Die Nacht war
kalt. Einige der zwölf Männer, die auf dem schmalen, gewundenen Weg den Berghang
hinaufgingen, hatten nicht daran gedacht, ihre Mäntel mitzunehmen. Nun froren sie
erbärmlich in ihren dünnen Leinengewändern. Die spitzen Steine, mit denen der Pfad
übersät war, drückten unangenehm durch die Sohlen der Sandalen.
»Müssen wir denn unbedingt nach Getsemane, Rabbi?« fragte Petrus mit
unüberhörbarem Selbstmitleid den Mann neben ihm, der die kleine Gruppe anführte.
Jesus nickte. »Ich weiß schon, was ich tue.«
»Das bezweifle ich auch nicht, Rabbi«, versicherte Petrus eilig.
»Aber weißt du denn auch, warum du es tust?«
»Oh, Petrus!« Jesus lachte, zum ersten Mal an diesem Abend. »Du
fängst ja schon genauso an wie Lukas. Der fragt ja auch immer nach dem Wieso und Weshalb,
eben ganz wie ein Grieche. Vertrau mir einfach, ja?«
»Natürlich, Rabbi«, sagte Petrus. Und schon im nächsten Moment
mußte er sich auf die Zunge beißen, um nicht laut zu fluchen; er war im Dunkeln mit dem
Fuß gegen einen Felsbrocken gestoßen.Etwas weiter hinten in der Gruppe schlug Markus
sich im Gehen immer wieder die Arme um den Oberkörper. »Verdammt, ist das kalt«,
murmelte er.
»Hättest dir ja was zum Überziehen mitnehmen können, so wie ich«,
entgegnete Jakobus und hauchte sich in die steifen Finger.
»Konnte ich vorher wissen, daß der Rabbi nach dem Abendmahl
ausgerechnet das hier mit uns vorhaben würde? Das war nun wirklich nicht vorauszusehen.
Übrigens ... wo ist eigentlich Judas Ischariot?«
Jakobus zuckte mit den Schultern. »Nachdem er beim Essen mit dem
Meister gesprochen hatte und dann aus dem Zimmer gegangen war, habe ich ihn nicht mehr
gesehen. Wenn du mich fragst, er hat etwas von diesem nächtlichen Spaziergang geahnt und
drückt sich.«
»Da wird der Rabbi morgen aber gar nicht gut auf ihn zu sprechen
sein«, meinte Markus ärgerlich. Insgeheim jedoch beneidete er Judas, der jetzt ganz
bestimmt im Warmen saß, ein wenig.
* * *
»Zu dieser Stunde?« Kaiphas, der Hohepriester, blickte überrascht von seinen
Unterlagen auf. »Und was will er?«
»Das hat er mir nicht sagen wollen, Herr. Nur, daß er Euch sprechen
möchte«, antwortete der Diener.
Mürrisch winkte Kaiphas ab. »Dafür habe ich keine Zeit. Der Mann soll
sich an meinen Sekretär Meschach wenden. Und falls der schon schläft, soll er morgen
wiederkommen.«
»Ich habe bereits versucht, ihn fortzuschicken. Aber er läßt sich
einfach nicht abweisen, Herr. Er sagt, er müsse Euch persönlich etwas sehr Dringendes
mitteilen.«
Der Hohepriester seufzte leise. Als ob er sonst nichts zu tun gehabt
hätte! Vor ihm auf dem Schreibtisch türmten sich Papyri und Wachstafeln, die er
sorgfältig durchgehen, kontrollieren und gegenzeichnen mußte: Anweisungen für die
Vorbereitungen zu wichtigen Tempelritualen, der umfangreiche Schriftverkehr mit dem
römischen Statthalter Pilatus, detaillierte Befehle für die Tempelwachen. Und alles
mußte bis zum nächsten Tag erledigt werden. Es war dieselbe Sysiphusarbeit wie jedes
Jahr, wenn das Pessachfest anstand und zehntausende Juden aus aller Welt in Jerusalem
zusammenströmten.
