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ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 55 Inhalt Archiv

Uwe Hermann

Unser Biomat

Science Fiction > Alien Contact | Stories
Meine Frau schichtete die eckigen Tomaten auf der Küchenablage zu einer kleinen Mauer auf, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Nur ihre kalte Schulter schaute mich wütend an.
   Ich seufzte innerlich. Wieso musste meine Frau ständig so dickköpfig sein?
   »Bitte, Lisa, sei vernünftig. Du weißt doch, wie lange sich unsere Tochter schon einen Kaliger wünscht.«
   Meine Frau drehte sich ruckartig zu mir herum. »Und wie lange wünsche ich mir schon einen Haushaltsroboter? Die ganze Zeit über stehe ich am Herd und koche für euch. Glaubst du nicht, dass ich auch mal etwas Zeit für mich nötig hätte?«
   Die ganze Zeit ist vielleicht etwas übertrieben, dachte ich. Das meiste Essen kam vorgekocht aus den selbsterhitzenden Alupackungen, und um das zuzubereiten, brauchte sie nun wirklich keinen Haushaltsroboter. Außerdem war so ein Roboter unverschämt teuer.
   »Wenn wir das Geld für einen Haushaltsroboter übrig hätten, hätte ich ihn dir schon längst gekauft«, versuchte ich noch einmal die Wogen zu glätten. Leider erreichte ich genau das Gegenteil.
   »Und du meinst, so ein genetisch erzeugtes Kuscheltier ist günstiger?«
   »Bob könnte ihn mir zum Herstellungspreis besorgen«, antwortete ich vorsichtig.
   »Bob? Doch nicht etwa der Bob, mit dem du dich regelmäßig im Internet triffst, um diese albernen Machospiele zu spielen?«
   »Es sind keine albernen Machospiele«, widersprach ich ärgerlich.
   Meine Frau sah mich spöttisch an.
   »Wie soll ich es denn nennen, wenn sich erwachsene Männer schwachsinnige Phantasienamen geben und sich in einem virtuellen Labyrinth mit immer größeren Waffen gegenseitig umbringen? Für mich ist das albern!« Meine Frau drückte mir eine rechteckige Schlangengurke und drei Schälchen in die Hand. »Hier, mach dich mal nützlich.«
   Ich verteilte die Schälchen auf dem Tisch und nahm aus dem Regal ein Holzbrettchen, auf das ich die Gurke legte.
   »Bob arbeitet in der Forschungsabteilung von GenEtics«, erklärte ich, während ich an dem Faden zog, der aus der Schale der Gurke ragte. Die Schale löste sich, und die Gurke zerfiel in fertig vorportionierte Stückchen, die ich auf die Schälchen verteilte. »Er meint, so teuer würde uns ein Kaliger gar nicht kommen. Ich werde nach dem Essen zu ihm in die Forschungsabteilung fahren und mir seine Tiere mal selbst anschauen. Vielleicht bringe ich dann schon einen Kaliger mit.« Ich hob eines der Schälchen und schnupperte an der Gurke. »Was für ein Dressingaroma hast du bestellt? French?«
   »Kräuter.«
   Ich rümpfte die Nase. »Es riecht aber nach French. Du weißt, dass ich kein French mag.«
   Lisa ging zum Kühlschrank hinüber und ließ sich auf dem Bildschirm in der Tür die bestellte Ware auflisten.
   »Der Kühlschrank hat Kräuterdressinggurken bestellt, wie ich es ihm eingegeben habe«, sagte sie.
   »Dann hat der Internetbringdienst schon wieder die Ware vertauscht«, brummte ich und schob das Schälchen mit den Gurkenstücken weit von mir.
   Lisa nahm drei verschweißte Aluschälchen aus dem Schrank und riss die Deckel auf. Als die Mikroben im Essen mit dem Sauerstoff in Berührung kamen, erhitzten sie sich, und in der Küche verbreitete sich der Duft von Gulasch und Reibeplätzchen.
