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Werner Illing

Utopolis

1930 • Leseprobe

Shayol | Stories und Romane

— 1 —

Als ich die Augen aufschlug, begriff ich endlich, daß ich nicht als stiller Mann zwischen Seegras und Meerdisteln umhertrieb, ein Tischlein-Deck-Dich für Krebse und Aale. Über mir war blauer Himmel. Eine frische Brise klatschte mir die nassen Kleiderfetzen an den Leib.
   Ich fror wie ein junger Hund. Sprang auf, um mir Bewegung zu machen.
   Hallo! Zehn Schritt weit lag ein armseliger Lumpenhaufen, um einen Holzbalken gewickelt. Armer Kamerad! Es ist ein verteufelter Scherz des Schicksals, einen Schiffbrüchigen, nachdem er ertrunken, an Land zu werfen.
   Ich trat näher.
   Der Tote schnarchte fürchterlich.
   Ich schüttelte ihn, wie einen Baum, von dem man unreife Pflaumen abschütteln will. Endlich ließ er den hölzernen Notanker fahren, tastete mit vorsichtigen Händen in den trocknen Sand, setzte sich auf, rieb sich die Augen, gähnte, blickte mich ohne Erstaunen an und brummte: »Hast Du wat to essen?«
   Da spürte ich, daß ich an Stelle des Magens ein schwarzes, leeres Loch hatte.
   Hein sah mit Interesse, wie ich mir die Fäuste in den hohlen Bauch drehte, seufzte und wußte Bescheid. »Los!« kommandierte er. Wir krabbelten uns zusammen hoch und erkletterten die nächste Düne. Etwa fünftausend Schritt vor uns lag an der Bucht eine Stadt von ansehnlicher Größe.
   Hein nickte zufrieden und sagte mit der Sicherheit eines Menschen, der sich auf seine Ortskenntnis verlassen kann: »Stimmt«!
   Wir trotteten mühsam am Strand entlang, in der Hoffnung, noch den oder jenen unserer Kameraden auflesen zu können. Damit war es leider nichts.
   Unvermittelt standen wir plötzlich in einer breiten Straße. Kein Mensch ließ sich blicken, in der Ferne sausten Autos und bogen schwarmweise um die Ecken.
   Wir suchten nach einem Bäcker- oder Fleischerladen und hofften, durch unseren jammernswerten Aufzug eine Mahlzeit zu erbetteln. Die schönen bunten Häuser, jedes einen Straßenblock breit, zeigten uns weder Schaufenster, noch Ladeneingänge, noch Reklamen.
   »Junge, Junge«, Hein kratzte sich hinterm Ohr, »dat is ne stinkfeine Gegend, ne Art Uhlenhorst mit lütten Wolkenkratzern – bloß fürn Sonntag –.« Er spuckte kräftig aus und meinte, wenn das ’n orntlicher seebefahrener Ort wäre, müsse sich ein Seemannsheim finden lassen.
   Wir schleppten uns mühsam weiter in der Hoffnung, daß die vornehmen Paläste abbröckeln und in schmale dunkle Proletarierbudiken übergehen würden, wo man versteht, wie es armen Teufeln zumute ist, denen das Salzwasser näher war als Erbsensuppe mit Speck.
   Es blieb aber, wie wir es angetroffen hatten, und unsre Verzweiflung wuchs. Ich schlug vor, Fensterscheiben einzuschmeißen, dann würde man sich schon um uns kümmern. Aber womit? Die Straßen waren mit Gummi gepflastert und reinlich und wir merkten auf Schritt und Tritt, daß wir nicht hineingehörten, denn die blitzblanke Sauberkeit äfft allzu nüchterne Mägen.
   Wie wir so in die Luft guckten, weil von dort die guten Gedanken kommen, sahen wir über der Straßenkreuzung elegant geschwungene Brücken, die die flachen Dächer der Häuser miteinander verbanden. Dort oben, in sechs oder mehr Stock Höhe gingen Menschen spazieren, das war deutlich zu erkennen. Hein mißbilligte diese wunderliche Einrichtung und fand sie verdächtig, trichterte aber doch seine Hände vor den Mund und schrie »Ahoi!«
   Bevor eine Antwort herunterkam (wer weiß, hätten sie Hein gehört, da oben), schlug uns ein neuer Schrecken in die Glieder. Es jagte nämlich ein Wagen heran, völlig geräuschlos und so schnell, daß uns keine Zeit blieb, beiseite zu springen. Feierabend, dachte ich und überließ das weitere der Unfallstatistik. Aber kaum zwei Meter vor uns wich das Fahrzeug aus und hielt so rasch und sanft, als wäre es gegen einen Berg von Watte gerannt.
   Drei Männer in weißen Hosen und Sandalen kletterten heraus. Sie sahen aus, als hätten sie gut gefrühstückt und wollten nun zum Tennisplatz fahren, um sich Appetit für das Mittagessen zu machen. Sie bewegten sich wie Leute, die der Not den Rücken zukehren, frei und ohne Zwang. Um ihr Auto – wirklich hatte ich noch nirgendwo einen so prächtigen Wagen gesehn – witterte Millionärsgeruch, obwohl es nicht nach Benzin roch.
   Sie schimpften nicht etwa, weil wir ihnen den Weg verlegt hatten, sondern lachten freundlich und schüttelten uns die Hände. Was sie dabei sprachen, verstanden wir nicht, aber es klang angenehm. Ehe wir recht zum Bewußtsein kamen, hatten sie uns im Auto verstaut. Wir sausten los, ohne daß jemand das Steuerrad hielt, flitzten um Ecken, wichen andern ebenso feinen Kraftkutschen aus, niemand hupte ... Wir saßen steif und starr vor Angst, während die drei Herren, die uns zu dieser Spazierfahrt im Rekordtempo eingeladen hatten, sorglos wie Kinder lächelten und sich nicht im geringsten darum kümmerten, daß die wild gewordene Maschine mit uns durchging.
   Hein stieß mich leise an und flüsterte mißtrauisch zwischen den Zähnen, ohne den Kopf zu drehn: »Dat gefällt mich nich, Korl – dat is ’n gemeingefährlicher Jux – keen Taifun schlägt mir in die Kaldaunen, aber dat Geschunkel in die Achterbahn bekömmt mich nich –« und er war blaß von Angesicht.

