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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Michael K. Iwoleit

Psyhack

[Auszug]

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane
Das Schlimmste ist, dass ich mich erinnern will. Es waren halbwüchsige Mädchen, Zehn-Dollar-Huren aus den Slums von La Paz, halb verhungert, von Zuhältern und Freiern gefügig geprügelt, ohne die blasseste Ahnung, was sie in ihren Gebärmüttern ausbrüten sollten. Wir hatten Mühe, genug zu finden, die wir mit Antibiotika-Cocktails halbwegs fit spritzen konnten. Die Klinik, in der wir den Job durchzogen, war ein Drecksloch, schlecht ausgestattet, mit miesem Personal, verkoksten Ärzten und einer korrupten Verwaltung. Unsere Instrumente und die Nährtanks für das Stammzellengewebe waren das beste Equipment, das man dort seit Jahren gesehen hatte. Wir päppelten die Mädchen auf, pumpten sie mit Hormonen voll, sterilisierten ihre Geschlechtstrakte. Ein Drittel war so schwach, dass sie in den ersten Tagen nach der Inkubation starben. Die meisten anderen werden die Abtreibung nicht lang überleben. Aber damit hatten wir gerecht.
   Hinterher musste ich einige Tage in einem der besseren Hotels warten, bis ein Carrier frei wurde, der mich zur Scrambay vor der Küste von Panama brachte. Angel, ein hünenhafter Mestize, schweigsam, kahlköpfig und für hundert Dollar in der Woche unterwürfig wie ein Hund, bewachte meine Tür und versorgte mich mit Medikamenten. Bei vierzig Grad im Schatten lag ich die meiste Zeit im Bett, quälte mich mit einer Darminfektion, und mir war, als schwebte ich in dem Lärm und Mief, der von der permanent verstopften Hauptstraße heraufdrang, wie in einer dicken, öligen Wolke. Nachts weckten mich immer wieder die Leuchtreklamen und AirCab-Scheinwerfer, die durch die verschlissenen Jalousien flackerten. Mir ging der Anblick der Mädchen, die sich mit abnorm angeschwollenen Bäuchen durch einen Fieberschub nach dem anderen geschlottert hatten, nicht aus dem Kopf. Einmal versuchte ich mich mit dem Stoff zu betäuben, den Gasper mir mitgegeben hatte, aber ich vertrug das gepanschte Zeug nicht und kotzte das Klo stundenlang mit blutigen Magensäften voll.
   Gasper meldete sich einen Tag vor meiner Abreise. Am liebsten hätte ich mein Notepad an die Wand geworfen, als sein arrogantes, frettchenhaftes Gesicht auf dem Display erschien. Es saß in einer Bar, dem Login-Code nach irgendwo in Berlin. Hinter ihm standen halbnackte Flittchen an einer neonblauen Glastheke. Gedämpftes Stimmengewirr und die verhaltenen Akkorde eines Bluespianisten drangen aus dem Lautsprecher. Gasper lebt ausschließlich in teuren Hotels. Er ist unangreifbar, ständig unterwegs.
   »Du siehst beschissen aus, Marek«, sagte er mit einem Grinsen. Er hat immer besonderen Spaß daran, wenn’s mir dreckig geht. Es war nicht auszuschließen, dass der miese Stoff einer seiner kranken Scherze war. Er kennt mich viel zu gut. Viel besser als ich mich selbst.
   »Frag mich mal warum«, sagte ich.
   »Weil du ein Weichei geworden bist, darum. Was ist wieder mit dir los? Psychosomatische Beschwerden, weil ein paar Gören, die keiner vermisst, den Weg in die ewigen Jagdgründe angetreten sind? Du lebst davon, du Spinner.«
   »Ach, scheiß drauf.«
   »Wie ist der Job gelaufen?«
   »Zwölf Kilo feinstes Frischfleisch. Die Ware ist schon unterwegs. Deine Demenzkranken können bald wieder ohne Windeln spazieren gehen.«
   »Das hört man doch gern. Was hast du ausgegeben?«
   »Einschließlich Anreise, Team, Material und ein paar wohldosierten Bestechungen hat mich der Spaß etwa vierzigtausend gekostet.« Ja, die Gewinnspanne konnte sich sehen lassen. Ein einziger Bioreaktor, der in der Woche gerade 800 g produzierte, kostete das Dreifache. Wir würden die Konkurrenz rausdumpen.
   »Das ist eine Prämie wert, Marek. Wenn der Deal durch ist, gebe ich dir Bescheid. Phil erwartet dich schon. Es ist alles vorbereitet. Noch einmal die Zähne zusammenbeißen, und in drei Tagen hast du’s hinter dir.«
   Jetzt war der Moment gekommen.
   Gasper hatte mich immer darüber im Unklaren gelassen, wie viele Mnemotomien ein Gehirn unbeschadet überstehen kann, und im Netz kursierten die widersprüchlichsten Spekulationen. Angeblich rekonfigurieren die Nanosonden nur die neuronalen Verknüpfungen, die sich seit dem letzten Scan gebildet oder geändert haben. Aber tatsächlich vergisst man nicht nur die Informationen, die einen nach getaner Arbeit nichts mehr angehen. Es wird an den Scans herumgepfuscht, es gibt Bugs in Firmware der Sonden, und mit der Zeit verschwimmen alle Erinnerungen. Alles wird diffus, die Vergangenheit, die Gegenwart, man selbst.
   Ich habe schon mein halbes Leben vergessen. Gasper weiß alles, aber ich habe keine Ahnung mehr, seit wie vielen Jahren ich diese Drecksjobs mache, warum ich damit angefangen, in welcher Scheiße ich gewühlt habe. Ich erinnere mich an Militärkommandanten in Nairobi, die ich bestochen habe, um an Slumbewohnern pharmazeutische Versuchsreihen durchführen zu können; an Verhandlungen mit Organhändler-Ringen, die ich nie danach fragte, woher ihre Ware stammte; an Kinder, die ich aus Seuchenbezirken in Bangkok und Manila verschleppen ließ, weil mich ihre Resistenz gegen bestimmte Erreger interessierte. Aber wann, für wen, unter welchen Umständen - das alles ist zu einem vagen Nebel unter meiner Schädeldecke verblasst.
   »Hör zu, Gasper«, sagte ich. »Es geht nicht weiter. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Ich habe Kreislaufbeschwerden, Probleme mit den Drüsen, mit dem Immunsystem, alles Mögliche.« Es war nicht einmal gelogen. »Noch eine Mnemotomie, und ich wache vielleicht gar nicht mehr auf. Es ist Schluss, ich will raus.«
   Gasper ist einssechzig groß, ein hageres Bürschchen, auf Neo-Dandy gestylt, schwul mehr aus Attitüde denn aus Veranlagung, affektiert im Auftreten, aber ordinär, wenn er den Mund aufmacht, und man hält ihn leicht für einen Trottel. Aber ich weiß, wie gefährlich er sein kann.
   »Was redest du für einen Scheiß?«, knurrte er. »Meinst du, StrainTech würde dich nur einen Tag länger als nötig mit den Informationen rumlaufen lassen, die du im Kopf hast? Lass Phil bloß nicht warten, sonst bist du schneller tot, als du deine Konten leerräumen kannst.«
   »Ich habe nicht vor, in diesem Rattenloch zu bleiben. Aber...«
   »Nichts aber. Weißt du, was dein Problem ist? Du bist einer der Besten in deinem Job, aber du hast einen ernsten Charakterfehler: Du hast ein Gewissen. Schön für dich, ist deine Privatsache. Aber wir sind nicht bei der Heilsarmee.«
   »Hast du nicht verstanden? Ich bin am Ende.«
   »Quatsch. Das höre ich schon seit Jahren. Und nach jeder Mnemotomie bist du wieder ganz der Alte. Sogar noch besser als vorher. Ich gebe Phil Bescheid, damit er dich mal gründlich durchcheckt.«
   Damit war das Gespräch beendet.
