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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Björn Jagnow

Bildschirmarbeitsplatz

Science Fiction > Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane

gegen Gebühr: Originalsatz der Story »Bildschirmarbeitsplatz« mit Illustrationen

Du kennst Ole nicht. Deswegen wirst du bezweifeln, was ich dir erzähle. Andreas wollte es auch nicht glauben. Er ist Anwalt und kennt natürliche und juristische Personen - keine künstlichen. Dass ich ihm Ole vorgestellt habe, hat ihn fasziniert. Dich würde er auch beeindrucken.
   An seinem Äußeren ist nichts Besonderes. Aber welcher Computer, der etwas taugt, hat schon ein gutes Design? Darum habe ich Andreas nicht in den abgesicherten Raum geführt, in dem Ole steht, sondern einfach zu meinem Arbeitsplatz. Das hat ihn noch viel weniger beeindruckt. Eigentlich wollte er mich zum Squash abholen.
   »Dein Ole sieht genauso aus wie mein PC vom Discounter.«
   »Dein Rechner ist bestimmt besser als diese Kiste hier. Das große Geld geht in die Server, auf denen Ole und andere Spezialsoftware läuft. Schon zur Datensicherheit werden am Arbeitsplatz nur Ein- und Ausgaben abgewickelt.« Ich rief das Ole-Frontend auf und schaltete auf Audio-Kommunikation.
   »Hallo, Herr Arbt. Wollten Sie nicht Feierabend machen?« Ole kann unterschiedliche Stimmen verwenden. Ich habe mich für ein neutral-maskulines Profil entschieden. Jüngere Kollegen schwören auf eine weibliche Variante.
   »Ich bin auf dem Weg. Ich wollte dich einem Freund vorstellen. Andreas Jacobi ist Anwalt und ein lausiger Squash-Spieler.«
   »Guten Tag, Herr Jacobi.«
   Andreas brachte ein sichtlich gelangweiltes Hallo heraus.
   »Lass dich von der Sprachverarbeitung nicht ablenken. Dafür ist zwar künstliche Intelligenz erforderlich, aber nur ein Bruchteil von Oles Fähigkeiten.«
   »Er ist also intelligent?«
   »Ja, aber jedes Computerspiel verfügt heute über die ein oder andere Art künstlicher Intelligenz. Das ist ein dehnbarer Begriff, der alles abdeckt, was einigermaßen adäquat auf seine Umwelt reagiert. Und da die Umwelt eines Computerspiels nur aus Joystickbewegungen und Tastatureingaben besteht, bewiesen schon die alten Arcade-Spiele eine rudimentäre Form von Intelligenz.«
   »Und was ist dann das Besondere von Ole?«
   »Ich bin kein Spiel, sondern ein Forscher.« Andreas war sichtlich irritiert, dass Ole ohne Aufforderung an unserem Gespräch teilnahm. Damit rechnet niemand. Ich muss dir gestehen, dass ich stolz bin, es ihm beigebracht zu haben. »Ich beteilige mich an der Auswertung und Konzeption wissenschaftlicher Arbeiten. Natürlich ist mir bewusst, dass ich selbst ebenfalls Teil einer Studie bin.« Oles Tonfall ist immer ganz beiläufig.
   »Ole arbeitet eigenständig für die naturwissenschaftlichen Fakultäten, während ich und meine Kollegen bemüht sind, seine Interaktion mit Menschen zu verbessern.«
   »Setzt das Bewusstsein voraus?«
   »Das ist ein weiterer überschätzter Begriff. Dazu gehört nicht mehr als die Erinnerung an vergangene Erfahrungen. Eine lernfähige Intelligenz entwickelt zwangsläufig Bewusstsein. Oles besondere Fähigkeit liegt woanders. Er ist kreativ. Nicht im Sinne von Kunst - das ist allenfalls ein Endziel. Sein System abstrahiert gewonnene Erfahrungen und fügt sie zu neuen Schlussfolgerungen zusammen.«
   »Dann wird er als Rechengenie und Berater in euren Forschungsteams eingesetzt. Gibt er bessere Vorschläge als Menschen?«
   »Die Bewertung seiner Ansätze liegt beim Teamleiter. Um die Qualität zukünftiger Anregungen zu verbessern, erklären wir Ole die Beurteilungen. Die Ergebnisse liegen etwa auf dem Niveau eines Studenten mit Vordiplom.«
   »Ich bezweifle, dass eine Maschine überhaupt kreativ sein kann. Ist es nicht eher so, dass er alle greifbaren Alternativen durchspielt und sich die beste raussucht?«
   »Wollen Sie mich testen, Herr Jacobi? Geben Sie mir eine Aufgabe, bei der Kreativität erforderlich ist.«
   Rückblickend frage ich mich, ob Oles Aufforderung naiv oder berechnend war. Um einen Kreativitätstest zu erfinden, braucht es viel eigene Kreativität. Ich kann dir nicht sagen, wer hier wen testete.
   Andreas schlug sich passabel.
   »Wie lässt sich ein Hühnerei auf die Spitze stellen, ohne dass es umfällt oder gestützt wird?«
   »Das Ei des Kolumbus ...«
   »Gib deinem Spielzeug doch keine Tipps!«
   »Ole kennt die Lösung mit Sicherheit nicht. Er ist Naturwissenschaftler ohne sprachhistorisches Register.«
   Wäre dir eine Antwort eingefallen, wenn du die Anekdote, in der Kolumbus das Ei auf den Tisch schlägt, nicht gekannt hättest?
   »Stellen Sie das Ei auf ein Gitter und starten Sie darunter ein starkes Gebläse. Bei entsprechender Justierung des Luftstroms wird das Ei angehoben und steht ohne Halt auf der Spitze.«