— 2 —

Wir fuhren durch ein Tor. Im Innenhof des Hauses schraubte sich die Straße wie ein ausgebohrtes Gewinde von Stockwerk zu Stockwerk. Dicht unterm Himmel hielten wir und durften aussteigen. Die Tennisspieler faßten uns unter die Arme, das hieß, wir sollten mit ihnen gehn. Heins Muskeln zuckten unter dem zerschlissenen Wollschwitzer. Ich riet ihm aber ab, schon jetzt handgreiflich zu werden, die Leute sähen nicht wie Bösewichter aus, auch mache eine allzu schnelle Faust am Kinn des Nachbarn keinen guten Eindruck. Da bezwang er sich. Das war zu unserm Vorteil. Wir traten in einen großen Speisesaal mit langen weißgedeckten Tafeln. Blumen waren zierlich zwischen den Tellern ausgestreut. Ich hatte Ähnliches in großen Hotels von außen durch die Fenster gesehn. Während wir den Ort musterten, rückten auf einem blanken Metallband inmitten des Tisches Schüsseln an, aus denen es dampfte. Wir sahen und hörten nichts mehr, die Welt hatte nur noch durch die Nasenlöcher Zutritt zu unserm Innern. Die Schüsseln machten vor uns halt und öffneten ihre silbrigen Deckel. Uns wurde schwach in den Knien, da saßen wir schon auf den Stühlen.
   Es war uns anfangs genierlich, angesichts so sauber gekleideter Leute, die sich so bequem und wohlhabend in ihren Gebärden hielten, unsern Hunger zu stillen. Aber wir gewöhnten uns rasch, zumal noch einige Gerichte heranschwebten und uns niemand die Bissen in den Mund zählte. Die drei Leute im Tennisanzug freuten sich über unsern Appetit – später staunten sie. Wir schnallten an die drei oder viermal den Leibgurt nach. Endlich lehnten wir uns in die Sessel zurück und fühlten uns leiblich neu geboren.
   Den Rosinenkuchen ließen wir unversehrt. Wir gedachten ihn als Proviant an uns zu nehmen, aber die Gelegenheit war gegen uns, mindestens einer von den Dreien hatte immer ein Auge auf uns, wenn auch nur zufällig.
   Wir reckten und dehnten uns, wobei unversehens Hein seinen Dank für die reichliche Mahlzeit kurz, aber sehr heftig zum Ausdruck brachte. Wir erschraken peinlich, traten doch gerade in diesem Augenblick einige sehr schöne junge Frauen durch die Tür, denen dieses unbedachte Geräusch nicht entgangen war. Sie waren indessen nicht beleidigt, sondern lachten und vermieden es nur, unsre Nähe zu suchen, wie auch die drei Tennisspieler, ohne uns zu verjagen, heiter blieben und lediglich einige Schritte zurückwichen.
   Nachdem sie der Natur ihre Zeit gelassen hatten, schüttelten sie uns wie guten Freunden die Hände und gingen. Bezahlt hatten sie nicht, wir erwarteten mit einiger Besorgnis den Kellner. Statt dessen winkte uns eine von den Damen. Weil wir jedoch nicht glauben konnten, daß es uns gälte, drehten wir die Köpfe weg. Sie kam näher, berührte unsre Schultern mit ihren feinen Händen und redete sehr zutraulich. Obwohl wir es nicht verstanden, merkten wir doch, daß wir mit ihr gehn sollten. Wir wußten keinen Grund, ihr diesen Wunsch zu verweigern, denn sie war sehr hübsch, nur etwas zu mager, meinte Hein.
   Wir folgten ihr in den Fahrstuhl, sausten abwärts, trabten durch einige gekachelte Gänge und kamen in einen weiten hellen Raum. In dem großen runden Wasserbecken inmitten der Halle schwammen und plantschten Männer und Frauen. Badehosen trug niemand, aber sie bewegten sich trotzdem ganz natürlich und waren sehr lustig. Sie spielten wie schöne Tiere, freuten sich an der Gewandtheit ihrer prächtig geformten Leiber. Scheele Blicke auf das Besondre, das wir verhüllen, als wäre es krank und böse, sah ich nicht. Es blieb uns jedoch vorerst nicht viel Gelegenheit, uns über andre zu wundern, da uns die Dame vor zwei Duschen führte und bedeutete, wir sollten uns ausziehn. Wir zierten uns aus Anstand. Sie glaubte aber, wir hätten sie nicht verstanden und fing ohne weiteres an, mir die Kleider zu lösen. Hein fand sich schneller in die Lage. »Denn man tau!