Teil
1 
Als Andrew sieben war, verwandelte sich seine Mutter in einen Fuchs.
Schnee ersparte den Kindern mittags die Schule, der Bus schlitterte den
Hügel hinunter, um an jeder eisüberzogenen Ecke jubilierende Banden in die Freiheit zu
entlassen. Andrew stieg als Letzter aus, und beinahe wäre er vom Trittbrett gefallen, als
er sich umwandte, um dem Fahrer zuzuwinken. Er rannte zur Vordertür des Hauses, hämmerte
an die Scheibe und rief: »Mama! Mama!«. Er zog sich den Schal vom Gesicht, um besser
durch die frostüberzogenen Fenster spähen zu können. Innen sah es dunkel aus; aber er
hörte den Fernseher mit sich selbst plappern, hörte die alte Schiffsuhr halb zwei
schlagen. Dann musste sie wohl unten sein und die Wäsche machen. Er stürmte ums Haus
herum und glitt über die vereisten Steinplatten.
»Mama ... ich bin zu Hause, es hat geschneit, ich bin ...«
Zuerst sah er den Vogel. Er hielt ihn für den Kardinal, der letzten
Frühling im Vogelhaus genistet hatte: ein leuchtend purpurner Einschnitt im Schnee, wie
sein verlorener Fäustling. Andrew hielt den Atem an, als er sich unbehaglich vorbeugte,
um ihn in Augenschein zu nehmen.
Eine Blaumeise, die nicht mehr blau war, die verstreuten Federn
trübgrau wie angelaufenes Silber, die bleiche Haube bebend wie ein anklagend erhobener
Zeigefinger. Der Schnee unter ihr leuchtete rot wie Farbe, Dampf stieg von der übel
zugerichteten Brust auf. Andrew raffte seinen Schal und suchte das Haus nach der
Nachbarskatze ab.
Dann sah er den Fuchs, der die Stufen zur offenen Hintertür
hinauftrippelte. Sein Maul stand offen und entblößte feuchte, weiße Zähne; der
gekrümmte Halbmond des Flügels der Meise hing aus seinen Fängen. Andrew schnappte nach
Luft. Der Fuchs war ebenso überrascht, er öffnete das Maul, und der Flügel fiel und
zerbrach wie rotierende Ahornsamen. Für einen Augenblick sahen sie sich an, aus blauen
und schwarzen Augen. Dann streckte der Fuchs die Vorderbeine, als würde er gähnen,
dehnte das Maul weit, allzu weit, bis es aussah, als würde sein Kiefer sich spalten wie
die gebrochenen Federn. Andrew sah rotes Zahnfleisch und die Zunge, Zähne wie eine
Elfenbeintreppe, die in der Finsternis entschwindet - eine Schwärze, die zum Haar seiner
Mutter wurde, zu ihren Augen, zu seiner Mutter, die nackt im Schnee zusammengekrümmt auf
der obersten Stufe nach Luft schnappte.
Jetzt musste sie es ihm zeigen. Nicht am gleichen Tag, nicht einmal in
jenem Winter, aber später, im Sommer, als wieder Kardinäle im Vogelhaus nisteten und
krächzende Eichelhäher Goldfinken aus dem Vogelbad jagten.
»Eines Tages wird es dir gehören, Andrew«, sagte sie, als sie ihr
Schmuckkästchen aus dem Geheimfach in der Küche zog. »Wenn du älter bist. Sonst gibt
es niemanden«, fügte sie hinzu. Sein Vater war vor Andrews Geburt gestorben. »Es
gehört ohnehin mir.«
In dem Kästchen lagen Perlenketten, Jadeschildkröten, ein Anhänger
aus Schmetterlingsflügeln, der einen Sonnenuntergang hinter Palmen darstellte. Und ein
kleines, ekliges Ding, so lang wie ihr Daumen und von der gleichen Farbe: cremefarben
gesprenkelt, nussbraun in den Falten. Zuerst hielt er es für einen Käfer. Es war das
Jahr der Heuschrecken, und ihre leeren Hüllen starrten ihn überall aus Bäumen und
Wandritzen an.
Aber es war keine Heuschrecke. Seine Mutter legte es ihm in die Hand,
und er hielt es direkt vor sein Gesicht. Ein fremdartiger Stein, glatt wie Haut. Zuerst
fühlte er sich kühl an, doch nach einer Weile wurde er in seiner Hand wärmer. Er warf
seiner Mutter einen hilfesuchenden Blick zu.
»Keine Angst.« Sie lachte trocken. »Es beißt nicht.« Und sie nahm
einen Schluck aus ihrem Glas.