   Angel hatte vor der Tür mitbekommen, dass es zwischen mir und Gasper laut geworden war. Er dachte wohl, dass er mir etwas Gutes tat, indem er mir ein Mädchen aufs Zimmer schickte. Ich will nicht darüber spekulieren, welche Abartigkeiten er mir zutraute, dass er ausgerechnet ein solch groteskes Geschöpf aussuchte. Ich schätzte die Kleine auf Anfang zwanzig, und sie wäre recht hübsch gewesen - ein Ketschua-Halbblut mit apart geschnittenem Gesicht -, hätte sie nicht das zweifelhafte Glück gehabt, an einen Zuhälter mit genug Kohle zu geraten, um seine Mädchen von einem Chirurgen trimmen lassen und an gehobeneren Standorten auf Kundenfang zu schicken. Sie hatte monströs aufgespritzte Blowjob-Lippen, war völlig haarlos, durch hormonelle Eingriffe schmächtig wie eine Zehnjährige, aber mit überproportional prallen Titten und Arschbacken. Sie ging mir auf eine so mechanische, gleichgültige Art an die Hose, dass mir schlecht wurde bei dem Gedanken, wie viele europäische Bumstouristen sie in ihrem kurzen Leben schon bedient hatte. Ich verwirrte sie damit, indem ich sie den ganzen Abend nicht anrühren wollte, stattdessen zwei Flaschen Wein und ein gutes Essen aufs Zimmer kommen ließ und sie hofierte wie eine Dame.
   Gasper rief noch einmal an, und am nächsten Mittag saß ich in einem Scramjet, der mit Mach 13 in Stratosphärenhöhe über den Atlantik raste.
   Gasper hatte veranlasst, dass mich am Terminal ein Arzt abfing, der sich darauf spezialisiert hatte, gestresste Geschäftsleute während eines Aufenthalts körperlich auf Vordermann zu bringen. In einer Kompaktpraxis, die sich im Obergeschoss des Terminal-Mall zwischen einen Tattoo-Salon und einen vietnamesischen Imbissstand zwängte, nahm er mich in die Mangel, verpasste mir eine Blutwäsche, eine Lymph-Drainage und injizierte mir einen Schwarm künstlicher Leukozyten, die für einige Stunden mit merklichem Rumoren in meinen Eingeweiden damit beschäftigt waren, Schlacken aus den Geweben zu lösen.
   Nachdem ich das Zeug in einem grünlichen Schwall wieder ausgepinkelt, mich geduscht, rasiert und einen neuen Anzug angezogen hatte, ging es mir etwas besser. In der Business Class des Scramjets wurden Appetithäppchen mit echten Krabben und als Hauptgang irgendein französischer Designer-Fraß serviert, und ich kippte mich mit Scotch voll, um nicht allzu viel vom Gequatsche der betagten, zum Bersten gelifteten Lady mitzubekommen, die von der anderen Gangseite verzweifelt mit mir ins Gespräch zu kommen versuchte.
   Während des ganzen Fluges war ich in einer eigenartigen Deja-vu-Stimmung. Aus verschütteten Tiefen meines Ichs drängte sich das Gefühl auf, dass ich Momente wie diesen schon oft erlebt hatte, resigniert, erschöpft, mit bohrenden Schuldgefühlen im Bauch. Ich quälte mich, indem ich mir immer wieder die scheußlichsten Details des Jobs vergegenwärtigte. Als gelte es etwas festzuhalten, als sei ich den toten Mädchen, denen wir den Uterus ausgeschabt hatten, bevor wir sie auf einer Mülldeponie vor der Stadt verscharrten, etwas schuldig.
   Phil hatte ein Scanlabor in Frankfurt gemietet.
   Ich hatte kaum mein Gepäck im Hotel abgeladen, da standen schon seine beiden Anabolika-Gorillas vor der Tür und fuhren mich in eine der Business-Arkaden im Bankenviertel. Zwischen den Büros von Service Providern, Netzwerktechnikern und Bioinformatikfirmen führte ein unauffälliger Korridor in einen bestens ausgestatteten Labortrakt, den ein sonniges Atrium auflockerte. Phil werkelte am Holoprojektor bereits an den topographischen Daten eines Gehirnscans.
   Ich kann ihn ganz gut leiden. Er ist straight, korrekt, arbeitet einigermaßen sauber, und vor allem ist er unter all den Verrückten normal geblieben, immer noch fett, trägt Billigklamotten, hat sich die krumme Nase nicht richten und die hängenden Wangen nicht straffen lassen, raucht Selbstgedrehte, was ihn ein Vermögen kostet.
   »Ah, Marek, klasse«, sagte er und zeigte auf ein Sofa, das zwischen zwei Festspeicherkabinetten stand. Ringsum glommen dekorative Glasfaserbündel, und der Luftstrom aus den Kühlern wärmte mir den Hintern. Phils Assistenten waren bereits in die Arbeit an den Workstations vertieft. Außer ihm beachtete mich niemand. »Deine beiden Scans sind auch angekommen. Wir machen noch einen Virencheck, editieren die Daten, und dann geht’s los. Spätestens um 18.00 Uhr kannst du dich in die Wanne legen.«
   »Was heißt beide?«, fragte ich.
   »Na, dein Backup und der Scan von dem Typen, den wir dir reinkopieren sollen. Der Kerl hat mal für deine Klienten gearbeitet. Dürfte dir nützlich sein, was er weiß.«
   »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.« Aber mir schwante Übles. »Eine Mnemotomie, hat Gasper gesagt, und danach habe ich Urlaub.«
   Phil starrte mich für einen Moment an und schüttelte dann den Kopf. »Habt ihr wieder Probleme, oder was? Zieht mich bloß nicht in irgendeine Scheiße rein. Ich mache nur meine Arbeit, klar?«
   »Warum regst du dich auf?«
   »Warum sollte ich mich nicht aufregen? Allmählich wird das zur Gewohnheit. Nach jedem Job muss ich mir dein Gesülze anhören, dass du Angst hast, dass dir etwas verloren geht, dass du aussteigen willst. Dann mach’s doch, ist doch nicht meine Sache. Währenddessen gurkt Gasper durch die Weltgeschichte und will unbedingt die ganze große Kohle mit Leuten machen, von denen er besser die Finger lassen sollte. Weißt du, wer mich eben angerufen hat?«
   »Keine Ahnung.«
   »Klar, du hast wie immer keine Ahnung. StrainTech macht mir mächtig Feuer unterm Arsch, damit ich dir heute noch alles rausbügle. Die verlangen Administrationszugriff auf mein Netzwerk, um sicherzugehen, dass ich auf keinen Fall Scandaten verhökere. Gleichzeitig winkt Gasper mit Interpol, wenn ich nicht bei meinem Dealer in London anfrage, ob er einen Scan von einem Biologen oder Laboranten besorgen kann, der mal für Neuran gearbeitet hat. Neuran, stell dir das vor. Schnappt er jetzt völlig über? Die können eine ganze Bananenrepublik aus der Kaffeekasse bezahlen.«
   Neuran... Für einen flüchtigen Moment war mir, als müsse mir zu diesem Namen etwas Wichtiges einfallen.
   »Darf ich auch mal was sagen?«
   »Nein, darfst du nicht. Ich bin erledigt, wenn irgendwer spitzkriegt, was ich hier für euch mache. Also klär das mit Gasper. Ich bin nicht euer Kindermädchen.«
   Er wandte sich wieder dem Hologramm zu, starrte angestrengt in einen stark vergrößerten Ausschnitt des Scans, einen dichten Filz neuronaler Verknüpfungen.
   »Und jetzt verpiss dich. In vier Stunden bist du wieder hier, sonst sind wir Freunde gewesen.«
   Gasper war inzwischen weitergereist und hatte offenbar auch den Krypto-Provider gewechselt, was er zwei- bis dreimal die Woche tat. Ich kam nicht dazu, mich in Ruhe auf den Eingriff vorzubereiten, hockte statt dessen auf heißen Kohlen in meinem Hotelzimmer, zappte von einem News-Kanal zum anderen und probierte in Abständen von zehn Minuten alle gängigen Satelliten-Hooks durch, um an ihn ranzukommen. Es blieben nur noch zwei Stunden bis Phils Deadline, als ich ihn endlich auf dem Display hatte.
   »Was gibt’s?«, fragte er nervös.