Schließlich legte Kaiphas die Schreibfeder beiseite und sagte müde:
»Schön, führ ihn herein.«
Der Diener verneigte sich kurz und verschwand durch einen Vorhang aus
dem Arbeitszimmer. Erschöpft rieb sich der Hohepriester die brennenden Augen. Vielleicht,
ging es ihm durch den Kopf, hat Pilatus mir dieses Amt ja nur verliehen, um mich zu
quälen. Nächtelang beim trüben Licht einer rußenden, stinkenden Öllampe Akten
studieren zu müssen, das grenzt schon an Folter.
Der schwere Vorhang an der Tür bewegte sich, und gleich darauf kam der
Mann herein, der hartnäckig darauf bestanden hatte, empfangen zu werden. Kaiphas musterte
ihn und fand nicht, daß er wie jemand aussah, der in irgendeiner Weise bedeutend sein
könnte. Nur eines erschien dem Hohepriester auffällig: Im Schein der flackernden Lampe
glänzten kleine Schweißtropfen auf der Stirn des Fremden, obwohl die Nacht ziemlich
kühl war. Er schien sehr aufgeregt und unruhig zu sein, hatte sich aber auch genug unter
Kontrolle, um es zu verbergen.
»Schalom, Kaiphas, Hohepriester im Tempel des Herrn. Mein Name ist
Judas Ischariot«, stellte er sich vor und verbeugte sich.
»Schalom, Judas«, erwiderte Kaiphas den Gruß mit einem ungnädigen
Unterton. »Du hast also eine wichtige Mitteilung für mich? Nun, ich höre. Aber fasse
dich kurz.«
Judas zögerte kurz, als wäre er sich seiner Sache nicht völlig
sicher. Aber dann sagte er: »Ich kann Euch sagen, wo Ihr Jesus von Nazareth findet!«
Verstimmt runzelte Kaiphas die Stirn. »Wozu? Er wird ohnehin ganz
sicher bald wieder mit neuen Anmaßungen für Aufsehen sorgen. Festnehmen lassen kann ich
ihn sowieso nicht. Er ist ständig von Scharen leichtgläubiger Anhänger umgeben. Wenn er
vor den Augen dieser Leute verhaftet wird, gibt es einen Aufruhr. Deine Auskunft ist für
mich völlig nutzlos, Judas Ischariot. Und nun geh wieder.«
»Wartet!« entgegnete Judas schnell. »Ich weiß, wo man Jesus
festnehmen kann, ohne daß eine Volksmenge um ihn ist!«
»Ohne Volksmenge?« Kaiphas hob die dunklen Augenbrauen.
»Ja, ganz bestimmt! Er ist auf den Berg der Ölbäume gestiegen, um
heute Nacht in Getsemane zu beten. Und außer elf seiner engsten Gefolgsleute ist niemand
bei ihm.«
Augenblicklich verschwand der ärgerliche Ausdruck aus Kaiphas
Gesicht. Auf eine solche Gelegenheit hatte er schon lange gewartet. Dieser Jesus sorgte
durch seine angeblichen Wunder, seine dreisten Blasphemien und nicht zuletzt durch seine
öffentlich geäußerten Zweifel an der Autorität der Priesterschaft für gefährliche
Unruhe. Ein solcher Mann mußte beseitigt werden, schon alleine zur Abschreckung
ähnlicher Aufrührer und selbsternannter Propheten. Doch dazu, das wußte Kaiphas ganz
genau, war er auf die Hilfe der Römer angewiesen. Nur wenn hinter der Verhaftung und der
Hinrichtung die Macht Roms stand, würde das alle Wirrköpfe und Nachahmer dauerhaft
einschüchtern.
»In Getsemane, auf dem Berg der Ölbäume, sagst du?« Der Hohepriester
tauchte den Federkiel in das Tintenfaß und schrieb schnell einige Zeilen auf ein Blatt
Papyrus. »Sehr gut. Ich werde den diensthabenden Hauptmann der Tempelpolizei mit zwanzig,
nein, besser mit dreißig Mann dorthin schicken.«
Kaiphas streute ein wenig feinen Sand auf die feuchte Tinte und las sich
noch einmal die knappe Mitteilung durch, mit der er die Römer um Hilfe bat; wenn auch nur
ein einziger Offizier des Kaisers bei der Verhaftung anwesend war, würde das der gesamten
Aktion viel größeres Gewicht verleihen.
