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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Oliver Henkel

Der Adler ist gelandet

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane
Unter diesen Umständen erholte sich Columbus rasch von seiner Niedergeschlagenheit, faßte wieder Mut und schmiedete neue Pläne. Doch was für einen Sinn hatte es, erneut an die Königin heranzutreten? Wäre es nicht gescheiter, dem Ruf des Bruders zu folgen und sein Glück am französischen Hof zu versuchen? Oder noch einmal in Portugal?

S. Fischer-Fabian
Um Gott und Gold

Hinrich Staacke mußte so heftig husten, daß sein vor Trockenheit wunder Rachen schmerzte. Schuld daran war der feine Staub von der zerfurchten Straße und den brachliegenden Feldern ringsumher. Er legte sich als gelbliche Schicht über alle Kleidungsstücke, bildete zusammen mit dem Schweiß eine abscheulich juckende, schmierige Maske von Dreck auf dem Gesicht, knirschte zwischen den Zähnen und ließ die Augen brennen. Er war schon weit herumgekommen, doch nirgendwo sonst hatte Staacke einen so widerwärtigen Staub ertragen müssen. Ganz zu schweigen von der Hitze, die in diesen späten Augusttagen im Jahre des Herrn 1491 bleischwer über Andalusien lastete und alles ohne Ausnahme zu lähmen schien. Selbst die Gedanken gerannen zu einem zähflüssigen Rinnsal.
   Mit dem Handrücken wischte der junge Mann den Schmutz fort, der sich ständig auf seinen Lippen festsetzte, und gab seinem Pferd die Sporen. Widerwillig lief das Tier für einige Augenblicke unwesentlich schneller, nur um dann wieder in einen matten Trott zurückzufallen.
   Dieses ganze Land war eine einzige Strafe Gottes. Staacke gönnte es Ferdinand und Isabella. Die Katholischen Majestäten von Kastilien und Aragón verdienten seiner Ansicht nach nichts Besseres. Seit Wochen schon reiste er ihnen hinterher, wurde immer wieder vertröstet, an subalterne Beamte verwiesen und mußte elend lange Stunden zusammengepfercht mit gewöhnlichen Bittstellern in Vorzimmern verbringen. Langsam bekam er den Eindruck, daß es dem Königspaar ziemlich gleichgültig war, ob diese immens wichtigen Verträge nun endlich zum Abschluß gebracht wurden oder nicht. Dabei ging es doch um nichts Geringeres als die Versorgung des Heeres, mit dem sie Granada belagerten. So viel Unfähigkeit erschien Staacke einfach unglaublich; hätte sein Onkel das Handelshaus ähnlich geführt, dann wäre er mit Gewißheit eher heute als morgen im Schuldturm gelandet.
   »Verdammte Scheißviecher«, knurrte er und verscheuchte mit hektischen Handbewegungen die dicht vor seinen Augen schwirrenden Fliegen. Natürlich war das völlig vergebens, sie ließen sich nicht auf Dauer vertreiben. Um nicht immerzu an die lästig brummenden Schmeißfliegen denken zu müssen, ließ Hinrich Staacke den Blick über die Landschaft zu beiden Seiten der Straße schweifen. Aber die Aussicht war alles andere als idyllisch. Die Felder lagen unbestellt, nichts wuchs auf dem ausgedörrten Boden, nur hier und da wucherten Büschel von Unkraut zwischen alten Ackerfurchen. Heiße Windstöße wirbelten die knochentrockene Erde zu häßlichen gelbbraunen Wolken auf. Obstbäume und Olivenhaine waren niedergehauen, und wenn ein Bauernhof auftauchte, dann bestanden seine Gebäude höchstens noch aus rußgeschwärzten Mauern ohne Dach, die wie ein verfaulter Zahn aus der Einöde emporragten.
