1
Als ich die Augen aufschlug, begriff ich endlich, daß ich nicht als stiller Mann
zwischen Seegras und Meerdisteln umhertrieb, ein Tischlein-Deck-Dich für Krebse und Aale.
Über mir war blauer Himmel. Eine frische Brise klatschte mir die nassen Kleiderfetzen an
den Leib.
Ich fror wie ein junger Hund. Sprang auf, um mir Bewegung zu machen.
Hallo! Zehn Schritt weit lag ein armseliger Lumpenhaufen, um einen
Holzbalken gewickelt. Armer Kamerad! Es ist ein verteufelter Scherz des Schicksals, einen
Schiffbrüchigen, nachdem er ertrunken, an Land zu werfen.
Ich trat näher.
Der Tote schnarchte fürchterlich.
Ich schüttelte ihn, wie einen Baum, von dem man unreife Pflaumen
abschütteln will. Endlich ließ er den hölzernen Notanker fahren, tastete mit
vorsichtigen Händen in den trocknen Sand, setzte sich auf, rieb sich die Augen, gähnte,
blickte mich ohne Erstaunen an und brummte: »Hast Du wat to essen?«
Da spürte ich, daß ich an Stelle des Magens ein schwarzes, leeres Loch
hatte.
Hein sah mit Interesse, wie ich mir die Fäuste in den hohlen Bauch
drehte, seufzte und wußte Bescheid. »Los!« kommandierte er. Wir krabbelten uns zusammen
hoch und erkletterten die nächste Düne. Etwa fünftausend Schritt vor uns lag an der
Bucht eine Stadt von ansehnlicher Größe.
Hein nickte zufrieden und sagte mit der Sicherheit eines Menschen, der
sich auf seine Ortskenntnis verlassen kann: »Stimmt«!
Wir trotteten mühsam am Strand entlang, in der Hoffnung, noch den oder
jenen unserer Kameraden auflesen zu können. Damit war es leider nichts.
Unvermittelt standen wir plötzlich in einer breiten Straße. Kein
Mensch ließ sich blicken, in der Ferne sausten Autos und bogen schwarmweise um die Ecken.
Wir suchten nach einem Bäcker- oder Fleischerladen und hofften, durch
unseren jammernswerten Aufzug eine Mahlzeit zu erbetteln. Die schönen bunten Häuser,
jedes einen Straßenblock breit, zeigten uns weder Schaufenster, noch Ladeneingänge, noch
Reklamen.
»Junge, Junge«, Hein kratzte sich hinterm Ohr, »dat is ne stinkfeine
Gegend, ne Art Uhlenhorst mit lütten Wolkenkratzern bloß fürn
Sonntag .« Er spuckte kräftig aus und meinte, wenn das n orntlicher
seebefahrener Ort wäre, müsse sich ein Seemannsheim finden lassen.
Wir schleppten uns mühsam weiter in der Hoffnung, daß die vornehmen
Paläste abbröckeln und in schmale dunkle Proletarierbudiken übergehen würden, wo man
versteht, wie es armen Teufeln zumute ist, denen das Salzwasser näher war als Erbsensuppe
mit Speck.
Es blieb aber, wie wir es angetroffen hatten, und unsre Verzweiflung
wuchs. Ich schlug vor, Fensterscheiben einzuschmeißen, dann würde man sich schon um uns
kümmern. Aber womit? Die Straßen waren mit Gummi gepflastert und reinlich und wir
merkten auf Schritt und Tritt, daß wir nicht hineingehörten, denn die blitzblanke
Sauberkeit äfft allzu nüchterne Mägen.
Wie wir so in die Luft guckten, weil von dort die guten Gedanken kommen,
sahen wir über der Straßenkreuzung elegant geschwungene Brücken, die die flachen
Dächer der Häuser miteinander verbanden. Dort oben, in sechs oder mehr Stock Höhe
gingen Menschen spazieren, das war deutlich zu erkennen. Hein mißbilligte diese
wunderliche Einrichtung und fand sie verdächtig, trichterte aber doch seine Hände vor
den Mund und schrie »Ahoi!«
Bevor eine Antwort herunterkam (wer weiß, hätten sie Hein gehört, da
oben), schlug uns ein neuer Schrecken in die Glieder. Es jagte nämlich ein Wagen heran,
völlig geräuschlos und so schnell, daß uns keine Zeit blieb, beiseite zu springen.
Feierabend, dachte ich und überließ das weitere der Unfallstatistik. Aber kaum zwei
Meter vor uns wich das Fahrzeug aus und hielt so rasch und sanft, als wäre es gegen einen
Berg von Watte gerannt.
Drei Männer in weißen Hosen und Sandalen kletterten heraus. Sie sahen
aus, als hätten sie gut gefrühstückt und wollten nun zum Tennisplatz fahren, um sich
Appetit für das Mittagessen zu machen. Sie bewegten sich wie Leute, die der Not den
Rücken zukehren, frei und ohne Zwang. Um ihr Auto wirklich hatte ich noch
nirgendwo einen so prächtigen Wagen gesehn witterte Millionärsgeruch, obwohl es
nicht nach Benzin roch.