   »Ich verstehe nicht, dass du so versessen darauf bist, unserer Tochter einen Kaliger zu kaufen. Das ist doch wieder nur so eine Modeerscheinung, wie damals diese flauschigen Igel. Nächstes Jahr bringen diese Gen-Jongleure wieder ein neues Haustier auf den Markt, und dann kann ich mich um den Kaliger kümmern.« Lisa verteilte die Aluschälchen mit unserem Mittagessen auf dem Tisch.
   »Nadine hat mir erzählt, dass alle ihre Freundinnen bereits ihren eigenen Kaliger haben«, antwortete ich.
   »Na und? In meiner Jugend spielten wir mit Puppen und nicht mit irgendwelchen genmanipulierten Haustieren, und wir waren auch glücklich.«
   »Das ist lange her. Die Zeiten ändern sich eben.«
   »So lange nun auch wieder nicht«, antwortete Lisa ärgerlich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit einem Blick an, der mich Schlimmes ahnen ließ.
   »Aber wenn du so versessen darauf bist, einen Kaliger zu kaufen, komme ich mit!«
   »Mit? Wohin?«, fragte ich.
   »Na, zu deinem Freund Bob, diesem Genzauberer. Wenn ich einverstanden sein soll, dass wir so viel Geld für ein Haustier ausgeben, will ich es wenigstens vorher sehen.«
   Auch das noch!, dachte ich entsetzt. Obwohl ich versuchte, Lisa von ihrem Vorhaben abzubringen, wusste ich schon vorher, dass es sinnlos sein würde. Meine Frau hatte einen Dickkopf, von dem ich schon oft angenommen hatte, dass er in irgendeinem Genlabor als Kreuzung zwischen einem Granitblock und einer deutschen Eiche entstanden sein musste.
   Mein Tochter kam aus dem Nebenzimmer und schleuderte ihren Datenhelm, mit dem sie sich in die virtuelle Schulklasse eingeklinkt hatte, achtlos in die Ecke.
   »Blöde Schule«, murmelte sie.
   »Wie war der Unterricht?«, wagte ich zu fragen. Nadine sah mich mit einem Blick an, der von meiner Frau hätte stammen können.

Nach dem Essen lieferten wir unsere Tochter unter einem Vorwand bei meinen Eltern ab und standen kurz darauf vor den schlanken, unscheinbaren Gebäuden des GenEtics-Konzerns. Nachdem wir mehrere Sicherheitskontrollen hinter uns gebracht hatten, durften wir endlich in das Forschungsgebäude, in dem Bob bereits wartete. Der schlanke, glatzköpfige Wissenschaftler begrüßte uns. Wenn er überrascht war, Lisa zu sehen, so zeigte er es nicht.
   »Und ihr beide seid also gekommen, um euren Kaliger abzuholen«, sagte er lächelnd.
   Lisas Stimme war so eisig, dass jeder Lavasee auf der Stelle zugefroren wäre. »Wir sind uns noch nicht einig, ob wir wirklich so viel Geld für ein Kinderspielzeug ausgeben wollen.«
   »Aber der Kaliger ist doch kein Kinderspielzeug«, antwortete Bob entsetzt. »Für viele ältere Menschen, die ihren Partner verloren haben, ist er sogar zu einem neuen Familienmitglied geworden.«
   »Ich bin aber weder alt, noch habe ich ein Familienmitglied verloren«, erwiderte meine Frau mit ärgerlicher Stimme, und der Blick ihrer Augen sagte: Aber wenn mein Mann sich dieses vierbeinige Kinderspielzeug nicht aus dem Kopf schlägt, könnte ich demnächst durchaus Witwe werden.
   »Nein, nein, so war das auch nicht gemeint«, antwortete Bob schnell und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu.
   »Ich glaube, Bob wollte damit sagen, dass der Kaliger für viele Menschen mehr als nur ein Haustier ist.«
   Bob nickte hastig. »Genau! Am besten zeige ich euch den Kaliger erst einmal, damit ihr euch selbst ein Bild von ihm machen könnt.« Er ging voraus, und man konnte ihm ansehen, wie froh er war, aus dem Sichtfeld meiner Frau entkommen zu können.
