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Michael K. Iwoleit

Planck-Zeit

Shayol | Stories und Romane
»Es gibt eine ganz einfache Erklärung«, sagte Harold. Er war ein kleiner, notorisch gut gelaunter Mann mit Stirnglatze, Bauchansatz und Ringen unter den Augen, nicht mehr ganz der Organisator und Antreiber von früher, aber mit knapp siebzig noch erstaunlich vital. Und immer noch viel gewitzter als Konrad. »Dein Problem ist Adams Nabel. Da bin ich mir ganz sicher.«
   Konrad hatte seinen früheren Doktorvater vor ein paar Jahren auf dem Empfang einer Firma wiedergetroffen, die Gendatenbanken betrieb. Harold war bis heute halbtags im Beratergremium tätig und hatte ihm eine Stelle angeboten. Allerdings hatte Konrad zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen, dass er sich aus der Forschung zurückziehen, seiner Leidenschaft fürs Schreiben nachgeben und sich als Wissenschaftsjournalist versuchen wollte. Er hatte Harold als scharfen Hund in Erinnerung, der vor nichts zurückschreckte, um aus seinen Studenten alles herauszukitzeln, was ihr Talent hergab. Es imponierte Harold aber auch, wenn jemand etwas riskierte, und so hatte er Konrad angeboten, ihn auf seinem neuen Berufsweg zu unterstützen. Wenn es eng wurde, konnte sich Konrad immer auf ihn verlassen – was nicht hieß, dass der Alte es ihm leicht machte.
   »Man hat mir schon einiges nachgesagt«, brummte Konrad, »dass ich faul bin, undiszipliniert, unkonzentriert, desorganisiert. Aber dass es daran liegt ...«
   »Ach, Junge, du enttäuschst mich. In deinem Alter war ich fixer im Kopf. Aber wahrscheinlich sind wir selbst daran schuld. Wenn wir in den Achtzigern nicht so viel gesoffen, gekokst und rumgehurt hätten, dann hätte deine Generation heute bessere Gene.« Harold saß, unrasiert, in einem saloppen Freizeitanzug, einen Ellbogen auf dem Tisch, in einem Büro, das größer war als Konrads Apartment. Eine manikürte Frauenhand kam ins Bild, stellte ihm einen Kaffee hin, und er grinste wie ein Patriarch, der mit einem Fingerschnippen die hübschesten Mädchen herumscheuchen konnte. »Kennst du die alte Geschichte etwa nicht? Damit haben wir damals die christlichen Fundamentalisten aufs Glatteis geführt, die bei öffentlichen Anhörungen gegen den Evolutionsunterricht in Schulen protestierten. Na, klingelt’s?«
   »Ich verweigere die Aussage.«
   »Ungebildetes Jungvolk. Die Sache ging ungefähr so: Frage einen dieser Schwachköpfe, die den biblischen Schöpfungsbericht für bare Münze nehmen, doch einmal, ob Adam und Eva, also die ersten Menschen, einen Bauchnabel hatten. Wenn nicht, fehlte ihnen offensichtlich etwas, und sie waren keine vollkommenen Menschen nach dem Ebenbild Gottes. Wenn doch, hatten sie ein körperliches Merkmal, das auf ihre Geburt zurückgeht, also können sie nicht die ersten Menschen gewesen sein. Für Theologen war die Sache lange Zeit ein echtes Problem, und auch die christlichen Maler des Mittelalters und der Frührenaissance sind sich nicht einig gewesen, ob sie das Pärchen mit oder ohne Bauchnabel malen sollten. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Verrenkungen die Verteidiger des reinen Glaubens angestellt haben, wenn ich ihnen damit gekommen bin. War ein echter Spaß, und das witzigste daran war, dass einer ihrer Gesinnungsgenossen – was die wenigsten wussten – schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine Lösung für dieses Problem gefunden hatte.«
   »Jetzt fällt’s mir wieder ein. Philip Henry ...«
   »Richtig. Philip Henry Gosse, ein bedeutender britischer Biologe und Autor eines obskuren Werks mit dem Titel Omphalos, das 1857, also zwei Jahre vor Darwins Origin of Species erschienen ist. In diesem bemerkenswerten Buch befasst sich Gosse nicht nur mit Adams und Evas Bauchpiercings, sondern auch damit, dass sie vermutlich Haare, Nägel, Zähne, Knochen und alle möglichen anderen Körperteile hatten, die gewöhnlich Spuren von Wachstumsprozessen zeigen. Schlimmer noch: Es gibt überwältigende Indizien dafür, dass die Erde und das Leben an sich sehr viel älter sind als die vier- oder sechstausend Jahre, die die Bibel zulässt – geologische Befunde, Fossilien, langlebige Mikroorganismen, biochemische Verwandtschaften zwischen den Spezies und so weiter. Der gute Philip war hin- und hergerissen. Einerseits war er Wissenschaftler, der empirische Daten nicht einfach vom Tisch wischen konnte. Andererseits konnte er als anständiger Christ doch nicht die Wahrheit der göttlichen Offenbarung anzweifeln. Was also tun? Und da hatte er eine der brillantesten schrägen Ideen, die je dem Kopf eines Menschen entsprungen sind. Gosse hat nämlich behauptet, dass Gott die Welt tatsächlich vor gerade viertausend Jahren erschaffen hat, und zwar mit all den Eigenschaften, die den Eindruck erwecken, die Erde und die Lebewesen seien sehr viel älter, also mit den Spuren einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat. Ob der Herr uns damit foppen oder unseren Glauben prüfen wollte, ist eine andere Frage. Jedenfalls musste Gosse keinen einzigen empirischen Beleg zurückweisen, und trotzdem war seine Lösung völlig konsistent mit dem biblischen Schöpfungsbericht. Ist das nicht klasse?«
   »Ich weiß nicht recht, wie mir das bei meinen gegenwärtigen Recherchen ...«
   »Na und? Du hast mich doch nicht angerufen, damit ich dir bei ein paar popeligen Allerweltsstories auf die Sprünge helfe. Du brauchst Geld, oder sehe ich das falsch?«
   »Du hast mich mal wieder durchschaut.«
   »Gut, dann versau mir die Pointe nicht.« In einer Pose satter Selbstzufriedenheit lehnte sich Harold zurück, nippte am Kaffee und verzog das Gesicht. »Du weißt doch, dass du beim alten Harold immer was lernen kannst, also sperr die Horchlappen auf. Jetzt kommt’s nämlich: Gosse wurde zwar von seinen Zeitgenossen verlacht – sogar von den Theologen, denen er einen naturwissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollte. Aber in der modernen Physik hat seine Idee eine späte Renaissance erlebt. Viele Kosmologen nehmen an, dass unser Universum nur eine Raum-Zeit-Blase in einer kosmischen Superstruktur ist, eine von unendlich vielen Fluktuationen in einem Supervakuum, die wie virtuelle Teilchen spontan entstehen und wieder verschwinden. Jede dieser Blasen hat andere Eigenschaften, eigene Naturgesetze, Naturkonstanten, eine eigene Geschichte. Es ist so, als wollte der Kosmos alle Möglichkeiten zur Konstruktion eines Universums durchprobieren. Und dabei könnten eben auch Universen entstehen, die den Eindruck erwecken, sie seien älter, als sie es tatsächlich sind. Vielleicht ist unser Universum keine dreizehn Milliarden Jahre sondern nur fünf Minuten alt, und alle Indizien, die auf eine Vergangenheit hindeuten, von der Expansion bis hin zu unseren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, sind nur eine Zufallskonfiguration. Das habe nicht ich mir einfallen lassen – einige Kosmologen haben diese These ernsthaft zur Diskussion gestellt. Was meinst du, dagegen war der alte Gosse doch ein Waisenknabe, was?«
   Konrad unterdrückte ein Seufzen. Mit einem Auge schielte er auf den zweiten Monitor und schauderte angesichts der langen Liste von Mahnungen, die sich in seinem E-Commerce-Postfach angesammelt hatten – Infodienste, Webmagazine, Mobilcom-Provider, und alle klagten sie über geplatzte Abbuchungen. Eine Mail, die er eben geöffnet hatte, lockerte ihre unmissverständlichen Warnungen mit einer neckischen Animation auf, einer winkenden Hand, die auf Konrad aber eher so wirkte, als schüttele da jemand die Faust.
   »War das meine Lektion für heute?«, fragte er.