»Du gehst auch nach Getsemane, Judas Ischariot«, befahl der
Hohepriester, während er darauf wartete, daß die Tinte trocknete.
Als er das hörte, zuckte Judas zusammen. »Vergebt mir, aber ...«
»Kein aber!« schnitt Kaiphas ihm das Wort ab. »Mir scheint, daß du
Jesus sehr gut kennst. Kein Zweifel, du bist einer seiner Anhänger. Mich interessiert
nicht, wieso du dich von ihm wieder abgewandt hast und ihn jetzt verrätst, das ist mir
ganz gleich. Wichtig ist, daß du weißt, wie er aussieht. Du wirst ihn identifizieren,
damit meine Männer auch den Richtigen verhaften. Wenn sie ihn wirklich ergreifen, zahlt
dir der Hauptmann auf der Stelle dreißig Tetradrachmen aus, den üblichen Lohn für
solche Auskünfte. Falls du mich aber belogen hast, und Jesus nicht in Getsemane
ist ...«
Statt den Satz zu beenden, sah der Hohepriester dem vor Angst
schwitzenden Judas nur warnend in die Augen; dann schüttelte er den Sand vom Papyrus.
* * *
Lukas wischte Jesus mit einem Tuch die Stirn ab. Selbst im unsteten Schein der
Pechfackel konnte er deutlich erkennen, daß der weiße Stoff sich rot färbte.
»Aímaithrótas«, flüsterte Lukas besorgt. »Blutschweiß.
Das ist ein sehr beunruhigendes Zeichen, Rabbi. Ich habe das bisher nur bei Verurteilten
erlebt, die voller Todesangst ihrer Hinrichtung entgegensahen. Meine Diagnose ist, daß
dieser Ort dein Gemüt bedrückt. Wir sollten ihn daher schnellstens wieder verlassen.«
»Ich habe Angst, aber das hat nichts mit dem Ort hier zu tun«,
erwiderte Jesus. Seine Stimme klang heiser und angespannt. »Ich weiß, daß ich schon
sehr bald einen bitteren Kelch leeren muß. Aber nur ein Teil von mir schwitzt aus Furcht
davor Blut und Wasser. Der andere Teil ist sich bewußt, daß alles so kommt, wie es
vorausbestimmt ist.«
Lukas steckte das verfärbte Tuch unter seinen Gürtel und meinte mit
verständnislosem Kopfschütteln: »Rabbi, als Arzt muß ich darauf bestehen ...«
Doch Jesus ließ ihn nicht weiterreden »Mein guter Lukas«, entgegnete
er, als er wieder zum Beten niederkniete, »geh einfach zurück zu den anderen und warte
ab, was passiert. Und versucht diesmal wenigstens, nicht wieder einzuschlafen, ja?«
Glücklich war Lukas über die Uneinsichtigkeit des Meisters nicht. Doch
wieso sollte ein Prophet anders auf wohlgemeinte ärztliche Ratschläge reagieren als alle
übrigen Patienten? Außerdem spürte er, daß es falsch war, Jesus umstimmen zu wollen.
Also fügte er sich und ging mit der Fackel in der Hand hinüber zu den Anhängern des
Rabbi, die unter verwachsenen Olivenbäumen im struppigen Gras saßen und warteten, ohne
zu wissen worauf. Alle starrten Lukas fragend an, und er legte sich in Gedanken bereits
die Worte zurecht, mit denen er seinen Gefährten erklären wollte, daß sich der Meister
weiterhin rätselhaft verhielt. Doch dazu kam er nicht mehr. Plötzlich tauchten um sie
herum Männer aus der Nacht auf; Tempelpolizisten und eine Handvoll römischer Soldaten
hatten den kleinen Olivenhain von allen Seiten umstellt.
»Ja, das ist er«, bestätigte Judas dem Hauptmann und dem römischen Optio,
als zwei Tempelpolizisten Jesus brachten, der völlig ruhig war und keine Anstalten
machte, sich der Festnahme zu widersetzen.