   »Dein Freund ist ein Trottel«, flüsterte Lisa mir zu, während wir Bob durch hell erleuchtete Gänge immer tiefer ins Herz der Forschungsabteilung folgten. »Wenn du von ihm einen Kaliger kaufst, sind wir geschiedene Leute.«
   Ich schwieg. Wenn meine Frau diesen untersten Level ihrer Laune erreicht hatte, war es besser, ihr nicht zu widersprechen.
   Vor uns öffnete Bob mit seiner Codekarte eine Tür, und wir betraten einen Raum, der bis unter die Decke mit Käfigen vollgestellt war. Uns schlug eine Mischung aus Knurren, Brüllen, Miauen, Kläffen, Schreien und Fauchen entgegen. In den meisten Käfigen saßen Tiere, die aussahen, als hätte Gott mit einer Handvoll Gene gewürfelt. Keine der Kreaturen glich einer anderen, und ich kam mir vor, als hätte ich Frankensteins Gruselkabinett betreten.
   Bob nahm aus einen der Käfige einen jungen Kaliger heraus und setzte ihn neben uns auf einen Tisch. Das Tier miaute kläglich und schaute sich zitternd um.
   Ich musste mir überrascht eingestehen, dass ich mir einen Kaliger so nicht vorgestellt hatte. Das Tier, das mit großen, dunklen Augen ängstlich zu uns heraufschaute, hatte die Größe einer jungen Katze, aber den Körperbau eines ausgewachsenen Löwen. Unterhalb seiner flauschigen Mähne war sein Fell mit länglichen Streifen bedeckt, die von einem Tiger hätten stammen können - daher auch sein Name: Katzenlöwentiger, oder kurz Kaliger. Ein Wort meiner Tochter fiel mir ein, wenn sie einen Kaliger beschrieb: knuffig. Ich musste zugeben, dass das Wort perfekt passte.
   Vorsichtig warf ich einen Blick zu Lisa hinüber, aber in ihrem aus Eis gemeißelten Gesicht konnte ich keine Regung erkennen.
   »Dies ist ein Kaliger der neuesten Generation«, erklärte Bob stolz. »Wir haben in seinem Gehirn einen winzigen Mikrochip implantiert, in dem bereits über einhundert Befehle gespeichert sind. Er hört auf seinen Namen, geht bei Fuß oder holt das Stöckchen. Alles Dinge, die man den Kaligern der ersten Generation noch mühsam beibringen musste.«
   Ich streckte meine Hand aus, um das Tier zu streicheln, und zog sie hastig wieder zurück, als der Kaliger zwei Reihen spitzer Zähne entblößte und mich drohend anfauchte.
   »Keine Sorgen, er kann dir nichts tun«, sagte Bob. »Seine Krallen und Zähne sind aus einem elastischen Material. Damit kann er weder eure Teppiche noch eure Möbel anfressen. Sein Fell haart nicht, und natürlich ist er stubenrein.«
   »Und kann er auch kochen?«, fragte meine Frau mit eisiger Stimme.
   »Kochen?« Bob sah sie an, als hätte er soeben erfahren, dass die Erde doch eine Scheibe war. »Nein, natürlich kann er nicht kochen.«
   »Wenn er nicht kochen kann, können wir ihn auch nicht gebrauchen.« Die Tonlage meiner Frau zerschlug all meine Hoffnungen, dieses niedliche Tierchen doch noch mit nach Hause nehmen zu können.
   Lisa drehte sich um und durchquerte ohne ein weiteres Wort den Raum Richtung Ausgang.
   »Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte mich Bob verwirrt.