   Harold verdrehte die Augen. »Warum bist du immer so ungeduldig, Junge? Was meinst du wohl, warum ich eben an der Tastatur rumgefummelt habe? Ich habe dir schon die Kleinigkeit von 5.000 Euro überwiesen. Damit wirst du dir doch übers Wochenende ein Süppchen leisten können, oder?«
   »Wenn ich meine Ansprüche etwas runterschraube.«
   »Dann streng endlich deine schlaffen grauen Zellen ein wenig an. Ich mache das hier nicht zum Spaß. Ich will dir etwas klarmachen, das dir mehr nützen wird als die paar Kröten. Also hör mir zu, das Entscheidende kommt jetzt erst: Wenn es wirklich so ist, dass das Universum mit all seinen beobachteten Eigenschaften nur das Ergebnis eines spontanen Prozesses ist – und das lässt sich rein logisch nicht ausschließen –, dann sind auch die Naturgesetze, die wir aus beobachteten Regelmäßigkeiten ableiten, nur eine Illusion. Nehmen wir an, das Universum ist erst vor fünf Minuten entstanden und wir mit ihm. Aufgrund der Eigenschaften, die dieses Universum spontan angenommen hat, bilden wir uns ein, dass der Mensch seit Jahrhunderten die Gesetzmäßigkeiten der Natur erforscht. Und in den nächsten fünf Minuten oder fünf Jahren oder was auch immer müssen wir feststellen, dass der Kosmos einen Scheiß auf unsere Naturgesetze gibt. Die Fluktuation, die wir Universum nennen, ist nicht stabil. Die Naturkonstanten schwanken, die Gravitationsgesetze stimmen nicht mehr, der Mond stürzt auf die Erde. In ein paar Wochen wird’s ziemlich ungemütlich. Denk mal drüber nach – und du hast eine Erklärung für die komischen Dinge, die du mir vorhin erzählt hast.«
   Harold war berüchtigt für seine extravaganten intellektuellen Exkurse. Für gewöhnlich waren es ganz banale Dinge, auf die er hinauswollte, aber er konnte fuchsteufelswild werden, wenn man ihm nicht mit voller Aufmerksamkeit auf einem Umweg durch die halbe westliche Geistesgeschichte folgte. »Das ist jetzt nicht dein Ernst?«, fragte Konrad. »Was haben ein Shoppingcenter in Shanghai, ein Dammbruch im Industal, ein Statistikbüro an der Wall Street ...«
   Harold fuchtelte mit den Händen, als wollte er einen Schwarm Fliegen verscheuchen. »Das weiß ich doch nicht«, sagte er. »Meinst du, dass ich ernsthaft an den Scheiß glaube, den ich dir eben erzählt habe? Mann, ich mach mir Sorgen um dich. Ich habe eben auf deinem Server nachgeschaut. Seit Wochen kein einziger neuer Artikel. Und das Zeug davor – das waren genauso langweilige Schoten wie der Kram, mit dem du dich gerade rumplagst. Schau dir die Zugriffszahlen an. Nur drittklassige Webzines, die sonst nichts kriegen, kaufen dir das Zeug ab. Was soll aus dir werden? Sollen dir die Kollegen Care-Pakete schicken?«
   »Was soll ich deiner Meinung nach machen?«
   »Streng deinen Kopf an. Setz deine Phantasie ein. Stelle interessante Verbindungen her. Wenn ich das kann, dann kannst du es erst recht. Ist das nicht der Grund, warum du Autor geworden bist? Kühne Spekulationen, aberwitzige Thesen, blühender Schwachsinn auf höchstem intellektuellen Niveau. Dann bist du wieder vorn dabei.«
   »Ich erinnere mich düster an einen gewissen Doktorvater, der die kleinsten Abschweifungen ins Spekulative drakonisch bestraft hat.«
   »Derselbe Doktorvater hätte dir das genaue Gegenteil erzählt, wenn er dich zum Schreiberling ausgebildet hätte. Ich bin kein Gott. Ich bin nur der Tritt in deinen Arsch.« Er verschränkte die Hände hinterm Kopf, holte tief Luft und gab ein erleichtertes Seufzen von sich, das nach einer großen Anstrengung klang, die ihm aber auch große Freude bereitet hatte. »Also, packen wir’s an oder nicht?«
   »Darf ich vorher noch zu Mittag essen?«
   »Meinetwegen kannst du die 5.000 Euro auch komplett vervögeln, wenn’s was nützt. Aber denk dran: Von jetzt an behalte ich dich im Auge. Ich setze dir ein klares Ultimatum. Wenn du bis dahin nichts zustande gebracht hast, kannst du schauen, wie du allein zurechtkommst.«
   Hoffentlich ist das jetzt auch nur ein Witz, dachte Konrad. »Bis wann?«
   »Zwanzig Jahre noch. Dann habe ich die Schnauze voll. Also, hau in die Tasten, Junge.«
   »Ich fang gleich an. Wir sehen uns Ende des Monats.«
   »Klar.«
   Auf der zweiten Leitung wartete Sylvia bereits. Klasse, dachte Konrad. Tag der offenen Tür. Macht mich alle fertig, ich kann’s gebrauchen. Er sah noch, wie sich ein strammer Frauenhintern in hauchdünner Verpackung durchs Bild schob und der alte Charmeur strahlte, als sei ihm gerade eine tolle Idee gekommen, was er mit dem Rest des Tages anfangen könnte. Dann blendete das Bild in eine Aufnahme aus Sylvias Wohnzimmer über. Sie saß in Leggings und mit angezogenen Beinen auf dem Sofa, die blonden Fransen locker hochgesteckt, ein Glas mit einem grün phosphoreszierenden Drink in der Hand. Heute machten alle den Eindruck, als hätten sie ihren Sommerurlaub vorgezogen, nur er hockte, verspannt und träge, in seiner verrauchten Ecke in dem Großraumbüro, das er sich mit zwölf anderen Freelancern teilte, und brachte es nicht einmal fertig, die Geräte abzuschalten und sich zu Hause volllaufen zu lassen.
   »Rufst du als meine Agentin oder als meine Freundin an?«, fragte er.
   »Was wäre dir lieber?«, sagte sie.
   »Als mein Groupie. Ein bisschen rumkreischen und sich die Klamotten vom Leib reißen, wäre nicht schlecht.«
   »Wenn du mir einen guten Grund gibst.«
   »Zum Beispiel?«
   »Du weißt doch, dass ich auf kluge Männer stehe. Intelligenz macht mich an. Wenn ich endlich mal wieder ein Stück brillanter Prosa aus deiner Feder lesen könnte, dann wäre es um mich geschehen. Stell dir vor, live über den Videostream, zum Mitschneiden für Liebhaber. Aber leider ...«
   Es war kein gutes Zeichen, dass ihn der Gedanke an eine Stripshow, die sie ihm das eine oder andere Mal tatsächlich geboten hatte, im Moment ziemlich kalt ließ. Es lag nicht an ihr. Sie war noch dieselbe; eine große, kräftige Frau mit forschem Mundwerk und einer Vorliebe für Männer, die ein wenig Angst vor ihr hatten.
   »Also geht’s doch wieder ums Geschäft?«, fragte er.
   »Du wolltest mich doch unbedingt als deine Agentin haben. Warum beklagst du dich dann, wenn ich meine Arbeit mache?«
   »Na gut, dann bist du ab sofort beurlaubt. Als dein Chef befehle ich dir, sofort deinen knappsten Bikini anzuziehen und dich auf dem Dachgarten zu sonnen. Ich will dich mit der Webcam beobachten.«
   »Meinetwegen gern. Nur bist du im Moment nicht mein Chef, sondern ein wandelnder Krisenherd.« Ihr Gesicht wurde etwas ernster. »Vor drei Wochen hast du gesagt, dass du an mehreren heißen Stories dran bist und etwas Zeit für dich brauchst. Ok, einverstanden. Aber ich habe das Gefühl, du hast dich mal wieder verzettelt.«
   »Quatsch, ich komme gut voran. Warte noch ein paar Tage.«
   »Lüg mich doch nicht an. Mit wem hast du eben so lang getratscht?«
   »Kennst du nicht.«
   Sie schnaubte, als spreche sie mit einem ungezogenen Kind. »Hältst du mich für blöd? Wie viel hat dir Harold wieder vorgestreckt?«
   »Das sind Geschäftsgeheimnisse.«
   »Klar, ich habe mit deinen Geschäften auch nicht das Geringste zu tun. Sehe ich ein.« Sie klemmte für einen Moment die Unterlippe zwischen die Zähne. »Komm schon, zier dich nicht so. Wenn du die letzten drei Wochen auf der faulen Haut gelegen hast, kann ich damit leben. Aber erzähl mir nichts von irgendwelchen sensationellen Stories ...«
   »Nein, ich habe dich nicht angelogen. Die Stories sind wirklich interessant. Es ist nur ... Irgendwie hänge ich fest, irgendwas ist da faul. Vielleicht besteht sogar ein Zusammenhang zwischen den Geschichten. Ich komme nur nicht dahinter, was ...«
   »Na gut, gehen wir die Sachen doch mal gemeinsam durch und entscheiden dann, was wir tun. Vielleicht kann ich dir helfen.«
   Sylvia hatte eine illustre Karriere als Redakteurin für alle erdenklichen Web- und Printperiodika hinter sich und als Quereinsteigerin in die Wissenschaftspublizistik ein erstaunliches Niveau erreicht. Sie zeigte ihm nicht nur in geschäftlichen Dingen, wo es langging. Seit sie sich vor zwei Jahren das erste Mal privat getroffen hatten, war er mit sich selbst noch nicht einig geworden, wie er die Beziehung zu ihr langfristig gestalten wollte, aber das störte sie genauso wenig wie der Umstand, dass er vor ihrer Präsenz gelegentlich in weniger problematische kleine Liebschaften flüchtete.
