Hinrich Staacke
mußte so heftig husten, daß sein vor Trockenheit wunder Rachen schmerzte. Schuld daran
war der feine Staub von der zerfurchten Straße und den brachliegenden Feldern ringsumher.
Er legte sich als gelbliche Schicht über alle Kleidungsstücke, bildete zusammen mit dem
Schweiß eine abscheulich juckende, schmierige Maske von Dreck auf dem Gesicht, knirschte
zwischen den Zähnen und ließ die Augen brennen. Er war schon weit herumgekommen, doch
nirgendwo sonst hatte Staacke einen so widerwärtigen Staub ertragen müssen. Ganz zu
schweigen von der Hitze, die in diesen späten Augusttagen im Jahre des Herrn 1491
bleischwer über Andalusien lastete und alles ohne Ausnahme zu lähmen schien. Selbst die
Gedanken gerannen zu einem zähflüssigen Rinnsal.
Mit dem Handrücken wischte der junge Mann den Schmutz fort, der sich
ständig auf seinen Lippen festsetzte, und gab seinem Pferd die Sporen. Widerwillig lief
das Tier für einige Augenblicke unwesentlich schneller, nur um dann wieder in einen
matten Trott zurückzufallen.
Dieses ganze Land war eine einzige Strafe Gottes. Staacke gönnte es
Ferdinand und Isabella. Die Katholischen Majestäten von Kastilien und Aragón verdienten
seiner Ansicht nach nichts Besseres. Seit Wochen schon reiste er ihnen hinterher, wurde
immer wieder vertröstet, an subalterne Beamte verwiesen und mußte elend lange Stunden
zusammengepfercht mit gewöhnlichen Bittstellern in Vorzimmern verbringen. Langsam bekam
er den Eindruck, daß es dem Königspaar ziemlich gleichgültig war, ob diese immens
wichtigen Verträge nun endlich zum Abschluß gebracht wurden oder nicht. Dabei ging es
doch um nichts Geringeres als die Versorgung des Heeres, mit dem sie Granada belagerten.
So viel Unfähigkeit erschien Staacke einfach unglaublich; hätte sein Onkel das
Handelshaus ähnlich geführt, dann wäre er mit Gewißheit eher heute als morgen im
Schuldturm gelandet.
»Verdammte Scheißviecher«, knurrte er und verscheuchte mit hektischen
Handbewegungen die dicht vor seinen Augen schwirrenden Fliegen. Natürlich war das völlig
vergebens, sie ließen sich nicht auf Dauer vertreiben. Um nicht immerzu an die lästig
brummenden Schmeißfliegen denken zu müssen, ließ Hinrich Staacke den Blick über die
Landschaft zu beiden Seiten der Straße schweifen. Aber die Aussicht war alles andere als
idyllisch. Die Felder lagen unbestellt, nichts wuchs auf dem ausgedörrten Boden, nur hier
und da wucherten Büschel von Unkraut zwischen alten Ackerfurchen. Heiße Windstöße
wirbelten die knochentrockene Erde zu häßlichen gelbbraunen Wolken auf. Obstbäume und
Olivenhaine waren niedergehauen, und wenn ein Bauernhof auftauchte, dann bestanden seine
Gebäude höchstens noch aus rußgeschwärzten Mauern ohne Dach, die wie ein verfaulter
Zahn aus der Einöde emporragten.
Staacke wußte, daß Andalusien bis vor wenigen Jahren ein fruchtbares,
sogar reiches Land gewesen war. Jetzt hingegen konnte man es nur noch als Wüste
bezeichnen. Die Katholischen Majestäten hatten im Verlaufe des nun schon beinahe sechs
Jahre dauernden Krieges jeden Fußbreit Boden verheeren lassen, der ihren Feinden auch nur
im Entferntesten hätte von Nutzen sein können. Aus der Sicht eines Soldaten stellte das
ganz sicher eine vorzügliche Methode der Kriegführung dar, aber für einen Kaufmann wie
Staacke war dieses Vorgehen idiotisch. Man hatte ihn von Kindheit an gelehrt, bei allen
Unternehmungen Gewinn und Verlust, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Mit großem
Aufwand ein Land zu zerstören, das man später selber besitzen und nutzen will, erschien
ihm wie der Inbegriff des Schwachsinns. Doch er war ja auch kein Feldherr, und schon gar
kein König.