   Ich schüttelte den Kopf. »Du hast keine Schuld. Lisa wünscht sich schon seit langem einen Haushaltsroboter, aber ich finde, für unsere kleine Familie ist ein Küchenhelfer Unsinn. Ich erzähle ihr also ständig, dass wir für so etwas kein Geld übrig haben, und nun will ich unserer Tochter diesen Kaliger kaufen.«
   »Aber hast du ihr denn nicht erzählt, dass du den Kaliger mit auf die Jagd nehmen willst?«
   »Bist du verrückt? Wenn ich Lisa erzähle, dass ich demnächst mit dir zur Jagd gehen will, erlaubt sie es nie!«
   Bob seufzte. »Wenn sie es sich anders überlegt, kannst du mir ja eine Mail schicken. Ich lege den Kaliger so lange für dich zurück.« Er zog seine Codekarte aus der Kitteltasche. »Na komm, ich lass euch wieder raus.«

Als wir vor dem Ausgang standen, fehlte von Lisa jede Spur. Die Tür war noch immer geschlossen, und ohne eine Codekarte hatte meine Frau den Raum nicht verlassen können.
   »Lisa!«, rief ich, und ihre Stimme antwortete mir aus einer anderen Ecke des Raumes.
   »Hier bin ich!«
   Wir fanden meine Frau hinter einem hohen Regal mit leeren Käfigen. Lisa stand vor einem Podest und betrachtete eine Schaufensterpuppe.
   Nein, korrigierte ich mich. Es war keine Schaufensterpuppe. Die männliche Gestalt, der jemand die Kleidung eines Kochs übergezogen hatte, bewegte sich ganz langsam. Aber ein Roboter konnte es auch nicht sein, dazu waren seine Gesichtszüge zu fein ausgeprägt.
   »Was ist das?«, fragte meine Frau, als Bob und ich neben ihr standen.
   Die Gestalt auf dem Podest drehte den Kopf und sah Lisa neugierig an.
   »Das ist unser Biomat, der Prototyp eines Küchenhelfers«, antwortete Bob.
   »Ein Küchenhelfer?« In den Augen meiner Frau war plötzlich ein Leuchten, das mir überhaupt nicht gefiel. »Wieso hast du mir nicht gesagt, dass dein Freund Bob Küchenhelfer entwirft?«, fragte sie mich.
   »Weil ich es nicht wusste«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Andernfalls wäre ich ja niemals so dumm gewesen und hätte Lisa mit hierher genommen.
   »Es wird noch einige Zeit vergehen, bis der Biomat wirklich serienreif ist«, erklärte Bob.
   »Ich dachte, das Klonen von Menschen sei verboten«, sagte ich.
   »Das ist es auch. Aber dieser Küchenhelfer ist kein Mensch – er sieht nur aus wie einer.«
   Lisa schaute Bob mit ihrem freundlichsten Lächeln an.
   »Und was kann er?« Das plötzliche Interesse meiner Frau an der Genforschung gefiel mir ganz und gar nicht.
   »Unser Ziel ist es, dass er später einmal all die Fähigkeiten eines guten Küchenroboters besitzen soll – und noch einige mehr. Doch im Moment ist er nur mit dem nötigsten Grundwissen ausgestattet.«
   »Aber er kann doch sicher schon kochen, das Geschirr spülen und die Küche aufräumen?« Ich sah das Unheil mit riesigen Schritten auf mich zukommen und versuchte Bob mit einem verzweifelten Kopfschütteln ein Zeichen zu geben.
   »Mehr oder weniger«, wich Bob der Frage meiner Frau aus.
   »Gut, dann nehmen wir anstatt des Kaligers diesen Küchenhelfer«, beschloss Lisa.
   Bob schaute sie entgeistert an. Dann schüttelte er den Kopf. »Das geht nicht! Das ist unser Prototyp.«
   »Macht nichts, wir nehmen ihn trotzdem.«
   »Aber er ist unverkäuflich. Außerdem wurde er bisher nur in dieser Umgebung getestet. Ich weiß gar nicht, ob er sich woanders überhaupt zurechtfindet.«
   Lisa trat näher an das Podest heran und betrachtete den Küchenhelfer von allen Seiten.
   »Das wird er schon«, antwortete sie und berührte vorsichtig mit den Fingern die Haut des Küchenhelfers.
   »Aber … « Bob schien langsam zu begreifen, wie dickköpfig meine Frau sein konnte. Ich zog ihn beiseite. »Dieser Küchenhelfer ist also noch längst nicht serienreif?«, fragte ich leise.