Sie schimpften nicht etwa, weil wir ihnen den Weg verlegt hatten,
sondern lachten freundlich und schüttelten uns die Hände. Was sie dabei sprachen,
verstanden wir nicht, aber es klang angenehm. Ehe wir recht zum Bewußtsein kamen, hatten
sie uns im Auto verstaut. Wir sausten los, ohne daß jemand das Steuerrad hielt, flitzten
um Ecken, wichen andern ebenso feinen Kraftkutschen aus, niemand hupte ... Wir saßen
steif und starr vor Angst, während die drei Herren, die uns zu dieser Spazierfahrt im
Rekordtempo eingeladen hatten, sorglos wie Kinder lächelten und sich nicht im geringsten
darum kümmerten, daß die wild gewordene Maschine mit uns durchging.
Hein stieß mich leise an und flüsterte mißtrauisch zwischen den
Zähnen, ohne den Kopf zu drehn: »Dat gefällt mich nich, Korl dat is n
gemeingefährlicher Jux keen Taifun schlägt mir in die Kaldaunen, aber dat
Geschunkel in die Achterbahn bekömmt mich nich « und er war blaß von Angesicht.
2
Wir fuhren durch ein Tor. Im Innenhof des Hauses schraubte sich die Straße wie ein
ausgebohrtes Gewinde von Stockwerk zu Stockwerk. Dicht unterm Himmel hielten wir und
durften aussteigen. Die Tennisspieler faßten uns unter die Arme, das hieß, wir sollten
mit ihnen gehn. Heins Muskeln zuckten unter dem zerschlissenen Wollschwitzer. Ich riet ihm
aber ab, schon jetzt handgreiflich zu werden, die Leute sähen nicht wie Bösewichter aus,
auch mache eine allzu schnelle Faust am Kinn des Nachbarn keinen guten Eindruck. Da
bezwang er sich. Das war zu unserm Vorteil. Wir traten in einen großen Speisesaal mit
langen weißgedeckten Tafeln. Blumen waren zierlich zwischen den Tellern ausgestreut. Ich
hatte Ähnliches in großen Hotels von außen durch die Fenster gesehn. Während wir den
Ort musterten, rückten auf einem blanken Metallband inmitten des Tisches Schüsseln an,
aus denen es dampfte. Wir sahen und hörten nichts mehr, die Welt hatte nur noch durch die
Nasenlöcher Zutritt zu unserm Innern. Die Schüsseln machten vor uns halt und öffneten
ihre silbrigen Deckel. Uns wurde schwach in den Knien, da saßen wir schon auf den
Stühlen.
Es war uns anfangs genierlich, angesichts so sauber gekleideter Leute,
die sich so bequem und wohlhabend in ihren Gebärden hielten, unsern Hunger zu stillen.
Aber wir gewöhnten uns rasch, zumal noch einige Gerichte heranschwebten und uns niemand
die Bissen in den Mund zählte. Die drei Leute im Tennisanzug freuten sich über unsern
Appetit später staunten sie. Wir schnallten an die drei oder viermal den Leibgurt
nach. Endlich lehnten wir uns in die Sessel zurück und fühlten uns leiblich neu geboren.
Den Rosinenkuchen ließen wir unversehrt. Wir gedachten ihn als Proviant
an uns zu nehmen, aber die Gelegenheit war gegen uns, mindestens einer von den Dreien
hatte immer ein Auge auf uns, wenn auch nur zufällig.
Wir reckten und dehnten uns, wobei unversehens Hein seinen Dank für die
reichliche Mahlzeit kurz, aber sehr heftig zum Ausdruck brachte. Wir erschraken peinlich,
traten doch gerade in diesem Augenblick einige sehr schöne junge Frauen durch die Tür,
denen dieses unbedachte Geräusch nicht entgangen war. Sie waren indessen nicht beleidigt,
sondern lachten und vermieden es nur, unsre Nähe zu suchen, wie auch die drei
Tennisspieler, ohne uns zu verjagen, heiter blieben und lediglich einige Schritte
zurückwichen.
Nachdem sie der Natur ihre Zeit gelassen hatten, schüttelten sie uns
wie guten Freunden die Hände und gingen. Bezahlt hatten sie nicht, wir erwarteten mit
einiger Besorgnis den Kellner. Statt dessen winkte uns eine von den Damen. Weil wir jedoch
nicht glauben konnten, daß es uns gälte, drehten wir die Köpfe weg. Sie kam näher,
berührte unsre Schultern mit ihren feinen Händen und redete sehr zutraulich. Obwohl wir
es nicht verstanden, merkten wir doch, daß wir mit ihr gehn sollten. Wir wußten keinen
Grund, ihr diesen Wunsch zu verweigern, denn sie war sehr hübsch, nur etwas zu mager,
meinte Hein.
Wir folgten ihr in den Fahrstuhl, sausten abwärts, trabten durch einige
gekachelte Gänge und kamen in einen weiten hellen Raum. In dem großen runden
Wasserbecken inmitten der Halle schwammen und plantschten Männer und Frauen. Badehosen
trug niemand, aber sie bewegten sich trotzdem ganz natürlich und waren sehr lustig. Sie
spielten wie schöne Tiere, freuten sich an der Gewandtheit ihrer prächtig geformten
Leiber. Scheele Blicke auf das Besondre, das wir verhüllen, als wäre es krank und böse,
sah ich nicht. Es blieb uns jedoch vorerst nicht viel Gelegenheit, uns über andre zu
wundern, da uns die Dame vor zwei Duschen führte und bedeutete, wir sollten uns ausziehn.
