Meine Frau
schichtete die eckigen Tomaten auf der Küchenablage zu einer kleinen Mauer auf, ohne mich
eines Blickes zu würdigen. Nur ihre kalte Schulter schaute mich wütend an.
Ich seufzte innerlich. Wieso musste meine Frau ständig so dickköpfig
sein?
»Bitte, Lisa, sei vernünftig. Du weißt doch, wie lange sich unsere
Tochter schon einen Kaliger wünscht.«
Meine Frau drehte sich ruckartig zu mir herum. »Und wie lange wünsche
ich mir schon einen Haushaltsroboter? Die ganze Zeit über stehe ich am Herd und koche
für euch. Glaubst du nicht, dass ich auch mal etwas Zeit für mich nötig hätte?«
Die ganze Zeit ist vielleicht etwas übertrieben, dachte ich. Das meiste
Essen kam vorgekocht aus den selbsterhitzenden Alupackungen, und um das zuzubereiten,
brauchte sie nun wirklich keinen Haushaltsroboter. Außerdem war so ein Roboter
unverschämt teuer.
»Wenn wir das Geld für einen Haushaltsroboter übrig hätten, hätte
ich ihn dir schon längst gekauft«, versuchte ich noch einmal die Wogen zu glätten.
Leider erreichte ich genau das Gegenteil.
»Und du meinst, so ein genetisch erzeugtes Kuscheltier ist
günstiger?«
»Bob könnte ihn mir zum Herstellungspreis besorgen«, antwortete ich
vorsichtig.
»Bob? Doch nicht etwa der Bob, mit dem du dich regelmäßig im Internet
triffst, um diese albernen Machospiele zu spielen?«
»Es sind keine albernen Machospiele«, widersprach ich ärgerlich.
Meine Frau sah mich spöttisch an.
»Wie soll ich es denn nennen, wenn sich erwachsene Männer
schwachsinnige Phantasienamen geben und sich in einem virtuellen Labyrinth mit immer
größeren Waffen gegenseitig umbringen? Für mich ist das albern!« Meine Frau drückte
mir eine rechteckige Schlangengurke und drei Schälchen in die Hand. »Hier, mach dich mal
nützlich.«
Ich verteilte die Schälchen auf dem Tisch und nahm aus dem Regal ein
Holzbrettchen, auf das ich die Gurke legte.
»Bob arbeitet in der Forschungsabteilung von GenEtics«, erklärte ich,
während ich an dem Faden zog, der aus der Schale der Gurke ragte. Die Schale löste sich,
und die Gurke zerfiel in fertig vorportionierte Stückchen, die ich auf die Schälchen
verteilte. »Er meint, so teuer würde uns ein Kaliger gar nicht kommen. Ich werde nach
dem Essen zu ihm in die Forschungsabteilung fahren und mir seine Tiere mal selbst
anschauen. Vielleicht bringe ich dann schon einen Kaliger mit.« Ich hob eines der
Schälchen und schnupperte an der Gurke. »Was für ein Dressingaroma hast du bestellt?
French?«
»Kräuter.«
Ich rümpfte die Nase. »Es riecht aber nach French. Du weißt, dass ich
kein French mag.«
Lisa ging zum Kühlschrank hinüber und ließ sich auf dem Bildschirm in
der Tür die bestellte Ware auflisten.
»Der Kühlschrank hat Kräuterdressinggurken bestellt, wie ich es ihm
eingegeben habe«, sagte sie.
»Dann hat der Internetbringdienst schon wieder die Ware vertauscht«,
brummte ich und schob das Schälchen mit den Gurkenstücken weit von mir.
Lisa nahm drei verschweißte Aluschälchen aus dem Schrank und riss die
Deckel auf. Als die Mikroben im Essen mit dem Sauerstoff in Berührung kamen, erhitzten
sie sich, und in der Küche verbreitete sich der Duft von Gulasch und Reibeplätzchen.