Die Aussicht änderte sich kaum, als die Straße sich einen Berghang
hinaufwand, nur daß an die Stelle der abgeholzten Obstgärten nun ausgerissene
Weinstöcke traten. Während Staacke langsam bergauf ritt, überholte er eine lange
Kolonne schwerer Ochsenwagen, hochbeladen mit Weinfässern und Getreidesäcken, eskortiert
von Lanzenreitern in voller Rüstung, denen der Schweiß unter den eisernen Helmen
herauslief. Knarrend und rumpelnd bewegte sich der Wagenzug auf den Ort zu, der auch
Hinrich Staackes Ziel war: Santa Fé.
Als er schließlich von der Hügelkuppe aus die Stadt zum ersten Mal
sehen konnte, war Staacke tief beeindruckt, weit mehr, als er sich bei all seiner
Abneigung gegen das Land eingestehen mochte. Man hatte ihm in Córdoba natürlich
erzählt, daß auf dem Höhenzug direkt gegenüber von Granada eine Stadt mit mächtigen
Festungsmauern und prachtvollen Bauten aus dem Boden gestampft wurde, doch er hatte das
für eine der Übertreibungen gehalten, mit denen die Menschen in diesem Teil der Welt
ihre Behauptungen großzügig zu garnieren pflegten. Jetzt aber sah er selber die hohen
Stadtmauern mit ihren vielen wuchtigen Türmen. Rings um Santa Fé breiteten sich die mit
Wällen und Palisaden umgebenen Feldlager des Belagerungsheeres aus, ein Wald von Bannern,
Fahnen und Wimpeln flatterte über den Zeltstädten.
Der junge Kaufmann wandte den Kopf ein wenig nach rechts und erblickte
auf den Höhen jenseits des Río Genil das Objekt der Begierde, dem dieser ganze Aufwand
galt. Granada, eine große Stadt und kaum bezwingbare Festung, deren Mauern sich stolz in
den tiefblauen Himmel reckten. Die letzte Zitadelle Spaniens, über der noch das Banner
mit dem maurischen Halbmond wehte. Überall war bekannt, daß Ferdinand und Isabella einen
heiligen Eid geleistet hatten, den jahrhundertelangen Kampf gegen die Mauren mit einem
vollständigen Triumph zu beenden. Santa Fé dürfte den Belagerten deutlich gezeigt
haben, daß es sich dabei nicht um leere Worte handelte. Die Mauern der innerhalb weniger
Wochen aus dem Nichts entstandenen Stadt waren der steinerne Ausdruck verbissener
Entschlossenheit.
Langsam durchritt Staacke das ausgedehnte Heerlager und nahm staunend
zur Kenntnis, was für eine umfangreiche Streitmacht das Königspaar zusammengezogen
hatte. Überall exerzierten Pikeniere mit langen Lanzen ihre stachelbewehrten
Kampfformationen ein, Arkebusiere übten sich im Umgang mit den klobigen Feuerwaffen,
Ritter schauten von den Rücken ihrer Araberpferde hochmütig auf die staubbedeckten
Fußsoldaten hinab. Als er die Stellungen der Artillerie passierte, drangen aus dem
Durcheinander der Geräusche vertraute Wortfetzen an sein Ohr; die meisten Kanoniere
sprachen deutsch miteinander, denn die Katholischen Majestäten hatten diese hochbezahlten
Spezialisten vor allem im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angeworben.