« rief er, fuhr flink aus der alten Schale und ließ das Wasser über sich hinbrausen. Das Fräulein nickte ihm munter zu. Dann besah es uns vom Kopf bis zu den Füßen, als wollte es uns auswendig lernen. Hein meinte, es wäre an der Zeit, sich der Dame gefällig zu erweisen und piekte sie mit dem Finger in die Seite. Sie wich aus ohne Zorn, vielmehr wußte sie nicht, was Hein mit dieser Zärtlichkeit bekunden wollte – die Sitten in diesem Land waren eben sehr verschieden von den unsern, das zeigte sich immer deutlicher – raffte unsre alten Klamotten zusammen, winkte uns beruhigend zu und verschwand.
   Wir säuberten uns in Eile, während mir Hein seine Erfahrungen in gewissen japanischen Dampfbädern mitteilte. Sie ließen sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse übertragen, die wir hier angetroffen hatten. Vieles blieb rätselhaft.
   Wir trockneten uns über einem Fußbodengitter, aus dem warme Luft strömte und uns wohlig umhüllte. Die Dame kam zurück und trug weiße Wäsche auf den Armen, in die wir uns kleiden mußten, auch gab sie uns Sandalen aus weichem, weißem Gummi. Alles paßte wie auf Maß gemacht, und ich meinte, daß Heins Vermutungen bezüglich der kritischen Musterung unsrer bloßen Männlichkeit falsch gewesen wären. Er stimmte mir zögernd bei. Wir sahen jetzt aus wie die Mannschaft einer Luxusjacht in den kurzärmligen, am Hals weit offenen Hemden aus feinem Zeug und den breiten Hosen. Hein befühlte den Stoff zwischen den Fingern und behauptete, er übertreffe die beste indische hausgewebte Bergwolle und er werde einen Ballen davon mitnehmen, wenn der Baas einen Vorschuß auf die Heuer herausrücken würde, denn wir hofften Schiffsarbeit zu finden.
   Indessen faßte uns das Fräulein an den Händen, als ob wir Kinder wären, und führte uns in den Hof, wo viele Autos von der gleichen Art standen wie das, mit dem wir in dieses gastliche Haus gekommen waren. Wir mußten eins besteigen, das Mädchen machte sich am Vordersitz zu schaffen, wo der Lenker zu sitzen pflegt, sprang aber in dem Augenblick, als der Wagen anzog, heraus, rief uns einen Gruß zu und entschwand unsren Blicken, weil das Fahrzeug in die Straße einbog und wie der Teufel abging.
   »Dat der Schofför vorn in der Blechschnauze bei ’n Motor eingesperrt is, dat is ’ne polizeiwidrige Menschenschinderei«, brummte Hein, »un dat beweist mich, dat hier wat nich stimmen kann mit die Freundlichkeit.« Ich mochte das nicht glauben, zumal der Vorderkasten schmächtiger war als gewöhnlich und kaum ein Kind hätte aufnehmen können, freilich wußte auch ich keine Erklärung.
   Geheuer war uns nicht. Mir fielen Geschichten ein von verkapptem Sklavenhandel, die ab und zu durch die Zeitungen ziehen. Hein bestätigte meinen Verdacht: »Mit ’n strammet Essen geiht dat an und bi die Fremdenlegschon hört et af, und ick will’n armstarkes Tauende fressen, wenn wir nich im Rekrutendepot vor Anker geihn un morgen Griffe kloppen.« Trotz des Wohlgefühls in unsren Mägen trübten sich unsre Gedanken. Am liebsten wären wir von Bord gegangen, aber die Maschine flitzte wie ein Pfeil durch die breiten Alleen. Gewaltsam aus dem Leben zu scheiden, war später immer noch Zeit.
   Wir tauchten in ein sehr hohes und stattliches Gebäude ein, kurvten etliche Schraubengänge empor und hielten vor einer offenen Säulenhalle, durch die man in der Ferne das Meer blauen sah. Schon trat ein Mann zu uns heran mit derselben freimütigen Höflichkeit, die uns alle andern bisher erwiesen hatten. Er sprach uns auf deutsch an. »Folgt mir, bitte«, sagte er langsam und mit fremdartigem Einschlag, »Joll möchte Euch sprechen.« Das überraschte uns so heftig, daß wir zu fragen vergaßen, auch ging er rasch vor uns her, öffnete ein Zimmer und schob uns über die Schwelle. »Ein wenig warten.« Er deutete auf die bequemen Stühle, lächelte und ließ uns allein.