   »Das versuche ich deiner Frau schon die ganze Zeit zu erklären. Der Biomat würde eure Küche auf den Kopf stellen«, seufzte er.
   »Hervorragend«, grinste ich. »Heute ist Freitag. Überlass ihn uns für dieses Wochenende. Wenn er wirklich so fehlerhaft ist, wie du sagst, hat Lisa spätestens Sonntagmittag die Nase voll von allen Küchenhelfern, und ich bringe ihn dir zurück.«
   »Hast du eigentlich eine Ahnung, was du da von mir verlangst? Wenn jemand dahinterkommt, dass ich dir unseren Prototyp ausgeliehen habe, bin ich auf der Stelle meinen Job los.«
   »Es wird schon niemand dahinterkommen«, beruhigte ich Bob. »Und wenn doch jemand fragen sollte, erklärst du einfach, dass du ihn unter realen Bedingungen testen lässt.«
   »Und was ist, wenn deine Frau ihn nicht mehr herausrücken will?«
   »Quatsch! Sobald sie siehst, dass der Küchenhelfer ihr mehr Arbeit macht, als er ihr abnimmt, ist das Thema vergessen – und ich bekomme meinen Kaliger.«
   Bob seufzte. »Ich hoffe, du hast Recht.«
   Ich drehte mich zu Lisa herum. »In Ordnung, wir nehmen ihn mit.«

Seit Stunden hingen der Küchenhelfer und meine Frau nun schon gemeinsam in der Küche herum, und bisher hatte ich weder zersprungene Gläser noch Entsetzensschreie gehört, sondern allenfalls Stimmen und Gelächter. Unaufhaltsam stieg in mir die Befürchtung auf, dass dieser Küchenhelfer vielleicht doch zuverlässiger funktionierte, als Bob geglaubt hatte.
   Zum wiederholten Male zappte ich durch die unzähligen Programme, ohne darauf zu achten, was im Ausschnitt auf unserer elektronischen Tapete gerade lief. Meine Tochter saß neben mir an ihrem Computer und chattete mit Freunden, die zu einem Kurzurlaub zur Internationalen Raumstation geflogen waren.
   »Weißt du jetzt endlich, was du sehen willst?«, fragte sie genervt. Ich schaltete den Fernseher aus, und der Bildschirmausschnitt nahm das Muster der gespeicherten Tapete an.
   Lisa und der Küchenhelfer konnten doch unmöglich so lange in der Küche zu tun haben. Vor einer Stunde hatte ich es gewagt, zu ihnen hineinzuschauen, und war bestimmt, aber höfflich von Lisa wieder hinausgeworfen worden.
   Aus der Küche drang ein herzhaftes Lachen, und ich ertappte mich dabei, dass ich die Tür anstarrte, als könnte ich durch sie hindurchsehen.
   Zehn Minuten später schaute Lisa zu uns herein. »Seid ihr bereit für eine Vorführung?«, fragte sie. Sie machte eine Fanfare nach und ließ den Küchenhelfer vorbei. Der Biomat kam mit einer Tasse, die er auf einem Tablett trug, auf mich zu. Neidvoll musste ich mir eingestehen, dass er um Längen besser aussah als ich und sich so geschmeidig wie ein Tänzer bewegte. An seiner Seite würde ich wahrscheinlich wie ein fußkrankes Nilpferd wirken.
   »Hausherr, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
   Er spricht!, dachte ich entsetzt. Davon hatte Bob mir nichts erzählt. Neben mir hörte ich, wie meine Tochter bewundernd »Extrem!« sagte.
   »Na los.« Lisa deutet auf die Tasse, die mir der Küchenhelfer noch immer hinhielt. Widerwillig griff ich nach dem Kaffee und trank. Er war genießbar; allerdings wäre es auch wirklich schwierig gewesen, ihn anders zuzubereiten. Man brauchte schließlich nur den Kaffeewürfel in die Tasse zu geben und mit kaltem Wasser zu übergießen. Den Rest machten die genveränderten Kaffeebohnen von selbst.