   »Von der Sache in Shanghai hast du wahrscheinlich schon gehört«, begann er. »Es sollte ein exemplarisches Joint Venture zwischen diesem ausgeflippten Architekten Waters aus Chicago und der Mei Ling Software Corporation werden, die VR-Environments und Expertensysteme für Architekten entwickelt. Du weißt schon, Intensivierung der chinesisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen, Austausch von Know-how, Testläufe für die Märkte von morgen, blah, blah, blah. Den Amis ging’s vor allem darum, dass die Chinesen eine langfristige Zusammenarbeit mit satter Beteiligung in Aussicht gestellt haben, falls mit einem prestigeträchtigen Bauwerk neue Auftraggeber für Großprojekte angelockt werden. Also musste etwas Spektakuläres her, und da war Waters in seinem Element. Vielleicht erinnerst du dich an die Businessmeile, die er in Teheran hochgezogen hat, als sich dort nach dem Krieg amerikanische Firmen breitgemacht haben. Die ganze Branche ist neidisch auf ihn, weil noch niemand dahinter gekommen ist, wie er das mit der Statik hinbekommt. Ich persönlich mag seine Bauwerke nicht, für mich sehen sie wie windschiefe Baugerüste aus. Aber es ist schon faszinierend, wie er die ganze Nutzfläche in ein Stützwerk aus ein paar verdrehten Beton- und Stahlträgern einhängt.«
   »Haben sie ihm in Shanghai nicht einen halben Kilometer am Huang-p’u niedergewalzt?«
   »Genau von dem Ding rede ich. Die Chinesen meinten, dass die englischen Kolonialbauten lang genug die Landschaft verunziert haben und es Zeit für etwas Flotteres wird. Waters hat ein riesiges freitragendes Dach über den Komplex gezogen, achtzig Meter hoch, fast zwölf Hektar überspannte Fläche. Sieht aus wie eine Muschel, und darunter sind die Shoppingpassagen auf Stelzen so kreuz und quer übereinander angeordnet, dass man sich fragt, wie das Ganze halten soll.«
   Sylvia schüttelte den Kopf. »Warum beschäftigst du dich damit? Darüber wurde doch schon letztes Jahr überall berichtet. Sofern das Ding nicht wieder in sich zusammenkracht, interessiert es keinen Menschen mehr.«
   Konrad grinste verschwörerisch, aber nach Sylvias Reaktion zu urteilen, gelang es ihm nicht sonderlich überzeugend. »Stell dir vor, ich habe klare Hinweise darauf, dass genau das passieren wird. Diesmal hat sich Waters mit seinen Statikexperimenten vergaloppiert, und das ganze Shopping-Center neigt sich langsam gen Mutter Erde. Noch zwei Monate, dann gibt’s einen großen Rums – und aus der Traum. Weil Waters für die Planung natürlich Mei Lings Softwaresysteme verwendet hat, haben sich beide Seiten anfangs gegenseitig den schwarzen Peter zugeschoben, aber inzwischen haben sie sich offensichtlich gemeinsam auf den Lieferanten der Hardware gestürzt, nämlich Hewlett-Packard. Hewlett wollte eine drohende Milliardenklage nicht einfach im Raum stehen lassen, hat ein Team von Programmierern nach Shanghai geschickt und Zugriff auf Mei Lings Quellcodes verlangt, um die Software auf mehreren unabhängigen Systemen zu kompilieren und zu testen. Der arme Hund, der für die Testreihen verantwortlich ist, muss inzwischen mit den Nerven am Ende sein. Es wurden keine schwerwiegenden Hard- oder Softwarebugs gefunden, trotzdem kam bei jeder Simulation etwas anderes heraus. Mal sah es so aus, als habe Waters korrekt gearbeitet. Mal hieß es, das Ding hätte schon in der Bauphase einstürzen müssen. Dann wieder was völlig anderes. Eine wirklich mysteriöse Sache. Niemand weiß, was eigentlich los ist.«
   »Außer dir.«
   »Nein, ich habe nicht die geringste Ahnung. Das ist ja mein Problem. Aber ich werde ...«
   Sylvia winkte ab. »Auszeit, mein Schatz. Das reicht.« Er sah ihr an, dass sie sich zusammenreißen musste, um ihn nicht anzufahren. »Genau das habe ich mir gedacht. Ich kenne dich in- und auswendig, mein Süßer, und solche Sachen fängst du immer an, wenn du dich in die Enge getrieben fühlst. Du willst überhaupt nicht weiterkommen. Du willst dich verkriechen.«
   »Wovon redest du eigentlich?«
   »Ein Enthüllungsjournalist, der keine Enthüllung anzubieten hat. Sind die anderen Sachen genauso windig?«
   »Von windig kann überhaupt keine Rede sein. Bei einem der Staudammprojekte am Indus droht ein ähnliches Desaster. Da werden zwei Millionen Tonnen Stahlbeton zerpulvert – ist das etwa eine Kleinigkeit?«
   »Und du weißt auch diesmal nicht warum.«
   »Nein, ich weiß auch nicht, was bei diesen Consulting-Typen auf der Wallstreet los ist, die über zehn Jahre lang mit computergestützten Kursprognosen Millionen gescheffelt haben. Seit einigen Wochen geht bei denen gar nichts mehr. Nicht einmal mit den Daten vom letzten Jahr kommen sie zu konsistenten Ergebnissen.«
   »Und das soll mich jetzt vom Hocker reißen?«
   »Hör doch mal zu.« Sie konnte ihn in den Wahnsinn treiben und hatte keine Skrupel, das auch zu tun, wenn es ihr opportun erschien. »In allen Fällen handelte es sich um bewährte Systeme, die seit Jahren erfolgreich im Einsatz waren. Und auf einmal, aus heiterem Himmel, ohne erkennbare Ursache, flippt der ganze Krempel aus. Also, wenn das keine Story ist ...«
   »Konrad, komm zu dir«, sagte Sylvia. »Solche Dinge passieren ständig. Wir leben in einer Welt, in der Microsoft Milliarden gescheffelt hat. Mindestens die Hälfte aller Software-Großprojekte gehen in die Hose. Ein Update, und wenn man Glück hat, funktioniert nichts mehr.«
   »Das ist nicht dasselbe.«
   »Bitte.« Sie schlug wieder einen versöhnlicheren Ton an, was nichts Gutes bedeutete. »Warum betreibst du nicht einmal eine Zeit lang soliden, stinknormalen Wissenschaftsjournalismus? Langweilig, aber gut. Und vor allem verkäuflich. Professor X von der Universität Y erhält in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung eines todsicheren Mittels gegen Mundgeruch und Schweißfüße. Professor A von der Universität B hat endlich eine der großen Fragen der Menschheit beantwortet und herausgefunden, warum beim Waschen immer die zweite Socke verschwindet. Etwas in der Art. Ich geb’s ja zu, die Sache mit den hepatitisinfizierten Schulkindern, die du damals aufgedeckt hast, war ein echter Kracher. Aber so was kann dir nicht am Fließband gelingen.«
   Nur nicht aufregen, dachte Konrad. »Wir werden sehen«, murmelte er, aber so leise, dass es kaum an seine eigenen Ohren drang.
   »Gehen wir essen?«, fragte Sylvia.
   »Au Backe. Was kommt jetzt? Willst du mich mit dem Rohrstock verdreschen?«
   »Nein. Ich will einfach nur einen schönen Abend mit dir verbringen. Und anschließend nehme ich dich mit in mein Schlafzimmer und werde dafür sorgen, dass du die Englein singen hörst.«
   »Das kann ich gerade noch verkraften. Wo?«
   »Du weißt wo. Ich erwarte dich in zwei Stunden. Zieh was Anständiges an, sonst werde ich wirklich böse.«

Sylvia hatte eine unangenehme Vorliebe für die Konsumpaläste, die asiatische Investoren in den Zwanzigern, als mehrere niederrheinische Städte zur neuen Supercity zusammengefasst worden waren, an den Rheinufern zwischen Düsseldorf und Bonn hochgezogen hatten. Besonders für das Sherrington-Mall in Kaiserswerth, einer unglaublich protzigen, mit kühnem Schwung in die Landschaft gestellten Glas- und Stahlkonstruktion, deren Bauplan man allem Anschein nach direkt von den Covern alter amerikanischer Science-Fiction-Magazine abgeschaut hatte. Im Erdgeschoss waren so viele teure Boutiquen und Kitschläden untergebracht, dass man an einem Nachmittag eine Millionen verprassen konnte, ohne hinterher einen Lastwagen bestellen zu müssen. Darüber standen ganzjährig tausende Hotelzimmer für die Touristen leer, die die Rhein-Megapolis bis heute nicht angelockt hatte. Auf den Dachterrassen schließlich teilten sich eine Handvoll Edelrestaurants die kostspieligste Gewerbefläche der Stadt, was sich in den Preisen, nicht aber der Qualität niederschlug. Jeder chinesische, türkische oder pakistanische Provinzkoch hätte sich angesichts der gaumenschonenden Designer-Cuisine, die hier als internationale Küche serviert wurde, sämtliche Haare ausgerauft. Dafür konnte man sich die Ohren stundenlang mit italienischer Pop-Muzak zuschmalzen lassen, den Ausblick auf den Rhein genießen, besonders wenn die Abwässer der chemischen Industrie zur Dämmerung apart leuchteten, oder in der Gesellschaft des hohlköpfigsten Neureichen-Gesindels schwelgen, das in fünfzig Kilometern Umkreis aufzutreiben war.
   Normalerweise hatte Sylvia nichts übrig für Pomp, aber für den Spaß, sich über eine solch alberne Zurschaustellung von Überfluss zu amüsieren, zwängte sie sich gern einmal in einen ihrer Pailletten-Fummel, die eigentlich für Frauen mit weit schmächtigeren Formen geschneidert waren. Konrad hatte sein Samtsacko ausgebürstet, aus den Textilbergen in seinem Kleiderschrank einige Teile hervorgekramt, die noch nicht ganz vergammelt aussahen, und vor dem Spiegel einen coolen Gesichtsausdruck geübt, damit er während des Essens nicht den Eindruck machte, dass er sich jeden Moment übergeben müsse. In dem kleinen Spiegelkabinett, das ins Diner’s Club Special führte, stellte er fest, dass der Dreitagebart, den er störrisch hatte stehen lassen, an ihm eher schäbig als verwegen aussah, und sein Outfit nicht stilvoll schwarz sondern wie das eines drittklassigen Bestattungsunternehmers rüberkam. Sylvia schien immerhin anzuerkennen, dass er sich Mühe gegeben hatte. Sie sagte nichts, als er sie auf einer Galerie an einem etwas abseits stehenden Tisch entdeckte, strahlte nur, als er ihr einen Kuss auf die Wange drückte, und winkte einem Kellner.
   »Ich habe eine Überraschung für dich«, sagte sie.
   Konrads Blick blieb an ihrem Ausschnitt hängen, als er sich umständlich einen Stuhl zurechtrückte und Platz nahm. Das Oberteil saß sehr stramm, und bei jedem Atemzug schien es, als würde ihre üppige Brust den Stoff sprengen. »Was ist? Hast du schwarze Unterwäsche an?«
   Sie lächelte milde wie über den Scherz eines Halbwüchsigen. »Ich trage überhaupt keine Unterwäsche, mein Schatz. Aber das ist es nicht.« Sie schob ihm einen Caddy mit einer Mini-DVD rüber. »Hier. Damit wirst du dich in den nächsten Monaten beschäftigen.«
   Ein schmächtiger, dunkelhäutiger Kellner mit dem schwülen Charme eines Metrosexuellen trat an ihren Tisch und zückte erwartungsvoll ein Notepad. »Sag mal, wie heißen diese kleinen Dinger, die wir beim letzten Mal gegessen haben?«, fragte Sylvia. »Diese Käse- und Gemüsebällchen mit Reis. War was aus Indien, du weißt schon ...«
   »Oh, nein«, stöhnte Konrad, und der Kellner warf ihm einen pikierten Seitenblick zu.
