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Marcus Hammerschmitt

Harmagedon
Reinhold Messner überlebt den Dritten Weltkrieg

Shayol | Stories und Romane
Reinhold Messner, nicht verwandt, nicht verschwägert, kauft sich eine Insel bei Fünen. Er hofft, auf dem kleinen dänischen Eiland den Dritten Weltkrieg zu überleben, dessen Ausbruch er für 2012 erwartet. Messner baut sich ein besonderes Haus in der Form eines überdimensionalen Abfallcontainers, weil er glaubt, dass die rhomboide Form schädliche Auswirkungen der zu erwartenden Feindseligkeiten neutralisieren kann. Messner ist einmal Physiker gewesen, er weiß in solchen Dingen Bescheid. Er füllt den Container mit lebensnotwendigen Ressourcen und wartet den Tag ab, an dem die politische Lage den baldigen Ausbruch eines Krieges ankündigt.
   Eines schönen Morgens im Jahr 2012 erkennt Messner nach Lektüre der Zeitung, dass es soweit sein muss. Er beendet sein Frühstück ordnungsgemäß und tritt die Reise zu seiner dänischen Insel an, wo er den Wohncontainer wohlversorgt und unbeschädigt vorfindet. Er richtet sich häuslich ein und harrt der Dinge, die da kommen. Der Krieg bricht aus. Nach drei Tagen öffnet Messner seinen Container und findet den Himmel bedeckt von tiefvioletten Wolken. Hier und da ragen Säulen aus gleißendem Licht in den Himmel. Wo sie die violetten Wolken berühren, hoch droben, scheinen ungeheure Orkane zu toben, die aber keinen sichtbaren Einfluss auf niedrigere Luftschichten nehmen, geschweige denn auf Messner. Die Lichtsäulen scheinen zu wandern, und Messner nimmt sich vor, ihnen auszuweichen, so gut es geht.
   Bei einem Kontrollgang auf der Insel überzeugt er sich vom tadellosen Zustand aller Einrichtungen, die er für sein Überleben braucht. Messner hat vorgesorgt. Nicht nur seinen Wohnrhombus hat er den Erfordernissen eines lang anhaltenden Überlebenskampfes unter schwierigen Bedingungen angepasst, auch das Umfeld ist von ihm entsprechend gestaltet worden. Das kleine Labor, die Werkstatt, die Nutz- und Ziergärten, der Übungsplatz zur körperlichen Ertüchtigung, die Anlegestelle und die Boote selbst sind voll funktionsfähig. Bei Bedarf kann Messner seine Insel durch einen aufklappbaren Zaun aus rostfreiem Stahl in eine uneinnehmbare Festung verwandeln, auch die Steuerung dieses Mechanismus hat keinen Schaden genommen, wie er bei einem Test feststellen kann. Seine verschiedenen Waffen ruhen wohlgeordnet und –gewartet in ihren Behältnissen.
   Glücklicherweise verschwinden die Lichtsäulen nach und nach, der Himmel klärt sich, und die violetten Wolken geben nach ihrer Auflösung ein sattes Türkisgrün frei, das Messner ästhetisch ansprechend findet. Zwar ist die Sonne immer noch ein wenig blass und sieht aus, als sei sie in einen Topf warmer Milch gefallen, aber die Temperaturen sind so angenehm, dass Messner sich mit nacktem Oberkörper im Freien bewegen kann. Die Solarzellen erbringen nicht die übliche Leistung, aber Messner ist zufrieden, weil er damit gerechnet und für Überkapazitäten gesorgt hat. Nach einigen Tagen bestätigt sich Messners Vermutung, dass das Magnetfeld der Erde massiven Turbulenzen unterliegt. Zugvögel, denen nunmehr die Orientierung fehlt, fallen verwirrt vom Himmel. Einer davon trifft Messner im Nacken, während er sich den rechten Schuh zubindet. Anscheinend hat die Erdachse ihren Neigungswinkel zur Sonne verändert, wodurch die astronomischen Daten zu Sonnenauf- und -untergang, die Messner zur Verfügung stehen, obsolet geworden sind. Das Polarlicht ist nachts so hell, dass Messner ohne Kunstlicht Bücher lesen kann.
   Das Fehlen von Flugzeugen am Himmel und das Ausbleiben von Schiffen um seine Insel herum lassen Messner vermuten, dass sowohl der Luftverkehr als auch die Schifffahrt zum Erliegen gekommen sind. Einmal treibt eine große Autofähre langsam an seiner Insel vorbei, aber da sie mit dem Heck voran fährt und außerdem erhebliche Schlagseite hat, geht Messner davon aus, dass sie führerlos ist. Die Fähre verfehlt die Insel nur knapp, und Messner ist froh, dass es nicht zu Beschädigungen an der Küstenlinie gekommen ist. Der Vorfall gibt ihm zu denken. Er plant eine Reise nach Odense, der Hauptstadt von Fünen und drittgrößten dänischen Stadt überhaupt, um sich von der dortigen Lage ein Bild zu machen. Aber kann er seine Insel verlassen, während steuerlose Großfähren und anderes Treibgut die flachen Gewässer um sie herum unsicher machen? Er wartet ab. Im Verlauf von drei weiteren Tagen treibt jedoch nur ein weiteres Seefahrzeug an der Insel vorbei. Messner kann nicht genau erkennen, worum es sich handelt, aber aufgrund der Größe der Schiffsschrauben schließt er auf einen Fischkutter. Er kommt zu dem Schluss, dass er die Reise wagen kann, und sticht in See.
   Wie er feststellen muss, hat sich die Farbe des Wassers dauerhaft verändert. Mit einem durchsichtigen Becher nimmt er einige Proben. Zu seiner Verblüffung bleibt das Wasser tiefschwarz, ohne einen sichtbaren Bodensatz auszufällen. Der Geruch der Flüssigkeit tendiert zum Metallischen. Messner sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass die Meeresfauna um bisher unbekannte Spezies bereichert worden ist. Ein großes Lebewesen, das sein Boot verfolgt, verblüfft Messner durch seine ungewöhnliche Anatomie: Die Körperteile scheinen nur locker miteinander verbunden, und das Tier weist überraschend viele, mit scharfen Zähnen gespickte Mäuler an Stellen auf, wo Messner sie nicht vermutet hätte. Als es sich in sein Boot verbeißt, muss Messner zur Waffe greifen, und der Kadaver verströmt eine Wolke von karminrotem Blut, die schnell zum brodelnden Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler anderer Seebewohner wird. Manche dieser Tiere wirken außerordentlich fremdartig auf Messner, und er beschließt, die neue Meeresfauna nach seiner Rückkehr einer genauen Untersuchung zu unterziehen.
   Ohne weitere Zwischenfälle landet Messner in Svendborg. Die kleine, beschauliche Hafenstadt im Südosten Fünens hat sich beträchtlich verändert. Überall wachsen Palmen, welche die unangenehme Eigenschaft haben, in sehr kurzer Zeit zu sprießen, sich zu voller Höhe aufzurecken und gleich darauf, am Ende ihres Lebenszyklus, faul und morsch umzustürzen. Messner beobachtet eine dieser Palmen beim Wachstum und schätzt die Gesamtlebensdauer der Pflanzen auf maximal einen Tag. Die Luft ist erfüllt vom satten Donner aufschlagender Palmenstrünke, Messner nimmt sich vor, nicht in einen Palmenwald zu geraten. Manche der Häuser in den Straßen Svendborgs strahlen aus unerfindlichen Gründen ein intensives blaues Leuchten ab, das in den Augen schmerzt; Messner beschließt, solche Häuser zu meiden. Aus der Kirche kommt Orgelmusik, die allerdings einen streng atonalen und irreligiösen Charakter aufweist. Messner zerschmettert das abgeschlossene Kirchenportal mit seiner Feuerwehraxt. Auf der Orgeltastatur springen seltsame kleine Kreaturen herum, die in etwa wie flügellose Hühner ohne Federn aussehen. Ihr Gehüpfe verursacht die eigenartige Musik, und sie scheinen strengen ästhetischen Ansprüchen zu gehorchen, denn Messner kann beobachten, wie eines dieser Wesen von seinen Artgenossen zu Tode gepickt und von der Tastatur heruntergestoßen wird. Auf dem Boden vor den Pedalen sammeln sich die Leichen der Versager. Messner kann sich nicht vorstellen, was geschehen wird, wenn der elektrische Strom endgültig versiegt, der zum Betrieb der Orgelgebläse notwendig ist und den der Küster offensichtlich nicht mehr hat abstellen können. Messner durchstreift Svendborg jetzt nur noch mit entsicherter Waffe, denn er weiß nunmehr, dass die ganze Natur einer radikalen Reorganisation unterworfen worden ist, und das mit außerordentlicher Gründlichkeit. Gewisse gallertartige Banderolen, die an vielen Häusern von den Regenrinnen hängen und sich von selbst zu bewegen scheinen, bestätigen ihn in dieser Ansicht nur.
   Die Menschen sind alle tot. Wie von Messner vorhergesehen, wurde der Krieg hauptsächlich mit einer Waffe ausgefochten, die alle Menschen in kleine Haufen grauen Staubes verwandelt hat. Diese Haufen haben eigenartigerweise die Form von Spitzkegeln, und eine neue Art von Niederschlag hat sie betonhart werden lassen. Wie Tausende zu klein geratene Panzersperren übersähen sie die Fußgängerzone von Svendborg. Die Spitzkegel erweisen sich als sehr praktisch, weil sie ein Rudel von Hunden daran hindern, Messner aus dem Hinterhalt zu überfallen und zu zerfleischen. Der Kampf mit ihnen ist kurz, aber intensiv, Messner muss eine ganze Kette seiner kostbaren Maschinengewehr-Munition zur Abwehr seiner Feinde opfern. Wie er bei einer vorsichtigen Untersuchung der Kadaver feststellen kann, handelt es sich bei den Angreifern nicht um herkömmliche Hunde. Ihre Gebisse sind abnorm vergrößert, ihre Körper »muskelbepackt« zu nennen, wäre eine grobe Untertreibung. Auch der Begriff »Warmblüter« scheint nicht mehr recht zu ihnen zu passen: Ihr Blut zischt auf dem Asphalt, als sei es sehr heiß, und die Dampfschwaden, die von den Blutlachen aufsteigen, weisen einen unangenehmen, ätzenden Geruch auf.