   Staacke wußte, daß Andalusien bis vor wenigen Jahren ein fruchtbares, sogar reiches Land gewesen war. Jetzt hingegen konnte man es nur noch als Wüste bezeichnen. Die Katholischen Majestäten hatten im Verlaufe des nun schon beinahe sechs Jahre dauernden Krieges jeden Fußbreit Boden verheeren lassen, der ihren Feinden auch nur im Entferntesten hätte von Nutzen sein können. Aus der Sicht eines Soldaten stellte das ganz sicher eine vorzügliche Methode der Kriegführung dar, aber für einen Kaufmann wie Staacke war dieses Vorgehen idiotisch. Man hatte ihn von Kindheit an gelehrt, bei allen Unternehmungen Gewinn und Verlust, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Mit großem Aufwand ein Land zu zerstören, das man später selber besitzen und nutzen will, erschien ihm wie der Inbegriff des Schwachsinns. Doch er war ja auch kein Feldherr, und schon gar kein König.
   Die Aussicht änderte sich kaum, als die Straße sich einen Berghang hinaufwand, nur daß an die Stelle der abgeholzten Obstgärten nun ausgerissene Weinstöcke traten. Während Staacke langsam bergauf ritt, überholte er eine lange Kolonne schwerer Ochsenwagen, hochbeladen mit Weinfässern und Getreidesäcken, eskortiert von Lanzenreitern in voller Rüstung, denen der Schweiß unter den eisernen Helmen herauslief. Knarrend und rumpelnd bewegte sich der Wagenzug auf den Ort zu, der auch Hinrich Staackes Ziel war: Santa Fé.
   Als er schließlich von der Hügelkuppe aus die Stadt zum ersten Mal sehen konnte, war Staacke tief beeindruckt, weit mehr, als er sich bei all seiner Abneigung gegen das Land eingestehen mochte. Man hatte ihm in Córdoba natürlich erzählt, daß auf dem Höhenzug direkt gegenüber von Granada eine Stadt mit mächtigen Festungsmauern und prachtvollen Bauten aus dem Boden gestampft wurde, doch er hatte das für eine der Übertreibungen gehalten, mit denen die Menschen in diesem Teil der Welt ihre Behauptungen großzügig zu garnieren pflegten. Jetzt aber sah er selber die hohen Stadtmauern mit ihren vielen wuchtigen Türmen. Rings um Santa Fé breiteten sich die mit Wällen und Palisaden umgebenen Feldlager des Belagerungsheeres aus, ein Wald von Bannern, Fahnen und Wimpeln flatterte über den Zeltstädten.
   Der junge Kaufmann wandte den Kopf ein wenig nach rechts und erblickte auf den Höhen jenseits des Río Genil das Objekt der Begierde, dem dieser ganze Aufwand galt. Granada, eine große Stadt und kaum bezwingbare Festung, deren Mauern sich stolz in den tiefblauen Himmel reckten. Die letzte Zitadelle Spaniens, über der noch das Banner mit dem maurischen Halbmond wehte. Überall war bekannt, daß Ferdinand und Isabella einen heiligen Eid geleistet hatten, den jahrhundertelangen Kampf gegen die Mauren mit einem vollständigen Triumph zu beenden. Santa Fé dürfte den Belagerten deutlich gezeigt haben, daß es sich dabei nicht um leere Worte handelte. Die Mauern der innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts entstandenen Stadt waren der steinerne Ausdruck verbissener Entschlossenheit.
   Langsam durchritt Staacke das ausgedehnte Heerlager und nahm staunend zur Kenntnis, was für eine umfangreiche Streitmacht das Königspaar zusammengezogen hatte. Überall exerzierten Pikeniere mit langen Lanzen ihre stachelbewehrten Kampfformationen ein, Arkebusiere übten sich im Umgang mit den klobigen Feuerwaffen, Ritter schauten von den Rücken ihrer Araberpferde hochmütig auf die staubbedeckten Fußsoldaten hinab. Als er die Stellungen der Artillerie passierte, drangen aus dem Durcheinander der Geräusche vertraute Wortfetzen an sein Ohr; die meisten Kanoniere sprachen deutsch miteinander, denn die Katholischen Majestäten hatten diese hochbezahlten Spezialisten vor allem im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angeworben.