Wir zierten uns aus Anstand. Sie glaubte aber, wir hätten sie nicht verstanden und fing
ohne weiteres an, mir die Kleider zu lösen. Hein fand sich schneller in die Lage. »Denn
man tau!« rief er, fuhr flink aus der alten Schale und ließ das Wasser über sich
hinbrausen. Das Fräulein nickte ihm munter zu. Dann besah es uns vom Kopf bis zu den
Füßen, als wollte es uns auswendig lernen. Hein meinte, es wäre an der Zeit, sich der
Dame gefällig zu erweisen und piekte sie mit dem Finger in die Seite. Sie wich aus ohne
Zorn, vielmehr wußte sie nicht, was Hein mit dieser Zärtlichkeit bekunden wollte
die Sitten in diesem Land waren eben sehr verschieden von den unsern, das zeigte sich
immer deutlicher raffte unsre alten Klamotten zusammen, winkte uns beruhigend zu
und verschwand.
Wir säuberten uns in Eile, während mir Hein seine Erfahrungen in
gewissen japanischen Dampfbädern mitteilte. Sie ließen sich jedoch nicht ohne weiteres
auf die Verhältnisse übertragen, die wir hier angetroffen hatten. Vieles blieb
rätselhaft.
Wir trockneten uns über einem Fußbodengitter, aus dem warme Luft
strömte und uns wohlig umhüllte. Die Dame kam zurück und trug weiße Wäsche auf den
Armen, in die wir uns kleiden mußten, auch gab sie uns Sandalen aus weichem, weißem
Gummi. Alles paßte wie auf Maß gemacht, und ich meinte, daß Heins Vermutungen
bezüglich der kritischen Musterung unsrer bloßen Männlichkeit falsch gewesen wären. Er
stimmte mir zögernd bei. Wir sahen jetzt aus wie die Mannschaft einer Luxusjacht in den
kurzärmligen, am Hals weit offenen Hemden aus feinem Zeug und den breiten Hosen. Hein
befühlte den Stoff zwischen den Fingern und behauptete, er übertreffe die beste indische
hausgewebte Bergwolle und er werde einen Ballen davon mitnehmen, wenn der Baas einen
Vorschuß auf die Heuer herausrücken würde, denn wir hofften Schiffsarbeit zu finden.
Indessen faßte uns das Fräulein an den Händen, als ob wir Kinder
wären, und führte uns in den Hof, wo viele Autos von der gleichen Art standen wie das,
mit dem wir in dieses gastliche Haus gekommen waren. Wir mußten eins besteigen, das
Mädchen machte sich am Vordersitz zu schaffen, wo der Lenker zu sitzen pflegt, sprang
aber in dem Augenblick, als der Wagen anzog, heraus, rief uns einen Gruß zu und
entschwand unsren Blicken, weil das Fahrzeug in die Straße einbog und wie der Teufel
abging.
»Dat der Schofför vorn in der Blechschnauze bei n Motor
eingesperrt is, dat is ne polizeiwidrige Menschenschinderei«, brummte Hein, »un
dat beweist mich, dat hier wat nich stimmen kann mit die Freundlichkeit.« Ich mochte das
nicht glauben, zumal der Vorderkasten schmächtiger war als gewöhnlich und kaum ein Kind
hätte aufnehmen können, freilich wußte auch ich keine Erklärung.
Geheuer war uns nicht. Mir fielen Geschichten ein von verkapptem
Sklavenhandel, die ab und zu durch die Zeitungen ziehen. Hein bestätigte meinen Verdacht:
»Mit n strammet Essen geiht dat an und bi die Fremdenlegschon hört et af, und ick
willn armstarkes Tauende fressen, wenn wir nich im Rekrutendepot vor Anker geihn un
morgen Griffe kloppen.« Trotz des Wohlgefühls in unsren Mägen trübten sich unsre
Gedanken. Am liebsten wären wir von Bord gegangen, aber die Maschine flitzte wie ein
Pfeil durch die breiten Alleen. Gewaltsam aus dem Leben zu scheiden, war später immer
noch Zeit.
Wir tauchten in ein sehr hohes und stattliches Gebäude ein, kurvten
etliche Schraubengänge empor und hielten vor einer offenen Säulenhalle, durch die man in
der Ferne das Meer blauen sah. Schon trat ein Mann zu uns heran mit derselben freimütigen
Höflichkeit, die uns alle andern bisher erwiesen hatten. Er sprach uns auf deutsch an.
»Folgt mir, bitte«, sagte er langsam und mit fremdartigem Einschlag, »Joll möchte Euch
sprechen.« Das überraschte uns so heftig, daß wir zu fragen vergaßen, auch ging er
rasch vor uns her, öffnete ein Zimmer und schob uns über die Schwelle. »Ein wenig
warten.« Er deutete auf die bequemen Stühle, lächelte und ließ uns allein.
3
Der Raum war nach einer Seite offen und ging wie es schien auf einen breiten Balkon
hinaus. Ein mächtiger Schreibtisch in der Form eines Hufeisens beherrschte die Mitte.
Kleine Hebel, Drehknöpfe und matterleuchtete Glasplatten machten ihn fremd. Plötzlich
sprach eine Stimme, ohne daß wir ahnten, woher sie kam. In einer der gläsernen
Schreibunterlagen zeigte sich bunt der Kopf eines Mannes, neigte sich wie lauschend vor,
als erwarte er eine Antwort, und zerfloß vor unsern Augen in hellen Nebel.
