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Social Fantasies

Marcus Hammerschmitt

Der Opal

2000 • Leseprobe

Science Fiction > Social Fantasies

Händler

Ich bin Latil, dachte sie zähneknirschend. Als sie es sagen wollte, fielen ihr die Wörter nicht mehr ein, und nur ihre Lippen zitterten leicht über den gebleckten Zähnen. Die Zähne knirschten. Code, dachte sie. Code. Alles sehen, voll da. Und das Tier knirscht mich an, mit meinen eigenen Zähnen. Die Zähne gehörten ihr nicht mehr. Gemahlene Zähne im Wein des Käufers, die Perlen der Pharaonin. Die Zähne von Latil. Ich bin L–, dachte Latil, und weiter kam sie nicht, denn die Umcodierung fraß sich gerade an einer Stelle durch ihr Großhirn, das für die Fähigkeit verantwortlich war, ›A‹ zu denken. Ich. Ihre geballten Fäuste wirkten lächerlich, Maschinenteile, beziehungslos hingehängt vor den altmodischen Glasspiegel, in dem sich auch ihr Gesicht, ihre Zähne, ihre Schultern, ihre Brüste und der Ansatz ihrer Bauchmuskeln spiegelten. Latil konnte ihren Kopf nicht mehr drehen. Zähne sind wichtig, dachte sie. Ich hätte nicht –. ›Ä‹ war denkbar, ›A‹ nicht. Ihre Kiefer begannen zu schmerzen. Sie war vor dieser Nebenwirkung gewarnt worden, in allen Hauptsprachen des Sektors. Das metallisch glänzende Tütchen lag vor dem Spiegel, ein wenig von dem weißen Pulver klebte noch an dem rohen Riss, den Latil an den Mund gesetzt hatte, um den Inhalt einzuatmen. Einatmen, nicht schlucken. Das war die Kunst. Auch wenn sich die Lunge wehrte. Wenn das Pulver verdaut wurde, wirkte es nicht. Nur über die Lunge. Ihre Lungen brannten, als habe sie flüssiges Blei eingeatmet. Sie lebte, weil sich ihr Brustkorb hob und senkte. Blasebalg, hätte sie gerne gedacht, aber während ›A‹ langsam wieder frei wurde, war ›B‹ jetzt besetzt, und ›L‹ war seltsam verwaschen.
   Latil sah die Tätowierungen an ihren Oberarmen entlangzüngeln, von den Handgelenken bis zu den Ellenbogen. Neoarabische Kalligraphie, feine tätowierte Zungen, in stilettscharfen Spitzen auslaufend, wie die Blätter eines blauen Grases. Ihre Kennung. Sie schwitzte trotz ihrer Nacktheit und war dankbar für die Kühlung. Das gute Tier knirscht mit den Zähnen. Jetzt lachen, dachte sie, und alles ist vorbei. Wenn das Pulver bei seiner Arbeit gestört wurde, konnte es sie auch auswischen wie einen Strich Kreide. Auch das hatte ihr die würfelförmige Verpackung des silbrigen Tütchens erklärt. Moderne Zeiten, jetzt schon ewig. Ihre kurzen Haare standen ab wie unter Spannung. Noch eine halbe Stunde, sagte eine Stimme aus der Mitte ihres Gehirns. Fünf Minuten erst vorbei. Überall Schweiß. Ihre winzigen Brüste waren fast völlig aufgespannt über ihren steinhart verkrampften Brustmuskeln. Ihr Körper begann unwillkürlich zu zucken, wahrscheinlich weil die betreffenden Gehirnregionen umcodiert wurden, und sie hoffte nur, dass der Sicherheitsrechner ihre Tätowierungen auch lesen konnte, wenn ihre Arme zuckten. Der linke Arm ihr Name, der rechte ihr Motto: Die Kraft der Schmerzen. Zum Glück dauerte das Zucken nicht sehr lang, sie fühlte sich sehr verwundbar in diesem Zustand. In ihrem nutzlosen Körper, der nur von verkrampften und durchsäuerten Muskelpaketen in seinen Grenzen gehalten wurde, rikoschettierte noch das Echo der Angst, als sie die andere Tätowierung auf ihrer Brust wieder entziffern konnte. Dort stand in allen Hauptsprachen des Sektors: »Ich habe kein Geld.« In Lepant und Elingwe war das gleichbedeutend mit »Ich bin ehrlos« bzw. »Die Götter verachten mich.« Der Tätowierer hatte ganze Arbeit geleistet. Je weiter die Zeilen an ihrem Körper abstiegen, desto beleidigender wurden die Übersetzungen. Wie immer hätte Latil beim Anblick der Sprüche lachen mögen, weil für die Kennungskalligraphie auf ihren Unterarmen und für die Beleidigungen auf ihrem Bauch derselbe Künstler verantwortlich war. In Wirklichkeit hing beides eng miteinander zusammen. Sie hatte eine Kennungstätowierung gebraucht und kein Geld mehr gehabt. Also hatte der Künstler sie auf seine Weise bezahlen lassen. Auf Morpheus tätowierte man nach hohen künstlerischen Standards. Überhaupt bewegte sich dort das Kunsthandwerk auf einem hohen Niveau. Die Beleidigungen auf ihrer Brust und ihrem Bauch ließen sich nicht entfernen. Wer es doch versuchte, konnte an der giftig gewordenen Tinte sein Gedächtnis verlieren, wahnsinnig werden, sterben. In einer kleinen Kartusche, links neben ihrem Nabel, hatte der Tätowierer sein Namenskürzel hinterlassen, gewissermaßen als Rechnungsadresse.