   Neben dem ständigen Gepolter umstürzender Eintagespalmen nimmt Messner in der Innenstadt auch einen intensiv klagenden Ton wahr, der ihn an eine Zeit auf Borneo erinnert, wo ihn eine gewisse Spezies von nachtaktiven Paradiesvögeln mit ihren Paarungsrufen beinahe zum Wahnsinn getrieben hatte. An einer Neuauflage dieses Erlebnisses ist er nicht interessiert, aber schließlich behält der Forscher in ihm die Oberhand. Als er den größten öffentlichen Platz im Zentrum Svendborgs betritt, ist er überrascht, denn der Boden des Platzes ist schwarz – so intensiv schwarz, dass Messner verwirrt mit den Augen blinzelt. Der klagende Ton ist hier so laut, dass Messner sich einen Ohrenschutz wünscht, aber er hat sich geschworen, die Ursache für dieses Geräusch herauszufinden und möchte nur ungern klein beigeben.
   Messner setzt einen Fuß auf den tiefschwarzen Belag, der den Platz bedeckt und stellt fest, dass es sich nicht um einen Teppich im eigentlichen Sinn handeln kann, denn sein Stiefel sinkt ein wie in einer dicken Lage Moos, und das Material gibt ein seufzendes und schmatzendes Geräusch von sich, als sei es eher organisch denn textil. Mit einem Mal ist es völlig still. Der klagende Ton hat abrupt aufgehört, und Messner kann das seufzende Schmatzen seiner Stiefel auf dem schwarzen Moos sehr gut hören. Zu seiner großen Überraschung lösen sich zwei Teile aus dem Teppich und wickeln sich wie lebendige Lappen um seine Füße. Messner erblickt zum ersten Mal die Unterseite dieses Teppichs. Sie ist blutrot und mit vielen kleinen Saugnäpfen an zwei bis drei Zentimeter langen Stielen versehen, etwa in der Art von Seesternextremitäten. Angesichts der eigentümlichen Stille, der erstaunlich zielgerichteten Tastbewegungen dieser lebendigen Fußlappen an seinen Stiefeln und eigenartiger, umlaufender Wellenbewegungen am Rand des gesamten Bodenbelags beschließt Messner, den geordneten Rückzug anzutreten. Die Fußlappen haben wieder Kontakt zu dem Rest des Teppichs aufgenommen, und zwar durch schnell wachsende bleiche Fäden, die nach den Rändern des schwarzen Gebildes ausgreifen. Diese Filamente scheinen eine außergewöhnliche Zugfestigkeit aufzuweisen, denn Messner muss sie in Fetzen schießen, damit er seine Füße bewegen kann. Im Zorn ballert er noch ein wenig in das schwarze Gebilde hinein, und die Kugeln schlitzen es bahnförmig auf wie einen schwarzen Jackenstoff, der sein blutrotes Futter offenbart. Der schwarze Stoff zieht sich ruckartig mehrere Meter von ihm zurück, und statt des klagenden Tons ist die Luft jetzt von einem lauten Blubbern erfüllt, wie man es bei einem Schlammgeysir vor dem Ausbruch erwarten würde. Messner flüchtet hastig in eine Seitengasse, aber die Sauglappen an seinen Stiefeln behindern ihn, und mit nicht geringem Erstaunen muss er feststellen, dass der schwarze Bodenbelag bei der Verfolgung eine recht hohe Fließgeschwindigkeit an den Tag legt. Messner stößt zur Fußgängerzone durch, und hofft, dass der schwarze Bodenbelag durch die Spitzkegel aufgehalten wird. Seine zweite Hoffnung geht dahin, dass die überlebenden Hunde immer noch Respekt vor ihm haben.
   Zu seiner Erleichterung ist beides der Fall. Der lebendige schwarze Teppich kann die Spitzkegel nicht einfach überwinden, sondern muss sie umfließen. In der relativ engen Fußgängerzone ist Messner mit seiner bipedalen Fortbewegungsweise klar im Vorteil, auch wenn er sich fühlt, als wäre er in altmodischen Skischuhen unterwegs, an deren Sohlen fünf Zentimeter Schnee festgefroren sind. Die Hundekadaver, die Messner hinterlassen hat, scheinen dem Bodenbelag zusätzlich Schwierigkeiten zu bereiten, denn wo er auf einen von ihnen trifft, wird er schlagartig weiß. Messner gewinnt zunehmend Abstand von dem heftig blubbernden Gebilde und findet sich schließlich am Hafen wieder, wo er in relativer Sicherheit über seine nächsten Schritte nachdenken kann.
   Auf einem Betonpoller am schwarzen Wasser des Hafenbeckens sitzend, widmet er sich zunächst der Aufgabe, seine Stiefel zu reinigen. Wie sich herausstellt, sind die lebendigen Fußlappen nunmehr fest mit ihnen verwachsen, und selbst mit seiner Machete ist Messner nicht in der Lage, das Gewächs vom Leder zu trennen. Glücklicherweise sind die Fußlappen sehr temperaturempfindlich, denn als Messner sie mit einem Feuerzeug traktiert, verlieren sie sofort jede Farbe und bröseln als weißer Staub zu Boden. Leider lösen sich seine Stiefel gleichfalls auf, so dass er nun barfuß ist. Dieser Zustand behagt ihm wenig, und die ungünstige Tatsache, dass seine Maschinengewehrmunition nur noch aus wenigen Dutzend Schuss besteht, bringt ihn auf die Idee, eine Kaserne der dänischen Marine aufzusuchen, von der er weiß, dass sie sich in unmittelbarer Nähe zum zivil genutzten Teil des Hafens befindet.
   Am Eingang der Kaserne trifft Messner auf zwei Lebewesen, die wie Kreuzungen aus übergroßen Libellen und erdmittelalterlichen Flugsauriern aussehen. Als sie Messner wahrnehmen, spreizen sie je vier ledrige Flügel. Er kann sie mit einigen Warnschüssen vertreiben und lacht über die spitzen Schreie, die sie bei ihrer Flucht ausstoßen.
   In der Kaserne herrscht heilloses Durcheinander. Die Körper der Marinesoldaten haben sich in Luft aufgelöst, aber ihre Uniformen sind unbeschädigt geblieben. Auf dem Exerzierplatz liegt eine ganze Kleiderkammer kreuz und quer über den Boden verstreut, Messner muss an moderne Installationskunst denken. Überall rollen kleine schwarze Bälle über den Boden, die sich beim Nahen von Messners Schritten eilig aus dem Staub machen. Anscheinend sind sie auch für das durchdringende Klicken verantwortlich, das von den Wänden widerhallt.
   Messner betritt eine Wachstube. An der Wand hängt das Bildnis einer nackten blonden Frau mit enormen Brüsten. Sie lächelt dem Betrachter auffordernd zu, und Messner erleidet eine Erektion. Die Uniform des Wachhabenden liegt ordentlich über dem Stuhl, sein Kugelschreiber, mit dem er nicht ohne Talent ein weibliches Geschlecht auf eine Bäckereitüte gezeichnet hatte, ist vom Tisch gerollt. Zum Spaß nimmt Messner den Telefonhörer ab und hört ein Freizeichen. Er wählt die Nummer seines alten Anschlusses in Deutschland und erreicht seinen eigenen Anrufbeantworter. Kopfschüttelnd legt er wieder auf, ohne eine Nachricht hinterlassen zu haben.
   Messner durchstreift die Kaserne auf der Suche nach passenden Stiefeln, Munition und anderen nützlichen Dingen. Die Stiefel finden sich im geöffneten Spind eines Mannschaftsraumes, vor dem sich zum Zeitpunkt des Angriffs offenbar ein Soldat umgezogen hat, denn seine Uniform liegt neben Zivilkleidern auf dem Boden herum. In den Hosentaschen zweier Wachsoldaten findet Messner die passenden Schlüssel zum Arsenal.
   Auch hier verblüfft ihn wieder die Tatsache, dass der elektrische Strom immer noch fließt. Die tadellos funktionierenden Neonröhren beleuchten die Regale voller Waffen und Munition mit gespenstischer Zuverlässigkeit. Mit dem Nötigen versehen, verlässt Messner die Waffenkammer und tritt wieder hinaus ins Freie. Dort haben sich seltsame Dinge abgespielt, während er im Keller war. Jede freie Fläche ist mit gelben, handtellergroßen Fröschen übersät, die in der fahlen Sonne ihre Körper wärmen. Zum Glück sind sie harmlos, springen aber in hohem Bogen davon, als Messner sie aufscheucht. Auf dem Weg zum Kasernentor wird die Lage für Messner dann etwas unübersichtlich, weil Hunderte von Fröschen um ihn herum aufspritzen wie Wasser, das auf eine heiße Herdplatte trifft.
   Beinahe schon am Tor angekommen, erinnert sich Messner plötzlich an einen Zeitungsartikel, in dem davon die Rede war, dass genau hier, in dieser Kaserne, zwei Dutzend hochmoderne Amphibienpanzer stationiert seien, mit denen die dänische Marineinfanterie regelmäßig Landemanöver an den flachen Küsten des Inselarchipels ausführe. Messner findet die betreffenden Garagen und verschafft sich Zutritt. Die Panzer sehen im Licht der Neonröhren aus wie Urzeittiere, und Messner findet das in Bezug auf die gewandelte Fauna und Flora zu Lande, zu Wasser und in der Luft nur angemessen. Einige der Fahrzeuge sind von zerknüllten Uniformen, Datenblättern sowie Lampen und Werkzeug umgeben, als habe der Krieg eine Routinewartung unterbrochen. Ansonsten machen die Panzer einen ausgezeichneten Eindruck. Sie sind nahezu neu und wirken so, als seien sie der ganze Stolz des Stützpunkts gewesen. Es handelt sich ausschließlich um deutsche Markenfabrikate. Sie sind nur leicht bewaffnet – zum Beispiel fehlt ihnen ein ordentliches Geschütz –, aber das schwere Maschinengewehr auf dem Dach, das, wie Messner weiß, von der Führerkanzel aus bedient werden kann, ist immerhin ein Anfang.