   »Sag schon.«
   »Kofta. Malai Kofta, aber ...«
   »Malai Kofta für uns beide. Und was man halt dazu trinkt«, sagte Sylvia zu dem Kellner und lachte, als sie Konrads gequälten Gesichtsausdruck sah. Der Kellner verzog sich eilig an den nächsten Tisch, und Sylvia fuhr fort: »Was habe ich meinem Süßen jetzt wieder angetan? Sag’s mir, vielleicht bessere ich mich irgendwann.«
   »Du weißt genau, dass diese Idioten hier kein Kofta zubereiten können. Die indische Küche ist eine Kunst für sich. Wenn du unbedingt dein Geld zum Fenster rauswerfen willst ...«
   »Halt die Luft an, Konrad. Über eine solche Kleinigkeit regst du dich auf? Aber wenn’s um deine eigene Existenz geht, dümpelst du vor dich hin wie jemand, der nicht weiß, was die Stunde geschlagen hat?«
   »Was soll das heißen?«
   »Ich wollte nur mal sehen, ob du noch Saft in dir hast. Ob du dich noch über etwas aufregen kannst. Scheint so, und jetzt müssen wir diese Power nur noch in die richtigen Bahnen lenken.«
   Er nahm die Minidisk in die Hand. »Was ist das?«
   Sylvia hob die Augenbrauen. »Ich sage nur ein Wort: SLHC.«
   »Was?« Er stutzte erst, dann schwante ihm Böses. Der Super Large Hadron Collider, ein riesiger linearer Teilchenbeschleuniger, den man an einem der L5-Punkte zwischen Erde und Mond installiert hatte, war seit achtzehn Monaten in Betrieb und Gegenstand der dämlichsten Schlagzeilenschlacht, die sich die wissenschaftlichen Analphabeten von WebTV und Presse seit Jahren geliefert hatten. Konrad erinnerte sich an Phrasen wie »Vorstoß zum Schöpfungsmoment« oder »Gottes Plan kennen« und an einen Pressesprecher, der allen Ernstes erklärt hatte, dass man die am Projekt beteiligten Wissenschaftler vielleicht in hundert Jahren als Begründer einer neuen Religion feiern werde, denen die Aussöhnung zwischen Wissen und Glauben gelungen sei. Der ganze Quatsch hatte ihm das Interesse an dem Projekt gründlich verleidet, und dabei war ihm auch gleichgültig, ob tatsächlich experimentelle Beweise für einige der wesentlichen Vorhersagen der Superstring-Theorie vorlagen, wie nach der Auswertung der ersten Experimente behauptet wurde. »Du erwartest doch nicht, dass ich ...«
   »Doch«, sagte Sylvia. »Ich weiß, was du von dem ganzen Brimborium hältst, aber darum geht es nicht. Die Sensationspresse wird sich bald wieder für andere Dinge interessieren, und dann schlägt die Stunde seriöser Berichterstatter. Ich habe dir alles auf die Disk gebrannt, was meine Informanten ranschaffen konnten. Das Material ist außerordentlich komplex, da steckt Stoff für Jahre solider Interpretation und Kommentierung drin. In der Fachwelt sind heftige Diskussionen darüber entbrannt, was von den Messungen zu halten ist. Du könntest einige schöne, umsichtig argumentierte Spekulationen verfassen. Ich habe mich schon umgehört. Solche Artikel können wir sofort verkaufen.«
   »Nein.«
   »Was heißt nein?«
   »Ich mach’s nicht. Mit dem Scheiß können sich meinetwegen andere rumplagen.«
   »Du bist bescheuert.«
   »Kann sein.«
   »Du benimmst dich wie ein kleines Kind. Was soll das? Meinst du, dein Ruf nimmt Schaden, wenn du dich einmal mit etwas befasst, das auch nur im Entferntesten den Ruch des Aktuellen oder Populären hat?«
   Konrads Notepad piepste. »Das ist immer noch meine Entscheidung«, sagte er und zog das Gerät aus seiner Sackotasche. »Wenn’s dir nicht passt, kannst du ja die Brocken hinschmeißen.«
   »Da haben wir’s wieder.«
   »Was?« Konrad tippte aufs Display, das den Eingang einer E-Mail von einem gewissen Seth Wachowski anzeigte. Konrad musste kurz überlegen, dann fiel ihm ein, dass das einer der Softwaretechniker war, die Hewlett-Packard nach Shanghai geschickt hatte. Ein Freund mit guten Kontakten zur amerikanischen Computerindustrie hatte ihm den Tipp gegeben, dass sich Wachowski nach dem Einsatz bei Mei Ling im Streit von Hewlett getrennt hatte, seitdem erfolglos zwischen Europa und den USA pendelte, um einen neuen adäquaten Job zu finden, und möglicherweise für eine gute Honorarbeteiligung ein paar Insiderinformationen ausplaudern würde. Konrad hatte schon nicht mehr damit gerechnet, von ihm zu hören.
   »Du willst immer die Avantgarde sein«, sagte Sylvia. »Du willst dich immer in dem Gefühl sonnen, dass du deinen Zeitgenossen überlegen bist und für deine Überlegenheit auch noch schmählich verachtet wirst. Du hast Riesenangst davor, einmal wirklichen Erfolg zu haben.«
   »Was für’n Scheiß«, knurrte er. Wachowski schrieb:

Ich bin für einige Tage in Deutschland. Wenn Sie noch an der Sache interessiert sind, kommen Sie zwischen Samstag dem 9. und Montag dem 11. nach Frankfurt/M. Adresse erfahren Sie dann. Vorerst bleibt alles unter uns, ok?
Gruß, SW

Sein Herz machte einen Sprung. Er steckte das Notepad ein und stand auf. Sylvia beobachtete ihn ganz gelassen. »Was war das?«, fragte sie.
   »Geht dich nichts an.«
   »Setz dich. Unser Gespräch ist noch nicht beendet.«
   »Für mich schon«, erwiderte er, aber auch das konnte den Ausdruck überlegener Selbstbeherrschung nicht aus ihrem Gesicht vertreiben. So sah sie ihn immer an, wenn sie entschlossen war, ihn wie einen aufsässigen Jugendlichen zu maßregeln, und es gab nichts, was er mehr an ihr hasste.
   »Du willst ernsthaft einen Fick mit mir sausen lassen, nur weil du dich ein bisschen in die Enge getrieben fühlst? Komm schon, setz dich wieder. Jetzt glaube ich, dass wir wirklich ein Problem haben.«
   Ein gutes Argument, wie er bei einem Blick in ihren Ausschnitt zugeben musste. Hätte er sich nicht schlapp bis unter die Gürtellinie gefühlt, wäre das möglicherweise ausschlaggebend gewesen. Aber im Moment hatte er andere Dinge im Kopf als ihre schwarze oder nicht vorhandene Unterwäsche.
   Der Kellner kam mit den Getränken und blickte unsicher zwischen ihm und Sylvia hin und her. »Amüsier dich noch schön«, sagte Konrad. »Aber nicht auf meine Kosten.«
   Sonderlichen Respekt flößte er ihr damit nicht ein. Sie lächelte, als fände sie es einfach interessant, dass er zur Abwechslung einmal anders reagierte. Eine kleine Würze in der klaren Hierarchie ihrer Beziehung.
   »Bitte komm innerhalb von drei Tagen wieder bei mir angekrochen«, sagte sie. »Sonst mache ich mir ernsthaft Sorgen.«
   Er murrte etwas Unverständliches, und bevor er ging, wischte er mit einer Hand über den Tisch, um unauffällig die Minidisk an sich zu nehmen. Sylvia gab ihm mit einem Zwinkern zu verstehen, dass sie es bemerkt hatte.

Vor einigen Monaten hatte Konrad sein Büro außer Haus verlegt, um Privat- und Berufsleben klarer trennen zu können, aber nennenswerte Verbesserungen waren dadurch nicht eingetreten. Sein Gehirn fand immer etwas, das es mit sich herumschleppen und besonders dann, wenn er wie jeder Durchschnittsidiot bei einem Bier und einem Film etwas Entspannung finden wollte, in Gedanken endlos hin- und herwälzen konnte. Fest entschlossen, seinen Ärger auf Sylvia noch ein wenig am Kochen zu halten, zog er durch die Bars im Sherrington, kippte harte Drinks in sich hinein und ging anschließend mit einer Flasche teurem Beaujolais am Rhein spazieren, bevor er sich von einem Taxifahrer, der ihn aus einer 400 W-Autostereoanlage (»Tolles Ding, was?«) mit italienischen Opernarien zudröhnte, nach Hause fahren ließ. In einem Anfall alkoholbegünstigten Selbstbehauptungswillens versprach er einem Barkeeper, dass er »der Alten« den Tritt ihres Lebens verpassen würde, aber der Entschluss überstand keine zwei Wodka-Martini. Als er schließlich, zu erschöpft, um sich auszuziehen, in sein Bett sackte, hatten sich wieder andere Dinge vor alle privaten Scherereien geschoben, und er grübelte im Halbschlaf noch lange über die Gerüchte nach, die seit Wachowskis Ausscheiden bei Hewlett-Packard die Runde machten.
   Der Bursche war erst zweiundzwanzig und hatte den Ruf eines exzentrischen Wunderkinds, eines dieser mathematischen Naturtalente, die schon als Zwölfjährige komplizierteste Berechnungen mit einer Genauigkeit von zwanzig Stellen hinterm Komma im Kopf lösen können, aber froh sind, wenn sie bis dreißig gelernt haben, sich selbständig die Schuhe zu binden und den Hintern abzuwischen. Millionen Internet-Benutzer konnten ihm dafür danken, dass er mit neuartigen Datamining-Algorithmen die Grundlage für eine Flut noch raffinierterer, auf intimste Wünsche zugeschnittener Spam-Media gelegt hatte, aber zu seinem Glück war sein Name nur Insidern bekannt. Schon an der Universität von Berkeley hatte sich gezeigt, dass er außer zum Jonglieren mit Gleichungssystemen und Java-Quellcodes zu nichts zu gebrauchen war, und so hatte Hewlett um ihn ein straff organisiertes Team aufgebaut und ihm privat und beruflich alles abgenommen, was ihn auch nur im Entferntesten von den esoterischen Höhen der Systemprogrammierung ablenken konnte. Besonders beliebt war er deswegen nicht, und Ex-Mitarbeiter berichteten hämisch, dass er zu Hause nicht einmal eigenhändig frische Unterwäsche aus dem Schrank nehmen musste und zur geregelten Abfuhr von Stauungen einmal pro Woche ein Mädchen ins Büro geschickt bekam, das ihm der Einfachheit halber gleich vor Ort einen blies.
