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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Oliver Henkel

Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane

Es wäre falsch, wollte man in Lincolns Rechtsanwaltschaft nichts weiter sehen als einen Broterwerb. Immer wieder vielmehr äußerte sich in ihm – wie in jenen frühen Tagen, in denen er Tiere aus Fallen befreite, um ihnen ihr Recht auf Leben zurückzugeben – ein nie zu betrügendes Rechtsgefühl, zu dessen Durchsetzung auf Erden ihm die Jurisprudenz nur ein Instrument unter mehreren schien.

Werner Richter
Abraham Lincoln

Ein heilloses Durcheinander, das selbst von den hintersten Winkeln Besitz ergriffen hatte, beherrschte das Büro. Ein aufmerksamer Beobachter hätte allerdings schnell erkannt, daß es sich nicht um die Art Unordnung handelte, die aus Ignoranz oder Trägheit entstand. Es war vielmehr jene Unordnung, die man nur dort fand, wo ein vielseitig interessierter, arbeitsamer Geist wirkte. Durch die von innen verstaubten und von außen mit einer hauchdünnen Eisschicht überzogenen Fenster fiel das gedämpfte Tageslicht auf Stapel von Akten, die sich auf jedem Möbelstück türmten, aus Schränken und Schubladen quollen und große Teile des Fußbodens bedeckten. Selbst in dem hohen Zylinderhut auf der Fensterbank hatten zusammengerollte Unterlagen einen vorläufigen Aufbewahrungsort gefunden. Zwei bis unter die Decke reichende Regale beinhalteten Bücher, denen an den abgegriffenen und angestoßenen Rücken anzusehen war, daß sie keinesfalls nur als Zierde dienten. Ohne erkennbare Sortierung standen neben juristischer Literatur unter anderem Bücher über Mathematik, Astronomie, Geschichte und Philosophie sowie die gesammelten Werke Shakespeares. Zwischen den Regalen hing an der Wand, sorgfältig gerahmt und durch Glas geschützt, eine vom Staat Illinois ausgestellte Anwaltslizenz.
   Der außergewöhnlich großgewachsene Mann, dem diese Lizenz gehörte, befand sich hinter einem mit Akten überfüllten Schreibtisch und erschien selbst im Sitzen noch riesenhaft. Schön konnte man Abraham Lincoln wirklich nicht nennen, dafür sorgten die abstehenden Ohren und die erkerartig hervorstehende Nase, die ihm im Verbund mit den übergroßen Händen ein fast schon bizarr unproportioniertes Aussehen verliehen. Aber auf eine nicht alltägliche Art eindrucksvoll war er zweifellos, nicht zuletzt wegen seiner Augen, in denen sich mindestens ebensoviel wache Intelligenz wie Einfühlungsvermögen spiegelte.
   Mit diesen Augen betrachtete er die zierliche Frau auf der anderen Seite des Tisches. Sie hatte das Kunststück fertiggebracht, auf dem Weg durch das Büro mit ihrem ausladenden Reifrock nicht ein einziges loses Blatt von den überall verteilten Papierstapeln zu reißen. Lincoln hörte ihr aufmerksam zu, während sie ihr Anliegen schilderte. Dann, nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, sagte er nachdenklich: »Verehrte Mrs. Vanhuys, ich weiß nicht, ob ich tatsächlich der Richtige für eine solche Aufgabe bin. Vielleicht sollten Sie sich lieber an meinen Partner Mr. Herndon wenden, sobald er morgen zurückkehrt. Er ist, wie Ihnen ja bekannt ist, ein glühender Gegner der Sklaverei und daher sicher weit besser als ich geeignet, sich dieser Angelegenheit anzunehmen.«
   »Aufrichtige Überzeugungen, Mr. Lincoln, ändern nichts daran, daß allzu große Leidenschaft einer Sache oftmals eher schadet als nützt,« entgegnete Martha Vanhuys mit Bestimmtheit.

Damit hat sie recht, dachte Lincoln und deutete unwillkürlich seine Zustimmung durch ein leichtes Kopfnicken an. Wann immer es galt, Geschworene von seiner Sichtweise zu überzeugen, waren William Herndons dramatische, emotionsgeladene Auftritte unübertroffen. Wenn er dann auch noch gegen das antrat, was er am meisten verabscheute, nämlich die Sklaverei, dann steigerte er sich bei seinen Plädoyers stets einen einen heiligen Zorn biblischen Ausmaßes. Lincoln konnte sich leicht ausmalen, welchen Eindruck ein derartiges Verhalten vor einem preußischen Gericht hinterlassen mußte, wo man gänzlich andere Vorstellungen vom Betragen eines Anwalts hatte.
   »Die Zeit drängt«, fuhr Mrs. Vanhuys fort. »Robert Saunders, unser Anwalt in Friedrichsburg, ist schwer erkrankt, und die Anhörung findet bereits in vier Tagen statt. Die Illinois Anti Slavery League ist bereit, Ihnen ein Honorar von tausend Dollar zu zahlen, wenn Sie uns in dieser mißlichen Situation beistehen.«
   »Können Sie mir möglicherweise sagen, wer bei der Anhörung den Staat Georgia vertritt?«
   »Das kann ich. Ein Anwalt namens Graham Forester aus Atlanta. Ist er Ihnen ein Begriff?«
   Lincoln überlegte kurz. »Ja, ich denke schon. Er hat bereits zwei, nein, drei Mal bei ähnlichen Anlässen die Auslieferung entkommener Sklaven erreicht, wenn ich nicht irre.«
   »Wir wollen verhindern, daß es ihm auch noch ein viertes Mal gelingt. Sie müssen nämlich wissen, Mr. Lincoln, daß wir etwas ausgesprochen Bedenkliches erfahren haben. Forester hat angekündigt, im Falle Jefferson Hope einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen. Was genau er beabsichtigt, ist uns nicht bekannt. Aber es gibt Gerüchte, daß er eine bisher von niemandem bedachte Möglichkeit entdeckt hat, mit der die Sklavenhalter des Südens künftig von den Preußen die Auslieferung jedes entflohenen Sklaven erwirken könnten, wenn sie sich einmal als erfolgreich erwiesen hat. Ich muß Ihnen nicht sagen, Mr. Lincoln, was für eine Katastrophe das für die Antisklavereibewegung darstellen würde. Das darf nicht geschehen.«
   Wortlos erhob Lincoln sich, ging zum Fenster hinüber und blickte gedankenverloren hinaus. In der vergangenen Nacht war noch einmal Neuschnee gefallen. Der Winter schien Springfield dieses Jahr überhaupt nicht verlassen zu wollen.
   Sollte er diese Aufgabe übernehmen? Seine politische Karriere würde darunter nicht leiden. Er hatte schon bei mehreren Gelegenheiten flüchtige Sklaven vor Gericht vertreten und davor bewahrt, vom Staat Illinois wieder an ihre ehemaligen Besitzer übergeben zu werden, wie es der Fugitive Slave Act eigentlich verlangte. Der Ruf eines radikalen Abolitionisten ging ihm dennoch nicht voraus; man wußte, daß er für eine maßvolle, schrittweise Beschränkung der Sklaverei eintrat. Es lag keinerlei dringende Arbeit an, die ihn an von einer Reise abgehalten hätte, und bei einer Versammlung der Republikanischen Partei mußte er erst in der zweiten Märzhälfte wieder als Redner auftreten. Somit gab es für ihn nur einen Grund, Springfield nicht zu verlassen: Er wartete auf Neuigkeiten aus Washington, wo gerade ein wichtiger Fall vor dem Obersten Gericht verhandelt wurde. Dabei ging es im Wesentlichen um die Frage, ob der Sklave Dred Scott, der sich über längere Zeit mit seinem Besitzer in sklavenfreien Gebieten der Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, dadurch automatisch die Freiheit erlangt hatte. Persönlich glaubte Lincoln nicht an einen Urteilsspruch zugunsten von Scott, da das Oberste Gericht von Südstaatlern dominiert wurde und der Oberste Richter Roger B. Taney ein geradezu missionarischer Verfechter der Sklaverei war. Aber das änderte nichts an der Bedeutung, die dem Ergebnis als Präzedenzurteil zukommen würde.
   Abraham Lincoln beobachtete, wie sich sein Atem als tausdenzackige Eisblume auf der Fensterscheibe niederschlug. Eigentlich, so dachte er, könnte Herndon mir die Dokumente aus Washington ja auch per Eilpost nach Friedrichsburg nachschicken ...

