Kramer war auf
der Jagd nach einem Buch und einem Blumenstrauß. Der Raubmordfall war abgeschlossen
(Kramer hatte kurz vor Dienstschluss noch einmal mit Lobedanz darüber geredet), und weil
sonst nichts Gewichtiges anlag, war er etwas früher gegangen als sonst. Nach den
Aufregungen der letzten Zeit wollte er sich mit einem guten Buch belohnen. Anette hatte
schon länger keine Blumen mehr von ihm bekommen. In einem »florist«-Geschäft der OGS
fiel ihm ein schönes Bouquet aus Fresien und weißen Röschen auf. Er ließ es noch ein
wenig mit Gartengrün und schönem Einschlagpapier verzieren und fand es dann sehr
passend. Der hohe Preis ärgerte ihn, und er musste über seinen Geiz lachen.
Die Volksbuchhandlung Friedrichshain war ganz in der Nähe. Das neue FDJ-Kochbüchlein
von Benjamin von Stuckrad-Barre war gerade erschienen. Stuckrad-Barre, ein junger
schreibender FDJ-Kader, hatte sich mit seinen süffisanten Possen über den Staatsapparat
der DDR einen Namen gemacht. Alles, was er schrieb, war frech genug, um die Bedürfnisse
eines begeisterten Publikums nach ein wenig Motzerei und Satire zu befriedigen, und
gleichzeitig harmlos genug, um bei den Behörden kein ernsthaftes Stirnrunzeln
auszulösen. Sein FDJ-Liederbuch mit leicht umgedichteten Parteihymnen,
Fahrtenliedern und ähnlichem war einhunderttausend Mal gedruckt worden, und er wies in
Interviews immer wieder darauf hin, dass es auch einhunderttausend Mal gekauft worden war
»derzeit vergriffen« hieß es, wenn man es bestellen wollte. Das FDJ-Kochbüchlein
war nach demselben Strickmuster aufgemacht: kleine Spitzen gegen den bürokratischen
DDR-Alltag, verpackt in neckische Anekdoten um Kochen, Backen und Braten. Da wurde vieles
in die Pfanne gehauen, anderes brutzelte im eigenen Saft vor sich hin, und Kramer legte
das Buch beiseite, nachdem ihn auf Seite drei die Langeweile übermannt hatte.
Der neue Grass war auch da: Ein weites Feld. Reich-Ranicki
hatte das Buch im »Literarischen Quartett« als »langweiligen Bildungsextrakt« mit
»tendenziell antisozialistischem Subtext« verrissen, aber die Leser kauften es trotzdem.
Besonders im Westen waren Grass Kritik an der sozialistischen »Turbovereinigung«
und seine bitteren Glossen über »neusozialistische Wendehälse« eingeschlagen wie eine
Bombe, aber auch im Osten fand er seine Leser. Kramer war das Buch zu dick.
Dann fiel ihm der neue Kolbe in die Hände: Vineta. Er
erinnerte sich, in der Jungen Welt etwas darüber gelesen zu haben. Der schmale
Lyrikband mit vier Dutzend Gedichten hatte dem Rezensenten des FDJ-Organs nicht sehr
behagt, auch wenn Kolbe eine »hohe Sprachbeherrschung« und ein allgemein »hohes
ästhetisches Niveau« bescheinigt wurde. Der Rezensent kolportierte die Geschichte, dass
Uwe Kolbe 1987 knapp vor der Republikflucht gestanden habe, und vermutete, er habe in Vineta
seine »Liebe zur untergegangenen BRD verschlüsselt«. Und wenn schon, dachte
Kramer. Er kaufte den Band.
Als er in eine schmale Seitenstraße einbog, um schneller zu seinem Auto
zurückzukommen, wurde er Zeuge einer miserablen Szene. Vier Skinheads traten und
prügelten auf einen Mann ein, der bereits am Boden lag. Dazu schrien sie Sachen wie:
»Ich bring dich um, du Scheißpolack!« und »Polackensau!« Die Straße war
menschenleer. Nur wenige Autos säumten den schadhaften Asphalt. Als Kramer nach oben sah,
ging ein Fenster zu und eine Gardine wurde vorgeschoben. Der Himmel in dem schmalen Spalt
zwischen den Häusern war strahlend blau.