Der Hauptmann grinste zufrieden. »Na also, wer sagts denn! Das
lief ja wie am Schnürchen. Los, fesselt ihm die Hände!«
»Und was soll mit denen da passieren?« fragte der Römer, wobei er auf
die ängstlich am Boden kauernden, leichenblassen Anhänger des verhafteten Aufrührers
zeigte.
»Die sollen mir aus den Augen gehen. Mein Befehl lautet nur, Jesus von
Nazareth dingfest zu machen. Von seinen Spießgesellen war nicht die Rede.« Auf einen
Wink des Hauptmanns scheuchten die Polizisten die Männer auf und jagten sie fort. Wer
nicht schnell genug davonlief, den trieben sie unter lautem Lachen mit den Holzschäften
ihrer Lanzen an. Nur Augenblicke später waren die Elf in alle Himmelsrichtungen
weggerannt und die Nacht hatte sie verschluckt.
Mit dem gefesselten Jesus in der Mitte formierten sich Tempelpolizisten
und römische Soldaten zu einer Kolonne und machten sich bereit zum Rückmarsch nach
Jerusalem. Der Hauptmann löste einen schweren Lederbeutel von seinem Gürtel und sagte zu
Judas Ischariot: »Du hast dir die dreißig Tetradrachmen verdient. Hier, dein Lohn.«
Judas streckte die Hand aus und wollte den Geldbeutel ergreifen; doch
dann zögerte er.
»Nein!« erwiderte er und zog die Hand abrupt zurück. »Ich will Euer
Geld nicht.«
»Ach, nun stell dich bloß nicht so an! Du kannst nicht mehr
rausschinden, gib dir keine Mühe. Hier, nimm!« Der Hauptmann dürckte ihm die Belohnung
in die Hand, doch Judas warf den Beutel auf den Boden, rannte davon und verschwand
zwischen den Olivenbäumen in der Dunkelheit.
Verwirrt schaute der römische Optio ihm nach. »Das
versteh einer.«
»Pah, laßt ihn«, meinte der Hauptmann ungerührt und hob den
Geldbeutel wieder auf. »Wen kümmern schon die Launen eines schäbigen kleinen
Denunzianten?«
* * *
Pilatus Stimmung war schlecht. Er hatte kaum Schlaf gefunden, weil seine Frau
Claudia Procula sich die ganze Nacht unruhig im Bett hin- und hergewälzt hatte. Und nun
mußte er sich auch noch in aller Frühe mit Rechtsfragen herumschlagen. Er wußte schon,
wieso er dieses von allen Göttern vergessene, staubige Land voller Verrückter
verabscheute; diese widerlichste Provinz des Imperiums, wo man als Statthalter absolut
nichts vollbringen konnte, woran sich später auch nur ein einziger Mensch erinnern
würde.
»Ist das alles?« fragte er gereizt die Delegation des jüdischen Hohen
Rates, angeführt von Kaiphas und dessen Schwiegervater, dem immer noch einflußreichen
ehemaligen Hohepriester Hannas. Neben ihnen stand der Gefangene, an den Händen mit einem
groben Strick gefesselt und von zwei Legionären bewacht. Der Schreiber und Dolmetscher,
der sich ein wenig abseits hielt, hatte noch nichts zu tun, denn der Präfekt und die
Angehörigen des Hohen Rates sprachen Griechisch miteinander.
»Jetzt hört mir einmal gut zu, Kaiphas«, sagte Pilatus zum
Hohepriester. »Ich würde diesen Jesus nur zu gerne zum Tode verurteilen. Er ist ein
Unruhestifter, keine Frage. Und Rom mag keine Unruhestifter. Aber von Euren
Anschuldigungen reicht nichts für eine Anklage nach römischem Recht aus. Die
Gotteslästerung zählt schon mal überhaupt nicht, und daß er den Tempel in drei Tagen
einreißen und wieder aufbauen will ... damit greift er Eure Autorität an, Kaiphas, ja.
