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ALIEN CONTACT
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Elizabeth Hand

Schnee auf Sugar Mountain

Snow on Sugar Mountain

Science Fiction > Alien Contact | Stories

<-- Teil 2 -->

Vielleicht lag es an den Jahren, die er in engen Räumen verbracht hatte – in Kapsel-Attrappen hockend, die Knie an die Brust gezogen, frei schwebender Schlaf in Leinensäcken, kopfüber essen in Räumen, die kleiner waren als das Innere eines Kühlschranks. Vielleicht war ihm das Häuschen tatsächlich geräumig vorgekommen, als Howell sich trotz der Einwände seines Sohnes und der Seufzer seines Buchhalters entschlossen hatte, es zu kaufen.
   »Für meine Bedürfnisse ist hier mehr als genug Platz«, erklärte er seinem Sohn. Sie hatten Bilder aufgehängt. NASA-Fotos, Berichte aus dem Life-Magazin. Das Richard-Avedon-Porträt seiner Frau, einer ehemaligen Miss Rio Grande, die noch vor der Mondlandung an Krebs gestorben war. »Und fünfzig Hektar, der größte Teil der Umgebung des Sees.«
   »Fünfzig Hektar, und das meiste davon im Nirgendwo«, erwiderte Peter schnippisch. Er hasste das Land, hasste die Enttäuschung, die er darüber empfand, dass sein Vater nicht das Penthouse in Manhattan genommen hatte. »Für jemand anderen ist hier kein Platz mehr, so viel ist sicher.«
   Dem alten Mann gefiel es so. Das Häuschen schmiegte sich in eine kleine Lichtung zwischen den von Gletschern gespaltenen Hügeln. Wenn es richtig schneite, war er tagelang vom Dorf abgeschnitten. Der einzige Schneepflug der Stadt sparte sich Sugar Mountain und die verlassene Siedlung am See bis zuletzt auf. »Dem Astronauten macht das nichts aus«, pflegte der Fahrer zu sagen.
   Howell stimmte ihm zu. Nach dem Vorruhestand zog er sich mit seiner Rente zurück, zog sich wirklich zurück. Keine Ehrendoktortitel. Keine Fernsehspots für Fluglinien. Er investierte wenig und ohne rechtes Interesse. Er korrespondierte mit Spinnern - mit Autoren, die astrale Landefelder im Regenwald untersuchten, mit einer Frau, die behauptete, über ihre Sonnenbrille Nachrichten von Außerirdischen zu empfangen, mit einem Anstaltspatienten, der seine Briefe mit Gummimann, Herr des Jupiter, unterzeichnete. In einem seiner seltenen Radiointerviews gab Howell zu, mit halluzinogenen Drogen experimentiert zu haben, und brachte überraschend seine Verbitterung über die Beendigung des Apollo-Programms zum Ausdruck - eine Enttäuschung, die durch die vergangenen Jahre nicht gemildert worden war. An Frühlingsnachmittagen konnte man ihn mit seinem englischen Cockerspaniel über die schmutzigen Straßen Kamensics spazieren sehen. Die Dorfschulkinder zeigten stolz auf ihn, obwohl er nicht in ihren Büchern abgebildet war. Einmal im Jahr erzählte er den Fünftklässlern etwas über die Wichtigkeit des Raumfahrtprogramms. Danach schrieb er schüchtern sein Autogramm auf Vespertüten. Nein, dem Astronauten machte das nichts aus.
   Der alte Mann seufzte und ging zu seinem Schreibtisch. Aus seinem ausgefransten Hemd ragte ein haarloser Schädel mit blauen Adern, wie Flüsse auf einem Reliefglobus. Achatblaue Augen, die so trocken waren, als wären alle Träume herausgesaugt worden, und die sich jetzt auf seltsame Dinge richteten. Battailone von Pillenfläschchen. Helle, wunde Stellen an Händen und Füßen. Maschinen, die schauderhafter waren als alles, was die NASA zu Trainingszwecken entwickelt hatte. Die Straße vom Sugar Mountain war so weit von seiner Haustür entfernt, dass seine Spaziergänge ihn nur noch sehr selten dorthin führten.
   Das Medikament unterdrückte seinen Husten. Dafür lastete ein Gewicht auf seiner Brust, und die Drogen brannten geisterhaft in ihm.
   »Wenn nur die verdammten Autoschlüssel hier wären«, erklärte er Festus, während er vor der Tür auf und ab ging. Er durfte nicht alleine fahren. Peter hatte die Schlüssel an sich genommen, »zur Sicherheit«. »Wenn wenigstens mein verdammter Hund fahren könnte!«
   Festus gähnte und ließ sich auf dem Boden nieder. Seufzend setzte sich der Astronaut auf die Couch und nahm Bleistift und Block zur Hand, um einen Brief zu schreiben. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.

Die Geräusche brandeten über Andrew hinweg: Der Wind heulte durch die Bäume, das Lied der Zikaden glich anhaltendem Donner. Unter der Erde trommelten Tausendfüßler und Käfer, vom unablässigen Ticken der Insektenbeine auf gefallenem Laub begleitet. Er erschauderte und schüttelte seine Halskrause aus schwerem Pelz. Das Sonnenlicht stach ihm in die Augen, und er musste blinzeln. Die Welt war in Schwarz und Grau erstarrt.