   »Ist er nicht fantastisch! Ich weiß gar nicht, warum ich die ganze Zeit über einen Roboter haben wollte – ein Klon ist doch viel besser.«
   Ich hatte das Gefühl, als wollte mein Kreislauf das Blut in meinen Adern bis in meine Haarspitzen katapultieren.
   »Du meinst, du bist mit ihm zufrieden?«, fragte ich.
   »Zufrieden ist gar kein Ausdruck. Er ist besser, als ich erwartet habe.« Lisa hakte sich bei ihrem Küchenhelfer ein und verschwand wieder mit ihm in der Küche.

Anfangs hatte ich noch die Hoffnung, dass die Begeisterung meiner Frau nur vorübergehender Natur wäre, doch als ich spätabends alleine im Bett lag und Lisa noch immer mit dem Biomat in der Küche hockte, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen.
   Ich hatte keine Ahnung, ob oder wann meine Frau ins Bett gekommen war, doch als ich am nächsten Morgen aufstand, fand ich sie wieder in der Küche.
   Sie hatte kaum Zeit, mich flüchtig zu begrüßen.
   »Schön, dass du schon aufgestanden bist, dann kann ich ja gleich los.«
   »Los? Wo willst du denn hin?«
   »Ich fahr mit dem Küchenhelfer einkaufen. Ich hab ja gar nicht geahnt, was in unserer Küche noch alles fehlt.« Sie verschwand auf den Flur, und der Küchenhelfer folgte ihr wie ein Hund seinem Herrchen.
   »Aber das kannst du doch auch per Internet erledigen.«
   Sie schaute, mit einem Mantel bekleidet, wieder herein. »Damit uns der Bringdienst wieder die falsche Ware liefert? Außerdem macht es doch viel mehr Spaß, sich das Obst und Gemüse selbst auszusuchen.«
   »Und den Küchenhelfer nimmst du mit?«
   »Natürlich! Er ist der perfekte Berater.«
   Die Laune meiner Frau war so gut wie schon lange nicht mehr. Nicht die geringsten Anzeichen, dass sie sich über den Küchenhelfer geärgert hatte oder ihn gar loswerden wollte.
   Bob, dieser Idiot!, dachte ich. Was war das eigentlich für ein Abteilungsleiter, wenn er noch nicht einmal wusste, was seine eigenen Entwicklungen konnten?
   »Du brauchst mit dem Mittagessen nicht auf uns zu warten, es wird sicher spät.« Lisa verabschiedete sich und ließ mich mit meinem aufkeimenden Ärger allein.
   Das Frühstück war auch noch nicht fertig. Was hatten die beiden nur die ganze Zeit über gemacht?

Je später es wurde, umso mehr Schwierigkeiten hatte ich, meinen Ärger im Zaum zu halten. Gegen dreizehn Uhr teilte mir die Zentraleinheit unseres Hauscomputers mit, dass jemand unsere Ferienwohnung am anderen Ende der Stadt betreten hatte. Ein schlimmer Verdacht brach mit der Wucht einer Flutwelle über mich herein. Plötzlich wurde mir bewusst wie sehr Lisa den gut aussehenden Küchenhelfer angehimmelt hatte. Ich stürmte aus dem Haus auf meinen Wagen zu und vergaß sogar, meine Jacke anzuziehen.
   Unsere Ferienwohnung lag direkt am Stadtrand, in der Nähe des Naturmuseums mit den rekonstruierten Nadel- und Laubbäumen und dem künstlichen Badesee. Mit jedem Kilometer, den mich der Autopilot meines Wagens meinem Ziel näher brachte, fiel mir eine neue Todesart für den Küchenhelfer ein. Ich kannte die Gesetze zwar nicht genau, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es strafbar war, wenn man eine künstlich erschaffende Person um die Ecke brachte.
   Auf dem Parkplatz vor unserer Ferienwohnung entdecke ich Lisas Elektromobil. Mein Wagen hatte noch gar nicht richtig gehalten, da riss ich bereits die Fahrertür auf und sprang heraus. Ein Fahrstuhl brachte mich in die erste Etage, wo mir mein Daumenabdruck die Tür zu unserer Ferienwohnung öffnete.