   Durch eines der großen Tore, an das die Maurer auf den Gerüsten gerade letzte Hand anlegten, gelangte der Kaufmann in die Stadt und folgte der schnurgeraden Hauptstraße bis zur königlichen Residenz. Diesmal, das hatte er sich geschworen, würde er diese Angelegenheit zu Ende bringen. Ohne einen profitverheißenden Vertragsabschluß in der Tasche würde er Santa Fé nicht verlassen.

Die Luft in dem schmucklosen Vorraum roch nach feuchtem Mörtel und frischem Holz. Imposant mochte das Gebäude, in dem das Königspaar Hof hielt, vielleicht sein – aber bei näherem Hinsehen war es halt doch nur ein eilig errichtetes Provisorium.
   Mit der ledernen Dokumentenmappe auf den Knien saß Hinrich Staacke auf einer der harten Bänke, die an den langen Seitenwänden aufgereiht waren. Zum wohl hundertsten Mal sah er ungeduldig zu der Doppeltür am Ende des Raumes und hoffte, daß sie sich endlich öffnete und ein Sekretär herauskam, um ihm mitzuteilen, daß Ihre Majestät Isabella von Kastilien nun willens war, ihn zu empfangen. Doch die Tür blieb zu.
   Mißmutig kniff der junge Kaufmann die Lippen zusammen. Um sich ein wenig von der nervenaufreibenden Warterei abzulenken, beobachtete er unauffällig den einzigen Menschen, der sich außer ihm im Vorzimmer befand: Einen Mann, der schräg gegenüber saß und vollkommen darin vertieft war, in mitgebrachten Büchern zu blättern und mit einem Kohlestift einzelne Stellen anzustreichen. Es fiel Staacke schwer, das Alter dieses Mannes zu schätzen. Seine Haare, die über der Stirn schon deutlich zurückwichen, waren eisgrau. Aber die Gesichtszüge deuteten eher darauf hin, daß er um die vierzig Jahre zählte. Seine helle Haut war von der Sonne ungleichmäßig gerötet, das Mienenspiel war unruhig und zerfahren. Die Bücher hätten eigentlich auf einen Gelehrten schließen lassen, doch wie ein Jurist oder gar Theologe wirkte der Unbekannte für Hinrich Staacke keineswegs. Welchen Grund mochte dieser merkwürdige Mensch haben, sich um eine Audienz bei der Königin zu bemühen?
   In diesem Moment unterlief dem grauhaarigen Fremden eine Ungeschicklichkeit. Zwei dicke Bücher hatte er schon aufgeschlagen auf dem Schoß liegen, und nun wollte er noch nach einem dritten greifen, das neben ihm zuoberst auf einem Stapel lag. Seine unglückliche Bewegung ließ die beiden Bücher unter dumpfem Poltern auf den Steinfußboden fallen, wobei aus den Seiten Dutzende mit Notizen bedeckter Zettel herausfielen. »Quella merda maledetta!« entfuhr es ihm daraufhin.
   Staacke horchte auf. Der seltsame Fremde war also Italiener. Und Italiener, das wußte er aus seiner Zeit in Venedig, kannten Gott und die Welt. Man konnte durch die Bekanntschaft mit ihnen interessante geschäftliche Kontakte knüpfen. Eine Unterhaltung mit diesem Mann zu suchen konnte sich vielleicht als lohnend erweisen. Schnell erhob sich der Kaufmann von den Bank und half dem halblaut fluchenden Italiener dabei, die verstreuten Papiere aufzusammeln.
   »Muchas gracias, señor«, bedankte sich der Unbekannte auf Kastilisch, als Staacke ihm die Zettel überreichte.
   »Nichts zu danken, signore«, entgegnete der Deutsche auf Italienisch.
