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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Ronald M. Hahn

Anschlag auf die Götter

Science Fiction | Stories & Romane
Als der Zynische Routinier über die Stadt hinwegfliegt, fühlt er sich wie im Höhenrausch. Den entsetzlichen Gestank, der über den zyklopenhaften Türmen lastet, riecht er nicht. Er fühlt auch nicht das Kratzen der pestgeschwängerten Luft, die sich knirschend an der schützenden Hülle reibt, denn das Kraftfeld, das ihn schweben läßt, ist stark genug, um alles Störende fernzuhalten.
   Der Zynische Routinier ist groß, schwarzhaarig und stark, aber dies ist nur eine Maske, die er für den heutigen Abend angelegt hat. Er fühlt sich wie ein zum Angriff übergehender Hai, und in gewissem Sinne ist er es auch. Er atmet gesunde, würzige Luft, bläst den kraftstotzenden Oberkörper auf und nickt den schillernden Lichtkaskaden zu, die die Stadt mit bunten Strahlen überschütten.
   Unter ihm - und dessen ist er sich in jeder Sekunde seines Daseins bewußt - liegt die Hölle, die jeden wie ihn vernichten muß. Die Luft der Stadtmenschen besteht zu einem dermaßen hohen Teil aus Stickstoff und Abgasen, daß er ohne Kraftfeld auf der Stelle ersticken würde.
   Und dennoch liebt er diesen Stadtmoloch. Er lauscht seinem Pulsieren, ertastet das Leben, empfindet eine fast schmerzhafte sexuelle Erregung und malt sich aus, was ihm die Nacht wohl bescheren wird. Erinnerungen drängen sich auf. Er denkt an das Hurenrudel, das ihm auf der letzten Orgie des Größten Aller Bluffer die Stunden versüßt, und an Kay, die ihn verlassen hat. Sie hat eh nie zu ihm gepaßt.
   Die Türme werden höher. Die Lichter verdichten sich. Der Zynische Routinier durchstößt die Schicht der städtischen Gasablagerungen, hält auf die weit ausladende Landeplattform des Multimedia-Glasturms zu und winkt den Leuten zu, die unter ihm gerade in den Lift steigen, der sie hinunter bringt. Das Gebrodel der Straßen liegt so tief unter ihm, daß er es nur anhand des grellen Lichtgeflackers wahrnehmen kann.
   Millionen gesichtsloser kleiner Käfer bevölkern das Unten; schmutzige kleine Wesen auf zwei Beinen; Wichte mit unreiner Haut und Plattfüßen. Der Zynische Routinier kennt eine Menge Leute, die sich bei der Vorstellung, zu ihnen hinabsteigen zu müssen, vor Entsetzen schütteln würden.
   So niedrig wie ihr Dasein, denkt er leidenschaftslos, ist auch ihr Geist. Sie sind tückisch, gemein und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Fressen, Ficken, Fernsehen ist ihr Leben. Die Segnungen der Zivilisation sind viel zu schade für sie. Sie wollen das genaue Gegenteil dessen, was wir ihnen geben könnten: Die tiefstmögliche Form von Sex, Crime, Action und Horror. Und Gewalt, Gewalt, GEWALT.
   Nur mit starkem Unbehagen wagt er sich auszumalen, was passieren würde, wenn sein Kraftfeld nun versagte und er sich gezwungen sähe, in die Untiefe hinabzusinken.
   Die Landeplattform des sich zwei Kilometer in den Himmel hochschraubenden Glasturms ist rundum mit Prallfeldern versehen, die den in dieser Höhe herrschenden Wind abhalten. Der Zynische Routinier landet ohne Schwierigkeiten, nähert sich einem goldbetreßten Lakaien-Clone und läßt sich zur Liftkabine führen. Wohlige Wärme streichelt seine Haut, als er das Kraftfeld abschaltet. Im Lift duftet es nach Savoir Vivre. Dezente Musik hüllt ihn ein, als die Tür sich schließt und der Aufzug ihn zwei Stockwerke tiefer trägt.
   In der Violetten Halle wimmelt es von Leben. Anwesend ist alles, was in den Medien Rang und Namen hat. Man ist gekommen, um letzte Unklarheiten auszuräumen, einen netten Abend zu erleben, oder einfach deswegen, weil man beschlossen hat, dem isolierten Dasein am Terminal für ein paar Stunden zu entfliehen.
   Die Feste, die Multimedia inszeniert, sind beliebt. Hier kann man Kontakte knüpfen, Freundschaften vertiefen, sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, die besten stimulierenden Drogen schniefen oder sich über die Horden der Dilettanten lustig machen, die keine Gelegenheit auslassen, sich auf die Macher zu stürzen, um ihnen Betriebsgeheimnisse abzuschwatzen.
   Ja, sie sind alle da.
   Das Aufstrebende Jungtalent steht, umringt von einer Meute blondgelockter Groupies, im Mittelteil der Violetten Halle, in der Hand ein großes Schnapsglas. Die Groupies sind leicht geschürzt und tun alles, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine silberhaarige Endzwanzigerin mit spitzen Brüsten und herzförmigem Mund schiebt unentwegt die Zunge zwischen ihre roten Lippen, um dem Aufstrebenden Jungtalent zu signalisieren, daß sie es kaum noch erwarten kann, mit ihm allein zu sein.
   Der Zynische Routinier bleibt stehen und schaut sich um. Sein Blick fällt auf Redakteure und Rezensenten, Schwätzer und Schmarotzer, Kritiker und Scharlatane, Fließbandpoeten und Zornige Junge Männer, Literaten und Naive, Vermarkter und Verstörte, Revoluzzer und Abstauber.