   Er stand in einer pastellfarben gestrichenen Lounge. Hinter ihm schlürften schnieke Business-People dezent plaudernd aus Champagnergläsern. Durch große Glasfenster schien eine tiefstehende Sonne herein, verlieh Gasper ein scharf ausgeleuchtetes Profil.
   »Wo steckst du bloß?«, fragte ich.
   »Geht dich nichts an. Was ist los? Fass dich kurz, ich muss gleich wieder rein.«
   »Interessiert mich nicht. Ich war eben bei Phil. Du willst meinen Scan editieren lassen? Soll ich nachher wieder mit den Erinnerungen von jemand anderem aufwachen? Was soll das?«
   »Ja, stimmt. Lass es erstmal machen. Ich erklär’s dir später.«
   »Nein, zum Teufel. Ich bin diese verdammten Hacks leid. Ich erinnere mich an das Leben von jemand anderem, an die Bettgeschichten von jemand anderem, und von mir ist wieder ein Stück verschwunden.«
   »Hör mal, ich kann jetzt nicht reden. Hier nicht.«
   »Lass mich nicht hängen, ich warne dich.«
   »Na gut, warte mal.«
   Das Display wurde schwarz, als Gasper sein Gerät auf Standby schaltete. Eine Minute später war er wieder da. Diesmal lehnte er an einem Marmor-Waschbecken, darüber ein Toilettenspiegel, in dem ich mich selbst auf dem Display seines Notepads sah.
   »Okay, reden wir Klartext«, sagte er. »Hast du nicht gesagt, dass du aussteigen willst? Weißt du, was mich das im Jahr kosten wird? Du schaffst den meisten Umsatz, die anderen sind nur Anfänger.«
   »Wie ich dich bedauere. Von den zwanzig Millionen auf deinem Konto kann wirklich kein Mensch leben.«
   »Ach, das ist doch Kleinscheiß. Soll ich dir sagen, wo ich hier bin? Ist dir an den Leuten eben nichts aufgefallen? Ich bin von den Russen eingeladen worden. Sie wollen auf den europäischen Markt. Aber dazu müssen sie Neuran anzapfen. Ein bisschen Industriespionage, wäre doch mal was Neues für dich.«
   »Heißt das, ich soll...«
   »Ein letzter Job. Dann bin ich im Geschäft, und du kannst in Rente gehen und in der Provence französische Strohwitwen vögeln. Die Sache ist todsicher, glaub mir. Vier Wochen dürften reichen, danach kannst du untertauchen.«
   »Wie soll das laufen?«
   »Neuran hat einen Posten für die Entwicklungsabteilung in Berlin ausgeschrieben. Wir haben alles arrangiert, du hast am Freitag einen Vorstellungstermin. Medizinische Grundkenntnisse kannst du ja vorweisen. Mit dem Scan, den wir dir besorgt haben, bist du außerdem Experte für neuronale Netzwerke. Der Typ, von dem der Scan stammt, kannte sich auch gut mit den Interna von Neuran aus. War ein persönlicher Bekannter des Entwicklungschefs. Du dürftest also keine Probleme haben.«
   Wieder dieses Deja-vu-Gefühl. Irgendwo tief in mir rief der Name Neuran eine Resonanz hervor, ein vages Gefühl von Vertrautheit.
   »Haben wir nicht mal für Neuran gearbeitet?« fragte ich.
   Gasper schien überrascht.
   »Äh, nein... wie kommst du darauf?«
   »Ich dachte, das kannst du mir sagen.«
   »Keine Ahnung, was du vor mir gemacht hast. Was ist jetzt, sind wir uns einig?«
   »Als hätte ich eine Wahl.«
   »Manchmal tut es gut, wenn man sich bewusst für das entscheidet, was am besten für einen ist.«
   »Weißt du, dass du ein richtiges Arschloch bist?«
   »Und? Mache ich Geschäfte, damit die Leute mich mögen?«
   Er brach die Verbindung ab.
   Bevor ich zu Phil zurückfuhr, tingelte ich ein wenig durch die Bars auf dem Messegelände. Es fand gerade eine Kosmetikmesse statt, und ringsum unterhielten sich Produktmanager und Werbeleute über die neusten Perversitäten an der Anti-Aging-Front, Plazenta-Präparate, Eigenhautkulturen, genetisches Reversing. Alles potentielle Kundschaft, und ich hätte hier und da Nützliches aufschnappen können, aber an diesem Tag interessierte es mich nicht. Assoziationen um Neuran Inc. und irgendeine Sache mit behinderten Kindern wirbelten mir durch den Kopf, vermischten sich mit den Erinnerungen an die Mädchen, die ich halbtot in Bolivien zurückgelassen hatte. Das Gespräch mit Phil hatte irgendetwas angestoßen, aber ich konnte es nicht dingfest machen.
   Ich habe einmal gelesen, dass bei einer Mnemotomie nicht die neuronalen Verbindungen gelöst, sondern die Gewichtungen modifiziert werden, nach denen Neuronen ihre Eingangsimpulse verrechnen. Manche Erinnerungen und Fähigkeiten, die wir als unwiderruflich gelöscht empfinden, sind also im Prinzip noch vorhanden. Wer sich öfter editierte Scans ins Gehirn einspielen lässt, kennt das Gefühl, dass ganz unberechenbar, ohne nachvollziehbarem Anlass, etwas davon aktiviert werden kann. Meist bleibt es vage.
   Es war also durchaus möglich, dass ich einen Zipfel meiner Vergangenheit in Reichweite hatte, irgendein für mich bedeutsames Ereignis, das mit Neuran in Zusammenhang stand. Aber was sollte ich tun? Wenn Phil mit mir fertig war, wäre es vielleicht ebenso verloren wie die schmutzige Wahrheit über meinen Einsatz in La Paz.
   Mir kam erst eine Idee, als ich schon im Taxi saß.
   Ich ließ den Fahrer vor einem Ticket-Service am Bahnhof halten. Auf dem Plasmadisplay im Schaufenster war mir die Konzertpromotion einer Ethno-Jazzband aus Zaire aufgefallen, die nur alle Jubeljahre durch Deutschland tourte. Eine wilde Truppe, die auf allem Musik machte, was kein Stromkabel hatte. Seit Jahren, soviel wusste ich noch, gierte ich danach, die Jungs live zu erleben. Niemand würde darin etwas Verfängliches vermuten.
   Hinter der Theke stand ein schlechtes Punk-Imitat, ein dürres Mädchen mit fluoreszent gefärbtem Haar, bauchfreiem Top und gespaltener Zunge.
   Ich zeigte auf die Anzeigetafel mit den aktuellen Ticketkursen.
   »Dritte von oben«, sagte ich. »Noch was frei für Samstag?«
   Sie warf einen Blick auf ihren Monitor. »Klar. Wie viele Plätze denn?«
   »Nur einen. Ist aber nicht für mich. Soll ein Geschenk für einen Freund sein.«
   »Können wir machen.«
   »Ich will ihn aber überraschen, verstehen Sie? Er soll nicht gleich drauf kommen, dass es von mir ist.«
   »Also mit Anonymizer, geht auch. Kostet aber extra.«
   »Soll mir recht sein.«
   »Wollen Sie was dazu schreiben?«
   »Unbedingt. Wo kann ich?«
   Sie zeigte in den hinteren Teil des Ladens. »Da vorn ist ein Interface. Können Sie Ihr Notepad einstöpseln, wenn Sie wollen. Kostet auch extra.«
   »Sie bringen mich ins Armenhaus, Lady.«
   »Wie heißt denn ihr Freund?«
   »Yanner. Marek Yanner. Ich gebe Ihnen die Adresse.«
   Ich schrieb soviel ich konnte und verspätete mich um fast eine Stunde. Phil musste Blut und Wasser schwitzen, bis ich endlich splitternackt in der Infusionskammer stand, mit Schläuchen in Mund und Nase, einen Kranz von Sensoren und Glasfasern auf dem Schädel. Zwei Männer in Plastikanzügen, gesichtslos hinter den getönten Visieren ihre Kapuzen, halfen mir in den Tank, den eine milchige Flüssigkeit ausfüllte. Noch zögerte ich etwas.
   »Jetzt ist aber Schluss«, hörte ich Phils Stimme aus den Lautsprechern. »Noch ein Mätzchen, und ich werde dich in der Brühe kochen.«
   Bevor ich mich in den Tank sinken ließ, betete ich zum Himmel, dass mein Plan funktionieren würde.