   Der Fremde hob angenehm überrascht die rotblonden Augenbrauen. »Ihr seid aus Italien?«
   »Nein, aber ich habe zwei Jahre in Venedig verbracht, im Fondaco dei Tedeschi. Gestattet, daß ich mich vorstelle: Mein Name ist Hinrich Staacke, und ich komme aus Lübeck.«
   Er deutete eine Verbeugung an, die der Fremde erwiderte. »Es ist mir eine Ehre, messer Staacke. Ich bin Cristoforo Colombo aus Genua. Doch in diesem Land nennt man mich meist Cristóbal Colón. Aus Lübeck seid Ihr? Ah, Lubecca! Ich habe schon manchen vorzüglichen Seefahrer aus Eurer Heimatstadt getroffen. Überhaupt hege ich große Bewunderung für die ausgezeichneten Schiffe und Kapitäne der Deutschen Hanse. Ihre Können auf dem Gebiet der Navigation ...«
   »Haltet ein, messer Colombo«, unterbrach Staacke lachend die Lobpreisungen des Genuesen. »Meine Kenntnisse der Seefahrt beschränken sich auf die Berechnung von Transportkosten. Ich bin nämlich Kaufmann, unterwegs im Auftrag meines Onkels. Schließe ich aus Euren Worten richtig, daß Ihr mit Schiffen zu tun habt?«
   Cristoforo Colombo nickte lebhaft und verkündete voller Stolz: »So ist es! Ich bin Navigator und stand bereits in den Diensten der Republik Genua und des Königs von Portugal. Doch verratet mir ... was bringt einen Lübecker Kaufmann ausgerechnet hierher, nach Santa Fé?«
   »Geschäfte, messer Colombo. Geschäfte, für die ich es sogar auf mich nehme, daß man mich sozusagen von Pontius zu Pilatus schickt, und die ich endlich zu einem zufriedenstellenden Ende bringen will. Mein Onkel hat nämlich das alleinige Recht zugesichert bekommen, das Heer der Katholischen Majestäten für die Dauer der Belagerung mit Stockfisch zu versorgen. Das ist beileibe keine Kleinigkeit. Immerhin geht es dabei um so bedeutende Beträge, daß die Königin selber den Vetrag unterzeichnen muß.«
   Tiefe Falten bildeten sich auf Colombos hoher Stirn. Der Genuese schwieg einen Augenblick betreten, dann sagte er mit gedämpfter Stimme: »Messer Staacke, ich fürchte, Ihr seid zu spät gekommen.«
   »Zu spät? Wie meint Ihr das?«
   »Vor noch nicht einer Woche hat die Königin einen Vertrag geschlossen, der dem englischen Städtebund der Cinque Ports das Privileg gewährt, Stockfisch an das Belagerungsheer zu liefern.«
   Ungläubig riß Hinrich Staacke die Augen auf. »Das kann nicht sein! Ihr müßt Euch irren!«
   »Ich wünschte mir für Euch, es wäre so. Aber ich habe es direkt von dem englischen Kapitän erfahren, der die Handelsgesandschaft begleitete.«
   »Aber ... aber ich hatte doch die feste Zusage der Königin«, murmelte der Lübecker verstört und ließ sich kraftlos auf die Bank sacken.
   Der Genuese verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. »Oh, von den festen Zusagen der Königin kann ich Euch ein Lied singen.« Er nahm neben Staacke Platz und begann, mit Leidensmiene seine langatmige Geschichte zu erzählen. Der Kaufmann vernahm davon jedoch nur zusammenhanglose Wortfetzen. Er war mit seinen Gedanken ganz woanders. Wie sollte er mit dieser Nachricht je nach Lübeck zurückkehren? Er konnte seinem Onkel doch unmöglich mit leeren Händen unter die Augen treten. Da war nichts, aber auch gar nichts, was er hätte vorweisen können. War etwas Schlimmeres überhaupt möglich?
