Mit
Kaisertag bleibt Oliver Henkel dem Grundtenor seines Erstlings Die
Zeitmaschine Karls des Großen treu: der alternativen Wirklichkeit. Dieses Mal geht
die Reise allerdings nicht ins frühe Mittelalter, sondern nur bis ins Jahr 1914: Das
Attentat auf den österreichischen Thronfolger missglückt und in der Folge findet der 1.
Weltkrieg nicht statt.Zeitsprung: Im Hamburg des Jahres 1988 sitzt der Privatdetektiv
Friedrich Prieß in Phil-Marlowe-Pose in seinem schäbigen Büro und stellt sich gerade
vor, was er mit dem Honorar für seinen jüngst abgeschlossenen Fall alles anstellen
könnte - da klopft es an die Tür und die gewohnt geheimnisvolle Dame drückt ihm den
nächsten kniffligen Auftrag aufs Auge. Er soll die Hintergründe des Todes ihres Mannes
aufklären, der sich plötzlich und unerwartet mit der Pistole ins Jenseits befördert
hat.
Nun ist die Henkelsche Welt des Jahres 1988 nicht mit der heutigen vergleichbar, keine
Perestroika in der UdSSR, kein Vorabend des Mauerfalls in Berlin, sondern eine geradlinige
Fortsetzung der viktorianisch-wilhelmischen Zeit, in der die alten staatlichen Strukturen
des 19. Jahrhunderts weiterbestehen. Alles kommt etwas verstaubt daher. Der Stand der
Technik entspricht bei Weitem nicht dem Fortschritt, den sie theoretisch gemacht haben
könnte. Statt Computern gibt es Schreibmaschinen, die Telefone sind Monstren aus
schwarzem Bakelit, Aeroplane und Automobile gelten als Luxusartikel und eitle Spielerei
technikbegeisterter Heißsporne. Die Hauptlast des Verkehrs tragen nach wie vor Fuhrwerke
und Zeppeline. Kurz: Seit den Zeiten Wilhelm II. hat sich wenig geändert, nicht nur im
Kaiserreich, sondern weltweit, denn Deutschland gilt als dominierende und wegweisende
Großmacht.
Und doch irgend etwas ist faul (nicht nur im Staate Dänemark, der sich in Form der
Terroristengruppe »Freunde Jütlands« durch die Romanhandlung bombt). Seit dem
Regierungsantritt des jungen Kaisers Wilhelm V. bekommt das hakenknallende Preußentum
Risse, neue ungeahnte Freiheiten machen sich breit, eine Frau darf das Lübecker
Polizeipräsidium leiten und rebellische Gymnasiasten trauen sich sogar mit den
neumodischen blauen Hosen aus dem USA (sprich Jeans) in die Schule. Die grünen
Pflänzchen der Demokratie keimen aber im Schatten einer neuen unheilvollen Entwicklung:
Deutsche Wissenschaftler und Militärs führen Atombombentests durch, um der
wirtschaftlichen auch eine militärische Übermacht folgen zu lassen.
Friedrich Priests Ermittlungen stechen mitten hinein in diese unübersichtliche
Gemengelage. Der Verstorbene, Oberst Diebnitz, war nicht irgendein Offizier, sondern als
Geheimdienstler mit der Sicherheit eines streng geheimen Forschungsinstituts betraut.
Immer tiefer werden Prieß und seine Partnerin, die Polizeipräsidentin Alexandra
Dühring, in den Strudel der sich überschlagenden Ereignisse hineingezogen. Der Showdown
schließlich wäre eines James-Bond-Filmes
würdig.
Oliver Henkel lässt die Handlung fast ausschließlich in seiner Heimatstadt Lübeck
spielen und integriert geschickt sowohl Personen der Zeitgeschichte als auch aktuelle
Semiprominenz in die Handlung. So bekommen zum Beispiel Senator Herbert Frahm (in unserem
Realitätsstrang unter dem Pseudonym Willy Brandt deutscher Bundeskanzler) und
Feldmarschall Erwin Rommel Hauptrollen. Während die Sympathie des Autors für Frahm noch
menschlich verständlich ist, hätte ein wenig Distanz gegenüber einem alten Schlächter
wie Rommel nicht geschadet.
Kaisertag beginnt als konventioneller Detektivroman, weitet sich aber bald zu
einem spannenden und bis zur letzen Zeile fesselnden Spionage- und Verschwörungsthriller
aus. Im großen Haufen der als Books on Demand erschienenen Bücher ist er wahrlich die
berühmte Nadel, nach der zu suchen sich lohnt. Besser noch wäre es allerdings, wenn der
Roman als gebundene Ausgabe einem größeren Publikum zugänglich wäre. Dann hätte
Lübeck neben dem Marzipan und dem Buddenbrookhaus eine weitere Attraktion.
Fred Siebert ALIEN CONTACT
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