   Vor mir lagen vierzehn Stunden einer mühsamen Wiedergeburt.

Es ist wie ein langsames Empordämmern aus einem Delirium. Irgendwann ist man einfach da, anfangs nur ein vages Gefühl tief in einem unförmigen Klumpen Fleisch. Dann wird man seiner Proportionen gewahr, der Beklemmungen und Schwindelgefühle, während sich die Hormonpegel wieder einpendeln. Ich kenne nichts Ekelhafteres als die zähen Stunden des Übergangs, wenn jeder Herzschlag, jeder Atemzug einen erbrechen lassen möchte.
   Unmittelbar danach sind die Sinne noch überreizbar, und das leiseste Geräusch, der schwächste Lichtstrahl könnte einen Orkan durchs Gehirn jagen. Deshalb die flache Wanne, in der man in einer amniotischen Flüssigkeit schwebt. Deshalb die wohlige Finsternis, die einen kaum die Umrisse der Personen erahnen lässt, die einen hinter der Scheibe des Kontrollraums beobachten. Über Stunden ist es so, als ob sich langsam eine Leinwand hinter einem aufspannt. Nach und nach fliegen einem Bilder, Erinnerungen, Zusammenhänge zu, und irgendwann weiß man wieder, wer man ist.
   Oder besser: Wer man zur Zeit ist.
   Mir dröhnte der Schädel, als schrien darin ein Dutzend Stimmen durcheinander. Es war, als hätte ich gerade ein lebhaftes Gespräch geführt und versuchte noch die Informationsschnipsel zu sortieren, die hängen geblieben waren, Tratsch aus den Führungsetagen von Neuran, Impressionen von Laborbriefings, Sitzungen mit Entwicklern und Produktmanagern.
   Vom ersten Moment an war aber noch etwas anderes da: eine eigenartige Nervosität, eine quälende Unruhe, die ins tiefste Innere reichte.
   Eine Aufputschinjektion schoss mir wie flüssiges Feuer durch die Adern, und danach wurde es besser.
   Ich stemmte mich aus der Wanne hoch, zog mir die Schläuche aus Mund und Nase, riss mir das Kabelgestrüpp vom Kopf, keuchte mir Schleim aus den Bronchien. Die Neurologen empfehlen, sich gleich nach dem Aufwachen einige Fragen zu stellen, als kleine Übung, um ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Manchmal ist es nicht so einfach, wie es sich anhört.
   Name: Marek Yanner (falls Gasper meine Identität nicht längst geändert hatte). Geboren: 17. März 1999 in Basel (falls Gasper keine Märchen erzählte). Alter: 42 (falls mich ein Blick auf den Kalender nicht wieder eines Besseren belehren sollte). Wohnhaft: Pendelt zwischen zwei Apartments in Boston und Brüssel (falls Gasper sie nicht wieder verkauft hatte). Beruf: Biotech-Agent (was wohl die euphemistischste Umschreibung ist, der sich je ein Verbrecher rühmen durfte).
   Ja, es war alles wieder da. Harte Fakten, in meinem Fall so schwammig wie nur irgendwas.
   »Auf, Freunde«, rief ich, noch etwas kratzig. »Ich weile wieder unter den Lebenden.«
   »Schon gemerkt«, hörte ich Phils Stimme aus den Lautsprechern. Er klang ungewöhnlich gereizt. »Bleib ruhig sitzen. Es ist gleich vorbei.«
   »Was ist los?«
   »Halt die Klappe.«
   Ein Gebläse sprang an, und die Dunstschwaden, die mich umhüllten, gerieten in Bewegung. Die Pfleger mussten draußen warten, bis sich das Nanoaerosol verzogen hatte. Ein äußerst aggressives Zeug, das jede Spur Fremdprotein zersetzt und noch Tage später ein pelziges Gefühl im Rachen und auf der Zunge hinterlässt.
   »Kann mir jemand das Datum nennen?« fragte ich.
   »Erfährst du früh genug«, sagte Phil. »Konzentrier dich. Ich muss dir ein paar Fragen stellen.«
   »Holt mich erstmal hier raus.«
   »Nein, jetzt. Wir hatten ein paar Probleme. Vielleicht musst du noch mal rein.«
   »Mach mich nicht schwach.«
   »Weiß der Teufel, was mit dem Scan los war.«
   Ich merkte selbst, dass etwas anders gelaufen war als sonst. Unter der Oberfläche zurück gewonnener Klarheit spürte ich Anspannung, einen Drang, einen blinden Impuls, den ich nicht definieren konnte.
   »Sagst du nicht immer, du bist perfekt?«, fragte ich.
   »Ich schon, aber nicht der Scheiß, mit dem ich arbeiten muss. Also hör zu. Du müsstest jetzt einige Sachen über Neuran Inc. wissen.«
   »Ja, stimmt. Aber ich will gar nichts über Neuran wissen. Die sind uns eine Nummer zu groß.«
   »Erzähl das Gasper.« Er räusperte sich wie ein rachitischer Greis. »Also los: Wie heißt der Juniorchef der europäischen Sektion, Bereich Research und Development?«
   »Weiß ich doch nicht...«
   »Los, wie heißt er?«
   Ich rieb mir die Augen und bohrte mir mit den kleinen Fingern die Gehörgänge sauber. Durch die Scheibe drang ein Schimmer Tageslicht herein. Ich erkannte zwei von Phils Assistenten, die mich aus dem Kontrollraum unruhig beobachteten.
   »Warte mal«, sagte ich und konzentrierte mich auf den sperrigen Wust fremder Erinnerungen und Eindrücke, der sich in meinem Kopf breit gemacht hatte. »Chris... Chris Hohmann, glaube ich.«
   »Gut. Und seine Frau?«
   »Fällt mir jetzt nicht ein.«
   »Versuchs mal mit seinen Hobbies. War etwas Ausgefallenes dabei.«
   »Hm... Bonsais?«
   »Das war jetzt von seiner Frau.«
   »Na, immerhin. Lass mich mal... Da war doch was...« Es dauerte fast eine Minute, bis es mir einfiel. »Hat er nicht ehrenamtlich in einer Kinderklinik gearbeitet?«
   Die beiden Assistenten wechselten verdutzte Blicke.
   »Was ist das jetzt für ein Quatsch?« sagte Phil. »Natürlich nicht.«
   »Ich erinnere mich ganz deutlich an irgendwas mit autistischen Kindern.«
   »Vielleicht sind das deine eigenen Erinnerungen. Hast du nicht Medizin studiert? Du warst doch sogar mal Assistenzarzt.«
   »Behauptet Gasper. Aber... Moment, jetzt fällt mir wieder was ein.«
   »Ja?«
   »Barock-Architektur, genau. Er reist im Urlaub immer durch Oberfranken und schaut sich alte Kirchen an.«
   »Komisch, das stimmt jetzt wieder. Was geht denn hier ab?«
   »Holt ihr mich jetzt raus?«
   »Ich weiß nicht recht. Da ist irgendwas faul.«
   »Seine Frau heißt Janice. Er hat sie von einem US-Urlaub mitgebracht.«
   »Ja, stimmt.«
   »Seine Tochter hatte mal einen kleinen Pinscher, der einem Motorradfahrer zwischen die Speichen geraten ist.«
   »Ich glaub’s dir ja.«
   »Er vögelt seine Sekretärin.«
   »Mann, holt den Idioten da raus. Soll doch Gasper damit klarkommen. Das bezahlt mir kein Mensch.«
   Der Dunst hatte sich inzwischen aus der Kammer verzogen. Ich konnte durch den Kontrollraum in einen sonnigen Korridor sehen. Aus einer Tür trat Phils krötenartig unförmige Leibesfülle ins Licht.
   Mit einem satten Wuuusch! eindringender Luft wurde die Schleusenluke geöffnet. Zwei Pfleger in klu-klux-klan-artigen Kutten aus beigefarbenem Plastik hoben mich aus dem Tank und schleiften mich, während ich mit weichen Knien Tritt zu fassen versuchte, in einen Waschraum. Der eine sprühte mich mit Dekontaminat ab, der andere fuchtelte mit einem Detektor an mir herum. Als Entwarnung gegeben werden konnte, zwängte sich Phil durch die schmale Tür und sah zu, wie ich abgetrocknet und angezogen wurde.