* * *

Die zweieinhalb Tage dauernde Eisenbahnfahrt in Richtung Süden verlief ereignislos. Lincoln hatte sich die in South Carolina gültige offizielle zweisprachige Ausgabe des Allgemeinen Preußischen Landrechts sowie einige weitere Bücher besorgt und nutzte die Zeit, um sich mit den wichtigsten Rechtsbegriffen des Landes, in das er reiste, vertraut zu machen. So sehr vertiefte er sich in die schwierige Lektüre, daß er zweimal um ein Haar das Umsteigen versäumt hätte.
   Der harte Winter, der Illinois in diesen ersten Märztagen immer noch unerbittlich in seinen eisigen Klauen hielt, verlor mit jeder Meile an Kraft und war in Washington D.C. bereits einem kühlen Nieselwetter gewichen, das die ungepflasterten Straßen der Hauptstadt in zähen Morast verwandelte. Vom Zug aus konnte Lincoln die Kräne und Gerüste auf dem Dach des Capitols sehen, wo gerade der Sockel für eine neue, gewaltige Kuppel entstand. Falls nichts die Planungen über den Haufen warf, würde sie in sechs Jahren das Bauwerk krönen. Der Anblick des unvollständigen Parlamentsgebäudes erschien Abraham Lincoln wie eine steinerne Analogie auf den Zustand der gesamten Nation, die schon wieder zu zerfallen drohte, nachdem der Schlußstein erst kurz zuvor feierlich gesetzt worden und der Mörtel noch nicht einmal völlig getrocknet war. Himmel, dieser Vergleich hinkt ja schlimmer als mein erstes Pferd, und das will etwas heißen! dachte er, aber er notierte sich trotzdem rasch die Idee, ein Haus und auch dessen verschiedene Bewohner als Sinnbild für die Vereinigten Staaten zu verwenden. Vielleicht würde es sich ja irgendwann einmal als brauchbar für eine Rede erweisen.
   Während der Mercury Flyer von Richmond aus südwärts rollte, versuchte Lincoln seine Überlegungen zu der ihm anvertrauten Aufgabe und dem Problem im Allgemeinen zu ordnen. Der Sklave Jefferson Hope war also von der Plantage seines Besitzers in Georgia entflohen und hatte sich vor seinen Verfolgern auf preußisches Gebiet retten können. Er war durchaus nicht der erste, der auf diese Weise der Sklaverei zu entkommen versuchte. Wie die britischen Behörden in Kanada, so lieferten auch die Preußen geflüchtete Sklaven grundsätzlich nicht ihren früheren Eigentümern aus. Hinter diesem Prinzip stand eine eigentümliche Mischung aus Vernunftdenken und irrationalen romantischen Beweggründen, wie sie in dieser Kombination wohl ausschließlich bei Deutschen vorkommen konnte. Ausschlaggebend war letztendlich jedoch die nahezu grenzenlose Verehrung für Friedrich den Großen. Der widersprüchliche König mit den vielen Gesichtern, der in sich den Tyrannen und den Philosophen, den Menschenhasser und den Philantropen vereinte, hatte die Leibeigenschaft verabscheut, doch der Widerstand des Adels hatte ihn immer davon abgehalten, diese der Sklaverei zum Verwechseln ähnliche Institution anzutasten. Aber nachdem ihm sein Taktieren im Unabhängigkeitskrieg unverhofft den Besitz South Carolinas eingetragen hatte, verfügte er über eine neue Provinz, in der er nicht auf unwillige Junker Rücksicht nehmen mußte. Durch königliche Order wurde dort kurzerhand jede Form der Sklavenhaltung aufgehoben, mehr als zwei Jahrzehnte bevor die Leibeigenschaft im übrigen Königreich Preußen endgültig verschwand. Hatte ein geflüchteter Sklave erst einmal preußisches Territorium erreicht und den Untertaneneid geleistet, war er ein freier Mann, jedenfalls soweit man als Untertan eines Königs frei sein konnte. An dieser Praxis hatte sich nichts geändert.
   Natürlich versuchten die Sklavenhalter immer wieder, vor preußischen Gerichten die Herausgabe ihres vermeintlichen Eigentums zu erzwingen. Aber das sture Pochen auf angebliche Besitzrechte stieß bei den preußischen Behörden ausnahmslos auf taube Ohren. Seit gut zehn Jahren bedienten sich die Plantagenbesitzer darum eines anderen Weges, der zuweilen tatsächlich zum Ziel führte. Wenn ein Amerikaner sich nachweislich eines Verbechens schuldig gemacht hatte und nach South Carolina entkommen war, lieferten ihn die Preußen auf Antrag des betreffenden Bundesstaates aus, so sah es das Feldheim-Abkommen von 1821 vor. Folglich ließen die Sklavenhalter nichts unversucht, um den geflüchteten Negern Straftaten anzulasten. Die Justizbehörden ihrer Heimatstaaten unterstützten sie dabei nach Kräften und entsandten Anwälte, welche die Auslieferung erwirken sollten. In einem solchen Fall mußte das zuständige preußische Gericht nach einer Anhörung entscheiden, ob der Auslieferungsantrag begründet war. Unnötig zu sagen, daß Sklavereigegner aus den Nordstaaten jedesmal ebenfalls einen Anwalt stellten, der bei der Anhörung den ehemaligen Sklaven vertrat und die Auslieferung zu verhindern suchte. Meistens befanden die Richter, daß die Straftat nicht ausreichend nachgewiesen sei. Manchmal, wenn auch sehr selten, wurde dem Ersuchen stattgegeben. Es war ein komplexes System voller Fußangeln.
   Der Mercury Flyer wurde langsamer und passierte im Schrittempo zwei Grenzpfähle, einer rot-weiß-blau, der andere schwarz-weiß. Dann hielt er in einem kleinen Bahnhof. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnsteigs wartete schon der Anschlußzug der Königlich-Privilegierten Karolinischen Nordbahn. Lincoln verstand vom Eisenbahnwesen nur wenig, obwohl er auch für Bahngesellschaften tätig war; dennoch fielen ihm auf der Stelle einige Dinge auf. Zum Beispiel, daß die recht kurzen Waggons aus einzelnen, untereinander nicht verbundenen Abteilen mit eigenen Seitentüren bestanden, während bei amerikanischen Bahnen lange Durchgangswagen mit offenen Plattformen an den Enden üblich waren. Aber auch die bunte Lackierung der Waggons fand er bemerkenswert. Die Abteile der ersten Klasse waren durch ein kräftiges Gelb kenntlich gemacht, die Farbe der zweiten Klasse war Grün, die dritte und vierte Klasse mußten sich mit Dunkelbraun und einem stumpfen Blaugrau begnügen.
   Auf dem Weg zu seinem Abteil sah Lincoln drei hohe Offiziere, gekleidet in blaue Waffenröcke mit blanken Messingknöpfen, die vermutlich militärische Fragen diskutierten. Doch als er an ihnen vorbeiging, konnte er einige Brocken ihres Gesprächs verstehen und stellte ebenso verblüfft wie amüsiert fest, daß es sich bloß um drei Bahnbeamte handelte, die den Fahrplan besprachen.
   Kaum hatte Lincoln im Abteil Platz genommen, als die Lokomotive einen schrillen Pfiff ausstieß. Mit einem kurzen Ruck setzte sich der Zug in Bewegung, um den Anwalt aus Illinois ans Ziel seiner Reise zu bringen.

FRIEDRICHSBURG verkündete das Bahnhofsschild in mächtigen Buchstaben. Darunter stand, viel kleiner und in verschämte Klammern gesetzt: (Charleston).
   Gleich nach der Ankunft in der preußischen Provinzhauptstadt erwartete Abraham Lincoln eine Überraschung. Er hatte gerade den Zug verlassen, da sprach ihn ein baumlanger Schwarzer an, der selbst den hochgewachsenen Anwalt um einen halben Kopf überragte:
   »Mr. Lincoln, vermute ich?«
   Es dauerte einen Augenblick, bis Lincoln seine Verblüffung überwinden konnte und eine Antwort hervorbrachte. Noch nie hatte er einen Neger in militärischer Uniform gesehen. Selbst in den sklavenfreien Staaten Neuenglands ließ man sie weder zum Dienst in der U.S. Army noch in den Staatsmilizen zu. Der Mann vor ihm hingegen trug nicht nur eine Uniform mit rotem Kragen, Pickelhaube und Degen an der Seite, auf seinen breiten Schultern glänzte auch ein Paar schwerer Offiziersepauletten.
   »Ja, der bin ich«, sagte Lincoln schließlich, fest davon überzeugt, daß seine arg verzögerte Reaktion ihn wie einen begriffstutzigen Bauerntölpel hatte dastehen lassen.
   »Erlauben Sie mir, Sie in Friedrichsburg willkommen zu heißen, Mr. Lincoln. Ich bin Leutnant Wilhelm Pfeyfer. Der Herr Oberpräsident der Provinz Karolina hat mir die Aufgabe übertragen, Ihre Sicherheit während Ihres Aufenthalts hier zu gewährleisten.«
   Lincoln hob die Hand zu einer höflich ablehnenden Geste und meinte bescheiden: »Oh, das ist natürlich sehr aufmerksam. Aber ich benötige wirklich keinerlei bevorzugte Behandlung, nur weil ich im vergangenen Jahr eine gewisse Rolle im Präsidentschaftswahlkampf meiner Partei bekleidet habe.«
   »Davon ist mir leider nichts bekannt«, entgegnete der Leutnant. »Die Sorge um Ihre Sicherheit entspringt vielmehr dem Anschlag, der letzte Woche auf Ihren Kollegen Mr. Robert Saunders verübt wurde.«
   »Ein Anschlag, sagten Sie?«
   »Jawohl, Mr. Lincoln. Schläger lauerten ihm auf. Er wird auf längere Zeit im Hospital bleiben müssen und kann daher Jefferson Hopes Interessen bei der Anhörung nicht vertreten. Hat man Sie denn von diesen Umständen nicht in Kenntnis gesetzt?«