   Es musste einen guten Grund geben, warum so jemand, dem sonst nichts wichtiger war, als immer mit der neusten und teuersten Hardware herumspielen zu können, aus heiterem Himmel gegen die Mutterbrust aufbegehrte, an der er die nächsten Jahrzehnte bequem hätte nuckeln können. Im Netz kursierten Protokolle eines Meetings mit der Konzernspitze, bei dem Wachowski rätselhafte Andeutungen in der Richtung gemacht hatte, dass weder Hard- noch Softwarefehler, sondern ein Phänomen von weit größerer Reichweite für die Unregelmäßigkeiten bei der Mei Ling Corporation verantwortlich sei. Innerhalb klar gezogener Grenzen durfte Wachowski für gewöhnlich herumspinnen wie er wollte, aber dieses Mal hatte er, weil niemand daraus schlau wurde, was ihn eigentlich so beunruhigte, den Bogen doch etwas überspannt und sich zu einem Affront gegen die »ahnungslosen Idioten« von der Konzernleitung verstiegen. Konrad reizte es sehr, diesen Mann persönlich kennen zu lernen, aber trotz seiner kleinen Rebellion gegen Sylvia fühlte er sich in seinen Entscheidungen keinesfalls autonom und ungebunden.
   Um fünf Uhr früh, als sich sein Magen mit den ersten Anzeichen von Übelkeit meldete, erwischte sich Konrad dabei, dass er das Bettzeug zusammengerollt und wie die traurige Nachbildung einer Bettgefährtin umklammert hatte. Plötzlich bereute er, dass er die Gelegenheit verpasst hatte, mit einer Hand an Sylvias drallem Hintern aufzuwachen, und nachdem er sich im Bad einen Finger in den Hals gesteckt hatte, setzte er sich an die Workstation im Wohnzimmer und schob die Mini-DVD ins Laufwerk. Sylvia war nicht zimperlich, wenn es um Informationen ging, die Konrad einen Vorsprung vor den Kollegen verschaffen konnten, und was ihre Cracker-Freunde hier direkt von den Servern der L5-Forschungsstation abgestaubt hatten, war ein paar Jahre Gefängnis wert. Das Problem war nur, dass sie seine Kenntnisse gern überschätzte und er Monate brauchen würde, um sich in Partikelphysik und Quantenkosmologie soweit auf den neusten Stand zu bringen, dass er etwas mit den Aufnahmen aus der Nebelkammer und dem Datenkonvolut von den ersten Partikelkollisionen anfangen konnte.
   Unter den öffentlich zugänglichen Dokumenten war eine 3D-Animation, die man aus den Aufnahmen mehrerer Kamerasonden berechnet hatte und die, mit pompöser Musik untermalt, eine rasante Fahrt zum Kopfende des 140 Kilometer langen Teilchenbeschleunigers zeigte. Wie klobige Schmuckstücke, aufgereiht an einer endlosen Kette, schossen vor dem Hintergrund der westlichen Mondhemisphäre haushohe supraleitende Magnetspulen knapp am Kopf des Betrachters vorbei. Zwischen dem Mond und dem Schweifende eines kürzlich entdeckten Kometen verjüngte sich die Vakuumröhre zu einem Punkt, aus dem – während die Kamera langsam abbremste – der sternförmige Komplex der Feynman-Station erwuchs. Der Sprecher, der penetrant wie ein Klatschreporter klang, sprach vom größten nicht-architektonischen Gebilde, das je von Menschenhand geschaffen wurde, und wurde nicht müde, auf die historische Bedeutung des 21. Dezembers 2036 hinzuweisen. An diesem Tag, nach acht Jahren Bauzeit und Skandalen um Überziehungen des Projektetats in Milliardenhöhe, hatten die Physiker die größte Show der Wissenschaftsgeschichte abgezogen. Eine Hundertschaft handverlesener Starjournalisten aus aller Welt wurde zu exorbitanten Kosten eigens in die Station befördert, um über ein für Laien völlig unbegreifliches Ereignis zu berichten. Auch Konrad verstand nur soviel, dass man Protonen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und mit einer Energie auf ein hochverdichtetes Plasma geschossen hatte, die den Bedingungen im Kosmos wenige Millisekunden nach dem Urknall entsprach. Damit war man erstmals in einen Bereich vorgedrungen, in dem die vier Grundkräfte der Natur sich zu einer einheitlichen Urkraft vereinten, und für alle Entwürfe einer »Theory of Everything« war jetzt die Stunde der Bewährung gekommen.
   Neu war für Konrad, dass der SLHC sogar über einige Gigaelektronenvolt Spielraum nach oben verfügte und die physikalischen Bedingungen, die er zu untersuchen vermochte, auf ein infinitesimales Intervall an den Moment des Urknalls heranschieben konnte. Mit diesen Bereichen hatte man zwei Monate später experimentiert, und dabei hatte der Enthusiasmus der Forscher einen empfindlichen Dämpfer erhalten, den man verständlicherweise nicht lautstark an die Presse hinausposaunte. Alle Wissenschaftler, die sich schon als Mitwirkende an der großen, endgültigen Vollendung der Physik wähnten, sahen sich beim Vorstoß in Niveaus jenseits der Vereinigungsenergie plötzlich mit einem Chaos neuer, exotischer Elementarteilchen konfrontiert, die die etablierte Ordnung der Baryonen, Hadronen und Quarks auf den Kopf zu stellen drohten.
   Für einen Fachfremden wurden die Protokolle dieser zweiten Versuchsreihe ganz unverständlich, aber Konrad fand einen nachdenklichen Kommentar eines Quantenphysikers aus dem Projektbeirat, der vielleicht den Keim für einen interessanten Artikel enthielt. Der Mann erinnerte seine Kollegen daran, dass Teilchenbeschleuniger Mikroskopen glichen, mit denen man in immer winzigere Raum- und Zeitbereiche hineinzoomte. Allerdings seien Raum und Zeit nicht beliebig teilbar und begännen ab einer bestimmten Grenze selbst gequanteltes Verhalten zu zeigen. Näherte man sich dem Urknall auf ein Intervall von 10-45 Sekunden oder darunter, dann gerate man in den Bereich der Planck-Zeit, in dem sich vertraute temporäre und kausale Ordnungen auflösten. In solchen Maßstäben ließe sich nicht mehr sagen, in welcher Reihenfolge zwei Ereignisse stattfänden und ob zwei Teilchen am selben oder an verschiedenen Orten seien. Vermutlich erklärte das die eigenartigen Messungen im Februar.
   Sylvia hatte Recht. In dem Stoff steckten jede Menge Ideen, aus denen er mit etwas Arbeitseinsatz interessante und sogar seriöse Artikel stricken konnte. Er war versucht, sie anzurufen und sich bei ihr zu entschuldigen, aber etwas in ihm sträubte sich dagegen, mal wieder als der Schlappschwanz dazustehen, der er war. Er grübelte hin und her, und bevor er es sich wieder anders überlegen konnte, teilte er Wachowski in einer E-Mail mit, dass er ihn Samstag besuchen würde, und buchte online ein Flugticket nach Frankfurt. Danach schlief er noch schlechter.
   Zwei Tage später saß er im Foyer einer kleinen Pension unweit des Römers, schlürfte einen Kaffee, der jeden Herzkranken auf die Intensivstation gebracht hätte, und widerstand der Versuchung, Sylvias Voicemails abzuhören. Er fragte sich, warum ein Mann wie Wachowski ausgerechnet in einem derart schäbigen Familienbetrieb abgestiegen war, eine 12-Zimmer-Klitsche mit verstaubtem Öko-Ambiente, gemanagt von einem Pärchen, das vom Hippie-Revival der Zwanziger übrig geblieben zu sein schien. Der angegraute Krauskopf an der Rezeption, der im Viertelstundentakt Schnapsgläschen leerte, hatte sehr erstaunt darauf reagiert, dass sich ein Besucher nach Dr. Wachowski erkundigte, und schaute immer noch neugierig herüber.
   Wachowski ließ Konrad fast eine Stunde warten. Als er schließlich, ein Notebook unterm Arm, eine Ledertasche in der Hand, aus einem Taxi stieg, erkannte Konrad ihn nicht sofort. Sein Photo auf den Webseiten von Hewlett-Packard zeigte einen pausbäckigen Jungen mit weichen, etwas unreifen Gesichtszügen und welligem Haar. Seitdem hatte er deutlich abgenommen, war fast hager, mit lichter Stirn, nachlässig gekleidet, fahrig und ungelenk. Als der Mann an der Rezeption auf Konrad zeigte, reagierte er kaum, und beim Näherkommen bemerkte Konrad in seinen Augen eine glasige Trübheit, die er noch von eigenen Erfahrungen mit Aufputschmitteln kannte.
   »Sind Sie Tankert?«, fragte Wachowski und streckte ihm flüchtig die Hand hin. »Kommen Sie. Ich habe nicht viel Zeit.«
   Er hatte außer einem Doppelzimmer auch die Räume rechts und links daneben gemietet. Als er ihm die Tür aufhielt, stutzte Konrad für einen Moment. Auf dem Bett, dem Tisch und den Nachtschränkchen lagen mindestens zwei Dutzend Notepads, PDAs, wissenschaftliche Taschenrechner und andere Kleincomputer durcheinander. Wachowski warf das Notebook aufs Kopfkissen, stellte die Tasche aufs Bett und holte weitere Geräte hervor, die er achtlos auf der Garderobenablage stapelte.