Aber so, wie er es sagt, klingt es doch eher nach den Phantastereien eines Irren. Wollte
ich jeden Irren in diesem Land kreuzigen lassen, würden die Wälder des Libanon nicht
für die notwendigen Kreuze ausreichen. Also, falls Ihr nichts Eindeutigeres gegen Jesus
vorzubringen habt, kann ich ihn bestenfalls auspeitschen und dann laufen lassen.«
»Wenn Ihr ihn freilaßt, Präfekt«, sagte der Hohepriester, »zieht
Ihr den Zorn des Kaisers auf Euch! Dieser Mann hat nämlich bei der Vernehmung vor dem
Hohen Rat auch behauptet, ein Messias zu sein. Und damit maßt er sich die Königswürde
an!«
Pilatus horchte auf. »Königswürde? Rom bestimmt, wer König sein
darf! Wenn das wahr ist, kann ich diesen Jesus wegen Rebellion und Hochverrats ans Kreuz
schicken.«
Er wandte sich dem Gefangenen zu und sagte: »Schreiber, für das
Protokoll: Der Angeklagte soll mir seinen Namen nennen.«
Gerade wollte der Schreiber die Worte des Präfekten ins Aramäische
übersetzen, da antwortete Jesus: »Ego eimi Iesous Nazarenos.«
Erstaunt runzelte Pilatus die Augenbrauen. »Du sprichst Griechisch?«
»Ein wenig«, erwiderte Jesus mit dem selben schweren Zungenschlag, der
auch für seinen breiten galiläischen Dialekt typisch war.
»Gut, das macht die Sache noch einfacher. Bist du der König der
Juden?«
Ohne lange nachdenken zu müssen, als hätte er die Antwort auf diese
Frage schon seit Ewigkeiten vorbereitet gehabt, entgegnete Jesus: »Du sagst
es.«
Pilatus ignorierte die feine Betonung auf dem du, die weder ihm
noch den Ratsmitgliedern entgangen war. Stattdessen nickte er und befand: »Das ist eine
eindeutige Verletzung der lex iulia maiestatis. Damit hast du dich selber ans
Kreuz gebracht!«
Nichts in Jesus Gesicht ließ auch nur andeutungsweise Furcht oder
Erschrecken erkennen; er blieb vollkommen gelassen. Alles geschah, wie es mußte und wie
es schon von Anfang an feststand. Und trotzdem merkte Jesus, wie ihn ein seltsames Gefühl
beschlich ... als ob irgendetwas sich nicht dem vorausbestimmten Gang der Dinge fügen
wollte ...
Aber das war natürlich überhaupt nicht möglich.
* * *
Die ganze Nacht war Judas ziellos umhergeirrt, erst durch die Felder außerhalb der
Stadt, dann in den Gassen Jerusalems. Wie konnte ich nur den Rabbi verraten?
hämmerte es ständig in seinem Hirn. Er war nicht er selber gewesen; ein innerer Zwang,
stärker als sein Wille, hatte ihn dazu gebracht, zu Kaiphas zu gehen. Aber wie konnte so
etwas nur möglich sein?
Ohne seine Umgebung wahrzunehmen, wankte er eine schmale Straße hinauf,
die von der massigen Burg Antonia überragt wurde. Die ersten Sonnenstrahlen ließen die
riesigen glatten Steinquader der römischen Zitadelle in einem warmen Honiggelb schimmern.
Am Rand des menschenleeren Platzes vor dem Haupttor der Festung mußte
Judas sich gegen eine Hauswand lehnen; ihm war so schwindlig, daß er kaum noch aufrecht
stehen konnte.
Wie hat Lukas mal erzählt? blitzte es in seinem Kopf auf. Er meinte, daß
nach allem was die Medizin weiß, manchmal Dämonen vorübergehend vom Geist eines
Menschen Besitz ergreifen ... ja, das ist es! Nicht ich war es, ein Dämon hat mich zu
diesem Verrat getrieben!
Doch die Gewißheit, daß er nur ein Werkzeug gewesen war, vertrieb
Judas quälende Schuldgefühle nicht. Sein Meister befand sich in der Gewalt des
Hohen Rates, und sicher hatten die Tempelpriester keine Zeit verloren und ihn bereits den
Römern übergeben. Wenn kein Wunder geschah, war Jesus verloren.