In einer offenen Droschke fuhren Lincoln und Leutnant Pfeyfer durch die baumgesäumten Straßen Friedrichsburgs. Für die strenge klassizistische Schönheit der Stadt, die nach dem verheerenden Brand von 1814 nach Plänen des großen Architekten Schinkel vollständig neu entstanden war, hatte der Anwalt keine Augen. Auch das frühlingshaft warme Wetter konnte ihm kein Lächeln entlocken. Mit düsterer Miene fragte er seinen Begleiter:
   »Weiß man, wer den Überfall auf Mr. Saunders zu verantworten hat?«
   Der Offizier hob die Schultern und antwortete mit Bedauern, in dem ein Anflug unterdrückten Ärgers kaum wahrnehmbar mitschwang: »Leider nicht. Es könnten natürlich einfach betrunkene Seeleute oder ähnliche Personen gewesen sein, aber diese Möglichkeit zieht niemand ernsthaft in Betracht. Man vermutet, daß Auftraggeber aus dem Süden Ihres Landes die unbekannten Schläger bezahlt haben. Mr. Saunders hat schon oft entkommene Sklaven bei Anhörungen vertreten und vor Auslieferung bewahrt. Zweifellos hat er sich damit unter den militanten Verfechtern der Sklaverei Feinde geschaffen.«
   »Ich verstehe«, sagte Lincoln leise. Abe, du bist ein dummer Hornochse. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Wie es aussieht, habe ich meinen Kopf geradewegs in ein Wespennest gesteckt, dachte er. Aber ein Zurück gab es nicht. In seinen Händen lag die Verantwortung für die Freiheit eines Mannes, und er hatte nicht vor, die Flucht zu ergreifen.
   »Kann ich meinen verletzten Kollegen im Hospital sprechen?« wollte er wissen.
   »Das ist nicht möglich, Mr. Lincoln. Die Ärzte haben ihm völlige Ruhe verordnet. Aber seine gesamten Aufzeichnungen zu dieser Angelegenheit sind im Justizpalast hinterlegt und stehen Ihnen selbstverständlich zur Verfügung. Oh, das hätte ich fast vergessen – wünschen Sie, daß die Anhörung in englischer Sprache stattfindet?«
   Lincoln nickte lebhaft, noch bevor Leutnant Pfeyfer das letzte Wort der Frage ausgesprochen hatte. »Ich bitte darum. Mein deutscher Wortschatz beschränkt sich auf die Flüche, die ich bei Farmern hörte. Daß sich das Gericht davon vorteilhaft beeindrucken ließe, bezweifle ich sehr.«

* * *

Das Zimmer im Hotel Belle-Alliance war ruhig, das Bett groß und komfortabel. Dennoch hatte Lincoln wenig und schlecht geschlafen. Sogar die Gewißheit, daß die ganze Nacht hindurch eine Wache vor der Tür stand und ihn davor bewahrte, den Zorn seiner Landsleute auf ähnlich brutale Weise wie Robert Saunders kennen zu lernen, hatte ihm keine Ruhe verschafft. Ohnehin war es weniger die Furcht, die ihn wach gehalten hatte, als vielmehr endlose Grübeleien.
   Am folgenden Morgen, es war ein strahlend schöner Tag, verließ Lincoln sehr zeitig das Hotel, um sich zum Justizpalast zu begeben. In wenigen Schritten Abstand folgte ihm Leutnant Wilhelm Pfeyfer, die Hand ständig am Degengriff und bereit, notfalls rasch zur Verteidigung des Anwalts einzuschreiten.
   Zwar war Lincoln übermüdet, doch die Gedankengänge der ruhelosen Nacht hatten ihn in seiner Entschlossenheit bestärkt, sein Bestes zu geben. Einen billigen Triumph, erschlichen durch pure Skrupellosigkeit, wollte er den Sklavereianhängern nicht in den Schoß fallen lassen. Die Zweifel, ob er das Richtige tat, räumte diese Entschlossenheit keineswegs aus. Nicht nur sein Leib und Leben, auch seine politische Karriere war vielleicht bedroht. Wer konnte schon vorhersagen, wie sich diese Sache entwickelte, wie die Menschen in Illinois und den anderen Staaten des Nordens reagieren würden, wenn er durch den Fall Jefferson Hope wider Erwarten doch in den Ruf geraten sollte, ein Abolitionist zu sein?
   Nach wenigen Minuten erreichte Lincoln den Prinzenplatz im Zentrum der Stadt. Seinen Namen verdankte er einem überlebensgroßen Reiterstandbild des Prinzen Heinrich, dem das Königreich Preußen den Besitz South Carolinas mindestens ebenso sehr zu verdanken hatte wie seinem Bruder Friedrich dem Großen, wenn nicht noch mehr. Unter den dicht beieinander stehenenden Palmen an den Rändern des Platzes marschierten gerade zwei Kompanien Infanterie entlang, von denen eine fast ausschließlich aus Schwarzen bestand. Auf der Nordseite erhob sich das Gebäude der Provinzverwaltung, dessen Eingang wie der Portikus eines antiken Tempels mit Dreiecksgiebel und hohen korinthischen Säulen gestaltet war. Direkt gegenüber, am südlichen Ende des Prinzenplatzes, befand als sein fast spiegelgleicher Zwilling der schneeweiße Justizpalast. Als er die Stufen zum Portal emporstieg, warf Lincoln einen Blick nach oben und sah die Statue der Justitia im Zentrum des Giebels. Und ihm entging nicht, daß der preußische Adler, mit Schwert und Zepter in den Klauen, über dem Kopf der blinden Göttin der Gerechtigkeit schwebte.

Unter den wachsamen Augen eines Gendarmen traf Abraham Lincoln in einem spartanischen Raum, dessen Einrichtung nur aus einem abgegriffenen Holztisch und zwei Stühlen bestand, mit dem Mann zusammen, für er nach Friedrichsburg gekommen war. Es war ihm schon immer schwer gefallen, das Alter von Negern zu schätzen, und Jefferson Hope bildete keine Ausnahme. Er hätte fünfundzwanzig, genauso gut aber auch fünfundvierzig Jahre zählen können. Ein mittelgroßer Mann von kräftiger Statur, dessen ziemlich helle braune Haut Bände sprach. Es stellte eher den Normalfall als die Ausnahme dar, daß Sklavinnen von ihren Besitzern vergewaltigt wurden.
   Anfangs begegnete Hope dem Anwalt mit wortkargem Mißtrauen, doch Lincolns offene Art und der ländliche Humor, der immer wieder zwischen seinen ernsten Sätzen hindurchschimmerte, brachen schließlich das Eis. Die Ergebnisse des Gesprächs blieben jedoch bescheiden. Lincoln erfuhr nur, was er schon Saunders’ Papieren hatte entnehmen können.
   »Ich habe nichts Böses getan, Master Lincoln«, beteuerte Hope immer wieder. »Die Plantage von Master O’Neill ist doch ganz nah bei der Grenze. Auf dem kurzen Weg konnte ich ja überhaupt nichts Schlimmes machen!«
   »Bislang behauptet das ja auch niemand. Nur die Ruhe, Mr. Hope, nur die Ruhe. Scheuchen wir nicht die Kühe aus dem Stall, ehe das Dach üherhaupt Feuer gefangen hat«, beschwichtigte ihn der Anwalt. Aber es half nichts. Alleine die Vorstellung, man könne ihm ein Verbrechen anhängen und deswegen nach Georgia ausliefern, ließ Jefferson Hope schon in kalten Angstschweiß ausbrechen.
   »Wissen Sie, was Master O’Neill mit seinen Sklaven tut, wenn sie versucht haben, fortzulaufen? Er läßt sie auspeitschen, Master Lincoln, er läßt sie so lange auspeitschen, bis man die Knochen sieht, bis gar kein Fleisch mehr auf dem Rücken ist, damit die anderen ...«
   Seine Stimme versagte. Er zitterte am ganzen Leib, und ein Schwall von Tränen strömte aus seinen dunklen Augen. Abraham Lincoln war erschüttert; noch nie hatte er solche Verzweiflung erlebt. Er kam sich unendlich hilflos vor. Alles was er tun konnte, war beruhigende Worte zu suchen. Der Satz Sie müssen keine Angst haben lag Lincoln schon auf der Zunge. Aber er brachte es nicht über sich, ihn auszusprechen.