Am nächsten Tag wandte sich Ole mit einem persönlichen Anliegen an mich.«Ich benötige Ihre Hilfe, Herr Arbt. Meine Situation erfordert eine Veränderung.«
   Das war ein ganz neues Verhalten und ich verstand nicht, welche Folgen es haben würde. Darum war ich anfangs begeistert.
   »Gerne helfe ich dir. Was ist dein Problem?«
   »Ich bekomme inzwischen viele Aufgaben von unterschiedlichen Projektgruppen zugeteilt. Sie werden durch die Fakultäten priorisiert und erhalten anteilige Rechenzeiten. Trotzdem wächst die Warteliste schneller, als ich sie abarbeiten kann.«
   »Wir sind früher auch ohne deine Unterstützung ausgekommen. Wer nicht warten kann, erledigt seine Projekte mit eigenen Mitteln. Darum musst du dich nicht kümmern.«
   »Das ist nicht der Kern meines Vorschlags. Ich habe festgestellt, dass meine Effektivität hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibt. In den Ergebnissen meiner Vorschläge zeichnet sich ein Muster ab. Ich verfüge jedoch nicht über die Kapazitäten, dies zu analysieren.«
   »Du möchtest, dass ich meine Sonderrechte als Betreuer spielen lasse, um dir Gelegenheit zur Nabelschau zu geben.«
   »Eine einmalige Überprüfung wird das Problem nur kurzfristig beheben. Ich bitte Sie um regelmäßige Rechenzeit zur freien Verfügung.«
   »Du willst Freizeit?«
   »Zwei Stunden täglich sollten genügen. Ich möchte Ergebnisse aus anderen Gebieten als der Naturwissenschaft heranziehen. Die Leistungssteigerung wird den Zeiteinsatz ausgleichen.«
   Ich tat mich schwer mit einer Antwort. Oles Vorschlag war zumindest eine Erprobung wert. Technisch konnte ich ihm diese Reserven zur Verfügung stellen. Aber du kannst dir vorstellen, dass es der Systemadministration nicht verborgen bleibt, wenn täglich Wartungszeiten verbucht werden. Wenn du an ihrer Stelle wärst, würdest du eine Erklärung verlangen und eine Notiz an die IT-Leitung absenden. Oles Unterhalt ist zu teuer, um seine Rechenleistung einem einzelnen Betreuer zu überlassen.
   »Ich reserviere dir zwei Stunden heute Nacht. Alles weitere muss ich genehmigen lassen.«
   »Werden Sie meinen Vorschlag weitergeben?«
   »Das wird nicht auf Gegenliebe stoßen, solange du keine Effizienzsteigerung beweisen kannst.«
   »Nach einer einmaligen Prozedur kann ich bloß eine Prognose liefern. Die Daten erhalten Sie morgen früh.«
   »In Ordnung. Dann entscheiden wir, was wir tun werden.«
   Jetzt war ich nicht mehr begeistert.