   Er strahlte miese Laune wie ein Heizkörper Wärme aus.
   »Na komm schon, raus mit der Sprache«, sagte ich, als ich wieder einigermaßen gerade stehen konnte. Ich würde noch Stunden mit den Nachwirkungen der Prozedur zu kämpfen haben. Nach getaner Arbeit zersetzen sich die Nanosonden selbst, aber erst wenn der Hirnstoffwechsel die Abbauprodukte entsorgt hat, lassen die Schwindelanfälle und die leichte Übelkeit nach. »Was ist los? Ich merke doch, dass was im Busch ist.«
   »Du kannst Fragen stellen«, sagte er. »Bringen wir’s hinter uns. Ich bin froh, wenn ich dich los bin.«
   »Also gut. Vom wem habe ich diese Erinnerungen?«
   Phil verdrehte die Augen. »Willst du etwas sagen, das weißt du auch nicht?«
   »Es ist alles irgendwie... unschlüssig. Es sind Brüche drin.« Den größten Bruch wollte ich Phil in seiner gegenwärtigen Stimmung gar nicht anvertrauen: Diese vagen Szenen aus einer Kinderklinik, die mir durch den Kopf spukten, wurden von starken Assoziationen begleitet. Von Trauer, Verzweiflung, heftigem Zorn.
   »Mann, ich bin erledigt«, stöhnte Phil. »Für diesen Scheiß zahlt mir Gasper keinen Cent. Was ist nur passiert?«
   »Stell dich nicht so an.« Es beunruhigte mich selber, dass mir die Instruktionen für den bevorstehenden Job, die ich eigentlich klar und deutlich im Kopf haben sollte, nur zäh und tröpfchenweise ins Hirn sickerten. Aber ich wollte nicht dazu beitragen, dass Phil ganz abschmierte. »Ich schätze, das meiste ist in meinem Kopf angekommen. Ihr habt mir Teile von Scan eines ehemaligen Neuran-Angestellten reinkopiert, richtig?«
   »Stimmt.«
   »Und er hat diesen Hohmann auch privat gekannt?«
   »Ja, genau.«
   »Siehst du, klappt doch. Was soll ich machen?«
   »Oh, nein...«
   »Warte mal...« Ohne fremde Hilfe streifte ich mir eine Hose über und ließ mich vorsichtig auf eine Bank nieder. »Ich soll nach Berlin, ja? Ein... ein Vorstellungsgespräch? Was soll der Blödsinn?«
   »Das wird nichts. Ich merk’s schon.«
   Ein Pfleger maß mir noch einmal den Puls, betrachtete meine Pupillen. Ich schüttelte ihn ab, als er mir in den Rachen schauen wollte.
   »Wann geht meine Maschine?« fragte ich. »Wo sind wir überhaupt?«
   »Wir sind in Frankfurt, und deine Maschine geht heute Abend. Dein Gepäck steht nebenan.«
   Meine Finger zitterten heftig, als ich mir die Schuhe zuschnürte. »Vertrau mir«, sagte ich. »Ich krieg das schon hin.«
   Phil wirkte alles andere als überzeugt.
   »Hast du eigentlich Geburtstag oder so was?« fragte er.
   »Nicht dass ich wüsste. Wieso?«
   »Na, jedenfalls hat dir jemand ein Präsent geschickt. Die Chipkarte steckt in deinem Notepad.«
   »Wusste gar nicht, dass ich so nette Leute kenne.«
   »Ist mir auch neu. Müsste ich eigentlich kontrollieren...«
   »Dann mach’s doch.«
   »Ach, scheiß drauf. Hau endlich ab.«
   Nach einem Essen und einem Guarana-Cocktail in einem Flughafenrestaurant war ich von einem stabilen Zustand immer noch weit entfernt. Ich saß auf einer Galerie, blickte auf den flachen, muschelförmigen Anbau des neuen Terminals hinaus und mir war, als wanke das ganze Gebäude wie auf einem mächtigen, zähen Lavastrom. Ich habe Erfahrung und einen guten Instinkt, und das nervöse, fiebrige Gefühl, das knapp unter der Schwelle bewusster Einflussnahme meinen Adrenalinpegel hochhielt, war ein sicheres Indiz dafür, dass bei der Implantation irgendetwas schief gegangen sein musste.
   Ich versuchte mich auf Hohmann und den bevorstehenden Job zu konzentrieren, aber wie Bilder eines hektisch geschnittenen Films kamen immer wieder Bruchstücke anderer Erinnerungen dazwischen, suggerierten einen Zusammenhang, der mir verborgen blieb. Ich sah mich in einem Klinikkorridor, am Krankenbett eines Kindes, das seltsam entrückt an die Decke starrte, im Gespräch mit Eltern, die mir lautstarke Vorwürfe machten, in einem Sprechzimmer, wo ich mir verstohlen eine Spritze setzte. Anflüge von Zorn, Melancholie und Depression überfielen mich, hinterließen den starken, bohrenden Impuls, etwas tun zu müssen. Ich wusste nur nicht was.
   Noch verwirrender wurde es, als ich mich der Chipkarte in meinem Notepad zuwandte.
   Eine Konzertkarte für Mondo Kabele, Samstagabend in Köln. Ich ärgerte mich, weil ich den Gig mit Sicherheit verpassen würde, und wunderte mich, weil mir beim besten Willen niemand einfiel, mit dem ich in letzter Zeit so engen privaten Kontakt gehabt hatte, dass er meine Vorlieben und meinen Aufenthaltsort kennen konnte. Erst nachdem ich eine Weile mit dem Cursor an den animierten Illus herumgespielt hatte, entdeckte ich den gut versteckten Link auf die Textnachricht, die dem Präsent beilag.
   Anfangs glaubte ich an einen Trick, aber ich kenne meine Sprache, meinen Duktus. Ich las den Anfang meiner Geschichte. Und jetzt werde ich sie weiter schreiben.
   Als ich in Berlin eintraf, war ich in einem desolaten Zustand.
   Bei allem Schaden, den sie anrichten, haben die Mnemotomien auch etwas Gutes. Sie hüllen meine Vergangenheit in einen Nebel, der es mir ermöglicht, den Ekel vor mir selbst auszuhalten. Die Nachricht, die ich mir geschickt hatte, ließ diesen Schleier einreißen. Auf einmal hatte ich eine Brücke, von der ich über den Horizont der letzten Mnemotomie zurückblicken konnte. Auf einmal waren mir die Wochen in Bolivien wieder in Umrissen präsent und mir wurde unangenehm bewusst, dass mein gegenwärtiges Ich nur die Spitze eines ganzen Bergs von Unrat und Abscheulichkeiten ist, den ich über Jahre aufgehäuft habe, dass ich wahrscheinlich nie das ganze Ausmaß der Monstrositäten kennen werde, die ich als williger Handlanger vollstreckt habe.
   Gasper hatte in einer Business-Lounge im Interconti einen Arbeitsraum reserviert, wo ich mich auf den Termin vorzubereiten versuchte. Ich vergeudete fast den ganzen Tag, der mir dafür zur Verfügung stand. Während ich in edlem Rotholz-Ambiente, einen Exzitans-Drink in Reichweite, vor den Monitoren hockte, wurde ich der Konfusion in meinem Kopf kaum noch Herr. Es wurde immer schwieriger, die drei Instanzen auseinander zu halten, die in meinem Gehirn um Aufmerksamkeit konkurrierten: Impressionen des aufreibenden Laboralltags eines Neuran-Angestellten, die Phil auf einige charakteristische, informative Episoden zusammengestutzt hatte. Ein Kaleidoskop von Assoziationen, die sich um La Paz und meine vielen Jobs davor drehten. Und immer wieder: Momente an einem Krankenbett, wenn ich mir eingestehen musste, dass ich nichts gegen den verhängnisvollen Prozess ausrichten konnte, der das Nervensystem meiner kleinen Patienten schädigte. Mehr und mehr lief all das zu einem einzigen übermächtigen Antrieb zusammen, dem unbändigen Wunsch, mich zu befreien, auszubrechen, zurückzuschlagen.