   Inmitten einer Traube lauschender Anekdotensammler steht der Müde Alte Autor, dessen übermäßiger Alkoholkonsum nicht nur für das Zittern seiner Hände, sondern auch dafür verantwortlich ist, daß er kaum noch etwas Neues schafft. Aber er kann recht gut von den Wiederholungen leben. An einer der fünf Bars macht sich der Geschwätzige Regisseur zu schaffen. Er ist der einzige in der Szene, der genauso spricht wie er schreibt. Eine Lektorenbande, die nur wegen des Freibiers und der Mädchen gekommen ist, nimmt die Stirnwand der Halle ein.
   Der Zynische Routinier erkennt irgendwo zwischen ihnen den Angeblichen Kritiker, einen aufgeschossenen, stirnglatzigen, bebrillten Menschen, der für Journale schreibt, die gemeinhin kein Honorar zahlen, weswegen er auf die Gratiskassetten angewiesen ist, denn wenn er schon gratis rezensiert, will er wenigstens sie behalten dürfen. Der Angebliche Kritiker ist in erster Linie Sammler, und da er es sich nicht mit den Redaktionen verscherzen will, lobt er jede Neuerscheinung über den grünen Klee.
   Der Blick des Zynischen Routiniers hellt sich auf, als er den dumpf vor sich hinbrütenden Fatalistischen Star-Rechercheur erkennt, der ein Weinglas in der Hand hält und sich zweifellos zum xten Mal fragt, wie er es schaffen soll, dem Branchenstreß und seinen hohen Schulden zu entkommen und den seit Jahren projektierten Roman des Jahrzehnts fertigzustellen. Der Zynische Routinier und der Fatalistische Star-Rechercheur sind verwandte Seelen, auch wenn beide sich nie darüber klar geworden sind, ob der jeweils andere davon weiß. Der Fatalistische Star-Rechercheur vermutet nicht nur hinter jeder Branchenneuerung einen gezielten Anschlag auf seine Existenz, sondern tendiert auch immer stärker zu der Ansicht, der Zynische Routinier habe bei ihrer Durchsetzung die Hand im Spiel. Der Fatalistische Star-Rechercheur ist im Laufe der Zeit etwas sonderbar geworden. Er achtet peinlichst auf den Erhalt seiner Gesundheit und macht manchmal einen ausgesprochen bissigen Eindruck.
   Der Zynische Routinier und der Fatalistische Star-Rechercheur haben jedoch eins gemeinsam: Den deutlich verächtlichen Blick, mit dem sie auf jenen Teil der momentanen Akademikergeneration herabsehen, der in todtrauriger Selbstzerrissenheit eingebildete Wehwehchen pflegt und tiefsinnige Gespräche über das »System« führt, das schuld daran ist, daß man nächtens mit Herzklabastern aufwacht und den eigenen Tod nahen sieht - angesichts dessen es natürlich völlig unsinnig ist, für die Zukunft zu planen.
   Der Fatalistische Star-Rechercheur und der Zynische Routinier begrüßen sich mit einem kollegialen Zähnefletschen und stoßen miteinander an. Sie verstehen sich auch ohne viele Worte. Sie haben gerade in stummem Einvernehmen das erste Glas geleert, als der Inkompetente Macher die Halle betritt: Ein Mann in der Blüte seiner Jahre, eine magere Gestalt mit schiefen Zähnen, dem Anflug eines Bartes, und einer Nickelbrille, die veranschaulichen soll, daß er sich den Intellektuellen zugehörig fühlt, sofern sie politisch nicht links von ihm stehen.
   Der Inkompetente Macher hat, wie er stolz zum besten gibt, wieder einen unbedarften Provinsender aufgetan, der sich davon hat beeindrucken lassen, daß er für die größte rechtsstehende Bildschirm-Wochenzeitung schreibt. Der Inkompetente Macher verspricht jedem, dem er Produktionsaufträge abschwatzt, absatzfördernde Besprechungen in seiner Kolumne (nicht etwa der eigenen Produkte; das wäre unfein und würde ihn in den Ruch der Korruption bringen). Inkompetent ist er deswegen, weil er selten jemanden findet, der ihn mehr als ein Projekt realisieren läßt, denn seine zahllosen Sendungen verkaufen sich schlecht, und böse Zungen behaupten, ihre Sehbeteiligung sei geringer als die Zahl seiner Mitarbeiter. Dennoch hält er sich für den Experten. Die meisten der in seinen zusammengeschluderten Shows vertretenen Autoren bestätigen außerdem, daß er über das Talent verfügt, aus allen vorgeschlagenen Themen grundsätzlich die Uninteressantesten herauszupicken. Bei Multimedia steht er eigentlich auf der Schwarzen Liste, was ihn aber nicht abhält, weiterhin auf allen Festen zu erscheinen.
   Der Inkompetente Macher ist nicht sehr beliebt, aber er merkt es nicht, denn er ist ein Dummkopf sondergleichen und wird nur von jenen unterstützt, die in naiver Einfalt glauben, sie könnten ihn korrumpieren. Obwohl er keine Einladung erhalten hat, mischt er sich dreist unter die Anwesenden, woraufhin jene Redakteure, die über einen Rest an Charakter verfügen, scharenweise allzu menschliche Bedürfnisse vortäuschen. Niemand kann das beckmesserische Geschwätz des Inkompetenten Machers über längere Zeit ertragen, und leider sind die, die zur Flucht ansetzen, zu gut erzogen, ihm dies mitzuteilen. Dem Inkompetenten Macher macht dies nicht das geringste aus. Im Moment wird er von einer Gruppe Sogenannter Junger Talente umschwärmt, die endlich eine Chance sehen, die Schubladen mit ihren nach Grab riechenden Ladenhütern auszuleeren.