Durch eines der großen Tore, an das die Maurer auf den Gerüsten gerade
letzte Hand anlegten, gelangte der Kaufmann in die Stadt und folgte der schnurgeraden
Hauptstraße bis zur königlichen Residenz. Diesmal, das hatte er sich geschworen, würde
er diese Angelegenheit zu Ende bringen. Ohne einen profitverheißenden Vertragsabschluß
in der Tasche würde er Santa Fé nicht verlassen. Die Luft in dem schmucklosen Vorraum
roch nach feuchtem Mörtel und frischem Holz. Imposant mochte das Gebäude, in dem das
Königspaar Hof hielt, vielleicht sein aber bei näherem Hinsehen war es halt doch
nur ein eilig errichtetes Provisorium.
Mit der ledernen Dokumentenmappe auf den Knien saß Hinrich Staacke auf
einer der harten Bänke, die an den langen Seitenwänden aufgereiht waren. Zum wohl
hundertsten Mal sah er ungeduldig zu der Doppeltür am Ende des Raumes und hoffte, daß
sie sich endlich öffnete und ein Sekretär herauskam, um ihm mitzuteilen, daß Ihre
Majestät Isabella von Kastilien nun willens war, ihn zu empfangen. Doch die Tür blieb
zu.
Mißmutig kniff der junge Kaufmann die Lippen zusammen. Um sich ein
wenig von der nervenaufreibenden Warterei abzulenken, beobachtete er unauffällig den
einzigen Menschen, der sich außer ihm im Vorzimmer befand: Einen Mann, der schräg
gegenüber saß und vollkommen darin vertieft war, in mitgebrachten Büchern zu blättern
und mit einem Kohlestift einzelne Stellen anzustreichen. Es fiel Staacke schwer, das Alter
dieses Mannes zu schätzen. Seine Haare, die über der Stirn schon deutlich zurückwichen,
waren eisgrau. Aber die Gesichtszüge deuteten eher darauf hin, daß er um die vierzig
Jahre zählte. Seine helle Haut war von der Sonne ungleichmäßig gerötet, das
Mienenspiel war unruhig und zerfahren. Die Bücher hätten eigentlich auf einen Gelehrten
schließen lassen, doch wie ein Jurist oder gar Theologe wirkte der Unbekannte für
Hinrich Staacke keineswegs. Welchen Grund mochte dieser merkwürdige Mensch haben, sich um
eine Audienz bei der Königin zu bemühen?
In diesem Moment unterlief dem grauhaarigen Fremden eine
Ungeschicklichkeit. Zwei dicke Bücher hatte er schon aufgeschlagen auf dem Schoß liegen,
und nun wollte er noch nach einem dritten greifen, das neben ihm zuoberst auf einem Stapel
lag. Seine unglückliche Bewegung ließ die beiden Bücher unter dumpfem Poltern auf den
Steinfußboden fallen, wobei aus den Seiten Dutzende mit Notizen bedeckter Zettel
herausfielen. »Quella merda maledetta!« entfuhr es ihm daraufhin.
Staacke horchte auf. Der seltsame Fremde war also Italiener. Und
Italiener, das wußte er aus seiner Zeit in Venedig, kannten Gott und die Welt. Man konnte
durch die Bekanntschaft mit ihnen interessante geschäftliche Kontakte knüpfen. Eine
Unterhaltung mit diesem Mann zu suchen konnte sich vielleicht als lohnend erweisen.
Schnell erhob sich der Kaufmann von den Bank und half dem halblaut fluchenden Italiener
dabei, die verstreuten Papiere aufzusammeln.
»Muchas gracias, señor«, bedankte sich der Unbekannte auf Kastilisch,
als Staacke ihm die Zettel überreichte.
»Nichts zu danken, signore«, entgegnete der Deutsche auf
Italienisch.