Hein sah sich nach allen Seiten vorsichtig um und wischte mit dem Daumen
über die Stelle, wo das Bild verschwunden war, es folgte jedoch nichts.
»In den Südstaaten«, flüsterte er und trat mir zur Bekräftigung auf
den Fuß, »haben sie elektrische Folterkammern ...! Da war old Kappy, ein Schauermann,
schwarz von Angesicht, aber mit einem engelweißen Herzen ... Sie brauchten aber ein
Geständnis, wer die hundert Barrels Tran gestohlen hätte ... Dat heißt, der Frachter
hatte sie selbst auf die Seite gebracht, wegen die Versicherung, mußt Du wissen ... Als
old Kappy aus der Zelle wieder rauskam, hatte er zeitlebens n schiefes Gesicht, dat
linke Bein war außer Gang gesetzt un er hatte allens gestanden, wat er nicht begangen
hatte. Später haben sie ihn gehangen, womit er zufrieden war, wat is n Docker mit
n lahmes Bein, frag ich?« Er wurde noch leiser. »De Düwel mag wissen, wat for
Hallunken uns hier in ihr Garn verwickeln. Dat schlimmste is, dat sie dir mit n
büschen Strom windelweich machen wie n Schwabber, un wenn du sonst n Kerl
bist, der mit Doppelzentnern Fangball spielt ...« Er krampfte in ohnmächtiger Wut seine
Fäuste.
Man hatte uns bisher zuviel guten Willen bewiesen, während wir doch
gewohnt waren, mit groben Nieten ans Elend gehämmert zu werden, sobald uns die Groschen
in der Tasche ausgingen. Wären wir noch lange uns überlassen geblieben, hätten wir
vielleicht zu unsrer »Rettung« eine Dummheit ausgeheckt, denn Heins Befürchtungen
hatten mich angesteckt. Zum Glück öffnete sich die Tür und der Mann trat ein, von dem,
wie wir nach seiner ganzen Art merkten, unser weiteres Schicksal abhing.
Er blieb dicht vor uns stehn und lugte uns scharf aus hellen, grauen
Augen an. Ich glaube, wir gefielen ihm. »Du bist Seemann?« fragte er in gutem Deutsch
Hein.
Hein klappte die Hacken zusammen und meldete forsch für uns beide:
»Hein un Korl, schiffbrüchig von der Dreimastbark Albatros, Heimathafen Hamborg ...«;
etwas weniger sicher fügte er bei »... uns Papiere sind versoffen, Herr
Präsident, aber dat wir Hein und Korl sind, dat mögen Sie man gläuwen ...«
Der Mann vor uns schüttelte verwundert seinen mächtigen angegrauten
Kopf, seine schmalen Lippen preßten sich einen Augenblick lang hart aufeinander und wir
fürchteten, er werde uns in den Hackwolf hineinstoßen, der aus Menschenfleisch amtliche
Dauerwurst macht.
»Wir sind hier keine Hampelmänner«, sagte er halb finster, halb
spöttisch, und ahmte Heins stramme Haltung nach ... »um Ausweispapiere kümmern wir uns
schon gar nicht, das laßt mal alles mit dem Albatros auf Grund gegangen sein!«
Wahrscheinlich haben wir auf diese Rede nicht mit gescheiten Gesichtern
gezeichnet, denn er lächelte und das flog uns wie eine gute Botschaft ins Herz. Deshalb
mochte ich ihn nicht anschwindeln, als er mich fragte, was mich in die Fremde getrieben
hätte. Er gehörte zu den Leuten, vor denen Unaufrichtigkeiten krank werden und
krepieren.
»Sie wollten mich auf zwei Jahre zum Tütenkleben abkommandieren«,
sagte ich.
»Weshalb?« Die grauen Augen verhakten sich in mir, aber von dem
Abscheu, den »gebildete Leute« vor einem Zuchthausaspiranten haben, merkte ich nichts.
Ich faßte Mut: »Wegen revolutionärer Umtriebe, meinte der Staatsanwalt ...«
Der Mann schwieg lange, was er bei sich dachte, blieb uns hinter seiner
hohen, breiten Stirn verborgen. Endlich sprach er: »Der Sturm hat Euch an die Küste der
freien Arbeitergenossenschaft von Utopien geworfen. Wenn Ihr klassenbewußte Proletarier
seid, werdet Ihr Euch bei uns wohl fühlen. Mehr als irgendwo auf der Welt gilt bei uns
gleiches Recht von Geburt an und solidarisches Handeln. Wir haben unser Haus nach unserm
Willen gezimmert und ich denke, Ihr werdet finden, daß sich darin gut wohnen läßt.
Wir behaupten in unserm Land die unbeschränkte politische Macht.
Eine dünne Schicht von Geschäftemachern hat sich noch halten können, weil die letzte
Revolution glaubte, ihnen Handelsvorrechte einräumen zu müssen, um uns vor Mangel zu
schützen. Diese Zeiten liegen längst hinter uns, dennoch hält es die Mehrzahl von uns
für eine unnötige Härte, ihren Besitz einzuziehen und meint, diese Leute würden
allmählich im eignen Fett ersticken.« Seine Brauen schoben sich finster zusammen, es war
deutlich, daß er diese Ansicht nicht teilte. So spann er wohl einige Sekunden lang eigene
Gedanken fort, es schien, als habe er uns vergessen.