— 3 —

Der Raum war nach einer Seite offen und ging wie es schien auf einen breiten Balkon hinaus. Ein mächtiger Schreibtisch in der Form eines Hufeisens beherrschte die Mitte. Kleine Hebel, Drehknöpfe und matterleuchtete Glasplatten machten ihn fremd. Plötzlich sprach eine Stimme, ohne daß wir ahnten, woher sie kam. In einer der gläsernen Schreibunterlagen zeigte sich bunt der Kopf eines Mannes, neigte sich wie lauschend vor, als erwarte er eine Antwort, und zerfloß vor unsern Augen in hellen Nebel.
   Hein sah sich nach allen Seiten vorsichtig um und wischte mit dem Daumen über die Stelle, wo das Bild verschwunden war, es folgte jedoch nichts.
   »In den Südstaaten«, flüsterte er und trat mir zur Bekräftigung auf den Fuß, »haben sie elektrische Folterkammern ...! Da war old Kappy, ein Schauermann, schwarz von Angesicht, aber mit einem engelweißen Herzen ... Sie brauchten aber ein Geständnis, wer die hundert Barrels Tran gestohlen hätte ... Dat heißt, der Frachter hatte sie selbst auf die Seite gebracht, wegen die Versicherung, mußt Du wissen ... Als old Kappy aus der Zelle wieder rauskam, hatte er zeitlebens ’n schiefes Gesicht, dat linke Bein war außer Gang gesetzt un er hatte allens gestanden, wat er nicht begangen hatte. Später haben sie ihn gehangen, womit er zufrieden war, wat is ’n Docker mit ’n lahmes Bein, frag ich?« Er wurde noch leiser. »De Düwel mag wissen, wat for Hallunken uns hier in ihr Garn verwickeln. Dat schlimmste is, dat sie dir mit ’n büschen Strom windelweich machen wie ’n Schwabber, un wenn du sonst ’n Kerl bist, der mit Doppelzentnern Fangball spielt ...« Er krampfte in ohnmächtiger Wut seine Fäuste.
   Man hatte uns bisher zuviel guten Willen bewiesen, während wir doch gewohnt waren, mit groben Nieten ans Elend gehämmert zu werden, sobald uns die Groschen in der Tasche ausgingen. Wären wir noch lange uns überlassen geblieben, hätten wir vielleicht zu unsrer »Rettung« eine Dummheit ausgeheckt, denn Heins Befürchtungen hatten mich angesteckt. Zum Glück öffnete sich die Tür und der Mann trat ein, von dem, wie wir nach seiner ganzen Art merkten, unser weiteres Schicksal abhing.
   Er blieb dicht vor uns stehn und lugte uns scharf aus hellen, grauen Augen an. Ich glaube, wir gefielen ihm. »Du bist Seemann?« fragte er in gutem Deutsch Hein.
   Hein klappte die Hacken zusammen und meldete forsch für uns beide: »Hein un Korl, schiffbrüchig von der Dreimastbark Albatros, Heimathafen Hamborg ...«; etwas weniger sicher fügte er bei »... uns’ Papiere sind versoffen, Herr Präsident, aber dat wir Hein und Korl sind, dat mögen Sie man gläuwen ...«
   Der Mann vor uns schüttelte verwundert seinen mächtigen angegrauten Kopf, seine schmalen Lippen preßten sich einen Augenblick lang hart aufeinander und wir fürchteten, er werde uns in den Hackwolf hineinstoßen, der aus Menschenfleisch amtliche Dauerwurst macht.
   »Wir sind hier keine Hampelmänner«, sagte er halb finster, halb spöttisch, und ahmte Heins stramme Haltung nach ... »um Ausweispapiere kümmern wir uns schon gar nicht, das laßt mal alles mit dem Albatros auf Grund gegangen sein!«
   Wahrscheinlich haben wir auf diese Rede nicht mit gescheiten Gesichtern gezeichnet, denn er lächelte und das flog uns wie eine gute Botschaft ins Herz. Deshalb mochte ich ihn nicht anschwindeln, als er mich fragte, was mich in die Fremde getrieben hätte. Er gehörte zu den Leuten, vor denen Unaufrichtigkeiten krank werden und krepieren.
   »Sie wollten mich auf zwei Jahre zum Tütenkleben abkommandieren«, sagte ich.
   »Weshalb?« Die grauen Augen verhakten sich in mir, aber von dem Abscheu, den »gebildete Leute« vor einem Zuchthausaspiranten haben, merkte ich nichts. Ich faßte Mut: »Wegen revolutionärer Umtriebe, meinte der Staatsanwalt ...«
   Der Mann schwieg lange, was er bei sich dachte, blieb uns hinter seiner hohen, breiten Stirn verborgen. Endlich sprach er: »Der Sturm hat Euch an die Küste der freien Arbeitergenossenschaft von Utopien geworfen. Wenn Ihr klassenbewußte Proletarier seid, werdet Ihr Euch bei uns wohl fühlen. Mehr als irgendwo auf der Welt gilt bei uns gleiches Recht von Geburt an und solidarisches Handeln. Wir haben unser Haus nach unserm Willen gezimmert und ich denke, Ihr werdet finden, daß sich darin gut wohnen läßt.
   Wir behaupten in unserm Land die unbeschränkte politische Macht. – Eine dünne Schicht von Geschäftemachern hat sich noch halten können, weil die letzte Revolution glaubte, ihnen Handelsvorrechte einräumen zu müssen, um uns vor Mangel zu schützen. Diese Zeiten liegen längst hinter uns, dennoch hält es die Mehrzahl von uns für eine unnötige Härte, ihren Besitz einzuziehen und meint, diese Leute würden allmählich im eignen Fett ersticken.« Seine Brauen schoben sich finster zusammen, es war deutlich, daß er diese Ansicht nicht teilte. So spann er wohl einige Sekunden lang eigene Gedanken fort, es schien, als habe er uns vergessen.
   Endlich besann er sich und kam uns einen Schritt entgegen. »Ihr müßt wählen: wenn Ihr Lakaien bei den Geldleuten werden wollt, könnt Ihr Euch an einen der Gehröcke hängen, die Ihr auf den Dachstraßen spazieren seht, sie brauchen jederzeit Speichellecker und Kammerdiener. Wenn Ihr aber von unserm Schlage seid ...«
   Da unterbrach ihn Hein und sagte mit starker Stimme, als müßte er gegen den Wind anrufen: »Ick war schon im Mutterleib ’n organisierter Prolet, un wat de Korl is, da liegt et ooch in de Familie ... Seinen Ollen hat der Bismarck ins Loch gestochen, weil er ’n roten Schlips getragen hat am 1. Mai ...«
   Der Mann mit dem Namen Joll schüttelte uns herzlich die Hände:
   »Willkommen, Genossen!«