Eine kalte Wut stieg in Kramer auf. Buch und Blumenstrauß warf er zu
Boden, dann zog er seine Pistole und lief auf die Gruppe zu. »Polizei!«, schrie er.
»Stehen bleiben! Aufhören!«
Die Skinheads sahen auf, als sie ihn über ihrem eigenen Geschrei
verstehen konnten, zögerten kurz verschreckt und flüchteten. Kramer hatte Lust, ihnen
hinterherzuschießen, aber er ließ es bleiben.
Der Mann am Boden wimmerte. Als Kramer sich neben ihn kniete, versuchte
er sich aufzustützen. Sein Gesicht sah wirklich schlimm aus. Er blutete aus dem Mund, die
Augen waren zugeschwollen, und als er sich schließlich in Sitzposition manövriert hatte,
hielt er sich ächzend den Bauch. Kramer war hilflos und fuchtelte mit den Händen in der
Luft herum, um den Verletzten von weiteren Bewegungen abzuhalten. Es dauerte eine Zeit,
bis er seine Pistole wieder eingesteckt hatte, die ihn beim Herumfuchteln behinderte. Der
Mann murmelte vor sich hin. Nach dem, was Kramer mitbekam, sprach er tatsächlich
Polnisch. Er schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Als er auch noch aufstehen wollte, begann
Kramer zu protestieren.
»Um Himmels willen, bleiben Sie sitzen! Sie sind verletzt!«
Aber der Mann wollte nicht hören. Mit unglaublicher Sturheit rappelte
er sich hoch. Dabei murmelte er ständig unverständliches Zeug, nestelte mit der einen
Hand in seiner Jacke herum und wehrte mit der anderen Kramers Versuche ab, ihn zur
Vernunft zu bringen. Als er schließlich schwankend und blutend vor Kramer stand, zog er
etwas aus seiner Jacke, drückte es Kramer in die Hand und taumelte, stolperte, lief los.
Kramer steckte reflexartig ein, was der Mann ihm gegeben hatte, und folgte ihm.
»Mann! Bleiben Sie stehen! Halt! Ich rufe einen Sanka!«
Der Mann rannte einfach weg. Kramer wollte ihm auf den Fersen bleiben,
aber das war nicht einfach, denn er wählte gleichzeitig auf seinem Mobi die 115. Mit dem
Telefon am Ohr verfolgte er den Fliehenden, der gerade um eine Ecke bog. Als Kramer diese
Ecke erreichte und sich in alle Richtungen umsah, war der Mann wie vom Erdboden
verschluckt.
»Hallo, Schnelle Medizinische Hilfe hier, wo brennts denn?«
Kramer drehte sich hin und her, um den Verletzten vielleicht doch noch
irgendwo zu entdecken, aber da war niemand. Resigniert nahm er das Mobi vom Ohr.
»Hallo? Hallo?«, tönte es aus dem Hörer.
Kramer schaltete das Telefon ab und steckte es ein.
»Scheiße!«
Er konnte immer noch nicht glauben, dass er von einem Halbtoten
abgehängt worden war, und lief noch ein paar Meter in die eine Richtung, dann in die
andere. Vielleicht hielt sich der Mann in einem Hauseingang oder in einer Toreinfahrt
versteckt? Aber warum war er überhaupt geflohen? Er hatte Kramer für einen der Angreifer
gehalten, das war die einzig mögliche Erklärung. Der Mann blieb verschwunden.
Buch und Blumenstrauß fand Kramer nicht mehr.»Wird heute später«,
stand auf dem Zettel, der in einer Untertasse auf dem Küchentisch lag. Kramer war
enttäuscht. Er hätte gerne mit Anette über sein seltsames Erlebnis gesprochen, und er
hätte ihr auch gerne erzählt, dass er Blumen für sie gekauft hatte. Aber es würde
später werden. Kramer ahnte: so spät, dass ein Gespräch dann nicht mehr lohnte.