   Ich sollte nach Morpheus zurückgehen, dachte Latil, die Rechnung bezahlen. Schwierig, dachte sie, schwierig. Ihr ganzer Oberkörper war schweißnass. Von ihrem Chip, der in dem leise tickenden Anzeiger an der Wand steckte, wurde Minute um Minute abgebucht. Ein teures Hotel, mit halbhumanen Angestellten. Aber sich in einem der dreckigen Automatenhotels mit ein oder zwei Ratten das Zimmer teilen, die sich durch die Isolierung genagt hatten? Danke, danke nein. Im grellen Licht der Deckenlampen wirkte ihre Haut jetzt wie geölt. Man konnte die kleinen kreisrunden Narben fast nicht sehen. Helle kleine Monde an ihren Armen und ihren Brüsten. An ihren sozusagen nicht vorhandenen Brüsten. An ihrem Hosenbund, dessen Gummizug schon etwas ausgeleiert war, begann der Schweiß einen Trauerrand zu bilden. Die Haut ihrer Hände brannte, wo die Fingernägel sich eingegraben hatten. »Lass es doch vorbei sein«, bat sie niemand Bestimmtes. Und dann war es wirklich vorbei. Sie fiel hin wie ein nasser Sack. Einer neuen Sprache mächtig.

Als sie drei Stunden später wieder aufwachte, waren ihre Gelenke voller Sand. Sie hatte von der Spindel geträumt. Das Aufstehen machte ihr Mühe, ihr Gaumen fühlte sich an wie trockenes Rattenfell, ihr Herz schien nicht an der richtigen Stelle zu sein. Muskelkater war nicht der richtige Begriff. Sie war unterkühlt. Der Verbrauchsanzeiger stand auf 1%, sie musste so schnell wie möglich von hier verschwinden. Sie verzichtete aus Kostengründen auf die Dusche und klebte sich ein Desinfektorplättchen auf den Bauch. Der Schweißrand an ihrem Hosensaum war schon getrocknet. Sie warf sich ein ärmelloses Hemd über, packte ihren Mist in die Tasche, die all ihre Reichtümer enthielt (vor allem den Druckanzug), riss den Chip aus dem Anzeiger und wurde von dem Zimmer deswegen mit losen Schuhbändern vor die Tür gebeten. Die Desinfektion begann, während die Tür sich schloss. Klick-klick-klick machte es in ihrem Hirn, während sie in der spiegelnden Tür den Aufdruck auf ihrem Hemd zu lesen versuchte. buh stand da, spiegelverkehrt.
   »Habe ich was vergessen?«, fragte sie müde.
   »Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an das Personal. Danke, dass Sie unser Gast waren.«
   »Ich will mich nicht an das Personal wenden«, sagte sie so laut, dass es in ihren eigenen Ohren falsch klang. »Ich will von dir wissen, ob ich etwas vergessen habe.«
   »Wenden Sie sich bitte an das Personal. Dieses Zimmer wird gerade desinfiziert und ist aufgrund einer Anschlussbuchung für die nächsten zwei Tage nicht verfügbar. Fundstücke werden Ihnen automatisch an die Heimatadresse nachgeschickt.«
   Latil rief sich ins Gedächtnis, dass sie mit einer Tür sprach, und gab es auf. Heimatadresse, das war gut. Sie wusste nicht einmal mehr, was sie als Heimatadresse angegeben hatte. Sie folgte den Pfeilen, auf denen ›Ausgang‹ stand, und denen ein kleines rotes Männchen ohne Geschlechtsmerkmale hinterherlief. Das Blumenmuster des Teppichbodens erfüllte sie mit dem Wunsch, es zu beschmutzen. Sie entdeckte das Kameraauge gerade noch rechtzeitig, ihre Backen waren schon zum Ausrotzen aufgeblasen. Sei brav, sagte sie sich, nachdem sie ihren eigenen Speichel geschluckt hatte. Sei rational. In einem Hotel auszuspucken hatte sie schon einmal 5% gekostet. Dass sie ihre Ohrstöpsel in dem Zimmer vergessen hatte, bemerkte sie erst auf einem anderen Deck.