— 4 —

»Ihr müßt vor allem erst utopisch lernen, hatte uns Joll geraten, als er uns entließ, damit Ihr Euch frei bewegen könnt ...«
   Ich habe mir das Lernen von fremden Sprachen stets als eine ungeheuer schwierige Sache vorgestellt, was wohl daher kam, daß man uns von Jugend auf eingeredet hatte, alles was über den Platz an der Maschine und die Mietkaserne hinausgehe, tauge nicht für ein Arbeiterhirn. In Wahrheit gehört nicht mehr Grips dazu, die Zunge und das Gedächtnis gelehrig zu machen, als den richtigen Ansatz von Hobel oder Feile zu begreifen. Ein tüchtiger Tischler oder Schlosser, der seinen Kram versteht, entwickelt mehr Intelligenz als der durchschnittlich »Gebildete«, der sich für einen Halbgott hält, weil er seine Rede mit fremden Wörtern schmücken kann und Kostproben von Geschichts- oder Kunstverständnis verteilt, die nach gegorenem Pflaumenmus schmecken.
   Damals hatte ich noch einen dunklen Respekt vor dieser Art und traute mir nicht zu, in Kürze im neuen Leben Wurzel zu schlagen.
   Es kam aber anders.
   Man führte uns in ein Zimmer, das wir für eine noble Barbierstube hielten, und setzte uns in die verstellbaren Nickelstühle.
   »Mir hinten kurz raus!« sagte Hein und deutete auf seinen Haarschopf. Der Mann im weißen Mantel, der hier hantierte, wunderte sich und schüttelte den Kopf. »Nein«, meinte er freundlich auf deutsch, »durch die Ohren und Augen hinein ...«
   Wir sprangen auf und wollten auskratzen, aber er beruhigte uns. »Ihr seid hier im Institut für Lehrschlaf«, erklärte er, »und lernt in der Hypnose die Grundlagen unsrer Sprache. Wenn Ihr jeden Tag ein bis zwei Stunden zu mir kommt und in der Zwischenzeit Euch lebhaft mit den Genossen unterhaltet, seid Ihr in spätestens einer Woche perfekte Utopier.« Wir widerstrebten nicht länger, zumal die Art dieses Mannes wohlig einschläfernd auf uns wirkte. Halb liegend wurden uns Hörbügel an die Ohren geklemmt. Aus einem Schrank holte der Mann eine flache Scheibe, einer Fonografenplatte ähnlich, und steckte sie in einen Apparat. Über die Wand vor uns begannen Schriftzeichen zu laufen. Bevor wir noch recht was denken konnten, schliefen wir schon.
   Wir erwachten wie aus traumlosem, erfrischendem Schlummer. Einige Leute umstanden uns, ihre Rede klang nicht mehr fremd, und als sie uns ansprachen und wie gute Freunde begrüßten, antworteten wir, als wäre das ganz natürlich, in ihrer Sprache und konnten ihnen für ihre Mühe danken. Ihr werdet verstehn, wie froh wir waren, nicht mehr stumm wie Stockfische zwischen vergnügten Menschen herumschwimmen zu müssen.
   Wir zogen los. Unsren neuen Freunden machte es Spaß, uns in ihre Welt einzuführen. Sie verwunderten sich, daß wir über Dinge staunten, die ihnen längst selbstverständlich waren. Wir wiederum kamen uns wie Buschneger vor, die zum ersten Mal eine Stadt beziehen.
   Allein schon die Tatsache, daß sich das ganze Leben oben auf den Dachstraßen abspielte, daß es da Gartenanlagen und Spielplätze gab und Hallen mit versenkbaren Glaswänden, die bei starkem Wind oder Regenwetter nach Belieben geschlossen werden konnten, mutete uns märchenhaft und unwirklich an. Breite bequeme Liegestühle luden überall zum Sitzen ein, ohne daß ein dienstbarer Geist auftauchte und Benutzungsgebühr verlangte. Es war wie in einem schönen gepflegten Kurpark, nur daß Kranke, Gebrechliche und aufgeputzte Nichtstuer fehlten. Denn das wunderbarste an allem waren die Menschen, die sich Proletarier nannten und sich doch so frei und ungebeugt, so leicht, kraftvoll und sicher bewegten, wie es nur dem gegeben ist, der niemals mit der Not auf Leben und Tod ringen mußte. Aufrecht und wohlgebildet wie ihre Körper waren ihre Gedanken. Alle die tausend Listen und kleinen Betrügereien, die wir täglich anwenden müssen, um uns Geltung zu verschaffen und den Vorteil zu erjagen, ohne den wir von den Nachdrängenden zertrampelt werden, hatten hier keinen Sinn. Vielleicht waren sie keine »besseren« Menschen als wir, aber die Form des Zusammenlebens, die sich unter ihnen herausgebildet hatte, schloß böse Raubleidenschaften einfach aus und erzog sie zu geraden heiteren Wesen, denen nichts natürlicher war als Hilfsbereitschaft und mitteilsame Freundschaft. Weshalb sie so sein konnten? Der ungeteilte Ertrag ihrer Arbeit floß ihrer Gemeinschaft zu, die Arbeitsenergien waren ökonomisch zusammengefaßt, und in weit höherem Maße als bei uns ersetzte der Maschinen-Automat das Werk der Hand. Bis ins letzte durchdachte Technik und Rationalisierung bedrohte hier nicht die Existenz des Arbeiters, sondern steigerte sie. Die tägliche Arbeitspflicht betrug vier Stunden.