   »Setzen Sie sich, wenn Sie irgendwo Platz finden«, sagte er.
   Konrad räumte sich einen Stuhl frei und sah zu, wie Wachowski in Schubladen und einem offenen Koffer wühlte. Er wurde erst etwas ruhiger, als er ein Päckchen Marihuetten fand, zündete sich eine an und lachte über Konrads verdutzten Gesichtsausdruck.
   »Eins vorweg«, sagte er. »Bitte ersparen Sie mir diese Journalistenscheiße, von wegen was mit mir los ist, was bei Hewlett-Packard passiert ist und so weiter. Ich weiß selbst, dass ich im Moment nicht in Bestform bin. Aber deswegen sind Sie nicht hier.«
   »Weswegen sonst? Wollten wir nicht über Waters’ Projekt in Shanghai reden?«
   »Wozu denn? Darüber wissen Sie doch schon alles. Was Sie nicht wissen, ist das, was dahinter steckt. Ich bin der Sache schon seit Monaten auf der Spur, und es wird Zeit, dass ich mal mit jemandem darüber rede.« Er setzte sich ans Fußende und warf einen fast ängstlichen Blick auf die Geräte, die neben ihm auf dem Bett lagen. »Bevor ich den Verstand verliere.«
   Konrad war noch nicht sicher, ob Wachowski etwas Psychotisches an sich hatte oder nur von Belastungen gezeichnet war. Er sagte nichts, wartete einfach, bis sein Gastgeber ein paar tiefe Züge inhaliert hatte und von allein weiterredete.
   »Sagen Sie, glauben Sie an etwas?«
   »Sie meinen, im religiösen Sinne?«, fragte Konrad.
   »Nein, nicht unbedingt. Viel allgemeiner. Zum Beispiel als Wissenschaftler. Auch als Wissenschaftler muss man an etwas glauben. Oder etwas als gegeben voraussetzen.«
   »An Naturgesetze? An die materielle Realität? Die Möglichkeit rationaler Erkenntnis?«
   »Ja, ja, so ungefähr. Und jetzt stellen Sie sich vor, etwas ganz Elementares, das für Ihre Weltsicht so grundlegend ist, dass Sie es sich selten bewusst machen, wird plötzlich erschüttert. Zum Beispiel sind Sie Mediziner und erleben Jungfernzeugung beim Menschen. Oder Sie sind Physiker und werden Zeuge einer Teleportation. Irgendetwas völlig Absurdes, Unmögliches, das dennoch plötzlich passiert.«
   »Ich versuch’s mir vorzustellen. Und?«
   »Dann wissen Sie ungefähr, wie ich mich jetzt fühle.« Sein Blick ging ins Leere, und ein nervöses Zucken glitt über sein Gesicht. »Ich habe die Mathematik immer als ein Reich vollkommener formaler Klarheit geschätzt. Keine Ambivalenzen, keine Unschärfen wie in der materiellen Welt. Axiome, Beweise, etwas ist wahr oder nicht wahr. Eine Handvoll elementarer Prinzipien, die eine ganze Welt reiner Logik strukturieren. Das Höchste, was der menschliche Geist erreichen kann. Und mitten in meiner Arbeit sehe ich plötzlich ein elementares Prinzip außer Kraft gesetzt. Es gilt einfach nicht mehr. Es ist so, als stelle sich alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, als eine Täuschung heraus.«
   »Hören Sie, wenn Sie ...«
   »Nein, schon gut. Ich will versuchen, es für einen Außenstehenden verständlich zu erklären.« Er nahm ein Notepad in die Hand, auf dessen Display Konrad die Symbolpalette einer Algebrasoftware erkannte, spielte mit dem Trackball herum und legte das Gerät wieder weg. »Nennen wir es einfach das Komplementärprinzip. Zu jeder mathematischen Operation gibt es eine Umkehrung, die wir im Alltag meistens benutzen, um uns zu vergewissern, dass eine Berechnung richtig war. Nehmen wir an, Sie multiplizieren 12 mal 7. Das Ergebnis ist 84, und wenn Sie 84 durch 7 dividieren, erwarten Sie, dass wieder 12 herauskommt. 84 durch 7 ist einfach eine andere Art, die Zahl 12 auszudrücken. 12 mal 7 ist eine andere Art, die Zahl 84 auszudrücken. Die ganze Mathematik beruht darauf, Ausdrücke konsistent und reversibel ineinander zu überführen, in die eine Richtung und wieder zurück. Nun stellen Sie sich vor, Sie kommen bei einer Operation zu einem Ergebnis, das dem Ergebnis der komplementären Operation widerspricht. 12 mal 7 ist 84, aber 84 durch 7 ist auf einmal 13. Verstehen Sie?«
   »Dann würde ich vermuten, dass ich entweder im Kopfrechnen schwach bin oder mein Computer eine Macke hat.«
   »Das habe ich ursprünglich auch vermutet. Es geht hier natürlich nicht um solche Trivialitäten. Die Inkonsistenz, die ich entdeckt habe, steckt in einem Gleichungssystem mit mehreren hundert Ableitungen. Ich habe Monate damit verbracht, eine Subroutine in Mei Lings Architektur-Software zu analysieren, die mir suspekt vorkam. Achthundert Zeilen dichtester C++-Quellcode, jede Menge Schlupflöcher für Programmschleifen, die sich selbst in den Hintern beißen. Es gab da eine kleine Variable, die bei einer komplementären Rückberechnung über zweihundert Zwischenschritte einen anderen Wert annahm, als sie sollte. Das Verrückte war, dass die Abweichung sogar schwankte. Der Fehler ließ sich nicht einmal klar reproduzieren. Natürlich habe ich einen Bug vermutet, aber nach acht Wochen zermürbender Debugging-Sitzungen sah es immer noch so aus, als sei die Routine völlig sauber.«
   »Und die Lösung?«
   »Es gibt keine Lösung. Ich habe mir dann den Algorithmus vorgenommen und das Gleichungssystem unabhängig von der Implementierung durchgerechnet. Wieder dasselbe. Ich hab’s auf anderen Systemen und mit anderen Compilern versucht. Ich habe die Routine in anderen Sprachen neu geschrieben. Am Ende habe ich das Ding sogar von Hand durchgerechnet. Immer dasselbe. Eine Abweichung, die innerhalb eines bestimmten Intervalls schwankte. Ganz und gar unerklärlich. Ich war auf etwas gestoßen, das dem einfachsten und elementarsten logischen Gesetz widersprach: dem Identitätssatz, x ist x. Hier hieß es auf einmal: x ist nicht x
   Konrad machte wohl ein etwas zu skeptisches Gesicht, denn er fuhr noch erregter fort: »Ich weiß genau, was Sie denken. Jeder würde in einem solchen Fall vermuten, dass mein brillantes Mathematikerhirn nicht mehr sauber tickt. Meinen Sie, ich würde Ihnen eine solche Story erzählen, wenn ich nicht jedem erdenklichen Selbstzweifel nachgegeben hätte? Ich spinne nicht. Dieser Bruch, diese Unstimmigkeit existiert. Sie können das Material gern mitnehmen und selber ein bisschen herumrechnen.«
   »Was haben Ihre Kollegen dazu gesagt?«
   »Ich hab’s bisher für mich behalten. Ich wollte mir erst darüber klar werden, womit ich es zu tun habe. Denn das ist noch nicht alles. Als nach drei Monaten absehbar war, dass wir bei Mei Ling nicht weiterkommen, bin ich für einen Heimaturlaub nach Ohio zurückgeflogen. Ich habe ein paar Tage abgeschaltet und dann das Ding noch einmal frisch durchgerechnet, in der Hoffnung, dass mir irgendwie durch den Stress etwas entgangen ist. Nicht die Bohne. Die Abweichungen traten auch zu Hause auf, nur bewegten sie sich in einem kleineren Intervall. Können Sie sich das vorstellen? Ich habe dieselben Berechnungen auf dieselbe Weise wie in China noch einmal im Kopf durchgeführt, mit keinem anderen Hilfsmittel als einem Stück Papier und einem Kugelschreiber. Und wieder kam etwas anderes heraus.«
   »Und hier? Deswegen haben Sie doch die ganzen Geräte dabei, nicht?«
   »Was meinen Sie, warum ich seit acht Monaten durch die Gegend reise? Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es etwas Physikalisches sein muss. Ich habe weitere Ikonsistenzen in komplexen Gleichungssystemen entdeckt, die zeitlich und je nach der geographischen Lage schwanken. Es gibt offenbar Zonen auf der Erde, in denen die Abweichungen in unterschiedlichem Ausmaß variieren. Ich bin mehrmals nach Europa und wieder zurück gereist, konnte die geographische Verteilung aber nicht reproduzieren. Dann bin ich darauf gekommen, dass die Erde sich schließlich um die Sonne und die wiederum ums galaktische Zentrum dreht. Vielleicht hat es gar nichts mit der Position auf der Erdoberfläche zu tun, sondern mit der Position in der Raumzeit.«
   »Was sollte das sein?« Allmählich wurde Konrad die Sache unangenehm. Wachowski ließ etwas vom Gebaren eines Fanatikers erkennen. Er schwitzte stark, und seine Augen tränten.