Sie fluchte noch leise vor sich hin, als sie schon in der Schlange vor dem Billigfress stand, mit dem winzigen Tablett in der Hand. Die Ohrstöpsel waren ihren Gehörgängen individuell angepasst worden und hatten deswegen fast 1% gekostet. Jetzt wurden sie gerade desinfiziert, verpackt, eingeschweißt, adressiert und zu der Ladung Fundstücke getan, die an die Heimatadressen ihrer Eigentümer zurückgeschickt werden sollten. Sie hatte keine aZeit mehr, sich mit dem humanoiden Personal des Hotels auseinander zu setzen. Sie musste in einer Stunde auf dem Fremdendeck sein, um sich mit der Passage englouti zu treffen. Trotzdem fluchte sie leise, während sie in der Schlange vor dem Billigfress stand. Sie fluchte, bis ihr jemand von hinten einen Stoß gab, ihrem Gefühl nach mit einem Tablett, nicht sehr fest, aber immer noch deutlich genug, um sie wissen zu lassen, dass sie still sein sollte. Sie drehte sich nicht um. Keinen Streit jetzt. Nur keinen Streit. Sie gönnte sich nicht einmal einen Blick aus den Augenwinkeln. Der Schnellfress war riesig, und sie fand so früh am Mittag noch einen freien Tisch. Weil sie nicht über den Verlust der Ohrstöpsel in der ihr genehmen Weise hatte fluchen dürfen, breiteten sich Wut und Selbsthass wie Qualm in ihr aus, und sie bemerkte recht wenig um sich herum, nicht die anderen Fresser, nicht die zerkratzte Oberfläche des Tisches, nicht die Arme der gierigen und süchtigen Mondos, die aus dem gigantischen Halb-3D in den Luftraum über den Tischen hinausragten. Sie merkte nicht einmal, wie sich die Fremde an ihren Tisch setzte. Erst ein umstürzendes Sandwich, das silbrige Aufleuchten der Verpackung in genau diesem Moment der Bewegung, machte sie darauf aufmerksam, dass sich jemand zu ihr gesetzt hatte. Latil hasste aufdringliche Leute und sie sparte sich die Begrüßung, genauso wie die andere. Bloß keine Nettigkeiten in diesen sparsamen Zeiten. Schwarzhaarig, schmales Gesicht, lange Finger. Irgendein modischer Modellierungsscheiß hielt ihre zickigen Locken wie gegipst am Schädel fest. Vergrößerte Augen. Als die Fremde die Verpackung der Sandwiches aufriss, rutschte ihr Ärmelbund leicht zurück, und eine Kennungstätowierung wurde sichtbar. Neoarabische Lanzetten. Oh, dachte Latil ein wenig gelangweilt, riss ihren Hemdsärmel am Adhäsionsverschluss auf und legte ihren muskulösen Unterarm wie ein Angebot zum Streit quer über den Tisch. Die Fremde stockte, packte wortlos ihre Siebensachen und setzte sich eins weiter, mit dem Rücken zu Latil. Was glaubst du eigentlich, dachte Latil und aß belustigt weiter. Ihr Ärger war fast verflogen. Sie sah sich die Mondos an, die weiterhin ihre schlanken Arme in den Raum hinausstreckten und für ein ihr unbekanntes Produkt Werbung machten. Die Arme schlängelten sich wie Wasserpflanzen.
   »Hinter dir«, kam es aus der Richtung der fremden Clansfrau, und Latil überlegte für Sekundenbruchteile, was das jetzt wieder bedeuten könnte. Sie überlegte noch, als die Synapsen in Hirn und rechtem Arm den Sinngehalt dieses Einwurfs mit dem winzigen Luftzug an ihren Füßen kombinierten. Ja, in der Tat, ein ganz leichter Luftzug in Höhe der Sprunggelenke. Was mag das wohl heißen, ›Hinter dir‹?, sinnierte der philosophisch veranlagte Teil von Latils Gehirn, während ihre um das Fresstablett gekrallte Faust einen Halbkreis beschrieb und mit einem dumpfen Geräusch auf einer Struktur auftraf, die Latil aus den Augenwinkeln als Gesicht identifizierte. Der Mann hatte kaum den Boden berührt, als Latil schon auf seiner Brust kniete. Er hielt noch eine Trageschlaufe ihrer Tasche in der rechten Hand. An seiner Schläfe klaffte eine hässliche Platzwunde. Latil brachte ihn mit zwei kräftigen Ohrfeigen zur Besinnung. Er sah sie stumm und gequält aus braunen Augen an. Sie ließ die Reste des Erfrischungsgetränks, mit dem das Tablett immer noch benetzt war, auf seine Nase tropfen.
   »Bezahlst du mir das?«
   Er zog mit einiger Mühe eine altmodische Zählbox von seinem Gürtel und presste sie an das rosafarbene Chipgehäuse, das Latil ihm hinstreckte.
   »Danke schön.«
   Sie tippte noch einmal die Platzwunde an, woraufhin der Dieb schmerzlich sein Gesicht verzog, und stand dann auf. Als sich auch der Dieb mühsam aufgerappelt hatte, stand eine Uniform vor ihnen, erkennbar dem Stationssicherheitsdienst zuzuordnen.