Es war ein Tier, das nur aus schräg stehenden Augen und grinsendem Maul
zu bestehen schien, und es hatte die Pfoten unter dem spitzen Kinn angewinkelt wie ein
Hund, der Männchen machte. In den Stein war ein kleines Loch gebohrt worden, so dass man
ihn an einer Schnur befestigen konnte.
»Wie funktioniert es?«, fragte Andrew. Seine Mutter schüttelte den
Kopf.
»Noch nicht«, sagte sie und ließ die Eiswürfel in ihrem Glas
klirren. »Es gehört immer noch mir. Aber eines Tages eines Tages zeige ich es
dir.« Sie nahm die kleine Schnitzerei und legte sie an ihren Platz zurück, dann schloss
sie das Schmuckkästchen wieder im Geheimfach ein.
Das war nun sieben Jahre her. Der Bus, der am Fuß des Hügels hielt,
würde Andrew bald zur Highschool bringen. Ein weiterer Heuschreckensommer ging vorbei.
Die Zikaden erwachten in den Augustnächten und krochen wie eine Geisterarmee aus den
gespaltenen Häuten. In der Nacht, in der sie zu singen begannen, wachte Andrew auf und
entdeckte die Leiche seiner Mutter. Helle Pillen kullerten aus ihrer Hand, als er die
Finger aufbog. In der anderen Hand lag das Amulett. Wo sie den Stein umklammert hatte, war
die Handfläche wund.
Er lehnte die Beruhigungsmittel ab, die der Arzt ihm anbot, wies
verlegene Beileidsbekundungen seiner Freunde und Verwandten zurück, die sich plötzlich
in Fremde verwandelt hatten. Später schlurfte er vor dem Sarg auf und ab und zupfte
Blütenblätter von den Nelken. Der Schwester seiner Mutter nickte er steif zu, als sie
kam, um ihn auf das Begräbnis mitzunehmen.
»Colin geht in drei Wochen nach Brockport«, sagte seine Tante später
im Auto. »Wenn er weg ist, kannst du das Zimmer für dich alleine haben. Entweder das
oder die Couch.«
»Ist mir egal«, antwortete Andrew. Er hatte nicht vorgehabt, seiner
Stimme einen so groben Klang zu geben. »Ich meine, es ist nicht so wichtig. Es ist so
oder so in Ordnung. Wirklich.«
Und das war es, wirklich.
Denn am nächsten Tag war er fort.
Nördlich der Stadt, in Kamensic Village, bildeten die Zikaden schwere Vorhänge aus
singendem Grün und Kupfer, bedeckten Eichen und Buchen, Häuser, Hecken und Fahrräder,
die über Nacht draußen gestanden hatten. Auf Sugar Mountain bedeckten sie einen alten VW
Käfer, der seit Monaten nicht mehr bewegt worden war. Ihr Lied war laut genug, um den
alten Astronauten mitten in der Nacht zu wecken. Fast hätte es das Telefon übertönt,
das in den Morgenstunden klingelte.
»Ich gebe keine Interviews mehr«, sagte der alte Astronaut müde. Er
wollte auflegen. Dann: »Wie sind Sie überhaupt an diese Nummer gekommen?« Aber der
Reporter war nicht mehr dran. Howell starrte Festus an. Der Spaniel duckte sich, sein
Schwanz zuckte über die Fliesen, und er winselte leicht. »Hast du ihm die neue Nummer
verraten?«, krächzte Howell und klatschte sich auf den Oberschenkel. »Komm her.«
Der Hund watschelte herüber und legte den Kopf auf das Knie des Mannes.
Howell streichelte den alten, knochigen Schädel, der so abgenutzt wie Flanell war, und
bemerkte ein Loch im Knie seiner Schlafanzughose.
Elf Uhr und immer noch nicht angezogen. Herrgott, Festus, du hättest
ruhig etwas sagen können!
Er ertappte sich dabei, wie er laut redete, und stand auf, griff nach
der Kamineinfassung und wartete, bis sein Herzschlag wieder langsamer wurde. Manchmal
wusste er einfach nicht mehr, ob er redete oder dachte; ob er seine Medizin genommen hatte
und in die Traumzuflucht geglitten war, die ihn vor dem Schmerz versteckte, oder ob er
wirklich träumte. Einmal war er eingedöst und hatte gedacht, er spräche wieder zu einer
Klasse lernbegieriger Kinder. Er wachte auf, als er bei einer Nachmittagsseifenoper
mitmurmelte, während Festus ihn konzentriert anstarrte. An jenem Tag räumte er den
Fernseher in eine Abstellkammer.