   »... denn ich weiß, daß sie alle irren!« hörte er den Genuesen sagen. Der endlose Wasserfall der Worte, die dem Mund des Navigators entströmten, begann dem verzweifelten Kaufmann an den Nerven zu nagen, so daß er gereizt brummte: »Ich will Euch nicht zu nahe treten, aber ...«
   »Doch, es kann gar kein Zweifel bestehen«, redete Colombo unbeirrt weiter. »Man kann, wenn man westwärts segelt, nach nur kurzer Fahrt die Küsten Indiens erreichen, die Reiche Cathay und Cipangu! Aber diese beschränkten Idioten an der Universität von Salamanca, die das Gutachten erstellten, haben das einfach nicht begreifen wollen. Denn die Erde, müßt Ihr wissen, ist eine Kugel. Und Eratosthenes hat ihren Umfang falsch kalkuliert, doch ich habe seinen Fehler korrigiert!«
   Entnervt verdrehte Staacke die Augen. Heilige Maria, Mutter Gottes! Bin ich denn noch nicht genug gestraft? Muß ich jetzt auch noch dieses Geplapper ertragen? dachte er. Daß die Erde eine Kugel war, wußte nun wirklich jeder. Wer die Gelehrten der berühmtesten Universität Kastiliens mit solchen Erkenntnissen beeindrucken wollte, mußte halt damit rechnen, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.
   »Hochinteressant, wirklich«, knurrte der Lübecker finster. »Und wenn Ihr nun freundlicherweise ...«
   »Aber gewiß erläutere ich Euch meinen Plan, messer Staacke. Seht her!« Voller Enthusiasmus, weil er einen Zuhörer gefunden zu haben glaubte, schlug Colombo eines seiner Bücher auf. An den Rändern hatte er Stellen, die ihm wichtig erschienen, mit einer gezeichneten Hand markiert, die den Zeigefinger wichtigtuerisch ausstreckte. »Ich will die Katholischen Majestäten für ein Unternehmen gewinnen, das ihren Thronen strahlenden Ruhm verleihen wird, wie er in der gesamten Christenheit nicht seinesgleichen hat. Hinzu kommen ungeahnte Reichtümer, mit denen die Majestäten einen Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes von der Türkenherrschaft finanzieren können. Gloria in excelsis deo!«
   »So, so. Reichtümer also«, bemerkte Staacke unwirsch knapp.
   »Oh ja, unermeßliche Reichtümer sogar! Hört, was Marco Polo schreibt!« Der Genuese klopfte mit der Fingerspitze auf eine besonders dick unterstrichene Zeile. »Im Lande Cipangu, berichtet er, gibt es Gold im Überfluß. Selbst die Dächer der Häuser sind dort mit purem Gold gedeckt. Mit Gold!« wiederholte er mehrmals, und ein Funkeln blitzte in seinen Augen auf.
   Jetzt hatte Hinrich Staacke endgültig genug. Keine Minute länger wollte er das Geschwätz dieses Spinners ertragen. Nicht an einem Tag wie diesem, der auch schon so grauenvoll genug war. Er setzte gerade zum Aufstehen an, als Colombo beiläufig fortfuhr: »Und dann sind da natürlich noch Pfeffer und andere Gewürze.«
   Mitten in der Bewegung hielt Staacke inne. Goldene Dächer existierten mit Sicherheit nur in der Phantasie eines Traumtänzers, doch die Erwähnung von Pfeffer, des wertvollsten aller Handelsgüter, weckte seine Kaufmannsinstinkte. Er wandte sich dem Navigator zu, blickte ihm direkt in die glitzernden hellen Augen und sagte lächelnd: »Vielleicht, messer Colombo, kann ich Euch ein Geschäft vorschlagen ...«

Die Doppeltür zu den Räumen der Königin schwang auf. Ein Schreiber kam heraus und sagte routiniert den Satz auf, den er mit geringen Variationen Tag für Tag von sich geben mußte: »Señor Cristóbal Colón, Ihre Majestät hat entschieden, Euch zu empfangen und ...«
   Dann brach er ab. Das Vorzimmer war leer, niemand saß auf den Bänken und wartete. Der versponnene genuesische Navigator war ebenso verschwunden wie dieser aufdringliche deutsche Krämer. Auch gut, befand der Schreiber mit einem Schulterzucken, dann braucht sich die Königin wenigstens nicht mit diesem Pöbel herumzuplagen, und ich muß später nicht ihre schlechte Laune ausbaden. Zufrieden schloß er die Türen wieder hinter sich.