So verzweifelt und verstört war Judas, daß er nicht einmal bemerkte,
wie hinter ihm eine kleine Abteilung übernächtigter römischer Legionäre mit vollem
Marschgepäck auf das Tor der Festung zumarschierte, obwohl die mit Nägeln beschlagenen
Sohlen ihrer Soldatenstiefel im Stakkato auf das Pflaster krachten und ihre Waffen
metallisch klirrten. Und er bemerkte ebenfalls nicht, daß der Offizier sich von der
Kolonne gelöst hatte und sich ihm näherte.
Judas blieb fast das Herz stehen, als ihm plötzlich jemand von hinten
eine Hand auf die Schulter legte. Er fuhr herum und blickte einem römischen Centurio ins
staubbedeckte Gesicht.
Das wars, dachte er, noch bevor der Römer auch nur ein Wort gesagt
hatte, jetzt bin ich auch dran.
Doch der Offizier verhaftete ihn nicht. »Ich kenne dich!« sagte er
gutgelaunt in unbeholfenem Griechisch. »Du bist doch einer von den Leuten, die mit Jesus
von Nazareth umherziehen. Erinnerst du dich an mich?«
Nun erkannte Judas, wer da vor ihm stand: Der Centurio aus Kapernaum,
dessen schwerkranken Sohn der Rabbi einige Wochen zuvor geheilt hatte.
»Ja«, antwortete Judas erleichtert, »und ich hoffe, daß es deinem
Sohn gut geht. Aber ich habe leider deinen Namen vergessen.«
»Das macht nichts. Ich bin Petronius Longinus ... und du heißt Judas
Ischariot, wenn ich mich richtig erinnere. So eine Überraschung! Wenn du hier bist, ist
Jesus doch sicher auch in Jerusalem, oder? Wo finde ich ihn? Ich würde ihm gerne noch
einmal danken und mehr über seine Lehren erfahren.«
Judas Miene verdüsterte sich. Schon wollte er dem Römer sagen,
was Furchtbares passiert war und daß es für den Meister keine Hoffnung mehr gab. Doch
dann wurde ihm klar, daß dies das Wunder war, das Jesus vor dem Tod bewahren konnte! Und
er hatte auch schon eine Idee, wie er es nutzen würde. Aufgeregt faßte er den Centurio
an den Armen und sagte:
»Dich hat der Allmächtige geschickt! Der Rabbi ist in großer Gefahr,
aber du kannst ihn vielleicht retten! Hör mir zu, du mußt Folgendes tun ...«
* * *
Vor dem Portal des Herodespalastes, Pilatus Residenz während seiner Aufenthalte
in Jerusalem, trennte eine Doppelreihe Legionäre die Menschenmenge von dem Marmorpodest,
das der Präfekt eben betreten hatte. Er setzte sich auf den Richterstuhl, einen kaum
verzierten bronzenen Faltsessel; hinter ihm nahmen zwei Liktoren in weißen Togen ihre
Plätze ein. Sie hatten ihre fasces geschultert, die Rutenbündel mit dem Beil,
Symbole der Amtsgewalt des Statthalters. Dann führten Soldaten zwei Gefangene auf das
Podium. Einer hatte brutale Gesichtszüge und sah ständig gehetzt um sich, der andere
hingegen wirkte völlig gelassen.
Am Rande des Platzes stand Judas Ischariot hinter einer Säule und
beobachtete alles. Er wäre am liebsten sofort nach vorne gelaufen, um den Meister um
Vergebung zu bitten; doch das wäre eine große Dummheit gewesen, die keinem geholfen
hätte. Also blieb er, wo er war, wischte sich die feuchten Hände an seinem Umhang ab und
betete still.
Im Innenhof des Herodespalastes ging Kaiphas nervös auf und ab. Obwohl
er ganz genau wußte, daß Jesus Ende schon besiegelt war, hatte er ein schlechtes
Gefühl. Ein sehr schlechtes Gefühl.
Pilatus ließ den Blick über die unruhige, wogende Menge schweifen. Er
hatte erwartet, daß an diesem Morgen der Pöbel vor dem Palast zusammenströmen würde.