   Er nieste. Warme Witterungsströme kitzelten seine Schnauze. So viele Arten von Dreck! Matsch wie Kakao, reichhaltig und bitter; Sand, frisch wie Sonnenlicht; Lehm, reif und voller verborgener Würmer. Er richtete sich mit wackligen Beinen auf, ging ein paar Schritte und strauchelte in seiner Kleidung. Ihr ranziger Gestank sprang ihn an: Verfall, Schweiß, Stadtkies und Teer. Er nieste heftig, dann lief er zum Flussbett. Dort beschnüffelte er die Schale eines Flusskrebses und leckte sie aus. Danach watete er in den Strom und trank. Seine lange Zunge spritzte ihm Wasser in die Augen. Mit einem Satz stand er auf der Böschung. Er schüttelte sich das Wasser aus dem Fell und warf den Kopf in den Nacken, die Augen geschlossen, erfüllt von unbeschreiblichem, grenzenlosem Hochgefühl. Aus der Ferne hörte er tiefen Donner; im leichten Wind schmeckte er den sich nähernden Regen.
   Im nahen Dickicht raschelte etwas. Ohne hinzuschauen wusste er, dass es ein Kaninchen war, roch die Milch und die beißende Angst. Er hob den Kopf, prüfte die Luft, bis er es zusammengekauert am Fuß einer geborstenen Birke entdeckte. Er kroch vorwärts, sein Bauch streifte den Schmutz. Als er kaum mehr als eine Schnauzenlänge entfernt war, schoss es hoch. Die Hinterbeine schleuderten Blätter in sein Gesicht, als es ins Unterholz sprang. Er folgte ihm, glitt unter Traubenbüschen und giftigem Efeu hindurch, Kletten blieben an seinen taufeuchten Krallen haften.
   Das Kaninchenweibchen führte ihn durch ein Birkenwäldchen zu einer großen Lichtung, wo es mit einem Satz in einem Bau verschwand. Er grub hastig im Loch, warf Wolken weichen Lehms hoch und hielt schließlich inne, als er auf eine Masse schwarzer Käfer stieß, die über einen Stein krabbelten. Neugierig stupste er die Käfer mit der Nase an, leckte dann ein paar auf und zerkaute sie zwischen seinen langen Zähnen. Die übrigen Insekten hasteten unter die Erde. Plötzlich wurde er müde, gähnte, kroch in einen Ring übergroßer Farne, die mit Sporen überladen waren, und blieb keuchend liegen.
   Die Luft wurde schwer vor Feuchtigkeit. Donner grollte in der Ferne. Wie hatte er jemals glauben können, dass es in den Wäldern still war? Ununterbrochen hörte er das regelmäßige Schlagen, das Brummen des fortschreitenden Tages unter seinen Pfoten. Regen setzte ein, und er kroch tiefer zwischen die Farne, bis sie ihn bedeckten. Dort wartete er auf das Hereinbrechen der Nacht, während er Regen von den Farnwedeln leckte und die Zwischenräume seiner Fußballen von Erde reinigte.
   Bei Sonnenuntergang hörte es auf zu regnen. Durch geschlitzte Augen sah er einen Hirsch auf die Lichtung treten und sich herabbeugen, um Regen aus einem schalenförmigen Blatt zu lecken. Seine Zunge schabte über das Gras. Kleiber schossen in den Rhododendron und ließen die Büsche zittern, bis sie sich zum Schlafen niederließen. Er streckte sich aus, die Haare auf seinem Rücken raschelten, als sich darauf Tropfen bildeten und von seinem Pelz rollten. In der feuchten Luft waren die Gerüche sehr deutlich: Er schmeckte Nebel, der sich aus dem nahen Sumpf erhob, roch einen Kammmolch unter einem verrotteten Stumpf. Dann drehte der Wind und schickte ihm eine stärkere Witterung: heiß und milchig - das junge Kaninchen, das bewegungslos am Eingang seines Baus saß.
   Er stellte die Ohren auf, um den leichten Wind zurückzuverfolgen, der im Fell des Kaninchens spielte. Er kroch vorwärts, einen halben Schritt darauf zu, sprang, als es in Panik losschoss, ein Bündel aus fliegendem Fell und Blättern. Das Kaninchen machte einen Satz auf die Lichtung, drehte sich und stolperte über einen gefallenen Zweig. In diesem Moment war er über ihm, seine Pfoten streiften zögerlich über die zitternde Flanke, bevor er ihm den Hals aufriss. Das Kaninchen schrie. Er zerfetzte Haut und Sehnen, Fell verfing sich zwischen seinen Zähnen, er zerbiss Muskelstränge, während er knurrte und am Kiefer zerrte. Das Kaninchen hörte auf zu zappeln. Irgendwo im Fuchs wollte Andrew schreien, aber der Fuchs zerrte am Kaninchenkopf, Blut spritzte aus einer zerquetschten Arterie und beschmutzte seine Schnauze. Der Geruch machte ihn rasend. Er zog das Kaninchen ins Gebüsch und fraß. Dann buddelte er ein kleines Loch und vergrub den Kadaver, stupste mit der Nase Blätter über die noch warmen Knochen.