   Der Fatalistische Star-Rechercheur und der Zynische Routinier sehen einander an und fragen sich, was sie auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten verloren haben. Sie fragen sich weiterhin, ob es keine bessere Möglichkeit gibt, den Abend zu verbringen, zumal wirklich Arbeit auf sie wartet. Sie halten nicht viel von aufgeplusterten Schwätzern. Aber da sind ja noch das Freibier und die hübschen Mädchen mit den knackigen Ärschen, und das ist ja immerhin auch etwas.
   Als der Zynische Routinier den Angeblichen Kritiker um die Redakteure herumscharwenzeln sieht, dreht sich ihm der Magen um. Der Größte Aller Bluffer, der eine Gruppe Erst Kurz Dazugehörender Schmeichler mit Anekdoten unterhält, die aus dem Erinnerungsfundus anderer Leute stammen, läßt sich vom Frechen Dilettanten, dem Nie Etwas Zu Ende Schreibenden Möchtegern und dem Absoluten Spinner bewundern.
   Der Gutmütige Redakteur sieht sich mit dem Ewigen Planer konfrontiert, der mit einem Stapel teefleckiger Treatments unter seiner Nase herumfuchtelt und ihm beizubringen versucht, daß er mit seiner neuen Serienidee den Genossen Trend diesmal aber ganz bestimmt auf seiner Seite hat. Der Gutmütige Redakteur ist zu wohlerzogen, um mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und LECK MICH AM ARSCH, DU IDIOT! zu sagen. Deswegen läßt gibt jedem eine Chance, der ihm nicht von der Pelle weicht. Weil er aufgrund seiner Wohlerzogenheit nicht Nein sagen kann, läßt er sich das Programm verwässern, obwohl er, wenn er nur wollte, Alle Wirklich Guten Leute haben könnte. Doch leider sind auch diese zu gut erzogen, um ihm angesichts der Bedrängnis, in der er schwebt, auch noch auf den Geist zu gehen.
   Der Ewige Planer, der mit einem seine Unsicherheit überspielenden Lächeln auf ihn einredet (natürlich merkt er selbst, daß der Gutmütige Redakteur am liebsten LECK MICH AM ARSCH, DU IDIOT! sagen würde; was er aber ignorieren muß, schließlich will eine Idee verkaufen), ist ein lockiger Berufsjugendlicher, der die Welt voll durchschaut hat, ohne sich freilich darüber im klaren zu sein, daß auch er zu denen gehört, die man am liebsten beim Rentierzüchten in Lappland weiß.
   Der Geschwätzige Regisseur steht mit dem Sich Selbst Anpreisenden Scharlatan am Fenster und kriegt von diesem ein Fett, das sich gewaschen hat, denn wenn der Sich Selbst Anpreisende Scharlatan etwas nicht leiden kann, sind es Menschen, die noch geschwätziger sind als er selbst. Zwischen den Sogenannten Jungtalenten schwirrt auch der Neurotische Gschaftlhuber herum; ein Fisch in allen Wassern, der alles, was in seiner Umgebung geredet wird, aufsaugt wie ein Schwamm und sich eifrig geistige Notizen macht. Der Neurotische Gschaftlhuber macht alles, was ihn der ersten Million näherbringt, nur darf sein Name nicht auf dem Zeug stehen, das er kreiert, schließlich hat man ja eine humanistische Bildung.
   Der Neurotische Gschaftlhuber ist der ultimate Informationsverwerter. Keiner ist so schnell, so fleißig und so diszipliniert wie er, und sein anderes Talent besteht darin, daß er es auf geradezu wunderbare Weise versteht, die eigene Tätigkeit vor dem Rest der Welt zu verbergen. Nicht einmal seine engsten Bekannten wissen, für welche Redaktion er arbeitet. Vom Neurotischen Gschaftlhuber weiß man nur, daß er etwas macht, denn er will seine Märkte nicht mit anderen teilen. Wenn das Gespräch auf seine Projekte kommt, wird er stumm wie ein Fisch und zum Weltmeister des Ablenkens. Seine Quellen behält er für sich; da ist er absolut eisern.
   Das Aufstrebende Jungtalent flegelt sich in einem Sessel herum und gibt den Anwesenden mit trunkenem Blick zu verstehen, daß es kurz vor dem nächsten Ausklinken steht. Das Aufstrebende Jungtalent ist ein Genie, niemand weiß es besser als der Zynische Routinier, und das gleiche gilt auch für den Fatalistischen Star-Rechercheur, der jedermann mit Inbrunst haßt, der sich seinem Niveau annähert.
   Unheimlich sind beiden in letzter Zeit die Anwandlungen, die das Aufstrebende Jungtalent an den Tag legt. Der Erfolg, so schaut es aus, ist ihm zu Kopf gestiegen. Da das Auftrebende Jungtalent in seinem Leben noch keine Zeile Abfall produziert, doch im privaten Bereich mit allerlei schwerwiegenden Problemen zu kämpfen hat (es kann sein Geld weder zusammenhalten, noch ist es fähig, sich aus den Kreisen seiner nicht gerade sauberen Vergangenheit zu lösen), die niemand genau durchschaut, trifft man es bei gesellschaftlichen Ereignissen meist im Rauschzustand an. Dabei kann es sich als erschreckend maßlos erweisen, denn es macht erst halt, wenn es zusammenbricht.
