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Marcus Hammerschmitt

Polyplay

Originalausgabe • 2002

Science Fiction > Alien Contact | Buch-Tips
Mit der deutschen Einheit verbinden wir Erinnerungen an Montagsdemonstrationen, offene Grenzübergänge und Silvesterpartys auf der Berliner Mauer. Dass die Wiedervereinigung auch gewaltsam und unter anderen Vorzeichen hätte stattfinden können, zeigt uns Polyplay. Der Roman entwirft eine Alternativwelt, in der der Börsenkrach von 1987 zu einer Weltwirtschaftskrise und diese wiederum zum Zusammenbruch der BRD-Regierung führte. Die DDR entdeckte derweil eine revolutionäre Energiequelle, die dem Arbeiter- und Bauernstaat zur wirtschaftlichen und politischen Vorherrschaft in Europa verhalf. Aus der BRD wurde währenddessen ein Militärregime. Doch mit Hilfe der Nationalen Volksarmee gelang es, die Regierung der BRD zu entmachten, Deutschland unter Hans Modrow wiederzuvereinigen und einen »Aufbau West« anzukurbeln. Jetzt, da der Goldene Westen Geschichte ist, zeigt die Staatsführung ein menschlicheres Antlitz: Die Republikflucht wird legalisiert, alternative Kulturszenen gefördert, milde Kritik am Regime zugelassen und BRD-Nostalgie toleriert. Doch die DDR bleibt ein Staat, der den Menschen von klein auf indoktriniert und sich immer ausgefeiltere Bespitzelungsmethoden einfallen lässt.

Das bekommt auch Rüdiger Kramer, Oberleutnant der Volkspolizei, zu spüren, als er im April 2000 in einen Berliner Jugendclub gerufen wird. Die Leiche des 16-jährigen Michael Abusch liegt dort mit zertrümmertem Schädel vor einem Spielautomaten. Zu Lebzeiten war Michael von Polyplay besessen, einer uralten Sammlung simpler Computerspiele. Was ihn daran so faszinieren konnte, ist Kramer schleierhaft. Noch seltsamer erscheint ihm, dass auch die Stasi an dem Fall Interesse zeigt. Kramer nimmt die Ermittlungen auf und stößt schon bald auf allerlei Ungereimtheiten. Alles deutet darauf hin, dass mehr hinter dem Fall steckt, als der Tod eines Computerfreaks - besonders, als Kramer von seinen Vorgesetzte an weiteren Nachforschungen behindert wird.

Es mag befremdlich wirken, dass ein Buch über eine etwas andere DDR von einem Wessi geschrieben, von einem anderen Wessi lektoriert und in einem Westverlag herausgegeben wurde. Glücklicherweise hat jedoch Ekkehard Redlin - langjähriger Lektor und Herausgeber von Science Fiction in der DDR - das Originalmanuskript gelesen. So muss niemand befürchten, dass die DDR dieses Romans ausschließlich westdeutscher Phantasie entsprungen ist. Schwierigkeiten werden dagegen die unzähligen DDR-Begriffe bereiten, von denen nicht mehr alle bekannt sein dürften. Ein Glossar wäre sicherlich hilfreich gewesen.

Doch dies kann das Lesevergnügen nicht trüben. Schließlich findet sich in Polyplay alles, was schon Hammerschmitts Zensor auszeichnete: Geschichten vom (Über-)Leben im Überwachungsstaat, Protagonisten, die zwar Handlanger des Systems sind, dem Leser aber dennoch ans Herz wachsen, und eine ungemein spannende Handlung. Zudem erfährt man, dass auch dieses Land seine Wendehälse und Modernisierungsverlierer hervorbrachte: ehemalige Manager, die auch im Sozialismus ihr Auskommen haben, Massenarbeitslosigkeit und braune Hochburgen im Ruhrgebiet sowie frustrierte Altkommunisten, die feststellen müssen, dass das Land, das sie aufgebaut haben, Leute wie sie nicht mehr braucht. Darüber hinaus begegnen dem Leser einige Politiker und Schriftsteller unserer Welt, die auch in der DDR-Gesellschaft ihren Platz gefunden haben. Leider wird oft derart schnörkellos mit ihnen abgerechnet, dass der Eindruck entsteht, als befinde sich der Schriftsteller selbst geduckt hinter seinen Figuren.

Das Finale überrascht mit einer der unerwartetsten Pointen in der Geschichte der Science-Fiction-Literatur, die deshalb auch hier nicht verraten werden soll. Nur so viel: Der Schluss wird die Leserschaft spalten. Die einen werden entsetzt feststellen, dass das schwer entwirrbare Knäuel von merkwürdigen Hinweisen und falschen Fährten wie ein gordischer Knoten zerhauen wird. Die anderen werden darin ein hintergründiges Spiel mit der Realität sehen, das der Gattung Alternativweltromane eine neue Dimension verleiht und anmutet, als hätten Philip K. Dick und William Gibson dem Autor gemeinsam beim Schreiben assistiert.

Der Rezensent zählt sich zu letzteren.

• Gregor Jungheim • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Marcus Hammerschmitt, Polyplay
(Hamburg: Argument, 2002) [SF 5006] Bestellen
Titelbild von Rainer Schorm, großformatiges Paperback, 187 Seiten
Siehe auch
[Romanauszug] Marcus Hammerschmitt: Polyplay (2002)
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21.05.06 • 10.06.06