Aber später stellte er ihn doch wieder ins Schlafzimmer zurück. Die
Nachrichten halfen ihm, sich an Dinge zu erinnern zum Beispiel daran, Lancaster
anzurufen, seinen Hausarzt, und Peter, seinen Sohn, und die Apotheke in Kamensic Village.
»Festus«, flüsterte er und drückte den Hund an sein Knie. »Oh,
Festus.« Und als er den Spaniel schließlich wieder ansah, war er überrascht, dass die
elegant geschwungene Schnauze verfilzt und schwarz von Tränen war.
Der Sendeturm blitzte von den westlichen Palisaden über den Hudson, als Andrew im
Morgengrauen die Stadt verließ. Er blieb auf dem höchsten Punkt der Straße stehen, bis
die Sonne an der New Yorker Seite aufwärts kroch, wartete, bis das Leuchten aufblitzte
und erlosch. Das erste Flugzeug glitt silbern über die Brücken, die die Insel mit den
Ausläufern der nördlichen Bergkette verbanden. Andrew seufzte. Er hatte keine Tränen
mehr. Aber der Kummer juckte ihm in den Augen, ließ den Fluss verschwimmen und
schließlich im Auflodern des Sonnenaufgangs verschwinden. Er wandte sich um und ging den
Hügel hinunter, schneller und schneller, vorbei an Bushaltestellen und parkenden Autos,
vorbei an der Highschool und dem Friedhof. Erst als er die Parkplatzauffahrt erreichte,
blieb er stehen, um Atem zu holen. Dann überquerte er langsam die Straße zur Auffahrt
Richtung Norden.
Zwei Mitfahrgelegenheiten brachten ihn nach Valhalla. Er ging
rückwärts am Straßenrand entlang und schob seinen Rucksack von einer auf die andere
Schulter, während er den Daumen raushielt. Schließlich hielt ein Geschäftsmann in einem
BMW und öffnete die Beifahrertür. Missmutig musterte er Andrew.
»Wenn du mein Sohn wärst, würde ich dafür sorgen, dass dir Hören
und Sehen vergeht«, grollte er, während Andrew einstieg und sein bestes
Zu-spät-zur-Schule-Grinsen aufsetzte. »Allerdings würde ich auch hoffen, dass jemand
wie ich dich aufliest und nicht irgendein Perverser.«
»Danke«, Andrew nickte ernst. »Ich meine, Sie haben Recht. Ich habe
gestern Abend den letzten Zug verpasst. Ich muss zur Schule.«
Der Mann starrte geradeaus, dann warf er einen Blick auf die Uhr. »Ich
fahre nach Manchester Hills. Wo gehst du zur Schule?«
»John Jay.«
»In Mount Lopac?«
»Kamensic Village.«
Der Mann nickte. »Ist die 684er nah genug?«
Andrew zuckte die Schultern. »Sicher. Vielen Dank.«
Nach mehreren Kilometern schwenkten sie auf die nördliche Biegung der
Autobahn. Andrew saß vornüber gebeugt da, seine klammen Hände klebten am Rucksack,
während er nach dem Ausfahrtsschild Ausschau hielt. Als er es sah, ließ er seinen
Rucksack vor nervöser Erregung fallen. Der Geschäftsmann machte ein finsteres Gesicht.
»Hier ist es ... Ich meine, bitte, wenn das in Ordnung ist.« Andrews
Turnschuh verfing sich im Sicherheitsgurt, als er hastig die Tür öffnete. »Danke ...
vielen Dank ...«
»Verpass nächstes Mal nicht den Zug«, rief der Mann, als Andrew auf
die Straße stolperte. Bevor er die Tür zuschlagen konnte, schnappte das Schloss von
alleine ein. Andrew winkte. Der Mann hob zum Abschied einen Finger, dann brauste der BMW
nach Norden davon.
Von der Ausfahrt wirkte Kamensic Village wie ein Traum von fernen
Städten. Weiße Kirchtürme, Steinmauern, Granittürmchen erhoben sich von Hügeln, die
bereits vom Rost des frühen Herbstes überzogen waren. Nach Norden hin wanden sich die
Hügel wie das lange Rückgrat eines Rehs und verschmolzen golden mit den Mohank
Mountains. Andrew nickte bedächtig und schob den Rucksack über die Schulter. Schlurfend
lief er die Böschung hinab zu einem Fluss, der stadteinwärts strömte. Er folgte ihm,
blieb stehen, um zu trinken und sich das Gesicht zu waschen, und glättete sein Haar zu
einer dunklen Welle. Sonnenfische trieben über sandigen Nestern im Wasser, glitten
furchtlos durch seine Finger, als er versuchte, sie einzufangen. Sein Magen schmerzte vor
Hunger, so rau und kalt, als hätte er eine Handvoll Schlacke geschluckt. Er dachte an dem
Stein an seinem Hals. Wenn er dieses weiche Kügelchen unter die Zunge legte, würde es
einfach sein, etwas zu essen zu finden ...