»Ich verstehe nicht, dass du so versessen darauf bist, unserer Tochter
einen Kaliger zu kaufen. Das ist doch wieder nur so eine Modeerscheinung, wie damals diese
flauschigen Igel. Nächstes Jahr bringen diese Gen-Jongleure wieder ein neues Haustier auf
den Markt, und dann kann ich mich um den Kaliger kümmern.« Lisa verteilte die
Aluschälchen mit unserem Mittagessen auf dem Tisch.
»Nadine hat mir erzählt, dass alle ihre Freundinnen bereits ihren
eigenen Kaliger haben«, antwortete ich.
»Na und? In meiner Jugend spielten wir mit Puppen und nicht mit
irgendwelchen genmanipulierten Haustieren, und wir waren auch glücklich.«
»Das ist lange her. Die Zeiten ändern sich eben.«
»So lange nun auch wieder nicht«, antwortete Lisa ärgerlich. Sie
verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit einem Blick an, der mich Schlimmes
ahnen ließ.
»Aber wenn du so versessen darauf bist, einen Kaliger zu kaufen, komme
ich mit!«
»Mit? Wohin?«, fragte ich.
»Na, zu deinem Freund Bob, diesem Genzauberer. Wenn ich einverstanden
sein soll, dass wir so viel Geld für ein Haustier ausgeben, will ich es wenigstens vorher
sehen.«
Auch das noch!, dachte ich entsetzt. Obwohl ich versuchte, Lisa von
ihrem Vorhaben abzubringen, wusste ich schon vorher, dass es sinnlos sein würde. Meine
Frau hatte einen Dickkopf, von dem ich schon oft angenommen hatte, dass er in irgendeinem
Genlabor als Kreuzung zwischen einem Granitblock und einer deutschen Eiche entstanden sein
musste.
Mein Tochter kam aus dem Nebenzimmer und schleuderte ihren Datenhelm,
mit dem sie sich in die virtuelle Schulklasse eingeklinkt hatte, achtlos in die Ecke.
»Blöde Schule«, murmelte sie.
»Wie war der Unterricht?«, wagte ich zu fragen. Nadine sah mich mit
einem Blick an, der von meiner Frau hätte stammen können.Nach dem Essen lieferten wir
unsere Tochter unter einem Vorwand bei meinen Eltern ab und standen kurz darauf vor den
schlanken, unscheinbaren Gebäuden des GenEtics-Konzerns. Nachdem wir mehrere
Sicherheitskontrollen hinter uns gebracht hatten, durften wir endlich in das
Forschungsgebäude, in dem Bob bereits wartete. Der schlanke, glatzköpfige
Wissenschaftler begrüßte uns. Wenn er überrascht war, Lisa zu sehen, so zeigte er es
nicht.
»Und ihr beide seid also gekommen, um euren Kaliger abzuholen«, sagte
er lächelnd.
Lisas Stimme war so eisig, dass jeder Lavasee auf der Stelle zugefroren
wäre. »Wir sind uns noch nicht einig, ob wir wirklich so viel Geld für ein
Kinderspielzeug ausgeben wollen.«
»Aber der Kaliger ist doch kein Kinderspielzeug«, antwortete Bob
entsetzt. »Für viele ältere Menschen, die ihren Partner verloren haben, ist er sogar zu
einem neuen Familienmitglied geworden.«
»Ich bin aber weder alt, noch habe ich ein Familienmitglied verloren«,
erwiderte meine Frau mit ärgerlicher Stimme, und der Blick ihrer Augen sagte: Aber wenn
mein Mann sich dieses vierbeinige Kinderspielzeug nicht aus dem Kopf schlägt, könnte ich
demnächst durchaus Witwe werden.
»Nein, nein, so war das auch nicht gemeint«, antwortete Bob schnell
und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu.
»Ich glaube, Bob wollte damit sagen, dass der Kaliger für viele
Menschen mehr als nur ein Haustier ist.«
Bob nickte hastig. »Genau! Am besten zeige ich euch den Kaliger erst
einmal, damit ihr euch selbst ein Bild von ihm machen könnt.« Er ging voraus, und man
konnte ihm ansehen, wie froh er war, aus dem Sichtfeld meiner Frau entkommen zu können.