Endlich besann er sich und kam uns einen Schritt entgegen. »Ihr müßt
wählen: wenn Ihr Lakaien bei den Geldleuten werden wollt, könnt Ihr Euch an einen der
Gehröcke hängen, die Ihr auf den Dachstraßen spazieren seht, sie brauchen jederzeit
Speichellecker und Kammerdiener. Wenn Ihr aber von unserm Schlage seid ...«
Da unterbrach ihn Hein und sagte mit starker Stimme, als müßte er
gegen den Wind anrufen: »Ick war schon im Mutterleib n organisierter Prolet, un wat
de Korl is, da liegt et ooch in de Familie ... Seinen Ollen hat der Bismarck ins Loch
gestochen, weil er n roten Schlips getragen hat am 1. Mai ...«
Der Mann mit dem Namen Joll schüttelte uns herzlich die Hände:
»Willkommen, Genossen!«
4
»Ihr müßt vor allem erst utopisch lernen, hatte uns Joll geraten, als er uns
entließ, damit Ihr Euch frei bewegen könnt ...«
Ich habe mir das Lernen von fremden Sprachen stets als eine ungeheuer
schwierige Sache vorgestellt, was wohl daher kam, daß man uns von Jugend auf eingeredet
hatte, alles was über den Platz an der Maschine und die Mietkaserne hinausgehe, tauge
nicht für ein Arbeiterhirn. In Wahrheit gehört nicht mehr Grips dazu, die Zunge und das
Gedächtnis gelehrig zu machen, als den richtigen Ansatz von Hobel oder Feile zu
begreifen. Ein tüchtiger Tischler oder Schlosser, der seinen Kram versteht, entwickelt
mehr Intelligenz als der durchschnittlich »Gebildete«, der sich für einen Halbgott
hält, weil er seine Rede mit fremden Wörtern schmücken kann und Kostproben von
Geschichts- oder Kunstverständnis verteilt, die nach gegorenem Pflaumenmus schmecken.
Damals hatte ich noch einen dunklen Respekt vor dieser Art und traute
mir nicht zu, in Kürze im neuen Leben Wurzel zu schlagen.
Es kam aber anders.
Man führte uns in ein Zimmer, das wir für eine noble Barbierstube
hielten, und setzte uns in die verstellbaren Nickelstühle.
»Mir hinten kurz raus!« sagte Hein und deutete auf seinen Haarschopf.
Der Mann im weißen Mantel, der hier hantierte, wunderte sich und schüttelte den Kopf.
»Nein«, meinte er freundlich auf deutsch, »durch die Ohren und Augen hinein ...«
Wir sprangen auf und wollten auskratzen, aber er beruhigte uns. »Ihr
seid hier im Institut für Lehrschlaf«, erklärte er, »und lernt in der Hypnose die
Grundlagen unsrer Sprache. Wenn Ihr jeden Tag ein bis zwei Stunden zu mir kommt und in der
Zwischenzeit Euch lebhaft mit den Genossen unterhaltet, seid Ihr in spätestens einer
Woche perfekte Utopier.« Wir widerstrebten nicht länger, zumal die Art dieses Mannes
wohlig einschläfernd auf uns wirkte. Halb liegend wurden uns Hörbügel an die Ohren
geklemmt. Aus einem Schrank holte der Mann eine flache Scheibe, einer Fonografenplatte
ähnlich, und steckte sie in einen Apparat. Über die Wand vor uns begannen Schriftzeichen
zu laufen. Bevor wir noch recht was denken konnten, schliefen wir schon.
Wir erwachten wie aus traumlosem, erfrischendem Schlummer. Einige Leute
umstanden uns, ihre Rede klang nicht mehr fremd, und als sie uns ansprachen und wie gute
Freunde begrüßten, antworteten wir, als wäre das ganz natürlich, in ihrer Sprache und
konnten ihnen für ihre Mühe danken. Ihr werdet verstehn, wie froh wir waren, nicht mehr
stumm wie Stockfische zwischen vergnügten Menschen herumschwimmen zu müssen.
Wir zogen los. Unsren neuen Freunden machte es Spaß, uns in ihre Welt
einzuführen. Sie verwunderten sich, daß wir über Dinge staunten, die ihnen längst
selbstverständlich waren. Wir wiederum kamen uns wie Buschneger vor, die zum ersten Mal
eine Stadt beziehen.
