| Es ist fast schon Tradition, dass Frank W. Haubold in losen Abständen eine
kleine Sammlung seiner neuen oder zwischenzeitlich verstreut in Anthologien erschienenen
Geschichten veröffentlicht. Auch Das Geschenk der Nacht ist so eine Senke, in
der sich alle kurze Prosa gesammelt hat, die Haubold in den vergangenen Monaten verfasste
- ein, um es kurz zu sagen, sehr kurzweiliges Buch, das fast alle Facetten der Phantastik
aufgreift und den Bogen vom Horror über die Fantasy bis hin zur Science Fiction spannt.
Der Autor spielt in seinen Storys mit heimischen Märchen genauso wie mit Motiven der
angloamerikanischen Phantastik. Frank W. Haubold versteht es, durch ruhige Bilder zu
beeindrucken; das Grauen, der Zweifel, die Erhabenheit entstehen im Kopf. Kein
Kettensägen-Massaker und keine Raumschlacht stören den inneren Zauber der Geschichten,
die auch darum noch lange nachwirken, weil sie nicht nur unterhalten möchten, sondern
eine Botschaft zum Leser transportieren (und das weitgehend ohne erhobenen Zeigefinger).
In den düsteren Geschichten des Buches sind es vor allem die Urängste und
Schuldgefühle, die verlorenen Augenblicke und unwiederbringlichen Gelegenheiten, welche
die Protagonisten nicht zur Ruhe kommen lassen: Die erste Liebe in »Die Stadt am Fluss«
und »Die weißen Schmetterlinge«, finstere Geheimnisse in »Leonora« und »Die Stimme
des Blutes«, oder Episoden aus einer nahen, kaputten Zukunft wie »Die Rakete« und
»Unter dem Regenbogen«.
Die Schwäche eines jeden vom Autor selbst zusammengestellten Erzählungsbandes ist die
Auswahl. Es fehlt der kritische unvoreingenommene Blick des Herausgebers. So finden sich
neben einer so originellen Märchenadaption wie »Der Puppenmacher von Canburg« (nach dem
Volksmärchen »Der Rattenfänger von Hameln«) auch so schwache und plakative Texte wie
»Das Labyrinth« und »Die Abaddon-Mission«. Während in ersterer Story lediglich ein
Mann in besagtem Labyrinth herumirrt, bis er von einem Ungeheuer gefressen wird, dauert es
ewig, bis die bösen irdischen Militaristen in »Die Abaddon-Mission« von durch Erfahrung
geläuterten Raumfahrern bestraft werden. Das ganze läuft unter dem Motto »Aufstand des
Gewissens«. Der Mann im Labyrinth soll indes wohl eher eine symbolische Figur darstellen,
den Menschen in der Diktatur, der sich nicht traut, die Tür zur Freiheit aufzustoßen und
folgerichtig Opfer des Systems wird. Es gibt kein richtiges Leben im falschen!
W. Pankow ALIEN CONTACT
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