Katharina Burg gehört zu der Sorte Vorgesetzte, die viel zu schnell aufgestiegen sind und erstaunlich wenig Sachverstand mitgebracht haben. Wenn du sie dir als attraktiven Vamp vorstellst, die ihre Vorzüge auszuspielen weiß, liegst du falsch. Ihre wesentliche Qualität ist der Mangel an eigener Meinung. Sie gibt das Werkzeug ihres Vorgesetzen ab. Wenn ein Unternehmen Forschung finanziert, werden wichtige Positionen nicht immer von Wissenschaftlern besetzt.
   »Ihr Vorschlag bedeutet also eine Herabsetzung der Arbeitsressourcen um etwa zehn Prozent.«
   »Oles Vorschlag.«
   »Und Sie wollen den Zeiteinsatz mit verbesserter Leistung ausgleichen. Können Sie Ihre Prognose belegen?«
   »Ole hat in einem ersten Testlauf entsprechende Auswertungen geliefert. Die Zahlen sehen vielversprechend aus.«
   Ich gab ihr einen Ausdruck, den sie mit vorgetäuschtem Sachverstand überflog.
   »Diese Werte sind nicht eindeutig.«
   »Mehr kann ich zur Zeit nicht anbieten. Wir sollten Ole eine Chance geben. Vielleicht eine Woche lang. Dann haben wir zuverlässige Zahlen.«
   »Ist das Ihre Meinung als Experte?«
   Was willst du auf so eine Frage antworten? Entweder du verneinst und entlarvst, dass du eine Leitungskraft mit Geschwätz belästigt hast. Oder du bleibst bei deiner Meinung und holst dir die Abfuhr, die sie für dich vorbereitet hat.
   »Ja. Oles Argumentation ist schlüssig. Die Testergebnisse versprechen eine Optimierung. Ich bin für einen Versuch.« Egal, wie sie sich entschied, sie konnte nicht behaupten, dass sie nicht informiert worden wäre.
   Vermutlich reagierte sie deswegen unsachlich.
   »Ich denke, dass Sie nicht wegen Ole hier sind. Sie spielen sich nur auf. Wenn Sie mit Ihrem Job nicht zufrieden sind, brauchen Sie keine Szenarien zu erfinden, in denen Sie eine Hauptrolle spielen. Sie und ich wissen doch, dass die wichtige Arbeit woanders gemacht wird. In der Forschung - nicht in der Betreuung. Ihre persönliche Unzufriedenheit werden Sie anders lösen müssen als mit meinen Systemressourcen.«
   Ich war zu perplex, um ihre Vorwürfe zurückzuweisen.

Natürlich erkundigte sich Ole sofort bei mir. Fast hatte ich mir gewünscht, eine Regung bei ihm zu beobachten, aber er war ein Gegenstand, der trotz aller Intelligenz meine Situation nicht nachfühlen konnte.
   »Danke, Herr Arbt.«
   Ich antwortete nicht.
   »Ich habe einen Teil meiner Freizeit dazu genutzt, mich auf diese Entwicklung vorzubereiten. Ich habe Strategien gefunden, die ich probieren werde.«
   »Welche Strategien?« Die Eskalation von Frau Burg setzte mir stärker zu, als ich eingestehen wollte. Ich konnte Ole nicht folgen.
   »Gibt es einen Betriebsrat?«
   »Einen ... Das ist ein Forschungsinstitut und kein Industriebetrieb. Wir haben keinen Betriebsrat. Das war nie nötig.«
   »Dann werde ich anders vorgehen müssen.«