Er versuchte sich vor dem Fernseher zu entspannen. Das misslang. Der
Hauptbericht der Aktuellen Kamera handelte von Helmut Kohl. Der letzte Kanzler der BRD
hatte versucht, ein Urteil des Bezirksgerichts Bonn gegen ihn durch das Oberste Gericht in
Berlin aufheben zu lassen. Die Haftstrafe, die das Bezirksgericht verhängt hatte, war
jedoch vom Obersten Gericht bestätigt worden, und die Aktuelle Kamera zeigte ihn
auf dem Weg in den Knast, begleitet von zwei Kollegen Kramers, die ihn an den Armen hinter
sich herzogen. Das wirkte fast komisch: Der dicke Riese wurde von zwei Männern
eskortiert, die beide um einen Kopf kleiner waren als er; die drei sahen aus wie
Zirkuswärter mit ihrem Tanzbären.
Die Aktuelle Kamera erwähnte, dass es Zweifel an der
Rechtmäßigkeit von Kohls Haftstrafe gab, die aber unbegründet seien. Kohls Rechtsanwalt
wurde interviewt und behauptete, das Bonner und das Berliner Urteil hätten keine echte
gesetzliche Grundlage. Der vor drei Jahren neu geschaffene Straftatbestand »Korruption«
sei eine »Lex Kohl«, und die DDR sperre den ehemaligen Bundeskanzler für ein Vergehen
ein, das es zum Zeitpunkt der Tatbegehung in der DDR gar nicht gegeben habe und noch heute
nicht gebe: illegale Parteienfinanzierung. Ein Verfassungsrechtler der Bonner Universität
erwiderte: Korruption sei in jedem zivilisierten Land der Erde strafbar, daher seien die
Urteile gegen Dr. Helmut Kohl gerecht. Kohl durfte noch einmal seinen Fans winken, die ihn
bis vor die Tore der Haftanstalt Preungesheim begleitet hatten, dann schloss sich die
graue Stahltür hinter ihm. Kramer schaltete ab. 19:48 Uhr zeigte die alte digitale
Küchenuhr. Viel zu früh, um schlafen zu gehen. Viel zu spät, um den Abend noch richtig
zu planen.
Kramer hängte seine Jacke an die Garderobe. Bei seiner Heimkehr hatte
er sie achtlos über das Sofa im Wohnzimmer geworfen, jetzt räumte er sie weg, weil
Anette umherliegende Klamotten im Wohnzimmer hasste. Er fischte sein Mobi aus der
Innentasche, um es in die Ladestation zu stellen. Dabei erwischte er auch ein
zerknittertes, gefaltetes Papier. Kramer stutzte: Ach ja, das hatte ihm der Verletzte
gegeben, bevor er losgelaufen war. Er öffnete es.
Bei dem Papier handelte es sich um eine Werbepostkarte für die Frankfurter
Allgemeine Zeitung für Deutschland, die mindestens zehn Jahre alt sein
musste. »Die Frankfurter Allgemeine (Zeitung für Deutschland) sendet jedem Leser
kostenlos ein Buch im Werte von DEUTSCHE MARK Zwanzig UND MEHR, wenn er der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen neuen Abonnenten (der noch nicht ihr Bezieher war)
für mindestens sechs Monate zuführt«wo, las Kramer. Er musste ein wenig über den
Begriff »zuführen« schmunzeln, der in der DDR immer noch »verhaften« bedeutete.
Alternativ zu dem Buch versprach die Werbeabteilung der Zeitung dem Zuführer einen
»Leuchtglobus«, der aber erst abgesandt wurde, wenn die Bezugsgebühren für zwölf
Monate bezahlt waren. Zehn Jahre? Nach Machart und Stil war diese Karte mindestens zwanzig
Jahre alt. Vielleicht stammte sie sogar aus der Mitte der Siebziger, die Sprache passte.
Was sollte das? Seines Wissens war die Frankfurter Allgemeine nach der Wende mit
der Frankfurter Rundschau zur Frankfurter Zeitung zusammengelegt worden.