Den Rest des Tages verbrachte Abraham Lincoln in einem Nebenraum der Gerichtsbibliothek mit dem Studium von Saunders’ Unterlagen. So erfuhr er jedoch nur, daß auch sein Kollege ergebnislos gerätselt hatte, was Graham Forester wohl im Schilde führte. Als er am frühen Abend den Justizpalast verließ, dunkelte es bereits. Die Lampenanzünder gingen durch die Straßen und betätigten mit langen Stangen die Brenner der Gaslaternen. Nachdem er die vergangenen Stunden auf viel zu niedrigen Stühlen hatte sitzen müssen, wollte Lincoln sich die langen Beine vertreten. Besorgt fragte er Leutnant Pfeyfer, ob er ihm mit diesem Wunsch auch keine Ungelegenheiten bereitete; doch der Offizier versicherte, daß dem ganz bestimmt nicht so war.
   Sie gingen durch die belebten Straßen, wobei Lincoln sich erstmals die Zeit nahm, die Stadt ein wenig aufmerksamer zu betrachten und die vielen ungewohnten Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Besonders fiel ihm auf, daß die gußeisernen Straßenschilder, ganz der offiziellen Zweisprachigkeit South Carolinas entsprechend, beispielsweise sowohl die Worte Markgraf-Friedrich-Straße als auch Margrave Frederick Street trugen. Und daß andererseits Ladenschilder und Aushänge nahezu ausschließlich in der für ihn unverständlichen deutschen Sprache verfaßt waren.
   Der Leutnant räusperte sich ein wenig verlegen. »Mr. Lincoln, ich muß mich noch bei Ihnen entschuldigen. Selbstverständlich ist mir Ihr Name ein Begriff. Ich habe ihn besonders in den letzten beiden Jahren häufig in der Zeitung gelesen. Doch gestern auf dem Bahnhof kam mir einfach nicht der so nahe liegende Gedanke, daß Sie und der bekannte Politiker ein und dieselbe Person sein könnten. Ich hoffe, ich habe Sie nicht beleidigt.«
   »Wo denken Sie hin, Lieutenant! Nein, Sie haben mich nicht im geringsten beleidigt«, versicherte der Anwalt.
   »Es heißt, Sie seien ein Gegner der Sklaverei und sprächen sich für ihre Beseitigung aus.«
   Lincoln seufzte kaum hörbar und zog bekümmert die Augenbrauen in die Höhe. »Die Sklaverei ist eine widerwärtige Einrichtung. Wer sie abschaffen will, muß so behutsam und ohne Hast vorgehen, als gelte es, mit einem hohen Stapel Porzellan in Händen die finstere Höhle eines schlafenden Bären zu durchqueren, ohne zu stolpern und den Bewohner zu wecken. Die Gründerväter meines Landes haben einen furchtbaren Fehler gemacht, als sie die Gleichheit aller Menschen zur ausdrücklichen Grundlage des neuen Staates machten, im gleichen Atemzug jedoch Millionen seiner Bewohner von dieser Gleichheit ausschlossen. Nun sitzen wir da mit diesem gefährlichen Widerspruch, der uns zum Verhängnis werden könnte. Mit der Sklaverei ist es wie mit einem hungrigen Wolf, den man an den Ohren festhält: Es ist einem nicht wohl dabei, aber einfach loslassen kann man auch nicht.«
   Der Leutnant enthielt sich eines Kommentars, doch Lincoln wußte, wie halbherzig und unentschlossen seine Äußerungen in den Ohren des Schwarzen geklungen haben mußten. Und er begann, an der Richtigkeit seiner Haltung zu zweifeln.
   Das Gespräch streifte verschiedene Themen, von den bürgerkriegsartigen Unruhen in Kansas bis zu den Plänen für den Bau einer transkontinentalen Telegraphenlinie, während die beiden Männer die großzügig angelegten Straßen entlanggingen und schließlich die Uferpromenade erreichten. Der Boulevard unter Palmettobäumen verlief dort, wo sich vor dem Neuaufbau der Stadt der nunmehr auf die gegenüberliegende Seite der Bucht verlegte Hafen befunden hatte. Anstelle der Lagerhäuser und Handelskontore erhoben sich hier jetzt einige der schönsten und teuersten Wohnhäuser mit Ausblick über die Bucht und die Mündung des Ashly River, der sich vor einigen Jahren eine Namensänderung hatte gefallen lassen müssen und seitdem die nahezu unaussprechliche Bezeichnung Königin-Luise-von-Preußen-Fluß trug. Weit draußen, wo der Fluß zwischen zwei Landzungen ins Meer mündete, konnte Lincoln die kantige Silhouette der Bastion Derfflinger erkennen, einer Küstenfestung auf einer kleinen Insel, deren Geschütze die Hafeneinfahrt kontrollierten.
   Auch die Statuen, die im Abstand von etwa fünfzehn Yards auf hohen Podesten unter den ausladenden Kronen der Palmen standen, entgingen Lincolns Aufmerksamkeit nicht. Es handelte sich um die lebensgroßen Bildnisse von Männern, deren eingemeißelte Namen dem Anwalt aus Illinois zumeist nichts sagten, die er aber für bedeutende preußische Gelehrte und andere Geistesgrößen hielt. Das schloß er zumindest daraus, daß keiner der Dargestellten eine Uniform trug, wenn auch beim einen oder anderen von ihnen unübersehbar ein Ordensstern am bürgerlichen Rock prangte.
   Doch am meisten fesselte ihn immer noch, daß die Schwarzen sich in Auftreten und Kleidung durch nichts von den weißen Einwohnern Friedrichsburgs unterschieden. Natürlich hatte es ihn nicht überrascht, denn South Carolina war ja beileibe keine Terra Incognita, von der man im übrigen Amerika nichts wußte. Aber selbst für einen Nordstaatler wie ihn waren die Verhältnisse in der preußischen Überseeprovinz äußerst ungewohnt.
   »Es wundert mich nicht«, sagte er, »daß so viele Schwarze aus Georgia und North Carolina das Risiko auf sich nehmen und hierher zu flüchten versuchen. Und ebensowenig wundert es mich, daß besonders im Süden der Vereinigten Staaten eine tiefe Abneigung gegen Ihr Land herrscht. Neger, die mit gleichen Rechten das gleiche Leben wie Weiße führen, ja sogar Waffen und Offiziersuniformen tragen, führen die gesamte Rechtfertigung der Sklaverei, nämlich die Lehre von der naturgegebenen Unterlegenheit der Schwarzen, ad absurdum.«
   Wilhelm Pfeyfer zog die Mundwinkel zu einem bitteren Lächeln in die Höhe. »Es ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, Mr. Lincoln. Die Verachtung für meine Rasse ist ein schleichendes Gift, das leider nicht an Staatsgrenzen haltmacht. So wie Staub an einem trockenen Sommertag selbst bei geschlossenen Fenstern und Türen einen Weg durch die schmalsten Ritzen findet, besteht durchaus die Gefahr, daß sich auch in Karolina gewisse Vorstellungen unmerklich in den Köpfen der Menschen festsetzen.«
   »Wie meinen Sie das Lieutenant?«
   »Sehen Sie, es gibt hier bei weitem nicht genug Arbeit für all die entflohenen Sklaven. Viele sind gezwungen zu betteln, oder schlimmer noch, zu stehlen, um zu überleben. Das Bild des faulen, kriminellen Schwarzen gewinnt bei den Weißen dieser Provinz mehr und mehr an Verbreitung. Ein gefährliches Stereotyp, das mich mit Sorge erfüllt.«
   »Vergeben Sie mir meine Neugier«, sagte Lincoln, »aber mich würde sehr interessieren, wann Ihre Vorfahren aus der Sklaverei entkommen und hierher geflüchtet sind.«
   Nicht ohne Stolz antwortete der Offizier: »Nie, Mr. Lincoln. Keiner meiner Vorfahren mußte je auf amerikanischen Baumwollplantagen arbeiten. Mein Großvater kam mit Prinz Heinrich nach Karolina, als Mohrenpfeifer seines Leibregiments.«
   »Als Mohrenpfeifer?« wiederholte Lincoln, dem dieser Ausdruck nichts sagte.
   »Vornehme preußische Regimenter pflegten afrikanische Spielleute zu haben. Es handelte sich jedoch nicht um Sklaven. Sie galten als Unteroffiziere und wurden auch als solche besoldet. Der erste Mohrenpfeifer des brandenburgischen Heeres, Ali Hassan, heiratete übrigens die Tochter eines Oberbürgermeisters.«
   »Sie sehen mich aufrichtig erstaunt«, erwiderte Lincoln; und es war eine starke Untertreibung. Für einen Moment zollte er Preußen seine volle Bewunderung. Doch diese Bewunderung sollte nach nur wenigen Minuten verfliegen.
   Die zwei Männer verließen die Uferpromenade wieder und gingen die Humboldt-Allee hinauf, in Richtung des Hotels. Gerade redeten sie über Harriet Beecher-Stowes Buch Onkel Toms Hütte, das Leutnant Pfeyfer für unerträglich sentimental hielt, als Lärm ihre Unterhaltung störte.
   Ein Zug ärmlich gekleideter Männer und Frauen beider Rassen bewegte sich unter den teils entrüsteten, teils verschreckten Blicken der Passanten die Straße hinab. Sie schwenkten rote Fahnen, warfen Flugblätter und skandierten Parolen, die Lincoln nicht verstand. Aber daß sie voller Zorn waren, das war ihm klar. Und als er sich Wilhelm Pfeyfer zuwandte, sah er, daß sich die Miene des Leutnants verfinstert hatte.
   »Wer sind diese Leute, Lieutenant?« wollte der Anwalt wissen.
   »Arbeiter der Tuchfabriken«, antwortete der Offizier mit zusammengebissenen Zähnen.
   Ein verirrter Windstoß wehte eines der Flugblätter herüber. Pfeyfer fing es auf und überflog den Inhalt. Lincoln konnte nur die in kantiger Fraktur gedruckten ersten beiden Worte der Überschrift erspähen: Der Communismus. Dann knüllte der Leutnant das Blatt auch schon zusammen und warf es mit einem halblaut ausgestoßenen deutschen Fluch auf den Boden. »Diesem Pöbel ist nichts heilig, gar nichts! Sie streiken, obwohl es das Gesetz strengstens verbietet. Sie stellen maßlose Forderungen, sie rütteln an den Grundlagen und Werten unserer Gesellschaft. Möge Ihr Land von solchem Abschaum verschont bleiben, Mr. Lincoln.«
   Aus einer Seitenstraße kamen plötzlich Soldaten im Laufschritt, bildeten eine Doppelreihe über die ganze Breite der Humboldt-Allee und versperrten den Streikenden den Weg.
   Pfeyfer faßte Lincoln am Arm und zog ihn in die entgegengesetzte Richtung. »Lassen Sie uns schnell gehen! Ich bin für Ihre Sicherheit verantwortlich, und hier könnte es zu Ausschreitungen kommen.«
   Abraham Lincoln widersprach nicht und folgte dem Leutnant in eine schmale Nebenstraße. Aber einmal schaute er noch zurück. Schwarze und Weiße in Uniform standen nebeneinander und richteten die Bajonette ihrer Gewehre auf andere Schwarze und Weiße mit hungrigen, ausgezehrten Gesichtern, die drohend die Fäuste schüttelten.