Die vier hochbordigen Kraweelschiffe hatten so nah vor der Küste Anker geworfen, wie die Wassertiefe es zuließ. Nun schaukelten sie mit gerefften Segeln auf den Wellen, während zwei vollbesetzte Beiboote, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, auf den Strand zuhielten. Sie ließen die schaumbedeckten Brandungswellen hinter sich, und fast gleichzeitig schoben sich ihre Rümpfe knirschend in den Sand.
   Ungeduldig und beinahe übermütig sprang Cristoforo Colombo als erster aus dem Boot. Trotz der Wärme hatte er seine besten Kleider aus schwerem Samt und besticktem Brokat angelegt. Mit schnellen Schritten ging er durch das seichte Wasser, bis er trockenen Boden unter den Stiefelsohlen hatte. Dann verharrte er einen Moment und schaute sich um.Vor ihm erstreckte sich sich der breite Strand; dahinter begann ein dichter, üppig grüner Wald, aus dem grelle Vogelschreie tönten. Und irgendwo hinter dem Wald, daran konnte kein Zweifel bestehen, lag das Reich Cipangu mit all seinen gewaltigen Schätzen. Er hatte es geschafft. Colombo hatte natürlich nie daran gezweifelt, und doch konnte er es kaum glauben. Er hatte sein Lebensziel erreicht und stand mit seinen Füßen auf dem Boden Asiens. Unwillkürlich sank er auf die Knie und sprach ein Dankesgebet.
   Inzwischen hatten auch seine Begleiter die Boote verlassen und versammelten sich um Colombo, der sich nun wieder erhob und den feinen weißen Sand von der Hose klopfte. Eine Handvoll Kriegsknechte in blanken Harnischen, die ihre Hellebarden fest umklammert hielten und mit professionellem Mißtrauen nach allen Seiten spähten; die drei übrigen Kapitäne der kleinen Flotte, die noch immer nicht fassen konnten, daß dieser dahergelaufene Fremde sie tatsächlich über den Ozean geführt hatte; und ein ganz in Schwarz gekleideter älterer Mann mit dem schlichten Barett eines Rechtsgelehrten auf dem Kopf, der sich von seinem Gehilfen ein Schriftstück reichen ließ und mit kratzender Feder einige Worte an bis dahin freigelassenen Stellen ergänzte.
   Einer der Bewaffneten übergab dem Genuesen eine lange Stange, an der ein Banner aus steifem, golden umsäumtem Stoff hing. Der triumphierende Navigator rammte die Stange mit der Eisenspitze tief in den Sand.
   »Kraft der mir vom hochmögenden Rat der Reichsstadt Lübeck übertragenen Vollmachten«, verkündete er dazu in auswendig gelerntem Plattdeutsch, »nehme ich namens der Deutschen Hanse und sonderlich der Stadt Lübeck Besitz von diesem Ort, an dem fortan niemand unbefugt Waren kaufen oder verkaufen soll, und nenne ihn ... nenne ihn ...«
   Er geriet ins Stocken. Der Notar flüsterte ihm rasch etwas ins Ohr, woraufhin Colombo seine Proklamation vollenden konnte: »Und nenne ihn Sankt Michaelis!«
   Der Genuese hatte seinen Teil des Vertrages erfüllt. Nun sah er den Notar erwartungsvoll und fordernd an. Doch der Rechtsgelehrte ließ sich nicht drängen. Mit aller Sorgfalt nahm er weitere Eintragungen auf der Urkunde vor, und erst als er damit fertig war, gab er im nüchternen Tonfall der Advokaten bekannt: »Vor Zeugen tue ich hiermit kund und zu wissen, daß Ihr, Herr Christoph Columbus, entsprechend den Bedingungen unseres Vertrages von Stund an berechtigt seid, den eigens für Euch erschaffenen erblichen Rang eines Großkapitäns der Deutschen Hanse zu führen. Item, daß die Stadt Lübeck Euch den Adelsbrief eines Grafen zu Mölln nebst Wappen beim Kaiser erwerben wird. Item, daß alle sonstigen vertraglich festgelegten Bedingungen und Privilegien mit sofortiger Wirkung in Kraft treten. Gegeben am zwölften Oktober im Jahre des Herrn 1492 an der Küste von St. Michaelis. Gott befohlen!«
   Auf Colombos Gesicht erschien ein zufriedenes Grinsen. Die Jahre der Enttäuschungen, das endlose Hausieren bei ignoranten Fürsten, das Betteln um die Finanzierung der Expedition, das alles war in diesem Moment in unendlich weite Ferne gerückt. Nie wieder würde man ihn demütigen!