   »Probleme?«, fragten die Helmlautsprecher, und Latil antwortete gelassen: »Kleiner Streit unter Freunden«, wobei sie dem Dieb etwas fest die linke Wange tätschelte. Als sie damit fertig war, konnte der Dieb diensteifrig nicken, und der Sicherheitsmann nahm die Hand von seiner Waffe und zog sich zurück.
   »O ka nani«, sagte der Dieb in Latils Richtung und sprang davon, hinein in die jetzt dichter strömenden Schnellfresser, die mit ihren Tabletts wie ein Heuschreckenschwarm über die noch unbesetzten Tische herfielen. Latil setzte sich wieder. Die Tischplatte reinigte sich gerade selbsttätig von den Überresten ihres Essens. Es klingelte in ihren Ohren, als sie die Tasche wieder zwischen ihre Füße schob. Die andere Clansfrau war schon verschwunden.

Sie war lange nicht ohne Schwere gewesen. Sie hatte Mühe, sich in ihrem Körper zurechtzufinden, vor allem nach den Exzessen des Morgens und ihrem jäh unterbrochenen Mittagessen, aber sie brauchte ein Lexikon, sie hatte keine Wahl. Der ›Markt‹ machte ihr nicht nur Kummer, weil er G-frei war. Er erinnerte sie auch an die Spindel und sie musste ständig ihre Augen offen halten, um nicht zu deutlich daran erinnert zu werden. Aber sorgloses Dahintreiben war hier ohnehin keine gute Idee, nicht nur wegen all den anderen Käufern, mit denen der Luftraum verstopft war, sondern auch wegen der fliegenden Händler, die ihre Läden an Seilen hinter sich herzogen, während sie selbst oder die armen Schweine, die für sie arbeiteten, wie Spinnen an den Sprossenwänden entlangkrochen, die hier eine zielgerichtete Bewegung überhaupt erst ermöglichten. Der Markt war Mittelalter. Eselkarren gab es hier nur deswegen nicht, weil Zugtiere mit der Schwerelosigkeit noch schlechter zurechtkamen als Menschen. Dort, wo die Wände nicht mit Klettersprossen bedeckt waren, hingen die Läden der Sesshaften, einer Händlerkaste, die sozial über dem fahrenden Volk angesiedelt war, das sein ganzes Gelumpe an Seilen hinter sich hertreideln musste. Die Sesshaften waren meistens besser sortiert und daher teurer.
   Latil wollte dennoch bei einem von ihnen kaufen, weil es reines Glück gewesen wäre, bei einem fliegenden Händler ein wirklich gut erhaltenes Lexikon zu finden, und sie konnte sich jetzt nicht auf ihr Glück verlassen. Nicht, wenn sie pünktlich zu ihrem Rendezvous kommen wollte. Außerdem hatte sie in einem der schwarzen Zelte gestern schon das Pulver gekauft. Also kletterte Latil mit ihrer Tasche auf dem Rücken so schnell wie möglich auf eine Traube von Läden zu, die ihr aufgrund ihrer einheitlich anthrazitschwarzen Farbgebung Vertrauen einflößten. Was ihr auf dem Weg dorthin angeboten wurde, würdigte sie keines Blickes, weil sie nichts davon gebrauchen konnte: essbare oder kuschelige Haustiere, Pivotin, Friedensblasen, Mietkörper, Falschgeld, Lügen. Mist. Gleich der erste der anthrazitschwarzen Händler hatte auch Lexika im Angebot. Als Latil in seinen zeltartigen Unterstand hineinkletterte, hing er an der Decke. Seine Arme und Beine steckten in metallischen Röhren. Er sang. Latil erkannte den neuesten Mondo-Hit der Saison. A so im tan, tan tedy. Das Innere seines schwarzen Zeltes wurde von einem gleißenden Zenonlicht so hell ausgeleuchtet, dass die in weichen Plastikwürfeln steckenden Waren fast zweidimensional wirkten. Latil war noch nicht mit allen Körperteilen in dem Zelt angekommen, als der Händler in Bewegung geriet. Was Latil für Röhren gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Stümpfe.
   »Was suchst du?«, fragte der Händler freundlich.
   »Ein Lexikon.«
   »Ah, ein Lexikon! Bildung! Lexika habe ich einige.« Er zeigte mit einem seiner Armstümpfe auf eine Kollektion von vielleicht zehn Plastikwürfeln. Er öffnete einen der Würfel, indem er ihn mit seinem Stumpf berührte. Die Wände des Würfels wichen zurück und rollten sich ein wie bei einer Blüte, die sich öffnet. Der kleine Gegenstand, der auf dem Blütengrund ruhte, sah aus wie ein Pistolengriff.
   »Sieh her«, sagte der Händler, »ich habe hier eine Engelszunge, ganz neu, selbstanpassend, charaktermodelliert, mit allem Zubehör.«
   Er wartete auf Latils Frage. Latil blieb stumm.
   »20%, standardisiert.« s
   »Ich kann 5% ausgeben, Tagesbasis.«
   Sie hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, eine Engelszunge kaufen zu können.