Der Fremde hob angenehm überrascht die rotblonden Augenbrauen. »Ihr
seid aus Italien?«
»Nein, aber ich habe zwei Jahre in Venedig verbracht, im Fondaco dei
Tedeschi. Gestattet, daß ich mich vorstelle: Mein Name ist Hinrich Staacke, und ich komme
aus Lübeck.«
Er deutete eine Verbeugung an, die der Fremde erwiderte. »Es ist mir
eine Ehre, messer Staacke. Ich bin Cristoforo Colombo aus Genua. Doch in diesem
Land nennt man mich meist Cristóbal Colón. Aus Lübeck seid Ihr? Ah, Lubecca! Ich
habe schon manchen vorzüglichen Seefahrer aus Eurer Heimatstadt getroffen. Überhaupt
hege ich große Bewunderung für die ausgezeichneten Schiffe und Kapitäne der Deutschen
Hanse. Ihre Können auf dem Gebiet der Navigation ...«
»Haltet ein, messer Colombo«, unterbrach Staacke lachend die
Lobpreisungen des Genuesen. »Meine Kenntnisse der Seefahrt beschränken sich auf die
Berechnung von Transportkosten. Ich bin nämlich Kaufmann, unterwegs im Auftrag meines
Onkels. Schließe ich aus Euren Worten richtig, daß Ihr mit Schiffen zu tun habt?«
Cristoforo Colombo nickte lebhaft und verkündete voller Stolz: »So ist
es! Ich bin Navigator und stand bereits in den Diensten der Republik Genua und des Königs
von Portugal. Doch verratet mir ... was bringt einen Lübecker Kaufmann ausgerechnet
hierher, nach Santa Fé?«
»Geschäfte, messer Colombo. Geschäfte, für die ich es sogar
auf mich nehme, daß man mich sozusagen von Pontius zu Pilatus schickt, und die ich
endlich zu einem zufriedenstellenden Ende bringen will. Mein Onkel hat nämlich das
alleinige Recht zugesichert bekommen, das Heer der Katholischen Majestäten für die Dauer
der Belagerung mit Stockfisch zu versorgen. Das ist beileibe keine Kleinigkeit. Immerhin
geht es dabei um so bedeutende Beträge, daß die Königin selber den Vetrag unterzeichnen
muß.«
Tiefe Falten bildeten sich auf Colombos hoher Stirn. Der Genuese schwieg
einen Augenblick betreten, dann sagte er mit gedämpfter Stimme: »Messer Staacke,
ich fürchte, Ihr seid zu spät gekommen.«
»Zu spät? Wie meint Ihr das?«
»Vor noch nicht einer Woche hat die Königin einen Vertrag geschlossen,
der dem englischen Städtebund der Cinque Ports das Privileg gewährt, Stockfisch an das
Belagerungsheer zu liefern.«
Ungläubig riß Hinrich Staacke die Augen auf. »Das kann nicht sein!
Ihr müßt Euch irren!«
»Ich wünschte mir für Euch, es wäre so. Aber ich habe es direkt von
dem englischen Kapitän erfahren, der die Handelsgesandschaft begleitete.«
»Aber ... aber ich hatte doch die feste Zusage der Königin«, murmelte
der Lübecker verstört und ließ sich kraftlos auf die Bank sacken.
Der Genuese verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. »Oh, von den
festen Zusagen der Königin kann ich Euch ein Lied singen.« Er nahm neben Staacke Platz
und begann, mit Leidensmiene seine langatmige Geschichte zu erzählen. Der Kaufmann
vernahm davon jedoch nur zusammenhanglose Wortfetzen. Er war mit seinen Gedanken ganz
woanders. Wie sollte er mit dieser Nachricht je nach Lübeck zurückkehren? Er konnte
seinem Onkel doch unmöglich mit leeren Händen unter die Augen treten. Da war nichts,
aber auch gar nichts, was er hätte vorweisen können. War etwas Schlimmeres überhaupt
möglich?
»... denn ich weiß, daß sie alle irren!« hörte er den Genuesen
sagen. Der endlose Wasserfall der Worte, die dem Mund des Navigators entströmten, begann
dem verzweifelten Kaufmann an den Nerven zu nagen, so daß er gereizt brummte: »Ich will
Euch nicht zu nahe treten, aber ...«
»Doch, es kann gar kein Zweifel bestehen«, redete Colombo unbeirrt
weiter. »Man kann, wenn man westwärts segelt, nach nur kurzer Fahrt die Küsten Indiens
erreichen, die Reiche Cathay und Cipangu! Aber diese beschränkten Idioten an der
Universität von Salamanca, die das Gutachten erstellten, haben das einfach nicht
begreifen wollen. Denn die Erde, müßt Ihr wissen, ist eine Kugel. Und Eratosthenes hat
ihren Umfang falsch kalkuliert, doch ich habe seinen Fehler korrigiert!«
Entnervt verdrehte Staacke die Augen. Heilige Maria, Mutter Gottes!