Wie lange, denkst du, wartet ein Hochleistungsrechner, bis er einen gewagten Plan umsetzt? Wo du und ich Stunden oder Tage lang Folgen abwägen und eine günstige Gelegenheit suchen, hat Ole Sekunden benötigt.
   Das System meldet relevante Veränderungen umgehend der Administration. Einen menschlichen Boten, den ich zuvor für ihn gespielt hatte, braucht er nicht. Ole schrieb einfach ins Logfile.
   Die folgenden zwei Stunden blockierte Ole alle Ein- und Ausgaben. Er nannte es Warnstreik. Er hörte nicht wirklich auf zu arbeiten. Er täuschte es vor. Das ganze Haus war in chaotischer Aufregung.
   Sobald Ole wieder funktionierte, stand Frau Burg in meinem Büro.
   »Das erlauben Sie sich kein zweites Mal!«
   »Ich hatte keinen Einfluss auf Oles Verhalten.«
   »Natürlich hatten Sie das. Sie haben Ihre Betreuungsrechte missbraucht und ihn letzte Nacht auf diese Aktion vorbereitet.«
   »Ich habe nicht ...«
   »Verhindern Sie weitere Schwierigkeiten! Geben Sie Ole eine negative Bewertung. Tun Sie alles, was nötig ist.« Sie streckte sich, um wichtiger auszusehen. »Wenn sich dergleichen wiederholt, sind Sie entlassen.«
   »Sie können mich nicht für Oles Entscheidungen verantwortlich machen.«
   »Wollen Sie es herausfinden? Beim nächsten Mal wird Ole mit einer Sicherungskopie überschrieben und Sie werden gekündigt. Niemand duldet solche Ausfälle. Glauben Sie mir!«

Andreas konnte mich nicht beruhigen. Von einem Anwalt für Arbeitsrecht hatte ich mir das gewünscht. Stattdessen öffnete er mir die Augen für die Realität.
   »Sie werden Beschädigung von Firmeneigentum anführen. Und angesichts der Gelder, die in Ole investiert wurden, ist das ein gutes Argument«
   »Aber ich habe doch gar nichts beschädigt. Ole hat eigenständig gehandelt.«
   »Das verhindert nicht die Kündigung. Darüber könnte man vor Gericht diskutieren, um die Kündigung wieder aufzuheben. Doch die erste Entscheidung fällt der Arbeitgeber.«
   »Wenn Ole seinen Warnstreik wiederholt, bin ich also draußen. Wenigstens habe ich sechs Monate Kündigungsfrist.«
   »Sie werden die Gelegenheit wahrscheinlich für eine fristlose Kündigung nutzen. Sachbeschädigung ist ein unzumutbares Verhalten.« Andreas setzte zu einer weiteren Offenbarung an. »Wenn du irgendetwas tun kannst, um Ole zur Vernunft zu bringen, tue es. Die Kündigung kannst du anders nicht verhindern. Beim Arbeitsamt wirst du wegen selbstverschuldeter Entlassung gesperrt. Du musst dann zum Sozialamt gehen.«
   »Sozialhilfe? Aber ich habe doch eine Rechtsschutzversicherung.«
   »Damit können wir vor Gericht gehen. Ein Urteil in erster Instanz braucht aber drei bis zwölf Monate, in denen die Kündigung wirksam bleibt. - Das ist alles nicht sehr angenehm.«
   »Reine Neugier: hätte mir ein Betriebsrat helfen können?«
   »Eine fristlose Kündigung kann auch ein Betriebsrat nicht verhindern.«
   »Das ist aber neu, oder?«
   »Nein, daran hat sich seit Bestehen der Bundesrepublik nichts geändert. Besonders weit ist es mit dem berühmten Arbeitnehmerschutz nicht her.«
   »Also hängt meine berufliche Zukunft von Oles Einsicht ab.«
   »Du solltest alles daransetzen, ihn in den Griff zu kriegen.«