»Dein Freund ist ein Trottel«, flüsterte Lisa mir zu, während wir
Bob durch hell erleuchtete Gänge immer tiefer ins Herz der Forschungsabteilung folgten.
»Wenn du von ihm einen Kaliger kaufst, sind wir geschiedene Leute.«
Ich schwieg. Wenn meine Frau diesen untersten Level ihrer Laune erreicht
hatte, war es besser, ihr nicht zu widersprechen.
Vor uns öffnete Bob mit seiner Codekarte eine Tür, und wir betraten
einen Raum, der bis unter die Decke mit Käfigen vollgestellt war. Uns schlug eine
Mischung aus Knurren, Brüllen, Miauen, Kläffen, Schreien und Fauchen entgegen. In den
meisten Käfigen saßen Tiere, die aussahen, als hätte Gott mit einer Handvoll Gene
gewürfelt. Keine der Kreaturen glich einer anderen, und ich kam mir vor, als hätte ich
Frankensteins Gruselkabinett betreten.
Bob nahm aus einen der Käfige einen jungen Kaliger heraus und setzte
ihn neben uns auf einen Tisch. Das Tier miaute kläglich und schaute sich zitternd um.
Ich musste mir überrascht eingestehen, dass ich mir einen Kaliger so
nicht vorgestellt hatte. Das Tier, das mit großen, dunklen Augen ängstlich zu uns
heraufschaute, hatte die Größe einer jungen Katze, aber den Körperbau eines
ausgewachsenen Löwen. Unterhalb seiner flauschigen Mähne war sein Fell mit länglichen
Streifen bedeckt, die von einem Tiger hätten stammen können - daher auch sein Name:
Katzenlöwentiger, oder kurz Kaliger. Ein Wort meiner Tochter fiel mir ein, wenn sie einen
Kaliger beschrieb: knuffig. Ich musste zugeben, dass das Wort perfekt passte.
Vorsichtig warf ich einen Blick zu Lisa hinüber, aber in ihrem aus Eis
gemeißelten Gesicht konnte ich keine Regung erkennen.
»Dies ist ein Kaliger der neuesten Generation«, erklärte Bob stolz.
»Wir haben in seinem Gehirn einen winzigen Mikrochip implantiert, in dem bereits über
einhundert Befehle gespeichert sind. Er hört auf seinen Namen, geht bei Fuß oder holt
das Stöckchen. Alles Dinge, die man den Kaligern der ersten Generation noch mühsam
beibringen musste.«
Ich streckte meine Hand aus, um das Tier zu streicheln, und zog sie
hastig wieder zurück, als der Kaliger zwei Reihen spitzer Zähne entblößte und mich
drohend anfauchte.
»Keine Sorgen, er kann dir nichts tun«, sagte Bob. »Seine Krallen und
Zähne sind aus einem elastischen Material. Damit kann er weder eure Teppiche noch eure
Möbel anfressen. Sein Fell haart nicht, und natürlich ist er stubenrein.«
»Und kann er auch kochen?«, fragte meine Frau mit eisiger Stimme.
»Kochen?« Bob sah sie an, als hätte er soeben erfahren, dass die Erde
doch eine Scheibe war. »Nein, natürlich kann er nicht kochen.«
»Wenn er nicht kochen kann, können wir ihn auch nicht gebrauchen.«
Die Tonlage meiner Frau zerschlug all meine Hoffnungen, dieses niedliche Tierchen doch
noch mit nach Hause nehmen zu können.
Lisa drehte sich um und durchquerte ohne ein weiteres Wort den Raum
Richtung Ausgang.
»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte mich Bob verwirrt.