   Die Anwesenheit der Panzer stellt für Messner einen wirklichen Glücksfall dar. In seiner Bundeswehrzeit hat er das Vorgängermodell gefahren, und so kennt er sich mit den technischen Gegebenheiten des Geräts weitgehend aus. Die Bedienungsanleitung verzeichnet gewisse Verbesserungen gegenüber älteren Serien, so sind diese Fahrzeuge zum Beispiel nahezu hochseetauglich. Messner könnte mit einem vollen Tank bis nach Rostock schwimmen, wenn er wollte. Das will er aber nicht, sein Ziel heißt Odense. Bevor er die Kaserne mit dem Panzer seiner Wahl verlässt, belädt er ihn mit Ausrüstungsgegenständen, die ihm von Nutzen sein könnten. Vor allem komplettiert er sein Waffenarsenal mit dringend benötigten Panzerfäusten, Flammenwerfern, Mörsern mit Munition und Maschinengewehren eines Typs, die er allein gerade noch bedienen kann. Er vergisst auch nicht die Notrationen in grünem Cellophan, die Gasmasken, die Chemikalien zur Wasserreinigung und mehrere Zwanziglitertanks mit Reservekraftstoff. Der Motor des Panzers springt beim ersten Versuch an.
   Auf der langsamen Fahrt zum Kasernentor bemerkt Messner, dass aus einem Fenster des Offizierstrakts Bettwäsche in blauem und rotem Seidensatin heraushängt. Der Stoff glänzt in der Sonne so attraktiv, dass Messner versucht wäre, sich die Bettwäsche anzueignen, wenn nicht mehrere Miniaturausgaben der Saurierlibellen kopfüber daran herunterhängen würden. Messner, doch etwas außer Form, was die Lenkung eines Amphibienpanzers angeht, rammt beinahe das Kasernentor und beschließt, das Tempo innerhalb der Ortsgrenzen zunächst moderat zu halten. Er nimmt sich vor, mit dem Panzer möglichst bald in einem flachen Gewässer Schwimmübungen zu veranstalten. Jedem überflüssigen Vandalismus abhold, kann es Messner kaum übers Herz bringen, nach einer geeigneten Zielscheibe für Schießversuche Ausschau zu halten, aber an einer Erprobung seiner Bordwaffen führt nun einmal kein Weg vorbei. Der Wetterhahn des Kirchturms ist selbst aus zweihundert Metern Entfernung kein größeres Problem, und wie Messner feststellen kann, ist das Maschinengewehr auf seinem Dach eher als eine Maschinenkanone anzusprechen, weil sie erwiesenermaßen sogar Mauerwerk durchdringen kann. Messner fährt noch einmal schnell am Hafen vorbei, um sein Boot an Land zu ziehen. Dabei kommt ihm die Geländegängigkeit seines neuen motorisierten Untersatzes sehr zupass, weil die Straßen in diesem Viertel nun doch schon arg von umgestürzten und verrottenden Eintagespalmen blockiert sind. Leider ist sein Boot verschwunden, Messner kann keine Spur davon entdecken. Er fragt sich ernsthaft, wer oder was das Boot entfernt haben könnte, erkennt jedoch schnell, dass diese Grübelei nutzlos ist und setzt seine Reise fort.
   Bei der Plünderung einer Apotheke begegnet er der ersten und einzigen anthropomorphen Leiche, die der Krieg in Svendborg hinterlassen hat. Der Apotheker, ein Mann mit gewinnendem Lächeln und Halbglatze, steht hinter seinem Tresen, als warte er auf Kunden. Messner ruft ihn an, aber er reagiert nicht. Als Messner ihn mit der Mündung seiner Pistole anstupst, zerspringt er in tausend Scherben. Unangenehmerweise riecht es in der Apotheke durchdringend nach verdorbenem Fleisch, und Messner beeilt sich beim Zusammensuchen der Schmerz- und Desinfektionsmittel, des Verbandsstoffs, der Spritzen und der anderen pharmazeutischen Basisartikel, derer er bedarf. Zunächst muss Messner noch zahlreichen Autowracks ausweichen, aber auf der Autobahn nach Odense wird die Situation übersichtlicher. Die Fahrt bleibt relativ ereignislos.
   Auf der Höhe von Stenstrup bemerkt er eine eigenartige Himmelserscheinung: Seltsame Blasen schweben in der Luft und gruppieren sich zu einer schwebenden, transparenten Kuh mit Euter, Hörnern und allem, was sonst so dazugehört. Messner ist sich der Tatsache bewusst, dass dieser Sinneseindruck auf Selbsttäuschung beruht.
   Bei Snarov biegt er nach Korinth ab, weil er einen Abstecher zum Arreskov Sø machen will, einem See, in dem er die Schwimmfähigkeit seines Panzers testen könnte. Als er dort ankommt, muss er feststellen, dass seine Oberfläche sonderbar aussieht. Sie schillert in allen Regenbogenfarben. Messner nimmt einen einfachen Stein und wirft ihn in den See, doch der Stein prallt mit einem harten, spröden Klacken von der Oberfläche ab. Messner nimmt einen größeren Stein und erzielt im Wesentlichen dasselbe Ergebnis. Er kann sich eine gewisse Frustration nicht verhehlen und beschließt, ein Loch in die Oberfläche dieses Sees hineinzumachen, koste es, was es wolle. Er baut einen tragbaren Mörser auf und hält sich vorschriftsmäßig die Ohren zu. Es macht »Fump«. Er kann den Flug der Granate auf den letzten Metern ihrer Trajektorie beobachten. Sie zündet nicht beim Aufschlag, sondern wird zunächst sang- und klanglos geschluckt. Dann erst kommt es zur Detonation, und gleich danach zischt es aus dem Explosionskrater heraus, als werde aus einem riesigen Ballon die Luft abgelassen. Messner beobachtet mit dem Fernglas, dass aus dem kleinen, schwarzen Krater mit hohem Druck konfettiartige Schnipsel herausgeblasen werden. Diese Schnipsel weisen dieselben Regenbogenfarben auf wie die Oberfläche des Sees. Messner schätzt, dass sie bis zu einer Höhe von zehn Metern aufsteigen. Das Geschnipsel rieselt als bunter Schnee auf die Erde herunter, wobei die Austrittsöffnung des Konfettigeysirs Stück für Stück kleiner wird. Nach wenigen Minuten erstirbt das Zischen, die Öffnung hat sich geschlossen, und weitere drei Minuten später kann Messner nicht mehr sagen, wo die Granate aufgeschlagen ist. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass man das Verhalten des Sees unter rein medizinischen Gesichtspunkten als Akt der Selbstheilung bezeichnen könnte. Er hofft, dass der See ihm nicht böse ist, verstaut den Mörser kleinlaut unter seinen Gerätschaften, und fährt auf der 43 weiter Richtung Odense.
   Kurz vor dem Dorf Nørre Lyndelse kommt er an einer lustig sprudelnden Quelle vorbei, und da er Durst hat, beschließt er spontan, auszusteigen. Nach all seinen bisherigen Erlebnissen ist ihm klar, dass er jeder Form von Wasser mit einem gewissen Misstrauen begegnen muss, deswegen hält er sich mit dem Trinken zurück. Er untersucht das Wasser mit einem Satz verschiedener Chemikalien und Reagenzien. Zu den häufigsten Umweltgiften und biologischen Verunreinigungen ergibt sich kein Befund. Einzig der schwache Geruch des Wassers nach Zimt macht ihn stutzig, und er beschließt, eine Probe davon mitzunehmen, um sie unter geeigneteren Bedingungen einer noch gründlicheren Prüfung zu unterziehen.

Die Sonne brennt heiß, Messner ist müde, und er nickt auf der Holzbank neben der Quelle ein, obwohl er weiß, dass er das nicht tun sollte. Er träumt von einem Bett, das völlig unberührt in einem halbdunklen Raum steht und aus unerfindlichen Gründen rhythmisch quietscht. Beim Aufwachen stellt er fest, dass dieser Traum durch ein Ereignis in der Realität beeinflusst worden ist. Ein Tier von Aussehen und Größe eines Mastodons hat seinen Amphibienpanzer bestiegen, offenbar in der Absicht, sich mit ihm zu paaren. Die Federung der Radaufhängung quietscht unter den rhythmischen Vereinigungsversuchen des Urelefanten, und obwohl der Panzer drei Achsen und sechs Räder hat, fürchtet Messner um die Fahrbereitschaft des Geräts. Messner beschließt, das liebeshungrige Untier zu vertreiben, aber »Ho«-Rufe unterschiedlicher Lautstärke und selbst einige Warnschüsse aus seiner Pistole führen nicht zum gewünschten Erfolg. Er ändert seine Pläne. Er steigt in den schaukelnden Panzer und startet den Motor, um dem Mastodon einfach davonzufahren. Aber das Tier liegt so schwer auf dem Fahrzeug und hat es durch seine Bemühungen schon so tief in den Sand gedrückt – Messner hatte den Panzer vorschriftsmäßig am Rand der Straße abgestellt –, dass selbst sein Allradantrieb nicht viel ausrichten kann. Nach fünf Minuten gibt Messner diese Strategie als gescheitert auf. Das Mastodon ist durch den Fluchtversuch in seiner Brunst nicht gedämpft worden, ganz im Gegenteil. Messner überlegt, ob er einfach den Dingen seinen Lauf lassen soll, aber er weiß nicht, wie lange Mastodonpaarungen im Durchschnitt dauern, und der Panzer schaukelt und quietscht so bedrohlich, dass eine schnelle Lösung dringend geboten erscheint. Messner gerät allmählich in Panik. Was soll er tun? Es wird ihm nichts übrig bleiben, als das Tier zu töten. Unter Mühen richtet er die Maschinenkanone auf den Schädel des Mastodons aus und drückt ab. Der Urelefant rutscht ohne einen Laut vom Dach des Fahrzeugs herunter und fällt mit einem dumpfen Geräusch neben ihm zu Boden. Messner ist schweißgebadet und zittert am ganzen Körper. Als er den Motor anlassen will, dreht er den Schlüssel zunächst falsch herum. Das Fahrzeug kann sich ohne die Belastung durch das Mastodon gerade eben noch aus dem Sand herauswinden.