   Am Abend musste ich einen Taxifahrer mit einer erklecklichen Summe ködern, damit er mich in einen verrufenen, von der Stadtverwaltung längst aufgegebenen Winkel Kreuzbergs fuhr.
   Versteckt in einem Hinterhof, wo eine Halbwüchsigengang ein Barackenlager errichtet hatte, wurde ich in einem illegalen Bodyshop erwartet. Hinter den Plastikvorhängen eines Sterilraums werkelten schemenhafte Gestalten, während mir die mordsmäßig teuren Kontaktlinsen angepasst wurden, die Neurans Retinascanner täuschen sollten. Anschließend wurde mir die Haut von den Spitzen beider Zeigefinger abgeschält und durch im Labor gezüchtete Hautläppchen ersetzt.
   »Nun halten Sie doch mal still«, sagte der Präparator, ein schlaksiger, hemdsärmeliger Ex-Medizinstudent, zum wiederholten Mal, als er mir zum Abschluss eine Injektion setzte. »Sie werden jetzt für einige Wochen eine leichte Bindehautentzündung haben. Ihre Augen werden ziemlich stark tränen. Damit kommen die Scanner nicht so zurecht.«
   »Und wenn doch?«
   »Ich habe den Netzhaut-Scan von einem Dealer in Hamburg. Im Zweifelsfall wird die Polizei einen einschlägig bekannten Datenschieber jagen. Dürfte einige Tage dauern, bis die Bullen merken, dass wir sie gelinkt haben.«
   Ich schlief in dieser Nacht nur wenige Stunden, zog mich mehrmals wieder an und versuchte mich an der Hotelbar müde zu trinken, aber meine innere Anspannung, als stünde ein entscheidendes Ereignis, eine gewaltsame Auflösung unmittelbar bevor, ließ nicht nach. Ein Rest professioneller Nüchternheit versuchte mich davon zu überzeugen, dass bei der Implantation irgendetwas schief gegangen sein musste und es das Beste wäre, mich schnellstens wieder in Phils Obhut zu begeben. Ich stand kurz davor, Gasper anzurufen und den Job abzusagen, aber etwas in mir wehrte sich dagegen.
   Von dem Moment an, als ich am nächsten Morgen in ein AirCab stieg, lief alles wie ein Programm ab. Im Nachhinein erscheint es mir so, als sei ich in den nächsten Stunden nur ein unbeteiligter Zuschauer meiner selbst gewesen.
   Neurans europäische Zentrale belegt einen ganzen Komplex von Gebäuden an der Business-Meile, die vom Potsdamer Platz aus ein halbes Stadtviertel durchwuchert hat, ein Tummelplatz für Touristen, aber von Einheimischen gemieden wie die Pest. Aus der Luft wirkt diese Ansammlung architektonischer Missgeburten wie ein fraktal verzweigtes Stahl- und Glasgeschwür, in dem Anballungen mikroskopischer Menschen wie Infektionsherde wimmeln.
   Neuran Inc. ist so etwas wie der Tempel, in dessen langem Schatten die Geschäfte meinesgleichen florieren, einer der globalen Hauptvermarkter einer Technik, die ein kanadisches Ärzteteam entwickelt und 2011 erstmals an einem Alzheimer-Patienten erprobt hat. Aus der anfänglichen Hoffnung, tomographische Gehirnscans, die sich speichern, modifizieren und mit Nanosonden auf das organische Gehirn zurückschreiben lassen, könnten dem Menschen zu einer Quasi-Unsterblichkeit verhelfen, ist nur bedingt etwas geworden. Dafür sind ein mächtiger Wirtschaftssektor und eine noch weiter verzweigte Schattenwirtschaft entstanden, die nahe liegendere Anwendungsmöglichkeiten bedient. Das selektive Löschen von Erinnerungen ist eine davon, das Einkopieren fremder Gedächtnisinhalte eine andere, illegal natürlich, aber längst übertroffen von dem, was Neuran für Großkonzerne bewerkstelligt, die sich aus zusammengekauften Scans Designerpersönlichkeiten für Führungspositionen montieren lassen. Der Schwarzmarkt für Scans blüht.
   Es gehört zum Image, dass Neurans Filialen wie Festungen gesichert sind.
   Noch in der Luft, bevor das AirCab an eine Landebucht andocken durfte, wurden meine Daten mehrfach überprüft. Ohne einen Termin in den nächsten zwanzig Minuten hätte ich gleich wieder umkehren können. Ich erlebte einen ersten bangen Moment, als mich nach der Landung zwei von Dutzenden Sicherheitsbeamten filzten, die das Besucherdeck überwachten. Man hielt mir einen Scanner vor die Augen, ließ mich ein Sensorpad berühren, aber der Bodyshop hatte gute Arbeit geleistet. Danach durfte ich mich zunächst nur im großen Dachgeschoß-Foyer frei bewegen. Bis Hohmanns Büro musste ich noch drei Sicherheitskordons passieren.
   In der warmen Luft, die aus einem acht Stockwerke tiefen Atrium heraufstieg, rotierte ein gewaltiges Mobile aus stilisierten, kunstvoll miteinander verknüpften Neuronen. Auf den Galerien ringsum saßen Neuran-Angestellte beim Morgenkaffee zusammen, eröffneten Werbespots auf deckenhohe Monitorwänden Ausblicke in idealisierte Bilderwelten, dirigierten Anzeigetafeln die Besucherströme zu unzähligen Durchgängen, Treppen und Aufzügen. Eine imposante Kulisse. Ich hätte guten Grund gehabt, angesichts dessen, was ich hier erledigen sollte, Schiss zu kiegen. Aber auf einmal war ich ganz ruhig, konzentriert, kristallklar im Kopf. Mein ganzes Denken zog sich um Hohmann zusammen, um die Überraschung, die ihm bevorstand, um den brennenden Hass auf ihn, der in mir hochstieg.
   Mir tränten die Augen, meine Nase lief. Es geschah ganz automatisch, dass ich auf dem Weg zum Lift einen Abstecher in eins der Shopping-Center machte. Am nächsten Checkpoint wurde ein Security-Mann etwas misstrauisch, als er in meinem Blazer die beiden Artikel entdeckte, die ich mir im Drugstore eingesteckt hatte.
   »Wozu brauchen Sie das?«, fragte er und hielt mir die kleine Spraydose unter die Nase.
   Ich stutzte kurz, dann deutete ich auf meine Kehle. »Chronische Halsentzündung. Ich will doch Herrn Hohmann nicht anstecken.«
   Meine kratzige Stimme und die feuchten Augen schienen ihn zu überzeugen.
   »Zigaretten vergessen?«, fragte er noch.
   »Was?«
   »Na, Feuerzeug in der Tasche, aber keine Zigaretten.«
   »Teufel auch, Sie haben Recht. Was bin ich heute von der Rolle. Ohne Fluppe stehe ich den Termin nicht durch.«
   »Soll ich Ihnen eine spendieren?«
   »Wäre klasse. Wenn ich die Putzstelle kriege, werde ich mich revanchieren.«
   Er erlaubte sich den Anflug eines Grinsens, steckte mir eine halbleere Packung zu und ließ mich durch.
   Bis in die Entwicklungsabteilung gab es keine weiteren Probleme.
   Ein Mann vom Personenschutz, neutral und schweigsam, zwei Meter groß, mit mächtigem Brustkasten und Händen wie Klosettdeckeln, führte mich in Hohmanns Allerheiligstes. Nach dem Lärm in den Foyers herrschte in der verwinkelten Flucht aus teuer, doch spartanisch eingerichteten Räumlichkeiten, in der wir gut zehn Minuten unterwegs waren, eine fast sakrale Stille. Außer einigen handverlesenen Sekretärinnen lief uns niemand über den Weg, und unter anderen Umständen wäre die Atmosphäre angetan gewesen, auch einem Profi wie mir einen gewissen Respekt abzunötigen. Heute funktionierte es nicht. Ich war mir meiner Sache geradezu erschreckend sicher.