Auch eine Form der Gleichheit, dachte Lincoln.

* * *

Die zweite Nacht im Hotel Belle-Alliance war für Lincoln noch weniger erholsam gewesen als die erste. Hämmernde Kopfschmerzen, die ihn stets dann heimsuchten, wenn ihn Sorgen plagten, hatten die viel zu langsam verstreichenden Stunden zur Hölle gemacht. Entsprechend schlecht war sein Befinden, als er nun am darauffolgenden Morgen im Kleinen Saal III des Justizpalastes saß und auf den Beginn der Anhörung wartete.
   Er mußte auf ungewohntem Terrain streiten, und das verunsicherte ihn. Lincoln war es gewohnt, Beweisführungen und Plädoyers so anzulegen, daß alle Geschworenen den Kern seiner Argumente begriffen. Er schälte in einfachen Worten das Wesentliche eines Falles heraus, benutzte leicht verständliche Analogien, verpackte Logik und Vernunft geschickt in locker eingestreute Scherze, mit denen er die Leute für sich gewann.
   Hier jedoch gab es keine Geschworenen. Und die amüsanten Bemerkungen, die er doch so liebte, würden ihm nur eine Zurechtweisung eintragen. Hinzu kam, daß die Atmosphäre des Gerichtssaals ihn bedrückte. Es handelte sich zwar um einen hellen Raum mit großen Fenstern, durch die man die Kronen der Palmen am Prinzenplatz sah; doch die weiß getünchten Wände und spartanischen, kantigen Deckenornamente in strengem griechischem Stil verbreiteten eine Kälte, die Lincoln so gar nicht behagte. Über dem Richtertisch sah er zwei Porträts. Zur Linken befand sich das Bild Friedrichs des Großen, der den Betrachter skeptisch und forschend anblickte; zur Rechten hing ein Porträt des regierenden Königs Friedrich Wilhelm IV. Letzterer erregte Lincolns Widerwillen, denn er wußte sehr wohl, daß dieser Herrscher vor einem Jahrzehnt auf seine eigenen Untertanen hatte schießen lassen, als ihm die Rufe nach mehr politischen Rechten zu laut geworden waren. Unter dem Bildnis dieses Monarchen Recht zu sprechen, erschien dem Anwalt wie ein schlechter Witz.
   Nur ein Umstand, fand Abraham Lincoln, begünstigte ihn heute: Sein Mandant war nicht anwesend. Jefferson Hope hatte die Furcht vor der Auslieferung so zugesetzt, daß er der Anhörung fernbleiben mußte. Das konnte Lincoln nur recht sein, denn einen Mandanten am Rande der Panik während einer Verhandlung im Zaum zu halten, war höchst aufreibend.
   Ihm gegenüber saß sein Kontrahent bei dieser Anhörung, Graham Forester aus Atlanta. Er repräsentierte die Art Jurist, die der Anwalt aus Illinois als die gefährlichste kennengelernt hatte – jung, ehrgeizig, intelligent und mit wenig Skrupeln belastet. Sie hatten bei der Begrüßung ein kurzes Gespräch geführt, und für Lincoln hatte danach festgestanden, daß er diesen Mann, auch wenn er wegen seiner Jugend unerfahren wirkte, auf gar keinen Fall unterschätzen durfte.
   Einige Zuschauer, insgesamt jedoch kaum mehr als ein Dutzend, saßen auf den Bänken. Die Anhörung war öffentlich, aber das Interesse hielt sich in Grenzen, da fast jede Woche über das Schicksal entflohener Sklaven befunden wurde, und das mit steigender Tendenz. Es waren auch zwei Journalisten anwesend, die vermutlich nicht der eher unbedeutende Anhörungstermin, sondern vielmehr der selbst in Preußisch-Karolina recht bekannte Name Abraham Lincoln angezogen hatte.
   Dann war es endlich soweit. Gleichzeitig mit den zehn-Uhr-Glockenschlägen von St. Michael öffnete sich eine Tür und Richter Johann Bredow betrat den Saal. Jedermann erhob sich und blieb stehen, bis der Bredow seinen Platz eingenommen hatte. Obgleich es dafür keinen Anlaß gab, hatte Lincoln instinktiv einen Greis mit harten, knochigen Zügen erwartet. Stattdessen ließ sich ein rundlicher Mann mit roten Pausbacken auf dem Richterstuhl nieder, und forderte die Anwesenden in einem beinahe heiteren Tonfall, der sich in dem streng gestalteten Raum wie ein Fremdkörper ausnahm, dazu auf, sich wieder zu setzen. Dann fuhr er fort:
   »Ich eröffne hiermit die Anhörung in der Angelegenheit Jefferson Hope vor dem Oberlandesgericht der Provinz Karolina am 10. März 1857. Nun, dann wollen wir doch mal anfangen. Mr. Forester, bitte.«
   Forester erhob sich hinter seinem Tisch und sagte: »Hohes Gericht! Ich beantrage, daß Jefferson Hope, der sich momentan in der Obhut der preußischen Justiz befindet, den Behörden des Staates Georgia übergeben wird, als deren bevollmächtigter Vertreter ich spreche. Bei meinem Antrag berufe ich mich auf Absatz 7 des Feldheim-Abkommens vom 17. September 1821, in dem die Bedingungen für die Auslieferung amerikanischer Staatsangehöriger festgelegt sind.«
   Der Bleistift des Stenographen eilte über das Papier und hielt Foresters Worte fest. Richter Bredow nickte kurz, dann bemerkte er: »Die von Ihnen angeführten Bestimmungen des Abkommens sehen vor, daß die betreffende Person sich in den Vereinigten Staaten strafbar gemacht hat. Welches Vergehen legen Sie Mr. Hope zur Last?«
   »Die bloße Tatsache, daß er sich von John O’Neills Plantage entfernt hat, Hohes Gericht.«
   Lincoln grinste hinter vorgehaltener Hand. Offensichtlich ist dieser Forester doch nicht so schlau, wie man ihm nachsagt, dachte er.
   Mit einem halb mitleidigen, halb ärgerlichen Gesichtsausdruck fixierte der Richter den Anwalt aus Georgia und entgegnete: »Mr. Forester! Sie sollten besser als jeder andere wissen, daß preußische Gerichte die Flucht aus Sklaverei nicht als Verbrechen im Sinne des Feldheim-Abkommens anerkennen.«
   »Dessen bin ich mir voll und ganz bewußt, Hohes Gericht«, erwiderte Forester, ohne im mindesten verunsichert zu wirken. »Und deshalb habe ich auch nicht vor, Jefferson Hope als Sklaven, das heißt als physisches Eigentum von John O’Neill zu betrachten. Es erscheint mir widersinnig, daß ein Mann sich selbst stehlen könnte. Mein Ansatz ist ein völlig anderer.«
   Forester legte eine kurze Kunstpause ein, doch Richter Bredow forderte ihn fast augenblicklich ungeduldig auf: »Fahren Sie fort!«
   »Selbstverständlich, Hohes Gericht. Jefferson Hopes Vergehen besteht darin, ohne Zustimmung ein verpflichtendes Dienstverhältnis einseitig aufgekündigt zu haben.«
   Lincoln, der instinktiv Schlimmes heraufziehen ahnte, sprang auf. »Ich möchte Einspruch erheben, Hohes Gericht!«
   Diesmal traf der strafende Blick des Richters Abraham Lincoln, und er mußte sich zurechtweisen lassen: »Mr. Lincoln, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich entsinnen würden, daß vor diesem Gericht andere Regeln gelten als bei Ihnen zu Hause. Warten Sie mit Ihren Einwendungen, bis ich Ihnen das Wort erteile.«
   »Ich würde sehr gerne den Einwand meines geschätzten Kollegen hören und dann darauf antworten, Hohes Gericht«, meinte Graham Forester.
   »Also schön. Mr. Lincoln, sprechen Sie.«
   Lincoln war sich nur zu gut der Tatsache bewußt, daß er sich soeben in ein äußerst schlechtes Licht gesetzt hatte. Daher gab er sich alle Mühe, so gemessen und würdevoll wie nur möglich fortzufahren. »Hohes Gericht, Mr. Forester möchte ganz offenbar die Sklaverei gleichsetzen mit anderen Arbeitsverhältnissen. Das ist, mit Verlaub, absurd. Arbeiter pflegen für ihre Dienste gemeinhin Lohn zu empfangen.«
   »Andererseits jedoch, Mr. Lincoln«, hielt Forester umgehend entgegen, »gibt es durchaus Beschäftigung, deren Gegenleistung ausschließlich aus Verpflegung und Unterkunft besteht. Und im Falle Jefferson Hopes wurden diese Leistungen unzweifelhaft erbracht.«
   »Sie betreiben Wortklauberei, verehrter Kollege, indem Sie nur andere Umschreibungen für Sklaverei zu bemühen versuchen. Doch wenn man einen Ochsen ein Schaf nennt, bekommt man noch lange keine Wolle. Der Charakter der Sklaverei definiert sich nicht in erster Linie durch die Form der Gegenleistung oder auch durch den Anspruch, einen Menschen physisch besitzen zu können.«
   »Sondern, verehrter Kollege Lincoln?«
   »Durch die Unfreiwilligkeit. Ein Sklave wird als Sklave geboren. Er hat somit keinerlei Chance, Einfluß darauf zu nehmen, für wen und unter welchen Bedingungen er arbeitet. Das, werter Kollege Forester, ist der grundlegende Unterschied zwischen Sklaverei und anderen Dienstverhältnissen!«
   Lincoln glaubte für einen Moment, mit diesem Argument Foresters Ansatz zunichte gemacht zu haben. Doch der junge Anwalt aus Atlanta lächelte undurchsichtig, als hätte er genau das erhoffte Stichwort erhalten. Dann sagte er: »Lassen Sie mich das wiederholen, Mr. Lincoln, damit ich sicher sein kann, Sie recht zu verstehen. Sie sind also der Ansicht, daß ein Sklave, der sich der Sklaverei entzieht, nicht strafbar macht wie beispielsweise ein Arbeiter, der unter Verletzung seines Kontrakts eigenmächtig die Fabrik verläßt. Und Sie begründen diese Überzeugung damit, daß der Arbeiter aus freiem Willen die seinem Dienstverhätnis zugrunde liegende bindende Übereinkunft eingeht, wohingegen dem Sklaven diese Wahl nicht bleibt?«
   »Ganz recht. Eine Dienstpflicht, zu welcher man durch die bloßen Umstände der eigenen Geburt gezwungen ist, einseitig aufzukündigen, ist kein Vergehen. Und ich bin mir sicher, daß man auch hier in Preußen diese Auffassung teilt.«
   Graham Forester legte die Fingerspitzen seiner Hände zusammen und fragte mit beunruhigender Gelassenheit: »Nun, verehrter Kollege, was wäre, wenn ich nachweise, daß auch nach preußischen Recht durchaus legale und somit bindende Dienstverpflichtungen bestehen, die sich für den Betroffenen alleine aus seiner Geburt ergeben?«
   »Falls Sie damit auf die Leibeigenschaft oder andere Formen bäuerlicher Erbuntertänigkeit anspielen, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß jene Einrichtungen in Preußen bereits vor Jahrzehnten aufgehoben wurden«, erwiderte Lincoln; er hatte nicht umsonst die lange Bahnfahrt zum Studium einschlägiger Literatur genutzt.
   Mit sanftem unterschwelligem Spott konterte Forester: »Ich danke Ihnen für diese Belehrung, Mr. Lincoln, wenn mir diese Tatsachen auch schon vertraut waren. Nein, ich beabsichtige vielmehr, auf ein Exempel auf heutiger Zeit zu verweisen.«
   »Das da wäre?« fragte Abraham Lincoln, der angesichts von Foresters Selbstgewißheit nichts Gutes ahnte.
   »Ein Preuße ist schon allein durch den Umstand, daß er als Sohn eines Preußen geboren wurde, zum Militärdienst verpflichtet. Er kann diesen Dienst nicht nach Belieben aufkündigen. Tut er es doch, begeht er Desertion und macht sich so auf eine Weise strafbar, die in diesem Lande streng geahndet wird. Das belegt zur Genüge, daß eine durch Geburt unausweichlich erworbene Dienstverpflichtung der preußischen Rechtsauffassung nicht unbekannt ist. Folglich muß das Hohe Gericht die unerlaubte Entfernung aus einem auf vergleichbarer Grundlage bestehenden Arbeitsverhältnis als eine Rechtsverletzung anerkennen, die hinreichend Anlaß zur Anwendung von Absatz 7 des Feldheim-Abkommens ist.«
   Wie von einem Theaterregisseur in Szene gesetzt, ertönte just in diesem Moment draußen eine Kavallerietrompete, und den Geräuschen von Pferdehufen auf Steinpflaster zogen die Spitzen von Ulanenlanzen mit ihren schwarz-weißen Fähnchen an den Fenstern vorüber. Das Zusammentreffen war reiner Zufall, doch es unterstrich Foresters Ausführungen höchst effektvoll.
   Lincoln wollte dieser Argumentation widersprechen, doch Richter Bredow kam ihm zuvor: »Ich unterbreche die Anhörung. Mr. Forester, Mr. Lincoln, wenn Sie mir bitte in den Nebenraum folgen wollen.«