Allein schon die Tatsache, daß sich das ganze Leben oben auf den
Dachstraßen abspielte, daß es da Gartenanlagen und Spielplätze gab und Hallen mit
versenkbaren Glaswänden, die bei starkem Wind oder Regenwetter nach Belieben geschlossen
werden konnten, mutete uns märchenhaft und unwirklich an. Breite bequeme Liegestühle
luden überall zum Sitzen ein, ohne daß ein dienstbarer Geist auftauchte und
Benutzungsgebühr verlangte. Es war wie in einem schönen gepflegten Kurpark, nur daß
Kranke, Gebrechliche und aufgeputzte Nichtstuer fehlten. Denn das wunderbarste an allem
waren die Menschen, die sich Proletarier nannten und sich doch so frei und ungebeugt, so
leicht, kraftvoll und sicher bewegten, wie es nur dem gegeben ist, der niemals mit der Not
auf Leben und Tod ringen mußte. Aufrecht und wohlgebildet wie ihre Körper waren ihre
Gedanken. Alle die tausend Listen und kleinen Betrügereien, die wir täglich anwenden
müssen, um uns Geltung zu verschaffen und den Vorteil zu erjagen, ohne den wir von den
Nachdrängenden zertrampelt werden, hatten hier keinen Sinn. Vielleicht waren sie keine
»besseren« Menschen als wir, aber die Form des Zusammenlebens, die sich unter ihnen
herausgebildet hatte, schloß böse Raubleidenschaften einfach aus und erzog sie zu
geraden heiteren Wesen, denen nichts natürlicher war als Hilfsbereitschaft und
mitteilsame Freundschaft. Weshalb sie so sein konnten? Der ungeteilte Ertrag ihrer Arbeit
floß ihrer Gemeinschaft zu, die Arbeitsenergien waren ökonomisch zusammengefaßt, und in
weit höherem Maße als bei uns ersetzte der Maschinen-Automat das Werk der Hand. Bis ins
letzte durchdachte Technik und Rationalisierung bedrohte hier nicht die Existenz des
Arbeiters, sondern steigerte sie. Die tägliche Arbeitspflicht betrug vier Stunden.
Bei diesem ersten Spaziergang begegneten wir auch anderen Gestalten: Männern mit
schwarzem Gehrock, den Zylinder auf dem Haupt, die Brust übersät mit klirrenden Orden
und Medaillen. Sie schwitzten unter ihrer Würde und zeigten saure Mienen. Das waren die
Geschäftemacher, von denen Joll gesprochen hatte. Kein Mensch kümmerte sich um sie, wenn
sie steifgebügelt vorüberstelzten. Sie mochten wohl selbst fühlen, daß sie nur noch
geduldet waren, so griesgrämig und verbissen schauten sie drein und verschluckten ihren
Ärger, wenn sie vor den fröhlichen leichtgekleideten Genossen ausweichen mußten. Man
nannte sie kurz: die Privaten.
Wir wunderten uns, daß sie so feierliche Anzüge trugen und so schweren
Klimperkram. Darüber belehrten uns lachend die Genossen. »Staatsgesetz!« erklärten
sie. »Ihr wißt doch, wie sehr diese Herren an Titeln und sichtbaren Auszeichnungen
hingen und sie benutzten, um sich über das »gemeine Volk« zu erheben. Wir verleihen sie
ihnen noch viel bereitwilliger als ihre Regierungen in früheren Zeiten. Nur knüpfen wir
daran die Bedingung, daß sämtliche Orden und Ehrenzeichen ständig zu tragen und im
Verkehr mit den Behörden alle Titel und Rang-Bezeichnungen zu nennen sind, bei Strafe der
Enteignung des Besitzes. Der da drüben«, sie zeigten auf einen vorüberschnaufenden
Specknacken, »schleppt zum Beispiel die dreipfündige Staatsmedaille für Klassenmord
über dem Herzen und die fünfpfündige Ehrenkette für Presseschwindel mit dem
Großkomturkreuz für fortgesetzte Steuersabotage um den Hals, und man kann begreifen,
daß er sich dabei nicht besonders wohl fühlt. Wollen mal hören, wie er heißt.«
Wir traten zu ihm und fragten nach seinem Namen. Er rollte fürchterlich
die Augen, zog jedoch höflich den Hut und ächzte: »Graf Speck zu Klauburg, wirklicher
geheimer Dividendenschlucker und Konjunkturschwindler, Staatskassenausplünderungsrat a.
D. und Ehrenmitglied der Akademie der erfolgreichen Konkurskünste, zu dienen, meine
Herren.«
Wir bedankten uns und ließen ihn laufen.
Hein kniff mich in den Arm. »Schade«, meinte er, »dat hier nich
Willem seine flüchtigen Zelte aufgeschlagen hat. Ick würde ihm ne hundertpfündige
Gasgranate mit Weltkriegsleichengestank unter die Neese hängen und ihn zum Professor für
Fahnenflucht und Volksverrat ernennen.«
5
Am Abend bezogen wir ein großes, luftiges Zimmer in einem der Gemeinschaftshäuser.
Wir vermißten leider in unserer Wohnung die ersehnten Betten und
glaubten schon, in Utopia lege man sich nachts auf den kalten Fußboden und decke sich mit
seiner eigenen Haut zu. Einer unserer neuen Freunde, der unseren Kummer bemerkte, drückte
lächelnd auf einen Knopf. Da schoben sich die getäfelten Wände auseinander und je ein
blitzendes Metallbett klappte sich geräuschlos herunter. Ebenso kam eine Wascheinrichtung
zum Vorschein, die man tagsüber verschwinden ließ. Wohn- und Schlafzimmer getrennt in
einem Raum.
Während wir uns auszogen und wuschen, meinte Hein, wenn das so weiter
gehe, würde er in acht Tagen zu faul sein, sich noch einen Hosenknopf selber zuzumachen.
Er stemmte zwanzigmal den massiven Tisch, der zwischen den Fenstern stand, um sich
auszuarbeiten, fiel dann in die Kissen und atmete sofort im Schlaf wie ein gewaltiger
Blasebalg.