   Er trat auf die Lichtung und starrte durch das Gewirr aus Bäumen und Himmel. Der Mond war voll. Blut brannte in ihm, der Geruch stach in seine Nüstern, versengte seine Zunge, weckte in ihm den sehnlichen Wunsch nach Wasser. Eine Eule schrie. Er rannte los, sprang über einen zugewucherten Misthaufen und lief weiter über die Birkenlichtung, bis er auf den Fluss stieß, in dem sich glitzernd das Mondlicht spiegelte. Er näherte sich dem Ufer und tauchte vorsichtig eine Pfote ins seichte Wasser, zuckte zurück, als sich das Licht unter seiner Berührung zerstreute. Dann überquerte er den Fluss und wanderte schnüffelnd am anderen Ufer entlang. Ein Geruch erregte seine Aufmerksamkeit; an diesem Ort war er überwältigend fremd. Er starrte auf einen Haufen Kleider, die über das Moos ausgebreitet worden waren, näherte sich mit steifen Beinen und schnüffelte. Unter seiner Zunge juckte etwas Kleines, Raues, wie eine Blase. Er schüttelte den Kopf und spürte die Schnur um seinen Hals. Er hustete, berührte mit den Pfoten seine Schnauze, wühlte sein Gesicht ins T-Shirt. Der Talisman fiel zwischen seinen Kiefern heraus.
   Der Junge kniete am Ufer, hustete, während er mit einer Hand den blutigen Talisman umklammerte. Er kroch zum Fluss und beugte sich vornüber, schöpfte mit den Händen Wasser, während er wie wahnsinnig würgte. Dann taumelte er nach hinten, ließ sich auf das Moos fallen und starrte erschöpft zum Himmel. Nach einer Weile fiel er in einen unruhigen Schlaf. Seine Beine zuckten, während er fliehenden Hasen in einem schwarzen, chaotischen Wald auflauerte.
   Regen weckte ihn am nächsten Morgen, tröpfelte in seine Nasenlöcher und unter seine Augenlider. Andrew rieb sich die Augen, ächzte und setzte sich auf. Der Fluss war von schlammigen Strudeln angeschwollen. Er starrte Löcher in die Luft, während der Regen stärker wurde, durch das Blätterdach schnitt und ihn wie kleine, kalte Steine traf. Zitternd griff er nach seiner Kleidung und humpelte zur Hütte. Drinnen trocknete er sich mit dem feuchten T-Shirt ab, dann ging er in das kleine Schlafzimmer. Es war so schmal, dass seine Fingerspitzen beide Wände berührten, wenn er die Arme ausstreckte. Hier stand ein schiefes, uraltes Campingbett mit Stahlrahmen und durchgelegener Matratze - hart und dünn wie ein alter Autositz. Stöhnend brach er darauf zusammen, ohne auf die toten Motten zu achten, die auf der Decke lagen. Seine zerknüllten Jeans gaben ein feuchtes Kissen ab. Er lehnte sich gegen die Wand und starrte an die Decke.
   Er konnte jeden Tag hierher zurückkehren. Es war trocken, und wenn er das Unkraut ausriss und den Schmutz und die Federn hinausfegte, hatte er ein Zuhause. Der Fluss versorgte ihn mit Wasser; ein paar warme Kleider für den Winter steckten in seinem Rucksack. Nachts konnte er im Wald jagen und essen, und sich dann am Morgen zurückverwandeln. Tagsüber würde er schlafen, vielleicht auch mal zur Bibliothek gehen und in Survival-Büchern nachschlagen. Niemand würde ihn je finden. Hier, wo die Tankiteke gejagt hatten, konnte er sich ewig verstecken.
   Es musste einen nicht in den Wahnsinn treiben. Wenn er sich nicht dagegen wehrte, wenn er sich nicht am falschen Ort verwandelte, wenn er sich keine Gedanken um Familie oder Freunde oder die Schule machen musste. Er zog heftig an der Schnur und hielt sich das Amulett vor die Augen.
   Sie würden es niemals erfahren. Niemals. Niemand würde es je erfahren.

Howells Behandlung endete in jenem Winter. Eines Abends schüttelte Dr. Lancaster einfach den Kopf, schob die letzten Testergebnisse in den Ordner und schloss ihn. Am nächsten Morgen sagte er zu Howell: »Schluss damit.«
   Der Astronaut ging nach Hause, um zu sterben.
   Solange es nicht schneite, konnte er mit Festus spazieren gehen, kurze Ausflüge die schmutzige Auffahrt hinunter, um in den Briefkasten zu schauen. An manchen Nachmittagen wartete er dort mit dem Spaniel, bis das Postauto hielt.
   »Seltsamer Winter, Major Howell«, stellte der Postbote fest, während er ihm einen Stapel Briefe von der Versicherungsgesellschaft, einem Vitamingroßhändler und dem Yale Hospital übergab. »Glauben sie, dass wir jemals Schnee kriegen?«
   Howell nahm die Post schulterzuckend entgegen und blickte zum wolkenlosen Himmel hinauf. »Ihre Einschätzung ist so gut wie meine. Wahrscheinlich besser.«
   Sie lachten, dann kroch das Auto den Hang hinab. Howell wandte sich um und rief Festus aus dem Wald. Einen Moment hielt er inne und blickte noch einmal zum klaren Winterhimmel empor. Der Mond starrte wie ein blasses Auge auf den Nachmittag herab.
   In jener Nacht träumte er vom Himmel - von Eis, das zu Wolken zerschmolz, die über einen geisterhaften Mond jagten, der so nah war, dass seine Finger Abdrücke darauf hinterließen, als er die Hand hob; winzige Krater erblühten unter seiner Berührung. Als er am nächsten Morgen erwachte, schneite es.