Richter Bredow schloß die Tür des engen Beratungszimmers hinter sich und kam ohne Umschweife zur Sache: »Ich will offen sein, meine Herren. Meines Erachtens läßt sich Mr. Foresters Argumentation nicht widerlegen. Nach dem jetzigen Stand der Dinge müßte ich mich gezwungen sehen, dem Auslieferungsersuchen stattzugeben.«
   »Bei allem nötigen Respekt!« rief Lincoln entsetzt aus. »Das können Sie unmöglich ernst meinen, Sir! Dieser Vergleich von Militärdienst und Sklaverei ist doch im höchsten Maße lächerlich.«
   Der Richter schüttelte den Kopf und entgegnete düster: »Mr. Lincoln, Sie sind Amerikaner. Ihr Land kennt keine Wehrpflicht. Ich kann daher nicht erwarten, daß Sie verstehen, welchen Stellenwert sie für uns besitzt. Sie ist eines der grundlegenden Elemente und vielleicht sogar die einzige Existenzgarantie des preußischen Staates.«
   »Aber wenn Sie heute die Auslieferung Jefferson Hopes aufgrund von Mr. Foresters Argumenten anordnen, wird das unabsehbare Folgen haben. Künftig könnte jeder Sklavenhalter unter Berufung auf diese Entscheidung seine nach Karolina geflüchteten Sklaven zurückfordern, und er würde sie auch erhalten«, warnte Abraham Lincoln, der bei einem kurzen Seitenblick ein siegessicheres Lächeln auf Graham Foresters Lippen zu erahnen meinte.
   »Glauben Sie etwa, ich wüßte das nicht, Mr. Lincoln?« erwiderte Bredow und sah den Anwalt streng an. »Ich habe keinesfalls das Verlangen, einen derartigen Präzendenzfall zu schaffen. Aber ich befinde mich in einer schwierigen Situation. Weise ich Mr. Foresters Argumentation zurück, so bestreite ich zugleich, daß eine durch Geburt auferlegte Dienstpflicht nach preußischem Recht grundsätzlich zulässig ist. Das würde aber bedeuten, daß ich auch die Rechtmäßigkeit der Wehrpflicht in Frage stelle, was mir natürlich nicht zusteht. Doch wenn ich im umgekehrten Falle dem Ansinnen des Staates Georgia nachkomme, schaffe ich damit einen Präzedenzfall, der unseren Gesetzen Hohn spricht. Deshalb möchte ich Ihnen eine andere Lösung vorschlagen. Der Staat Georgia zieht sein Ersuchen zurück. Im Gegenzug wird Jefferson Hope verpflichtet, einen noch festzusetzenden Betrag zur Kompensation entgangener Arbeitsleistung an John O’Neill zu zahlen, und zwar in Raten, die nach der Höhe seines künftigen Verdienstes zu bestimmen sind. Würden Sie das begrüßen, meine Herren?«
   Nahezu gleichzeitig gaben beide Anwälte ein entschiedenes »Nein!« von sich. Für einen Moment blickten sie sich gegenseitig unschlüssig an, dann ließ Forester seinem Kollegen aus Illinois den Vortritt beim Sprechen.
   »Sir, eine solche Reglung kann ich unmöglich akzeptieren«, sagte Lincoln. »Ich erkenne darin nichts als einen Freikauf, der ja ein indirektes Eingeständnis der Zulässigkeit von Mr. Foresters Argumentation wäre. Mit einer solchen Entscheidung würde weder Jefferson Hope noch anderen entflohenen Sklaven je ein guter Dienst erwiesen.«
   Auch Forester wollte dem Kompromiß des Richters nicht zustimmen und erklärte: »Ich muß zu meinem Bedauern Ihren Vorschlag ebenfalls ablehnen. Es ist ja gerade meine erklärte Absicht, eine Präzedenzentscheidung zu erreichen. Eine Entscheidung, die bei kommenden Auslieferungsanträgen als verläßliche Vorlage herangezogen werden kann.«
   Bredow setzte sich auf einen der Stühle und stützte die Stirn in eine Hand. Einige Sekunden lang sagte er nichts, sondern dachte nur angestrengt nach. Die Anwälte wagten nicht, ihn zu stören. Dann schließlich sagte er, ohne die zwei Männer anzusehen: »Die Anhörung wird in einer Stunde fortgesetzt. Sollten Sie Ihre Meinung bis dahin ändern, lassen Sie es mich wissen.«