   Den Zynischen Routinier erschreckt dies mehr und mehr, und er bildet sich sogar ein, letzthin im Gesicht des Aufstrebenden Jungtalents einen gierigen, auf den eigenen Vorteil bedachten Ausdruck bemerkt zu haben, der dem des Neurotischen Gschaftlhubers nicht unähnlich ist.
   Als ein Lakaien-Clone am Zynischen Routinier vorbeigeht, versorgt dieser sich mit einem neuen Glas, steht auf, nickt dem Fatalistischen Star-Rechercheur zu, der immer noch darüber nachdenkt, ob er gehen und arbeiten oder sich sinnlos besaufen soll, und schlendert zwischen den in Grüppchen herumstehenden Menschen dahin. Er wirft einen gelangweilten Blick auf die teuren Möbel und die den Boden bedeckenden Teppiche und wendet sich dem Fenster zu, das die gesamte Halle halbkreisförmig umgibt.
   Draußen hängen schwere Schmutzwolken in der Luft. Sie lassen das Licht aus der Untiefe nur schemenhaft und verzerrt heraufdringen. Der Lärm, der auf der Bodenebene zweihundert Phon erreicht, wäre selbst in dieser Höhe noch zu vernehmen, hätten die starken Prallfelder des Großen Glasturms ihn nicht gemildert. Der Zynische Routinier prostet höhnisch dem Neurotischen Gschaftlhuber zu, der sich einer Gruppe zugesellt hat, die offenbar ein interessantes Thema bespricht, denn seine Ohren haben das Format mittlerer Satellitenschüsseln angenommen.
   Multimedia hat an nichts gespart. Zweihundertachtzig Gäste sind der Einladung gefolgt, und wenn man die Schmarotzer mitzählt, denen es immer wieder gelingt, sich Zutritt zu Festlichkeiten zu verschaffen, mögen es mindestens dreihundertfünfzig Leute sein, die sich hier versammelt haben. Zu seiner Überraschung entdeckt der Zynische Routinier Kay inmitten des Menschengewimmels. Sie unterhält sich mit zwei hartgesichtigen, pomadisierten Burschen, von denen man weiß, daß sie zu den Rausschmeißern gehören. Während sie mit Kay sprechen, schleichen ihre Blicke umher, als suchten sie etwas. Die Art, wie sie sich bewegt - dies wird dem Zynischen Routinier mit Erschrecken bewußt -, hat etwas seltsam Andersartiges.
   Er schüttelt den Kopf und fragt sich, ob sie gekommen ist, um es ihm heimzuzahlen, doch als eine andere Frau seine Aufmerksamkeit erregt, verliert er sie aus dem Blick. Irgendein sonnenbrauner Schmarotzer in strahlend weißer Kleidung knufft den Zynischen Routinier vertraulich in die Seite und sagt: »He, kennen Sie mich nicht mehr? Ich war doch mal Ihr größter Feind.«
   »Was Sie nicht sagen«, sagte der Zynische Routinier und deutete mit dem Kopf auf den einsamen Fatalistischen Star-Rechercheur. »Ich glaube, Sie verwechseln mich mit diesem Herrn da. Er scheint die meisten Idioten zu kennen, die sich für seine Feinde halten.«
   Der Schmarotzer wirkt etwas irritiert, denn er weiß nicht, ob er sich zu den erwähnten Idioten zählen soll. Auf alle Fälle schluckt er erst einmal, schaut sich den Fatalistischen Star-Rechercheur genauer an und meint dann: »Verdammt, Sie haben recht. Diesen Burschen habe ich wie die Pest gehaßt. Wie konnte ich Sie nur mit ihm verwechseln?«
   Der Zynische Routinier grunzt. Der Schmarotzer zischt ab und bewegt sich auf den Fatalistischen Star-Rechercheur zu, der fragend aufschaut und an seinem Weinglas nippt.
   Der Zynische Routinier bahnt sich eine Gasse. Sein Blick fällt auf eine dekadente Schönheit mit geschwungenen Wimpern, hellblauen Augen, schlanken Beinen und einem goldfarbenen Fetzen, der ihre Brüste freiläßt. Der Inkompetente Macher, der offenbar auch ein Auge auf sie geworfen hat, versucht sich einen Weg durch die Umstehenden zu bahnen, aber niemand läßt ihn heran. Der Angebliche Kritiker, von dem der Zynische Routinier weiß, daß er die größte Pornosammlung des Kontinents hat, dringt schließlich zu der Schönheit durch. Er reicht ihr einen Drink und deutet eine Verbeugung an.
   Der Zynische Routinier hört ihn »Gestatten Sie?« sagen. Die Frau mustert ihn. Ihr Blick sagt nichts. Sie scheint sich weder erheitert noch provoziert zu fühlen. Abschätzend gleitet ihr Blick über die Maske des Angeblichen Kritikers.
   Auftritt Kay. Sie kommt aus der Tiefe des Raumes, und man macht ihr bereitwillig Platz. Irgendwie hat der Zynische Routinier den Eindruck, daß sie die einzige ist, die nicht in diesen Laden paßt. Sie ist so schlicht, so kühl, so unberechnend. Und doch ist sie hier, inmitten der Maskierten und Haie. Als sie vor ihm steht, spürt er, daß sein Kragen enger wird. Ihr Blick ist nicht zu ertragen. Sie weiß als einzige, wie es um ihn steht, und wenn sie wollte, könnte sie ihn in die Pfanne hauen. Sie ist die einzige, die von seinem BLOCK weiß, doch obwohl sie Kontakt zu den höchsten Etagen von Multimeadia hat, schweigt sie über seine peinliche Behinderung.