Ich schüttelte den Kopf. »Du hast keine Schuld. Lisa wünscht sich
schon seit langem einen Haushaltsroboter, aber ich finde, für unsere kleine Familie ist
ein Küchenhelfer Unsinn. Ich erzähle ihr also ständig, dass wir für so etwas kein Geld
übrig haben, und nun will ich unserer Tochter diesen Kaliger kaufen.«
»Aber hast du ihr denn nicht erzählt, dass du den Kaliger mit auf die
Jagd nehmen willst?«
»Bist du verrückt? Wenn ich Lisa erzähle, dass ich demnächst mit dir
zur Jagd gehen will, erlaubt sie es nie!«
Bob seufzte. »Wenn sie es sich anders überlegt, kannst du mir ja eine
Mail schicken. Ich lege den Kaliger so lange für dich zurück.« Er zog seine Codekarte
aus der Kitteltasche. »Na komm, ich lass euch wieder raus.«
Als wir vor dem Ausgang standen, fehlte von Lisa jede Spur. Die Tür war noch immer
geschlossen, und ohne eine Codekarte hatte meine Frau den Raum nicht verlassen können.
»Lisa!«, rief ich, und ihre Stimme antwortete mir aus einer anderen
Ecke des Raumes.
»Hier bin ich!«
Wir fanden meine Frau hinter einem hohen Regal mit leeren Käfigen. Lisa
stand vor einem Podest und betrachtete eine Schaufensterpuppe.
Nein, korrigierte ich mich. Es war keine Schaufensterpuppe. Die
männliche Gestalt, der jemand die Kleidung eines Kochs übergezogen hatte, bewegte sich
ganz langsam. Aber ein Roboter konnte es auch nicht sein, dazu waren seine Gesichtszüge
zu fein ausgeprägt.
»Was ist das?«, fragte meine Frau, als Bob und ich neben ihr standen.
Die Gestalt auf dem Podest drehte den Kopf und sah Lisa neugierig an.
»Das ist unser Biomat, der Prototyp eines Küchenhelfers«, antwortete
Bob.
»Ein Küchenhelfer?« In den Augen meiner Frau war plötzlich ein
Leuchten, das mir überhaupt nicht gefiel. »Wieso hast du mir nicht gesagt, dass dein
Freund Bob Küchenhelfer entwirft?«, fragte sie mich.
»Weil ich es nicht wusste«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Andernfalls wäre ich ja niemals so dumm gewesen und hätte Lisa mit hierher genommen.
»Es wird noch einige Zeit vergehen, bis der Biomat wirklich serienreif
ist«, erklärte Bob.
»Ich dachte, das Klonen von Menschen sei verboten«, sagte ich.
»Das ist es auch. Aber dieser Küchenhelfer ist kein Mensch er
sieht nur aus wie einer.«
Lisa schaute Bob mit ihrem freundlichsten Lächeln an.
»Und was kann er?« Das plötzliche Interesse meiner Frau an der
Genforschung gefiel mir ganz und gar nicht.
»Unser Ziel ist es, dass er später einmal all die Fähigkeiten eines
guten Küchenroboters besitzen soll und noch einige mehr. Doch im Moment ist er nur
mit dem nötigsten Grundwissen ausgestattet.«
»Aber er kann doch sicher schon kochen, das Geschirr spülen und die
Küche aufräumen?« Ich sah das Unheil mit riesigen Schritten auf mich zukommen und
versuchte Bob mit einem verzweifelten Kopfschütteln ein Zeichen zu geben.
»Mehr oder weniger«, wich Bob der Frage meiner Frau aus.
»Gut, dann nehmen wir anstatt des Kaligers diesen Küchenhelfer«,
beschloss Lisa.
Bob schaute sie entgeistert an. Dann schüttelte er den Kopf. »Das geht
nicht! Das ist unser Prototyp.«
»Macht nichts, wir nehmen ihn trotzdem.«
»Aber er ist unverkäuflich. Außerdem wurde er bisher nur in dieser
Umgebung getestet. Ich weiß gar nicht, ob er sich woanders überhaupt zurechtfindet.«
Lisa trat näher an das Podest heran und betrachtete den Küchenhelfer
von allen Seiten.
»Das wird er schon«, antwortete sie und berührte vorsichtig mit den
Fingern die Haut des Küchenhelfers.
»Aber
« Bob schien langsam zu begreifen, wie dickköpfig meine
Frau sein konnte. Ich zog ihn beiseite. »Dieser Küchenhelfer ist also noch längst nicht
serienreif?«, fragte ich leise.