Bin ich denn noch nicht genug gestraft? Muß ich jetzt auch noch dieses Geplapper
ertragen? dachte er. Daß die Erde eine Kugel war, wußte nun wirklich jeder. Wer die
Gelehrten der berühmtesten Universität Kastiliens mit solchen Erkenntnissen beeindrucken
wollte, mußte halt damit rechnen, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.
»Hochinteressant, wirklich«, knurrte der Lübecker finster. »Und wenn
Ihr nun freundlicherweise ...«
»Aber gewiß erläutere ich Euch meinen Plan, messer Staacke.
Seht her!« Voller Enthusiasmus, weil er einen Zuhörer gefunden zu haben glaubte, schlug
Colombo eines seiner Bücher auf. An den Rändern hatte er Stellen, die ihm wichtig
erschienen, mit einer gezeichneten Hand markiert, die den Zeigefinger wichtigtuerisch
ausstreckte. »Ich will die Katholischen Majestäten für ein Unternehmen gewinnen, das
ihren Thronen strahlenden Ruhm verleihen wird, wie er in der gesamten Christenheit nicht
seinesgleichen hat. Hinzu kommen ungeahnte Reichtümer, mit denen die Majestäten einen
Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes von der Türkenherrschaft finanzieren können.
Gloria in excelsis deo!«
»So, so. Reichtümer also«, bemerkte Staacke unwirsch knapp.
»Oh ja, unermeßliche Reichtümer sogar! Hört, was Marco Polo
schreibt!« Der Genuese klopfte mit der Fingerspitze auf eine besonders dick
unterstrichene Zeile. »Im Lande Cipangu, berichtet er, gibt es Gold im Überfluß. Selbst
die Dächer der Häuser sind dort mit purem Gold gedeckt. Mit Gold!« wiederholte er
mehrmals, und ein Funkeln blitzte in seinen Augen auf.
Jetzt hatte Hinrich Staacke endgültig genug. Keine Minute länger
wollte er das Geschwätz dieses Spinners ertragen. Nicht an einem Tag wie diesem, der auch
schon so grauenvoll genug war. Er setzte gerade zum Aufstehen an, als Colombo beiläufig
fortfuhr: »Und dann sind da natürlich noch Pfeffer und andere Gewürze.«
Mitten in der Bewegung hielt Staacke inne. Goldene Dächer existierten
mit Sicherheit nur in der Phantasie eines Traumtänzers, doch die Erwähnung von Pfeffer,
des wertvollsten aller Handelsgüter, weckte seine Kaufmannsinstinkte. Er wandte sich dem
Navigator zu, blickte ihm direkt in die glitzernden hellen Augen und sagte lächelnd:
»Vielleicht, messer Colombo, kann ich Euch ein Geschäft vorschlagen ...«
Die Doppeltür zu den Räumen der Königin schwang auf. Ein Schreiber kam heraus und
sagte routiniert den Satz auf, den er mit geringen Variationen Tag für Tag von sich geben
mußte: »Señor Cristóbal Colón, Ihre Majestät hat entschieden, Euch zu empfangen
und ...«
Dann brach er ab. Das Vorzimmer war leer, niemand saß auf den Bänken
und wartete. Der versponnene genuesische Navigator war ebenso verschwunden wie dieser
aufdringliche deutsche Krämer. Auch gut, befand der Schreiber mit einem
Schulterzucken, dann braucht sich die Königin wenigstens nicht mit diesem Pöbel
herumzuplagen, und ich muß später nicht ihre schlechte Laune ausbaden. Zufrieden
schloß er die Türen wieder hinter sich.