   Kay, die Gute. Kay, die Wahre. Kay, die ihn nie hat hängenlassen. Sogar seinen kranken Humor hat sie zehn Jahre lang ertragen, und seit sie das Lager gewechselt hat und mit der Namenlosen Körperschaft schläft, der die Aktienmajorität von Multimedia gehört, hat sie keinen Versuch gemacht, ihm zu schaden. Man muß ihr dankbar sein.
   Der Zynische Routinier verbeugt sich, als Kay auf ihn zutritt. Er überhört das Raunen der Umstehenden, die sehr wohl wissen, daß sie damit ein großes Wagnis auf sich nimmt. Die Namenlose Körperschaft ist zwar nicht anwesend - das ist sie nie -, doch sie verfügt über genügend Spitzel, die ihr über jeden von Kays Schritten Auskunft geben.
   Kay hat Mut.
   »Hei«, sagt sie, auf jene typische Art, wie man sie aus den Multimedia-Holos kennt. »Du hier?«
   Der Zynische Routinier räuspert sich.
   »Ja.«
   Kay sucht seinen Blick.
   »Und sonst?«
   »Kann nicht klagen.«
   »Wirklich nicht?«
   »Nein.«
   »Du bist nicht sehr gesprächig.« Ihre blauen Augen funkeln leicht vorwurfsvoll.
   »Bitte, Kay...« Der Zynische Routinier ist nahe daran, seine Maske zu verlieren. Er spürt, daß es unter ihr ruckt und zuckt. Er freut sich zwar, daß sie den Mut hat, mit ihm zu reden, doch er sorgt sich - es ist kaum zu glauben - um ihre Zukunft. Es ist zum Lachen. Aber auch erschreckend.
   Was soll dieser Rückfall? Hat er sich nicht fest vorgenommen, nie wieder Mr. Nice Guy zu sein? Hat er sich nicht geschworen, daß nach ihm zunächst er selbst kommen soll? Hat er nicht... Hat er nicht... Ja, er hat. Doch nun... Es fällt ihm einfach schwer, Konversation zu machen. Was soll er sagen? Daß er Angst um sie hat, daß sie bei der Namenlosen Körperschaft in Ungnade fällt? Unmöglich!
   Als Kay seine Unsicherheit bemerkt, wechselt sie das Nicht-Thema und fragt, was er sonst so macht.
   Der Zynische Routinier atmet heimlich auf. Er ist wieder in seinem Element, er berichtet von dem Großen Projekt; dem letzten, das er abgeliefert hat, bevor der BLOCK ihn über Nacht erwischt hat. Ein Projekt, das dem Volk das bietet, was es haben will: die haarsträubenden Abenteuer knallharter junger Männer, die sich mittels implantierter Biochips aus geheimen Datenbanken geheime Informationen verschaffen, falls sie nicht gerade - mit langen Trenchcoats angetan und großkalibrige Pump-Guns schwingend - in verregneten Nächten durch das Labyrinth des Ballungsgebiets irren, um im Auftrag mysteriöser Organisationen das zu erledigen, wozu die Polizei seit Jahrzehnten nicht mehr fähig ist: Es geht um den Kampf gegen die Herren des Morgengrauens, die Betreiber des Planeten - gegen Honorar, versteht sich, denn im Gegensatz zu ihren Altvorderen haben die jungen Männer nicht mehr die Illusion, die Welt könne sich durch Idealismus zum Besseren wenden.
   Sind sie dem Zynischen Routinier nicht irgendwie ähnlich? Auch sie kämpfen für nichts. Sie schlagen sich nur durch und vermieten ihr Talent an den Meistbietenden. Kann man ihnen einen Vorwurf machen, daß sie versuchen, sich einen Teil des Kuchens zu sichern? Natürlich haben auch sie eine Art Ehre, aber wäre verfehlt, ihnen Engagement zu unterstellen. Sie wollen nur irgendwie am Leben bleiben.
   Als der Zynische Routinier Kay wortgewandt schildert, wie die einzelnen Folgen ablaufen, sieht er Abscheu in ihrem Blick, und ihn beschleicht das vage Gefühl, daß sie ihn verachtet. Früher, denkt er, hast du mir pausenlos in den Ohren gelegen, daß ich etwas Massenwirksames machen soll, und jetzt, wo ich's tue, ist es dir auch nicht recht.
   »Ich bin enttäuscht«, fällt Kay ihm ins Wort, »über den Verrat an deinen Prinzipien.«
   »Ich weiß«, sagt der Zynische Routinier und nickt. »Aber im Leben jedes Menschen kommt irgendwann der Tag, an dem er sich entscheiden muß, ob er künftig vor oder hinter der Theke stehen will.« Er denkt an die Namenlose Körperschaft, die Kay gegenwärtig beschläft. Die Parallele zwischen seinem und ihrem Leben wird noch deutlicher. Irgendwie, er weiß es längst, haben sie sich beide verkauft. Es steht ihr nicht zu, sich ein Urteil über ihn anzumaßen.
   »Es steht dir nicht zu, dir ein Urteil über mich anzumaßen«, sagt er.
   Kay lächelt. Hat verstanden. Sie wirkt ein wenig hilflos, als sie erwidert: »Ich habe dich immer für den letzten der Aufrechten gehalten... Es tut weh, den Helden dabei zuzusehen, wenn sie müde werden...«
   Ich habe mir zwanzig Jahre lang den Arsch aufgerissen, denkt der Zynische Routinier, um den Leuten etwas zu geben, worüber sie nachdenken können. Doch was hat es mir gebracht? Nichts. Einen Scheißdreck. Wer bin ich, daß ich, bloß damit du dich rühmen kannst, einen echten altmodischen Politnik zu kennen, bis an den Grabesrand Wasser saufe, während ihr alle in Champagner badet? Er ist in diesem Moment sauer auf sie; so sauer wie noch nie. Was bildet sie sich eigentlich ein, verdammt noch mal? Was...?