»Das versuche ich deiner Frau schon die ganze Zeit zu erklären. Der
Biomat würde eure Küche auf den Kopf stellen«, seufzte er.
»Hervorragend«, grinste ich. »Heute ist Freitag. Überlass ihn uns
für dieses Wochenende. Wenn er wirklich so fehlerhaft ist, wie du sagst, hat Lisa
spätestens Sonntagmittag die Nase voll von allen Küchenhelfern, und ich bringe ihn dir
zurück.«
»Hast du eigentlich eine Ahnung, was du da von mir verlangst? Wenn
jemand dahinterkommt, dass ich dir unseren Prototyp ausgeliehen habe, bin ich auf der
Stelle meinen Job los.«
»Es wird schon niemand dahinterkommen«, beruhigte ich Bob. »Und wenn
doch jemand fragen sollte, erklärst du einfach, dass du ihn unter realen Bedingungen
testen lässt.«
»Und was ist, wenn deine Frau ihn nicht mehr herausrücken will?«
»Quatsch! Sobald sie siehst, dass der Küchenhelfer ihr mehr Arbeit
macht, als er ihr abnimmt, ist das Thema vergessen und ich bekomme meinen
Kaliger.«
Bob seufzte. »Ich hoffe, du hast Recht.«
Ich drehte mich zu Lisa herum. »In Ordnung, wir nehmen ihn mit.«
Seit Stunden hingen der Küchenhelfer und meine Frau nun schon gemeinsam in der Küche
herum, und bisher hatte ich weder zersprungene Gläser noch Entsetzensschreie gehört,
sondern allenfalls Stimmen und Gelächter. Unaufhaltsam stieg in mir die Befürchtung auf,
dass dieser Küchenhelfer vielleicht doch zuverlässiger funktionierte, als Bob geglaubt
hatte.
Zum wiederholten Male zappte ich durch die unzähligen Programme, ohne
darauf zu achten, was im Ausschnitt auf unserer elektronischen Tapete gerade lief. Meine
Tochter saß neben mir an ihrem Computer und chattete mit Freunden, die zu einem
Kurzurlaub zur Internationalen Raumstation geflogen waren.
»Weißt du jetzt endlich, was du sehen willst?«, fragte sie genervt.
Ich schaltete den Fernseher aus, und der Bildschirmausschnitt nahm das Muster der
gespeicherten Tapete an.
Lisa und der Küchenhelfer konnten doch unmöglich so lange in der
Küche zu tun haben. Vor einer Stunde hatte ich es gewagt, zu ihnen hineinzuschauen, und
war bestimmt, aber höfflich von Lisa wieder hinausgeworfen worden.
Aus der Küche drang ein herzhaftes Lachen, und ich ertappte mich dabei,
dass ich die Tür anstarrte, als könnte ich durch sie hindurchsehen.
Zehn Minuten später schaute Lisa zu uns herein. »Seid ihr bereit für
eine Vorführung?«, fragte sie. Sie machte eine Fanfare nach und ließ den Küchenhelfer
vorbei. Der Biomat kam mit einer Tasse, die er auf einem Tablett trug, auf mich zu.
Neidvoll musste ich mir eingestehen, dass er um Längen besser aussah als ich und sich so
geschmeidig wie ein Tänzer bewegte. An seiner Seite würde ich wahrscheinlich wie ein
fußkrankes Nilpferd wirken.
»Hausherr, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
Er spricht!, dachte ich entsetzt. Davon hatte Bob mir nichts erzählt.
Neben mir hörte ich, wie meine Tochter bewundernd »Extrem!« sagte.
»Na los.« Lisa deutet auf die Tasse, die mir der Küchenhelfer noch
immer hinhielt. Widerwillig griff ich nach dem Kaffee und trank. Er war genießbar;
allerdings wäre es auch wirklich schwierig gewesen, ihn anders zuzubereiten. Man brauchte
schließlich nur den Kaffeewürfel in die Tasse zu geben und mit kaltem Wasser zu
übergießen. Den Rest machten die genveränderten Kaffeebohnen von selbst.