Der Schneesturm stürzte sich auf Kamensic Village und erwischte das Dörfchen, als es nach den Weihnachtsfeiertagen vor sich hin döste. Ein kurzer, rauer Herbst war einem schneelosen Winter gewichen. Das Wild war fett geworden vom frostigen Weidegras. Ohne die Herausforderung durch den Schnee wurden die Schulbusfahrer erst überheblich und dann übellaunig, während die Kinder von glänzend lackierten Schlitten träumten und von neuen Skiern, die noch zusammengebunden in eiskalten Garagen standen. In den Fallows konnte ein Fuchs leichte Beute und warme Schlupflöcher finden. Die Tür eines verlassenen Bungalows wurde vom Wind aus den Angeln gerissen, Blätter sammelten sich in den Ecken und begruben einen Kunststoffrucksack.
   Neben einer eingefallenen Steinmauer hatte er einen verlassenen Bau gefunden, der gerade groß genug war, um sich darin zusammenzurollen und während der rauen Tage zu schlafen. Inzwischen mied er die Häuser. Der abstoßende Geruch von Menschen, der zusammen mit verwirrenden Erinnerungen an den verlassenen Gebäuden hing, jagte ihm Angst ein. Er gähnte und zog die Pfoten unter seinen Körper, wand den Schwanz, um die Schnauze zu bedecken und die eiskalte Luft zu wärmen, die er atmete. Über ihm verbarg die Mauer die Überreste des Moorhuhns, das er letzte Nacht getötet hatte. Der leichte Fäulnisgeruch gab ihm ein heimeliges Gefühl und ließ ihn tief schlafen.
   Er erwachte in der Stille. In so vollkommener Stille, dass sich seine Nackenhaare aufrichteten und er vor Unbehagen leise knurrte. Selbst hier im Bau konnte er stets die sanften Bewegungen der Welt hören – den Wind im toten Laub, Meisen, die sich in den Kiefern zankten, das Krachen von Ästen, die in der Kälte brachen. Jetzt hörte er nur ein dumpfes Kratzen. Steifbeinig kroch er durch den Gang und blickte in den Sturm hinaus.
   Steine hatten verhindert, dass der Schnee den Eingang zu seiner Höhle blockierte. Er schlängelte sich durch das enge Loch und schüttelte sich. Der Schnee fiel so dicht, dass sein Fell innerhalb weniger Augenblicke schwer davon war. Überall waren Äste abgebrochen. Ganze Kiefern bogen sich zu Boden, bis sie brachen - dunkle Stämme, die schnell und lautlos begraben wurden. Er versenkte seine Schnauze in die Schneewehe und zuckte gleich darauf fauchend zurück. Abrupt wandte er sich um und sprang auf die Steinmauer. Dabei trat er eine schwere Schneelage los, die lautlos hinter ihm hinabstürzte.
   Auf der Mauer hielt er die Nase in den Wind. Nichts. Der Wind blies seine Halskrause zurück, bis er unter einer Schneeschicht zitterte, die so dick war, dass er sich nicht mehr trocken schütteln konnte. Er schlängelte sich hinab, stolperte in eine Schneewehe und suchte schnüffelnd nach dem Bau.
   Er war verschwunden. Herabgestürzter Schnee hatte das Loch verschlossen. Er konnte nichts mehr riechen. Wie wahnsinnig grub er vor der Mauer. Mehr Schnee glitt von den Steinen herab, ließ ihn knurrend zurückspringen. Er lief von Stein zu Stein, tastete hektisch mit den Pfoten umher, vergrub seine Schnauze beim Versuch, einen warmen Geruch aufzuspüren, die Witterung von gefrorenem Blut oder eine Fährte. Schnee gefror zwischen seinen Pfoten, pappte an seinen Beinen fest, so dass er unelegant durch die bewegliche Masse schwamm. Schließlich kauerte er sich erschöpft am Fuß der Mauer zusammen, bis die Kälte seine Brust zernagte. Dann taumelte er aufwärts, bis er wieder oben auf der Mauer stand. Rauer Wind verschloss ihm die Schnauze. Seine Augenlider erstarrten. Blind keuchte er den Kamm der Mauer entlang, wobei er immer wieder auf den Steinen ausglitt.
   Die Mauer war zu Ende. Ein vom Wind gespaltener Hügel glitt unter ihm weg, und er sprang, taumelte im Sturm, bis der Schnee ihn traf und er winselnd durch die endlosen Schneewehen geschleudert wurde.

Howell saß am Fenster und blickte in den Sturm hinaus. Die Telefonkabel, die ihn mit dem Dorf verbanden, hingen in trägen, weißlichen Sicheln durch. Er wusste, dass sie reißen würden, wie bei jedem Schneesturm. Er hatte bereits mit Peter gesprochen, mit Dr. Lancaster, mit Mr. Schelling, dem Gemischtwarenhändler, der sich erkundigt hatte, ob er noch irgendetwas brauchte, bevor der Laden schloss. Wenn er wollte, hätte er die Kabel jetzt auch selbst durchschneiden können. Sonst gab es niemanden, mit dem er hätte reden wollen.