   Im Schlafzimmer fand ich Lisa und ihren Küchenhelfer. Sie waren beide splitterfasernackt und lagen, nur mit einer Decke bekleidet, nebeneinander im Bett. Obwohl ich es geahnt hatte, war ich so überrascht, dass ich wie zu Stein erstarrt stehen blieb.
   Der Küchenhelfer schaute zu mir herüber. »Guten Tag, Hausherr«, sagte er.
   Lisa zog sich die Bettdecke bis ans Kinn.
   »Hallo Schatz, was machst du denn hier?«, fragte sie erstaunt. Sie schien nicht das geringste schlechte Gewissen zu haben.
   »Was ich hier mache?« Ich schnappte nach Luft. »Viel wichtiger ist doch wohl, was ihr da macht, und erzähl mir nicht, dass ihr Kochrezepte austauscht!«
   Meine Frau schaute mich vorwurfsvoll an. »Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst. Du tust ja gerade so, als ob unser Küchenhelfer ein Mensch wäre.«
   »Und du meinst, das beruhigt mich?«, kreischte ich. »Immerhin liegst du mit diesem Ding im Bett!«
   »Na hör mal, du bist doch selber schuld! Ich wollte einen Haushaltsroboter haben, aber du hast darauf bestanden, dass wir diesen gut gebauten, fantastisch aussehenden Küchenhelfer nehmen, dann darfst du dich auch nicht wundern, wenn so etwas geschieht.«
   Die Reaktion meiner Frau verschlug mir für einen Moment die Sprache. Lisa war total verrückt geworden! Dieser Küchenhelfer hatte ihr vollkommen den Kopf verdreht. Ich musste schnellstens etwas unternehmen, wenn ich nicht wollte, dass meine Ehe wegen einer genetisch erzeugten Küchenmaschine in die Brüche ging.
   »Dieser Küchenhelfer verschwindet augenblicklich wieder aus unserem Haus!«, schrie ich. »Und du brauchst gar nicht erst zu versuchen, mich umzustimmen. Mein Entschluss steht fest. Du bekommst einen ganz gewöhnlichen Haushaltsroboter, wie ihn alle anderen auch haben, und dieser Reagenzglascasanova verschwindet wieder in Bobs Forschungsabteilung!«
   »Aber …«
   »Keine Widerrede!« Sollte meine Frau ruhig merken, wer in unserer Familie die Hosen anhatte. Bevor Lisa protestieren konnte, drehte ich ihr den Rücken zu und stapfte wütend aus dem Schlafzimmer.
   »Der Küchenhelfer soll sich auf der Stelle anziehen, damit ich ihn zurückbringen kann!«, befahl ich.
   Während ich auf den Küchenhelfer wartete, bestellte ich per Internet den besten Haushaltsroboter, den ich finden konnte. Sollte meine Frau auch noch so sehr zetern, wenn der Roboter erst einmal geliefert worden war, würde sie schon merken, dass ich nicht bereit war, nachzugeben.
   Der Küchenhelfer erschien angekleidet im Türrahmen.
   »Mitkommen!« Ich stürmte voraus wie ein Feldherr auf dem Weg zur Schlacht. Bob konnte was erleben! Wenn er glaubte, dass ich es so einfach hinnahm, dass seine sexbesessene Küchenmaschine mit meiner Frau ins Bett stieg, hatte er sich getäuscht!

Um diese Zeit würde ich Bob nicht mehr in seiner Forschungsabteilung antreffen, und so fuhr ich direkt zu seiner firmeneigenen Apartmentwohnung.
   Bob öffnete bereits nach dem ersten Klingeln. Als er den Küchenhelfer sah, grinste er breit.
   »Wie ich sehe, hat deine Frau bereits genug von ihm.«
   »So würde ich das nicht nennen«, antwortete ich sarkastisch und kam drohend auf ihn zu.
   Bob wich überrascht vor mir zurück.
   »He! Moment mal. Was ist denn los?«
   »Was los ist? Ich habe dieses … dieses … Ding mit meiner Frau im Bett erwischt.«
   Bob schaute mich einen Augenblick lang sprachlos an. »Na und?«, fragte er dann.