Ich löschte das Licht und schaute hinaus auf das Meer. Boote mit bunten
Lampen schwankten auf der glitzernden Fläche. Fröhlicher Gesang tönte herauf. Im Süden
und Norden der Bucht strebten wie Lichtsäulen riesige Scheinwerferstrahlen gegen den
Himmel und erleuchteten die Dunstschicht der dünnen Wolkendecke. Über dem Zentralhaus
der Genossenschaft brannte eine riesige rote Fackel, deren Schein über die ganze Stadt
flog.
Dieses gewaltige Wahrzeichen leuchtete noch in meine Träume hinein.
Am nächsten Morgen waren wir uns selbst überlassen. Nachdem wir im Lehrschlaf unsere
Kenntnisse mühelos erweitert hatten, bummelten wir durch die Hafenanlagen, die Hein
fachmännisch und höchst anerkennend beurteilte. »Dat is allens wunderscheun«, meinte
er, »aber wat fehlt, dat sind lütte Kneipen, wo man sich von t Zukieken erholen
kann.«
Als wir einigen schmucken Mädels begegneten, lud er sie zu einem
kleinen Amüsemang ein, aber sie lachten bloß und gingen weiter. Er kaute kräftige Worte
zwischen den Zähnen, die zum Glück niemand verstand. Seine Laune war überhaupt nicht
die beste. Wir hatten im Genossenschaftshaus um Arbeit angesprochen. Das hat Zeit,
Jungens, hatte man uns gesagt, ruht Euch aus, schaut Euch im Land um. Die Genossenschaft
sorgt für alles, was Ihr braucht. Ihr könnt auch Privatgeld kriegen, wenn Ihr mal den
Pfeffersäcken einen Besuch abstatten wollt. Nur bitten wir Euch, ihre Schnapsdestillen zu
meiden ... Werdet schon selbst darauf kommen, daß man den Goldonkels am besten aus dem
Wege bleibt, sie gehören in eine andere Welt, die uns nichts angeht.«
Hein hatte draußen gebrummt, umsonst, auf Staatskosten lebten nur die
feinen Leute, er würde lieber ne tüchtige Heuer verdienen und alles mit einem Mal
auf den Kopp haun und so was wie St. Pauli hätte er hier noch nicht bemerkt und
Vorschriften ließe er sich schon gar nicht machen. Wir hatten uns deshalb ein bißchen
verzankt.
So gingen wir nebeneinander her, ohne eben viel zu reden, und kamen in
ein anderes Stadtviertel, das unregelmäßig gebaut und europäisch war. Ich wollte
umkehren, hier begann die Siedlung der Privaten, und das kannte ich. Aber Hein pfiff sich
eins und wurde munter. Vor einem niedrigen Laden, durch dessen Scheiben ein Bartisch mit
Flaschen in allen Formen und Farben schimmerte, blieb er wie hypnotisiert stehn.
Ich ahnte das Verhängnis. Weder gute noch böse Worte halfen. Hein
schob mich energisch beiseite, stieß die Tür auf, trat wuchtig ein und forderte einen
»Drink«. Der Bürger hinter dem Bartisch verstand nicht und geriet sichtlich in
Verlegenheit.
Kurz entschlossen ergriff Hein eine der Flaschen und tat einen
kräftigen, prüfenden Schluck. »Gut!« sagte er zufrieden und trank weiter.
Der Bürger erhob Zetergeschrei. Von der Straße liefen Genossen und
Private herbei. Die Arbeiter waren starr vor Staunen, dann versuchte einer Hein die
Flasche vom Mund zu reißen.
Ha, da kam Leben in die Bude.
Hein begann sich wohlzufühlen. Er zerschmiß mit der leeren Bottel ein
Fenster, streifte sich im Nu die Ärmel auf und ging wie ein wütender Bulle auf die Leute
los. Er boxte, als wollte er die Weltmeisterschaft gewinnen. Stühle flogen, Haarbüschel
sausten durch die Finger. Einige Gehröcke wurden verstaucht. Ordenssterne klirrten über
den Boden.
Allein die Männer von Utopia waren stärker, als der brave Hein
gerechnet hatte, und bald lag er reglos in der Schraube von acht festen Fäusten.
Jetzt stecken sie uns ins Loch, dachte ich. Der schöne Traum hat ein
Ende.
Sie schleppten Hein, der nur mit den Augen gefährlich rollen konnte, in
die Zentrale. Ein älterer Genosse hörte ihren Bericht. Hein, jetzt freigegeben, stand
halb trotzig, halb verlegen vor ihm.
Der Utopier schaute ihn lange ruhig an, sagte dann:
»Armer Kerl, du hast deinen Lebtag noch nie eine sorgenlose Stunde
gehabt, kannst mit dir selber nicht umgehen, wenn dich mal keiner hetzt, mußt die
Freiheit des Proletariers erst lernen.«
Hein senkte beschämt den Kopf.
»Willst du mit den Fischern auf See?«
»Topp«, sagte Hein und schüttelte dem Alten kräftig die Hand,
»n Kerl wie ich taugt nicht zum Spazierengehen.« Die Genossen lächelten.
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Hein hatte nun seinen Dienst, blieb tagelang auf See. Wenn er zurückkam, brachte er
frische Salzluft und gute Laune mit. Seine Kameraden gefielen ihm, waren derbe, fröhliche
Gesellen. Er vergaß seine Rauflust, packte nur zu, wenn es praktische Arbeit galt.