   Die Maske mühsam aufrechthaltend erkundigt er sich nach ihrem Wohlbefinden, doch als sie antworten will, fängt es in seinen Ohren an zu rauschen.
   Kay öffnet den Mund. Sie will etwas sagen. Doch im gleichen Augenblick ertönt ein Knall, der sämtlichen Anwesenden mit ungestümer Kraft die Worte von den Lippen reißt.
   Ein Sturmwind erfaßt die Gäste und fegt sie zur Seite.
   Das Klirren von Glas deutet an, daß sich eine Katastrophe ereignet. Sekunden später überschüttet ein Scherbenregen die verschreckten Menschen.
   Der Zynische Routinier hört jemanden aufschreien und greift instinktiv nach dem Aktivator seines Kraftfeldes. Das Feld hakt. Rauch steigt vor seinen Augen auf. Er hört viele Schreie, stößt gegen etwas Weiches und fällt zusammen mit einer Frau zu Boden, die neben ihm steht. Knirschend baut sich sein Kraftfeld auf. Die Decke der Violetten Halle fängt an zu knirschen. Putzbrocken fallen herab. Ein Wind, der in seinen Ausmaßen kaum schrecklicher sein kann als ein Orkan, jagt durch die Halle, erfaßt die Gäste und wirbelt sie vor sich her.
   Das Rundfenster! denkt der Zynische Routinier und reibt sich den Dreck aus dem Gesicht. Es ist geborsten! Die Luft wird uns alle umbringen!
   Als er aufspringt, klammert sich die Frau an ihn. Kay ist weg, und mit ihr die hartgesichtigen jungen Burschen. Vereinzelt blinkende Lichter zeigen, daß offenbar nicht alle Gäste der Explosion zum Opfer gefallen sind. Der Inkompetente Macher wälzt sich stöhnend in einem Meer aus Scherben. Die Zahl der Blondinen hat merklich abgenommen, und der Zynische Routinier zweifelt nicht daran, daß die Druckwelle sie ins Schwarze Nichts hinausgeblasen hat.
   »Was...« murmelt er. Seine Augen sind von einem schmierigen Film bedeckt. Er empfindet eine nie gekannte Angst und fragt sich, ob die Explosion die Folge eines Unfalls oder eines Anschlags ist.
   Trotz des heulenden Windes kommt er wieder auf die Beine. Er hält sich an der Lehne eines umgestürzten, mit Glasscherben bedeckten Sofas fest und schaut benommen in die Runde. Es sieht aus, als wäre in der Halle eine Bombe hochgegangen. Die Explosion hat die Möbel verrückt, neun Zehntel der Anwesenden durch das geborstene Fenster geschleudert und den größten Teil der anderen getötet. Der Sich Selbst Anpreisende Scharlatan zuckt, dann brechen seine Augen. Der Fatalistische Star-Rechercheur ist nirgendwo zu sehen. Hier und da erheben sich Verletzte mit angesengten Kleidern aus dem Chaos. Sie husten, stöhnen und schreien um Hilfe. Eine nackte Frau, nicht bei Sinnen, tritt an den gähnenden Abgrund heran und schreit einen Namen. Der Wind packt sie und reißt sie kopfüber in die Tiefe.
   Die Nerven des Zynische Routiniers beben, und er stellt fest, daß die Szenerie der Stadt sich drastisch verändert hat. Die Lichter sind erloschen; der Moloch, der sich über tausend Quadratkilometer ausbreitet, liegt wie ein waidwundes Tier da. Der Lärm ist verstummt, doch er glaubt aus der Tiefe ein unheildrohendes Geschrei aufsteigen zu hören.
   »Wo... Was...« sagt die Frau, die sich unter seinem Kraftfeld befindet. »Warum ist es so dunkel hier?«
   »Beruhigen Sie sich«, sagt der Zynische Routinier und stellt aufatmend fest, daß der Fatalistische Star-Rechercheur mit dem Leben davongekommen ist. »Sie haben es überlebt.« Er mustert die Gesichter der Unverletzten. Der Inkompetente Macher hat Schnittwunden. Der Neurotische Gschaftlhuber sitzt totenbleich und mit zitterndem Kinn auf dem Boden. Ein Schmarotzer, den der Zynische Routinier nicht näher kennt, zieht sich auf ein zerfetztes Sofa und stöhnt.
   Er blutet an der Stirn. Zwei Männer (in einem erkennt er den Geschwätzigen Regisseur), die offenbar in einem toten Winkel gestanden haben, da ihre Kleidung unbeschädigt wirkt, taumeln auf ihn zu. Am Ende der Halle wankt eine Frau herum, die offenbar nicht weiß, was geschehen ist. Zwei brünette Groupies sitzen auf einer Couch und versuchen groteskerweise ihre Blößen zu bedecken, denn die Druckwelle hat ihnen die Kleider vom Leib gerissen. Es sind noch über ein Dutzend andere Leute da, die mit ähnlichen Problemen kämpfen.
   Der Zynische Routinier spürt, daß seine Maske erhalten geblieben ist und atmet auf. Es wäre ihm sehr unangenehm, wenn jemand sein wahres Gesicht sehen würde.