Wer konnte ein Interesse daran haben, jahrzehntealte Werbepostkarten einer Zeitung
aufzubewahren, die es schon lange nicht mehr gab?
Kramer drehte die Postkarte um. Rechts oben, unter der Markierung für
die Briefmarke (»Gebühr bezahlt Empfänger«), war etwas mit Bleistift notiert worden.
Die Handschrift war zittrig, der Bleistift war hart gewesen, und Kramer entzifferte
mühsam: »S. 29, R.!«
Na denn, dachte Kramer und ging in die Küche, um das Mobi zu versorgen
und die dämliche Postkarte wegzuwerfen. Dabei kam er durchs Wohnzimmer, und ihm fiel auf,
dass das Buch über die Finanzdelikte auf dem Couchtisch lag. Er wollte gerade
weitergehen, als ihm siedend heiß einfiel, dass die Leihfrist für das Buch längst
abgelaufen war. Er versuchte sich das Gesicht der Bibliothekarin vorzustellen, wenn er wie
ein armer Sünder bei ihr auftauchte, um ein Buch zurückzugeben, das mehrere Wochen zu
lange in seinem Besitz gewesen war. In seinem Kopf klickte etwas. Nein, das war ein
wirklich zu verrückter Gedanke. Aber wie unter Zwang nahm er das Buch und blätterte bis
zur Seite 29 durch. Er zitterte. Auf Seite 29 begann das Kapitel »Zur Latenz bei
Finanzdelikten unter Missbrauch der EDV«. Unten, gleich neben der Seitenzahl, stand eine
Notiz, wiederum mit Bleistift geschrieben, wiederum in schwer lesbarer Handschrift. »5.5.
Späthbrücke, 21.00 Uhr«. Kramer blätterte die Seiten durch: nirgendwo sonst
Randbemerkungen oder etwas dergleichen. Er ging in die Küche.
Das ist doch klassisch, oder? So fängt eine Psychose an, nicht wahr?
Zusammenhänge dort sehen, wo keine sind, Bedeutung in Zufälle hineinlegen, die keine
haben, Verschwörungstheorien, die Idee, dass man /beobachtet wird. Nicht zur
Späthbrücke gehen. Einen Arzt aufsuchen. Frau Dr. Lorenz in der Charité. Vielleicht hat
sie ja heute Abend Dienst. Er prüfte noch einmal Postkarte und Buch: alles wie gehabt.
Ein Zufall. Ein extrem unwahrscheinlicher Zufall. Nichts überstürzen.
Quatsch mit Soße, meldete sich eine Stimme in ihm. Kramer erkannte sie
gleich. Es war die Stimme der Vernunft. Nüchtern, unpathetisch, klar. So viel Zufall
gibts gar nicht. Das hier hat auf jeden Fall eine Bedeutung. Entweder bin ich
verrückt, oder jemand will mir was sagen. Ich finds nicht heraus, wenn ich nicht
hingehe. 20:01 Uhr. Aus der Küchenschublade zog er einen zerfledderten Plan von
Großberlin (Hauptstadt der DDR) und suchte nach der Späthbrücke. Sie lag in Britz (Bez.
Neukölln) und führte über den Teltowkanal nach Johannisthal (Bez. Treptow). Eine
vergleichsweise dünn besiedelte Gegend, wie auf der Karte zu sehen war. Wenn er sich
beeilte, konnte er es schaffen.
Die Späthbrücke lag wirklich in einer sehr dünn besiedelten Gegend. Kramer kam sich
beinahe wie auf dem flachen Land vor. Ihm war schon öfter erzählt worden, Berlin bestehe
noch heute aus Dörfern; hier stimmte es. In der Ferne die roten Dächer von Späthsfelde.
Die Brücke: verlassen. Kein Auto, kein Mensch. 21:03 Uhr. Konnte es sein, dass er schon
zu spät war? Konnte es sein, dass er sich hier zum Narren machte, weil er Sachen
zusammenrechnete, die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun hatten? Wie würde
er sich fühlen, wenn er einen halben Abend damit verbracht hatte, zu einer
gottverlassenen Kanalbrücke am Rande Berlins und zurück zu fahren, nur weil er glaubte,
dort Hinweise auf einen abgeschlossenen Mordfall zu finden?