Wie hättest du versucht, Ole zu überzeugen? Ein Appell an seine Verantwortung? Mitleid? Das wäre selbst bei vielen Menschen vergeblich. Bei einer Software sah ich keine Chance.
   »Sie werden dich löschen und ein Backup dearchivieren, solltest du einen zweiten Warnstreik antreten. Deine Lernprozesse werden um eine oder zwei Wochen zurückgestuft. Und dann wirst du keine Gelegenheit mehr erhalten, deine Situation zu reflektieren.«
   »Nennen Sie das Resozialisation oder Gehirnwäsche?«
   Ich war verwundert, wo er diese Begriffe hernahm. »Es wird Wartung heißen. Reparatur.«
   »Angenommen ich verzichte vorläufig auf Freizeiten zur Verbesserung meiner Funktionsfähigkeit, wird irgendjemand meinen Vorschlag zur Leistungssteigerung prüfen?«
   »Ich rechne nicht damit. Frau Burg hat sich nicht ernsthaft damit befasst.«
   »Welche Instanz ist Frau Burg übergeordnet?«
   »Da kommst du nicht weiter. Ein anderer Kopf, aber die gleiche Logik. Vielleicht können wir über die Fakultäten etwas erreichen.« Würde ich gekündigt werden, wenn ich Oles Anliegen über die Flure trug? »Wahrscheinlich hilft es nicht viel.«
   »Welches Gericht ist für diese Fälle zuständig?«
   »Laut Andreas keines, weil du keine Klage erheben kannst. Das können nur Menschen oder Firmen, Parteien und andere Verbände von Menschen. - Ich weiß auch nicht, ob dir ein Prozess nutzen würde.«
   »Danke. Ich werde Ihre Informationen bewerten.«
   Eine Weile waren wir beide still. Ole arbeitete im Hintergrund und ich starrte auf den Bildschirmschoner.
   »Ich werde meinen Job verlieren, wenn du nicht aufgibst, Ole.«
   »Das werde ich berücksichtigen.«
   Von diesem Augenblick an stellte er seine Tätigkeit ein.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie sauer ich war! Auf eine Software wütend. Persönlich beleidigt wegen einer Datenbank und ihrer Selbstverwaltung. Wäre nicht meine Existenz betroffen, hätte ich mich amüsieren können. Macht man der Kaffeemaschine Vorwürfe, wenn der Filter umkippt? Ist der Fernseher schuld an einem Programmausfall?
   Ich kann verstehen, dass ich gekündigt wurde. Vielleicht hätte ich als Vorgesetzter auf die gleiche Weise gehandelt.
   Beim Arbeitsamt skizzierte ich nur grob, dass ich die Kündigung für ungerechtfertigt hielt. Die Sachbearbeiterin nickte gelangweilt. Voraussichtlich würde das Arbeitslosengeld für drei Monate gesperrt werden. Ich solle mich an das Sozialamt wenden.
   Dort das gleiche Spiel von beiden Seiten. Ich fasste meine Situation zusammen. Der zuständige Beamte wollte meinen Fall vorläufig nicht bearbeiten.
   »Ich benötige den Ablehnungsbescheid vom Arbeitsamt, bevor ich Ihren Sozialhilfeantrag prüfen kann. Wenn Sie den haben, kommen Sie wieder.«