Er fluchte leise und schüttelte sich das feuchte Haar aus den Augen.
Das Amulett schlug gegen seine Brust. Er hielt es fest, verzog das Gesicht. Dann ging er
stromaufwärts weiter.
Am Bahnhof schwankte ein von Insekten bedecktes Schild: KAMENSIC
VILLAGE. Darunter stand eine einzelne Bank, auf der breitbeinig dasselbe
Kind saß, an das Andrew sich aus seiner Kindheit erinnerte: Ein unförmiger Helm
schützte den Kopf, strahlende Topasaugen weiteten sich, als sie Andrew am Bahnhof
vorbeikommen sahen.
»Hallo«, rief der Junge, als würde er Andrew nach vielen Jahren
wiedererkennen. »Hallo.«
»Hallo, Kumpel.« Andrew winkte ihm zu, ohne stehen zu bleiben.
Er kam an der Apotheke von Kamensic Village vorbei, wo Mr. Weinstein
noch immer Eiercreme verkaufte; an Haydens Delikatessen mit dem großen Bottich Eistee, in
dem Zitronen wie Spielzeugschildkröten in bernsteinfarbener Flüssigkeit umherschwammen.
Die Bücherei, die vier Tage in der Woche geöffnet war(HEUTE GESCHLOSSEN).
Hier war er beim Puppentheater gewesen, und einmal hatte er auch einen Astronauten reden
hören, vor Jahren, als er und seine Mutter noch im Sommer das Häuschen hier oben
gemietet hatten. Gleich neben der Bücherei lag der Gerichtssaal aus dem siebzehnten
Jahrhundert, in dem sich jetzt ein Museum befand.
»Fünfzig Cent für Schüler.« Dieselbe alte Dame begutachtete
misstrauisch Andrews nasses Haar und seine rotgeränderten Augen. »Solltest du nicht in
der Schule sein?«
»Ich bin auf Besuch«, murmelte Andrew, während sie die Vierteldollars
in ein kleines Blechkästchen warf. »Ich habe hier Verwandte.«
Auf ihr Angebot hin, ihn durch den Gerichtssaal zu führen, schüttelte
er den Kopf.
»Ich war hier schon mal«, erklärte er. Und versuchte zu Lächeln.
»In den Ferien.«
Der Gerichtssaal roch genau wie früher, nach Zitronenreiniger und dem
Chanel No. 5 der alten Dame. Die Indianer-Vitrine wartete auf ihn, wo sie immer gewartet
hatte - in einer weißverputzten Ecke des Raums, wo tote Schmeißliegen wie
Lapislazulisteine herumlagen. Andrews Brust zog sich zusammen, als er das sah. Seine Hand
schloss sich um das Amulett, das an einer Schnur um seinen Hals hing.
Eine zerknitterte, mit Pfeilen übersäte Karte des Northern County
zeigte, wo die Stämme gelebt hatten. Axtklingen und Messer markierten die Schlachtfelder.
Als Hintergrund diente der staubigen Vitrine ein mottenzerfressenes Rehfell. Unter der
Tierhaut lugte ein Mäuseschädel hervor.
Auf dem Boden der Vitrine lag eine kleine, bedruckte Tafel. Andrew
lehnte seine Stirn gegen das Glas und schloss die Augen, formte die Worte mit den Lippen,
ohne sie zu lesen, während er mit dem Stein spielte.
... Angehörige des Stammes der Tankiteke,
der Wappinger Konföderation der Mohikaner:
Irokesenkrieger des Volkes der Algonkin ...
Als er die Augen öffnete, ruhten sie auf einem Gegenstand in der Vitrine: ein
bearbeiteter grauer Stein, der aussah wie ein winziges Tier mit schmalen Augen und
glatten, scharfen Zähnen.
Schamanen-Talisman [animistisch]
Die Tankiteke glaubten, dass ihre Schamanen nach Belieben die Gestalt verändern
konnten, und sie verehrten Tiergeister.
Von der schmalen Eingangshalle, die zur Vordertür führte, drang das Knarren einer
Tür herüber, gefolgt von einem leisen Frauenlachen.