   Es war ihm nicht mehr wichtig. Der Druck in seiner Lunge hatte sich während der letzten Wochen verstärkt, bis seine ganze Brust sich anfühlte, als würde sie versteinern; seine Arme und Beine waren im Verhältnis dazu so leicht, dass er sie für Flügel hätte halten können. Er wusste, dass seine Körperteile ihn eines nach dem anderen im Stich ließen. Nur die Tabletten gaben ihm noch Kraft, und er füllte die Plastikfläschchen oft nach.
   Vor kurzem hatte er eine Kapsel genommen und sie mit einem kleinen Glas Scotch hinuntergespült. Mittlerweile bereitete es ihm eine kindische Freude, seinem Körper Gewalt anzutun.
   »Festus«, krächzte er, und seine Hand zauste die Luft neben dem Sessel. Festus trottete schwanzwedelnd herbei. »He Festus, mein braver Hund. Mein braver, kluger Hund.«
   Festus leckte Howell die Hand und winselte hoffnungsvoll.
   »Mittagessen?«, fragte Howell überrascht. »So früh.« Dann fragte er sich erschrocken, ob er den Hund gestern gefüttert hatte oder ob er es vergessen hatte, wie er manchmal die Post vergaß, seine Kleidung, seine eigenen Mahlzeiten. Er wurde unruhig, sein Kopf brummte, und er ging in die Küche.
   Im Hundenapf klebte noch eine feuchte Kruste. In der Schale war Wasser. Aber als Howell die Klappe unter der Spüle öffnete, fand er keine Dosen mehr vor. Die große rote Purina-Tüte war leer.
   »Oh nein«, murmelte er und warf einen Blick in den Kühlschrank. Ein paar Eier; etwas eingefrorenes Gemüse. Im Küchenschrank würde wohl noch Suppe sein. »Festus, lieber Gott, das tut mir Leid.« Festus tänzelte hoffnungsvoll über den Dielenboden und wartete auf seine Mahlzeit.
   Howell lehnte sich an die Spüle und blickte hinaus. Schellings musste noch geöffnet haben; wenn nicht, Isaac wohnte direkt hinter dem Laden. Das Auto war vollgetankt. Peter hatte die Schlüssel zurückgegeben, widerstrebend zwar, doch Howell war seit Monaten nicht mehr gefahren. Wenn er einfach abwartete, konnte es zwei Tage dauern, bis jemand anzurufen versuchte oder am Sugar Mountain vorbeischaute. Er wühlte sich durch Schränke, bis er Stiefel und einen schweren Parka fand, dann steckte er sein Inhaliergerät in die Tasche. In der Küche hielt er inne und fragte sich, ob er den Hund mitnehmen sollte.
   »Ich bin bald wieder da«, sagte er schließlich und kraulte dem Spaniel die Ohren. Dann schluckte er noch eine Tablette.
   Draußen wirbelten daumengroße Flocken herab und zerbarsten auf seinem Parka in hunderte von Kristallen. Der Himmel hing so tief und dunkel, dass es aussah, als würde die Nacht anbrechen. Howell hatte keine Ahnung, wie spät es wirklich war. Er stolperte zum Auto und trat gegen die Tür, bis der Schnee herabfiel und er den Griff fassen konnte. Er sah auf dem Rücksitz nach Schaufel, Sand und Decken. Dann ließ er den Motor an. Das Auto ruckelte vorwärts.
   Früher am Tag hatte er den Schneepflug gehört, aber die Straße war mittlerweile wieder unter Schnee begraben. Während das Auto auf eine Böschung zuglitt, fragte sich Howell, warum er beschlossen hatte rauszufahren, bis er sich schließlich an Festus erinnerte, der hungrig zu Hause wartete.
   Nach ein paar Minuten stellte er fest, dass es sinnlos war, auf eine Seite der Straße zu steuern. Stattdessen versuchte er, ein paar Fuß Abstand zwischen Auto und Bäumen zu wahren, um nicht mitten in den Wald zu fahren. Bald wurde sogar das schwierig. Kiefern neigten sich herab, wo er nie zuvor Bäume gesehen hatte. Die Steinmauern, die die Straße säumten, hatten sich zu labyrinthischen Wellen gekrümmt. Millimeterweise schob sich das Auto den sanften Abhang hinab, und hinter ihm wirbelte bläuliche Gischt auf. Die Heizung funktionierte nicht. Die Scheibenwischer steckten wieder fest. Er langte hinaus und wischte sich einen kleines Loch frei, um durch das eiskalte, schwarze, von weichen Explosionen gesprenkelte Glas sehen zu können.
   Durch die freie Stelle erkannte Howell nur weiße und graue Striche. Streifen, die seine Finger auf dem Glas hinterlassen hatten, froren fest und reflektierten die grünen und roten Lichter des Armaturenbretts. Seine Hände lösten sich vom Lenkrad, und er rieb sie aneinander. Das Auto schlitterte weiter.
   Er träumte und sah für einen Moment ein ruhiges, gefrorenes Meer, das unter winzigen Fenstern wogte. Die Dunkelheit wurde von blinkenden Kontrolllichtern durchbrochen, während draußen die azurfarbene Krümmung der Erde leuchtete. Dann streifte seine Stirn den Rand des Lenkrads, er schreckte auf und trat behutsam auf die Bremse.
   Ein Tier rannte vor das Auto, ein verschwommener Fleck, wie ein Stück Sommer auf dem Schnee. Es prallte gegen die Stoßstange.
   »Himmel Herrgott!«, murmelte Howell.