Immerhin war schon seit Tagen überall bekannt, daß er heute öffentlich das Urteil über
Jesus Bar-Abbas sprach. Natürlich war dieser Bar-Abbas Abschaum; ein gewöhnlicher
Mörder und Straßenräuber, der sich das Mäntelchen des Kampfes gegen Rom umgehängt
hatte. Aber er würde Pilatus sehr nützlich sein. Vor hohen Festtagen war die Stimmung in
Jerusalem immer sehr aufgeheizt, und es war schon öfters zu Unruhen gekommen, angestiftet
von Fanatikern. Diesmal jedoch hatte der Zufall dem Statthalter das ideale Mittel
beschert, die Wogen auf elegante Weise zumindest ein wenig zu glätten und den Aufrührern
den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Mit lauter, fester Stimme begann Pilatus zu sprechen: »Im Namen Roms!
Diese beiden Männer haben schwere Verbrechen begangen. Jesus Bar-Abbas ist schuldig des
bewaffneten Widerstandes gegen die römische Herrschaft, des Mordes an einem Soldaten des
Kaisers und des Raubs. Der andere, Jesus von Nazareth, hat sich Königswürden angemaßt
und ist daher ein Hochverräter. Beide haben sich somit todeswürdiger Vergehen schuldig
gemacht!«
Einige Pfiffe und Schmährufe gegen den Präfekten kamen aus der Menge,
doch angesichts der Legionäre, die ihre Hände nicht von den Griffen ihrer Schwerter
ließen, beschränkten die meisten der Zuschauer sich auf eine demonstrativ zur Schau
getragene zornige Miene oder ein unzufriedenes Murmeln. Pilatus fuhr fort:
»Als Statthalter des gnädigen Kaisers Tiberius steht mir das Recht zu,
vor der Verkündung des Urteilsspruches das Volk zu befragen und dann, falls es mir
beliebt, zu entscheiden, ob ich einen der Gefangenen begnadige. Also, falls es mir
gefällt, einen dieser beiden Männer freizugeben, welcher sollte es sein? Jesus Bar-Abbas
oder Jesus von Nazareth?«
Pilatus wußte, daß er mit dieser Frage kein Risiko einging. Die Leute,
die sich vor dem Palast drängten, waren zweifellos wegen Bar-Abbas gekommen; jeder, der
einen römischen Soldaten umbrachte, genoß automatisch eine gewisse Popularität beim
gemeinen Volk. Die Anhänger des Jesus von Nazareth hingegen waren ganz sicher noch in
alle Winde verstreut und versteckten sich ängstlich. Jesus Bar-Abbas Freilassung
würde die Plebs über die Festtage ruhigstellen und gleichzeitig dafür sorgen, daß
niemand auch nur einen Gedanken an den an den anderen Jesus verschwendete. Natürlich war
Bar-Abbas ein übler Krimineller, doch die wirkliche Gefahr ging von Männern wie diesem
Nazarener aus.
»Bar-Abbas!« hallte es dem Statthalter vielstimmig entgegen.
Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte den Mund des Präfekten. Aber
gerade, als er Bar-Abbas Freilassung und das Urteil über Jesus von Nazareth
verkünden wollte, kam einer seiner Adjutanten atemlos auf das Podium gelaufen.
»Wartet, Präfekt!« sagte er. »Ich habe eine Botschaft von Eurer
Gattin!«
Der Soldat überreichte dem Statthalter ein Wachstäfelchen. Pilatus
überflog rasch die eingeritzten Zeilen. Claudia Procula bat ihn, den Wanderprediger Jesus
nicht zum Tode zu verurteilen. Sie habe in der Nacht Alpträume gehabt, die sie nun für
ein böses Omen hielt.
Unfug, dachte Pilatus und gab die Tafel ohne Kommentar zurück.
»Präfekt, da ist noch etwas«, fügte der Adjutant hinzu. »Ein
Centurio wartet im Hof. Er besteht darauf, Euch zu sprechen, ehe Ihr die Urteile
verkündet.«
»Schön, dann bring ihn her. Aber beeil dich, ich habe nicht ewig
Zeit«, knurrte Pilatus mißmutig.