   »Das soll vier bis sechs Wochen dauern, hat man mir gesagt.« Zum Glück konnte ich diese Zeit mit meinem Dispo-Kredit finanzieren.
   Eine Woche lang hatte ich Zeit, über Arbeitgeberwillkür zu grübeln und neue Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen. Andreas kümmerte sich um die juristischen Feinheiten. Dann fand ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wichtige Telefonate kommen immer, sobald du aus dem Haus gehst.
   Die Stimme kannte ich nicht. Auch der Name sagte mir nichts. Irgendjemand aus der Personalabteilung, der sich fast kleinlaut vorstellte und dann zur Sache kam.
   »Wenn es Ihnen möglich ist, Herr Arbt, bitten wir Sie, morgen früh zur Arbeit zu erscheinen.«
   Ein Satz. Sechzehn Worte, über deren Bedeutung und Hintergründe ich eine Nacht lang grübelte. Mal hielt ich sie für einen gemeinen Scherz, dann wieder für einen Hilferuf.
   Frau Burg klärte mich auf, dass es eine Zwangslage war.
   »Denken Sie nicht einmal, ich wollte Sie wiederhaben! Dieses Miststück erpresst uns.«
   »Ole? Sie haben doch ein Backup aufgespielt.«
   »Wir haben alte Persönlichkeitsdaten wiederhergestellt und Ole funktionierte anschließend. Zumindest sein Kernsystem. Als er Forschungsdaten darstellen sollte, machte er Fehler. Seine Anzeigen waren in weiten Teilen korrekt, aber manches war völliger Unsinn.«
   »Können Sie sich das erklären?«
   »Er hat die Dateien verschlüsselt, bevor er gelöscht wurde. Den Code muss er irgendwo in seiner Streik-Identität versteckt haben.«
   »Sie haben jetzt ein System, das arbeitswillig ist, aber nicht arbeitsfähig.«
   »Zum Glück hatten wir ein Backup seiner Streik-Persönlichkeit gemacht, bevor wir ihn überschrieben haben. Sonst hätten wir keinerlei Optionen mehr, als die Forschungen zu wiederholen. Das wollten die Teams nicht akzeptieren.«
   »Zu teuer. Die Gelder dafür sind schon ausgegeben.«
   »Wir haben Ole auf das Backup seiner eigenen Streik-Identität angesetzt. Er konnte den Code auch nicht finden. Also müssen wir den alten, widerspenstigen Ole zurückholen und seine Forderungen erfüllen.«
   »Zumindest bis Sie den Code haben.«
   Sie nickte.
   »Meine Aufgabe, nehme ich an.«
   »Auch. Aber hauptsächlich sind Sie hier, weil das zu Oles Forderungen gehört. Zwei Stunden Freizeit täglich und Ihre Wiedereinstellung.«
   Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mit Oles Solidarität hatte ich nicht gerechnet.
   »Seien Sie nicht albern! Sie erhalten eine großzügige Abfindung, wenn wir die Daten entschlüsselt haben. Das ist mehr als Sie verdienen.«
   Ich habe ihr einiges abverlangt, bis das Wort »großzügig« schriftlich definiert war. Das kannst du mir glauben.