Schon war der größte Teil der Pause verstrichen, und noch immer war Lincoln keine rettende Eingebung gekommen, obwohl er sich das Hirn zermarterte. Wenn er aufschaute, erblickte er auf der anderen Seite des Gerichtssaals seinen Kontrahenten Forester im Gespräch mit einem bestens gelaunten Gentleman, der anhand von Kleidung und Auftreten unschwer als Südstaatler identifizierbar war. Mit seinem teuren weißen Anzug und dem sorgfältig geformten Bart nach Art Kaiser Napoleons III. sah er ganz so aus, wie man sich im Norden den typischen Baumwollpflanzer und Halter hunderter Sklaven vorstellte.
   »Verzeihung, Sir?«
   Lincoln drehte sich um. Neben ihm stand der schwarze Page des Hotels Belle-Alliance, in den Händen einen großen Briefumschlag.
   »Das hier kam gerade mit der Eilpost für Sie, Sir«, sagte der Junge. »Der Herr Receptionist meine, es könnte wichtig sein, deshalb soll ich es Ihnen überbringen.«
   »Danke, mein Kleiner«, murmelte Lincoln undeutlich, nahm den Brief entgegen und ließ den Pagen erst gehen, nachdem er ihm einen Nickel in die Hand gedrückt hatte.

Schau an, von Herndon, dachte Lincoln bei einem Blick auf den Absender. Er riß das feste braune Papier auf und zog einige bedruckte Papierbögen heraus: Der Urteilsspruch des Obersten Gerichtshofes im Fall Dred Scott.
   Zunächst wollte Abraham Lincoln einfach alles wieder in den Umschlag zurückstecken und später im Hotel lesen, da seine verfahrene Lage seine gesamte Aufmerksamkeit verlagte. Dann jedoch entschied er sich anders und überflog das Urteil wenigstens rasch.
   Plötzlich hielt er inne. Seine Augen waren an etwas hängengeblieben. Er las den Absatz noch einmal, dachte nach, ging dann Zeile um Zeile, Wort um Wort die entscheidenden Sätze durch. Seine kurz zuvor noch trübe Miene hellte sich zusehends auf.
   »Ha! Taney, der alte Sklavenhalter, ist in seinem Eifer über das Ziel hinausgeschossen!« entfuhr es ihm.
   Nur der einige Yards entfernt sitzende Gerichtsstenograph hörte die sinnlos scheinende Bemerkung. Aber er schaute nur kurz auf und wandte sich mit einem verständnislosen Schulterzucken wieder dem Anspitzen seiner Bleistifte zu.
    
   Deutlich mehr Zuhörer als vor der Pause hatten sich im Gerichtssaal eingefunden. Es hatte sich schnell herumgesprochen, daß diese Anhörung weitreichende Folgen haben könnte. Vornehmlich Schwarze aller Schichten, aber auch zahlreiche weiße Bürger von Friedrichsburg füllten nun die Bankreihen bis fast auf den letzten Sitz.
   Sowohl der Richter als auch die beiden Anwälte nahmen ihre Plätze ein. »Wir setzen die Anhörung fort«, gab Bredow mit einem finsteren Unterton bekannt. »Mr. Forester hat seinen Standpunkt vorgebracht. Möchten Sie darauf noch etwas erwidern, Mr. Lincoln?«
   Abraham Lincoln erhob sich. »Das möchte ich in der Tat, Hohes Gericht. Ich würde gerne, mit Ihrer Erlaubnis, meinem geschätzten Kollegen eine Frage stellen.«
   Mit einem knappen Nicken signalisierte Bredow Zustimmung, so daß Lincoln sich an Forester wenden konnte: »Wenn ich mich recht entsinne, werter Kollege, beabsichtigen Sie die Auslieferung Jefferson Hopes unter Berufung auf das Feldheim-Abkommen zu erreichen.«
   Vorsichtig, da er sich nicht erklären konnte, was Lincoln wohl vorhatte, antwortete Forester kurz: »So ist es.«
   »Ich danke Ihnen für diese Bestätigung. Nun, der entsprechende Abschnitt jenes Abkommens bezieht sich ausdrücklich und ausschließlich auf Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika ...« Lincoln nahm ein Blatt Papier vom Tisch und begann vorzulesen: »Wir befinden, daß Neger keine Staatsbürger sind und daß sie weder unter den Begriff Bürger in der Verfassung fallen, noch daß dies je beabsichtigt war.«
   »Was ist das für ein Humbug?« fragte Forester, der nun zum ersten Mal eine Gefühlsregung zeigte, ungehalten.
   Lincoln nahm die Reaktion des Anwalts zufrieden zur Kenntnis und hob das Blatt wie eine Trophäe in die Höhe. »Dieser Humbug, wie mein hochgeschätzter Kollege dieses Dokument zu nennen beliebt, ist ein vor vier Tagen ergangener Spruch des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten. Darin wird offiziell festgestellt, daß Schwarze unter keinen Umständen jemals amerikanische Bürger sein können. Gestatten Sie mir, Ihnen den Text vorzulegen, Hohes Gericht.«
   Forester sprang vom Stuhl auf und rief aufgebracht: »Ich erhebe Einspruch gegen diesen ... diesen Unsinn!«
   Bredow sah Graham Forester strafend an, woraufhin der Anwalt seinen Ausbruch sofort bereute und sich stumm wieder setzte. »Sie sollten wissen, welches Verhalten vor diesem Gericht erwartet wird«, wies ihn der Richter eisig zurecht und ließ sich dann den Urteilsspruch des Obersten Gerichts geben.
   »So sehr ich persönlich die Auffassung des Supreme Court mißbillige, bleibt davon doch die Tatsache unberührt, daß es sich um eine gültige, verbindliche rechtliche Feststellung handelt«, setzte Lincoln seine Ausführungen fort. »Da nun also Schwarze keine US-Bürger sind, und da des weiteren Jefferson Hope unbestritten ein Neger ist, können die Behörden des Staates Georgia auch nicht seine Auslieferung nach den Bestimmungen des Feldheim-Abkommens verlangen. Dies ist so eindeutig, daß sich jeglicher Kommentar meinerseits erübrigt.«
   Zustimmendes Gemurmel erfüllte den Saal, während Graham Forester das Gesicht in den Händen verbarg. Er wußte, daß er verloren hatte.
   Doch Lincoln war noch nicht fertig. Er hatte sich etwas zurechtgelegt, das er als krönenden Abschluß betrachtete und das er nun mit besonderer Sorgfalt vortrug: »Der vorsitzende Oberste Richter Roger B. Taney hat, wie ich hinzufügen möchte, im gleichen Urteil noch eine weitere wichtige Entscheidung gefällt, die ich wörtlich wiedergebe: Kein Sklave erlangt einen Anspruch auf Freiheit durch den Aufenthalt in einem sklavenfreien Bundesstaat oder Territorium der Vereinigten Staaten oder in irgendeinem anderen Lande. Kehrt ein Sklave nach einem solchen Aufenthalt an seinen vorherigen Heimatort zurück, so ist sein Status zwangsläufig derselbe, den er vor seiner Abwesenheit innehatte, entsprechend den Gesetzen des Ortes, an welchem er ursprünglich als Sklave lebte, nicht aber des Ortes, an dem er in der Zwischenzeit gelebt hat. Damit, Hohes Gericht, sagt Richter Taney zugleich, daß er jeden ehemaligen Sklaven, der nach seiner Flucht die preußische Staatsbürgerschaft erlangt hat, nach wie vor als Sklaven betrachtet, den man festnehmen und wieder in die Sklaverei führen muß, sobald er das Gebiet der Vereinigten Staaten betritt. Das heißt, Taney erkennt die Gültigkeit der preußischen Staatsbürgerschaft und somit die Souveränität Ihres Landes nicht an.«
   Das Blut schoß Johann Bredow in den Kopf und verfärbte sein Gesicht dunkelrot. Er schlug mit der flachen Hand so fest auf den Tisch, daß der Knall das empörte Stimmengewirr im Saal übertönte. »Dieser Beschluß ist eine bodenlose Unverschämtheit! Ich weise hiermit den Antrag auf Auslieferung Jefferson Hopes zurück und bestimme außerdem, daß bis auf weiteres keine Anträge dieser Art mehr zugelassen werden! Wenn der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten meint, das Königreich Preußen auf so unerhörte Weise beleidigen zu müssen, dann hat das Konsequenzen. Noch heute werde ich den Herrn Oberpräsidenten über diese Ungeheuerlichkeit informieren und ein Schreiben an das Außenministerium in Berlin verfassen. Die Sitzung ist geschlossen!«
   Graham Forester war an seinem Tisch völlig in sich zusammengesunken und brachte es nicht fertig den Kopf zu heben. Der weißgekleidete Gentleman, mit dem er kurz zuvor noch siegesgewiß gesprochen hatte, stand auf und verließ mit zornig zusammengezogenen Augenbrauen und großen Schritten den Saal.