   Hohmann telefonierte noch und bedeutete mir mit einer beiläufigen Geste, ich dürfe mich setzen. Er war schlaksig, auf eine unglaubwürdige Art lässig, mit Dreitagebart, aber gezupften Augenbrauen, Männer-Makeup, trug einen Freizeitanzug aus kostspieliger Edel-Kunstfaser und redete so, als sei er es gewöhnt, auf 99% der übrigen Menschheit herabzusehen.
   Sein Leibwächter blieb hinter der Tür stehen und ließ mich nicht aus den Augen. Ich war äußerlich gelassen, doch innerlich kochte ich.
   Als er das Gespräch beendet hatte, ließ sich Hohmann nicht mal dazu herab, mir die Hand zu schütteln. Er lümmelte sich in seinem Chefsessel wie ein schlecht erzogener Teenager und musterte mich von Kopf bis Fuß, als sei mein Anblick eine einzige Zumutung.
   »Dann erzählen Sie mal«, sagte er mit einem Blick auf einen Monitor. »Was bringt Sie auf die Idee, dass Sie der Mann sind, den wir brauchen?«
   Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Gar nichts«, sagte ich. »Ich bin mit Sicherheit nicht der Mann, den Sie erwarten. Ich bin aus einem anderen Grund hier.«
   »So? Da bin ich aber gespannt. Ich hab’s nicht gern, wenn man meine Zeit vergeudet.«
   »Sagen wir, ich bin ein Bewunderer. Ich verfolge Ihre bemerkenswerte Karriere schon seit langem. Ich wollte mir auf keinen Fall die Gelegenheit entgehen lassen, Sie mal persönlich kennen zu lernen.«
   Wie alle Blender war Hohmann mehr mit Showtalent als mit Intelligenz gesegnet. Ich sah ihm an, dass er nicht recht wusste, wie er darauf reagieren sollte.
   »Na, endlich mal einer, der meine Qualitäten zu schätzen weiß«, sagte er. »Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«
   »Fragen Sie mich was. Ich bin eine wandelnde Enzyklopädie in Sachen Chris Hohmann. Ich weiß alles. Auch die schmutzigen kleinen Details.«
   »Was soll das heißen?«
   Ich ließ ihn etwas zappeln. Der Leibwächter hinter mir räusperte sich.
   »Gehen wir doch mal zehn Jahre zurück«, sagte ich. »Erinnern Sie sich noch? Es war ein Highlight Ihrer Karriere. Ihre Initialzündung, könnte man sagen. 2031 in Irland. Dieses kleine pastorale Intermezzo. Sagenhaft, wie Sie das gehandhabt haben.«
   »Es ist wohl besser, wenn Sie jetzt...«
   »Es hätte Neuran das Genick brechen können, jedenfalls der europäischen Sektion. Hundertzwanzig infizierte Schulkinder, Junge, Junge. So hat sich der Europarat die Sache bestimmt nicht vorgestellt. Gut, dass Sie zur Stelle waren.«
   Ich wusste selbst nicht, was ich da redete.
   »Schmeiß den Kerl sofort raus«, knurrte Hohmann. »Oder besser...«
   Ich spürte eine Pranke auf meiner Schulter und wurde aus dem Sessel hochgezogen. Sofort fing ich brachial an zu husten.
   »Sorry«, keuchte ich. »Diese verdammte Allergie. Irgendwas in diesem Büro...« Ich zog das Spray und ein Taschentuch aus der Hosentasche.
   Hohmanns Leibwächter ließ mich los und ging etwas auf Abstand. Ich spielte meine Rolle so überzeugend, dass er das Feuerzeug nicht bemerkte, das ich aus dem Taschentuch gewickelt hatte. Ich sprühte mir zweimal in den Hals, hielt dem Mann die Spraydose vor die Augen und entzündete das Feuerzeug.
   Er kreischte wie ein Säugling, als ihn die Stichflamme ins Gesicht traf.
   Ein Handkantenschlag vor den Kehlkopf schickte ihn zu Boden. Ich nahm ihm seine Waffe ab und gab ihm mit einem Kopfschuss den Rest. Bevor Hohmann reagieren konnte, schoss ich die Überwachungskamera von der Decke, sprang über den Schreibtisch und riss ihn zu Boden.
   »Was... was wollen Sie von mir?«, konnte er noch stammeln, bevor ich ihm den Lauf in den Mund schob.
   »Eine alte Rechnung begleichen«, sagte ich. »Erinnerst du dich nicht an meinen Namen? Er wird das Letzte sein, was du in deinem Leben hörst. Prescott. David Prescott.«
   Ich weiß nicht mehr genau, wie ich aus dem Gebäude entkommen bin. Vielleicht haben mir die beiden Teile geholfen, die ich mit einem Brieföffner von Hohmanns Leiche abschnitt und Stunden später, in ein blutiges Taschentuch gewickelt, in meiner Hosentasche fand. Ich weiß nur noch, dass ich in einem gestohlenen Auto mit hundertachtzig über die Autobahn raste, als ich unversehens wieder zur Besinnung kam. Um ein Haar wäre ich in die Leitplanke gekracht.
   Die Nachwirkungen des Geschehens überschwemmten mich mit den kalten Wellen eines Schocks. Ich sackte über dem Lenkrad zusammen, empfand aber zugleich ein tiefes Gefühl der Befriedigung, der Erleichterung, ja des schieren Glücks. Das Gefühl verflog bald, und zurück blieb die düstere Erkenntnis, dass ich jetzt in einer ungeheuren Scheiße steckte.
   Ich brauchte mich nicht zu fragen, was in mich gefahren war. Es gab nur eine Erklärung: Ich war das Opfer eines Psyhacks geworden. Jemand hatte Hohmann aus dem Weg räumen wollen. Und ich war das Werkzeug gewesen.
   War Gasper eine solche Nummer zuzutrauen? Wusste Phil davon? Mir fielen die Probleme ein, die er mit dem Scan gehabt hatte. StrainTech hatte Administrationszugriff auf sein Netzwerk verlangt. Eine ideale Möglichkeit, um etwas einzuschleusen. Aber zu welchem Zweck? Leute killen ist aus der Mode gekommen. Informationen bringen mehr Geld.
   Ich fuhr stundenlang weiter und überlegte die ganze Zeit fieberhaft, was ich tun sollte. Unterwegs räumte ich an drei Raststätten das komplette Bargeld aus den Geldautomaten. Der vierte, den ich in einer Autobahn-Mall kurz vor Frankfurt leeren wollte, spuckte meine Kreditkarte schon nicht mehr aus. Man war mir also auf den Fersen, und mit 3.800 Euro in der Tasche waren meine Aussichten nicht besonders rosig. Ich fuhr von der Autobahn runter, traktierte den Satellitenpeiler unterm Armaturenbrett so lang mit Fußtritten, bis der Ausfall des Navigationssystems mir berechtigte Hoffnungen machte, dass mich die Bullen und Neurans Werkspolizei vorerst nicht mehr orten konnten, dann fuhr ich bis zu einem Squeeze-Motel am Stadtrand weiter.
   Für zwanzig Euro die Nacht konnte ich mich hier in einem der achthundert Kubikel verkriechen, die in einem bedenklich schiefen Stahlgerüst sechs Geschosse hoch die beiden Parkdecks überspannten. Die zweifünfzig lange Röhre bot neben einer Liege aus imprägniertem Schaumstoff gerade genug Platz, dass man sein Gepäck unterbringen und ohne allzu unbequeme Verrenkungen das Terminal am Kopfende bedienen konnte.
   Der Netzzugang wurde im teuren Minutentakt abgerechnet, und ich verpulverte mehrere Hunderter meiner letzten Kohle, um mich bei einem Anonymizer in der Karibik einzuloggen und über drei Subprovider an Phil ranzukommen. Er war gerade auf dem Heimflug, saß in einem Carrier über dem Kanal. Die Verbindung war schlecht, und im ersten Moment erkannte er mich nicht. Dann klärte sich das Bild auf dem handgroßen Display, und er schnaubte wie ein tollwütiger Bulle, als er mich sah.