   »Ah«, sagte der Händler und versuchte dabei nicht einmal wie ein mäßig überraschtes Schlitzohr zu wirken, das seine Kunden schon taxiert hat, bevor sie den Mund aufmachen. Er war nur freundlich, er nahm Latils Auskunft nur zur Kenntnis. Eine Zeit lang hielt er seine Armstümpfe überkreuz und machte allein dadurch einen erstaunlich nachdenklichen Eindruck, dann schwebte er zu einem anderen Plastikwürfel und öffnete ihn zögernd. Er nahm den Gegenstand aus dem Blütenwürfel heraus, ohne ihn mit seinem Stumpf zu berühren. Als er Latil das Gerät präsentierte, drehte es sich schwebend an der Stelle, an der früher seine rechte Hand gewesen sein musste.
   »Das ist ein Freund, ein bisschen anspruchsloser als eine Engelszunge, ohne Charaktermodell, aber dafür mit fünfundzwanzig frei programmierbaren Modi.«
   »Alle Sprachen?«, fragte Latil kühl.
   »Ja«, antwortete der Händler genauso knapp. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Er hat einen leichten Defekt.«
   »Und der wäre?«, fragte Latil, die langsam unter Zeitdruck geriet.
   »Er redet zu viel.«
   Latil griff sich den Freund aus der Luft und schaltete ihn ein. Der Händler ließ es geschehen.
   »Guten Tag«, sagte der Freund, »ich bin dein persönliches Lexikon. Wie heißt du?«
   »Sprich Taa mit mir«, forderte Latil das Lexikon auf, und es wiederholte seine Frage in der Sprache, die das Pulver ihr beigebracht hatte. Der Händler verzog keine Miene.
   »Die Gründungsakte des Sektors?«
   »Wir verstehen selten alles, bevor wir handeln –«, begann das Lexikon in Taa zu rezitieren.
   »Danke«, unterbrach Latil eilig, nicht ohne bemerkt zu haben, dass das Lexikon schon einige Jahre nicht mehr Taa gesprochen hatte, die Peptide in dem kleinen silberfarbenen Tütchen waren aktueller gewesen.
   »Der große Schritt?«, sagte sie.
   »2411«, antwortete der Freund.
   »Ich will ihn kaufen«, sagte Latil zu dem Händler, und erst an seinem fragenden Gesichtsausdruck merkte sie, dass sie Taa mit ihm gesprochen hatte.
   »Ich will ihn kaufen!«, sagte sie auf Standard.
   »Ich gebe ihn dir für 4,5% TB, wenn du mir dein Raumzeichen sagst.« h
   »Medusa«, sagte sie und streckte ihr rosafarbenes Chipgehäuse in die Höhe. Er hielt seinen linken Stumpf für eine Sekunde in die Nähe des Chips, und die Zählanzeige sprang um 4,5% zurück. Latil manövrierte ihre Beine schon durch die Eingangsöffnung des Zelts, als der Händler sagte: »Einer meiner Hauptväter hat vom Opal immer gesagt, dass –«
   »Ich bin ein Flaschenkind«, antwortete Latil, den Kopf zurückgebeugt, und schob sich schnell aus dem Zelt hinaus, bevor er antworten konnte. Astrologen!, dachte sie verächtlich. Sie kannte ihr Raumzeichen nicht einmal. Für einen solchen Schnickschnack hatte sie keine Zeit.
   Die Raumstadt hatte einige Sonnen angezündet. Die Käufer und Händler wichen ihnen vorsichtig aus, obwohl sie völlig harmlos waren. Als sie auf einen der Druckstutzen zukletterte, erfüllte plötzlich ein hoher Ton den ganzen Markt, und zwischen den Sonnen materialisierten sich Münder. Als sie sprachen, schimmerten ihre Zähne im Licht der Sonnen.
   »Bitte haltet euch fest«, sagten die Münder in besorgtem Tonfall. »Wir leiten eine Bahnkorrektur ein. Niemand soll zu Schaden kommen. Haltet euch fest. Sichert eure Waren. Niemand soll zu Schaden kommen.«
   Latil kletterte unbekümmert weiter. Ernste Warnungen klangen anders. Am Druckstutzen hatte ein Fettsack Mühe, sich in eine der Kabinen hineinzuverfrachten. So lange er nicht losgefahren war, war der Druckstutzen blockiert. Sein Gefummle und Geschie_be machte Latil so nervös, dass sie mit einem Tritt in seinen Hintern nachhalf und mit der flachen Hand auf den Startknopf schlug, während sich die Kabine automatisch versiegelte. Hoffentlich fuhr er nicht zur Hölle, wo die Abfälle der Raumstadt recycelt wurden. Sie schlängelte sich selbst in die nächste frei gewordene Kabine hinein und ließ sich auf das Fremdendeck schießen. Als die Kabine beschleunigte, fragte sie sich kurz, wen die Münder eigentlich immer mit ›wir‹ meinten.