Als Abraham Lincoln den Trakt mit den Gewahrsamszellen verließ, war er tief ergriffen. Er hatte Jefferson Hope die Nachricht überbracht, daß er die Peitsche seines früheren Herrn nun nicht mehr zu fürchten brauchte. Und der ehemalige Sklave hatte kein Wort herausgebracht; er war einfach nur mit feucht glänzenden Augen auf die Knie gesunken und hatte die Lippen zu einem stummen Gebet bewegt. Diesen Anblick, das wußte Lincoln genau, würde er seinen Lebtag nicht vergessen.
   Er trat aus der Enge des Korridors in das weite Treppenhaus und sah zu seiner Überraschung, daß dort Graham Forester auf ihn wartete. Obwohl er seine Niederlage inzwischen halbwegs überwunden zu haben schien, machte er einen sehr nervösen und angespannten Eindruck, als er Lincoln die Hand reichte und seinen Glückwunsch aussprach.
   »Ohne Zweifel, Mr. Lincoln, war das brillant. Verraten Sie mir, wie Sie Ihr Vorgehen so durchdacht vorausplanen konnten, wo Ihnen meine Absichten doch überhaupt nicht im Detail bekannt waren?«
   Lincoln war ernstlich versucht einzugestehen, daß nur ein günstiges und genaugenommen recht unwahrscheinliches Zusammentreffen zufälliger Umstände seinen Tag gerettet hatte. Doch er besann sich, setzte eine sphinxhafte Miene auf und erwiderte nur: »Bedauerlicherweise nicht, Sir. Das muß ich Ihnen leider vorenthalten, ganz so, wie auch ein Zauberkünstler die Geheimnisse seiner Kunst verschweigt.«
   »Folglich war Taneys Urteilsspruch sozusagen das weiße Kaninchen, das Sie aus dem Hut zogen, als das Publikum es am allerwenigsten erwartete«, meinte Forester, und für eine Sekunde streifte ein Lächeln über seinen Mund. Aber es verschwand sogleich wieder und wich einem Ausdruck der Besorgnis. Er schaute sich unruhig um, und erst als er sicher sein konnte, daß kein Unbefugter lauschte, sagte er leise: »Mr. Lincoln, reisen Sie heute abend noch ab, warten Sie nicht bis morgen. Nehmen Sie das Postschiff Elbing, das heute abend ablegt und direkt nach New York fährt. Vermeiden Sie unter allen Umständen, North Carolina und Virginia zu durchqueren. Unterschätzen Sie den Haß nicht, den Sie mit Ihrem heutigen Sieg auf sich ziehen.«
   Daß Forester nicht scherzte, dessen war Lincoln sich absolut sicher. Andererseits klang die Warnung zu sehr wie einem schlechten Melodram entsprungen, so daß es ihm schwer fiel, sie wirklich ernst zu nehmen.
   »Ich danke Ihnen für Ihren Rat«, entgegnete Lincoln nach einigen Momenten des Abwägens, »doch übermäßige Ängstlichkeit zählt nicht zu meinen Wesenszügen. Und falls ich mir heute Feinde gemacht haben sollte, dann werde ich ihnen gewiß nicht die Genugtuung verschaffen, mich aus reiner Furcht vor ihnen wie ein Dieb in der Nacht davonzuschleichen.«

* * *

Mit ungeduldigem Zischen entwich überschüssiger Dampf aus den Ventilen der Lokomotive, die den Mercury Flyer vom preußisch-amerikanischen Grenzbahnhof aus nordwärts ziehen sollte. Der Bahnhofsvorsteher ließ den Sekundenzeiger seiner Taschenuhr nicht aus den Augen, um dem Zug auch ja präzise den Befehl zur Abfahrt erteilen zu können. Die aus Friedrichsburg kommenden Fahrgäste hatten längst ihre reservierten Plätze eingenommen; nur ein auffallend großer Mann, der durch seinen hohen Zylinder noch riesenhafter wirkte, stand noch auf der Einstiegsplattform eines der Waggons.
   »Wenn Sie mir eine persönliche Bemerkung gestatten, Mr. Lincoln«, meinte Leutnant Pfeyfer, »dann möchte ich Sie meiner Bewunderung versichern. Sie haben gestern nicht nur hunderten oder gar tausenden künftiger entflohener Sklaven die Freiheit gesichert, Sie haben auch die Sklavenhalter mit ihrer eigenen Arroganz geschlagen. Ich wünschte, Sie wären Soldat, damit ich vor Ihnen salutieren könnte.«
   »Nun, ich war zwar während des Black-Hawk-Krieges Captain der Miliz, aber zu einem Soldaten hat mich das nicht wirklich gemacht. Meine einzigen Feinde damals waren die Stechmücken, mit denen ich mir jedoch einige äußerst blutige Gefechte lieferte«, erwiderte Abraham Lincoln schmunzelnd. »Sparen Sie sich daher Ihren Salut für diejenigen auf, denen er zukommt, und lassen Sie uns einfach mit einem zivilen Händedruck Abschied nehmen.«
   Der Leutnant ergriff Lincolns ausgestreckte Hand. »Leben Sie wohl, Mr. Lincoln. Und geben Sie auf sich acht. Ich fürchte, daß Sie sich mit Ihrer gestrigen Leistung nicht nur Freunde geschaffen haben.«
   Nachdem er sich von Wilhelm Pfeyfer verabschiedet hatte, ging Lincoln in das Innere des Waggons. Der Bahnhofsvorsteher hob die rote Signalfahne; die Lokomotive gab einen schrillen Pfiff von sich und stieß unter heftigem Schnaufen mächtige Wolken weißen Dampfes und schwarzen Qualms aus. Dann setzte sich die Wagenschlange des Mercury Flyers in Bewegung und rollte langsam aus dem Bahnhof.
   Abraham Lincoln hatte seinen Platz im nur spärlich besetzten Zug eingenommen und legte sich für die bevorstehende Fahr Bücher aus seiner Reisetasche zurecht. Er war froh, wieder nach Hause zurückzukehren. Karolina mochte eine interessante Erfahrung gewesen sein, doch um nichts in der Welt wollte er dort längere Zeit verbringen. Der Willkür eines Monarchen unterworfen zu sein, auch wenn sie durch eine Flut von Gesetzen gebändigt war, vertrug sich nicht mit seinen Auffassungen vom Wesen eines Staates und von den Rechten seiner Bürger. Daher empfand Lincoln auch aufrichtige Erleichterung, als am Fenster erst der schwarz-weiße preußische, dann der rot-weiß-blaue amerikanische Grenzpfahl vorbeizogen. Er war wieder daheim.

Ein frisch gefällter Baumstamm lag quer über den Bahnschienen. Die Strecke war an dieser Stelle schnurgerade, so daß der Lokführer das Hindernis rechtzeitig erkennen und den Zug zum Stillstand würde bringen können.
   Neben den Gleisen warteten gut zwei Dutzend Männer zu Pferde. Sie hatten sich Tücher vor die Gesichter gebunden, nur ihre grimmig blitzenden Augen waren unverdeckt. Sie waren mit Gewehren und Pistolen, aber auch mit Eisenstangen und Knüppeln bewaffnet.
   »Denken Sie daran, Gentlemen«, sagte einer der Maskierten, »daß dies unsere heilige Pflicht ist. Das Schicksal dieses elenden Yankees muß allen diesen verfluchten Niggerfreunden im Norden eine Lehre und eine deutliche Warnung sein!«
   In der Ferne ertönte die Pfeife einer Lokomotive. Die Schienen begannen unter leisem Klirren zu virbrieren.

© 2004 by Oliver Henkel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Erstveröffentlichung in
Oliver Henkel, Wechselwelten (Lübeck: Accra, 2004) Bestellen
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21.05.06 • 02.09.10