   Messner hat Nørre Lyndelse schon umfahren, als ihm plötzlich klar wird, dass seine Wasservorräte aufgestockt werden müssen. Er kann nicht wissen, wie viel Zeit ihn die Reise nach Odense kosten wird. Die wenigen Flaschen Mineralwasser, die er noch bei sich hat, werden nicht ewig vorhalten. Ein Blick auf die Flasche mit der Wasserprobe, die er an der Quelle gezogen hat, lässt ihn das Wasserproblem noch dringlicher empfinden, denn in dem Gefäß hat sich innerhalb einer Stunde eine bizarre mineralische Flora gebildet, die von hübsch anzusehenden, radiolarienähnlichen Protozoen durchschwommen wird. Als er zögernd den Deckel abschraubt, ver- strömt das Miniaturaquarium einen derartig durchdringenden Gestank nach Schwefelwasserstoff, dass ihm auf der Stelle übel wird. Er will das Gebräu ausschütten, aber die Konsistenz des sogenannten Wassers gleicht eher der von Flüssigklebstoff, und die Radiolarien versammeln sich zusätzlich wie auf Kommando im Flaschenhals, um es mit gemeinsamer Anstrengung am Auslaufen zu hindern. Verwirrt schraubt er die Flasche zu, packt sie am Hals und wirft sie in den Acker. Beim Auftreffen explodiert sie mit erstaunlicher Wucht, ein Hagel von Dreckbatzen geht über Messner nieder, und er steht eine Zeit lang blinzelnd in der stillen Landschaft, bevor er sich mit wegwerfender Geste abwendet.
   In Nørre Lyndelse sucht er die einzige Tankstelle des Orts auf. Der Verkaufsraum sieht völlig normal aus, wenn man davon absieht, dass niemand da ist. Messner steckt seine Pistole weg und beschließt, so zu tun als sei alles in Ordnung. Die Tiefkühltruhe summt beruhigend vor sich hin, auch die Kühlschränke mit den Kaltgetränken sind voll funktionsfähig. Messner greift nach einer Dose. »Faxe« steht drauf, und als das Bier seine Kehle hinunterrinnt, hat es genau die richtige Temperatur. Messner macht es sich ein wenig gemütlich dort vor dem Kühlschrank, und als er sich einige Zeit später aufrappelt, bemerkt er, dass er richtiggehend beschwipst ist. Er vergisst das Mineralwasser nicht. Einen kleinen Einkaufswagen lädt er mit den benötigten Ressourcen voll, und versucht, ihn ohne größere Kollisionen aus dem Laden hinauszusteuern. An der Kasse meldet sich sein Gewissen. Messner findet das ausnehmend komisch. Er hat der dänischen Armee einen ganzen Panzer gestohlen und macht sich nun Gedanken wegen ein paar Dosen Bier und ein paar Flaschen Wasser. Als er an dem Schild mit der Aufschrift »Offen« an der Eingangstür vorbeikommt, bricht er in schallendes Gelächter aus, das sich zu einem hysterischen Lachanfall aufschaukelt. Zehn Minuten später hat er sich soweit beruhigt, dass an einen Aufbruch zu denken ist. Beim Zurücksetzen rammt er eine Zapfsäule und knickt sie wie einen Strohhalm ab. Messner genehmigt sich noch ein Bier. Er bedauert, dass sein Gefährt nicht mit den Errungenschaften der modernen Unterhaltungselektronik versehen ist. Ein wenig amerikanische Hillbilly-Musik würde ihm zu diesem Zeitpunkt sehr behagen. Er macht sich keine Illusionen darüber, dass er betrunken ist, glaubt das aber verantworten zu können, weil nicht mit ernsthaftem Gegenverkehr zu rechnen ist.
   Auf der Höhe von Voldersley wird er mit einem Mal stocknüchtern. Odense sollte längst am Horizont aufgetaucht sein, aber dort, wo sich einmal die drittgrößte Stadt Dänemarks befunden hat, erhebt sich eine weiße Kuppel. Diese Kuppel ist so regelmäßig geformt, dass sie den Gedanken an eine planmäßige Ausführung nahe legt. Messner weiß, dass die Natur erstaunlich regelmäßige Strukturen hervorbringen kann, macht sich aber bei seiner langsamen Annäherung auf eine Begegnung mit intelligentem Leben gefasst. Er geht zunächst einmal davon aus, dass er unter Beobachtung steht, und prüft seine Waffen. Das ist nicht mehr als eine Geste, denn gegen eine Zivilisation, die eine Kuppel wie diese bauen kann, ist er in jedem Fall machtlos. Aber er will sein Möglichstes getan haben, wenn es denn soweit ist.
   Bei der Kuppel angekommen, fällt ihm als Erstes das feine Geklirr und Geprassel auf, das von ihr ausgeht. Den Fuß der Kuppel umgibt eine Art Wulst, und als Messner diesen Wulst in Augenschein nimmt, erkennt er, dass er aus feinen Glasplättchen zu bestehen scheint, die sich mit den Füßen leicht zerstreuen lassen. Die Kuppel scheint zu wachsen, denn der Wulst aus klirrenden und klingelnden Glasplättchen schiebt sich langsam, aber unaufhaltsam auf ihn zu, wie die Moräne, die ein Gletscher vor sich herschiebt. Messner nimmt an, dass die Außenhaut der Kuppel während des Wachstumsprozesses ständig Material ausscheidet, das zum Fuß der Kuppel abgleitet und dort eben diesen Wulst bildet. Messner kann sich keinen rechten Reim auf die Angelegenheit machen, aber er wüsste gar zu gerne, was aus Odense geworden ist.
   Diese Neugier veranlasst ihn zu einem riskanten Entschluss: Er möchte gerne in die Kuppel eindringen, um herauszufinden, was sich darunter verbirgt. Er setzt sich in sein Fahrzeug, prüft, ob alle Türen und Luken dicht sind, nimmt Anlauf und rammt den Wulst bei etwa 50 km/h. Von »Rammen« im eigentlichen Sinn kann allerdings keine Rede sein, denn Messner gleitet mit seinem Panzer durch das Glasplättchenmaterial wie ein scharfes Messer durch Butter, die in der Sonne weich geworden ist. Messner betätigt die Scheibenwischer, um klare Sicht zu erlangen. Als auch das nichts hilft, steigt er kurzentschlossen aus. Der Anblick, der sich ihm bietet, ist schlechterdings verblüffend. Unter dem milchigen Licht, das in der Kuppel herrscht, fallen Schätzungen schwer, aber Messner glaubt die ersten Häuser etwa drei Kilometer entfernt. In einigen Fenstern brennt sogar Licht, als gebe es noch menschliche Bewohner. Völlig ungewöhnlich ist allerdings die schwarze, sehr massive Säule, die aus dem Stadtkern aufragt und bis hinauf in den Kuppelmittelpunkt reicht, wo das Gebilde offenbar gestützt werden muss. Mehrere Säulen geringerer Höhe im Umkreis der Stadt dienen wohl demselben Zweck. Zwischen diesen Säulen führen straff gespannte Filamente hin und her, und Messner muss an die Vertäuung eines Segelschiffs oder eines Zirkuszelts denken. In der relativ kurzen Zeit ihrer Existenz hat die Kuppel ihr eigenes Klima ausbilden können, unter der Decke ziehen Wolkenschleier entlang. Im Allgemeinen ist es still, aber manchmal erklingt ein metallisches Zirpen, das Messner in den Ohren schmerzt. Die Geräusche, die Messner selbst verursacht, sind merkwürdig gedämpft. Er steigt wieder ein und rollt weiter langsam in Richtung Odense-Zentrum.
   Am eigentlichen Stadtrand ist kein Weiterkommen mehr, denn ungeschickterweise haben sich hier viele oder gar alle Straßen in meterbreite Gräben verwandelt. Messner muss seinen Weg zu Fuß fortsetzen, was ihm ein gewisses Unbehagen bereitet, denn er weiß nicht, welche Überraschungen in Odense auf ihn warten. Dennoch ist er von alledem so fasziniert, dass er nicht einfach umkehren will. Das metallische Zirpen ist hier ungleich lauter als gerade eben noch, und Messner schützt seine Ohren durch kleine Schaumgummipfropfen. Endlich kann er sich der Erforschung der Gräben widmen, über deren Eigenart und Funktion er gerne Bescheid wüsste. Sie sehen alle gleich aus. Die Wände sind schwarz und glatt, die Sohle ist weiß und von einem körnigen Belag bedeckt. Es sieht gerade so aus, als habe ein wahnsinniger Stadtplaner alle Straßen in breite Kieswege verwandelt und zwei Meter tief in die Erde versenkt. Messner fragt sich, ob er den Weg am Grunde dieser trockenen Kanäle fortsetzen soll, aber er möchte zunächst ihre Zuverlässigkeit testen. Zu diesem Zweck schlägt er die Schaufensterscheibe eines Sportgeschäfts ein und lässt eine Bowlingkugel in einen der Gräben hineinfallen. Die Bowlingkugel verhält sich den physikalischen Gesetzen entsprechend. Sie trifft mit einem harten Geräusch auf, hüpft einmal auf und rollt dann aus. Die Sohle des Grabens macht einen Vertrauen erweckend soliden Eindruck. Messner beobachtet fünf Minuten die nähere Umgebung auf Veränderungen und Reaktionen hin, kann aber nichts dergleichen feststellen. Er will sich gerade zum Grunde des Grabens hinabgleiten lassen, als ein unerträglich lauter Ausbruch des metallischen Zirpens ihm beinahe die Trommelfelle in den Schädel hineindrückt, und das trotz der Schaumgummipropfen. Die Luft riecht durchdringend nach Ozon, und die Bowlingkugel ist auch nach genauer Untersuchung nicht mehr auffindbar. Messner kommt mit klingelnden Ohren zu dem Entschluss, dass die Gräben nicht wirklich begehbar sind, und ändert seine Pläne.
   Glücklicherweise hat er aus der Kaserne in Svendborg eine Pionierbrücke mitgenommen. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um ziehharmonikaartig zusammengefaltete Platten aus Karbonfasermaterial, die ausgeklappt einen Steg von maximal fünf Metern Länge ergeben. Messner macht von dieser praktischen Erfindung ausgiebig Gebrauch und arbeitet sich langsam, aber stetig zum Stadtkern vor.