Der Infoguru kam genau auf sie zu. Sie war so schwach vor Nervosität, sie hatte so wenig gegessen und geruht, dass sie sich nicht wehren konnte, und der Infoguru spürte das mit der Sicherheit des geborenen Missionars. Als er vor ihr stand, verfluchte sie den Hafenmeister, seine Mutter, seine Großmutter und seinen ganzen Stammbaum bis ins zehnte Glied vor seiner Geburt.
   »Hallo«, sagte der Infoguru mit der weichen Stimme, die allen Missionaren eigen ist, wenn sie auf Jagd sind. Sein schwarzer, eng anliegender Anzug schloss an seinem Hals mit einem messerscharfen Kragen ab. Die Augen waren so groß, dass sie fast die ganze obere Gesichtshälfte einnahmen. Aus seiner ansonsten kahlen Kopfhaut ragten kurze schwarze Stifte.
   »Wie heißt du?«, fragte Latil in einem flüchtigen Versuch der Gegenwehr, weil sie wusste, dass die Infogurus diese Frage nicht mochten. Ich will mein Schiff sehen, dachte sie. Die Tür zur Kabine des Hafenmeisters war immer noch verschlossen, wie zugeschweißt, seit einer Viertelstunde. Das blaue gewellte Plastikband, auf dem sie seit einer Stunde saß, fühlte sich plötzlich heiß an. Wenn sie ihr Rendezvous mit der Passage englouti verpasste, konnte sie nur noch als Ziege in einem Billigbums anheuern: Dann würden die Tage vergehen, indem sie ihren Hintern an ein gelochtes Brett heftete, damit die Matrosen ihr Ding in sie hineinsteckten. Sie tat, als würde sie den Infoguru nicht sehen, und nestelte den Freund aus ihrer Tasche.
   »Ich bin ein Heiliger«, sagte der Infoguru, nachdem er zu Ende überlegt hatte.
   Latil fragte den Freund auf Taa: »Was ist eine Ziege?«
   »Ein Haustier auf der Erde. Die Ziege gilt seit alters her –«
   »Danke«, sagte Latil und schaltete den Freund wieder ab.
   Der Infoguru hatte höflich abgewartet, bis sie mit ihrem Gespräch fertig war. Latil wusste, er würde nicht weggehen, bis er sein Sprüchlein losgeworden war.
   »Ich möchte dir etwas zeigen«, sagte er voll gefasster Erwartung.
   »Ist das wahr?«, fragte sie zuckersüß. Es juckte sie in ihrem rechten Bein, dem Stoppelkopf in die Eier zu treten. Infogurus hatten keine Hoden.
   »Und wenn ich es nicht sehen will?«
   »Ich möchte es dir sehr gerne zeigen«, sagte er. »Ich schenke dir etwas, wenn du es anschaust.«
   Latil stellte sich vor, wie sie diesen Wicht zerfleischte. Sie stellte es sich nur vor. Infogurus kamen sofort in den Himmel, wenn sie für ihre Religion starben. Ihre Mörder kamen in allen Raumstädten des Sektors in die Hölle: Abfallrecycling auf Lebenszeit. Latil stand auf, streckte ihren rechten Arm aus und ballte ihre Faust. Die angespannten Muskeln bildeten Knoten auf ihrem Unterarm. Die blauen Blattlanzetten ihrer Tätowierung liefen wie über kleine Buckel. Latil fletschte ihre Zähne. Der Infoguru trat nicht einen Zentimeter zurück. Nur ein wenig Schweiß auf seiner Stirn. Wenigstens kannst du noch schwitzen, du Scheißkerl, dachte Latil.
   »Ich schenke dir etwas!«
   »Ach ja?«, fragte Latil und zog ihre Faust ein wenig zurück, wie zum Ausholen. Die anderen Wartenden starrten sie und den Infoguru an. Endlich passierte mal was.
   »Geld!«, rief der Guru, jetzt doch etwas beunruhigt.
   Das war neu. Normalerweise verschenkten die Infogurus nichts. Latil setzte sich und zog dabei den Infoguru zu sich herunter wie eine Puppe. Sie knallte ihn auf den Sitz neben sich und fragte: »Wie viel?«
   »0,005%.«
   »TB oder standardisiert?«, fragte sie fiebrig. Das hier war ein Fremdendeck, also exterritorial, also steuerfrei.
   »Standardisiert.«
   »Erst das Geld«, sagte sie und fischte ihren Chip heraus. Irgendjemand hinter ihr lachte. Der Infoguru presste ihn sich an die Brust, Latil überprüfte die Anzeige. »Mach schnell«, sagte sie.