   Das Auto kam zum Stehen. Beim Aussteigen hob er schützend eine Hand über die Augen und warf einen Blick über die Schulter. Der Schnee füllte bereits die Spuren, die sich knappe hundert Fuß zu seiner Einfahrt schlängelten. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht und wandte sich um.
   Vor dem Auto lag ein nackter Junge. Er hatte die Augen geschlossen, als würde er schlafen, und seine Haut dampfte vom Kuss des schmelzenden Schnees. In seinem langen, schwarzen Haar hatten sich Zweige verheddert; eine Faust hatte er an die Lippen gepresst. Ein schlummerndes Kind. Der Astronaut bückte sich und berührte behutsam seine Wange. Sie war fiebrig heiß.
   Der Junge wimmerte. Howell taumelte gegen die Stoßstange. Der eiskalte Schmerz versetzte ihm einen Schock. Er hastete zur Tür und langte nach der alten Hudson’s-Bay-Decke. Dann kniete er sich mit pochendem Schädel neben den Jungen und wickelte ihn in die Decke. Er versuchte, ihn zu tragen, doch er war viel zu schwer. Howell stöhnte, dann zog er den Jungen und die Decke neben das Auto. Einen Augenblick ruhte er keuchend aus, dann hob er den Jungen mühsam auf den Beifahrersitz.
   Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er zum Haus zurückgefahren war. Festus erwartete ihn freudig bellend an der Tür. Howell schwankte unter dem Gewicht des Jungen und stieß die Tür mit einem Tritt hinter sich zu. Dann kniete er nieder und ließ das Bündel zu Boden gleiten.
   »Festus, psst«, befahl er.
   Der Hund näherte sich dem Jungen mit wedelndem Schwanz. Dann erstarrte er und sprang knurrend zurück.
   »Festus, sei still!« Erschöpft warf Howell seinen Parka ab. Er hielt inne, um den Schneesturm zu betrachten, der nach wie vor über den Berg tobte.
   »Festus, ich werfe dich raus, wenn du nicht still bist!« Er klatschte in die Hände und zeigte in Richtung Küche. »Leg dich hin!«
   Festus bellte, aber er zog sich in die Küche zurück.
   Also, was zur Hölle hat das zu bedeuten? Howell fuhr sich mit der Hand über die nasse Kopfhaut und starrte auf den Jungen. Schmelzender Schnee tröpfelte von der Decke und hinterließ Flecken auf dem Holzboden. Vorsichtig bückte er sich und zog eine wollene Falte zurück.
   Im rötlichen Licht des Raumes wirkte der Junge noch blasser, seine Haut aschfarben. Seine Brust war voller Schmutz. Die Haare an seinen Beinen und Leisten waren steif vor Dreck. Howell verzog das Gesicht; der Junge stank nach verwestem Fleisch.
   Er strich verfilztes Haar aus dem schmalen Gesicht. »Herr im Himmel, was hast du nur getrieben?«, murmelte er. Drogen? Welche Drogen brachten jemanden dazu, nackt durch den Schnee zu laufen? Howell zuckte zurück und ließ die verhedderten Locken aus seiner Hand gleiten.
   Der Junge wimmerte und drehte den Kopf. Er hielt die Augen weiterhin fest geschlossen, entblößte die Zähne und weinte leise. Seine Hand sank ihm auf die Brust, die Finger öffneten sich. In der Handfläche lag ein Stein, der an einer schmutzigen Schnur um seinen Hals befestigt war.
   Howell ging durch das Zimmer zu einem Eckfenster. Eine Polsterbank, die nahtlos in den Winkel eingelassen war, diente hier als Zweitbett. Er öffnete eine Schublade unter der Bank, zog Decken heraus und schüttelte die Kissen auf. Dann holte er Handtücher und gab sich Mühe, den Jungen abzutrocknen, bevor er ihn in eine saubere Decke wickelte und zum Fenster zog. Ächzend ließ er ihn auf das Bett gleiten. Erst deckte er ihn mit einer Baumwolldecke zu, dann stapelte er grobe Wolldecken darüber, bis der Junge schnarchte und sich auf den Bauch drehte. Nach ein paar Minuten beruhigte sich sein Atem. Howell sank in einen Lehnstuhl, um ihm beim Schlafen zuzusehen.

Andrew stürzte durch einen weißen Traum und schlug um sich, quälte sich durch unnachgiebige, verfilzte Gräser, die sich als Decken entpuppten, die um seine Beine gewickelt waren. Er öffnete die Augen und blieb reglos liegen, den Atem vor Schreck angehalten. Die Dunkelheit verbarg ein schreckliches Geheimnis. Er wimmerte und versuchte herauszufinden, wo er war. Als er den Kopf drehte, sah er einen hellen Fleck über sich, ein bleicher Mond in einem kobaltfarbenen Himmel. Seine Augen brannten. Er streifte die Steppdecke ab und setzte sich auf. Durch das Fenster konnte er den Wald ausmachen, verschneite Felder, in bläuliches Mondlicht gehüllt. Farben. Er blickte an sich herab und sah, zum ersten Mal seit dem Herbst, seine Hände. Langsam hob er sie an den Hals, bis sie den Stein berührten. Seine Finger schmerzten, und er bewegte sie, bis das taube Gefühl nachließ. Frisches Blut prickelte in seinen Handflächen. Er schnüffelte vorsichtig: Staub und abgestandener Holzrauch, sein eigener Schweiß – und der eines anderen.