»Irgendein Junge«, hörte Andrew die alte Dame antworten. Er biss sich
auf die Unterlippe. »Meinte, er hätte hier Verwandte. Aber ich glaube, dass er einfach
die Schule schwänzt ...«
Andrew ließ den Blick durch den Gerichtssaal schweifen, sah sich nach
neuen Ausstellungsstücken um, nach Werkzeugen oder Büchern. Nichts. Keine neuen
Artefakte, keine weiteren Talismane. Er schlüpfte durch eine Tür, die ihn in einen
Vorraum führte, wo er auf eine weitere Tür nach draußen stieß. Sie war nicht
verschlossen. In Kamensic Village gab es keine verschlossenen Türen. Im Obstgarten hinter
dem Gerichtsgebäude las er einen frühen Apfel auf und aß ihn. Das Fruchtfleischs war so
bitter, dass er sich schüttelte. Dann machte er sich auf den Weg zur Straße, die zu den
Fallows führte.
In seinen Träumen schritt Howell über die Oberfläche des Mondes.
Die Luft, die er atmete, war die gleiche, abgestandene Luft wie
innerhalb der Raumkapsel, angereichert mit Urin und Kühlungsmitteln. Doch in seinen
Träumen wusste er, dass sie auf dem Mond anders schmeckte; sie wurde durch die
zusätzlichen silbernen Schläuche gefiltert, die auf seinem Rücken aufgerollt waren.
Über ihm breitete sich ein finsterer Himmel aus, so kalt, dass der Anblick seine Hände
in den geheizten Handschuhen zum Kribbeln brachte. Er hatte immer gewusst, dass er so
wäre, tiefgefroren, schwarz, mit Sternen gesprenkelt, die pulsierten und sangen, wie sie
es niemals taten, wenn man in der Kapsel war. Dann hob er den Blick und sah den Orbiter
über sich vorbeifliegen. Er hob eine Hand, um zu winken - so langsam, dass es ihm vorkam,
als könnte die Bewegung seines Armes ihn vom Boden lösen und in die Höhe steigen
lassen. Und dann knackte die Stimme in seinen Ohren, abgehackte Worte, Zitate aus
Memoranden und Nachrichtensendungen. Seine eigene Stimme, die Howell zurief, dass es Zeit
zur Rückkehr war.
Er wachte auf. Trotz der Decken und dem neben ihm schnarchendem Festus
zitterte er. Lange Zeit lag er nur im Bett und versuchte, sich an die Jahreszeit zu
erinnern sicher war es Winter, wegen der beschlagenen Fenster.
Nein, doch nicht. Unter dem summenden Keuchen der Klimaanlage brummten
Zikaden. Howell kämpfte sich auf die Füße.
Hinter dem Bungalow schimmerte der Wald - Birken und uralte Eichen, vom
einfallenden Mondlicht in Silber getaucht. Howell öffnete das Fenster und lehnte sich
hinaus. Licht und Wärme ergossen sich über ihn, als wäre das Mondlicht warme Milch, und
er blinzelte und streckte die Hände aus, um es aufzufangen.
Vor Jahren, während der letzten beiden Mondlandungen, war Howell
derjenige gewesen, der im Orbiter gewartet hatte.
Vor langer Zeit, noch bevor die Schauspieler und Schriftsteller und die reichen Kinder
der Vorstädte nach Kamensic Village gezogen waren, hatte sich eine Gruppe aufrichtiger
Sozialisten am stoppeligen Ufer des grauen Gewässers Muskanth niedergelassen. Ihr Utopia
war vor Jahren gescheitert. Die putzige Bühne und die Ateliers verrotteten und sanken
sanft ins Moor zurück. Aber die Häuschen blieben stehen, und einige wurden noch an
Sommerbesucher aus der Stadt vermietet. Andrew musste in Scotts Corners nach dem Weg
fragen er war seit seinem zehnten Lebensjahr nicht mehr hier gewesen und war
überrascht, wie viel länger es dauerte, die Fallows zu Fuß zu erreichen. Kein einziges
Auto kam vorbei. Nur ein Mädchen in Jeans und Flanellhemd gallopierte mit fliegenden
Zöpfen auf einem schwarzen Pferd vorbei. Andrew lachte. Sie winkte freundlich, bevor sie
hinter einer Biegung des birkengesäumten Weges verschwand.