Bei diesem ersten Spaziergang begegneten wir auch anderen Gestalten: Männern mit schwarzem Gehrock, den Zylinder auf dem Haupt, die Brust übersät mit klirrenden Orden und Medaillen. Sie schwitzten unter ihrer Würde und zeigten saure Mienen. Das waren die Geschäftemacher, von denen Joll gesprochen hatte. Kein Mensch kümmerte sich um sie, wenn sie steifgebügelt vorüberstelzten. Sie mochten wohl selbst fühlen, daß sie nur noch geduldet waren, so griesgrämig und verbissen schauten sie drein und verschluckten ihren Ärger, wenn sie vor den fröhlichen leichtgekleideten Genossen ausweichen mußten. Man nannte sie kurz: die Privaten.
   Wir wunderten uns, daß sie so feierliche Anzüge trugen und so schweren Klimperkram. Darüber belehrten uns lachend die Genossen. »Staatsgesetz!« erklärten sie. »Ihr wißt doch, wie sehr diese Herren an Titeln und sichtbaren Auszeichnungen hingen und sie benutzten, um sich über das »gemeine Volk« zu erheben. Wir verleihen sie ihnen noch viel bereitwilliger als ihre Regierungen in früheren Zeiten. Nur knüpfen wir daran die Bedingung, daß sämtliche Orden und Ehrenzeichen ständig zu tragen und im Verkehr mit den Behörden alle Titel und Rang-Bezeichnungen zu nennen sind, bei Strafe der Enteignung des Besitzes. Der da drüben«, sie zeigten auf einen vorüberschnaufenden Specknacken, »schleppt zum Beispiel die dreipfündige Staatsmedaille für Klassenmord über dem Herzen und die fünfpfündige Ehrenkette für Presseschwindel mit dem Großkomturkreuz für fortgesetzte Steuersabotage um den Hals, und man kann begreifen, daß er sich dabei nicht besonders wohl fühlt. Wollen mal hören, wie er heißt.«
   Wir traten zu ihm und fragten nach seinem Namen. Er rollte fürchterlich die Augen, zog jedoch höflich den Hut und ächzte: »Graf Speck zu Klauburg, wirklicher geheimer Dividendenschlucker und Konjunkturschwindler, Staatskassenausplünderungsrat a. D. und Ehrenmitglied der Akademie der erfolgreichen Konkurskünste, zu dienen, meine Herren.«
   Wir bedankten uns und ließen ihn laufen.
   Hein kniff mich in den Arm. »Schade«, meinte er, »dat hier nich Willem seine flüchtigen Zelte aufgeschlagen hat. Ick würde ihm ’ne hundertpfündige Gasgranate mit Weltkriegsleichengestank unter die Neese hängen und ihn zum Professor für Fahnenflucht und Volksverrat ernennen.«

— 5 —

Am Abend bezogen wir ein großes, luftiges Zimmer in einem der Gemeinschaftshäuser.
   Wir vermißten leider in unserer Wohnung die ersehnten Betten und glaubten schon, in Utopia lege man sich nachts auf den kalten Fußboden und decke sich mit seiner eigenen Haut zu. Einer unserer neuen Freunde, der unseren Kummer bemerkte, drückte lächelnd auf einen Knopf. Da schoben sich die getäfelten Wände auseinander und je ein blitzendes Metallbett klappte sich geräuschlos herunter. Ebenso kam eine Wascheinrichtung zum Vorschein, die man tagsüber verschwinden ließ. Wohn- und Schlafzimmer getrennt in einem Raum.
   Während wir uns auszogen und wuschen, meinte Hein, wenn das so weiter gehe, würde er in acht Tagen zu faul sein, sich noch einen Hosenknopf selber zuzumachen. Er stemmte zwanzigmal den massiven Tisch, der zwischen den Fenstern stand, um sich auszuarbeiten, fiel dann in die Kissen und atmete sofort im Schlaf wie ein gewaltiger Blasebalg.
   Ich löschte das Licht und schaute hinaus auf das Meer. Boote mit bunten Lampen schwankten auf der glitzernden Fläche. Fröhlicher Gesang tönte herauf. Im Süden und Norden der Bucht strebten wie Lichtsäulen riesige Scheinwerferstrahlen gegen den Himmel und erleuchteten die Dunstschicht der dünnen Wolkendecke. Über dem Zentralhaus der Genossenschaft brannte eine riesige rote Fackel, deren Schein über die ganze Stadt flog.
   Dieses gewaltige Wahrzeichen leuchtete noch in meine Träume hinein.