   »Nur zehn Sekunden«, sagte der Infoguru, zog einen seiner Ringe ab, streifte ihn über Latils rechten Ringfinger und drückte seinen rechten Daumen an ihre Stirn. »Sieh her.«
   Latils Schädel fühlte sich von einem Moment auf den anderen an, als würde er platzen. Ein Orkan aus verbrannten Städten und niedergemetzelten Menschen wirbelte in ihrem Kopf herum. Naturkatastrophen. Morde. Einstürzende Gebäude. Verbrennende Schiffe in der Atmosphäre von Planeten, deren Namen sie nicht kannte. Auslaufender Treibstoff. Verrottende Reaktoren. Dammbrüche. Tränen. Lager. Lügen. Leichen. Latil sah zehn Sekunden lang Nachrichten aus hundert Planetensystemen. Es waren ausschließlich schlechte Nachrichten. Von den Antennen des Infogurus über seinen Daumen und den schwarzen Ring an ihrem Finger direkt in ihr Gehirn. Das war im Grunde schon die ganze Religion der Infogurus: pausenlos mit dem Elend aller Welten in Kontakt zu sein. Ihr Glaube lief darauf hinaus, dass das Elend von selbst verschwinden würde, wenn alle fühlenden Wesen es nur jederzeit wahrnähmen. ›Sieh her‹ war im Grunde ihr einziges Gebet.
   »Danke«, sagte der Infoguru, und endlich war es vorbei.
   »Passage englouti«,
sagte der Lautsprecher an der Decke. Taumelnd bewegte sie sich auf die Kabine des Hafenmeisters zu. Ihre Tasche kam ihr zu schwer vor. Bevor die Tür zum Büro des Hafenmeisters zuglitt, konnte sie gerade noch hören, wie der Infoguru zu jemand anderem sagte: »Ich möchte dir etwas schenken.«

Der Hafenmeister saß hinter einem Leuchttisch, auf dem die Raumstadt dargestellt war. »Wo bleiben Sie denn?«, sagte er in einem Tonfall gelangweilten Tadels. »Ihr Schiff ist schon sehr ungeduldig.«
   Latil setzte sich wortlos, legte ihren Unterarm auf den Tisch und ließ sich registrieren. Die flackernden Nachbilder von den Katastrophen des Infogurus spukten noch in ihrem Schädel herum. Kämpf nicht mit ihm, dachte sie, er ist nur ein Insekt. Nur Reflexe, kein wirkliches ZNS. Er sah nicht sie, sondern den Leuchttisch an, die ständig wechselnden Diagramme, Gittermodelle und Kameraeinstellungen.
   »Ich habe mich mit dem Schiff über Sie unterhalten. Sie sind von Ihrem Clan heruntergestuft worden. Das zweite Mal innerhalb eines Jahres. Einmal wegen Ihrer ständigen Misserfolge, das andere Mal wegen ›Selbstverletzung‹, was immer das heißen mag.«
   Er ist es nicht wert, sagte sie sich. Sie meditierte über dieser Idee. Er will dich nur provozieren. Lass das nicht zu.
   »Ich bin hier der Hafenmeister. Es gehört zu meinen Pflichten, die charakterliche Eignung der Piloten zu prüfen.«
   »Selbstverständlich«, sagte sie devot. Sie konnte spüren, wie das Schiff wartete. Es würde nicht mehr lange warten.
   »Bei Ihnen bin ich mir da nicht so sicher. Sie scheinen mir eine etwas unzuverlässige Kandidatin zu sein. In Ihren Daten gibt es allerhand ungeklärte Punkte. Sie sind einmal wegen eines Gewaltdelikts verurteilt worden.«
   »Angeklagt, nicht verurteilt. Der Prozess endete mit einem Freispruch. Bitte lassen Sie mich jetzt zu meinem Schiff.« Ich bring dich um, dachte sie. Ich schmier dein Gehirn über den Tisch.
   Der Hafenmeister studierte scheinbar eine Liste. »Ah ja, tatsächlich. Nun, wie heißt es so schön: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Sie sind bestimmt nicht umsonst angeklagt worden. Ich spüre das.«
   Latil sah ihn an. Sei leer, sagte sie sich. Sei leer, und er kann dich nicht kitzeln.
   Eines der Felder auf seinem Tisch zeigte ihr Gesicht. Der Hafenmeister rieb mit seinem Zeigefinger darauf herum, als wollte er es wegradieren.
   »Wenn Sie Sprachen lernen wollen, warum nehmen Sie dann solche Pulver«, fragte er fast schmollend. »Es gibt hier gute Sprachschulen. In ein bis zwei Wochen hätten Sie Taa passabel gesprochen. Stattdessen immer diese Pulver und andere Sachen, die niemand wirklich braucht. Diese Schnelllebigkeit in unserer Zeit macht mich krank.«
   »Ich bin in Eile, Euer Exzellenz. Ich muss schnell zum Opal. Daher musste ich die Sprache schnell lernen. Bitte lassen Sie mich jetzt zu meinem Schiff. Hoheit.«
   Es hatte so natürlich und angenehm geklungen wie ein Nagel, der über Blech kratzt. Er hob den Kopf. Ein nichts sagendes Bürokratengesicht.
