heben; oder mit Crowley selbst. Was in Ashs Zeitlauf wirklich ist und was in unserem, streitet sich vor unsren Augen um die ersten Plätze. Allmählich wird uns schwindlig.

An der »Oberfläche« rauscht die Geschichte weiter, unaufhaltsam, unerbittlich, wie eine Flutwelle. Im Januar 1477 wird Ash tot sein, zumindest in jener Wirklichkeit, deren Geschichte sie verteidigt. (Um dorthin zu gelangen, benötigt Ash 600.000 Wörter.) Aber kehren wir zu jenem Zeitpunkt zurück, wo wir den Handlungsfaden verlassen haben. Ash und ihre Truppe werden ihrer Pflichten als Geleitschutz des Botschafters enthoben, als sie einer Armee der Westgoten in die Quere kommen, die Genua dem Erdboden gleichmacht. Sie entkommen und kehren nach Norden zurück. Dort treten sie in die Dienste des Herzogs von Burgund, dessen Armee auf die Westgoten trifft und dezimiert wird.

Unterdessen ist Ash der Kommandantin der Westgoten persönlich begegnet - ihrem Zwilling. Beide sind sie das Ergebnis von Experimenten, die seit Jahrhunderten andauern. Sie wurden gezüchtet, um die Stimme eines Golemkopfes zu hören, in dem sich der Strategiecomputer verbirgt. Ash wird gefangen genommen und nach Karthago verschleppt, wo der Computer tief unter der Erde untergebracht ist. Sie hat eine Fehlgeburt (ihr Gatte hat eine Nacht mit ihr verbracht) und flieht.


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Die Sehnsucht nach der Dunkelheit

Sie versucht, den Golemkopf (der einst Roger Bacon gehört hat) zu zerstören, stößt jedoch weit unterhalb der Stimmen, die sie in ihrem Kopf hört, auf weit tiefere, weit schrecklichere Stimmen, welche die Welt verfluchen und davon sprechen, Burgund müsse zerstört werden. Sie sehnen sich nach ewiger Finsternis, nach der Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Sie heißen die »Wilden Maschinen«. Nachdem sie der menschlichen Spezies 10.000 Jahre lang zugehört haben, sind sie zum Entschluss gekommen, dass wir ausgerottet werden müssen.

Ash entkommt erneut, und zwar in Begleitung einiger ihrer Söldner, die an einem Angriff auf Karthago teilgenommen haben. Sie flieht nach Djion im Herzen von Burgund, wo die Sonne noch scheint. Ihre Genialität kommt immer mehr zum Tragen, und es gelingt ihr, die Stadt zu verteidigen. Eine ganze Menge geschieht (auf fast jeder Seite geschieht etwas), und Ash findet heraus, wer sie ist. Am Ende wird Burgund in gewissem Sinne gerettet. Der zentrale Handlungsstrang endet unvermittelt.

So einfach ist es natürlich nicht. Kehren wir zur Rahmenhandlung zurück. Sie besteht aus einer kurzen Einleitung von Pierce Ratcliff, einem Akademiker, der verschiedene mittelalterliche Manuskripte übersetzt, die zusammengenommen Ashs Geschichte erzählen, und aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen Ratcliff und seiner Lektorin Anna Longman. Er hat einen Vertrag für ein Buch abgeschlossen, dass er Ash: Die verlorene Geschichte Burgunds nennt. Anfangs versichert Ratcliff seiner Lektorin, dass das Manuskript, das er ihr abschnittweise zuschickt, unorthodox wirken möge, aber das wäre den uns fremden Metaphern geschuldet und den Fehlübersetzungen aus dem korrupten mittelalterlichen Latein. Doch bald, in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, schlägt die Realität Kapriolen - wie schon im Jahre 1476.

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Ein Zweikampf zwischen unterschiedlichen Versionen der Geschichte

Ratcliff reist nach Tunesien, wo eine Kollegin auf Überreste eines steinernen Golems gestoßen ist und schließlich sogar auf Karthago, in einem Graben am Meeresgrund, wo bisher noch kein Graben gewesen war. Allmählich wird Ratcliffe und seiner Lektorin Longman klar, dass hier ein Drama aus alter Zeit seine Fortsetzung findet - ein folgenreicher Zweikampf zwischen unterschiedlichen Versionen der Geschichte. Die Welt wird nie wieder die gleiche sein. Schließlich begreifen sie die Bedeutung Burgunds, warum es für das Fortbestehen der Menschheit so wichtig ist, dass die Herrscher Burgunds in der Lage sind, die Auswirkungen von »Magie« zunichte zu machen - von Magie, die (um es in der Sprache der Science Fiction auszudrücken) über die Macht verfügt, eine bestimmte Wirklichkeit gegen den Fluss der Wahrscheinlichkeiten abzuschirmen.

Ash ist hierfür von entscheidender Bedeutung. Die letzten fünfzig Seiten des Großromans zeigen uns, warum und wann. Es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, den weiteren Handlungsverlauf zusammenzufassen. Die Bemerkung muss genügen, dass wir nach tagelanger Lektüre blitzartig verstehen, was wir da eigentlich gelesen haben.

Einfach ausgedrückt: Ash ist ein äußerst stimmiges Buch.

Über viele andere Dinge könnten wir uns noch unterhalten: die Brillanz der Dialoge und Streitgespräche, der erstaunliche Lärm der Schlachten, die Glaubwürdigkeit fast aller Figuren in dieser riesigen Geschichte, jene seltenen Augenblicke, wenn Ash und ihre Gefährten so tun, als wäre alles nur ein Spiel, als müssten sie nur die Maschine, welche die Virtuelle Realität erzeugt, abschalten und nach Hause gehen, und fast möchte man glauben, dass niemand von ihnen sterben wird (ein Irrtum). Und natürlich Ash selbst, die ein äußerst hartes Leben führt und (im Unterschied zu einigen von Mary Gentles früheren Heldinnen) für das, was sie anderen antut, einen hohen Preis entrichtet, wieder und wieder. Sie mag zwar so etwas wie eine abenteuerliche Zeitreisende sein, aber das kommt ihr teuer zu stehen.

Und da ist noch mehr, weit mehr. (Ash ist auch ausgesprochen komisch.) Aber genug für den Augenblick. Kaufen Sie die vier Bände oder den einen Band. Setzen Sie sich in eine stille Ecke. Schlagen sie das Buch auf. Und halten Sie sich fest.

Erstveröffentlichung im Internetmagazin SCIENCE FICTION WEEKLY #165 am 19. Juni 2000
www.scifi.com/sfw/issue165/excess.html
© 2000/2002 by John Clute mit freundlicher Genehmigung des Autors • Übersetzung © 2003 by Hannes Riffel

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Originalausgabe
Mary Gentle, Ash
(London: Victor Gollancz, 2000)
lieferbare engl. Ausgabe
Mary Gentle, Ash
(London: Victor Gollancz, 2001)
dt. Erstausgabe
Mary Gentle, Der blaue Löwe (Band 1 von 4)
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003) [28338] Bestellen
Mary Gentle, Der Aufstieg Karthagos (Band 2 von 4)
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003) [28340] Bestellen
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28.08.10 • 02.09.10