   Während bei ihm zunächst der Eindruck vorherrscht, als seien die Gräben die einzige sichtbare Veränderung, die der Krieg für Odense mit sich gebracht hat – von der Kuppel einmal abgesehen –, hält dieser Eindruck einer genaueren Prüfung nicht stand. So sind zwar im Großen und Ganzen weniger spektakuläre Phänomene als in Svendborg zu beobachten, aber die subtilen Veränderungen, denen Odense unterworfen wurde, beunruhigen Messner fast noch mehr. Manche Häuser sind gegen Miniaturversionen der Kuppel selbst ausgetauscht worden. Die weißen Gebilde stehen wie pneumatische Zelte, großen Bovisten nicht unähnlich, zwischen ihren Nachbarbauten herum. Als Messner eines von ihnen mit drei schnellen Schnitten seines Überlebensmessers öffnet, findet er Odense en miniature vor, beleuchtete Häuser, schwarze Säulen, und alles andere inklusive.
   Während die Miniaturkuppel ihre Verwundung selbsttätig schließt, denkt Messner darüber nach, wie er auf diese Entdeckung reagieren soll. Es scheint ihm, als seien die Miniaturkuppeln auch mit den Bocksprüngen einer kriegsverwirrten Natur nicht mehr erklärbar, und nur zur Probe ruft er einmal in den leeren Straßenzug hinein: »Hier ist Reinhold Messner. Ich komme in friedlicher Absicht. Kann mich jemand hören?« Aber die Stadt schluckt seinen Ausruf echolos und er erhält nicht die geringste Reaktion.
   Er setzt seinen Weg fort, auch wenn sich das paranoide Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen, enorm verstärkt hat. Messner versucht sich zu beruhigen. Wenn man ihn hätte angreifen wollen, so räsoniert er, hätte man das schon längst tun können. Entweder ist niemand zuhause oder man kümmert sich nicht um ihn. Es beginnt zu regnen. Messner ist froh, dass er einen ABC-Schutzanzug trägt, und setzt Schutzhaube sowie Gasmaske auf. Das schränkt sein Gesichtsfeld ein, aber er will seine bloße Haut nicht einem Niederschlag aussetzen, dessen Inhaltsstoffe er nicht kennt. Aus den Gräben beginnt es zu dampfen. Messner begrüßt diese Entwicklung nicht, denn er muss nun noch mehr Sorgfalt bei der Benutzung der Pionierbrücke walten lassen und kommt dadurch viel langsamer voran. Zufällig entdeckt er, dass einige der Häuser nicht mehr ihrem Urzustand zu entsprechen scheinen, denn als er sich einmal an einer Wand abstützt, gibt sie leicht federnd nach, etwa in der Art eines Polstermöbels, und scheidet an der Stelle, an der Messners Hand sie berührt hat, Tropfen einer klaren Flüssigkeit aus. Messner gelangt nach kurzer Überlegung zu der beunruhigenden Überzeugung, dass die Mauer in der einen oder anderen Form lebendig ist.
   Noch fremdartiger wirkt folgendes Phänomen: In manchen Grabenkreuzungen stecken meterhohe Kristalle in Skalenoederform, mit einer Art Antenne obenauf, die zum Himmel zeigt. Sie sind mit äußerster Präzision in das Kreuzungsgeviert eingelassen, wie Messner feststellen kann. Da ihre Farbe aber regelmäßig in ein ungesundes Aubergineviolett umschlägt, wenn er sich ihnen nähert, beschließt er, das Schicksal nicht herauszufordern und verzichtet auf noch eingehendere Untersuchungen. Zu der Hypothese von den lebenden Mauern passt die Tatsache, dass an manchen von ihnen große Baumpilze wachsen, die so massiv aussehen, dass Messner versucht ist, sie als Treppenstufen zu benützen, um sich die Lage einmal von oben anzusehen. Er verwirft diese Idee und betritt eines der Häuser durch den Haupteingang, nachdem er die Tür zerschmettert hat.
   Das Haus wirkt zunächst relativ normal. Zwar sind die Bewohner selbst rückstandslos verschwunden – nur im Esszimmer wartet noch ein überschimmeltes Frühstück auf ihre Rückkehr –, aber ansonsten widerfährt ihm in den ersten Etagen nichts Außergewöhnliches. In der obersten jedoch sind Wände und Decken mit sanft glühenden roten Eiern gespickt, in denen sich kleine amorphe Schemen zuckend hin und her bewegen. Messner muss an die Eier von Haien denken, die er einst im Meerwasseraquarium von Kerteminde gesehen hat, kaum zwanzig Kilometer von hier entfernt. Er verlässt das Haus umgehend. Wieder auf dem Bürgersteig angekommen, wird er mit zwei goldfarben spiegelnden Scheiben konfrontiert, die anscheinend an der Haustür auf ihn gewartet haben. Sie schweben etwa in Kopfhöhe, Messner kann sich selbst darin erkennen. »Aha«, denkt er, »jetzt ist es also soweit.« Er bewegt sich vorsichtig einige Meter nach links, und die Scheiben folgen ihm. Er geht langsam ein paar Schritte weit in die entgegengesetzte Richtung, und die Scheiben bleiben ihm auf den Fersen. Er wiederholt dieses Spiel einige Male, ohne damit spektakuläre Reaktionen zu provozieren, und kommt zu dem Schluss, dass die Scheiben ihn für den Moment nur verfolgen sollen.
   Er will jetzt den Rückzug antreten und Odense so schnell wie möglich verlassen. Zwar stören ihn die Scheiben am Anfang ein wenig, aber sein Weg zurück wird durch die Tatsache erleichtert, dass sich seine Fußspuren überall fluoreszierend abzeichnen, und während er diesem Ariadnefaden zunächst misstraut, stellt er alsbald fest, dass er in die richtige Richtung geht, und zwar nach Süden. Etwa eine halbe Stunde später scheinen die goldenen Scheiben ihren Auftrag erfüllt zu haben. Sie stürzen sich selbsttätig in den nächsten Graben, um mit dem bekannten metallischen Schrei annihiliert zu werden. Messner wird seines Durstes gewahr. Er hat seit mehreren Stunden nichts getrunken, dafür aber in seinem ABC-Schutzanzug schwer geschwitzt. Da sich die einzig zuverlässigen Trinkwasservorräte in seinem Panzer befinden, will er möglichst schnell zu ihm zurück. Aufgrund der Führung durch die fluoreszierenden Fußspuren lassen sich seine Wegmarken leicht auffinden. Nur nach dem Sportgeschäft, dessen Scheibe er eingeschlagen hat, muss er ein wenig suchen. Die Fensterscheibe ist mittlerweile gänzlich von einer grauen Haut überzogen, die im Wind Wellen wirft. Messner vermutet, dass sich hier gerade eine der lebenden Mauern bildet, muss auch an den aggressiven Bodenbelag in Svendborg denken, und macht sich aus dem Staub.
   Leider kann er den Panzer nicht wieder finden. Die fluoreszierenden Fußspuren hören knapp hinter den letzten Gebäuden Odenses auf, und von dort sieht er nichts als freies Feld, von der zum Graben mutierten Straße und der Kuppelwand in der Entfernung einmal abgesehen. Eine gewisse Mutlosigkeit ergreift von ihm Besitz. Ihm wird unangenehm klar, dass er vielleicht nach Svendborg wird zurücklaufen müssen, nur mit dem ausgerüstet, was er am Leib trägt, und bei den derzeitigen Umständen ist diese Aussicht wenig attraktiv. Siedend heiß fällt ihm ein, dass auch sein Boot in Svendborg verschwunden ist, und dass er entweder einen anderen Panzer requirieren oder ein seegängiges Boot im Hafen von Svendborg finden muss, das seinen Zwecken entspricht. Aber die ganze Situation seit Ausbruch des Krieges ist von raschen, unvorhersehbaren Änderungen geprägt, und Messner weiß wohl, dass er nicht darauf hoffen kann, die Kaserne in dem Zustand zu finden, in dem er sie verlassen hat. Dasselbe trifft auch für den Hafen Svendborgs und die Stadt insgesamt zu. Messner befindet sich an der Schwelle zur Resignation.
   Er setzt sich hin, mitten hinein in das Gras, ungefähr an die Stelle, wo der Panzer eigentlich sein müsste, und atmet durch. Er denkt erst an Gott, dann an Selbstmord. Beides will ihm nicht recht gefallen. Mit einiger Mühe überzeugt sich Messner davon, dass seine Situation durchaus nicht völlig hoffnungslos ist, sondern mit Geschick und Überlegung gemeistert werden kann. »Es kommt allein darauf an«, denkt er, »dass ich die Nerven nicht verliere und von meinem Verstand den rechten Gebrauch mache.« Er beschließt, den Panzer noch ein wenig zu suchen und dann, im Falle eines Misserfolgs, die Kuppel auf Schusters Rappen zu verlassen. Zwar weiß er nicht genau, wie er zu Fuß die Kuppelwand durchdringen soll, aber die Lösung dieses Problems verschiebt er auf den Zeitpunkt, da es sich ihm wirklich stellt. Und richtig, sein Optimismus wird belohnt, denn schon nach wenigen Minuten hat er den Panzer gefunden. Genau dort, wo das Fahrzeug abgestellt war, hat sich offensichtlich ein neuer Graben gebildet, wodurch es Stück für Stück in die Erde eingesunken ist. Zur großen Erleichterung Messners ist der Graben eher ein kleiner Krater als ein Schacht mit vertikalen Wänden. Das Ganze sieht in etwa aus, als habe er das Fahrzeug auf einem großen Kissen geparkt, in das es durch sein Gewicht tiefer und tiefer eingesunken ist. Der relativ flache Neigungswinkel der Kraterwände gibt Anlass zu der Hoffnung, sie könnten mit dem Sechsfach-Allradantrieb des Gefährts bezwungen werden. Messner springt auf das Dach seines Panzers, steigt durch die Dachluke ein und schreit vor Freude. Der Motor startet auf Anhieb und sein sattes Brummen erfüllt Messner mit tiefer Genugtuung. Der erste Versuch zur Flucht aus dem Graben ist noch nicht von Erfolg gekrönt, aber beim Zurückrollen von dem Abhang kann Messner Anlauf auf der Gegenseite nehmen, und mit diesem Schwung schafft er es knapp über den Kraterrand hinaus. Wieder auf sicherem Boden macht Messner gar nicht erst Halt, sondern beschleunigt sofort auf die Kuppelwand zu. Zum Glück reißt ihn sein Eifer nicht zu unbedachten Handlungen hin, denn kurz vor der weißen Wand bremst er scharf ab, um die Stelle, an der er sie durchstoßen will, zur Sicherheit noch einmal manuell zu untersuchen. Und siehe da: Als er sie berührt, erweist sie sich genau dort als glashart, wo er bei ungehinderter Fahrt aufgeschlagen wäre. Zwanzig Meter weiter ist sie so bröselig wie eh und je, und er kommt genauso bequem hinaus, wie er hereingekommen ist. Noch im Schatten der Kuppel bringt Messner sein Gefährt zum Stillstand und entledigt sich seines ABC-Anzugs. Die Getränke, die er in der Tankstelle entwendet hat, haben keine bedrohlichen Metamorphosen durchlaufen, es handelt sich immer noch um Wasser und Bier, und Messner verspürt beim Trinken eine sagenhafte Erleichterung.