   In einem Lehnstuhl schlief ein alter Mann, den Mund halb geöffnet, sein Atem so leise, dass er die Luft kaum bewegte. Zu seinen Füßen lag ein Hund. Er starrte Andrew an und knurrte, ein tiefes, langgezogenes Geräusch wie von summenden Bienen.
   »He«, flüsterte der Junge mit belegter Stimme. »Braver Hund.«
   Der Hund schmiegte sich näher an die Füße des alten Mannes. Andrew schwang die Beine über die Bettkante, und die ungewohnte Bewegung ließ ihn keuchen. Als die Decken zu Boden fielen, stellte er überrascht fest, dass das Haar auf seinen Beinen dicht und schwarz geworden war.
   Selbst ohne Decken hüllte ihn die Wärme des Raums ein, und er seufzte vor Wonne. Unsicher stützte er sich mit einer Hand an der Wand ab und ging zu einem Fenster hinüber. Es hatte aufgehört zu schneien. Durch milchiges Glas sah er einen unberührten Hang, eine metallene Vogeltränke wartete unter einem weißen Dach. Er griff nach dem Talisman und erinnerte sich. Die Herbsttage, als er Wildtrauben von spröden Büschen gepflückt hatte, waren den langen, fetten Wochen eines schneelosen Winters gewichen. Unvermittelt fragte er sich, wie lange das her war – Monate? Jahre? –, und musste an die Worte seiner Mutter denken.
   ... sie haben es vergessen ... sie sind für immer geblieben, und draußen in den Wäldern gestorben ...
   Er schloss die Augen und hob das Amulett an den Mund, rieb es an den Lippen und dachte: Nur für kurze Zeit, ich könnte noch einmal losgehen, für kurze Zeit ...
   
Beinahe wäre er nicht zurückgekommen. Er schüttelte den Kopf, presste Tränen aus geschlossenen Augen. Schaudernd lehnte er sich vor, bis seine Stirn an der Fensterscheibe ruhte.
   Ein Haus.
   Der Talisman glitt ihm aus der Hand und baumelte wieder um seinen Hals. Andrew hielt den Atem an und lauschte. Sein Herzschlag beschleunigte sich vor Sehnsucht und Angst.
   Wessen Haus?
   Jemand hatte ihn zurückgeholt. Er wandte sich der Mitte des Raumes zu.
   Der alte Mann saß im Lehnstuhl und betrachtete Andrew aus sanften, trüben Augen. »Ist dir nicht kalt?«, krächzte er und setzte sich auf. »Ich kann dir einen Bademantel holen.«
   Verlegen hastete Andrew zur Bank am Fenster und wickelte sich in die Steppdecke. Dann kauerte er sich auf der Matratze zusammen. »Schon in Ordnung«, brummte er und zog die Knie an. Die Worte klangen sonderbar, und er wiederholte sie langsam.
   Howell blinzelte und versuchte, klar zu sehen. »Es ist noch Nacht«, stellte er fest und hustete. Festus jaulte und drückte sich an Howells Bein. Unvermittelt blickte der Astronaut Andrew direkt an. »Was zum Teufel hast du da draußen gemacht?«
   Andrew zuckte die Schultern. »Mich verlaufen, nehme ich an.«
   Howell brummte spöttisch. »Klar doch.«
   Der Junge wartete darauf, dass er auf seine Eltern oder die Polizei zu sprechen käme; aber der Mann schaute ihn nur gedankenverloren an. Er sah krank aus. Selbst im spärlichen Licht konnte Andrew wunde Stellen auf seinem Gesicht und seinen Händen erkennen; über seinen langen Schädel spannte sich gelbe Haut.
   »Leben Sie allein hier?«, fragte Andrew schließlich.
   »Der Hund.« Howell stupste den Spaniel leicht mit dem Fuß an. »Mein Hund, Festus. Ich bin Eugene Howell. Major Howell.«
   »Andrew«, erwiderte der Junge. Lange herrschte Stille, bevor der Mann wieder sprach.
   »Lebst du hier?«
   »Ja.«
   »Leben deine Eltern hier?«
   »Nein. Sie sind tot. Ich meine, meine Mutter ist gerade erst gestorben. Mein Vater schon vor langer Zeit.«
   Howell rieb sich die Nase und kniff die Augen zusammen. »Hast du jemanden, bei dem du wohnst?«
   »Nein. Ich wohne allein.« Er zögerte, dann neigte er den Kopf zum Fenster. »In den Fallows.«
   »Aha.« Howell fasste ihn genauer ins Auge. »Warst du – auf irgendwelchen Drogen? Ich habe dich da draußen gefunden ...« Er zeigte zum Fenster. »Völlig nackt. In einem Schneesturm.« Er lachte heiser. »Ich bin nur neugierig, das ist alles. Splitternackt in einem Schneesturm. Herr im Himmel!«
   Andrew pulte am Schorf auf seinem Knie. »Ich habe keine Drogen genommen«, sagte er schließlich. »Ich habe mich nur verirrt.« Plötzlich blickte er mit einem flehenden Ausdruck auf. »Ich werde Sie in Ruhe lassen. Sie müssen nichts tun. In Ordnung? Sie müssen niemanden anrufen oder so. Ich kann einfach dorthin zurückgehen, wo ich hergekommen bin.«
   Howell gähnte und erhob sich langsam. »Aber nicht heute Nacht. Wenn die Straßen freigeräumt sind.« Er blickte auf seine Füße und stellte verdrossen fest, dass er noch immer seine Stiefel anhatte. »Ich lege mich eine Weile hin. Bleiben immer noch ein paar Stunden bis zum Morgen.«
   Er lächelte matt und schlurfte ins Schlafzimmer. Festus folgte ihm. In der Küche blieb er stehen, um sein Inhaliergerät zu holen, und starrte leicht ungläubig auf die Anrichte, wo eine ungeöffnete Tüte Trockenfutter und sechs Dosen Alpo-Hundefutter neben einer halbvollen Einkaufstasche standen.