   »Ich habe keine Ahnung«, sagte er. »Man sagt doch, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben. Über die Beziehung zwischen Mathematik und Wirklichkeit haben sich Generationen von Philosophen den Kopf zerbrochen. Vielleicht ist die Mathematik kein Reich idealer Gegenstände, sondern fest an die materielle Wirklichkeit angeschirrt, und wenn diese sich verändert, verändert sich die Mathematik auch. Irgendetwas muss passiert sein, das die Beschaffenheit der Wirklichkeit verändert hat. Ich weiß nicht was, aber ich glaube, ich weiß wann.«
   Er ging zum Schreibtisch, klappte von einem Laptop das Display hoch und drehte Konrad das Gerät zu. Konrad erkannte eine exponentielle Kurve, um die sich ein Schwarm von Farbtupfern gruppierte. Das Ganze sah ungefähr aus wie eine Füllhorn, das sich entlang der horizontalen Zeitachse weitete. »Das ist nur eine grobe statistische Analyse«, erklärte Wachowski. »Aber Sie werden sehen, dass der Effekt in den letzten Monaten immer stärker geworden ist. Im Moment handelt es sich noch um Abweichungen im Bereich einiger Promille, und das dürfte, wenn wir es wirklich mit den Auswirkungen eines physikalischen Phänomens zu tun haben, Vorgängen auf der submikroskopischen Skala entsprechen. Ich verstehe nicht viel von Physik, aber solche Phänomene, wenn sie überall auftreten, könnten sich schnell zu makroskopischen Effekten summieren. Außerdem schreitet die Veränderung immer schneller voran. Bald wird die Mathematik, so wie wir sie kennen, nicht mehr existieren. Aber noch interessanter wird’s, wenn wir in die andere Richtung blicken.« Er deutete auf den gestrichelten Teil der Kurve, der eine Handbreit vor den ersten Farbtupfern die Zeitachse schnitt. »Ich beobachte das Phänomen erst seit Oktober, deshalb reicht meine Datenbasis für eine präzise Rückextrapolation nicht aus. Aber wenn Sie mich fragen, würde ich sagen, dass diese Sache irgendwann zwischen dem 20. Januar und dem 5. März 2037 angefangen hat. Sie sind doch auf vielen Gebieten beschlagen. Ich frage Sie: Was ist in diesem Zeitraum auf der Erde, im Kosmos oder wo auch immer passiert? Ist irgendetwas Ungewöhnliches beobachtet worden? Was kann das gewesen sein?«
   Konrad kam ein Gedanke, der ihm zu absurd erschien, um ihn zuzulassen. »Ich ... ich habe keine Ahnung.«
   »Was immer es ist, es macht mir eine Scheißangst.« Wachowski klappte den Laptop zu. »Verstehen Sie? Sie könnten mit einem Maschinengewehr vor mir stehen, und ich würde nur lachen. Denn das hier ist eine ganz andere Größenordnung. Vielleicht reden wir vom Ende der Welt ...«
   Er ließ die halb aufgerauchte Marihuette auf den Boden fallen, zertrat sie wie ein lästiges Insekt und stapfte über ein Durcheinander von Müll und Kleidungsstücken ins Bad. »Und jetzt gehen Sie«, sagte er über die Schulter. »Wenn Sie mir nicht glauben, vergessen Sie das Ganze. Wenn doch, nehmen Sie die CD mit, die auf dem Nachttisch liegt, und recherchieren Sie weiter. Ich kann nicht der Einzige sein, der etwas gemerkt hat.«
   Als er draußen vor der Pension stand, kam Konrad das Gespräch unwirklich vor. Es blieb etwas Unbefriedigendes zurück, als sei er nicht aufmerksam genug gewesen, als hätte er etwas übersehen, das es ihm leichter gemacht hätte, Wachowski als Spinner oder Schwindler abzutun. Während des Flugs kreisten seine Gedanken unentwegt um den Februar des letzten Jahres. Eine hübsche Sitznachbarin riss ihn mit ein paar Minuten Small Talk aus seinen Grübeleien, und dabei kam ihm der Verdacht, dass er Harolds Rat vielleicht etwas zu sehr verinnerlicht hatte: Stelle interessante Verbindungen her ... Er war fest entschlossen, den jungen Mathematiker zu vergessen und gleich mit der Arbeit an den SLHC-Artikeln zu beginnen. Wieder im Büro, nahm er sich dann aber doch die CD vor, die Wachowski ihm mitgegeben hatte, und rechnete die angeblichen Inkonsistenzen auf eigene Faust durch.
   Er blieb zwanzig Stunden am Stück vor dem Rechner sitzen, bis ihn Müdigkeit übermannte. Als er sich erholt und noch einmal vergewissert hatte, dass er nicht phantasierte, ging er systematisch alle von ihm abonnierten Webmagazine der letzten fünfzehn Monate durch. Es wurden die drei schrecklichsten Wochen seines Lebens.

Harold feierte seinen siebzigsten Geburtstag im Foyer und im großen Hörsaal der Heinrich-Heine-Universität, zusammen mit alten Kollegen und Konkurrenten und den erfolgreichsten Absolventen aus vier Jahrzehnten Lehrtätigkeit in ganz Europa. Die alten Knaben überboten sich gegenseitig dabei, am Rednerpult schlüpfrige Anekdoten zum Besten zu geben. Harold ließ sich ein Mikrophon reichen und rief nach jedem zweiten Satz empört dazwischen, dass hier sträflich untertrieben wurde. Nach ein paar feierlichen Worten über Harolds Verdienste, die der Dekan unbedingt loswerden wollte und die den Geehrten mehr zu amüsieren als zu schmeicheln schienen, machte sich die Meute über ein üppiges Büffet und eine gut sortierte Auswahl von Alkoholika her. Harold schien beweisen zu wollen, dass er in seiner Altersklasse immer noch jeden unters Parkett trinken konnte, und ließ sich von seinem Hüftleiden nicht davon abhalten, mit seiner Sekretärin, einem rothaarigen Weib mit ordentlichem Schwung in der Hüfte, ein Tänzchen hinzulegen.
   Er stand mit einigen Freunden zusammen und plauderte ausgelassen, als er Konrad hereinkommen sah. Von seinem Lieblingsschüler hatte er keinen bühnenreifen Auftritt erwartet, aber der Anblick erschreckte ihn doch. Konrad wirkte müde und ausgezehrt, ein Einsneunzig-Bär mit der Aura eines verschrumpelten Greises. Harold ging ihm entgegen und zog ihn ein Stück zur Seite, ehe er sich unter die Gäste mischen konnte.
   »Junge, was ist denn mit dir los?«, sagte er und zupfte an Konrads abgenutzter Lederweste. »Du siehst ja aus, als hättest du drei Tage in der Gosse geschlafen. Das ist nicht unbedingt ein Kompliment für deinen alten Doktorvater.« Er warf einen Blick durchs Foyer. »Deine Süße schwirrt hier irgendwo rum. Sie hat mir was vorgeweint, dass du seit Wochen nicht mehr ansprechbar bist. Ist richtig verzweifelt, die Kleine.«
   »Sylvia ist im Moment nicht wichtig. Ich muss unbedingt mit dir reden.«
   »Hat dir jemand in die Eier gekniffen, oder was? Einen Feger wie die würde ich keine fünf Minuten aus den Augen lassen. Wenn du sie nicht mehr haben willst, sag Bescheid, dann schmeiße ich mir ein paar Pillen rein und nehme mir die Kleine selber vor.«
   »Bitte, es ist wichtig. Stehen hier irgendwo ein paar Rechner?«
   »Wozu das? Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber wir feiern gerade ein bisschen.«
   »Ja oder nein?«
   Etwas an Konrads Stimme ließ Harold hellhörig werden. »Wenn’s unbedingt sein muss, können wir drüben in einen Seminarraum rein.« Er sah ihm aufmerksam ins Gesicht. »Mein Gott, du bist ja ganz fertig.«
   Eine Stunde später saß Harold zwischen zwei Terminals, einen Stapel vollgekritzelter Zettel vor sich auf dem Tisch, und war wieder völlig nüchtern. Er blickte zwischen den Monitoren hin und her, bewegte ziellos eine Maus und schrieb mit einem Filzstift, mit erlahmendem Eifer, unsichtbare Zeichen in die Luft. Aus dem Foyer drang Musik, und gelegentlich steckte jemand den Kopf durch die Tür, aber Harold scheuchte alle Neugierigen unwirsch weg.
   »Das ist ein Trick«, sagte er schließlich, ließ sich in den Stuhl zurücksinken und beobachtete Konrad, der unruhig durch den Seminarraum auf und ab ging. »Gib’s zu, du willst mich foppen. Du willst es einmal in zwanzig Jahren erleben, dass ich sprachlos bin.«
   »Ich wünschte, es wäre so«, erwiderte Konrad. »Wenn du mir einen Trick nachweisen kannst, prima, dann falle ich sofort auf die Knie und küsse dir die Füße. Aber dann wär’s ein ziemlich aufwändiger Scherz. Ich könnte dir noch ein Dutzend Beispiele aus der Topologie, Kombinatorik, Graphentheorie und so weiter nennen, die genauso absurd sind. Und das ist erst der Anfang.«
   »Was soll das heißen?«
   »Das soll heißen, dass die ganze Welt verrückt spielt. Da gibt es zum Beispiel diesen noch namenlosen Kometen, der vor einem Jahr knapp an der Erde vorbeigeschrammt ist und sich auf einem eigenartig spiralförmigen Kurs durch das Sonnensystem bewegt. Die Astronomen sind ziemlich ratlos, weil das Ding den Gesetzen der Himmelsmechanik zu widersprechen scheint. Dabei ist die Lösung ganz einfach. Man muss in die Gleichungen nur einen Zeitfaktor einfügen, der die Gravitation beeinflusst, dann geht’s glatt auf. Soll heißen, der Bahnverlauf wird erklärlich, wenn man annimmt, dass die Anziehungskraft der Planeten nicht mehr konstant ist.«
   »Korrigier mich, wenn ich mich irre, aber das ist doch vollkommener ...«
   »Wart’s ab. Ich habe hier noch was Schönes.«
   »Junge, du schweifst ab. Ich begreife nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat.«
   »Kommt noch. Etwas Ähnliches passiert gerade mit einem der kleinen Hirtenmonde, die die Saturnringe innerhalb der Cassinischen Teilung stabilisieren. Plötzlich ist dieser Felsbrocken so ins Trudeln geraten, dass er die Stabilität des Ringsystems gefährdet. Wiederum sind die Astronomen ratlos, und wiederum lässt sich die Sache erklären, wenn man einen zeitlichen Gradienten im Gravitationsfeld des Saturns annimmt.«
   Harold schüttelte nur den Kopf.