Der Rückweg nach Svendborg gestaltet sich zunächst angenehm. Der Abend bricht herein, die sinkende Sonne und der rot überglühte Himmel sehen fast wie früher aus, von den seltsam regelmäßig geformten Wolken hoch oben in der Atmosphäre einmal abgesehen. Kurz vor Nørre Lyndelse allerdings versperrt ein Hindernis den Weg, das sich bei genauerem Hinsehen als ein bis auf die Knochen abgenagtes Skelett erweist. Nach Messners Schätzung könnte es einem Brontosaurus gehört haben. Die enormen Becken- und Oberschenkelknochen ragen vor ihm auf wie die Überreste eines gesprengten Hauses. Um die wenigen übrig gebliebenen Fleischfetzen konkurrieren Tausende von Käfern, deren knisternde Chitinpanzer im Licht von Messners Taschenlampe intensiv blau leuchten. Messner möchte nur ungern mit den Fleischfressern Bekanntschaft machen, die den Kadaver an dieser Stelle zurückgelassen haben, und fährt weiter. Später bemerkt er längliche, schwarze Kokons, die in recht regelmäßigen Abständen am Straßenrand liegen. Sie stehen alle im 90°-Winkel von der Fahrbahn ab, und er ist sich ganz sicher, dass sie bei der Herfahrt nicht hier waren. Manche der Gebilde liegen, von Messner aus gesehen, links der Straße, aber auf der rechten Seite finden sich mehr von ihnen. Aus einem unbekannten Grund beunruhigt Messner diese Tatsache nachhaltig. Die stille Präsenz dieser seltsamen Kokons ängstigt ihn mehr als alles andere, was ihm bisher widerfahren ist, und er denkt nicht daran, auszusteigen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er beginnt unwillkürlich, die Melodie des Liedes »Wenn ich ein Vöglein wär, und auch zwei Flügel hätt« vor sich hin zu pfeifen. Er kennt dieses Verhalten von Situationen extremer Anspannung.
   Er kann erst aufhören zu pfeifen, als er die Kokons hinter sich gelassen hat. Die bewusste Tankstelle in Nørre Lyndelse ist abgebrannt. Zwischen den noch warmen Trümmern umherschweifend kann Messner keinen Grund für das Feuer ausmachen – möglicherweise hat ein Blitzschlag den Kraftstoff entzündet, der durch das Abknicken der Zapfsäule frei geworden war. In dem qualmenden Müll rascheln rattengroße Wesen hin und her, und Messner fühlt sich unbehaglich. Hohle Schreie aus der Luft über ihm treiben ihn schließlich endgültig zu seinem Fahrzeug zurück. Teile von Nørre Lyndelse sehen aus wie nach einem schweren Erdbeben, und Messner atmet auf, als ihm klar wird, dass das auch die Ursache für die Zerstörung der Tankstelle gewesen sein kann: Hier hat es wohl tatsächlich ein schweres Erdbeben gegeben, als er in Odense war, das würde manches erklären. Dass er von diesem Erdbeben zehn Kilometer weiter nichts gespürt hat, und dass schwere Erdbeben mit massiven Gebäudeschäden für Dänemark eigentlich eher untypisch sind, erschüttert seine Theorie nicht ernsthaft: Er hat an einem einzigen Tag viel seltsamere Dinge gesehen als streng lokalisierte Erdbeben in Gegenden, wo ansonsten überhaupt keine vorkommen sollten.
   Es ist jetzt schon recht dunkel, und er macht sich Gedanken über sein weiteres Vorgehen. Es erscheint ihm unklug, eine Rückkehr zu seiner Insel im Svendborgsund bei Nacht erzwingen zu wollen. Zwar ist er nur noch wenige Stunden von seinem derzeitigen Zuhause entfernt, und er fühlt sich immer noch frisch, aber er denkt nicht ernsthaft an eine Überfahrt bei Nacht, wenn er sich die Meeresbewohner in Erinnerung ruft, die er heute Morgen in den Wassern vor Svendborg angetroffen hat. Auch die Stadt selbst ist nicht sein bevorzugter Aufenthaltsort für die kommende Nacht. Messner sucht sich bei Nybølle einen Bauernhof mit geeigneter Garage, öffnet das Tor mit seinem Panzer und richtet sich ein. Auf einer harten Sitzbank liegend, in Stiefeln und Uniform, fällt er in einen unruhigen Schlaf.
   Der Morgen weckt ihn mit einem gedämpften, unregelmäßigen Trommeln gegen die Hülle seines Fahrzeugs, und er setzt sich ruckartig auf. Er weiß für einige Sekunden nicht, wo er ist, und nicht einmal genau, wer er ist. Sein Körper steckt in einer Soldatenmontur und er liegt in einem spärlich erleuchteten Gelass, das nach Eisen und Öl riecht; beides kommt ihm über die Maßen fremd vor. Er wäre nicht unglücklich, wenn sich all das als ein böser Traum erweisen würde, aber kurz bevor er sich von diesem Konzept überzeugt hat, rastet sein Koordinatensystem ein. Als er die Füße von der Sitzbank rutschen lässt, unterdrückt er ein Stöhnen und reibt sich die schmerzende Stirn. Messner weiß nicht, ob er je so unangenehm aufgewacht ist, mit so vermurksten Knochen und Gedanken; auf jeden Fall würde dieser Tagesanfang unter den üblen ganz hoch oben rangieren. Kaum hat er sich ausreichend mit den Grundtatsachen seiner gegenwärtigen Existenz abgefunden, um dem Tag ins ungewaschene Antlitz zu sehen, windet sich ein Gedanke mühsam durch sein Bewusstsein: Er hat sich und seinen Panzer vorige Nacht in der Garage untergestellt, um vor etwaigem Niederschlag geschützt zu sein. Bei einer Untersuchung mit einer starken Handlampe gestern schien das Dach der Garage geradezu vorbildlich dicht, denn es handelte sich nicht um ein einfaches Wellblechdach, oh nein, sondern um soliden Stahlbeton ohne Fehl und Tadel. Wenn es aber kein Regen ist, der ihn aus dem Schlaf geklopft hat, wer oder was ist dann für das Getrommel verantwortlich, das sich seit seinem Aufwachen eher noch verstärkt hat? Er hat für ein paar Sekunden die Vision von einer dänischen Bauernfamilie, die ihn durch Klopfen auf die Hülle des Panzers zum Aufwachen und zum Aufbruch drängen will, aber er glaubt nicht ernsthaft daran. Der riesige Tierkadaver vom Vorabend fällt ihm ein. Er würde gerne einen Tee trinken, bevor er sich der ersten Herausforderung des Tages stellt, aber es soll offenbar nicht sein. Die Ursache dieses Getrommels muss erforscht werden, und zwar sofort.
   Er zwängt sich, schwer atmend, so schnell wie möglich durch die Einstiegsluke im Dach. Von der Garagendecke zur Hockstellung gezwungen, schiebt er sich langsam vor, seine Pistole hin– und her schwingend. Er kann aber nichts finden, worauf er schießen müsste. Da ist anscheinend niemand. Das Trommelgeräusch erklingt hier draußen allerdings viel lauter als drinnen. Überflüssigerweise sucht Messner noch einmal die Decke der Garage ab und kann keine Lecks entdecken, zudem ist die Umgebung der Einstiegsluke völlig trocken, wo er auch hinfasst. Als Messner sich vorsichtig über den Rand des Gefährts hinauslehnt, bietet sich ihm ein sonderbares Bild: Pinguingroße Wesen mit hellbraunem Fell klopfen mit ihren Schnäbeln auf den Panzer ein wie Spechte auf einen morschen Baum. Dabei machen sie einen recht unbeholfenen Eindruck, als sei ihnen die Lebensweise der Spechte noch neu, gleichzeitig sind sie mit Eifer und Hartnäckigkeit bei der Sache. Einige von ihnen unterbrechen ihre Arbeit, um zu Messner aufzublicken, und setzen sie dann ungerührt fort. Die Tierchen haben einen drolligen Gesichtsausdruck, der Messner an Trottelalke erinnert. Sie machen von allen Kreaturen, die er bisher im Nachkriegsdänemark angetroffen hat, definitiv den harmlosesten Eindruck.
   Leider wird dieser Eindruck durch die Tatsache getrübt, dass ihre Schnäbel manchmal beim Aufschlag auf den Panzerstahl die Funken stieben lassen, was den Gedanken nahe legt, dass sie sehr hart sein müssen. Messner erinnert sich daran, dass steter Tropfen den Stein höhlt, gleitet zurück auf den Fahrersitz, nachdem er die Einstiegsluke fest verschlossen hat, und gibt Fersengeld. Im Rückspiegel kann er beobachten, dass die Tiere ihm aus der Garage hinaus folgen, und dass ihre Unbeholfenheit nur eine scheinbare war, weil einige von ihnen eine ganze Zeit lang mit dem Panzer mithalten können, bevor sie zurückfallen.