   »Das verstehe ich nicht«, sagte der bleiche Schmarotzer vor sich hin. »Wie konnte das nur passieren? Ich meine... Multimedia wird doch stark bewacht, oder?«
   Der Fatalistische Star-Rechercheur lacht. Der Zynische Routinier hilft der Frau hoch, die sich an seine Beine klammert, und zieht sie an sich. Das Kraftfeld ist zu eng, als daß sie sich beide ungehindert bewegen könnten.
   »Wir müssen hier raus«, sagt er. »Raus aus der Stadt.«
   »Warum?« fragt der bleiche Schmarotzer.
   Der Zynische Routinier deutet auf die fensterlose Schwärze. »Sehen Sie es nicht? Die Lichter sind aus.«
   Die Umstehenden folgen seinem Blick. Ihr Schock ist beträchtlich. Der Geschwätzige Regisseur hat plötzlich Schaum vor dem Mund und sucht sabbernd den Ausgang. Ein paar Leute folgen ihm. Der Größte Aller Bluffer verliert die Balance, schwankt und fällt gegen das Kraftfeld des Inkompetenten Machers. Knisternd entladen sich ihre Speicher. Die sie umgebenden Lichtschemen flammen bläulich auf und erlöschen. Der Inkompetente Macher schreit auf. Den Heimflug können sie vergessen.
   Die beiden Groupies kümmern sich inzwischen um einen wimmernden Verletzten. Als der Zynische Routinier, die fremde Frau an sich pressend, zu ihnen hinübergeht, stellt er fest, daß sie weniger um das Wohlergehen des Mannes besorgt sind als um das eigene: Sie sind im Begriff, ihn seines Kraftfeldgürtels zu berauben.
   Der Zynische Routinier sagt nichts. Die Frau, die eben noch ziellos umhergewankt ist, kniet ebenfalls am Boden und macht sich am Gürtel eines Toten zu schaffen. Den Inkompetenten Macher und den Größten Aller Bluffer bringt dies ebenfalls auf eine Idee.
   »Wer sind Sie überhaupt?« fragt die Frau unter seinem Kraftfeld und reißt sich von ihm los. »Nehmen Sie gefälligst die Hände weg!«
   Der Zynische Routinier spürt, daß sich in seinem Magen die Wut zusammenballt, aber er reagiert spontan und seinem Image getreu. Er schaltet das Kraftfeld eine Sekunde ab, sagt »Bitteschön«, und gibt ihr einen Schubs, der sie zwei Meter weit fliegen läßt. Sie zischt ihn wütend an, spürt die Kälte und den an ihren Haaren zerrenden Wind und fragt, sich krümmend: »War es ein Anschlag?«
   »Schon möglich«, sagt der Zynische Routinier. Er wirft ihr einen Blick zu. Ihre Maske ist leicht verrutscht. Sie hat Schwierigkeiten, aus den Augenschlitzen ihrer hübschen Larve zu sehen. Ihre Lippenbewegungen stimmen nicht mit ihren Worten überein.
   »Ich verschwinde jetzt«, sagt er. »Sehen Sie zu, wie Sie mit der Situation fertig werden.«
   Ein schneller Knopfdruck schirmt ihn von der staubigen Außenwelt ab. Das Kraftfeld verleiht ihm neue Standfestigkeit. Einige Überlebende versuchen inzwischen unter Führung des Geschwätzigen Regisseurs die Liftkabine zu öffnen. Sie haben kein Glück, denn das Licht, das anzeigt, daß der Schacht in Betrieb ist, ist erloschen. Es sieht so aus, als sei der Strom ausgefallen.
   Der Rest der Stadt liegt in finsterem Schweigen da. Der Zynische Routinier läßt die anderen hinter sich, geht mit dem Fatalistischen Star-Rechercheur an den Rand der großen Leere und riskiert einen Blick in die Tiefe. Ihn schwindelt.
   Nirgendwo ein Lichtfunke, der aus elektrisch gespeisten Quellen käme. Das da und dort heraufscheinende Geflacker deutet an, daß die Stadtmenschen sich mit Fackeln versorgt haben. Sie bewegen sich am Boden der riesigen Beton- und Glasklüfte dahin und werden immer zahlreicher.
   »Wir sind im Arsch, Alter«, sagt der Fatalistische Star-Rechercheur. »Jetzt beißen uns die Hunde. Ich hab's ja immer kommen sehen. Schon damals, als wir noch jung und revolutionär waren...« Er zuckt die Achseln und macht eine wegwerfende Handbewegung. »Wem sag ich das? Schau dich um. Sieh dir an, wie sie jetzt herumrennen, die armen Idioten.«
   Der Zynische Routinier mustert den Fatalistischen Star-Rechercheur und sieht, daß dieser über kein Kraftfeld verfügt. Und er sieht noch etwas: Er trägt keine Maske. Er steht da, wie er leibt und lebt - ein schnauzbärtiger, kurzhaariger Mann in den mittleren Jahren. Er hat nicht einmal ein Kraftfeld.
   Die Violette Halle hat sich inzwischen geleert. Als der Zynische Routinier sich umdreht, entdeckt er eine offene Nottür. Und Kay, neben einem hochgewachsenen Mann, der Macht und Einfluß ausstrahlt. Sie wollen wohl siebenhundert Stockwerke über die Treppe nach Unten gehen.
   Sie sind völlig verrückt.
   Kay, die ihn nun auch entdeckt, schüttelt den Arm ihres Begleiters ab und hebt eine Hand, um dem Zynischen Routinier zuzuwinken.