   »Noch eins: Seit einem halben Jahr plagen sich amerikanische Telekommunikationsfirmen mit chromatischen Dispersionen in ihren Glasfasernetzen herum. Das heißt, die Halbleiterlaser liefern keine klaren Emissionspeaks mehr, statt scharf getrennter Frequenzbänder rauscht ein Wellenlängensalat durch die Leitungen. Und wieder spricht alles für einen zeitlichen Verlauf, diesmal in den Quantengleichungen, die Photonenemissionen beschreiben.«
   Harold winkte mit beiden Händen ab. »Hör auf, mir schwirrt das Hirn. Du klingst ja wie ein Verschwörungstheoretiker. Was soll das alles? Worauf willst du eigentlich hinaus?«
   »Um es kurz zu machen: Zur Zeit stoßen Wissenschaftler und Techniker überall in der Welt auf kleine und große Ungereimtheiten, die alle darauf hindeuten, dass scheinbare Konstanten im Naturgeschehen ins Driften geraten sind. Ganz subtil, ohne ein klares Muster oder eine einheitliche Tendenz, außer der, dass dieser Drift immer stärker wird. Und alle zeitlichen Gradienten laufen zurück auf einen Tag, den 18. Februar 2037.«
   »Nehmen wir mal an, ich glaube dir. Was soll an diesem Datum geschehen sein? Und wie hängen all diese Vorgänge zusammen?«
   Konrad zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich hatte gehofft, du hättest eine Idee. Ich kann mir nur ein Ereignis am 18. Februar vorstellen, das etwas damit zu tun haben könnte. An diesem Tag wurden mit dem Super Large Hadron Collider in einer Plasmablase von einem Tausendstel Millimeter Durchmesser Energien erzeugt, die von den Bedingungen beim Urknall praktisch nicht mehr zu unterscheiden sind. Ein Mini-Urknall sozusagen.«
   Harold schaltete die Geräte aus und stand auf. »Gehen wir wieder zu den anderen«, sagte er. »Nimm’s nicht persönlich, aber das ist mir zu schräg. Ich weiß, was für ein brillanter Kopf du bist, und für gewöhnlich kann man sich auf deine Arbeitsergebnisse voll verlassen. Aber ich weiß auch, dass du ein Exzentriker bist, und ich bin mir einfach nicht sicher, ob es dich nicht genauso erwischt hat wie Tausende Genies vor dir. Bevor wir darüber nicht mit kompetenten Leuten geredet haben, will ich mir kein Urteil bilden.«
   Konrad setzte sich auf ein Pult. Als Harold die Tür aufziehen wollte, sagte er: »Du hast mich falsch verstanden. Ich habe mir selbst noch kein Urteil gebildet. Vielleicht bin ich wirklich verrückt geworden. Ich hoffe es, ich bete darum. Aber wenn nur das Geringste an der Sache dran ist, können wir nicht zur Tagesordnung übergehen.«
   »Was erwartest du von mir?«, fragte Harold.
   »Nichts. Nur eine Idee. Eine Eingebung. Und sei sie noch so weit hergeholt. Weißt du noch, was du neulich am Telefon über Adams Nabel gesagt hast?«
   Harold lachte, aber es klang eher wie ein Keuchen. »Junge, das war ein Scherz. Ich wollte dich etwas inspirieren. Ich dachte mir ...«
   »Etwas Inspiration könnte ich jetzt auch gebrauchen.« Und nach einer Pause: »Ich bin wirklich beunruhigt. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.«
   »Ok«, sagte Harold. »Aber erst mal raus hier. Ich brauche frische Luft.«
   Einige Minuten später saßen sie mit einem 5l-Fässchen Altbier an einem der Tische, die die Studenten auf der Campus-Terrasse aufgestellt hatten. Harold hielt ein Glas wie einen Schatz in der Hand und blickte nachdenklich in die Dämmerung hinaus. Unter den jungen Leuten unten auf der Wiese entdeckte Konrad Sylvia. Sie ging unruhig umher, wechselte hier und dort ein paar Worte und nippte lustlos an einem Drink. Zum ersten Mal war Konrad davon überzeugt, dass sie sich wirklich etwas aus ihm machte.
   »Ich will nicht sagen, dass ich dir auch nur ein Wort glaube«, sagte Harold. »Aber spekulieren wir einfach mal. Die Planck-Zeit ist ein gutes Stichwort. Weißt du noch, was ich über die kosmische Superstruktur gesagt habe, in die unser Universum eingebettet sein könnte? Im Grund ist dieses Über-Medium, in dem Universen aus dem Nichts entstehen, ein einziges großes Planck-Refugium. In ihm gibt es keine fixen kausalen Beziehungen, keine zeitliche Ordnung. In ihm können Dinge ohne Ursache geschehen. Ein Ereignis kann durch ein anderes verursacht werden, das aus unserer Sicht später stattfindet.«
   »Ich kann dir nicht ganz folgen.«
   »Wie hast du es ausgedrückt? Ein Mini-Urknall. Vielleicht war es gar kein Mini-Urknall, sondern der Urknall. Am 18. Februar haben sich die Wissenschaftler des SLHC dem Schöpfungsmoment so weit angenähert, dass sich nicht mehr sagen lässt, was zuerst da war: der Teilchenbeschleuniger oder das Universum, in dem er konstruiert wurde. Unser Universum existiert erst seit fünfzehn Monaten. Es wurde am 18. Februar 2037 bei einem physikalischen Experiment erschaffen. Der Mensch ist doch ein Gott. Wir haben unsere eigene Welt aus dem Nichts herbeigeholt.«
   Konrad machte ein gequältes Gesicht. »Die Idee hat doch wohl einen kleinen Schönheitsfehler. Unser Universum muss vorher entstanden sein. Sonst hätte es niemanden gegeben, der den SLHC hätte bauen und bedienen können.«
   »Man sieht, dass du noch zu sehr in den Begriffen unserer kleinen, erbarmungswürdigen, kausalen Welt denkst. Es genügt, dass beide Ereignisse stattgefunden haben. Hier die Geburt unseres Universums, dort das Experiment mit dem SLHC. In der Planck-Zeit genügt es, dass beide Ereignisse miteinander in Beziehung stehen. Das eine kann das andere ausgelöst haben, es kann aber auch genau umgekehrt gewesen sein. Ein Ereignis innerhalb eines Universums kann – aus unserer Sicht rückwirkend – die Entstehung eben dieses Universums bewirken. Wir reden hier von den Bizarrerien der Quantenwelt.«
   »Am eigenen Schopf aus dem Nichts ...« Konrad rülpste und füllte sein Glas nach. »Entschuldige, wenn ich mich besaufe. Aber wir sollten auf die Welt anstoßen, solang es sie noch gibt. Was passiert jetzt? Gerät alles aus den Fugen?«
   »Und wieder ein kleiner Irrtum meines klügsten Schülers.« Harold lächelte und stieß mit Konrad an. »Die Welt kann nicht aus den Fugen geraten. Es hat niemals Naturgesetze gegeben, die ihr vorschreiben könnten, sich anders zu verhalten, als sie es nun einmal tut. Alles driftet, schwimmt und wird sich in etwas verwandeln, das wir uns nicht vorstellen können. Es ist wie mit Adams Nabel. Die Milliarden Jahre Vergangenheit haben wir selbst mit unseren Instrumenten ins Universum projiziert. Ich bin gar kein alter Mann.«
   Konrad schluckte. »Morgen werden wir über diesen Quatsch lachen, ja? Ich werde mir einen Riesenkater antrinken, und wenn ich aufwache, werde ich mir gar nicht mehr vorstellen können, dass ein solcher Wahnsinn unseren Köpfen entsprungen ist.«
   »Aber heute Abend ...«
   »Ja.«
   Harold streckte eine Hand aus. »Schau mal, wie schön sie ist.«
   Sylvia war vor einer Laterne stehen geblieben, und im Gegenlicht zeichneten sich unter dem luftigen Sommerkleid ihre Formen ab. Konrad sah von hier aus, dass sie erleichtert aufatmete, als sie ihn auf der Terrasse bemerkte. Sie lächelte mit einem Anflug von Verzweiflung und schüttelte den Kopf, als amüsiere sie der Anblick ihres Freundes an der Seite seines alten Mentors.
   »Versuchen wir das Positive zu sehen«, sagte Harold. »Welchen Unterschied macht es für uns eigentlich, wann und unter welchen Umständen unsere Welt entstanden ist? Alles geht einmal vorbei, ob in einer Millionen Jahren oder in fünf Minuten. Unterm Strich bleibt jedem von uns nur ein verschwindend flüchtiger Ausschnitt der Ewigkeit. Und für diese kurze Zeitspanne hat dir das Universum dieses großartige Weib an die Seite gestellt. Vielleicht solltest du ...«
   »Entschuldige mich«, sagte Konrad.
   Er ging ohne Umschweife zu ihr hinunter, schloss sie in die Arme und vergrub das Gesicht in ihrem Ausschnitt. »Ich bin ein Idiot«, murmelte er. »Ich bin ein Arschloch. Ich bin ein Spinner. Und ich bin besoffen.«
   »Was für eine bestechende Selbstanalyse«, sagte sie mit diesem Biss in der Stimme, der für ihn auf einmal wie das Säuseln eines Engels klang. »Jetzt bist du wieder der Alte. Ich könnte richtig schwach werden.«
   »Komm, lass uns verschwinden. Ich habe einiges gutzumachen.«
   »Du scheinst es ja sehr eilig zu haben.«
   »Klar. Man weiß nie, wie viel Zeit einem bleibt.«
   Sie klopfte ihm auf den Rücken, und er folgte ihrem Blick, der auf etwas am Himmel gerichtet war. »Was denn?«
   »Eine Sternschnuppe. Nicht gesehen? Das war schon die dritte heute Abend. Eigenartig, wie kommt das nur?«
   »Glaub mir, du wirst noch viel mehr sehen. Es kommt eine Zeit der Wunder.«
   »Wenn du das sagst ...«

© 2005 by Michael K. Iwoleit
Lektorat: Hannes Riffel
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Die Legende von Eden und andere Visionen (Berlin: Shayol, 2005)


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Originalausgabe
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Die Legende von Eden und andere Visionen
(Berlin: Shayol-Verlag, 2005) 3-926126-52-3 Bestellen
254 Seiten
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21.05.06 • 16.07.06