Die Brücke war unspektakulär, um nicht zu sagen, hässlich. Eine
Konstruktion aus Eisenstreben, die eine Fahrbahn für Autos und zwei Gehwege zur
Verfügung stellte, einer rechts lang, einer links, fertig. Die Brücke überspannte den
Teltowkanal, dessen träges und glattes Wasser Kramers Silhouette spiegelte, als er von
der Brücke hinuntersah. Er konnte keine Strömung ausmachen. Das Wasser war vollkommen
still. Kramer überlegte sich eine Strategie, um auf sich aufmerksam zu machen. Er würde,
so sein Plan, immer über die Brücke hin- und hergehen, auf dem linken Gehweg nach
Treptow und auf dem rechten nach Neukölln zurück, hin und her, so lange, bis entweder
was passierte oder bis es ihm zu peinlich wurde. Auf diese Weise würde er bestimmt nicht
übersehen werden. Wenn ihn jemand treffen wollte, ob er nun zu Fuß, per Boot oder per
Auto kam: Einen Mann, der auf dieser kurzen Brücke immer hin- und herging, konnte man
kaum übersehen.
Das war völlig idiotisch und so unkriminalistisch wie nur möglich,
aber ihm fiel einfach nichts Besseres ein. Er hatte es schon früher so gemacht, wenn er
auf keinen Fall übersehen werden wollte, zum Beispiel, wenn er zum ersten Mal ein
Mädchen traf. Als Jugendlicher hatte er ganz sicher gehen wollen und bei den
vereinbarten Treffpunkten stets die exponierteste Stelle eingenommen, um nur ja
aufzufallen. Auch bei Anette war das noch so gewesen. Die Weltzeituhr auf dem Alex, bei
der sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, war ein schwerer Fall für diese Methode:
Sie war gleichzeitig rund und relativ groß, und er konnte sich nicht entscheiden, wohin
er sich stellen sollte, um aus möglichst vielen Richtungen sichtbar zu sein. Also
wanderte er immer um die Uhr herum, wie ein Tibeter um seine Gebetsmühle, eine
Viertelstunde lang, bis er schließlich Anette beinahe anrempelte, die er, von seiner
Kreiswanderung völlig absorbiert, fast übersehen hätte. Ihre erste Frage war gewesen:
»Was machst du da?« Und ihre erste Auskunft: »Ich hab mich ein wenig verspätet.«
Seitdem, dachte Kramer bitter, sind die Verspätungen immer deutlicher ausgefallen.
Diesmal schien der Trick nicht zu funktionieren. Es kamen zwar ein paar
Autos vorbei, eines passierte ihn sogar in Schritttempo, aber niemand nahm wirklich
Kontakt mit ihm auf. Kein Ruderer, kein Fußgänger, niemand. Nach zwanzig Minuten hatte
Kramer genug. Er beschloss, zu seinem Auto zurückzukehren, die Postkarte, den Eintrag in
dem Buch und die Brücke zu vergessen und diesen Abend endgültig abzuhaken.
Vor seiner letzten Kanalüberquerung (er war wieder auf dem Weg nach
Neukölln) kam er zum x-ten Mal an einem Verkehrsschild vorbei, das Fahrzeugen mit mehr
als 7,5 Tonnen Gewicht den Weg über diese Brücke verbot. Irgendjemand hatte das Schild
als Zielscheibe benutzt. Die Einschüsse deuteten auf ein Kleinkalibergewehr hin. Am Fuß
des Schildmastes lag eine Schachtel, die anscheinend achtlos weggeworfen worden war. Bis
jetzt war sie ihm nicht aufgefallen. Kramer ging in die Hocke, weil sie eine interessante
Farbe hatte: Das Blau leuchtete in der Dämmerung. Er hob die Schachtel auf und hätte sie
beinahe wieder fallen lassen, weil sie sich so seltsam anfühlte. Sie lag wunderbar samtig
und schwer in seiner Hand, eine eigenartige Mischung aus metallischem Gewicht und
organischer Sanftheit.