»Ist er nicht fantastisch! Ich weiß gar nicht, warum ich die ganze
Zeit über einen Roboter haben wollte ein Klon ist doch viel besser.«
Ich hatte das Gefühl, als wollte mein Kreislauf das Blut in meinen
Adern bis in meine Haarspitzen katapultieren.
»Du meinst, du bist mit ihm zufrieden?«, fragte ich.
»Zufrieden ist gar kein Ausdruck. Er ist besser, als ich erwartet
habe.« Lisa hakte sich bei ihrem Küchenhelfer ein und verschwand wieder mit ihm in der
Küche.
Anfangs hatte ich noch die Hoffnung, dass die Begeisterung meiner Frau nur
vorübergehender Natur wäre, doch als ich spätabends alleine im Bett lag und Lisa noch
immer mit dem Biomat in der Küche hockte, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen.
Ich hatte keine Ahnung, ob oder wann meine Frau ins Bett gekommen war,
doch als ich am nächsten Morgen aufstand, fand ich sie wieder in der Küche.
Sie hatte kaum Zeit, mich flüchtig zu begrüßen.
»Schön, dass du schon aufgestanden bist, dann kann ich ja gleich
los.«
»Los? Wo willst du denn hin?«
»Ich fahr mit dem Küchenhelfer einkaufen. Ich hab ja gar nicht geahnt,
was in unserer Küche noch alles fehlt.« Sie verschwand auf den Flur, und der
Küchenhelfer folgte ihr wie ein Hund seinem Herrchen.
»Aber das kannst du doch auch per Internet erledigen.«
Sie schaute, mit einem Mantel bekleidet, wieder herein. »Damit uns der
Bringdienst wieder die falsche Ware liefert? Außerdem macht es doch viel mehr Spaß, sich
das Obst und Gemüse selbst auszusuchen.«
»Und den Küchenhelfer nimmst du mit?«
»Natürlich! Er ist der perfekte Berater.«
Die Laune meiner Frau war so gut wie schon lange nicht mehr. Nicht die
geringsten Anzeichen, dass sie sich über den Küchenhelfer geärgert hatte oder ihn gar
loswerden wollte.
Bob, dieser Idiot!, dachte ich. Was war das eigentlich für ein
Abteilungsleiter, wenn er noch nicht einmal wusste, was seine eigenen Entwicklungen
konnten?
»Du brauchst mit dem Mittagessen nicht auf uns zu warten, es wird
sicher spät.« Lisa verabschiedete sich und ließ mich mit meinem aufkeimenden Ärger
allein.
Das Frühstück war auch noch nicht fertig. Was hatten die beiden nur
die ganze Zeit über gemacht?
Je später es wurde, umso mehr Schwierigkeiten hatte ich, meinen Ärger im Zaum zu
halten. Gegen dreizehn Uhr teilte mir die Zentraleinheit unseres Hauscomputers mit, dass
jemand unsere Ferienwohnung am anderen Ende der Stadt betreten hatte. Ein schlimmer
Verdacht brach mit der Wucht einer Flutwelle über mich herein. Plötzlich wurde mir
bewusst wie sehr Lisa den gut aussehenden Küchenhelfer angehimmelt hatte. Ich stürmte
aus dem Haus auf meinen Wagen zu und vergaß sogar, meine Jacke anzuziehen.
Unsere Ferienwohnung lag direkt am Stadtrand, in der Nähe des
Naturmuseums mit den rekonstruierten Nadel- und Laubbäumen und dem künstlichen Badesee.
Mit jedem Kilometer, den mich der Autopilot meines Wagens meinem Ziel näher brachte, fiel
mir eine neue Todesart für den Küchenhelfer ein. Ich kannte die Gesetze zwar nicht
genau, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es strafbar war, wenn man eine
künstlich erschaffende Person um die Ecke brachte.
Auf dem Parkplatz vor unserer Ferienwohnung entdecke ich Lisas
Elektromobil. Mein Wagen hatte noch gar nicht richtig gehalten, da riss ich bereits die
Fahrertür auf und sprang heraus. Ein Fahrstuhl brachte mich in die erste Etage, wo mir
mein Daumenabdruck die Tür zu unserer Ferienwohnung öffnete.