Am nächsten Morgen waren wir uns selbst überlassen. Nachdem wir im Lehrschlaf unsere Kenntnisse mühelos erweitert hatten, bummelten wir durch die Hafenanlagen, die Hein fachmännisch und höchst anerkennend beurteilte. »Dat is allens wunderscheun«, meinte er, »aber wat fehlt, dat sind lütte Kneipen, wo man sich von ’t Zukieken erholen kann.«
   Als wir einigen schmucken Mädels begegneten, lud er sie zu einem kleinen Amüsemang ein, aber sie lachten bloß und gingen weiter. Er kaute kräftige Worte zwischen den Zähnen, die zum Glück niemand verstand. Seine Laune war überhaupt nicht die beste. Wir hatten im Genossenschaftshaus um Arbeit angesprochen. Das hat Zeit, Jungens, hatte man uns gesagt, ruht Euch aus, schaut Euch im Land um. Die Genossenschaft sorgt für alles, was Ihr braucht. Ihr könnt auch Privatgeld kriegen, wenn Ihr mal den Pfeffersäcken einen Besuch abstatten wollt. Nur bitten wir Euch, ihre Schnapsdestillen zu meiden ... Werdet schon selbst darauf kommen, daß man den Goldonkels am besten aus dem Wege bleibt, sie gehören in eine andere Welt, die uns nichts angeht.«
   Hein hatte draußen gebrummt, umsonst, auf Staatskosten lebten nur die feinen Leute, er würde lieber ’ne tüchtige Heuer verdienen und alles mit einem Mal auf den Kopp hau’n und so was wie St. Pauli hätte er hier noch nicht bemerkt und Vorschriften ließe er sich schon gar nicht machen. Wir hatten uns deshalb ein bißchen verzankt.
   So gingen wir nebeneinander her, ohne eben viel zu reden, und kamen in ein anderes Stadtviertel, das unregelmäßig gebaut und europäisch war. Ich wollte umkehren, hier begann die Siedlung der Privaten, und das kannte ich. Aber Hein pfiff sich eins und wurde munter. Vor einem niedrigen Laden, durch dessen Scheiben ein Bartisch mit Flaschen in allen Formen und Farben schimmerte, blieb er wie hypnotisiert stehn.
   Ich ahnte das Verhängnis. Weder gute noch böse Worte halfen. Hein schob mich energisch beiseite, stieß die Tür auf, trat wuchtig ein und forderte einen »Drink«. Der Bürger hinter dem Bartisch verstand nicht und geriet sichtlich in Verlegenheit.
   Kurz entschlossen ergriff Hein eine der Flaschen und tat einen kräftigen, prüfenden Schluck. »Gut!« sagte er zufrieden und trank weiter.
   Der Bürger erhob Zetergeschrei. Von der Straße liefen Genossen und Private herbei. Die Arbeiter waren starr vor Staunen, dann versuchte einer Hein die Flasche vom Mund zu reißen.
   Ha, da kam Leben in die Bude.
   Hein begann sich wohlzufühlen. Er zerschmiß mit der leeren Bottel ein Fenster, streifte sich im Nu die Ärmel auf und ging wie ein wütender Bulle auf die Leute los. Er boxte, als wollte er die Weltmeisterschaft gewinnen. Stühle flogen, Haarbüschel sausten durch die Finger. Einige Gehröcke wurden verstaucht. Ordenssterne klirrten über den Boden.
   Allein die Männer von Utopia waren stärker, als der brave Hein gerechnet hatte, und bald lag er reglos in der Schraube von acht festen Fäusten.
   Jetzt stecken sie uns ins Loch, dachte ich. Der schöne Traum hat ein Ende.
   Sie schleppten Hein, der nur mit den Augen gefährlich rollen konnte, in die Zentrale. Ein älterer Genosse hörte ihren Bericht. Hein, jetzt freigegeben, stand halb trotzig, halb verlegen vor ihm.
   Der Utopier schaute ihn lange ruhig an, sagte dann:
   »Armer Kerl, du hast deinen Lebtag noch nie eine sorgenlose Stunde gehabt, kannst mit dir selber nicht umgehen, wenn dich mal keiner hetzt, mußt die Freiheit des Proletariers erst lernen.«
   Hein senkte beschämt den Kopf.
   »Willst du mit den Fischern auf See?«
   »Topp«, sagte Hein und schüttelte dem Alten kräftig die Hand, »’n Kerl wie ich taugt nicht zum Spazierengehen.« Die Genossen lächelten.