Mit diesem plötzlichen Lachen fiel eine Last von Andrew ab: als ob
Kummer in kleinen, kalten Atemzügen zurückgehalten werden konnte und er ihn gerade
ausgeatmet hätte. Zum ersten Mal bemerkte er, dass ihm Schweiß über die Brust lief, und
er knöpfte sein Hemd auf. Es roch muffig und ölig, als hätte es die schlechte Luft der
Stadt aufgesogen, die grimmigen Wolken von Erschöpfung und Fabrikqualm.
Hier dagegen glänzte der Himmel glatt und blau wie die Flügel einer
Ammer. Wieder lachte Andrew und schüttelte den Kopf, so dass der Himmel und die Blätter
und die aufflatternden Vögel zu einem einzigen, hellen Leuchten verschwammen. Und als er
sich wieder auf die Straße konzentrierte, entdeckte er den Pfad: genau dort, wo er ihn
vor vier Jahren zurückgelassen hatte, sorgfältig befreit von zusammengerollten
Farnwedeln und moderndem Birkenholz.
Ich bin da, dachte er, als er vorsichtig von der schmutzigen
Straße trat und sich vergewisserte, dass kein Autofahrer oder Reiter bemerkte, wo er den
Weg verließ. In der Ferne glitzerte der See. Eine Wolke roter Admiralsschmetterlinge
erhob sich von einem weggeworfenen Apfelgehäuse und glitt neben ihm den überwachsenen
Pfad entlang. Andrew rannte lachend los. Er war zu Hause.
Das Häuschen stand schon lange leer und war sichtlich verfallen.
Dadurch schien es irgendwie größer geworden zu sein. Leitern aus nektarinenfarbenen
Schimmelpilzen und Flechten bedeckten es vom Dachgesims bis zum Boden, und in diesem
Flechtwerk wucherten Eulennester und die flaumigen Heimstätten von Wildmäusen.
Die Tür gab nicht so leicht nach. Sie war nicht verschlossen, aber von
Schnee und Regen aufgequollen. Andrew musste sich mit aller Kraft gegen die Bretter
werfen, damit sie ächzend den Weg freigaben. Bersteinfarbenes Licht strömte durch
Spalten und Risse in den Wänden genug, um Farne und Gräser aus den
Zwischenräumen der Kieferndielen wachsen zu lassen. Etwas krabbelte unter den einzigen
Stuhl im Raum. Andrew wandte sich um und sah eine Wildmaus mit noch weichem, grauem
Jungtierfell in der Wand verschwinden.
Es hatte auch andere Besucher gegeben. Im winzigen Schlafzimmer
entdeckte Andrew Fuchskot und lange, rotbraune Haare, die in der zersplitterten Zedernwand
hingen, an der Vordertür Kaninchendreck. Grabwespen hatten die Küche mit ihren rötlich
gelben Waben zugekleistert. Das Linoleum war mit unverdauten Federn und den zerbrochenen
Wirbelsäulen von Wühlmäusen übersät. Er ging durch die Hütte, wuchtete Verschlagholz
hoch und warf es in eine Ecke, zog den Stuhl in die Mitte des Raumes und blieb eine ganze
Weile dort sitzen. Schließlich holte er tief Luft, öffnete seinen Rucksack und zog eine
fast volle Flasche Gin heraus, die er aus dem Büro seiner Mutter stibitzt hatte. Er nahm
einen Schluck, schloss die Augen und wartete, bis sich der verdunstende Alkohol in seinem
Kopf ausgebreitet hatte.
»Mach es niemals betrunken«, hatte seine Mutter ihn einmal gewarnt
dabei war sie selbst betrunken gewesen. Beide nippten sie in ihrem Schlafzimmer aus
einer Flasche mit pisswarmem Pink-Squirrel-Schnaps. »Hast du jemals einen betrunkenen
Hund gesehen?«
»Nein«, kicherte Andrew.
»Na ja, es ist genauso, nur schlimmer. Du kannst nicht mehr gerade
gehen. Du kannst nichts riechen. Es ist schlimmer, als einfach nur betrunken zu sein.
Einmal bin ich in Kamensic fast überfahren worden, als ich betrunken war.« Sie zündete
sich eine Zigarette an. »Damals hab ich eine ganze Nacht draußen verbracht, konnte den
Weg nach Hause einfach nicht finden ...«
Andrew nickte, während er den kleinen Talisman an der Unterlippe rieb.
»Nein«, sagte seine Mutter sanft und nahm ihn ihm aus der Hand. Sie
hielt ihn hoch ins Licht der Schwanenhalslampe. »Noch nicht.«
Sie wandte sich um und blickte ihn ernst an. Das Glitzern in ihren Augen
strafte ihre nuschelnde Stimme Lügen. »Weißt du, du kannst nicht lange so bleiben. Ich
habe es fast getan, damals ...«
Sie nahm noch einen Schluck. »Vergessen, meine ich. Du vergisst es ...