   »Ich will mal nicht so sein«, sagte er. »Passage englouti, Deck Frohe Erwartung, Box 24 a/l. Hier ist Ihr Passierchip.«
   Er warf ein schwarz-weißes Plättchen auf den Tisch. Der gezackte Passierchip brannte kühl in Latils Hand, als sie ihre Finger darum schloss. Sie stand auf. Der Hafenmeister stand auf. Seine Hose war so geschnitten, dass sie sein erigiertes Geschlecht freigab. Der Penis war zu lang und zu dick, um natürlich gewachsen zu sein. Die blaurot angeschwollene Eichel war so groß wie ein Hühnerei.
   »Sie haben also kein Geld«, sagte er nüchtern. »Sie werden auch nie welches bekommen.«
   Als sich die Tür hinter Latil schloss, spürte sie bizarrerweise so etwas wie Mitleid. Ithyphallismus war im Sektor eigentlich vor zwei Jahren Mode gewesen. Möglicherweise konnte sich der Hafenmeister die Rückoperation nicht leisten.

Trotz dieses Anflugs von Mitleid fühlte sie sich auf dem Weg zur Frohen Erwartung beschmutzt. Sie wollte sich die Kleider vom Leib reißen, sie wollte sich in klares Wasser stürzen und darin baden, bis alle schlechten Gedanken und Gefühle von ihr abgewaschen waren. Sie wollte baden, bis sie reich war und charakterlich geeignet und frei genug, alle Hafenmeister dieser Welt zu erwürgen, wenn es nötig war. Sie schlug mit aller Kraft auf die Knöpfe an den Aufzügen ein und trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen, während sie fuhr. Sie rannte. Ihre Lungen brannten. »Frohe Erwartung!«, schrie sie immer, wenn sie aus dem Aufzug sprang, damit das Leitsystem ihr den Weg ansagen konnte. »Erste rechts«, »Aufzug drittes Geschoss«, »Blauer Gang«, »Grüner Gang«, »Den Leuchtpfeil en nach«. Eigentlich war sie gut in Form, aber die schwere Tasche zehrte an ihren Kräften. Und zwei- oder dreimal hörte sie nicht genau genug hin und verfuhr sich. Auf der Frohen Erwartung angekommen, schrie sie nur noch »Box 24 a/l«, wie eine Verrückte, die in der Fremde alle Leute lauthals nach etwas fragt, was es dort seit Jahren nicht mehr gibt.
   In der leicht ansteigenden Röhre zu ihrer Box bemerkte sie zunächst die Schwingungen nicht. Pam-pam-pam machten ihre Füße auf dem schallgedämpften Boden. Aber etwa hundert Meter vor der Tür zur Box hörte und spürte sie das dumpfe Dröhnen doch, das umso lauter wurde, je näher sie der Tür kam. Und erst zwanzig Meter später hatte sich die Erkenntnis durch ihre körperliche Erschöpfung hindurchgefressen, dass alles umsonst gewesen war. Die Passage englouti startete. Daher das dumpfe Dröhnen. Sie lief schneller. »Passage englouti!«, schrie sie, »Passage englouti!« Sie wusste, dass es nichts nützte, das Schiff konnte sie nicht hören. Sie wusste, dass es vorbei war. Und trotzdem lief sie schneller. Sie konnte gar nichts dagegen tun. Sie konnte nicht aufgeben. Es war keine Hoffnung, die sie antrieb. Es war die reine Verzweiflung. Niederlage!, sang es in ihrem Kopf. Angeschissen! Pam-pam-pam machten ihre Füße. Ihr fielen noch viele andere Dinge auf den letzten zwanzig Metern bis zu der sehr massiven Tür ein: Abstufung, Billigbums, Dünndarm. Ihren Dünndarm hatte sie noch nicht verkauft. Da waren noch Potentiale. »Passage englouti!«, schrie sie, als sie den Passierchip in die dafür vorgesehene Öffnung rammte, japsend und schief an die Tür gelehnt. Sie wäre beinahe gestürzt, als sich die Tür entgegen jeder Hoffnung öffnete. Das Dröhnen war ohrenbetäubend. Und brach plötzlich ab. Sie japste und keuchte. Sie hielt das Geländer so fest gepackt wie nur möglich. Da unten lag ihr Schiff, vorhin noch startbereit, jetzt still. Ein eleganter Fisch von zweihundertzehn Metern Länge. Die glatt polierten Iridiumwände der Box spiegelten die Schuppenbemalung der Außenhaut wider. Jede Schuppe des Fisches trug das Logo: ein lidloses silbernes Auge auf blauschwarzem Grund. Darunter in Neoarabisch der Name ihres Clans: Verzückte Dienste. »Triebwerktest«, sagte eine angenehme Stimme in kristallklarem Standard.

© 2000 Argument Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages


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Originalausgabe
Marcus Hammerschmitt, Der Opal (Hamburg: Argument, 2000) [ASF2060] Bestellen
eBook
Marcus Hammerschmitt, Der Opal (Berlin: Beam-Bibliothek, 2005) Bestellen
Siehe auch
[Rezension] Marcus Hammerschmitt: Der Opal
[Romanauszug] Marcus Hammerschmitt: Polyplay (2002)
Leser-Service
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21.05.06 • 10.06.06