   »Da! Seht doch!« rief ein Soldat aus und wies auf den Waldrand.
   Zwischen dem dichten Buschwerk kamen einige Menschen hervor. Unbewaffnete Männer und Frauen mit kupferbrauner Haut und tiefschwarzen Haaren; nur zwei oder drei von ihnen trugen einen Lendenschurz, die übrigen waren nackt. Ihnen war anzusehen, wie sie zwischen Vorsicht und Neugier schwankten. Die Neugier war schließlich stärker. Sie ließen den Schutz der Bäume hinter sich und kamen näher.
   Cristoforo Colombo starrte wie gebannt auf die kleine Gruppe. Nicht, weil er überrascht war, hier auf Menschen zu treffen; damit hatte er sogar fest gerechnet. Was ihn so fesselte, war das Glitzern und Blinken kleiner Schmuckstücke an Nasen, Ohren und Hälsen der nackten Einheimischen. Dieses Glitzern übertrug sich auf die Augen des Navigators. Gerade wollte er auf diese Menschen zugehen, die an ihren Körpern das Wertvollste trugen, was Gott geschaffen hatte, da hielt ihn der Notar am Arm fest.
   »Nicht so schnell, Herr Columbus«, ermahnte er ihn.
   »Was fällt Euch ein!« empörte der Genuese sich. »Ich befehle Euch, mich auf der Stelle loszulassen!«
   »Mit Verlaub, Ihr habt mir nichts zu befehlen.«
   »Seid Ihr von Sinnen? Habt Ihr vergessen, daß ich jetzt Großkapitän bin?«
   Fast mitleidig schüttelte der Advokat den Kopf. »Hättet Ihr Euren Vertrag genau gelesen, dann wüßtet Ihr, daß Ihr jetzt mir unterstellt seid. Euer Rang, verehrter Herr Columbus, ermächtigt Euch zu gar nichts. Wenn ich Euch einen Rat geben darf, genießt die damit verbundenen Ehren und Güter und überlaßt die wirklich wichtigen Dinge den Leuten, die dafür geeignet sind.«
   Fassungslos starrte Colombo mit offenem Mund ins Leere und brachte außer einem heiseren Krächzen kein Wort heraus, nicht einmal einen Laut des Protests konnte er von sich geben.
   »Nun, machen wir uns an die Arbeit«, meinte der Notar. »Wir müssen versuchen, uns mit diesen Leuten zu verständigen. Es gilt herauszufinden, ob sie Handelswaren besitzen. Pfeffer, Gewürze, Seide ...« Zwei bunte Papageien flogen mit lautem Kreischen über die Köpfe der Männer hinweg und veranlaßten den Advokaten, hinzuzusetzen: »Und Federn. Ich denke, diese prachtvollen Federn könnten bei eitlen Gecken und putzsüchtigen Frauen hohe Preise erzielen.«
   Ein warmer Windhauch aus dem Landesinneren erfaßte das Banner und drehte es um die Fahnenstange, bis es seine ganze Breite der Tropensonne zuwandte. Das Glänzen der eingewebten Goldfäden ließ den doppelköpfigen Adler mit dem weiß-roten Wappenschild auf der Brust beinahe lebendig erscheinen.

© 2004 by Oliver Henkel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Erstveröffentlichung in
Oliver Henkel, Wechselwelten (Lübeck: Accra, 2004) Bestellen
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21.05.06 • 02.09.10