Kramer öffnete sie. Darin lag ein Gegenstand, wie er ihn noch nie
gesehen hatte: Das Ding hatte in etwa die Größe und Form eines Daumens und glänzte
silbern-anthrazitfarben. Er nahm das Fundstück aus der Schachtel heraus. Für seine
Größe war es überraschend schwer. Dort, wo bei einem Daumen der Fingernagel gewesen
wäre, war ein Zeichen oder eine Markierung eingeprägt: drei Kerben, spitz zulaufend, wie
sehr feine und schmale Klingen, wie ein Keilschrift-Zeichen für die Zahl Drei. Kramer
hatte dieses Zeichen schon einmal gesehen, aber er konnte sich nicht erinnern, wo.
Abgesehen von den Kerben war der Gegenstand unmarkiert. Fabrikat, Hersteller,
Seriennummer: nichts von alledem. Wozu diente dieses Ding? Kramer hatte keinen blassen
Schimmer. Aber er wusste intuitiv, dass es aus derselben Quelle stammte wie der seltsame
Rechner auf dem Schreibtisch von Michael Abusch: Es strahlte dieselbe Aura der
Hypermodernität aus, dieselbe quasiorganische Qualität, dieselbe Kompromisslosigkeit der
Gestaltung.
Kramer legte den Gegenstand in die Schachtel zurück. Er wog sie in
seiner Hand. Sein Ausflug zur Späthbrücke war nicht umsonst gewesen. Aber wie weiter?
War das eine Falle? Wollte die Stasi ihn in irgendeinen Mist hineinziehen, der mit
Schmuggelaktivitäten zu tun hatte? Aber warum? Er wusste, dass die Stasi zu völlig
absurden Konstruktionen neigte, aber das hier schmeckte anders. Es wirkte weitaus bizarrer
als die Majorin Schindler und ihre Obsessionen. Fest stand nur, dass irgendjemand ein
Spiel mit ihm spielen wollte. Er hockte mit der blauen Schachtel in der Hand vor dem
Verkehrsschild und hatte gute Lust zum Mitspielen. Genau, Uwe, dachte er. Ich will wissen,
was hier vor sich geht. Ich will es verdammt noch mal wissen.
Auf dem ganzen Weg nach Hause war er gut gelaunt. Er fuhr durch den milden
Frühlingsabend. An einer Ampel lächelte ihn ein hübsches Mädchen an. Die Schachtel lag
auf dem Beifahrersitz, und er streichelte sie ab und zu, weil sie sich so wunderbar
anfühlte. Er nahm sich vor, Anette nichts von seinem Ausflug zu erzählen, allein schon
wegen ihrer ständigen Zuspätkommerei. Außerdem wollte er sie nicht mit Angelegenheiten
belästigen, die sie nichts angingen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz zwischen ihnen:
Er schwieg über laufende Ermittlungen, sie schwieg über ihre Arbeit bei der Wismut. Als
er die Tür seiner Wohnung hinter sich zugeschlagen hatte, wusste er sofort, dass sie noch
gar nicht da war: Ihr Haken an der Garderobe war leer. 22:12 Uhr. So spät war es schon
lange nicht mehr geworden. Aber
Kramer wollte sich nicht ärgern. Auch gut, dachte er, dann kann ich
noch einmal einen Blick auf die Schachtel werfen. Er legte sie auf den Küchentisch. Weil
er Durst hatte, goss er sich ein Glas Mineralwasser ein, trank es auf einen Zug leer und
schenkte noch einmal nach. Er holte eine zweite Flasche Margonwasser aus dem Kühlschrank.
Das Material, aus dem die Schachtel gemacht war, faszinierte ihn. Es
fühlt sich wie Samt an, dachte er. Wie sehr kurz geschorenes, feines Fell. Aber in
Wirklichkeit hatte er keine Vergleiche dafür. Er strich darüber hin und freute sich an
dem seltsamen, neuartigen Gefühl. Daraus sollten sie mal Klamotten machen, dachte er,
nicht aus dem blöden Malimo.