   Erst bei der Stadt Ringe hält er wieder an. Der Tag ist weiter fortgeschritten als gedacht, und Messner macht sich klar, dass es eigentlich Zeit für ein ausgedehntes Frühstück wäre. Erstaunlicherweise ist er gar nicht hungrig, obwohl er doch am Tag vorher sehr wenig und an diesem Morgen noch gar nichts zu sich genommen hat. Er hat einen gewissen Verdacht und sieht sich die Wasserflaschen noch einmal an, die er aus der Tankstelle mitgenommen hat, aber die Flüssigkeit darin sieht immer noch aus wie Wasser, sie riecht so und sie schmeckt auch so. Anders das Bier. Er versucht, eine der Dosen zu öffnen, die sich seltsam warm anfühlt, und reißt dabei lediglich den Verschluss ab. Er blinzelt. Links liegt eine Bierdose unüblich warm und unüblich schwer in seiner Hand. Rechts hängt der abgerissene Teil des Bierdosen-Verschlusses wie die Abzugsöse einer Handgranate von seinem Zeigefinger. »Oh Mann«, sagt er, eher müde als ärgerlich, und befördert die Bierdose so schnell es geht durch die geöffnete Fahrertür nach draußen. Er macht sich nicht die Mühe, die Tür zu schließen, sondern wirft sich so flach wie möglich hin. Die Zeit verrinnt, aber nichts passiert. Nach etwa einer Minute schließt er die Tür, setzt sich auf, tritt aufs Gaspedal und rast davon. Einen Kilometer weiter hält er an und sucht die Gegend mit dem Feldstecher ab, wo die Bierdose ungefähr gelandet sein müsste. Die Suche bleibt ergebnislos. Wenn der Inhalt explosiv gewesen ist, dann hat er sich bis jetzt noch nicht zur Detonation herabgelassen. Sicherheitshalber wirft Messner auch die anderen Bierdosen zum Fenster hinaus, und die Sixpacks dazu.
   Bei dieser Übung fällt ihm auf, dass an der Haut um seine Handgelenke seltsame Dinge vorgehen: Es sieht aus, als würden sich die Ärmelbünde seines Uniformhemdes selbstständig bewegen. Er knöpft sie auf und stellt fest, dass die Haut seiner Unterarme von animierten Tätowierungen bedeckt ist. Die sich ständig verändernden Grafiken wogen über seine Haut wie monochrome Fraktale über einen veralteten Computerbildschirm. Messner findet das bedenklich, zieht Hemd und Unterhemd aus und entdeckt, dass sein ganzer Oberkörper so gezeichnet ist. Er entkleidet sich vollständig und bricht in Tränen aus: Alles ist tätowiert, von den Zehen bis zu seinem Petermann. Er will nicht wirklich in den Rückspiegel an der Tür seines Panzers sehen, aber als er sich dazu zwingt, ist sein Gesicht unverändert, abgesehen von den Tränen, die ihm die Wangen hinunterlaufen. Er schluchzt noch immer, als er bemerkt, dass die Ganzkörpertätowierung im Sonnenlicht verblasst, als wäre sie nie da gewesen. Messner traut dem Frieden nicht. Er rechnet damit, dass sie wiederkommt, wenn er sich anzieht, und so setzt er sich fürs Erste nackt in sein Fahrzeug.
   »Es muss das Wasser gewesen sein«, denkt er und hat seine restlichen Wasservorräte schon in die Führerkanzel geschleift, um sie loszuwerden, als ihm klar wird, dass das keinen Sinn macht: Besseres Wasser wird ihm auch der Tiefenbrunnen auf seiner Insel nicht bieten. Beim Zurücktragen der Flaschen nach hinten meditiert er kurz über die Frage, was eigentlich dafür gesorgt haben könnte, dass dieses französische Mineralwasser nunmehr hungerstillend wirkt und fotophobe animierte Ganzkörper-Tätowierungen hervorruft. Er kann nicht einmal annähernd eine Hypothese bilden, weil sich Wasser mit ein paar Mineralsalzen unter normalen Umständen einfach nicht so verhält, nie und nimmer. »Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht das Wasser«, sagt er zu sich selbst, während er nackt und müde über den Wasserkisten kniet. »Vielleicht … vielleicht ist es etwas anderes.«
   Er macht sich auf in Richtung Svendborg. Er fühlt sich ein wenig seltsam, so nackt wie er ist, aber er ist sich auch der Tatsache bewusst, dass niemand ihn in seinem aktuellen Zustand beobachtet – jedenfalls niemand, der in irgendeiner Weise sittlich daran Anstoß nehmen könnte. In diesem Moment wird sich Messner zum ersten Mal seit Ausbruch des Krieges der erschreckenden Freiheit bewusst, die ihm unverhofft zugefallen ist. Er ist der letzte Mensch auf Erden und kann buchstäblich tun und lassen was er will. Die Welt ist sein Sandkasten. Messners Status als moderner Halbgott wird nur durch die unschöne Tatsache in Frage gestellt, dass Form und Aussehen dieses Sandkastens einer enormen Veränderlichkeit unterliegen, und dass der Sand darin nicht nur von einer Minute zur anderen Konsistenz und Materialeigenschaften ändert, sondern auch kurz unter der Oberfläche Gefahren birgt, denen er jederzeit zum Opfer fallen kann.
   Messner empfindet diesen Widerspruch als unangenehm, ja, er erzeugt in ihm sogar ausgesprochenen Stress, wie ihm seine Gefühlsausbrüche der letzten vierundzwanzig Stunden deutlich vor Augen geführt haben.
   Aus den philosophischen Betrachtungen zur Unwägbarkeit seiner Existenz wird Messner erst durch die Tatsache herausgerissen, dass sich ein massiver Höhenzug dort erhebt, wo Svendborg sein sollte. Er war bisher der Meinung, die höchste dänische Erhebung sei das Himmelsbjerget in der Nähe von Aarhus (147 Meter), und sieht diesen Rekord nun durch ein Gebirge gebrochen, das über Nacht aus dem Boden gewachsen ist. Zu seiner Erschütterung trägt auch die deutlich sichtbare Schneedecke auf den Gipfeln der Berge bei, die sie aussehen lässt, als seien sie frisch aus den Alpen importiert. Messner weint noch ein bisschen. Zwar versucht er sich mit der Mutmaßung zu trösten, bei den neu entstandenen Bergen über Svendborg handele es sich um ein ähnliches Phänomen wie bei der Kuppel über Odense, aber je näher er den Bergen kommt, desto sicherer ist er sich: Das sind echte Berge, und das ist echter Schnee. Im Licht dieses Phänomens ergibt auch das bis jetzt hypothetische Erdbeben, das er für die Zerstörung Nørre Lyndelses verantwortlich gemacht hat, einen Sinn – eine geologische Veränderung wie die Ausbildung eines neuen Gebirges innerhalb eines Tages konnte schließlich nicht ohne Folgen bleiben. Er hofft inständig, dass seine Insel im Svenborgsund durch die Gebirgsbildung keinen Schaden genommen hat, bereitet sich mental aber auf das Schlimmste vor. Der Gebirgszug ist außergewöhnlich schroff und steil. Es sieht aus, als habe jemand die Klinge eines gezackten steinernen Messers von innen durch die Erdkrume gestoßen und sei dann plötzlich von seinem Plan abgekommen, den Planeten wie einen Apfel in zwei Teile zu sägen. Messner muss das Gebirge in südwestlicher Richtung weiträumig umfahren. Erst bei Fjellebroen bietet sich ihm eine Möglichkeit, zur Küstenlinie vorzustoßen.
   Im Hafen dieses Fischerdorfs findet er auch geeigneten Dieseltreibstoff, mit dem er seine inzwischen geleerten Ersatzkanister füllt, sowie ein stattliches Boot, das er abzuschleppen gedenkt. Die See ist ruhig, das Wetter ist klar, und der Panzer schwimmt ausgezeichnet. Bei der Insel Skarø, kurz vor der Einfahrt in den Svendborgsund, umfährt er eine Felsengruppe, die ihm bisher unbekannt war. Bei der Suche nach seiner Insel hat er viele Eilande in der Umgebung Fünens gesehen. Sein Gedächtnis ist allgemein sehr gut, aber er kann sich an diese Felsengruppe vor Skarø nicht erinnern, daher bringt er sie mit dem Auftauchen des Gebirges in Verbindung.
   Er bemerkt, dass er seine Hypothese revidieren muss, als sich die Felsengruppe bewegt. Eine Art Kopf erhebt sich an einem langen, schlangenartigen Hals aus dem Wasser, der mit den mobilen Felsen fest in Verbindung zu stehen scheint. Das Tier erfüllt mit erstaunlicher Präzision die Definition eines klassischen Seeungeheuers, abgesehen von der Tatsache, dass Messner keine Augen erkennen kann. Ihr Fehlen hindert die Bestie jedoch nicht daran, schnurstracks auf ihn zuzuhalten, wie von großen Schwimmflossen unter der Wasseroberfläche getrieben. Voller Panik stürzt er zu seinen Waffen, obwohl er weiß, dass sie ihm nicht helfen werden. Er schafft es, in dem schaukelnden Gefährt eine tragbare Panzerabwehrrakete fertig zu machen, und öffnet gerade in dem Augenblick die Dachluke, als das Wesen seinen Kopf zu ihm heruntersenkt. Dieser Kopf ist etwa so groß wie der ganze Panzer, und obwohl das Wesen einen Abstand von etwa fünf Metern einhält, trifft sein Atem Messner wie ein warmer, nach Fleischabfällen stinkender Sturm. Messner ist wie von Sinnen. Er möchte die ganze Zeit schießen, tut es aber nicht. Seine Finger gehorchen ihm nicht mehr. Neugierig umrundet das Wesen mit seinem Kopf den Panzer, als prüfe es, wo es zuerst hineinbeißen soll. Messner bemerkt die Nasenlöcher, die großen schwarzen Warzen auf dem konisch geformten Schädel und die Linie quer über dem »Gesicht«, die wahrscheinlich das Maul darstellt. Trotz aller Panik wünscht er sich Augen, in die er so kurz vor seinem Tod noch einmal blicken könnte, auch wenn sie gelb, von blutroten Adern durchzogen und mit einer geschlitzten Schlangenpupille versehen wären. Außerdem wünscht er sich, er hätte seine Uniform an, das würde die Lächerlichkeit der Konfrontation ein wenig dämpfen und ihr einen eher militärischen Anstrich verleihen.