Ich dagegen beherzigte den Rat der Genossen, mir die Einrichtungen ihres
Landes anzuschauen, bevor ich eine Tätigkeit wählen wollte.
Zunächst fuhr ich hinaus in die Kindersiedlung. Sie umfaßte einen
gewaltigen Landkomplex. Die Gebäude, nur einstöckig, rings von breiten, überdachten
Terrassen umlaufen, lagen weit verstreut im Park- und Wiesengelände.
In jedem Haus waren ungefähr hundert Buben und Mädel untergebracht. Im
ersten Stock lagen die luftigen Schlafsäle und Wohnräume, im Erdgeschoß die
Werkstätten, Schulräume, ein Weiheraum. Elektrische Küche, Speicher, Wasch- und
Baderäume im Keller.
Solange es das Wetter einigermaßen erlaubte, spielte sich alles Leben
im Freien ab. In den schwülen Sommernächten zog die ganze Kolonie mit Hängematten in
die benachbarten Wälder und schlief dort.
Ich wanderte von Haus zu Haus und merkte kaum, wie der Tag verging.
Gegen Abend kam ich auf eine sanfte Anhöhe. Die Vorsteherin des weißen Hauses, das dort
zwischen immergrünen Bäumen wie auf einer Insel lag, bewillkommnete mich herzlich. Sie
war ein schönes Mädchen von etwa 24 Jahren.
Wir setzten uns vor die Terrasse auf eine Bank und genossen den Ausblick
auf das ferne Meer, über das die letzen Strahlen der Sonne liefen. Vor uns, auf den
Wiesen, tollten die Buben und Mädel nackt und unbekümmert.
Sie kamen zu uns heraufgesprungen und baten uns, ein Fangespiel
mitzumachen.
Ich kratzte mich bedenklich hinterm Ohr. Aber schon war die Genossin
aufgestanden, hatte ihren Rock abgestreift, gab mir lachend einen Klaps auf die Schulter
und lief davon.
Ich erinnerte mich plötzlich, vor 20 Jahren ein berühmter
Indianerhäuptling gewesen zu sein, wofür mir mein Vater häufig genug die Hosen
straffgezogen hatte.
Mit echtem Siouxgeheul sprang ich auf und setzte der hellen, schlanken
Gestalt nach. Die Kinder rannten mit, schrien und feuerten uns an. Leider sah ich bald
ein, daß der große Häuptling seine Künste überschätzt hatte. Die schöne Verfolgte
neckte mich, versteckte sich hinter Bäumen, schlug die gefährlichsten Haken, entwischte
immer wieder wie der Wind. Schließlich, als ich wie ein gefoppter Jagdhund japste, ließ
sie sich freiwillig fangen. Die Kinder jubelten und verspotteten meinen kurzen Atem.
Inzwischen waren die Sterne aufgegangen und ich dachte mit Wehmut an den
weiten Rückmarsch.
Die Genossin rief die Kinder zusammen und sprach mit ihnen: »Wollen wir
dem Genossen Karl sie hatte sich meinen fremdländischen Namen gut gemerkt
Asylrecht gewähren?«
»Ja«, schrien alle, »er soll bei uns bleiben und uns morgen von den
Genossen in Europa erzählen!« Ein Fünfzehnjähriger, der wohl die Hausverwaltung
führte, trat vor und meinte sachlich: »Wir haben in den Schlafsälen alle Betten belegt,
du mußt Karl mit in dein Zimmer nehmen, Genossin.«
Sie nickte zustimmend. »Gewiß, das zweite Bett bei mir steht frei,
komm!«
Mir wurde heiß und kalt und ich wäre plötzlich herzlich gerne nach
der Stadt zurückgetrabt. Aber weshalb denn? Ich gab mir einen Ruck. Endlich frei werden
von der Schamlosigkeit, den Körper wie ein aussätziges Geschwür zu verbergen. Endlich
sich seiner wohlgeratenen Glieder freuen dürfen. Erst hier spürte ich, wie weit ich
schon vermuckert war.
Ich schlug freudig ein und gelobte mir im stillen, den ganzen Plunder
einer verlogenen Unmoral gründlich zu vergessen.
Wir gingen in das Haus. Lange Tische wurden auf die Terrassen
herausgeschoben, dort aßen wir. Lieder wurden gesungen. Zart girrende Instrumente summten
in die Nacht hinaus. Von einem Nachbarhaus kamen Burschen und Mädel zu Besuch. Sie hatten
in ihrer Werkstatt in monatelanger Arbeit eine Verbesserung an der automatischen
Weichenstellung herausgetüftelt und berichteten nun voller Erfinderstolz von den
Vorzügen ihres Systems.
Die Debatte wurde von unseren Jungens sachkundig geführt. Als man sich
in einigen technischen Fragen an mich wandte, konnte ich leider nur mit den Schultern
zucken.
Ich war froh, als meine Zimmerkameradin die Sitzung aufhob.
Lange lag ich wach und lauschte auf die ruhigen, tiefen Atemzüge der
Schläferin neben mir.
»Jana« war sie von den Kindern gerufen worden.
»Jana Jana« flüsterte ich vor mich hin.
Und ich pries unseren Schiffbruch als ein glückliches Verhängnis.
© 1949/2005 Dr. Joachim Ruf |
 
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