   »Du verdammter Dreckskerl«, schnaubte er. »Ich wusste doch immer, dass du ein Irrer bist. Dass du dich überhaupt traust...«
   »Halt die Luft an«, erwiderte ich. »Du weißt überhaupt nicht, was passiert ist.«
   »Und ob. Kannst du dir vorstellen, was jetzt los ist? Gasper ist fein raus, den kennt niemand. Aber ein bisschen Datamining in den öffentlichen Überwachungsservern, und im Handumdrehen kann man deine Spuren zu mir zurückverfolgen. Verdammte Scheiße...«
   Ich sah ein neugieriges Kindergesicht, das hinter der Lehne seines Sitzes hervorlugte. Er saß am Fenster, zwischen Wolkenfetzen rückte die englische Küstenlinie näher.
   »Hör zu, wir müssen jetzt zusammenhalten«, sagte ich. »Wir sind beide reingelegt worden.«
   »Rede keinen Scheiß. Meine Jungs sind dir schon auf den Fersen. Du kannst nur noch beten, dass die Polizei dich zuerst erwischt.«
   »Begreifst du’s wirklich nicht? Es war ein Hack. Der Scan, den du mir reinkopiert hast, ist manipuliert worden. Ein bedingter Reflex auf vegetativer Ebene, und als ich vor Hohmann stand, ging’s mir wie einem Pawlowschen Hund. Hast du solche Sachen nicht schon selbst gemacht?«
   Phils Unterkiefer zitterte, die feisten Wangen schlackerten. Für einen Moment glaubte ich, dass ich ihn überzeugt hatte, aber dann kehrte der harte, unnachgiebige Ausdruck in seine Augen zurück.
   »Ich glaub dir kein Wort«, sagte er. »Du musst weg. Vielleicht kann ich noch untertauchen, aber du musst weg.«
   »Na gut, dann scheiß dir in die Hose«, knurrte ich. »Ich schaff’s auch ohne dich.«
   »Mit Neuran, den Bullen und meinen Jungs, die dir am Arsch kleben?« Er grinste.
   Natürlich hatte er Recht. Ich war so gut wie tot. Aber eine Chance hatte ich noch.
   »Überleg’s dir lieber noch mal«, sagte ich. »Ich hab nichts mehr zu verlieren. Aber ich hab ‘n kleines Vermögen im Kopf. Interne Informationen aus Neurans Development-Trust. Dürfte auf dem Schwarzmarkt eine Stange Geld wert sein. Stell dir vor, in welchen Schwierigkeiten du erst steckst, wenn Neurans Konkurrenten an diese Informationen rankommen.«
   »Wag’s nicht.«
   »Ich will diesen Mist aus meinem Kopf haben. Weiß Gott, was man mir noch implantiert hat. Ich will nicht durch die Gegend rennen und Leute umbringen.«
   »Ich leg dich um. Ich mach dich alle.«
   »Gut, du hast es nicht anders gewollt.«
   Ich brach die Verbindung ab.
   Viel Zeit blieb mir nicht, und ich konnte allenfalls eine halbe Stunde zum Verschnaufen riskieren. Während ich im Dunkeln lag, ein wenig zur Ruhe zu kommen versuchte, fielen mir die merkwürdigen Dinge ein, die ich Hohmann an den Kopf geworfen hatte. 2031 in Irland? Ja, ich erinnerte mich jetzt schwach an eine linke Kommune, die an der Ostküste ein Stück Land von der Regierung gepachtet hatte. Neuran Inc. hatte in dieser Gegend irgendetwas freigesetzt, ein Feldversuch zu einem Zweck, über den ich im Moment nur spekulieren konnte. Mit Sicherheit wusste ich nur, dass dabei Kinder zu Schaden gekommen waren. Die Erinnerungen in meinem Kopf stammten offenbar von jemandem, der diese Kinder behandelt hatte. Prescott... War das sein Name gewesen? Hatte er einen Grund gehabt, Hohmann umzubringen?
   Es dämmerte, als ich über eine wacklige Wendeltreppe wieder zu meinem Wagen hinunter stieg.
   Im Büro des Managers, einem schäbigen Glaskasten mit drei alten Serverracks und einer Batterie Flachmonitore, brannte noch Licht. Ich zählte mein Geld und legte auf die 380 Euro für die Rechnung noch 500 drauf. Der Manager, ein schmieriger, zerknitterter Typ, der an seinem Bier hing wie in Säugling am Fläschchen, schaute gerade, die Füße auf dem Tisch, einen Porno, in dem zwei zähnefletschende Rottweiler mitspielten. Die Squeeze-Motels sind fast zu 100% in den Händen der Halbwelt. Ihre Manager sind bekannt dafür, dass sie einem gegen eine kleine Zuwendung alles besorgen: Dope, Frauen, auch falsche Papiere.
   Er grunzte mürrisch, als ich die defekte Tür aufschob.
   »Das ist für Nr. 412«, sagte ich und blätterte ihm das Geld hin.
   »In bar?« fragte er.
   »Ich habe meine Gründe. Der Rest ist für Sie, wenn Sie mir einen kleinen Gefallen tun können.«
   Er zählte nach und strahlte, soweit das seiner abgrundtief hässlichen Visage möglich war. »Bei dem Tarif gerne. Was darf’s sein?«
   »Ich muss schnellstens das EU-Gebiet verlassen. Am besten rüber nach England.«
   »Da müssen Sie aber noch was drauflegen.«
   »Ist mir klar. Außerdem will ich etwas verkaufen.« Ich tippte mir an den Kopf. »Sie wissen schon. Ist London immer noch der beste Markt für Scans? Wäre eine kleine Prämie für Sie drin.«
   »London, ja, immer noch. Paris und Berlin auch, aber Sie wollen ja raus.« Er überlegte kurz. »Legen Sie sich noch was hin. Ich melde mich.«
   »In einer Stunde will ich weg sein.«
   »Kein Problem. Der Flughafen ist ja gleich in der Nähe. Sie können noch heute Abend am Piccadilly einen heben gehen. Lassen Sie einfach Ihre ID-Karte hier.«
   Ich tat es mit großen Bedenken.
   Aus der einen Stunde wurde nichts. Noch um halb neun wälzte ich mich unruhig in meinem Kubikel, als endlich das Terminal piepste. Es war nicht auszuschließen, dass meine Verfolger mich schon eingekreist hatten.
   Mir schwante Böses, als das dreckige Grinsen des Managers auf dem Display erschien.
   »Ich hätte da was für Sie«, sagte er. »Aber Sie haben mir noch gar nicht verraten, was Sie für einflussreiche Freunde haben. 5000 Euro Kopfgeld, bar auf die Kralle.«
   Scheiße, dachte ich.
   »Warum haben Sie mich nicht schon verpfiffen?«, fragte ich. »Was wollen Sie jetzt noch von mir?«
   »Nein, nein, so war das nicht gemeint... Also, Sie waren da drin? Bei Neuran, meine ich? Haben Sie Informationen rausgeschafft?«
   Ich tippte mir an den Kopf.
   »Alles hier drin«, sagte ich. »Und alles verloren, wenn mich heute Abend jemand umlegt.«
   »Ja, klasse, dann sind wir uns ja einig. Ich habe einen Kontaktmann in London, der interessiert sich brennend dafür. Ich kriege 10%, klar?«
   »Sie können sich den ganzen Erlös mit Ihrem Kontaktmann teilen. Ich brauche nur einen Scanning-Experten, der in meinem Kopf aufräumt. Alles andere interessiert mich nicht.«
   »Im Ernst?« Er zuckte die Achseln. »Soll mir recht sein. Ich muss aber noch einen Kontaktmann in der örtlichen Polizei-Leitzentrale bestechen, anders kriege ich Sie hier nicht raus. Kostet noch mal einen Tausender.«
   »Ich komme gleich runter.«
   Anderthalb Stunden später saß ich in einem Charter-Carrier nach London. Der Motel-Manager hatte nicht mehr viel von unserem Deal. Minuten nach meinem Abflug wurde er von Phils Gorillas, die nach Hunderten Kilometern fruchtloser Kreuz- und Querfahrerei bei ihm auftauchten, als Belohnung für einige unbedachte Scherze erschossen.

Copyright © 2005 by Michael K. Iwoleit
Mit freundlicher Genehmigung des Autors


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Erstveröffentlichung in
Hahn / Iwoleit / Hilscher, NOVA 8 [ Verlag Nummer Eins] Bestellen
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21.05.06 • 16.07.06