   Die Sentimentalität und Nutzlosigkeit dieser Gedanken geht ihm erst auf, als der Kopf des Wesens sich schon wieder von ihm entfernt, und als durch die Schwimmbewegungen des Tieres Wasser in die Dachluke hineinzuschwappen beginnt. Messner versucht abzutauchen, dabei löst er aus Versehen seine Panzerabwehrrakete aus, die laut zischend davonzieht. Dies wiederum hat einen nachhaltigen Eindruck auf das Seeungeheuer. Was bis jetzt ein geordneter Rückzug war, nimmt den Charakter einer Flucht an, und Messner gerät in ernste Gefahr, in dem aufgewühlten Meer abzusaufen. Gerade noch rechtzeitig kann er die nutzlose Abschussvorrichtung für die Rakete loslassen und die Luke schließen, bevor die Wellen über ihm hereinbrechen. Die Beschreibungen aus der Betriebsanleitung über die Seegängigkeit des Gefährts erweisen sich als korrekt. Zwar wird Messner für einige Minuten unsanft umhergeschaukelt, aber als das Gröbste vorbei ist, hat die Kiste dichtgehalten und ist definitiv noch schwimm- und manövrierfähig. Nach einer halben Stunde riskiert Messner einen vorsichtigen Blick aus der millimeterweit geöffneten Dachluke, und von dem Ungeheuer ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Er startet den Motor und gibt Vollgas.
   Die Fahrt wird ihm bei acht Knoten recht lang, und er denkt darüber nach, das Schlepptau zu dem Boot zu kappen. Andererseits gibt ihm die geringe Geschwindigkeit nach Umrundung von Skarø ausführlich Gelegenheit, den neuen Vulkan zu beobachten, der sich jenseits des Sunds auf der Insel Tåsinge gebildet hat. Just in dem Moment, als Messner an ihm vorbeischippert, bereitet sich offenbar ein größerer Ausbruch vor und heiß glühende Gaslava wird in dichten orangeroten Feuervorhängen hoch in die Abendluft geschleudert. Messner weiß nicht, was von dieser neuen Offenbarung zu halten ist, aber bevor er eine Entscheidung trifft, ob er das Hauptquartier auf seiner Insel räumen soll, muss er sich erst einmal darüber Gewissheit verschaffen, dass sie überhaupt noch existiert. Er stellt fest, dass dem so ist, und kann sich eine gewisse Erleichterung nicht verhehlen. Wie durch ein Wunder ist der Svendborgsund von den jüngsten geologischen Veränderungen fast verschont geblieben, wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass das Wasser des gesamten südfünischen Meeres etwa anderthalb Meter tiefer steht als bei seiner Abreise. Messner hat daher zunächst Schwierigkeiten, mit dem Panzer anzulanden, denn es lässt sich keine Stelle finden, an der die Räder des Gefährts genug Traktion entwickeln, um auf die Insel hinaufzugelangen. Aber dann schlägt sich Messner vor die Stirn und erinnert sich daran, mit wie viel Mühe er seinerzeit eine Rampe aus Beton am Nordende der Insel hat anlegen lassen, komplett mit Seilwinde, für den Fall nämlich, dass Reparaturen an einem seiner Boote notwendig sind, die nur an Land ausgeführt werden können. Der Panzer rollt die Rampe hoch, als sei sie ein Willkommensteppich, den man für ihn ausgelegt hat.
   Messner atmet tief durch. In gewissem Sinne ist er daheim. Er zieht seine Kleider an, bewaffnet sich, greift die Handlampe und springt hinaus. Die Luft ist still und lau, erfüllt von einem süßlichen, aber nicht unangenehmen Geruch und von den ungewohnten Schreien bisher nicht bekannter Vögel. Das Boot, das er in Fjellebroen requiriert hat, dümpelt noch neben der Betonrampe im seichten Wasser, Messner macht es an einer kleinen Mole fest.
   Messner würde sich jetzt gern ein wenig ausruhen, ein paar seiner gebunkerten Vorräte aus dem Wohnrhombus verzehren und ein wenig Musik hören, aber er weiß, dass er die Insel zumindest grob untersuchen muss, um vor unliebsamen Überraschungen so gut wie möglich gefeit zu sein. Zu seiner Freude findet er die zentralen Einrichtungen, die seinem Überleben dienen, unversehrt. Der Tiefenbrunnen, das Labor, die Vorrats- und Waffenkammern sind alle intakt, und, soweit Messner das im Licht seiner Lampe erkennen kann, unberührt. Neuentwicklungen in Fauna und Flora beschränken sich auf farbenprächtige Vögel, die in den Zweigen des Inselwäldchens vielstimmige Konzerte aufführen, und auf seltsame, dreiblättrige Blümchen, die in dichten Kolonien den Boden zwischen den Bäumen bedecken und jenen süßlichen Geruch verströmen, den Messner schon gleich bei seiner Ankunft wahrgenommen hat. Die Vögel und ihre Musik erinnern ihn zwar an jenen heiklen Aufenthalt auf Borneo, aber er ist froh, dass sich nicht irgendwelche bösartigen Fleischfresser auf seiner Insel breit gemacht haben. Die dreiblättrigen Blümchen hat er im Verdacht, Drogenpflanzen zu sein, denn sie riechen sehr danach, und er nimmt sich vor, sie im Labor gründlich zu untersuchen, genau wie das Wasser aus seinem Tiefenbrunnen. Der aufklappbare Stahlzaun funktioniert nach Plan, wirkt aber angesichts seiner jüngsten Erlebnisse relativ schwächlich – das Seeungeheuer zum Beispiel hätte damit keine Mühe. Der Wohnrhombus hat seine Farbe verändert. Als Messner ihn anstrahlt, schillert er wie ein Regenbogen. Aber er ist weder radioaktiv, noch elektrisch geladen, noch magnetisch, und die verbauten Materialien haben ihre grundlegenden Eigenschaften beibehalten.
   Messner beendet seine vorläufige Untersuchung, es ist 23:11 Uhr. Die Nacht ist nicht völlig dunkel, denn der Vulkanausbruch auf Tasinge, vielleicht zehn Kilometer entfernt, wirft ein Licht an den Himmel wie ein großer Hochofen beim Abstich. Endlich kann sich Messner ein wenig Ruhe gönnen. Er hat noch immer keinen wirklichen Hunger, zwingt sich aber zu einem bescheidenen Mahl. Er schläft ein, ohne es zu wollen.

Der nächste Morgen ist wohltuend friedlich, auch wenn Messner mit verdrehten Knochen aufwacht, weil er die ganze Nacht im Sitzen geschlafen hat, den Rücken an seinen Wohncontainer gelehnt. Anscheinend ist ein wenig Vulkanasche von Tasinge herübergeweht, Messner muss sich auf jeden Fall graue Staubflocken von den Kleidern wischen, und in seiner näheren Umgebung sieht es aus, als habe es geschneit; nichts, was ein kräftiger Regen nicht abwaschen würde. Messner ist froh, nicht im Schlaf von einem massiven Ascheregen begraben worden zu sein. Nach allem, was er auf seiner Reise nach Odense und zurück durchgemacht hat, einen Tod à la Pompeji zu sterben, wäre der Gipfel der Ironie.
   Bei der Morgentoilette entdeckt er: Seine Haut ist intensiv hellrot, vom Kopf bis zu den Zehen. Es handelt sich dabei nicht um die kupferfarbene Tönung, die bei nordamerikanischen Indianern zu beobachten ist, sondern eher um die Farbe, die man vor dem Krieg an reflektierenden Warndreiecken oder den Jacken von Eisenbahnarbeitern beobachten konnte. Da mit diesem Phänomen weder Juckreiz noch sonstige Schmerzen verbunden sind, beschließt er, es zu ignorieren, so gut es geht. Das wird ihm erschwert, weil sich die Vögel aus dem Zentralwäldchen der Insel sehr für seine Hautfarbe interessieren. Während er nackt im Freien duscht, landen sie um ihn herum, blasen ihre Kehlsäcke auf und geben kollerige Laute von sich, die klingen, als stünde die Paarung kurz bevor. Ab und zu erheben sie sich in höchster Erregung in die Luft, um sofort darauf wieder zu landen und mit ihrer Balz fortzufahren. Messner, stur auf seine Körperhygiene konzentriert, kann dennoch nicht umhin, die Tatsache zu bemerken, dass diese Vögel vier Flügel haben, was ihnen in der Luft trotz ihrer Größe eine kolibriartige Manövrierfähigkeit verleiht. Ihr Verhalten wird so aufdringlich, dass Messner zum Abtrocknen in den Wohnrhombus zurückkehren muss.
   Er zieht sich an, stellt sich aus seinen Vorräten ein üppiges Frühstück zusammen und geht vor die Tür, um zu prüfen, ob die Luft jetzt rein ist. Die Vögel sind verschwunden. Ja, frische Milch wäre besser, aber er wird sich an dieses mit Wasser angerührte Milchpulver gewöhnen müssen. Die konservierten Brötchen, die er in seinem Herd aufgebacken hat, werden einmal zur Neige gehen, und er wird sich sein eigenes Brot backen müssen. Er hat das vorhergesehen und entsprechende Maßnahmen ergriffen. Orangensaft ist nicht ewig haltbar, aber möglicherweise gedeihen im Nachkriegsdänemark Orangen oder etwas Vergleichbares. Sein Frühstück verzehrend, findet Messner, dass er durchaus Grund hat, optimistisch zu sein. Langeweile wird schwerlich aufkommen, solange die Natur um ihn herum derart in Aufruhr ist. Er wird viel zu beschäftigt sein, denn schließlich gilt es zu überleben, und in der Zeit, die diesem Hauptanliegen nicht gewidmet werden muss, will die Welt um ihn herum erforscht werden. Außerdem hat Messner eine Mediathek mit mehreren zehntausend Titeln in seinem Wohnrhombus angelegt, die innerhalb seiner Restlebensdauer praktisch nicht aufgearbeitet werden kann, vorausgesetzt diese Lebensdauer wird nicht durch unvorhergesehene Umstände erheblich ausgedehnt. Und schlussendlich ist die Annahme, er sei der letzte Mensch auf Erden, nur eine Arbeitshypothese. Er nimmt sich vor, sie in nächster Zeit zu überprüfen. Messner weiß genau, dass er jetzt, nach diesen zwei anstrengenden Tagen, Ruhe braucht. Danach will er sich auf seine nächste Reise vorbereiten. Es wird nicht morgen geschehen und nicht übermorgen. Aber er wird nach Kopenhagen fahren, dessen ist er gewiss.

© 2004 by Marcus Hammerschmitt
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)

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Originalausgabe
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004
(Berlin: Shayol-Verlag, 2004) 3-926126-42-6 Bestellen
252 Seiten
Siehe auch
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21.05.06 • 10.06.06