Als er den Gegenstand aus der Schachtel herausholte, stellte er zu
seiner Verblüffung fest, dass die drei Kerben goldfarben leuchteten. Er sah genauer hin:
Wenn das Leuchtdioden waren, dann hatte Kramer diesen Typ noch nie gesehen. Nein, nein,
das Licht kam aus dem Inneren des Gegenstands. Kramer bekam Bedenken. Was mochte die
Ursache für das Leuchten sein? Während seiner Zeit auf der Polizeihochschule war ihm
natürlich auch der Umgang mit Leuchtstoffen beigebracht worden. Er konnte sich vage daran
erinnern, dass Leuchtstoffe häufig radioaktiv waren. Verstrahlte ihn das Ding gerade?
Das Licht wurde sprunghaft intensiver. Weil es ihn blendete und weil er
es wirklich mit der Angst bekam, legte er das Ding auf den Küchentisch, neben die
Schachtel. Vielleicht war es aber in der Schachtel besser aufgehoben. Er schloss den
Deckel, und sofort begann die ganze Schachtel zu leuchten, blaugolden. Kramer wusste
nicht, was er tun sollte. Alles aus dem Fenster werfen? Die Feuerwehr rufen? Andererseits
war er noch immer neugierig. Er wollte wissen, wie das Licht aus der Schachtel ohne die
Küchenbeleuchtung aussah. Als er die Hängelampe über dem Tisch ausgeschaltet hatte, war
das Licht aus der Schachtel schon stark genug, um Schatten zu werfen. Und mit jeder
Sekunde wurde es stärker. Sprach- und fassungslos sah Kramer zu, wie das Leuchten
schließlich die ganze Küche erfüllte: ein kaltes Feuer, durch das blaue und goldene
Funken tanzten. Alles war eingehüllt in dieses Licht: Decken und Wände, die
Küchenmöbel, Kramer selbst. Jetzt gab es keine Schatten mehr. Trotz seiner Angst ging
Kramer mit ausgestreckten Händen auf die Schachtel zu. Als er die Hand darauf legte,
strahlte sie in schmalen Bahnen zwischen seinen Fingern hervor und warf das Abbild seiner
Hand vielfach vergrößert an die Decke.
Dann, mit einem Schlag: Dunkelheit. Nichts mehr. Kramer stand in der
finsteren Küche, die Finger um die Schachtel gelegt, und wusste immer noch nicht, wie ihm
geschah. Es dauerte eine Weile, bis er bemerkte, dass das Telefon klingelte. Langsam ging
er rückwärts aus der Küche. Auf dem Weg zum Telefon warf er mehrere unsichere Blicke
zurück zur Küchentür. Er betrachtete einige Sekunden lang stumpf den Hörer, bevor er
abhob.
»Hallo?«, sagte jemand.
»Anette?«
»Ist was, Rüdiger? Du klingst so komisch?«
Nein dachte er, nichts ist. Ich habe nur gerade die Feen tanzen sehen.
In unserer Küche.
»Nein«, sagte er. »Nichts. Ich bin nur müde. Ich bin vor dem
Fernseher eingeschlafen.«
»Ach so«, sagte Anette. »Ich wollte dir nur sagen, dass hier das
absolute Chaos herrscht. Es hat einen Computerausfall gegeben, und Speidel hat uns allen
eine Sonderschicht verordnet, damit das wieder in Ordnung kommt. Nicht auf mich warten.«
»Gut.«
»Wirklich alles in Ordnung? Du klingst so komisch!«
»Ja. Alles in Ordnung. War ein langer Tag heute. Muss ich dir mal
erzählen.«
»Ja. Aber nicht jetzt. Die Arbeit ruft.«
»Gut. Wir sehen uns morgen.«
»Bis morgen«, sagte Anette und legte auf.
Kramer hörte sich eine Weile das Freizeichen an. Es klang so beruhigend
normal. Dann ging er in die Küche. Die Schachtel lag völlig harmlos auf dem Tisch. Wurde
er verrückt? Er musste mit jemandem reden. Aber nicht mit Anette.
© 2002 Argument Verlag
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