   Na und? Ja, waren denn jetzt alle verrückt geworden?
   »Hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe? Dein Küchenhelfer hat mit meiner Frau im Bett gelegen!«
   »Ich hab dich schon verstanden. Ich weiß nur nicht, warum du dich deshalb so aufregst. Es ist doch nichts passiert.«
   »Ach?«, fragte ich zynisch. »Und woher willst du das wissen? Warst du etwa dabei?«
   »Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ohne Geschlechtsorgan viel passiert ist.«
   Als ich begriff, was Bob gesagt hatte, fiel mir die Kinnlade herunter.
   »Du meinst, er hat keinen …«
   »Natürlich nicht! Warum sollten wir ein Wesen, das künstlich im Labor erzeugt wurde, mit Fortpflanzungsorganen ausstatten? Außerdem wollen wir unsere Produkte verkaufen und uns nicht selbst durch deren Nachkommen Konkurrenz schaffen.« Bob klopfte mir beruhigend auf die Schulter. »Du kannst dir sicher sein, dass zwischen dem Küchenhelfer und deiner Frau nichts gelaufen ist. Außerdem fehlt ihm das Zusammengehörigkeitsgen, er hat überhaupt kein Interesse an Sex oder Liebe.«
   »Und wieso hat er die ganze Zeit über mit meiner Frau geflirtet?«
   »Ich weiß ja nicht, was du zu sehen geglaubt hast, aber dieser Küchenhelfer würde genauso wenig mit deiner Frau flirten wie euer Kühlschrank. Außerdem beherrscht er doch nur ein paar Sätze. Mit »Hausherr, möchten Sie einen Kaffee?« und »Guten Tag!« wird er doch wohl kaum deine Frau beeindruckt haben.«
   Ich bekam plötzlich ganz weiche Knie und ließ mich in den erstbesten Sessel fallen. »Mehr Wörter spricht er nicht?«
   »Ich habe dir doch gesagt, das dieser Küchenhelfer noch lange nicht serienreif ist. Deswegen hast du ihn ja mitgenommen, damit deine Frau ein für alle mal von jedem Haushaltsroboter die Nase voll hat.«
   Entweder hatte sich gerade hinter Bobs Haus der Boden aufgetan und eine Wassersäule schoss heraus, oder es war mein Blut, das so in meinen Ohren rauschte. Plötzlich begann ich mich zu fragen, warum Lisa überhaupt so leichtsinnig gewesen war und ihr Tête-à-Tête in unserer Wochenendwohnung abgehalten hatte. Sie wusste doch, dass ich sofort benachrichtigt würde, sobald sie die Wohnungstür öffnete. Wäre meine Frau in ein Hotel gefahren, hätte ich niemals etwas davon erfahren. Ich wurde das Gefühl nicht los, übers Ohr gehauen worden zu sein. Aber warum sollte Lisa mir so eine Komödie vorspielen? Als ich plötzlich die Zusammenhänge begriff, glaubte ich den Boden unter den Füßen zu verlieren.
   »Der Haushaltsroboter!« Ich warf einen entsetzten Blick auf meine Armbanduhr. Mittlerweile musste er längst geliefert worden sein. Ich sackte kraftlos im Sessel zusammen. Während ich geglaubt hatte, meine Frau auszutricksen, hatte sie mich ausgetrickst. Was war das nur für eine Welt, in der ein Ehepartner den anderen übers Ohr haute?
   Bob schaute mich entsetzt an. »Du hast Lisa doch keinen Haushaltsroboter gekauft, oder?«
   »Doch«, nickte ich.
   Bob ließ sich in dem Sessel neben meinem fallen.
   »Adios, Kaliger«, stöhnte er.
   Na ja, dachte ich seufzend, etwas Gutes hatte die Sache doch: Ich würde in Zukunft endlich wieder etwas Vernünftiges zu essen bekommen.«

© 2003 by Uwe Hermann • Erstveröffentlichung


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21.05.06 • 02.09.10