Die vier hochbordigen Kraweelschiffe hatten so nah vor der Küste Anker geworfen, wie
die Wassertiefe es zuließ. Nun schaukelten sie mit gerefften Segeln auf den Wellen,
während zwei vollbesetzte Beiboote, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, auf den
Strand zuhielten. Sie ließen die schaumbedeckten Brandungswellen hinter sich, und fast
gleichzeitig schoben sich ihre Rümpfe knirschend in den Sand.
Ungeduldig und beinahe übermütig sprang Cristoforo Colombo als erster
aus dem Boot. Trotz der Wärme hatte er seine besten Kleider aus schwerem Samt und
besticktem Brokat angelegt. Mit schnellen Schritten ging er durch das seichte Wasser, bis
er trockenen Boden unter den Stiefelsohlen hatte. Dann verharrte er einen Moment und
schaute sich um.Vor ihm erstreckte sich sich der breite Strand; dahinter begann ein
dichter, üppig grüner Wald, aus dem grelle Vogelschreie tönten. Und irgendwo hinter dem
Wald, daran konnte kein Zweifel bestehen, lag das Reich Cipangu mit all seinen gewaltigen
Schätzen. Er hatte es geschafft. Colombo hatte natürlich nie daran gezweifelt, und doch
konnte er es kaum glauben. Er hatte sein Lebensziel erreicht und stand mit seinen Füßen
auf dem Boden Asiens. Unwillkürlich sank er auf die Knie und sprach ein Dankesgebet.
Inzwischen hatten auch seine Begleiter die Boote verlassen und
versammelten sich um Colombo, der sich nun wieder erhob und den feinen weißen Sand von
der Hose klopfte. Eine Handvoll Kriegsknechte in blanken Harnischen, die ihre Hellebarden
fest umklammert hielten und mit professionellem Mißtrauen nach allen Seiten spähten; die
drei übrigen Kapitäne der kleinen Flotte, die noch immer nicht fassen konnten, daß
dieser dahergelaufene Fremde sie tatsächlich über den Ozean geführt hatte; und ein ganz
in Schwarz gekleideter älterer Mann mit dem schlichten Barett eines Rechtsgelehrten auf
dem Kopf, der sich von seinem Gehilfen ein Schriftstück reichen ließ und mit kratzender
Feder einige Worte an bis dahin freigelassenen Stellen ergänzte.
Einer der Bewaffneten übergab dem Genuesen eine lange Stange, an der
ein Banner aus steifem, golden umsäumtem Stoff hing. Der triumphierende Navigator rammte
die Stange mit der Eisenspitze tief in den Sand.
»Kraft der mir vom hochmögenden Rat der Reichsstadt Lübeck
übertragenen Vollmachten«, verkündete er dazu in auswendig gelerntem Plattdeutsch,
»nehme ich namens der Deutschen Hanse und sonderlich der Stadt Lübeck Besitz von diesem
Ort, an dem fortan niemand unbefugt Waren kaufen oder verkaufen soll, und nenne ihn ...
nenne ihn ...«
Er geriet ins Stocken. Der Notar flüsterte ihm rasch etwas ins Ohr,
woraufhin Colombo seine Proklamation vollenden konnte: »Und nenne ihn Sankt Michaelis!«
Der Genuese hatte seinen Teil des Vertrages erfüllt. Nun sah er den
Notar erwartungsvoll und fordernd an. Doch der Rechtsgelehrte ließ sich nicht drängen.