Fuchs oder Bär oder Reh, du vergisst es...«
»Vergisst was?«, fragte Andrew verwundert. Vom Rauch musste er husten,
und er nahm einen Schluck aus seinem Glas.
»Was du bist. Dass du ein Mensch bist. Kein ...«
Sie nahm seine Hand. Ihre Fingernägel schabten über seine Handfläche.
»Sie haben es vergessen. Die Indianer, die Tankiteke. Das hat mir mein Großvater
erzählt. Es gab mal mehr von diesen Dingern ...«
Sie rollte den Stein zwischen ihren Handflächen hin und her. »Und
jetzt sind sie alle verschwunden. Weißt du, warum?«
Andrew schüttelte den Kopf.
»Weil sie es vergessen haben.« Seine Mutter wandte sich ab. »Fuchs
oder was auch immer sie haben vergessen, dass sie einmal Menschen waren, und sind
für immer dort geblieben, sind in den Wäldern gestorben.« Und sie strich über den
Stein wie über einen Hochzeitsring, mit vom Whiskey glänzenden Augen.
In dieser Nacht lag Andrew lange wach, starrte seine Footballfähnchen
an und lauschte dem Verkehr. Er fragte sich, warum irgendjemand den Wunsch verspüren
sollte, jemals zurückkehren zu wollen.
Howell erwachte vor der Morgendämmerung und rief: »Festus! Guten Morgen.« Der
Spaniel schnaufte und blickte ihn aus trüben Augen an, bevor er vom Bett rutschte.
»Sieh mal«, sagte Howell und wies auf eine Stelle, wo die großen
Farne am Waldrand zu einer grünen Matte zusammengedrückt waren. »Sie waren letzte Nacht
wieder hier.«
Festus winselte und lief aus dem Zimmer, seine Krallen klickten über
den Boden. Howell ließ ihn zur Hintertür hinaus und sah zu, wie er an der Wildfährte
schnüffelte und sich dann ins Gebüsch wühlte. An manchen Tagen hatte Howell das
Gefühl, er könnte dem Hund noch einmal auf einer dieser geräuschvollen Jagden folgen.
Aber jedes Mal trampelte der morgendliche Ansturm von Licht und Hitze seine Kraft so
gleichgültig nieder wie das Wild den Farn. Ein paar Minuten lang atmete er unbeschwert,
die feuchtkühle Bergluft glitt ihm wie Wasser den Hals hinab - kalt, mit einem
Beigeschmack von Granit. Dann setzte der Husten ein. Howell klammerte sich an den
Türrahmen und zitterte, bis die Tränen kamen. Seine Brust fühlte sich an, als würde
sich etwas gegen seine Rippen werfen, um zu entkommen. Er stolperte in die Küche, und
seine Finger tasteten über den Tisch, bis sie das Inhaliergerät fanden. Als er endlich
wieder unbeschwert atmen konnte, vergoldete das Sonnenlicht bereits Sugar Mountain, und
Festus kratzte an der Hintertür atemlos hechelnd verlangte er Einlass.
An jenem Morgen lag Andrew schnarchend auf dem Fußboden des Häuschens. Die Ginflasche
war ausgelaufen und hatte einen Haufen alter Zeitungen durchweicht, der ihm als Kopfkissen
diente. Er erwachte langsam, kam jedoch zu schnellen und schmerzhaften Schlussfolgerungen,
als er aufzustehen versuchte.
»Himmel«, stöhnte er, als er auf der Türschwelle innehielt. Es stank
so sehr nach Gin, dass er sich übergeben musste. Danach wischte er sich den Mund mit
einem Wildtraubenblatt ab und schmetterte die Flasche mit überraschender Kraft gegen
einen Baum. Dann stakste er den Hang hinab zum Fluss.
Hier war das Wasser hüfttief. Andrew zog T-Shirt und Jeans aus und
ließ sich in den Fluss gleiten. Das Wasser war verdammt kalt. Er holte tief Luft. Dann
tauchte er unter, kam prustend wieder hoch, und trieb mit geschlossenen Augen über dem
sauberen Kieselgrund. Die Schatten der Bäume und der Himmel zitterten über ihm.