Im Schlafzimmer fand ich Lisa und ihren Küchenhelfer. Sie waren beide
splitterfasernackt und lagen, nur mit einer Decke bekleidet, nebeneinander im Bett. Obwohl
ich es geahnt hatte, war ich so überrascht, dass ich wie zu Stein erstarrt stehen blieb.
Der Küchenhelfer schaute zu mir herüber. »Guten Tag, Hausherr«,
sagte er.
Lisa zog sich die Bettdecke bis ans Kinn.
»Hallo Schatz, was machst du denn hier?«, fragte sie erstaunt. Sie
schien nicht das geringste schlechte Gewissen zu haben.
»Was ich hier mache?« Ich schnappte nach Luft. »Viel wichtiger ist
doch wohl, was ihr da macht, und erzähl mir nicht, dass ihr Kochrezepte austauscht!«
Meine Frau schaute mich vorwurfsvoll an. »Ich weiß gar nicht, warum du
dich so aufregst. Du tust ja gerade so, als ob unser Küchenhelfer ein Mensch wäre.«
»Und du meinst, das beruhigt mich?«, kreischte ich. »Immerhin liegst
du mit diesem Ding im Bett!«
»Na hör mal, du bist doch selber schuld! Ich wollte einen
Haushaltsroboter haben, aber du hast darauf bestanden, dass wir diesen gut gebauten,
fantastisch aussehenden Küchenhelfer nehmen, dann darfst du dich auch nicht wundern, wenn
so etwas geschieht.«
Die Reaktion meiner Frau verschlug mir für einen Moment die Sprache.
Lisa war total verrückt geworden! Dieser Küchenhelfer hatte ihr vollkommen den Kopf
verdreht. Ich musste schnellstens etwas unternehmen, wenn ich nicht wollte, dass meine Ehe
wegen einer genetisch erzeugten Küchenmaschine in die Brüche ging.
»Dieser Küchenhelfer verschwindet augenblicklich wieder aus unserem
Haus!«, schrie ich. »Und du brauchst gar nicht erst zu versuchen, mich umzustimmen. Mein
Entschluss steht fest. Du bekommst einen ganz gewöhnlichen Haushaltsroboter, wie ihn alle
anderen auch haben, und dieser Reagenzglascasanova verschwindet wieder in Bobs
Forschungsabteilung!«
»Aber
«
»Keine Widerrede!« Sollte meine Frau ruhig merken, wer in unserer
Familie die Hosen anhatte. Bevor Lisa protestieren konnte, drehte ich ihr den Rücken zu
und stapfte wütend aus dem Schlafzimmer.
»Der Küchenhelfer soll sich auf der Stelle anziehen, damit ich ihn
zurückbringen kann!«, befahl ich.
Während ich auf den Küchenhelfer wartete, bestellte ich per Internet
den besten Haushaltsroboter, den ich finden konnte. Sollte meine Frau auch noch so sehr
zetern, wenn der Roboter erst einmal geliefert worden war, würde sie schon merken, dass
ich nicht bereit war, nachzugeben.
Der Küchenhelfer erschien angekleidet im Türrahmen.
»Mitkommen!« Ich stürmte voraus wie ein Feldherr auf dem Weg zur
Schlacht. Bob konnte was erleben! Wenn er glaubte, dass ich es so einfach hinnahm, dass
seine sexbesessene Küchenmaschine mit meiner Frau ins Bett stieg, hatte er sich
getäuscht!
Um diese Zeit würde ich Bob nicht mehr in seiner Forschungsabteilung antreffen, und so
fuhr ich direkt zu seiner firmeneigenen Apartmentwohnung.
Bob öffnete bereits nach dem ersten Klingeln. Als er den Küchenhelfer
sah, grinste er breit.
»Wie ich sehe, hat deine Frau bereits genug von ihm.«
»So würde ich das nicht nennen«, antwortete ich sarkastisch und kam
drohend auf ihn zu.
Bob wich überrascht vor mir zurück.