   »Ich fasse es nicht!«, brummte er, während er die Tüte aufriss. »Festus, ich habe vergessen, dass Pete die Sachen vorbeigebracht hat.« Er schüttete Futter in den Hundenapf und warf einen Blick zurück auf den Jungen, der verwirrt in die Küche sah.
   »Du kannst die Dusche benutzen, wenn du möchtest«, schlug Howell vor. »Da drüben. Da sind auch Handtücher und ein Bademantel. Bedien dich.« Dann ging er ins Bett.
   Im Badezimmer entdeckte Andrew Bettpfannen, einen leeren Sauerstofftank und saubere Handtücher. Er beförderte die Steppdecke mit einem Tritt zur Tür hinaus, zögerte und hob sie wieder auf, um sie auf dem Sofa zusammenzulegen. Dann ging er ins Badezimmer zurück. Grimassierend betrachtete er sich im Spiegel. Schmutz verstopfte seine Poren. Etwas wie spärliche Stoppel rauten sein Kinn auf, aber als er darüberstrich, blieb der größte Teil als kleine schwarze Kügelchen an seinen Fingern haften.
   In der Wanne stand ein weißes Metallgestell. Andrew ließ sich darauf nieder und drehte dass Wasser auf. Er schäumte Shampoo durch sein langes Haar, bis das Wasser klar wurde. Der größte Teil eines Stücks Seife löste sich auf, bevor er hinauskletterte und das letzte heiße Wasser den Abfluss hinuntergurgelte. An der Tür hing ein dünnes, grünes Krankenhaushemd. Auf den Kragen stand mit Edding-Stift E. HOWELL geschrieben. Andrew warf es sich über die Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer.
   Graues Licht sprenkelte die Fensterscheiben, genug Licht, um endlich das Zimmer zu erkunden. Es war ein kleines Haus, kaum größer als sein verlassenes Ferienhäuschen. Durchgewetzte Navaho-Teppiche bedeckten den Fliesenboden vor einem mit Steinen eingefassten Kamin, in dem sich tote Asche und die Überreste eines Weihnachtsbaumes häuften, durchsetzt mit rußgeschwärztem Lametta. In Öllampenhaltern aus Messing steckten Glühbirnen hinter grünen Glasschirmen. Und über den ganzen Raum verteilt: Bilder.
   Vor lauter Fotografien konnte er kaum die Zedernvertäfelung sehen. Er ging zur gegenüberliegenden Wand, die brusthoch von wackligen Bücherregalen verdeckt war. Über den Regalen hingen Dutzende gerahmter Fotos.
   »Meine Güte!« Andrew zitterte leicht, als er das Hemd zuband.
   Fotos vom Aufgang der Erde, des Mondes. Der Krabbennebel. Der Mond. Er schritt die Wand entlang, las die Bildunterschriften neben dem NASA-Logo auf jedem Abzug.
   Mare Smythii. Gambart-Krater. Kopernikus-Krater. Descartes-Krater. Meer der Ruhe.
   Am Ende der Wand, neben dem Fenster, hingen zwei schwere Goldrahmen. Im ersten befand sich ein Titelbild des Time Magazine, das drei behelmte Männer vor einer Peter-Max-Galaxis zeigte: DIE MÄNNER DES JAHRES: DIE CREW DER APOLLO 18, stand in Leuchtbuchstaben darunter. Er blies Staub vom Glas und betrachtete das Bild nachdenklich. Hinter einem der Helm-Sichtfenster erkannte er Howells Gesicht.
   Der andere Rahmen fasste ein übergroßes Titelbild des Look ein, eine matte Fotografie von vollkommenem Schwarz. In der oberen Ecke trieb der Mond, bleich und träumend wie ein Säuglingsgesicht.
   APOLLO 19: ABSCHIED VON DER STILLE.
   Draußen ging die Sonne über Sugar Mountain auf. Im Westen leuchtete ein Dreiviertelmond und verblasste, während das Sonnenlicht die Bergflanke hinabströmte. Andrew starrte den Mond an, bis seine Augen schmerzten, hielt ihn fest, so lange er konnte. Als er unterging, stieg er ins Bett zurück.

Teil 3 von »Schnee auf Sugar Mountain« -->

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Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Snow on Sugar Mountain«
© copyright 2002 by Elizabeth Hand. Alle Rechte vorbehalten.
mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Erstveröffentlichung in Full Spectrum 2, hrsg. von Lou Aronica u. a. (New York: Doubleday, 1991)
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Last Summer at Mars Hill (New York: Harper Collins, 1998)
Übersetzung © 2002 Jakob Schmidt

  • »Snow on Sugar Mountain« wurde 1992 in der Kategorie ›Best Novelette‹ für den Locus Award und in der Kategorie ›Novelette‹ für den Nebula Award nominiert
Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
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06.09.10 • 08.09.10