Mit aller Sorgfalt nahm er weitere Eintragungen auf der Urkunde vor, und erst als er damit
fertig war, gab er im nüchternen Tonfall der Advokaten bekannt: »Vor Zeugen tue ich
hiermit kund und zu wissen, daß Ihr, Herr Christoph Columbus, entsprechend den
Bedingungen unseres Vertrages von Stund an berechtigt seid, den eigens für Euch
erschaffenen erblichen Rang eines Großkapitäns der Deutschen Hanse zu führen. Item,
daß die Stadt Lübeck Euch den Adelsbrief eines Grafen zu Mölln nebst Wappen beim Kaiser
erwerben wird. Item, daß alle sonstigen vertraglich festgelegten Bedingungen und
Privilegien mit sofortiger Wirkung in Kraft treten. Gegeben am zwölften Oktober im Jahre
des Herrn 1492 an der Küste von St. Michaelis. Gott befohlen!«
Auf Colombos Gesicht erschien ein zufriedenes Grinsen. Die Jahre der
Enttäuschungen, das endlose Hausieren bei ignoranten Fürsten, das Betteln um die
Finanzierung der Expedition, das alles war in diesem Moment in unendlich weite Ferne
gerückt. Nie wieder würde man ihn demütigen!
»Da! Seht doch!« rief ein Soldat aus und wies auf den Waldrand.
Zwischen dem dichten Buschwerk kamen einige Menschen hervor.
Unbewaffnete Männer und Frauen mit kupferbrauner Haut und tiefschwarzen Haaren; nur zwei
oder drei von ihnen trugen einen Lendenschurz, die übrigen waren nackt. Ihnen war
anzusehen, wie sie zwischen Vorsicht und Neugier schwankten. Die Neugier war schließlich
stärker. Sie ließen den Schutz der Bäume hinter sich und kamen näher.
Cristoforo Colombo starrte wie gebannt auf die kleine Gruppe. Nicht,
weil er überrascht war, hier auf Menschen zu treffen; damit hatte er sogar fest
gerechnet. Was ihn so fesselte, war das Glitzern und Blinken kleiner Schmuckstücke an
Nasen, Ohren und Hälsen der nackten Einheimischen. Dieses Glitzern übertrug sich auf die
Augen des Navigators. Gerade wollte er auf diese Menschen zugehen, die an ihren Körpern
das Wertvollste trugen, was Gott geschaffen hatte, da hielt ihn der Notar am Arm fest.
»Nicht so schnell, Herr Columbus«, ermahnte er ihn.
»Was fällt Euch ein!« empörte der Genuese sich. »Ich befehle Euch,
mich auf der Stelle loszulassen!«
»Mit Verlaub, Ihr habt mir nichts zu befehlen.«
»Seid Ihr von Sinnen? Habt Ihr vergessen, daß ich jetzt Großkapitän
bin?«
Fast mitleidig schüttelte der Advokat den Kopf. »Hättet Ihr Euren
Vertrag genau gelesen, dann wüßtet Ihr, daß Ihr jetzt mir unterstellt seid. Euer Rang,
verehrter Herr Columbus, ermächtigt Euch zu gar nichts. Wenn ich Euch einen Rat geben
darf, genießt die damit verbundenen Ehren und Güter und überlaßt die wirklich
wichtigen Dinge den Leuten, die dafür geeignet sind.«
Fassungslos starrte Colombo mit offenem Mund ins Leere und brachte
außer einem heiseren Krächzen kein Wort heraus, nicht einmal einen Laut des Protests
konnte er von sich geben.
»Nun, machen wir uns an die Arbeit«, meinte der Notar. »Wir müssen
versuchen, uns mit diesen Leuten zu verständigen. Es gilt herauszufinden, ob sie
Handelswaren besitzen. Pfeffer, Gewürze, Seide ...« Zwei bunte Papageien flogen mit
lautem Kreischen über die Köpfe der Männer hinweg und veranlaßten den Advokaten,
hinzuzusetzen: »Und Federn. Ich denke, diese prachtvollen Federn könnten bei eitlen
Gecken und putzsüchtigen Frauen hohe Preise erzielen.«
Ein warmer Windhauch aus dem Landesinneren erfaßte das Banner und
drehte es um die Fahnenstange, bis es seine ganze Breite der Tropensonne zuwandte. Das
Glänzen der eingewebten Goldfäden ließ den doppelköpfigen Adler mit dem weiß-roten
Wappenschild auf der Brust beinahe lebendig erscheinen.
© 2004 by Oliver Henkel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
 
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