»He! Moment mal. Was ist denn los?«
»Was los ist? Ich habe dieses
dieses
Ding mit meiner Frau
im Bett erwischt.«
Bob schaute mich einen Augenblick lang sprachlos an. »Na und?«, fragte
er dann.
Na und? Ja, waren denn jetzt alle verrückt geworden?
»Hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe? Dein Küchenhelfer hat
mit meiner Frau im Bett gelegen!«
»Ich hab dich schon verstanden. Ich weiß nur nicht, warum du dich
deshalb so aufregst. Es ist doch nichts passiert.«
»Ach?«, fragte ich zynisch. »Und woher willst du das wissen? Warst du
etwa dabei?«
»Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ohne Geschlechtsorgan
viel passiert ist.«
Als ich begriff, was Bob gesagt hatte, fiel mir die Kinnlade herunter.
»Du meinst, er hat keinen
«
»Natürlich nicht! Warum sollten wir ein Wesen, das künstlich im Labor
erzeugt wurde, mit Fortpflanzungsorganen ausstatten? Außerdem wollen wir unsere Produkte
verkaufen und uns nicht selbst durch deren Nachkommen Konkurrenz schaffen.« Bob klopfte
mir beruhigend auf die Schulter. »Du kannst dir sicher sein, dass zwischen dem
Küchenhelfer und deiner Frau nichts gelaufen ist. Außerdem fehlt ihm das
Zusammengehörigkeitsgen, er hat überhaupt kein Interesse an Sex oder Liebe.«
»Und wieso hat er die ganze Zeit über mit meiner Frau geflirtet?«
»Ich weiß ja nicht, was du zu sehen geglaubt hast, aber dieser
Küchenhelfer würde genauso wenig mit deiner Frau flirten wie euer Kühlschrank.
Außerdem beherrscht er doch nur ein paar Sätze. Mit »Hausherr, möchten Sie einen
Kaffee?« und »Guten Tag!« wird er doch wohl kaum deine Frau beeindruckt haben.«
Ich bekam plötzlich ganz weiche Knie und ließ mich in den erstbesten
Sessel fallen. »Mehr Wörter spricht er nicht?«
»Ich habe dir doch gesagt, das dieser Küchenhelfer noch lange nicht
serienreif ist. Deswegen hast du ihn ja mitgenommen, damit deine Frau ein für alle mal
von jedem Haushaltsroboter die Nase voll hat.«
Entweder hatte sich gerade hinter Bobs Haus der Boden aufgetan und eine
Wassersäule schoss heraus, oder es war mein Blut, das so in meinen Ohren rauschte.
Plötzlich begann ich mich zu fragen, warum Lisa überhaupt so leichtsinnig gewesen war
und ihr Tête-à-Tête in unserer Wochenendwohnung abgehalten hatte. Sie wusste doch, dass
ich sofort benachrichtigt würde, sobald sie die Wohnungstür öffnete. Wäre meine Frau
in ein Hotel gefahren, hätte ich niemals etwas davon erfahren. Ich wurde das Gefühl
nicht los, übers Ohr gehauen worden zu sein. Aber warum sollte Lisa mir so eine Komödie
vorspielen? Als ich plötzlich die Zusammenhänge begriff, glaubte ich den Boden unter den
Füßen zu verlieren.
»Der Haushaltsroboter!« Ich warf einen entsetzten Blick auf meine
Armbanduhr. Mittlerweile musste er längst geliefert worden sein. Ich sackte kraftlos im
Sessel zusammen. Während ich geglaubt hatte, meine Frau auszutricksen, hatte sie mich
ausgetrickst. Was war das nur für eine Welt, in der ein Ehepartner den anderen übers Ohr
haute?
Bob schaute mich entsetzt an. »Du hast Lisa doch keinen
Haushaltsroboter gekauft, oder?«
»Doch«, nickte ich.
Bob ließ sich in dem Sessel neben meinem fallen.
»Adios, Kaliger«, stöhnte er.
Na ja, dachte ich seufzend, etwas Gutes hatte die Sache doch: Ich würde
in Zukunft endlich wieder etwas Vernünftiges zu essen bekommen.«
© 2003 by Uwe Hermann Erstveröffentlichung |
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