   »Wo willst du hin?« fragte er und verflucht sich im gleichen Moment, weil er sich schon wieder Gedanken über einen Menschen macht, der ihn überhaupt nichts mehr angeht.
   »Runter«, sagte Kays Begleiter. »Die Treppe runter.«
   »Viel Glück«, sagt der Zynische Routinier.
   Kay stellt sie einander vor. Ihr Begleiter ist, wie sich herausstellt, die Namenlose Körperschaft, unter deren Dach sie lebt. Der Zynische Routinier mustert den Mann mit unverhohlenem Haß, die seine Maske jedoch ausgesprochen gut tarnt, und fragt sich, ob man ihm nach der Katastrophe etwas anhängen könnte, wenn er ihn sich nun schnappen und aus dem Rundfenster werfen würde. Kay wäre sicherlich nicht damit einverstanden.
   »Es war ein Attentat«, sagte die Namenlose Körperschaft bedächtig, als hätte man ihr eine Frage gestellt. »Wir haben eine Warnung erhalten, sie aber nicht ernst genug genommen.«
   »Wie schön«, sagt der Zynische Routinier. »Und wer war dafür verantwortlich?«
   »Die Revolutionäre Bewegung zur Befreiung des Jesuskindes«, sagt die Namenlose Körperschaft. »Man kennt sie auch unter dem Namen Die Jünger des Midas. Eine Bande von Terroristen, die aus Leuten besteht, die wirtschaftlich zu kurz gekommen sind.«
   Das Gesicht des Zynischen Routiniers ist ein einziges Fragezeichen.
   »Sie erpressen Konzerne«, sagte die Namenlose Körperschaft. »Weil der Kuchen, wie sie meinen, zu hundert Prozent verteilt ist und es für Menschen ihres Intellekts keine andere Möglichkeit gibt, zu dem zu kommen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.«
   Der Zynische Routinier grinst in sich hinein. Die Jünger des Midas... Irgendwo hat er diesen Namen schon mal gelesen. Jack London. Und wieder einmal zeigt sich, daß es für Phantasten nichts Schlimmeres gibt als den Einbruch der Realität in die Fiktion.
   »Wir gehen dann jetzt...« sagt Kay.
   »Tschüß«, sagt der Zynische Routinier.
   Kay und die Namenlose Körperschaft eilen ins Treppenhaus.
   Der Zynische Routinier winkt dem Fatalistischen Star-Rechercheur, der sich an der halbwegs intakten Bar ein Bier zapft, ein letztes Mal zu und schwingt sich in die Nacht hinaus.
   Das Kraftfeld flammt auf, umgibt ihn mit bläulichem Schein, läßt ihn wie eine Feder schweben und treibt ihn vom Multimedia-Glasturm fort, der bald zu einem finsteren Schemen wird, das auch die Sterne nicht erhellen können. Es ist nicht einfach, die Straßenzüge ohne Orientierungspunkt voneinander zu unterscheiden. Er hat den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sein Kraftfeld ziellos Energie verströmt und er rapide an Höhe verliert.
   Panik...
   Er fällt, sinkt in die Tiefe. Das Kraftfeld knistert und wird durchlässig. Das wenige Licht, das die schützende Hülle ausströmt, reicht gerade aus, ihm zu zeigen, daß der nächste Turm zwanzig Meter entfernt ist. Der Schein bricht sich in großen Fensterscheiben. Verzweifelte Menschen winken ihm zu. Sie scheinen eingesperrt zu sein.
   Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, denkt der Zynische Routinier. Ich kann nicht abstürzen. Ich werde sanft Unten aufsetzen und...
   »Oh, nein!« Er rudert verzweifelt mit den Armen, als ihm klar wird, daß nun genau das auf ihn zukommt, was er aus seinen Alpträumen kennt. Man kann Unten nicht leben, wenn man nicht an das dortige Leben angepaßt ist. Ich werde ersticken...
   Obwohl er alles unternimmt, um den Steuermechanismus in Gang zu bringen, zieht es ihn unbarmherzig in die Tiefe. Schon wird es heller. Überall brennen große Feuer. Er sieht deutlich, daß die Straßenschlucht von Menschen wimmelt. Er hat Angst - und das mit Recht -, denn er befürchtet, daß sie ihm etwas antun.
   Er weiß, daß sie Seinesgleichen nicht lieben - weil sie nicht über Kraftfelder, reine Luft, eisgekühlte Getränke, schicke Suiten, abgeschirmte Räume, Klimaanlagen, maßgeschneiderte Kleidung und Macht verfügen.
   Weil sie die Träume träumen müssen, die er und die anderen seit Generationen für sie erdenken; Träume einer wilden, aufregenden Existenz, als Ersatz für das, was sich nie realisieren läßt, weil sie eingesperrt sind in die Glas- und Betonburgen der Städte, die sie nicht verlassen können, weil man aus Umweltschutzgründen nicht jedem Hinz und Kunz eine Fahrerlizenz erteilen kann.
   Als seine Beine den Boden berühren und das Kraftfeld langsam erlischt, nimmt ihn niemand wahr. Die Menschen ziehen an ihm vorbei. Ihre Fackeln erhellen die Straßen, und sie singen und lachen.
   Sie singen ein Lied, das ihm deutlich macht, daß sie endlich - endlich - gewonnen haben.

© 2000 by Ronald M. Hahn
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Friedel Wahren (Hrsg.), Asimovs Science Fiction 55 (2000)


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Erstveröffentlichung in
Friedel Wahren (Hrsg.), Asimovs Science Fiction 55 (München: Heyne, 2000) [06/6355] Bestellen
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28.08.10 • 02.09.10