Er ließ sich auf einer schmalen Steinbank am Ufer nieder. Wasser lief
über seinen Schoß. Sein Schädel brummte, zwischen Hunger und Kater hin und her
gerissen. Unter ihm trieben Elritzen wie Weidenblätter. Er tauchte eine Hand ein, um sie
zu fangen. Aber sie glitten ihm mühelos durch die Finger. Ein fiebriger Hunger überkam
ihn. Er zählte rückwärts drei Tage, seit er etwas gegessen hatte, seit dem
Abend, an dem er seine Mutter gefunden hatte ...
Er blinzelte die Erinnerung fort, blinzelte, bis die dunstige Luft
aufklarte und er sich auf den Fluss konzentrieren konnte. Er ließ sich wieder ins Wasser
gleiten, kniete an einer seichten Stelle nieder und spähte unter die Steine. Sehr langsam
hob er erst einen flachen Stein an, dann noch einen. Unter dem dritten fand er einen
Flusskrebs, braun gescheckt vor dem schokoladenfarbenen Kies. Andrew biss sich in die
Hand, um sie am Zittern zu hindern, dann ließ er sie unter die Wasseroberfläche gleiten.
Der Flusskrebs schoss rückwärts, in Richtung seiner Knöchel. Andrew stellte seine
Füße so, dass sie ein V bildeten, und hockte sich hin, um das Tier aufzuhalten.
Triumphierend schrie er auf, als er den Schwanz zu fassen bekam.
»Mistvieh!« Zangen nagten an seinem Daumen. Er schleuderte den
Flusskrebs aufs moosige Ufer, wo er sich wand und zappelte. Einen Moment lang betrachtete
Andrew ihn reumütig. Dann nahm er den flachen Stein, unter dem sich das Tier verborgen
hatte, und schlug den Kopf auf.
Aus den Zangen ließ sich kaum Fleisch heraussaugen. Der Schwanz, der
noch immer zuckte, enthielt ein daumengroßes Stück, schlammig und süß wie Märzregen.
In den nächsten Stunden erlegte er weitere Krebse, bis sich die leeren Panzer am Ufer
häuften, der Schlamm übersät mit seinen Handabdrücken, die denen eines großen
Waschbären glichen. Schließlich hörte er auf zu essen. Ihm wurde übel, als er das
Gemetzel am Ufer betrachtete. Er kroch zur Flussbiegung und biss sich auf die Unterlippe,
um sich nicht zu übergeben. Im dunklen Wasser sah er sich selbst: Er war viel zu dünn,
das schwarze Haar klebte ihm auf der Stirn, schwarze Ränder der Erschöpfung säumten
seine schmalen Augen. Er wischte einen Schlammfaden von den Lippen und lehnte sich
zurück. An seiner Brust baumelte das Amulett wie ein verirrter Tropfen, die schmutzige
Schnur rieb sich an seinem Hals. Er trocknete sich das Gesicht mit dem T-Shirt ab, dann
zog er an der Schnur und betrachtete das Amulett.
Im Spätsommerlicht glänzte es auf unheimliche Weise, angeschwollen wie
die Larve einer Insektenkönigin. Ähnlich, wie die Linien des Brustkorbs, des Kopfes und
der Flügel auf einer Insektenpuppe erkennbar waren, wies auch der Talisman schwache
Zeichnungen auf: Augen, Zähne, Pfoten; Flügel, Flossen, Fühler, Schwanz. Je nach dem,
wie er das Licht auffing, war er ein Fuchs oder Wiesel; ein fliegendes Eichhörnchen, ein
Puma oder ein Rothirsch. Der Junge hielt das Amulett prüfend zwischen Daumen und
Mittelfinger. Es war warm. Im steinernen Klumpen spürte er ein dumpfes Summen wie von
einer gefangenen Hornisse.
Andrew rieb den Talisman an den Lippen. Seine Zähne vibrierten wie von
einem winzigen Bohrer. Er schloss die Augen, drückte die Finger fester um den Stein und
ließ ihn unter die Zunge gleiten. Eine Sekunde lang spürte er ihn, ein Samenkorn, das
bereit war, aufzuplatzen. Dann wurde er von Übelkeit und einem so wahnsinnigen Schmerz
überwältigt, dass er einen Schrei ausstieß, auf dem Moos zusammenbrach und wie
verrückt an seinen Haaren riss. Abrupt fanden seine Schreie ein Ende. Er bekam keine Luft
mehr. Ein warmer Hauch drang ihm in die Nase er stank nach Teichwasser. Er nieste.
Und öffnete die Augen: Sein Blick fiel auf den Uferschlamm, der
zwischen schwarzen und samtigen Pfoten hervorquoll.
Teil 2 von
»Schnee auf Sugar Mountain«  |
 |