Der Adjutant eilte wieder in den Palast, und gleich darauf kam der
Centurio auf das Podium, gefolgt vom argwöhnisch dreinblickenden Hohepriester Kaiphas.
Der Statthalter erwiderte den Gruß des Offiziers und fragte ihn dann ohne lange Vorrede:
»Wer bist du und was willst du?«
»Ich bin Centurio Petronius Longinus Tertius, Präfekt, und ich diene
Rom seit sechsunddreißig Jahren als Soldat. Ich bitte Euch, kein Todesurteil über Jesus
von Nazareth auszusprechen.«
Pilatus verzog das Gesicht. »Warum? Kannst du irgendetwas zu seinen
Gunsten vorbringen?«
Obwohl Jesus nicht verstand, was die beiden Römer auf Latein
miteinander sprachen, wurde er nervös. Er spürte, daß sich die Dinge in die falsche
Richtung entwickelten, und zwar ganz erheblich. Doch wie konnte das nur möglich sein?
»Er ist mein Sohn, und als römischer Bürger hat er das Recht, sich
vor dem Kaiser zu verantworten«, sagte der Centurio.
»Dein Sohn?« entgegnete Pilatus ungläubig. »Nach den Informationen
die mir vorliegen, war seine Mutter bei seiner Geburt nicht verheiratet. Er ist also
höchstens dein unehelicher Sohn, und damit besitzt er auch nicht das römische
Bürgerrecht.«
Erst atmete der Centurio kurz durch, dann sagte er: »Präfekt, wir
waren verheiratet. Wir hatten die coemptio vollzogen.«
Pilatus rümpfte die Nase. Die coemptio war ein plebeisches
Hochzeitsritual, bei dem sich die beiden Ehepartner symbolisch gegenseitig voneinander
kauften. Aber eine so geschlossene Ehe war nach römischem Recht gültig.
»Glaubt ihm nicht!« rief Kaiphas aufgebracht aus. »Er lügt, ich sehe
es ihm an! Ihr müßt Jesus von Nazareth hinrichten!«
Doch Pilatus fixierte den Hohepriester mit einem drohenden Blick. »Ihr
wollt mir sagen, was ich zu tun habe, Kaiphas? Ihr zweifelt meine Autorität an? Paßt
auf, was Ihr sagt ... oder Ihr seid der Nächste, der am Kreuz hängt!«
Kaiphas wurde blaß und trat rasch einen Schritt zurück. Dann wandte
sich der Statthalter den beiden Gefangenen zu, zeigte auf Bar-Abbas und verkündete: »Abi
in crucem ab ans Kreuz mit dir!« Während die Soldaten den laut schreienden
Verurteilen vom Podium hinunterzerrten, wandte der Präfekt sich an den verwirrten Jesus:
»Jesus von Nazareth, Sohn des Petronius Longinus Tertius! Du wirst nach Rom gebracht, wo
man dich vor ein Gericht des Kaisers stellen wird!«
»Nein!« schrie Jesus auf. »Präfekt, du machst einen Fehler! Du mußt
mich kreuzigen lassen! Hörst du nicht, kreuzigen!«
Unter dem zornigen Brüllen der Volksmenge, die sich wegen
Bar-Abbas Verurteilung in rasende Wut hineinsteigerte, wurde der hilflos um seine
Kreuzigung flehende Jesus von Nazareth fortgebracht. Als Judas das sah, atmete er auf.
Sein Plan hatte funktioniert. Und in Rom, da war er sich ganz sicher, würde man Jesus
nicht zum Tode verurteilen. Er hatte seinen Verrat wieder gutgemacht und das Leben des
Meisters gerettet. Voller Erleichterung verließ Judas seinen Platz hinter der Säule und
verschwand zwischen den Menschen.
Pontius Pilatus stieg vom Richterpodium. »Zerstreut mir den lärmenden
Pöbel da draußen«, befahl er dem diensthabenden Offizier der Garnison, »und schlagt
mir diesen Bar-Abbas ans Kreuz.« Dann ging er in den Palast zurück. Es war schon
Vormittag, und er hatte noch nicht gefrühstückt.
© 2004 by Oliver Henkel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
 
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