— 6 —

Hein hatte nun seinen Dienst, blieb tagelang auf See. Wenn er zurückkam, brachte er frische Salzluft und gute Laune mit. Seine Kameraden gefielen ihm, waren derbe, fröhliche Gesellen. Er vergaß seine Rauflust, packte nur zu, wenn es praktische Arbeit galt.
   Ich dagegen beherzigte den Rat der Genossen, mir die Einrichtungen ihres Landes anzuschauen, bevor ich eine Tätigkeit wählen wollte.
   Zunächst fuhr ich hinaus in die Kindersiedlung. Sie umfaßte einen gewaltigen Landkomplex. Die Gebäude, nur einstöckig, rings von breiten, überdachten Terrassen umlaufen, lagen weit verstreut im Park- und Wiesengelände.
   In jedem Haus waren ungefähr hundert Buben und Mädel untergebracht. Im ersten Stock lagen die luftigen Schlafsäle und Wohnräume, im Erdgeschoß die Werkstätten, Schulräume, ein Weiheraum. Elektrische Küche, Speicher, Wasch- und Baderäume im Keller.
   Solange es das Wetter einigermaßen erlaubte, spielte sich alles Leben im Freien ab. In den schwülen Sommernächten zog die ganze Kolonie mit Hängematten in die benachbarten Wälder und schlief dort.
   Ich wanderte von Haus zu Haus und merkte kaum, wie der Tag verging. Gegen Abend kam ich auf eine sanfte Anhöhe. Die Vorsteherin des weißen Hauses, das dort zwischen immergrünen Bäumen wie auf einer Insel lag, bewillkommnete mich herzlich. Sie war ein schönes Mädchen von etwa 24 Jahren.
   Wir setzten uns vor die Terrasse auf eine Bank und genossen den Ausblick auf das ferne Meer, über das die letzen Strahlen der Sonne liefen. Vor uns, auf den Wiesen, tollten die Buben und Mädel nackt und unbekümmert.
   Sie kamen zu uns heraufgesprungen und baten uns, ein Fangespiel mitzumachen.
   Ich kratzte mich bedenklich hinterm Ohr. Aber schon war die Genossin aufgestanden, hatte ihren Rock abgestreift, gab mir lachend einen Klaps auf die Schulter und lief davon.
   Ich erinnerte mich plötzlich, vor 20 Jahren ein berühmter Indianerhäuptling gewesen zu sein, wofür mir mein Vater häufig genug die Hosen straffgezogen hatte.
   Mit echtem Siouxgeheul sprang ich auf und setzte der hellen, schlanken Gestalt nach. Die Kinder rannten mit, schrien und feuerten uns an. Leider sah ich bald ein, daß der große Häuptling seine Künste überschätzt hatte. Die schöne Verfolgte neckte mich, versteckte sich hinter Bäumen, schlug die gefährlichsten Haken, entwischte immer wieder wie der Wind. Schließlich, als ich wie ein gefoppter Jagdhund japste, ließ sie sich freiwillig fangen. Die Kinder jubelten und verspotteten meinen kurzen Atem.
   Inzwischen waren die Sterne aufgegangen und ich dachte mit Wehmut an den weiten Rückmarsch.
   Die Genossin rief die Kinder zusammen und sprach mit ihnen: »Wollen wir dem Genossen Karl – sie hatte sich meinen fremdländischen Namen gut gemerkt – Asylrecht gewähren?«
   »Ja«, schrien alle, »er soll bei uns bleiben und uns morgen von den Genossen in Europa erzählen!« Ein Fünfzehnjähriger, der wohl die Hausverwaltung führte, trat vor und meinte sachlich: »Wir haben in den Schlafsälen alle Betten belegt, du mußt Karl mit in dein Zimmer nehmen, Genossin.«
   Sie nickte zustimmend. »Gewiß, das zweite Bett bei mir steht frei, komm!«
   Mir wurde heiß und kalt und ich wäre plötzlich herzlich gerne nach der Stadt zurückgetrabt. Aber weshalb denn? Ich gab mir einen Ruck. Endlich frei werden von der Schamlosigkeit, den Körper wie ein aussätziges Geschwür zu verbergen. Endlich sich seiner wohlgeratenen Glieder freuen dürfen. Erst hier spürte ich, wie weit ich schon vermuckert war.
   Ich schlug freudig ein und gelobte mir im stillen, den ganzen Plunder einer verlogenen Unmoral gründlich zu vergessen.
   Wir gingen in das Haus. Lange Tische wurden auf die Terrassen herausgeschoben, dort aßen wir. Lieder wurden gesungen. Zart girrende Instrumente summten in die Nacht hinaus. Von einem Nachbarhaus kamen Burschen und Mädel zu Besuch. Sie hatten in ihrer Werkstatt in monatelanger Arbeit eine Verbesserung an der automatischen Weichenstellung herausgetüftelt und berichteten nun voller Erfinderstolz von den Vorzügen ihres Systems.
   Die Debatte wurde von unseren Jungens sachkundig geführt. Als man sich in einigen technischen Fragen an mich wandte, konnte ich leider nur mit den Schultern zucken.
   Ich war froh, als meine Zimmerkameradin die Sitzung aufhob.
   Lange lag ich wach und lauschte auf die ruhigen, tiefen Atemzüge der Schläferin neben mir.
   »Jana« war sie von den Kindern gerufen worden.
   »Jana – Jana« flüsterte ich vor mich hin.
   Und ich pries unseren Schiffbruch als ein glückliches Verhängnis.

© 1949/2005 Dr. Joachim Ruf

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Deutsche Erstveröffentlichung
Werner Illing, Utopolis (Berlin: Verlag Der Bücherkreis, 1930)
Taschenbuch
Werner Illing, Utopolis (Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1974)
Neuveröffentlichung
Werner Illing, Utopolis und andere phantastische Geschichten (Berlin: Shayol, 2005) Bestellen
Siehe auch
Wolfgang Both zu Werner Illings Utopolis
Werner Illing, »Der Herr vom andern Stern - Eine seltsame Begebenheit« [Story]
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28.08.10 • 02.09.10