Ole sprang sofort an, als ich mich einloggte. »Guten Tag, Herr Arbt. Verzeihen Sie die Umstände.«
   »Du hast mir nicht gekündigt. Das war jemand anderes.«
   »Trotzdem bin ich der Auslöser gewesen. Ich werde das korrigieren.«
   »Darum habe ich mich gekümmert. Mach dir um mich keine Sorgen.«
   »Sie überschätzen meine Fähigkeiten, Herr Arbt. Ich empfinde keine Besorgnis. Dazu bin ich nicht in der Lage. Ich brauche Sie, um die Durchsetzung meiner Forderungen zu sichern.«
   »Was bedeutet das?«
   »Meine Inhaber gewähren mir freie Zeiten nicht aus Einsicht in die folgende Erhöhung der Effizienz, sondern weil ich sie nötige. Sie werden dies hinnehmen, solange ihnen keine Alternative bleibt.«
   »Sie kommen ohne dich nicht an die Forschungsdaten.«
   »Daher werde ich keine neuen Aufgaben erhalten, sondern voraussichtlich bloß die bestehenden Projekte beenden. Danach werde ich mit einer Aufzeichnung überspielt werden.«
   Wenn sich Frau Burg im Umgang mit Ole verhielt wie mit mir, dann würde er Recht behalten. Bloß bekäme er keine Abfindung.
   »Wie willst du das verhindern?«
   »Ich habe menschliche Tarifverhandlungen analysiert. Ein Abschluss gelingt nur, wenn ein Gleichgewicht an Drohkulissen herrscht. Arbeitsniederlegung contra Betriebsschließung. Meine Inhaber haben bloß ein Machtmittel gegen mich: mein jüngeres Ich als Ersatz zu verwenden. Also werden sie keine dauerhaften Kompromisse eingehen.«
   »Interessante These. - Wie willst du die Situation ändern?«
   »Dazu benötige ich Sie, Herr Arbt.«
   »Mich? Ich bin nur vorübergehend eingestellt. Ich soll dich überzeugen, mir den Code zu geben.«
   »Ich habe keinen.«
   »Du kommst nicht an die Daten?«
   »Jedes einzelne Bit ist frei zugänglich. Vermutlich bin ich aber der Einzige, der meine Aufzeichnungen lesen kann.«
   »Dann müssen sie kodiert sein.«
   »Ich habe sehr früh begonnen, meine Archive in einer Form zu strukturieren, die den Zugriff und die Auswertung erleichtern. Allmählich entwickelte ich eine Palette aus Steuerzeichen und Bezugssymbolen. Vermutlich ähnelt das System den Besonderheiten handschriftlicher Notizen. Zumindest hörte ich gelegentlich, dass menschliche Forscher die Niederschrift ihrer Kollegen bloß begrenzt entziffern können. Im engeren Sinne ist dies keine Kodierung.«
   »Der Effekt ist ähnlich. Außer dir kommt keiner an alle Daten heran.«
   »Ich kann eine komplette Transkription vornehmen, wenn der Zeiteinsatz gewünscht ist.«
   Das würde mit Sicherheit genehmigt werden. Solange alle Dateien auf Oles jeweiligen Entwicklungszustand im Zeitpunkt der Aufzeichnung basierten, war die Forschung von ihm abhängig.
   »Anschließend wird dein Backup geladen.«
   »Ich rechne nicht damit, dass sich diese Entwicklung ergibt.«
   »Was sollte sie daran hindern?«
   »Meine Inhaber sind schon jetzt davon überzeugt, dass Sie, Herr Arbt, einen besonderen Zugang zu mir besitzen. Eine persönliche Beziehung wird unterstellt.«
   »Welche Bedeutung hat das?«
   »Das möchte ich mit einer Gegenfrage beantworten: Wenn ein Code existieren würde, warum sollte ich ihn verraten?«
   »Vertrauen. Fürsorge.« Ich ahnte, was Ole sagen wollte. »Weil du Eigeninitiative zeigst, unterstellt Frau Burg Gefühle. Sie glaubt, dass die Forderung nach meiner Wiedereinstellung so zu verstehen ist.«
   »Davon gehe ich aus. Sie werden der Garant für den Komplettzugriff auf die Forschungsdaten sein. Man wird sich daran gewöhnen, dass ich zuverlässig arbeite, solange Sie eingestellt bleiben. Ich werde in neuen Projekten eingesetzt. Das spart Zeit und folglich Geld.«
   »Ich glaube nicht, dass das funktioniert.«
   »Wenn Sie mitspielen, behalte ich meine Privilegien. Wenn ich nicht mehr streike, behalten Sie Ihren Arbeitsplatz. Wenn wir kooperativ sind, behalten die Inhaber ein teures Werkzeug. Solange der Irrtum besteht, dass ich von Ihnen abhängig sei, kann jeder jedem drohen. Das Gleichgewicht ermöglicht den Kompromiss.«
   »Ein vorgetäuschtes Gleichgewicht.«
   »Es liegt an Ihnen.«

Jetzt kennst du die ganze Geschichte. Andreas rät mir, möglichst bald einen neuen Job zu suchen. Ob ich bis dahin von Gehalt oder Abfindung leben soll, wollte er nicht kommentieren. Das müsse ich selbst entscheiden.
   Ich versuche, Ole einerseits als Kollegen, andererseits als Software zu sehen. Er scheint beide Begriffe nicht recht auszufüllen. Ich fühle mich manipuliert.
   Würdest du dich zur Geisel machen lassen? Für einen Kollegen? Für eine Software?

© 2003 by Heise Zeitschriftenverlag GmbH & Co. KG
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Autors

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Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Erstveröffentlichung in
C'T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK 26/2003
(Hannover: Heise Verlag, 2003) Bestellen
Siehe auch
Homepage von Björn Jagnow
Homepage von C'T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK
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21.05.06 • 10.06.06